Blutiger Sommer von Gabriella Wollenhaupt/Friedemann Grenz

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Erschienen als Taschenbuch
im grafit Verlag
346 Seiten
Preis: 11,00 €
ISBN: 978-3-89425-616-6
Katergorie: Historischer Kriminalroman

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Nach einem Ausflug an die Havel lesen Polizeiermittler Justus von Kleist und seine schöne Ehefrau Rachel eine verängstigte, durchnässte, nur noch im Unterkleid bedeckte junge Frau auf. Sie berichtet, dass am Ufer ein ihr unbekannter Mann lauerte, der ihre Kleider wegnahm. Sie ist vor lauter Angst, trotz Gewitter, wieder ins Wasser gesprungen und fortgeschwommen. Die von Kleists nehmen Jette Wehner zunächst einmal mit nach Hause, versorgen sie mit warmen Getränken, trockener Kleidung und beruhigen die junge Frau. Polizeidirektor von Kleist verspricht der Sache nachzugehen.

Doch bei diesen nicht ganz so dramatischen Arten von Verbrechen soll es in diesem Sommer 1846 in Berlin nicht bleiben. Im Scheunenviertel wird die verstümmelte Leiche einer jungen Prostituierten gefunden. „Soldaten-Jule“ wurde regelrecht abgeschlachtet. Relativ kurz danach wird die Leiche eine weiteren jungen Frau gefunden, die Leiche weist die gleichen Verstümmelungen auf. Recht schnell gerät ein jüdischer Metzgerlehrling in Verdacht, läuft er doch bei der Vernehmung durch die Polizisten davon. Justus von Kleist ist von seiner Unschuld überzeugt, er sieht den Grund zur Flucht des jungen Mannes in einer anderen Ursache. Doch auch wenn er dies umfassend in seinem Bericht an den Polizeipräsidenten zu Papier gibt, will dieser nichts davon hören. Denn diesem, Eugen von Puttkamer, kommt der jüdische Verdächtige gerade recht. Er will den Jungen unbedingt verhaftet wissen, denn dass ein Jude der Schuldige ist, dass passt ihm im Hinblick auf seine weitere politische Laufbahn nur zu gut ins Konzept. Auf die Juden in Berlin hat er es offensichtlich abgesehen, dass macht er Justus von Kleist unmissverständlich klar, spielt auch in Gesprächen abwertend auf dessen schöne jüdische Ehefrau Rachel an, die Justus von Kleist angeblich bewusst in der Villa in Potsdam versteckt hält.

Das stimmt jedoch nicht, denn Rachel fühlt sich genau dort sehr einsam und nutzlos. Sie möchte etwas erleben, will die Stadt sehen, irgendetwas Sinnvolles tun. Hier ist Rachels heller Geist dann einige Zeit später der Grund, dass sie eine Aufgabe erhält. Sie beginnt Artikel für die Vossische Zeitung zu schreiben, die nicht nur gut ausformuliert sind, sondern auch einen gewissen Tiefsinn erkennen lassen und Dinge bewirken. Außerdem ist Rachel absolut interessiert an der Ermittlungsarbeit ihres Mannes. Immer öfter besucht sie ihn während der Arbeitswoche in der Stadt, bleibt sogar über Nacht in der Dienstwohnung.

So ganz wohl ist Justus von Kleist nicht dabei, auch wenn er sehr gerne seine Frau um sich hat. Denn die Morde des vergewaltigenden Schlächters mehren sich und die neusten Opfer sind nicht mehr nur in der unteren Schicht der Bevölkerung anzutreffen. Desweiteren werden nun Briefe bei den Opfern gefunden, die erschreckende Hinweise auf eine schöne, schwarze Frau mit wachem Geist geben: Rachel von Kleist ….

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Dieser historische Roman ist von zwei Autoren geschrieben worden und ich weiß nie, wie bei solchen Autoren-Duos die Arbeit vonstatten geht. So auch hier nicht. Ob der eine die Kapitel schreibt, der andere seine Arbeit durch Überarbeitungen einfließen lässt? Wechseln sie sich ab? Dann müssten sich meiner Meinung nach die Kapitel unterschiedlich lesen.

