Großmama packt aus von Irene Dische (4/5)

Die Lebensgeschichte von Großmama – Elisabeth – Rother beginnt schon sehr amüsant. Mit den Versuchen mehr als ein Kind zu bekommen, also schwanger zu werden…. den damit verbundenen Turnübungen nach dem Verkehr. ;o) Großmama wächst als gut behütete Tochter einer katholischen Familie auf, lebt im Rheinland und beschreibt sich selber als wildes, freches und aufmüpfiges Kind.
Sie heiratet den jüdischen Chirugen Carl Rother und zieht mit ihm nach Leobschütz in Schlesien. Carls Familie ist jüdisch aber Elisabeth hat seine Familie sehr gern und fühlt sich dort wohl. Nach den schon erwähnten Anstrengungen bringt Elisabeth ihre Tochter Renate zur Welt. Sie soll ihr einziges Kind bleiben. Sie hat eine sehr innige und besondere Beziehung zu ihrer Tochter, auch wenn die Erziehung und Fürsorge größtenteils von Liesel, der Haushälterin, übernommen wird. Großmama beschreibt ihren Alltag, erzählt von der Verschleppung von Carls Familie im zweiten Weltkrieg, ihren Versuchen als „gute Katholikin“ gegen die Nazis etwas auszurichten. Carl darf vorerst während des Krieges weiteroperieren, er erhält einen Sonderstatus. Doch dann wandern die Rothers dennoch aus, sie gehen nach Amerika. Es ist zu gefährlich ihre Tochter in den Schrecken der Hitler Herrschaft leben zu lassen. Carl Rother reist vor, versucht eine Arztlizenz zu erwerben.
Die Rothers fassen Fuss in Amerika. Renate wird erwachsen, heiratet den Juden Dische – von den Rothers gar nicht gemocht … (aber nicht, weil er Jude ist!), bekommt zwei Kinder. Carl(chen) und Irene. Die Kindheit der Enkelkinder wird ausführlich erzählt, mit allen Höhen und Tiefen. Carl Rother wird krank, stirbt. Großmama erfreut sich immer noch bester Gesundheit – obwohl sie jedes Jahr sagt, DIES sei ihr Todesjahr. Ihre Tochter Renate wird selber krank. Die Enkelkinder wachsen heran und machen mehr Probleme als Freude, vor allem Irene – sie ist schrecklich und anstrengend und eigentlich nur negativ. Die Geschichte endet in Amerika, wo Großmama nach einem langen, aufregenden und sehr turbulenten Leben  aus dem Leben geht… mit Renates Hilfe und dem besonderen Schluck Himbeegeist, der über Jahrzehnte aufbewahrt wurde. Sie ruht „gestapelt“ über Carl und unter Liesel auf dem einst so ruhigen, abgelegenen Friedhof – an dem nun eine Schnellstrasse vorbeiführt…

Diese „(Auto)biographie“ hat Irene Dische geschrieben, also oben erwähntes, absolut schreckliches Enkelkind. Ich weiss nicht, ob es Aufzeichnungen gab, an die sich Irene gehalten hat oder ob sie einfach aus der Erinnerung und eigener Familienforschung heraus die Geschichte niedergeschrieben und ausgesponnen hat. Auf jeden Fall ist die Stimme, die Irene ihrer Großmutter gegeben hat einfach nur hinreissend. Dieses Leben ist so ehrlich, humorvoll, traurig und einfach nur „echt“ geschrieben, dass man mit dieser Familie groß wird. Ich finde es fantastisch, wie Irene Dische (ja eigentlich über sich selber) über das weibliche Enkelkind nur schlechtes zu berichten hat. Sie war ein Kind und eine Jugendliche, wie man sie keinem wünschen möchte. Dennoch hat Irene etwas überaus liebenswertes an sich. Sie geht ihren eigenen Weg, hat einen Dickschädel und solch ein Selbstbewusstsein, dass es oft gefährlich ist.
Die Haushälterin Liesel begleitet dieses Leben fast durchgehend, sie ist ein Mitglied der Familie geworden. Ob es sie wirklich gab, ich weiss es nicht. Es hat mir grossen Spass gemacht dieses Buch zu lesen. Hat mich lachen, hoffen, trauern und sehr oft den Kopf über die „Blagen“ schütteln lassen.

Allen, die ihren Großeltern immer gerne beim Geschichten erzählen zugehört haben sei dieses Buch wärmstens ans Herz gelegt. Denn auch wenn unsere Omas oder Opas alt waren, sie waren nicht vom weltlichen ab – ganz im Gegenteil – sie waren selber einmal jung und wild, schwierige Kinder … und das haben die wenigsten vergessen!

Diese Geschichte bekommt von mir 4 von 5 Punkten. Die vollen 5 Punkte gibt es alleine deshalb nicht, weil ich es vom Schreibstil her nicht auf die gleiche Stufe setzen kann, wie z.B. einem Dan Simmons, John Irving oder dem Deutschen Ralf Isau.

© Buchwelten 2011

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2 thoughts on “Großmama packt aus von Irene Dische (4/5)

  1. „Hausmädchen“ Liesel gab es wirklich!
    Sie wird in den Briefen der Frau Rother an meine Großeltern erwähnt.
    Dr. Rother hatte 1924 in Leobschütz bei der Geburt meiner Mutter Geburtshilfe geleistet.
    Die Rothers blieben meinen Großeltern zeitlebens freundschaftlich verbunden.
    Aus ihrem Nachlass haben sich einige Briefe der Frau Rother erhalten, in denen sie u. a. auch von Irenes Schriftstellerei berichtet…

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