Cari Mora von Thomas Harris

CARI

Erschienen als gebundene Ausgabe
im Heyne Verlag
insgesamt  335 Seiten
Preis: 22,00 €
ISBN: 978-3-453-27238-5
Kategorie: Thriller, Belletristik

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Im Haus eines ehemaligen Drogenbarons soll angeblich  Gold versteckt sein. Der Organhändler Hans Peter Schneider sinnt zusammen mit der Verbrecherorganisation Ten Bells einen Plan, um an den „Schatz“ zu kommen.
Eine wichtige Rolle scheint Cari Mora, die Haushälterin des Hauses zu sein. Doch sie lässt sich nicht so einfach hinters Licht führen, wie Schneider anfangs meint …

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Da muss der geneigte Fan über ein Jahrzehnt sehnsüchtig auf einen neuen Roman von Thomas Harris warten – und dann sowas. Aber der Reihe nach.
Harris legte natürlich seine eigene Meßlatte mit den Büchern um Hannibal Lecter sehr hoch. Dass dann vielleicht dieses Niveau bei einem Folgebuch nicht mehr erreicht werden könnte, ist durchaus legitim und auch kein Beinbruch. Lecter ist einfach Kult und durchgehend gut erzählt und geschrieben. Warum wirkt aber „Cari Mora“ dann derart schlecht gegenüber allen anderen Büchern, die Harris verfasst hat? Der Schreibstil ist es definitiv nicht, denn der bewegt sich auf demselben Niveau wie die Vorgängerbücher. Es liegt wohl eher am Plot und an den etwas lieblos gestalteten Charakteren, die mir keinen Zugang zu der Geschichte verschafften.

Selbst Harris‘ erster Roman „Schwarzer Sonntag“, der es ebenfalls nicht wirklich mit den Lecter-Geschichten aufnehmen konnte, überzeugte mich mehr als es „Cari Mora“ auch nur auf einer Seite schaffte. Ich konnte mich mit den Personen absolut nicht anfreunden, ihr Handeln war mir teilweise vollkommen egal, da ich keine Beziehung zu den Protagonisten aufbaute. Und das betraf sowohl die Hauptcharaktere als auch die Nebenpersonen – keine rief irgendeine Emotion in mir hervor. Weder Sympathie noch Antipathie, sie waren mir schlichtweg egal. Das hatte natürlich zur Folge, das ich mich durch den mehr Krimi-, denn Thrillerplot förmlich quälte. Zu diesem Übel gesellte sich dann auch noch absolut fehlende Spannung. Nicht nur, dass mir die Personen egal waren, mich interessierte auch nicht, ob die Guten oder Bösen ihr Ziel erreichten. Eigentlich schade, denn Potential hätte das Buch letztendlich schon gehabt, hätte sich Harris die Mühe gemacht und den Protagonisten mehr Leben eingehaucht. So plätschert aber ein belangloser Raub am Leser vorüber, der nicht im Gedächtnis haften bleibt.
Etwas deprimierend fand ich auch, dass der Rooman lediglich 280 Seiten andauert. Die angegebene Seitenzahl von 335 beinhaltet eine Leseprobe von „Das Schweigen der Lämmer“. Die meisten Leser, die sich „Cari Mora“ zulegen, dürften diesen Thriller in ihrem Bücherregal stehen haben. Und wer nicht, der lässt nach der Lektüre des vorliegenden Romans wahrscheinlich eh die Finger davon.

Es tut mir noch immer in der Seele weh, diesen Roman als nur mittelmäßig zu bezeichnen, weil ich Thomas Harris als Autor nach wie vor verehre. „Cari Mora“ hat es aber auf alle Fälle geschafft, dass ich nicht weitere zehn Jahre danach giere, ob vielleicht doch noch einmal ein Roman dieses einst grandiosen Schriftstellers erscheint. Thomas Harris‘ neuester Roman ist mir nämlich diesbezüglich leider genauso egal wie das Schicksal der Romanfiguren aus „Cari Mora“. Harris‘ langerwarteter Thriller erweist sich als belangloses, uninspiriertes und im Grunde genommen ödes Geplänkel, das weit von einem Pageturner oder gar Bestseller entfernt ist. Der Killer ist ein Witz gegen Hannibal Lecter, zumal sich der Hauptplot um etwas ganz anderes, nämlich die Jagd nach dem gold dreht, und der ach so grausame Mörder eine Nebenrolle spielt. Eine Verfilmung erscheint unausweichlich, da nach dem Erfolg von „Das Schweigen der Lämmer“ jeder Roman von Thomas Harris verfilmt wurde. Mal sehen, ob die Leinwandadaption genauso unspektakulär und innovationslos wird.
Für mich stellt „Cari Mora“ leider den Untergang von Thomas Harris dar. Vielleicht kann er mich eines Tages aber noch einmal eines besseren belehren. Wünschen würde ich es mir.

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Fazit:  Seelenloser Thriller, der leider in keiner Weise die in ihn gesetzten Erwartungen erfüllt.

© 2019 Wolfgang Brunner für Buchwelten

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Der Garten des Uroboros von Michael Marrak

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Erschienen als gebundene Ausgabe
im Amrun Verlag
insgesamt  500 Seiten
Preis: 23,90 €
ISBN: 978-3-95869-571-9
Kategorie: Science Fiction, Fantasy, Abenteuer

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In Mexiko findet der Archäologe Hippolyt Krispin Hunderte menschlicher Skelette über einem Uroboros-Relief. In Mali, Afrika, macht sich ein Junge des Dogon-Volkes auf den Weg zur sagenumwobenen Stadt der Hunde. Und in Peru beschäftigt sich der Astronom Miguel Perea mit einer Aufnahme, die von einem Observatorium aus Ecuador stammt und auf der sämtliche Sterne fehlen, die weiter als hundertfünfzig Lichtjahre entfernt sind. Irgendetwas nähert sich der Erde mit unvorstellbarer Geschwindigkeit. Und die drei Begebenheiten, die auf den ersten Blick nichts miteinander zu tun haben, deuten plötzlich doch auf ein Ereignis hin: den Weltuntergang.

