Seelenfänger von Andreas Brandhorst

seelenfänger

Erschienen als Taschenbuch
im Piper-Verlag
insgesamt 640 Seiten
Preis: 10,00 €
ISBN: 978-3-492-28188-1
Kategorie: Thriller, Science Fiction

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Zacharis Calm ist ein sogenannter Traveller. Er kann sich mithilfe einer Droge in den Seelenzustand eines Menschen versetzten und sieht dessen Psyche wie eine eigene Welt vor sich, in der er sich auch frei bewegen kann. Als Zacharias zusammen mit Kollegin und Psychologin Florence in die psychische Welt eines Komapatienten eindringt, trifft er auf einen mysteriösen Feind, der die Realität, in der die Menschen leben, zerstören will …

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Brandhorst schreibt Geschichten, die eigentlich nicht schreibbar sind. 😉
Mit „Seelenfänger“ beweist er dies erneut. Andreas Brandhorst MUSS Filmfan sein, sonst wären die Anspielungen auf Filme wie „Matrix“, „Inception“, „Avatar“ oder „Tron“ nicht erklärbar. Das Gute daran ist: Brandhorst kopiert nicht, sondern verbeugt sich vor diesen cineastischen Meilensteinen. Im Falle von „Seelenfänger“ macht das einen unglaublichen Spaß und sobald man sich auf die schräge Handlung eingelassen hat, kann man sich nicht mehr davon losreißen.

Andreas Brandhorst nimmt uns auf unglaubliche Reisen mit, die sich durch seinen bildhaften Schreibstil im Kopf der Leser ausbreiten, als sähen sie tatsächlich einen Film voller Computereffekte. Obgleich einem die Story an ein paar Stellen extrem verwirrend vorkommt, vermag der Leser, der sich darauf einlassen kann, das Ganze am Ende doch auf geheimnisvolle Weise verstehen. Das ist eine Kunst, die nur wenige Autoren beherrschen: Brandhorst gehört dazu. Er wirkt auf mich fast wie ein deutscher Iain Banks.

Wer sich auf Fantasiewelten und unmöglich Erscheinendes einlassen kann, wird mit einem wahren Feuerwerk an Ideen und Welten belohnt, dem man sich schwer entziehen kann. Der Suchtfaktor bei diesem Roman ist sehr groß. Andreas Brandhorst kann mit seinem Werk zwar Tad Williams genialer „Otherland“-Reihe nicht das Wasser reichen, aber er schafft mit seinem Science Fiction-Thriller zumindest etwas Ähnliches: Der Leser kann sich fallenlassen und in fremde Welten entschweben, um darüber nachdenken, was real und was surreal ist.
Ein unerschöpflicher Einfallsreichtum beschert großes Kopfkino, das man mal „gesehen“ haben sollte. Für mich ein großer SF-Roman aus Deutschland, der sich vor internationaler Konkurrenz nicht verstecken braucht.

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Fazit: Mit einer Mischung aus „Inception“ und „Matrix“ entführt Andreas Brandhorst seine Leser in unglaublich vielfältige Realitäten. Ein Roman zum Nachdenken, aber auch zum Fallenlassen und Genießen.

© 2015  Wolfgang Brunner für Buchwelten

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Terra von T.S. Orgel

terra

Erschienen als Taschenbuch
im Heyne-Verlag
insgesamt 508 Seiten
Preis: 14,99 €
ISBN: 978-3-453-31967-7
Kategorie: Science Fiction

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In der Zukunft ist die Erde ist ein ökologisches Wrack und die Menschen haben den Mond mittlerweile bevölkert. Die Bewohnbarkeit des Mars hat höchste Priorität.
Jak ist Mechaniker und transportiert an Bord eines vollautomatischen Raumfrachters Rohstoffe vom Mars zur Erde. Eines Tages entdeckt er, das sich zwischen den zwei Millionen Tonnen Erz ein Container befindet, in dem Bomben lagern. Er kontaktiert seine Schwester Sal, die als Marshal auf dem Mond stationiert ist. Sie kommen einer riesigen Verschwörung auf die Spur und ein Wettlauf um die Zukunft der Menschheit beginnt …

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„Terra“ ist mein erstes Buch der Gebrüder Orgel und ich muss sagen, dass sie mich mit ihrem flüssigen Schreibstil und ihrer besonderen Art von Humor schon nach den ersten Seiten überzeugt haben. Der Plot wirkt glaubwürdig, wenngleich er an ein paar Stellen etwas weit hergeholt wirken mag, und nimmt den Leser mit auf eine spannende Reise durchs Weltall. Abseits von Weltraumschlachten inszenieren die beiden Autoren ein Szenario, das erschreckend ist und bei genauerer Betrachtung auch epische Ausmaße annimmt. Die Charaktere der Protagonisten sind sehr authentisch beschrieben und man meint schon bald, sie auf gewisse Art und Weise zu kennen. Die Gebrüder Orgel haben ihren Einstieg ins Science Fiction-Genre souverän geschafft. Interessant ist nämlich, dass, obwohl im Grunde genommen nicht wirklich viel passiert, man das Buch schwer aus der Hand legen kann.

