Buchwelten im Gespräch mit Jan-Eike Hornauer

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Jan-Eike Hornauer, Herausgeber der Anthologie „GROTESK!“, erschienen im Candela Verlag ist ein sehr vielseitiger Mensch:

Lektor, Herausgeber und Autor. Er bekennt sich „zur Abhängigkeit, kann ohne Texte nicht leben“.

Jan-Eike Hornauer hat sich die Zeit genommen meine Fragen zu beantworten und ermöglicht den Lesern einen kleinen Einblick in die Arbeit einer „Textwerkstatt“.


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Mit „GROTESK!“ hast Du eine Anthologie herausgegeben, die für die heutige Zeit völlig untypisch und gegen den Mainstream ist. Wie kam es zu dieser Idee? 

Ich mag das Genre der Groteske in all seinen unglaublich unterschiedlichen Facetten einfach sehr. Zudem wollte ich gerne ein Buch herausbringen, das schon vom Ansatz her echte literarische Qualität hat. Und ich hatte selbst für dieses Thema auch schon passende Geschichten, bzw. Ideen in petto.
Was für mich allerdings überraschend war: dass der Candela Verlag gleich bei der ersten mündlichen Anfrage spontan zugesagt hat. Schließlich handelt es sich hier um ein anspruchsvolles Nischenthema, und ein Verleger muss ja immer auch wirtschaftlich denken.
Ich hatte also damit gerechnet, zumindest Überzeugungsarbeit leisten zu müssen, Christoph Bizer-Neff aber war sofort sehr angetan von dieser Idee. Eine wirklich schöne Überraschung!

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Wie ging die Arbeit vonstatten? Erzählst Du ein bisschen über die Entstehung von den ersten Überlegungen bis hin zur Veröffentlichung?

Nun, zuerst hatte ich also diese Idee, bin damit dann an den Candela Verlag herangetreten, und dieser hat sofort zugeschlagen. Daraufhin habe ich einen Ausschreibungstext verfasst und ihn gemeinsam mit dem Verlag auf literarischen Onlineplattformen verbreitet. Ohne jede Beschränkung in Alter, Wohnort oder Geschlecht konnte jeder Interessierte bis zu drei Texte einreichen, wobei die Höchsttextzahl nur sehr, sehr selten tatsächlich genutzt wurde.
Die über 500 eingegangenen Texte habe ich dann alle gelesen und die besten ausgewählt. Das nachfolgende Lektorat, das eine teilweise sehr intensive Zusammenarbeit mit den Autoren bedeutete, war der künstlerische Höhepunkt und somit auch der wichtigste Teil des ganzen Prozesses: Hier ging es um das Wesentliche, die Textarbeit. Das ist immer sehr spannend und lehrreich.
Zeitglich hat Claudia Speer vom Werbeatelier Bad Homburg die ersten Coverentwürfe erstellt. Nach dem Lektorat habe ich die Geschichten in eine – zumindest meines Erachtens nach – sinnvolle Reihenfolge gebracht, Claudia Speer hat sich anschließend um den Satz gekümmert, ich habe einen Klappentext abgefasst und der Verlag hat das Buch in Druck gegeben – übrigens wegen der hohen inhaltlichen Qualität nicht, wie ursprünglich geplant, als Taschenbuch, sondern als hochwertige Hardcoverausgabe. Eine weiteres überraschendes Angebot vom Verlag, das mich sehr beglückt hat!

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Viele Leute haben an dem Projekt mitgearbeitet. Nach welchen Kriterien wurden die Geschichten ausgewählt?

An „Grotesk!“ an sich haben neben den Autoren drei Leute mitgearbeitet: der Verleger Christoph Bizer-Neff von Candela, Claudia Speer vom Werbeatelier Bad Homburg (Satz und Cover) und ich (Herausgeber, Lektor). Dazu kommen natürlich noch Verlagsmitarbeiter, die etwa die begründeten Absagen an die nicht ins Buch aufgenommenen Autoren verschickt haben und mit dem fertigen Werk an Buchhandlungen herangetreten sind.
Für mich sehr wichtig war, dass ich, wie auch bei meinen vorherigen Herausgaben, völlige Freiheit hatte, was die Anthologie angeht. Dazu gehört ganz klar auch, dass ich völlig selbständig die Geschichten aussuchen und zusammenstellen durfte.

