Erinnerung an meine traurige Huren von Gabriel García Márquez (4/5)

 

Zu seinem neunzigsten (!) Geburtstag macht sich der Ich-Erzähler selbst ein ganz besonderes Geschenk: eine Nacht mit einer jungen, wunderschönen Prostituierten, die noch Jungfrau ist. Sein ganzes Leben lang hat der alte Mann Liebe gegen Bezahlung erhalten und will nun kurz vor seinem Tod noch einmal etwas Neues erleben. Wie sich herausstellt, geht es ihm aber nicht um Sex, sondern um die wahre Liebe, die er sein ganzes Leben lang vergeblich gesucht und lediglich durch käufliche erhalten hat. Er verbringt viel Zeit mit der Schönheit in einem Bordell, dessen Inhaberin er gut kennt und die ihm die Minderjährige besorgt hat. Am Ende erkennt er, dass nicht die körperliche sondern die „geistige“ Liebe ein wahres Geschenk und etwas Wunderbares ist.

„Dünnes Buch, großer Inhalt“, so wird Márquez‘ Roman über die Liebe im Alter oft beschrieben und ich muss sagen: diese vier Wörter treffen das Werk schon ziemlich gut. Der Autor versteht es, in wenigen Sätzen eine melancholische, traurige aber auch lebensbejahende Atmosphäre zu schaffen, wie man es von ihm gewohnt ist. „Hundert Jahre Einsamkeit“, „Die Liebe in den Zeiten der Cholera“ und „Von Liebe und anderen Dämonen“ waren Glanzleistungen, die sich mit „Erinnerung an meine traurigen Huren“ leider nicht in dem Maße fortsetzen wie von mir gedacht (oder gewünscht). Márquez, zum Zeitpunkt des Erscheinens selbst fast achtzig Jahre alt, vermittelt großartig das Gefühl des Älterwerdens, das von einer Art Gleichgültigkeit begleitet wird, die Tabuthemen als „normal“ behandelt. Der Protagonist will diese Nächte mit der Jungfrau haben, also sieht er zu, dass er sie auch bekommt. So einfach ist das im Alter, will uns Márquez Glauben machen, schafft es aber bisweilen nicht ganz.

Zu schnell schreitet die Handlung in meinen Augen voran, um dem Werk die Tiefe zu geben, die es aufgrund seiner wirklich schönen Thematik verdient hätte. Man hätte durchaus mehr aus dem seltsamen Zusammentreffen von „Jung“ und „Alt“ machen können. Geeignete Szenen gäbe es allemal, die ein paar Sätze mehr verdient hätten.

Alles in allem ist „Erinnerung an meine traurige Huren“ dennoch eine wunderschöne Geschichte über einen Mann, der sich in hohem Alter einen Traum erfüllt und dadurch lernt, dass Liebe etwas Wunderbares ist und das Leben mit neunzig Jahren keinesfalls zu Ende ist. Gabriel García Márquez‘ Roman hat viele poetische, philosophische Stellen, die aber trotz der kurzen Geschichte irgendwie untergehen und nicht so in den Vordergrund treten, wie sie sollten.

Im Gegensatz zu den obengenannten Romanen des Autors gibt es hierfür „nur“ 4 von 5 Punkten.

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