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Hippolyt Krispin aus Marraks Roman „Morphogenesis“ kehrt zurück! Doch wer den ersten Roman mit dem Archäologen (noch! 😉 ) nicht gelesen hat, kann sich getrost an „Der Garten des Uroboros“ wagen, denn man muss das erste Abenteuer nicht kennen, um diesen Roman zu verstehen. Der vorliegende Roman ist ein typischer Roman, wie man ihn von Michael Marrak gewohnt ist: Innovativ, kurzweilig, auf hohem Niveau verfasst und voller genialer Ideen, denen man sich nicht entziehen kann. „Der Garten des Uroboros“ ist eine wilde Mischung aus Abenteuerroman (a la „Indiana Jones“, wie auch vom Verlag beworben), einem intelligenten Science Fiction-Plot und der Aufarbeitung alter Mythen aus verschiedenen Kontinenten. Es ist schon unglaublich, wie geschickt Marrak diese Genre miteinander verquickt und eine beeindruckende Story daraus webt. Eines ist jedenfalls sicher: „Der Garten des Uroboros“ wird nicht jedermanns Geschmack sein, so wie es auf eigentlich alle Bücher von Michael Marrak zutrifft. Seine Romane, wie auch der vorliegende, sind nicht für den schnellen Konsum gedacht, denn zu viel steht in und auch zwischen den Zeilen, um es nur oberflächlich zu lesen. Wer sich darauf nicht einlassen kann und sich nicht die Zeit dafür nimmt, verpasst tolle Geschichten und ideenreiche Literatur, die Spaß macht.

Eigentlich sind es sogar vier Geschichten, die Marrak im Verlauf des Romans miteinander zu einem großen Ganzen verbindet. Und auch wenn das Ende auf den ersten Blick sehr fantasylastig daherkommen mag, so verbirgt sich darin dennoch eine ausgeklügelte Interpretation der Apokalypse. „Der Garten des Uroboros“ ist eines jener Bücher, die nicht nur während des Lesens Spaß machen, sondern auch noch danach faszinieren und zum Nachdenken anregen. Das vorliegende Buch erreicht zwar nicht ganz die innovative Ideenvielfalt, die „Der Kanon mechanischer Seelen“ bereitstellt, sprudelt aber dennoch vor Einfällen nur so über. Innerhalb dieser Geschichten und des eigentlichen Plots erzählt Marrrak dann auch noch wunderschöne Märchen, von denen ich mir sogar gewünscht hätte, sie wären öfter vorgekommen.

Was für viele Leser außerordentlich anstrengend sein dürfte, entpuppt sich bei genauerer Überprüfung als grandiose Recherchearbeit. Mit dem Wissen, dass Michael Marrak enorm viel Sachkenntnis in seiner Geschichte verwertet hat (und dieses auch noch grandios zu einem logischen Ganzen verknüpfen konnte), läse sich der Roman beim zweiten Mal mit Sicherheit noch beeindruckender, als er es ohnehin schon ist.
„Der Garten des Uroboros“ ist einerseits ein unterhaltsamer Abenteuerroman und andererseits eine fantastische Reise in eine grenzwissenschaftliche Welt jenseits von Zeit und Raum, die ein besonderes Weltbild bedient. Grundvoraussetzung, um diesen Roman genießen und vor allem vollends verstehen zu können, ist daher eine gewisse Offenheit bezüglich dieser Dinge. Wer das kann, wird mit einem wunderbaren, faszinierenden Buch belohnt. Der vorliegende Roman bestätigt erneut, dass Michael Marrak zu den wichtigsten und auch innovativsten Schriftstellern Deutschlands gehört.

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Fazit. Abenteuerliche, philosophische und teils auch spirituelle Reise bis zum Ende der Welt.

© 2019 Wolfgang Brunner für Buchwelten

Let’s talk about 6 von Hilde Willes

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Erschienen als Taschenbuch
im telegonos Verlag
376 Seiten
14,90 €
ISBN: 978-3744868631
Kategorie: Liebe, Erotik, Humor, Drama

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4 Frauen – 4 Schicksale. Doch die Freundinnen halten zusammen, egal, was auf sie einstürmt. Und sie meistern ihr Leben, mal nachdenklich, mal traurig und manchmal auch eisern und bestimmt. Aber meistens mit Humor.

