Die Stunden von Michael Cunningham (5/5)

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Erschienen als
Taschenbuch
im btb Verlag
224 Seiten
Preis: 9,00 €
ISBN:  978-3-442-72629-5

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Ein Tag, nur einige aneinandergereihte Stunden im Leben dreier Frauen, die zu völlig unterschiedlichen Zeiten leben aber dennoch miteinander verbunden sind.

Da ist Virginia Woolf, die seelisch kranke und dennoch so hellwache Schriftstellerin, die im Jahre 1923 in einem Vorort von London so langsam aber sicher zu Grunde geht. Sie lebt dort auf Anraten ihrer Ärzte und ihres treusorgenden Ehemannes, damit sie sich erholen kann, die Stimmen in ihrem Kopf sie in Frieden lassen und sie wieder gesund wird. An diesem Tag wird Virginia arbeiten, sie wird endlich wieder schreiben und sie hat den ersten Satz zu ihrem neuen Werk, das einmal „Mrs. Dalloway“ heissen wird: „Mrs. Dalloway sagte, sie wolle die Blumen selber kaufen“ …

Da ist Laura Brown, Mutter und Ehefrau in den Nachkriegsjahren in Amerika, gerade schwanger mit ihrem zweiten Kind. Eine ruhige, in sich gekehrte Frau, die am liebsten den ganzen Tag in der Welt ihrer Bücher versinken möchte. Sie bemüht sich eine  gute Frau und Mutter zu sein, kann aber nicht aus ihrer Haut. Sie bleibt an einem Morgen einfach im Bett und nimmt das Buch „Mrs. Dalloway“ von Virgina Wood zu Hand. Sie beginnt zu lesen …

Da ist Clarissa Vaughn, selbständige Lektorin im New York der 90er Jahre. Sie lebt sein 10 Jahren in einer lesbischen Beziehung und kümmert sich aufopfernd um ihren Jugendfreund Richard, der schwer an Aids erkrankt ist. An einem schönen Junimorgen, sie ist mit den Vorbereitungen zu einer Party beschäftigt, die sie für Richard geben will, entscheidet Clarissa (Spitzname: Mrs. Dalloway) spontan die Blumen für die Party selber zu kaufen. Nach dem Einkauf schaut sie noch bei Richard in der Wohnung vorbei, eine eigene Welt in der es immer dunkel ist. Richard hat alle Fenster verhangen und sagt, er lebe nur noch für sie: Mrs. Dalloway. Er, der Schriftsteller der am Abend einen der begehrtesten Literaturpreise verliehen bekommt hat Clarissa damals diesen Namen gegeben …

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Diesen Roman habe ich gebraucht gekauft und eigentlich nur, damit ich bevor ich den gleichnamigen Film anschaue, das Buch gelesen habe. Es ist ein relativ dünnes Buch, mit seinen 224 Seiten hat aber soviel hochwertigen Inhalt zu bieten.

Sicher hatte ich das Buch schnell gelesen, aber einfach mal so „durchfliegen“ ist hier nicht möglich. Denn Cunningham schreibt in einem sehr hochwertigen, blumigen und hintergründigen Schreibstil. Es gibt lange, verschachtelte Sätze die immer wieder von den Gedankengängen der jeweiligen Protagonistin unterbrochen werden. Dennoch ist das Buch keineswegs schwierig zu lesen, man sollte es nur aufmerksam tun. Denn sonst überliest man vielleicht die Dinge zwischen den Zeilen, das schöne und wichtige, was der Autor aussagen will.

Erfreue dich an dem was du hast, an dem was du siehst. Gehe mit offenen Augen durch dein Leben und geniesse es. Denn es kann schnell vorbei sein oder eine dir wichtige Person verlässt dich. Lebe das wesentliche in deinem Leben und tue einfach mal das, was du willst und nicht immer nur Dinge um anderen gerecht zu werden oder zu gefallen.

Das Buch war stellenweise ziemlich traurig, zeigte aber auch immer wieder Mut und Stärke auf. Ich kann nicht einmal sagen, welche der  drei Frauen mir am sympathischsten war. Denn dazu waren sie dann einander doch zu verschieden, wobei sie sich gleichzeitig so ähnlich sind.

Der Roman beginnt im Jahre 1941, mit dem Selbstmord von Virginia Woolf. Dann wechselt die Handlung immer wieder zwischen den drei Handlungssträngen in den verschiedenen Jahren. Und mir ging es so, dass ich immer im jeweiligen Kapitel einer der Frauen unbedingt wissen wollte, wie es den anderen beiden ergeht.

Die Auflösung dessen, wie die Figuren miteinander verbunden sind und das Finale, das Ende was der Autor damit erschaffen hat ist absolut fantastisch gelungen. Wenn plötzlich klar wird wie diese drei Frauen aus den unterschiedlichsten Jahren untereinander verbunden sind, das hat Cunningham erstklassig niederschrieben.

Als Quellen hat der Autor die Werke von Virginia Woolf herangezogen und u.a. eine Biografie, die ihr Neffe Quentin Bell geschrieben hat. Der übrigens im Roman eine (kleine) Rolle spielt. Ich habe nun wirklich Lust einmal etwas von Virginia Wood zu lesen. Sie scheint eine besondere, nachdenkliche, tragische Frau gewesen zu sein, die iher Zeit weit voraus war. Vielleicht wird es „Mrs. Dalloway“ …

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Mein Fazit: Volle Punktzahl 5 von 5 Sternen für diesen kleinen Roman, der so groß ist. Ein wunderbarer, gehobener Schreibstil, der dennoch nicht schwierig ist und einfach nur fesselt. Eine Lektüre die sehr viel vermittelt, man aufmerksam aber mit Freude lesen sollte und aus der der Leser eine Menge mit in den Alltag nimmt.

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© Buchwelten 2012

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One thought on “Die Stunden von Michael Cunningham (5/5)

  1. Ein tolles Buch, das auch mich sehr fasziniert hat. Besonders gut nachvollziehbar beschrieben ist für mich die Gefühlswelt dieser drei Frauen, und in etlichen Situationen habe ich mich selbst wiedergefunden.

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