Bei der Geschichten-Auswahl war das entscheidende Kriterium immer: literarische Qualität. Sprache, Plot, Figurenzeichnung, Aussage – das musste zwingend zueinander passen, und zumindest in einem dieser Bereiche musste die Geschichte herausragend sein, etwas wirklich Neues und Eigenes bieten. Dazu kommt: Ich habe mich nicht auf die Geschichte im eingereichten Ist-Zustand konzentriert, sondern auf ihr Potential. Das hat natürlich ein auch für den einen oder anderen Autoren sehr anstrengendes Lektorat bedeutet, ist aber ein ausschlaggebender Grund dafür, dass „Grotesk!“ jetzt die Qualität hat, die es zu einem so besonderen Buch macht.

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Wie schwer war es, einen passenden Verlag für die Anthologie zu finden? Wie kam es zur Zusammenarbeit mit dem Candela Verlag, der das Buch ja in einem sehr ansprechenden „Outfit“ präsentiert? 

Das war hier tatsächlich erstaunlich einfach: Candela war nämlich der erste Verlag, bei dem ich mit dieser Idee angeklopft hatte. Und der Verlag hat ja gleich zugegriffen. Kontakt hatte ich zu Candela, da ich als Autor in seiner Krimi-Anthologie „Cruor“ vertreten bin, die gerade erschienen war.

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An der Anthologie haben 22 Autoren mitgearbeitet, unter anderem Du selbst. Wie schwer war es, so viele unterschiedliche Persönlichkeiten unter einen Hut zu bringen? Gab es auch mal Streit, Unstimmigkeiten und „Nörgler“? 

Natürlich war nicht alles immer rosa-plüschig. Zum Glück aber muss man hier ja gar nicht alle wirklich unter einen Hut bekommen – letztlich müssen ja immer nur der jeweilige Autor und ich einen gemeinsamen Weg finden, manchmal ist dieser geradezu von selbst angelegt und muss nur noch beschritten werden, manchmal aber muss man ihn sich auch unter Reibungshitze erarbeiten.
Ich gebe hier auch gerne zu, dass ich im Lektorat durchaus sehr anstrengend sein kann. Fehler lasse ich eben nicht durchgehen. Formulierungen, die einfach nicht sauber sind von Grammatik, Logik oder Satzanschluss her, dürfen nicht im Text bleiben. Manchmal wird mein Verhalten und Argumentieren hier dann schon als haarspalterisch wahrgenommen. Konflikte bleiben da nicht immer aus, und bei drei Autoren war ich mir auch ziemlich sicher, dass nicht mehr viel gefehlt hätte, bis sie mir abgesprungen wären. Im Nachhinein haben genau diese Personen mir das auch mitgeteilt – übrigens dann mit dem Zusatz, dass sie nie gedacht hätten, dass ihr Text so gut werden kann, und sie nun ihre Angst, ich würde ihnen diesen kaputtlektorieren, als unbegründet ansehen.
Dazu muss man noch sagen: Was das Fehlerausmerzen angeht bin ich sehr penetrant, gleichzeitig aber lasse ich den Autoren große Freiheiten, zwinge ihnen keine Formulierungen auf. Auch müssen bei mir keine Konzessionen an einen vermuteten Publikumsgeschmack gemacht werden, Plot, Figuren, Szenen und Sprache dürfen also so sein, wie es der Geschichte gut tut, das sind alles Autor-Entscheidungen.
Diese Freiheiten hören sich selbstverständlich an und sollten es auch sein – doch leider sind sie es eben nicht. Zu oft wird der Autor im Buchgewerbe als Dienstleister angesehen und nicht als Künstler.

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Du selbst bekennst Dich zur Textsucht. Sei es, dass Du lektorierst, rezensierst, Texte selber verfasst oder veröffentlichst. Ich möchte Dich kurz zitieren:

Texte sind streichelbedürftig, zart, zerbrechlich. Aber auch störrisch, struppig, voller Dornen. Nur wer sich ihnen mit ganzer Hingabe widmet, kann ihre tiefe Schönheit sichtbar machen und ihre große Wirkung zu voller Entfaltung bringen“. Das klingt nach einem liebevollen Verhältnis zu Buchstaben. Wie viel Zeit bleibt Dir noch um selbst zu lesen, und welche Werke/Genres/Autoren gehören zu deinen Favoriten?