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„Let’s talk about 6“ ist das erste Buch von Hilde Willes, das ich gelesen habe. Covergestaltung und Klappentext lassen natürlich sofort auf einen typischen Frauenroman schließen, was er letztendlich wahrscheinlich auch sein soll. Ich wäre aber nicht Ich, wenn ich mich als Mann auch nicht einmal an solcherart Bücher heranwage, zumal mir die Bridget Jones-Reihe von Helen Fielding oder die grandiose Serie „Sex & the City“ zum Beispiel außerordentlich gut gefallen. Hilde Willes schlägt in eine ähnliche Kerbe und vermischt ihren Plot immer wieder mit einer Prise „Sex & the City“. Es dauerte nicht lange und ich fühlte mich sofort wohl inmitten der Protagonisten und ihrer Probleme, zumal mir die vier Hauptfiguren allesamt sympathisch waren und vor allem sehr glaubwürdig erschienen. Es macht wirklich unglaublich Spaß, diesen vier Frauen bei ihren Alltagserlebnissen bzw. ihrer Suche nach dem perfekten Mann, der perfekten Beziehung oder auch dem perfekten Leben zu begleiten. Mit einem sehr angenehmen Humor, aber auch einer Unmenge an tiefsinniger Lebensweisheiten und Wahrheiten, konnte mich die Autorin mit ihrer/ihren Geschichte(n) absolut in den Bann ziehen. Ich ertappte mich sogar dabei, dass ich, selbst wenn ich nur zehn Minuten zur Verfügung hatte, nach dem Buch griff und weiterlesen wollte. „Let’s talk about 6“ scheint auf den ersten Blick leichte Kost zu sein, was es oftmals auch ist (aber keineswegs in negativer Weise gemeint). Aber wenn man zwischen den Zeilen liest, erkennt man sehr viele Begebenheiten, die einen an sich selbst erinnern. Und das kann ich auch als Mann sagen.

Der ewige Kreislauf nach der Suche des perfekten Glücks wird in teils skurrilen Begebenheiten und typischen Alltagskatastrophen sehr unterhaltsam geschildert. „Let’s talk about 6“ ist auch ein Roman, bei dem mich die (glücklicherweise nur teilweise eingestreuten) umgangssprachlichen Ausdrücke in keiner Weise stören. Im Gegenteil, sie lockern die Handlung erfrischend auf und vermitteln ein Gefühl, als würde man den Protagonisten irgendwie zugehören. Auch wenn einiges am Plot übertrieben wirken mag, so muss man am Ende zugeben, dass im Grunde genommen alles tatsächlich genau so passieren könnte, wenngleich auch vielleicht nicht in dieser gedrängten Form, wie es hier im Roman vorkommt. Aber auch das macht gar nichts, denn es zeigt, dass Hilde Willes  Lebenserfahrung hat, die sie in den Handlungsweisen ihrer Protagonistinnen äußerst gut verpackt. Gerade die Stimmung, die mich des öfteren an die Erfolgsserie „Sex & the City“ erinnert hat, konnte mich vollends überzeugen. Am Anfang stellte ich mir noch die Frage, wie die Autorin so viele Seiten über ein an sich abgedroschen des Thema füllen will, doch bereits ab der Mitte des Buches wünschte ich mir, dass es noch lange weitergeht. Ich hätte gut und gerne noch einmal weitere vierhundert Seiten lesen könne, ohne dass es mir langweilig geworden wäre.

Auch die Erotik und der Sex kommen in Hilde Willes Roman nicht zu kurz. Erfreulicherweise laufen diese Szenen immer auf einem gewissen Niveau ab, sodass man an keiner Stelle denkt, es wäre besser darauf verzichtet worden. „Let’s talk about 6“ ist großartige Unterhaltung mit tollen Frauengesprächen, Problembewältigungen und realistischen Lebenssituationen, bei dem stets gute Laune und Kampfgeist im Vordergrund stehen. Also trotz aller Dramatik und nicht so schönen Umständen ein durchweg positives Buch. Und das nicht nur für Frauen, lasst euch das gesagt sein, ihr lesenden Männer da draußen. „Let’s talk about 6“ macht euch bestimmt auch Spaß.

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Fazit:  Unterhaltsamer, witziger und auch tiefgründiger Roman, der auch absolut für Männer geeignet ist.

© 2019 Wolfgang Brunner für Buchwelten

Wir haben schon immer im Schloss gelebt von Shirley Jackson

9783865527097

Erschienen als gebundene Ausgabe
im FESTA Verlag
256 Seiten
19,99 €
ISBN: 978-3-86552-709-7
Kategorie: Horror

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Merricat lebt mit ihrer Schwester Constance und dem kranken Onkel Julian  im Schloss der Familie Blackwood. Der Rest der Familien wurde vor Jahren vergiftet. Keiner spricht gerne über den Vorfall.
Und dann taucht eines Tages Charles auf, ein Cousin Merricats, der den Inhalt des Familiensafes für sich ixn Anspruch nehmen will. Merricat beginnt, alles in ihrer Macht Stehende tun, um das Schloss und ihre Bewohner vor ihm zu schützen …

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Ähnlich wie in ihrem 1959 erschienen Roman „Spuk in House Hill“ wirft Shirley Jackson den Leser in eine subtile, teils skurril wirkende Ausgangssituation, in der man sich erst einmal zurechtfinden muss. Ist dies aber geschehen, kann man sich nicht mehr von der Protagonistin Merricat lösen, die in komplizierten, teilweise kindlich naiven Denkweisen die Geschichte erzählt.  „Wir haben schon immer im Schloss gelebt“ wird, ebenso wie „Spuk in Hill House“ die meisten Leser langweilen, da einfach zu wenig passiert. Wer aber genauer liest und sich auf diese Geschichte einlässt (einlassen kann) wird mit einem wahnsinnigen Kopfkino belohnt, wie es ein Buch nicht besser hervorrufen könnte. Während man liest, entspinnen sich Unmengen an eigenen Interpretationen, was genau hinter der Story steckt, was Wahrheit und was Einbildung ist. Unzählige Filme gingen mir durch den Kopf (die wahrscheinlich oftmals ihre Inspiration in genau diesem Roman gefunden haben), während ich Merricat auf ihrer wahnwitzigen Reise begleitete.