Jak erinnerte mich oft an Han Solo aus Star Wars, was unter Umständen sogar von den beiden Autoren so beabsichtigt war. Und das ist auch schon der Stichpunkt für einen großen Pluspunkt des Romans, der mir persönlich total zugesagt hat und die beiden Autorenbrüder absolut sympathisch macht: Es handelt sich dabei um die zahlreichen Anspielungen einer SF-Popkultur vergangener Jahrzehnte. Nicht nur das erwähnte Star Wars-Franchise, sondern auch „Star Trek“ oder „Blade Runner“, um nur ein paar zu nennen, finden sich zwischen den Zeilen, so dass es eine wahre Freude ist. Aber nicht nur SF-Zitate finden in diesem Roman Platz, auch Klassiker der Literatur wie „Moby Dick“ lassen sich darin finden.
Der Schauplatz des einsamen Frachters, in dem sich Jak aufhält, wirkt wie ein Crossover aus „Space Truckers“ (mit Dennis Hopper) und „Outland“ (mit Sean Connery). Ich hatte gerade bei diesem Aspekt des Romans wahnsinnigen Spaß und habe es förmlich genossen, mir Gedanken darüber zu machen, an welches Buch oder welchen Film die beiden Autoren gerade dachten, als sie die entsprechende Szene niederschrieben. Das hat schon fast Kultcharakter.

Sicherlich erfinden die Gebrüder Orgel das Science Fiction-Genre nicht neu, aber sie spielen geschickt mit gängigen Klischees und neuen Ansätzen, was die Zukunft der Erde und die Entwicklung der Menschheit angeht. Vor allem die (witzigen) Beschreibungen der Künstlichen Intelligenzen machen „Terra“ zu einem überaus unterhaltsamen, aber auch streckenweise amüsanten Abenteuer.  Und obwohl die Autoren hin und wieder technische Erklärungen abliefern, wirken diese niemals ermüdend oder unverständlich. Im Gegenteil, sie passen sich dem Tempo der Haupthandlung an und werden da, wo es passt, eingeworfen, um das Geschehen verständlicher zu machen. Ich hatte zu keiner Zeit irgendwelche Probleme, der Handlung zu folgen oder irgendetwas nicht zu verstehen. Da gibt es andere „Kaliber“ im SF-Bereich, die bedeutend schwieriger zu lesen sind.
Noch ein kurzes Wort zur Aufmachung des Buches: Das Titelbild ist geradezu hypnotisch und veranlasst den Leser (zumindest war es bei mir so 😉 ) immer wieder mal zwischendurch einen Blick darauf zu werfen. Es ist wirklich äußerst gelungen, wenngleich es nicht hundertprozentig zur Handlung passt. Aber es fängt definitiv die Stimmung des Werks ein. Hinzu kommt, dass die Seiten am Rand gelb eingefärbt sind, was dem Buch ein besonderes Aussehen verleiht. Insgesamt ein absolut gelungener Einstieg ins SF-Genre. Ich werde mit Sicherheit noch weitere Bücher von T.S. Orgel lesen, da sie mich mit ihrem Schreibstil begeistert haben.
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Fazit: Stimmungsvoller SF-Roman von T.S. Orgel, der absolut überzeugt.

© 2019 Wolfgang Brunner für Buchwelten

Befreiung von Peter F. Hamilton

Befreiung

Erschienen als Taschenbuch
bei Piper
insgesamt 654 Seiten
Preis:  20,00  €
ISBN: 978-3-492-70505-9
Kategorie: Science Fiction

Im 22. Jahrhundert haben die Menschen begonnen, Planeten zu terraformen. Durch technisch ausgeklügelte Portalsysteme können Reisende zwischen diesen Welten hin- und herspringen. Bei der weiteren Erforschung des Alls stoßen die Menschen auf ein außerirdisches Schiff einer uralten Rasse, die sich Olyix nennt und auf einer Reise bis zum Ende des Weltraums befindet. Doch die Olyix sind nicht so friedlich gesinnt, wie die Menschheit zuerst meint.

