Drood von Dan Simmons

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DroodErschienen als Taschenbuch
bei HEYNE
insgesamt 976 Seiten
Preis: 10,99 €
ISBN:  978-3-453-40806-7
Kategorie: Historischer Roman

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Am 09. Juni 1865 rast der Tidal Train auf eine Baustelle zu, die Gleise wurden teilweise zur Reparatur entfernt, und es kommt unweigerlich zum Unglück. Der Zug entgleist und stürzt von der Eisenbahnbrücke in die Tiefe. Einzig ein Erster-Klasse-Wagon bleibt halb in den Gleisen hängen. In diesem Waggon sitzt niemand anderer als der damals schon sehr berühmte und angesehene Schriftsteller Charles Dickens. In seiner Begleitung die junge Schauspielerin Ellen Ternan und ihre Mutter. Mit der jungen Frau pflegt der berühmte Autor ein heimliches Verhältnis.

Charles Dickens klettert sogleich aus dem verunfallten Waggon und versucht, verletzte Passagiere zu retten und erste Hilfe zu leisten. Am Unglücksort trifft er auf einen äußerst mysteriösen Mann, der eine schwarzen Umhang und einen recht altmodischen Zylinder trägt. Das Gesicht des Mannes (?) ist auf unheimliche Weise entstellt: Die Nase fehlt fast gänzlich, die Augen sind lidlos und die Zähne eher spitze Dornen. Dickens unterhält sich während der Bergungsarbeiten mit dem seltsamen Mann, versucht zu erfahren wer er ist, wo er herkommt und wohin er reisen wollte. Der Mann stellt sich Dickens schlicht und einfach als DROOD vor und verschwindet auf genauso unheimliche Weise urplötzlich, wie er aufgetaucht ist. Er löst sich quasi in Luft auf. Dickens ist fest davon überzeugt, dass dieser DROOD kein Mensch, sondern der Tod in personifizierter Form ist.

Dieses Zugunglück verändert Charles Dickens auf drastische Weise. Hat er nicht nur fortan panische Ängste vor Zugfahrten und anderen Fortbewegungsmitteln, so ist er auch besessen davon, dieses unheimliche Wesen DROOD aufzuspüren. Dickens setzt alles daran DROOD zu finden, dazu begibt er sich in die dunkelsten Ecken der Stadt London, steigt sogar hinab in die düstere und sehr gefährliche Unterwelt der Stadt.

Immer mit an seiner Seite ist Wilkie Collins, Dickens‘ Kollege, Mitarbeiter, Ko-Autor, guter Freund und Rivale. Collins ist überzeugt davon, dass das Zugunglück seinen Freund Charles Dickens in den Wahnsinn getrieben hat. Er begleitet ihn dennoch auf seiner unerbittlichen Suche in die Unterstadt und muss feststellen, dass Dickens, der lebensfrohe, lustige und immer angenehme Mann anscheinend auch über eine dunkle Seite verfügt ….

***

Nach „Terror“ ist dies der zweite historische Roman von Dan Simmons, den ich gelesen habe. Da mich „Terror“ sehr begeistert hat, hatte ich entsprechende Erwartungen an diesen Roman. Die knapp 1000 Seiten konnten mich nicht im geringsten abschrecken, denn ich fühle mich in langen, ausführlichen Handlungen, die fesseln, sehr wohl. Bei „Terror“ ist seinerzeit im Grunde nicht viel passiert, gab es doch nur Schnee, Eis, Kälte und Tod. Und dennoch geschah so vieles.

DROOD ist von der Handlung nicht mit „Terror“ vergleichbar. Vom Schreibstil und der guten, zeitpunktgenauen und sehr biographischen Recherche wiederum doch. Dan Simmons versteht es, so geschickt wahre Begebenheiten mit seiner fiktionalen Handlung so geschickt zu verweben, dass man als Leser glaubt, es hat sich alles genauso abgespielt.