Shirley Jacksons gehobener Schreibstil macht zudem unglaublich Spaß. Der Roman ist ein wahrer Pageturner, sofern man sich, wie oben bereits erwähnt, auf den Plot und die eigenwillige Idee einlassen kann. Das Gruselige an der Geschichte baut sich unterschwellig auf und wird im Verlaufe der  Handlung immer intensiver. Ich sah „Wir haben schon immer im Schloss gelebt“ unentwegt als Film vor meinem inneren Auge und stellte jetzt mit Freuden fest, dass der Roman tatsächlich verfilmt wurde. Ich habe in einigen Rezensionen gelesen, dass die Gedanken der Protagonistin äußerst schwer zu verstehen seien und man sich daher nicht mit ihr identifizieren könne. Das kann ich absolut nicht nachvollziehen, denn gerade diese „unschuldig“ wirkenden (sicherlich wirren) Gedanken fand ich extrem faszinierend und glaubwürdig. Durch diese Protagonistin erschafft Shirley Jacksons eine fast schon surreal wirkende Atmosphäre, die sich durch das gesamte Buch zieht und mich regelrecht begeistert hat.

Ich bin noch nicht sicher, welches der beiden im Festa-Verlag neu aufgelegten Bücher dieser Autorin mir besser gefällt: „Spuk in Hill House“ oder das vorliegende „Wir haben schon immer im Schloss gelebt“. Tendenziell könnte das zweite das Rennen machen, weil es einfach von der Story her weitaus skurriler und geheimnisvoller wirkt. Fakt ist, dass es sich bei Shirley Jackson um eine ganz herausragende Schriftstellerin handelte, die dem Horrorgenre eine außergewöhnliche Richtung wies, in dem sie nämlich auf ruhige und meist unblutige Weise Schrecken in den Köpfen ihrer Leser verbreitete. Ich würde mir wünschen, dass sich der Festa-Verlag auch noch den anderen, in Deutschland leider nachlässig behandelten Werken dieser Autorin annehmen würde. Horror muss nicht immer Splatter sein, sondern kann auch auf melancholische Weise eine Gänsehaut bescheren, wie „Wir haben schon immer im Schloss gelebt“ eindrucksvoll beweist.

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Fazit: Skurriler, surrealistischer und melancholischer Gruselroman zum Nachdenken.

© 2019 Wolfgang Brunner für Buchwelten

Die Insel von Steen Langstrup

Die Insel von Steen Langstrup

Erschienen als Taschenbuch
im Heyne Verlag
insgesamt  316 Seiten
Preis: 9,99 €
ISBN: 978-3-453-43957-3
Kategorie: Thriller

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Noa Simon Poulsen befindet sich auf einer einsamen tropischen Insel. Eigentlich das Paradies, läge nicht die Leiche seiner Freundin neben ihm. Noa erinnert sich an die Ereignisse, die zum Tod seiner Freundin geführt haben, zurück, als er in polizeiliche Gewahrsam genommen und des Mordes angeklagt wird. Aber keiner glaubt seine Geschichte, die er erzählt …

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„Die Insel“ ist mein erstes Buch von Steen Langstrup. Ich muss ehrlich sagen, dass ich gar nicht mit so einem Roman gerechnet habe. Ich war mehr als angenehm überrascht, als ich die Geschichte las und noch mehr faszinierten mich die drei Kurzgeschichten im Anhang. Aber eines nach dem anderen. Zuerst einmal geht es um den Roman „Die Insel“:

Viele haben wahrscheinlich mit einem reinen Horror-Roman gerechnet und nicht mit einem Psychothriller, der sich hinter diesem Titel verbirgt. Der Autor lässt die Geschichte von seinem Protagonisten erzählen, was aus meiner Sicht schon eine unglaublich intensive Atmosphäre verschaffte. Gerade die Zwischenteile, in denen der Protagonist mit seiner Strafverteidigerin spricht, haben mir ausnehmend gut gefallen. In Rückblicken wird dann die eigentliche Geschichte erzählt, die anfangs noch ein wenig zögernd ins Laufen kommt, aber zunehmend spannender wird. Es mag auf viele Leser langweilig wirken, wenn Noa von seinem Aufenthalt auf der Insel und der neben ihm liegenden Leiche seiner Freundin erzählt. Aber genau dadurch kommt eine absolut glaubwürdige Atmosphäre auf.

Wie sich der Plot dann letztendlich entwickelt, einschließlich der Auflösung (eigentlich sind es ja sogar zwei!) hat mir sehr gefallen. Man sah plötzlich die Ereignisse aus einem vollkommen anderen Blickwinkel und konnte Handlungsweisen auf einmal nachvollziehen. Im Grunde genommen ist dieser Thriller dadurch tatsächlich zu einem Horrortrip geworden, nur ohne Monster und Blut. Steen Langstrup hat aus einer vollkommen unspektakulären Ausgangssituation, die allerdings sehr stimmungsvoll ist, einen wirklich atemberaubenden Trip in die Seele eines Menschen erschaffen. „Die Insel“ hebt sich von gängigen Büchern dieses Genre ein wenig ab, was es wahrscheinlich auch leider nicht für den Mainstream tauglich macht. Ich mochte die ausgefallene Schreibweise auf jeden Fall und werde mir den Debütroman auf alle Fälle auch noch besorgen. Gespannt bin ich auch, was der Autor als nächstes liefern wird.