Mein Leseverhalten ist von großen Schwankungen geprägt – mal lese ich einen Roman an einem Tag weg, dann gibt es auch wieder eine tage- bis wochenlange Lesepause. Ein Rhythmus, der übrigens nur bedingt abhängig von Rahmenumständen ist. Ich lese also nicht zwingend deshalb nicht, weil ich gerade völlig im Stress bin, oder deshalb ganz viel, weil ich gerade viel Freizeit habe.
Mein Lieblingsgenre ist nach wie vor das komische Gedicht, das z. B. durch Ringelnatz, Morgenstern und Gernhardt bekannt ist. Hier habe ich mit „Wortbeben“ denn auch meine erste Herausgabe vorzuweisen. Außerdem verehre ich Kästner für sein lyrisches Werk sehr. Im Bereich der Prosa sind Thomas Manns „Buddenbrooks“, Walter Moers’ „Käpt’n Blaubär“ und Franz Kafka ganz weit vorne. Und auch hier darf ich Kästner nicht unterschlagen: sein „Fabian“ ist wirklich großartig!

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Du bist Autor, Herausgeber, Lektor, Korrektor, Texter und zweiter Vorsitzender im Literatur- und Kunstverein „Realtraum“. Wie lässt sich dies alles miteinander vereinbaren?

Eigentlich sehr gut, schließlich ist das alles der gleiche Sumpf. Man kann die verschiedenen Bereiche oft kaum voneinander trennen, sie fließen ineinander über. Nur die Gebiete „Belletristik“ und „Werbung“ lassen sich recht gut voneinander unterscheiden, aber selbst hier gibt es manchmal fließende Übergänge, wenn z. B. Werbekunden zu einer Lesung von mir kommen.

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Arbeitest Du zu Hause oder hast Du ein externes Büro? 

Ich arbeite von zu Hause aus. Da fällt es manchmal schwer, die nötige Disziplin aufzubringen, zugleich verschafft es einem ein Mehr an Freiheiten – und da ich mich nun in nicht gerade hochbezahlten Bereichen umtreibe, wäre ein externes Büro auch ein praktisch nicht zu stemmender Kostenfaktor. Das erleichtert so eine Entscheidung denn doch auch ungemein.

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Was sind Deine Hobbys? Oder hast Du dein Hobby zum Beruf gemacht und für andere Dinge bleibt keine Zeit mehr? 

Letztlich habe ich tatsächlich mein Hobby zum Beruf gemacht, v. a. was die Belletristik angeht. Aber ich lese auch nach wie vor aus völlig freien Stücken und einfach nur für mich. Zudem sehe ich gern gute Filme oder, wenn auch viel, viel zu selten, ebensolche Theaterstücke – tolle Geschichten ziehen mich einfach in jeder Form an. Und natürlich gehe ich mit Freunden aus, zum Essen, in die Disco, ins Kino etc.

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Eine letzte Frage: Was plant der Herausgeber Jan-Eike Hornauer als nächstes Projekt? Ist eine weitere Veröffentlichung in Arbeit und darfst Du ein wenig darüber verraten?

Angelaufen ist noch nichts Neues. Es ist ja so, dass die Arbeit einer Herausgabe mit dem Erscheinen des Buches keineswegs abgeschlossen ist, man muss dann ja schon auch kräftig die Werbetrommel dafür rühren. Außerdem ist eine zu enge Taktung nicht so sinnvoll, was die Aufmerksamkeit angeht: Die gleichen Medien bzw. Leser verlieren durchaus etwas das Interesse, wenn zu oft der gleiche Herausgeber mit einem neuen Band ankommt.
Doch natürlich soll es weitergehen, das kann aus meiner Sicht gar nicht anders sein. Was ich mir da grundsätzlich sehr gut vorstellen kann: eine neue Anthologie komischer Gedichte, eine Trash-Kurzgeschichtensammlung oder einen Band rund ums Literarische. Bislang bin ich aber noch mit keiner Idee an einen Verlag herangetreten, das ist alles noch völlig im luftleeren Raum.

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Ich danke Jan-Eike Hornauer für seine Zeit zur Beantwortung meiner Fragen. Wer mehr über ihn erfahren möchte, sollte in der „Textzüchterei“ vorbeischauen.


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© Buchwelten im Februar 2012

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