In dem vorliegenden Roman ist der Erzähler der oben erwähnte Schriftsteller Wilkie Collins. Über Jahrzehnte war er nicht nur ein enger Freund Charles Dickens und seiner Familie, er war ebenso sein Partner, Mitarbeiter und auch ewiger Rivale. Die Art, wie Simmons den Autor Wilkie Collins die Geschichte erzählen lässt, hat mich total in den Bann gezogen. Der Stil ist sprachlich der damaligen Zeit so perfekt angepasst, dass ich das Gefühl hatte, genau in dieser Epoche dabei zu sein und gemeinsam mit den Figuren durch die Londoner Unterstadt zu wandeln oder durch den Garten von Charles Dickens‘ Anwesen.

Bereits in „Terror“ hat mich Dan Simmons dazu verleitet, mich über die Geschehnisse und die Personen der damaligen Expedition schlau zu machen. Genauso war es hier wieder. Nach einigen Seiten nahm ich zunächst einen Roman von Charles Dickens aus dem Regal, um mir die Illustrationen und den Schreibstil anzusehen. Danach griff ich zu den Romanen von Wilkie Collins in unserer Bibliothek. Beim Blättern in „Die Frau in Weiß“ sprangen mir zuerst die Worte „Sie, geneigter Leser“ ins Auge. Eindeutig Wilkie Collins Worte, die Dan Simmons geschrieben hat. Ich hatte während der gesamten Geschichte nie das Gefühl, ich lese einen Roman von Dan Simmons. Ich glaubte tatsächlich die Aufzeichnung von Wilkie Collins zu lesen.

Die Story wird zwischenzeitlich ein wenig abgedreht, driftet ab in spirituelle Welten und Gedanken, verwirrt auch daher ab und an einmal. Das ist sicherlich Geschmackssache. Natürlich gehörte dies zur Handlung und es war auch sehr gut aufgebaut. Mich persönlich hat aber die seltsame Geschichte um DROOD nicht so sehr gefesselt, wie das Mit- und Gegeneinander von Wilkie Collins und Charles Dickens. Ich habe diese beiden Schriftsteller innerhalb dieser knapp 1000 Seiten so gut kennengelernt, dass mich die weiteren Ereignisse um diese beiden sehr viel mehr interessiert haben. Schließlich bekam ich in dem Roman auch genaue Biographien über beide Männer geliefert.

Ich werde auf jeden Fall in der nächsten Zeit einen Roman von Wilkie Collins lesen, denn er ist mir noch viel mehr als Charles Dickens ans Herz gewachsen. Als „Erfinder“ der Kriminal- und Thrillergeschichten war er seinerzeit gar nicht so gefeiert, wie es Dickens mit seiner Schreibe war. Aber gerade diese Dinge, die ich gelernt habe, machen mich mehr als neugierig.

Mein Fazit: Wieder einmal ein absolut empfehlenswerter historischer Roman von Dan Simmons. Er schafft es wirklich meisterhaft, wahre historische Begebenheit mit realen Personen in einer erdachten Handlung zu verknüpfen, so dass der Leser ihm die Geschichte als absolut real und glaubhaft abnimmt. Leser, die sich in langen, ausführlichen und sehr umfangreichen Handlungen nicht so zu Hause fühlen, werden über etwaige Längen schimpfen. Leser hingegen, die sich gerne in diesen Romanen fallen lassen, werden ihr pures Vergnügen haben!

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P.S. Ich habe nicht die o.g. Taschenbuchausgabe, sondern den gebundenen Roman gelesen. Im hinteren Teil gibt es ein Werkeverzeichnis der beiden Autoren sowie eine Aufstellung der mitwirkenden Personen.
Was mir sehr gefallen hat: Im inneren vorderen Buchdeckel gibt es Bilder, Zeitungsausschnitte, etc. über Charles Dicken, zwischen den hinteren Buchdeckeln das Gleiche mit Wilkie Collins. Ich glaube nicht, dass die Taschenbuchausgabe diese schönen Bilderseiten hat.

© Buchwelten 2015

DSCN0814

Hinten – Wilkie Collins

 

 

 

 

DSCN0813

Vorne – Charles Dickens

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