Doch unabhängig von dem guten Roman komme ich nun zu den drei Kurzgeschichte, die wahrscheinlich aufgrund der Kürze des Hauptromans vom Verlag noch als Bonus veröffentlicht wurden. Ich muss gestehen, dass mir diese drei Stories sogar noch besser als der Roman gefallen haben. Vor allem eine Geschichte, die den Titel „Iss mich, trink mich“ trägt, hat mich vollends überzeugt. Langstrup beschreibt in dieser Geschichte auf einer Seite das wahre Gesicht der Menschheit, welche Wertvorstellungen und Wünsche sie an das Leben haben. Das ist so grandios, dass ich diese Stelle ein paar Mal lesen musste und sie mir immer noch im Kopf herumschwirrt. So etwas Geniales habe ich selten gelesen. Hut ab, Steen Langstrup, für diese Erkenntnisse, die eigentlich jeder Mensch weiß, sie aber dennoch konsequent in seinem Leben ignoriert. Zumindest die meisten.
Insgesamt habe ich mit Steen Langstrup auf jeden Fall einen Autor gefunden, der mich hervorragend unterhalten hat und der auch eine gewisse Menschen- und Lebenskenntnis besitzt, die mich anspricht. „Die Insel“ wird definitiv nicht das letzte Buch von diesem Autor sein.

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Fazit: Sehr spannende und stimmungsvolle Geschichte. Die drei Bonusgeschichten sind einfach nur genial.

© 2019 Wolfgang Brunner für Buchwelten

Spuk in Hill House von Shirley Jackson

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Erschienen als gebundene Ausgabe
im FESTA Verlag
320 Seiten
19,99 €
ISBN: 978-3-86552-707-3
Kategorie: Horror

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Dr. Montague will die mysteriöse Ausstrahlung des Anwesens von Hill House wissenschaftlich untersuchen. Dazu lädt er drei Personen ein, die ihm ihre Eindrücke von den unheimlichen Geschehnissen innerhalb des Hauses während ihres Aufenthaltes berichten sollen. Schon bald stellen die Teilnehmer fest, dass etwas unsagbar Böses ihre Finger nach ihnen ausstreckt …

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Spätestens seit der von Regisseur Mike Flannagan hervorragend inszenierten, gleichnamigen Netflix-Serie bekam Shirley Jacksons Klassiker wieder Bedeutung. Der Festa-Verlag hat diesem atmosphärischen Gruselroman eine Neuveröffentlichung verschafft, die ihm sowohl optisch als auch mit einer ansprechenden Neuübersetzung absolut gerecht wird. Jacksons Mystery-Thriller schafft eine ganz ungewöhnliche Atmosphäre (die oftmals an die „Old School“-Gruselfilme aus den Hammer-Studios erinnert), auf die man sich einlassen muss. Ihre zweideutigen Beschreibungen öffnen beim Leser eine Vielzahl verschiedenartigster Interpretationen, die wohl auch besagten Regsiseur Flannagan für seine Serie inspiriert haben. An dieser Stelle möchte ich darauf hinweisen, dass es sich bei dem vorliegenden Roman keinesfalls um ein reines Filmbuch handelt, das die Serie beschreibt. Shirley Jacksons „Spuk in Hill House“ erzählt eine andere Geschichte und die Serie führt sie gewissermaßen fort, interpretiert sie neu und stellt auch noch zusätzlich eine Art Prequel dar.

Roman und Serie ergänzen sich sozusagen und wer das eine mag, sollte sich auch das andere zu Gemüte führen. Jackson besitzt einen grandiosen Schreibstil, mit dem sie sich sehr gewählt auszudrücken vermag und dennoch einen flüssigen Lesegenuss garantiert. Der Roman mag auf den ersten Blick wie eine altmodische, langweilige Gruselgeschichte wirken, aber wenn man genauer über die Ereignisse nachdenkt, erkennt man einen raffinierten, psychologischen Plot, über den man noch länger nachdenken kann. „Spuk in Hill House“ vermittelt eine unglaublich intensive Stimmung und lässt die Zeit alter Gruselklassiker wieder aufleben, in denen man sich richtig heimelig fühlen kann. Unspektakulär werden mysteriöse Ereignisse erzählt, die einem Schauer über den Rücken jagen, zumal sie im Grunde genommen in den Protagonisten selbst stattfinden. Zu Recht wird dieser Roman als Klassiker behandelt und gerade in Zeiten, in denen Romane oftmals über Grenzen gehen (was nicht unbedingt schlecht ist 😉 ), sollte man diesen etwas anderen Horror-Roman einmal lesen.

„Spuk in Hill House“ ist ein ruhiges Buch. Jackson setzt ihr Hauptaugenmerk weniger auf reißerischen Horror als vielmehr auf stimmungsvollen Grusel. Und dennoch möchte man unbedingt wissen, wie es weitergeht. Die Autorin schreibt auch sehr bildhaft, so dass man das alte Gemäuer und die märchenhafte Umgebung während des Lesens so intensiv erlebt, als wäre man dabei. Man mag, vielleicht sogar zu recht, sagen, dass der Roman den heutigen Ansprüchen und Lesegewohnheiten nicht mehr gerecht wird. Zu wenig Blut wird verspritzt und zu unspektakulär ist der Spannungsaufbau, aber wenn man sich vor Augen hält, dass der Roman im Jahr 1959 entstanden ist, so kann man ihn durchaus als Wegbereiter von Geschichten über „besessene Häuser“ verstehen. Zudem kann man den Geist jener Zeit absolut spüren und fühlt sich oftmals inmitten eines alten Schwarz-Weiß-Films.  Aus meiner Sicht führt kein Weg an diesem Klassiker vorbei, wenn man sich für Horrorliteratur interessiert.

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Fazit: Subtiler, psychologischer Horror-Roman mit dichter Atmosphäre.