Bei dem Schreibstil in diesem Roman hatte ich irgendwie das Gefühl, dass der eine das Schreiben des erzählerischen Handlungstextes und der andere die wörtlichen Reden übernommen hat. Mag sein, dass es natürlich nicht so ist, doch ich möchte diesen Eindruck kurz begründen. Die Texte, in denen erzählt wird sind recht einfach, kurz und knapp geschrieben. Die Sätze sind selten lang oder verschachtelt. Wenn jedoch die Charaktere sprechen, sich unterhalten, dann wird es viel lebendiger und der Schreibstil las sich für mich ansprechender, besser.

Dieser Roman hat eine kleine Besonderheit, die wohl öfters verwendet wird, mir aber noch nicht bekannt war. Über jedem Kapitel steht der Inhalt in zwei, drei kurzen, wie es scheint völlig zusammenhanglosen Sätzen. Habe ich dann das Kapitel gelesen, dann waren die „Stichworte“ zu Beginn nicht zusammenhanglos, sondern allesamt logisch und verständlich. Diese Technik hat mir sehr gut gefallen.

Die Stimmung im Berlin um 1846 kam gut rüber und ich habe mich dort wohl gefühlt. Einige Orte und Stellen gibt es natürlich heute noch, die ich auch erkannt habe. Die Beschreibung der Ermittlungsmethoden der damaligen Zeit fand ich auch gut. So gab es seinerzeit bereits Hinweise darauf, dass die Polizisten es damals schon unmöglich fanden, dass Tatorte nicht ausreichend abgesichert wurden, um jede Spur zu bewahren. Es wurden außerdem schon Fasern unter Mikroskopen untersucht und ausführliche Obduktionen an den Toten vorgenommen. Sicherlich dem heutigen Standard um Längen entfernt, jedoch waren bereits eine Menge ausführlicher Untersuchungen Standard. Was ich auch interessant fand war, wie der Rechtsmediziner Johann Ludwig Caspar in seinen Gesprächen mit Justus von Kleist bereits damals erstklassige Profiler Methoden angewendet hat.

Neben dem erwähnten Rechtsmediziner Caspar sind mehrere Figuren in der Handlung reale Personen, die im Anhang des Buches noch einmal gesondert aufgeführt werden. Die Mischung aus historischen und fiktionalen Personen ist gut gewählt.

Die beiden Protagonisten Rachel und Justus von Kleist empfinde ich als sehr gut gelungen und charakterlich gut ausgearbeitet. Der Umgang der beiden mit Bediensteten und Untergebenen war stets respektvoll und menschlich. Doch auch – oder vorallem – wie das Paar miteinander umging war sehr liebevoll und nahe beschrieben. Es hat einfach Freude bereitet, den beiden bei ihren privaten und ermitterischen Unterhaltungen „zuzuhören“.

Der Verlag präsentiert diesen historischen Krimi im typischen schlichten grafit-Taschenbuchdesign. Viel schwarz, ein dezenter Schriftzug, darüber das Bild einer schwarzhaarigen Frau, das vielleicht Rachel von Kleist darstellt. Mich spricht es an, die schlichte Art und Weise der Taschenbücher finde ich gut gelungen.

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Mein Fazit: 4 von 5 Sternen für einen historischen Krimi, der interessante Einblicke in das Leben des damaligen Berlin sowie die Ermittlungs- und Untersuchungsmethoden im Jahre 1846 gibt. Die Handlung ist nicht dramatisch spannend, fesselt aber dennoch. Der Schreibstil war knapp und schlicht, wobei hier die wörtlichen Reden Lebendigkeit in die Handlung bringen. Herzstück des Romans sind sicherlich das Ehepaar von Kleist. Leser, die ruhige Krimis mögen und außerdem noch gerne in alten Zeiten unterwegs sind, kommen hier gewiss auf ihre Kosten.

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Ich danke dem grafit Verlag für die Bereitstellung des Rezensionsexemplars.

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© Buchwelten 2012

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