© 2019 Wolfgang Brunner für Buchwelten

Der Besucher von Tyler R. Parsons

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Erschienen als Taschenbuch
im Piper Verlag 
insgesamt  198 Seiten
Preis: 12,00 €
ISBN: 978-3-492-70534-9
Kategorie: Science Fiction

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Nach einem tragischen Unfall treibt Astronaut Roman Briggs hilflos durchs All. Seine Vorrätehalten nicht besonders lange, so dass sich Briggs mit seinem Tod abfindet. Doch dann tauchen die Manti auf, eine  außerirdische Rasse, die Briggs  erlaubt, sich an ihre Außenhülle zu ketten, bis sie auf ein menschliches Raumschiff stoßen. Durch die Fenster des Alien-Schiffs kann Briggs das tägliche Leben seiner Retter beobachten. Aber eines Tages beobachtet er etwas, das er besser nicht hätte sehen sollen …

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Tyler R.Parsons Romandebüt die Besucher beginnt wie der Science-Fiction Kinoblockbuster „Gravity“. Aber das war es dann auch schon mit derartigen Vergleichen. Hat man die ersten Seiten gelesen und die Ausgangssituation verstanden, wirft einen Parsons in ein vollkommen anderes Abenteuer, das mir außerordentlich gut gefallen hat. Es dauert auch gar nicht lange, bis man sich fühlt, als sei man selbst der Protagonist, der allein im Weltall schwebt und sich an die Hülle eines außerirdischen Raumschiffs klammern muss, um zu überleben. Die Gedankengänge des Protagonisten sind absolut nachvollziehbar und teilweise sehr humorvoll, was einem während des Lesens oftmals ein Lächeln auf die Lippen zaubert. Dennoch versteht es Parsons den Spannungsbogen konstant aufrechtzuerhalten und den Leser so weit zu bringen, dass er immer noch ein weiteres Kapitel liest, um zu erfahren, wie es weitergeht.
Parsons Schreibstil ist sehr einfach und flüssig zu lesen, aber besitzt dennoch ein gewisses Niveau. Es macht schlichtweg unglaublich Spaß, die missliche Lage des Astronauten zu verfolgen.

Der Roman ist relativ kurz gehalten, dürfte aber genaugenommen auch gar nicht länger dauern, denn alles, was wichtig ist, wird auch erzählt. Zu keinem Zeitpunkt kommt Langeweile auf, sondern die Geschichte wird geradlinig und vor allem spannend erzählt. Der Autor erzählt seine Geschichte so bildhaft, dass man wirklich meint, man wäre dabei. Das macht diesen Roman sehr sehr kurzweilig, so dass man ihn am liebsten gar nicht aus der Hand legen möchte. Es ist außerdem eine ganz wunderbare Atmosphäre, in die uns Parsons mit seinem Debütroman entführt und ich bin schon wirklich sehr gespannt, was uns dieser Mann noch alles an literarischen Abenteuern beschert. Bei einigen Szenen musste ich unwillkürlich an „Star Trek“ denken, gerade was die Handlungsweisen der außerirdischen Lebewesen betrifft. Die Kommunikation zwischen diesen Aliens und dem Protagonisten ist ebenfalls teilweise witzig, andererseits aber auch auf gewisse Art und Weise fremdartig. Und genau diese Mischung macht es aus, dass „Der Besucher“ so glaubwürdig wirkt.

Parsons hätte den Außerirdischen ein wenig mehr Tiefe verleihen können, in dem er die „Beziehung“ zwischen dem Menschen und ihnen etwas ausführlicher beschreibt. Das ist der einzige Kritikpunkt, den ich bei „Der Besucher“ anbringen kann, der für mich aber das Lesevergnügen nicht geschmälert hat. Der Roman erfindet das Rad der SF nicht neu, aber er bleibt dennoch – zumindest ist es bei mir so – in Erinnerung. Und die Mischung aus Science Fiction, Krimi und (auch irgendwie Liebesgeschichte) hat mir gefallen.

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Fazit: Kurzweiliger SF-Krimi, der definitiv Spaß macht.

© 2019 Wolfgang Brunner für Buchwelten

 

Die Reise von Marina Lostetter

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Erschienen als Taschenbuch
im Heyne Verlag
insgesamt  558 Seiten
Preis: 11,99 €
ISBN: 978-3-453-31827-4
Kategorie: Science Fiction

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Im Jahr 2088 bricht die Menschheit zu den Sternen auf, um ein geheimnisvolles Objekt jenseits unseres Sonnensystems zu erkunden. Eine Reise, die mehrere hundert Jahre dauern soll. Aus diesem Grund werden menschliche Klone auf die Reise geschickt, um das Zeitproblem in den Griff zu bekommen. In gewissen Abständen werden neue Klone erschaffen, dennoch brechen auf den Raumschiffen immer wieder einmal Unruhen aus. Als die Entdecker dann endlich ihr Ziel erreicht haben, werden sie mit einer außerirdischen Technologie konfrontiert, die jenseits ihrer Vorstellungskraft liegt …

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Alleine der Klappentext machte mich unendlich neugierig auf diesen Roman, der übrigens ein Debüt darstellt. Die Beschreibung des Plots klingt nach einem perfekten Science Fiction-Abenteuer, das mich an Geschichten von Larry Niven, Stephen Baxter und Peter F. Hamilton erinnerte. Um es kurz zu machen, ich wurde nicht enttäuscht. „Die Reise“ von Marina Lostetter ist ein unglaublich episches Weltraumabenteuer, in dem nicht nur Außerirdische, deren Artefakte und eine unmöglich erscheinende Weltraumreise eine Rolle spielen, sondern auch menschliche Verhaltensweisen und Emotionen. Lostetter hat ihren Plot groß angelegt und beginnt im Kleinen. Ähnlich wie bei einigen Meisterwerken von Stephen Baxter entfaltet sich die epische Bandbreite der Story genaugenommen erst, nachdem man das Buch gelesen hat.

„Die Reise“ ist Science Fiction, wie sie besser nicht sein könnte. Sehr realistisch wird der Versuch der Menschheit beschrieben, wie sie die Finger nach dem Weltraum ausstreckt, um Neues zu erfahren. Ein wenig fühlt man sich an Arthur C. Clarkes „2001 – Odyssee im Weltraum“ erinnert, wobei Lostetter definitiv einen eigenen Weg geht. Erstaunlicherweise fliegt man nur so durch die Seiten, obwohl der Roman stolze 550 Seiten hat und oftmals mit technischen Details aufwartet.
Die Autorin wechselt geschickt die erzählenden Protagonisten, so dass niemals Langeweile aufkommt. Manchmal wirken die Kapitel wie eigene Kurzgeschichten, bis sich irgendwann dann ein A-ha-Effekt einstellt und der Leser die Zusammenhänge erkennt. Die spannende und sich über Jahrhunderte (eigentlich sogar über Jahrtausende) erstreckende Geschichte befasst sich aber nicht nur mit außerirdischen Artefakten und deren mysteriösen Bedeutungen, sondern widmet sich auch Problemen wie grundlegender Gesellschaftsangelegenheiten, der Beeinflussung von Genen oder Künstlichen Intelligenzen. Dies alles vermischt sich zu einem atemberaubenden Abenteuer, das man nicht gerne verlässt. Trotz der Dicke dieses Buches hätte man die Abenteuer der Menschheit und der menschlichen Klone gut und gerne nochmal so lange begleiten können.

Marina Lostetters Roman wirkt wie das Kultbuch einer neuen Science Fiction-Generation, das sich mit aktuellen Problemen unserer Zeit befasst, aber noch einen Schritt weiter geht und in eine nicht ganz unmögliche Zukunft schaut. Lostetter behandelt zum Beispiel auch die Entwicklung der Sprache. Und wenn man sich heute umschaut, ist das in Zeiten von WhatsApp und sozialen Netzwerken eigentlich schon nicht mehr zu übersehen, dass unsere Sprache immer mehr verstümmelt und verzerrt wird. Es kommt ja mittlerweile leider schon vor, dass sich Menschen, die eigentlich die gleiche Sprache sprechen, nicht mehr verstehen. Gerade dieser Aspekt, der zwar nicht lange im Buch vorkommt, zeigt eine gewisse Genialität der Autorin, die sich nämlich eine Zukunft ausgedacht hat, die absolut im Bereich des Möglichen liegt.
„Die Reise“ ist mit Sicherheit kein einfaches Buch, das man nebenbei lesen sollte, denn zu viele „Wahrheiten“ stecken zwischen den Zeilen. Für den ein oder anderen mag deshalb diese groß angelegte, menschliche Geschichte Längen haben, die anderen werden mit einem bombastischen Abenteuer belohnt, bei dem man sich immer wieder vor Augen halten muss, dass sich die Handlung über eine große Zeitspanne erstreckt. Episch eben …

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Fazit: Episches SF-Abenteuer, das nachhaltig beeindruckt.

©2019 Wolfgang Brunner für Buchwelten

Wie man einen Toaster überlistet von Cory Doctorow

Wie man einen Toaster ueberlistet von Cory Doctorow

Erschienen als gebundene Ausgabe
im Heyne Verlag
insgesamt  175 Seiten
Preis: 12,00 €
ISBN: 978-3-453-32015-4
Kategorie: Science Fiction, Belletristik

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Salima hat, wie viele andere Menschen, plötzlich ein Problem: Nachdem der Firma Boulangism der Kopnkurs droht, beginnen die von ihr hergestellten Elektronikprodukte zu streiken. Unter anderem auch der Toaster, der plötzlich kein anderes Brot, als das teuer Originalbrot des Unternehmens, akzeptiert. Kurzerhand entschließt sich Salima, das Gerät zu hacken, was aber folgenschwere Konsequenzen nach sich bringt.

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Wenn man den Klappentext liest und dann die ersten Seiten dieser Novelle hinter sich gebracht hat, stellt man fest, dass man genau das geboten bekommt, was man eigentlich erwartet hat. Mit unglaublichem Witz stellt Doctorow eine Welt dar, in der wir praktisch schon leben. Sicherlich ist alles ein wenig überzogen beschrieben, aber dennoch fühlt man sich beim Lesen näher an der Realität als in einer erfundenen Zukunft. Vieles ist vielleicht noch wirklich Zukunftsmusik, aber trotz einer gewissen Lächerlichkeit wirken manche Szenen dennoch, als könnten sie schon bald Wirklichkeit werden. Man kann nicht umhin – gerade am Anfang des Buches – zu schmunzeln ob der skurrilen Vorgänge, die da geschildert werden, und verspürt dennoch auch einen Kloß im Hals, weil einem auch irgendwie bewusst wird, dass das alles eines Tages durchaus möglich werden könnte.

Cory Doctorow reizt das Thema der Künstlichen Intelligenzen aus und hält uns einen Spiegel vor die Augen, in dem wir unser derzeitiges sowohl gesellschaftliches Verhalten wie auch gegenüber elektronischen Geräten und Spielereien erkennen. Profitgier der großen Unternehmen und die Hilflosigkeit der Endkunden spielen ebenso eine Rolle wie die daraus resultierenden „Straftaten“, die letztendlich nur eine Art Gegenwehr der ausgenutzten Menschen darstellen. „Wie man einen Toaster überlistet“ ist sicherlich satirisch gemeint, verschafft einem aber dennoch auch ein ungutes Gefühl in der Magengegend, weil man sich vor solch einer Zukunft fürchtet, zumal man weiß, dass sie mit ziemlicher Sicherheit genau so eintreffen wird. Noch lachen wir über solch ein Szenario …
Die Handlung nimmt zwar im Verlaufe des Buches an Originalität etwas ab, was aber definitiv an der Entwicklung des Plots liegt und zur Charakterentwicklung der Protagonisten beiträgt. Ich habe auf jeden Fall die zweite Hälfte dieses kurzen Romans ebenfalls sehr genossen.

„Wie man einen Toaster überlistet“ hätte aber auch nicht länger dauern dürfen. Da hat der Autor eine ganz gute Länge für seine Parabel gefunden, die keinesfalls langweilt, was wahrscheinlich passiert wäre, hatte das Buch die doppelte Seitenanzahl bekommen.  So bleibt die Novelle aber mit äußerst angenehmen Leseerinnerungen im Kopf des Lesers haften. Erwähnenswert ist auch, dass andere „Mißstände“ unserer Zeit wie zum Beispiel die „Bewertung eines Menschen“ anhand seiner rassischen Abstammung oder Religionszugehörigkeit angesprochen werden. In dieser Novelle steckt vieles zwischen den Zeilen. Auch die Aufmachung des Buches gefällt mir sehr gut und da es ein gebundenes Buch ist, finde ich den Preis angemessen, was bei anderen wohl Unzufriedenheit ausgelöst hat. Alles in allem hat mir der Ausflug in eine nicht ganz so unwahrscheinliche Zukunft sehr gut gefallen, so dass ich mir durchaus vorstellen könnte, diese Novelle noch ein zweites Mal zu lesen.

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Fazit: Skurril aber auch nachdenklich machende Novelle, die in einer nicht unwahrscheinlichen Zukunft spielt.

© 2019 Wolfgang Brunner für Buchwelten

Obelisk von Stephen Baxter

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Erschienen als Taschenbuch
im Heyne Verlag
insgesamt  512 Seiten
Preis: 10,99 €
ISBN: 978-3-453-31945-5
Kategorie: Science Fiction

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In verschiedenartigen Kurzgeschichten beweist Stephen Baxter erneut, dass er ein Meister im Science Fiction-Genre ist.

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Stephen Baxter ist immer noch einer der führenden Science Fiction Autoren unserer Zeit. Wer sich für ausufernde und innovative Zukunftsgeschichten interessiert, kommt an diesem Erzählband (und auch den anderen Werken Baxters) einfach nicht vorbei. In dieser Sammlung vereinen sich Storys, die in einer neuen Welt spielen, aber auch welche, die in bereits existierenden Universen Baxters, wie zum Beispiel den beiden Werken „Ultima“ und „Proxima“ oder der zusammen mit Terry Pratchett entworfenen „Lange Erde“-Serie. Baxter ist ehrgeizig. Und das liest man auch in seinen Kurzgeschichten heraus, die trotz ihrer Kürze dennoch oftmals epischen Charakter besitzen. Siebzehn Geschichten, die sich in diesem Band vereinen und am Ende ein beeindruckendes, faszinierendes und manchmal auch erschreckendes Bild unserer Zukunft im Gedächtnis hinterlassen. Stephen Baxter beweist, dass er einer der ganz Großen ist. Die Geschichten könnten verschiedenartiger nicht sein und man sollte sich zum Lesen Zeit lassen, denn es stecken sehr viele Überlegungen darin, die einen zum Nachdenken bewegen (sollten).

Die Vielfalt, mit der Baxter seine Leser in fremde Welten entführt, ist unglaublich und man muss zwischen den einzelnen Storys schon immer wieder mal ein wenig Abstand gewinnen. Denn zu absurd wirken sonst die Ausflüge von fremden Planeten in ein viktorianisches England des neunzehnten Jahrhunderts. Diese wilden Wechsel zwischen den Handlungsorten zeigen allerdings auch die reichhaltige Palette, die der Autor seinen Lesern und Fans bieten kann. „Obelisk“ ist ein bunter Ausflug in die Welt der Science Fiction, die auf höchstem Niveau unterhält.  Es gibt so viele mannigfaltige Geschichten in diesem Buch, so dass man getrost sagen kann, dass so ziemlich für jeden Geschmack etwas dabei. Da gibt es zum Beispiel einen Schüler, der aus Versehen auf dem Mars strandet.  Oder ein Autorennen, bei dem ein ganz besonderer Einsatz zum Tragen kommt. Der Leser erlebt die Eindrücke des ersten Menschen, der auf dem Mars umhergeht oder durch die Zeit reisende außerirdische Ratten. Stephen Baxters Ideenreichtum scheint unerschöpflich.

Es ist ein besonderes Buch, das der Heyne Verlag hier präsentiert, denn für viele Leser mag die Anordnung der Geschichten etwas wirr und unglücklich erscheinen, da sie kreuz und quer auf den Schnellleser wirken. Wie oben schon erwähnt, muss man sich bei diesen Geschichten aber eben Zeit nehmen und sich vor allem darauf einlassen. Wer Baxter kennt, weiß um seine Gedankengänge und kann die vielfältige Zusammenstellung durchaus verkraften. Der unaufmerksame Leser könnte sich in genau diesem unübersichtlichen Sammelsurium aus Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft verirren und die Lust an diesen fantastischen Geschichten verlieren. Man sollte unbedingt berücksichtigen, dass jede einzelne Geschichte einen ganz eigenen Ausgangspunkt und ein eigenes Ziel verfolgt. Nur so ist ein Genuss gewährleistet. Baxter berührt den Leser tief in seinem Inneren und lässt uns klein erscheinen, wie er es auch des Öfteren in seinen anderen Werken mit uns macht. 😉

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Fazit: Beeindruckende Geschichtensammlung, die jedoch nichts für zwischendurch ist und Aufmerksamkeit erfordert.

©2019 Wolfgang Brunner für Buchwelten