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„Befreiung“ ist der Beginn einer neuen, episch angelegten Science-Fiction-Saga aus der Feder von Bestsellerautor Peter F. Hamilton.
Wer Peter F Hamilton kennt, weiß was ihn erwartet: Nämlich ausufernde und detaillierte Beschreibungen von Personen, Örtlichkeiten und Begebenheiten. Fast möchte man Hamilton als Thomas Mann der Science-Fiction bezeichnen. Für den ein oder anderen Leser entpuppt sich seine Detailverliebtheit als pure Herausforderung, denn wer Action erwartet, ist mit Hamiltons Büchern, zumindest mit diesem ersten Band seiner neuen Saga, schlecht bedient. Hamilton geht die Sache aber eigentlich immer anders an als ähnliche Autoren. Er nimmt sich Zeit in seinen Romanen beziehungsweise seinen Romanreihen und entwickelt seine Charaktere mit Tiefe. Außerdem erschafft er ein Universum für den Leser, das auf ein episches Abenteuer hindeutet.
Hamilton muss man einfach mögen, um seinen äußerst genauen Beschreibungen mit Genuß zu folgen.

Dieser Romabn ist der Auftakt zu einer neuen Romanserie. Und, wie schon erwähnt, wenn man Hamilton kennt, kann man von vorneherein davon ausgehen dass er sich für die Entwicklung seiner Geschichte einfach enorm viel Zeit nimmt. Aber genau das dürfte für viele Leser und Neueinsteiger in Hamiltons neuestem Werk wieder einmal ein Problem darstellen, denn es ist tatsächlich zum Teil sehr ermüdend, wie tief der Autor bei manchen Stellen ins Detail geht. Schwierig dürfte es auch für den ein oder anderen Leser sein, den verschiedenen Handlungssträngen zu folgen, die nämlich im ersten Moment wenig Sinn ergeben und keinerlei Zusammenhang zum Rest des Buches zeigen. Fakt ist aber, dass sich das Durchhalten lohnt, denn wenn man am Ende des Romans angekommen ist, erschließt sich (wie so oft bei Peter F. Hamilton) einem die komplette Vielfalt des Universums, die vorher scheinbar keinen Sinn ergeben hat.

Erfreulicherweise hat es der Verlag dieses Mal geschafft, diesen Roman als ersten Teil einer Buchreihe zu betiteln. So bleibt es einem erspart, dass man am Ende des Buches enttäuscht ist, wenn man erfährt, dass die Geschichte noch lange nicht zu Ende ist. Hamiltons Schreibstil zeigt wie gewohnt ein hohes Niveau und verlangt die volle Aufmerksamkeit des Lesers. „Befreiung“ ist kein Buch für zwischendurch oder gar nebenbei. Man muss konsequent bei der Handlung bleiben, sonst verliert man sowohl die Übersicht als auch das Interesse. „Befreiung“ ist für mich Science Fiction, wie ich sie mir eigentlich wünsche: Eine intelligent durchdachte und gut entwickelte Zukunftsvision. Das bedeutet nicht, dass ich keine actionlastigen Raumschlachten á la „Star Wars“ mag, aber Hamilton geht eindeutig einen anderen Weg, der im Nachhinein immer bombastischer und epischer wirkt als ein „einfacher“ SF-Roman.

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Fazit: Zwar etwas langatmiger und detaillierter Einstieg in eine neue Buchreihe. Für Fans aber ein absolutes Muss

© 2019 Wolfgang Brunner für Buchwelten

Der verrückte Stan von Richard Laymon

9783865527059

Erschienen als Taschenbuch
im FESTA Verlag
506 Seiten
14,99 €
ISBN: 978-3-86552-705-9
Kategorie: Horror, Kurzgeschichten

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23 Geschichichten aus der Feder des Kultautors Richard Laymon.
– Die Seejungfrau
– Blarney
– Dracusons Chauffeurin
– Pannenhelfer
– Stickman
– Der verrückte Stan
– Der Verehrer
– Gutenachtgeschichten
– Dinker’s Pond
– Schlechte Nachrichten
– Speisesaal
– Schnitt!
– Die Annonce
– Die Anhalterin
– Am Set von Vampire Night
– Der Junge, der Twilight Zone liebte
– Der Job
– Zehn Mücken, dass du’s nicht machst
– Choppie
– Hammerhead
– Der Henker
– Die lebenden Toten
– Doppeldate
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Wie schon in „Unerbittliche Geschichten“ (ebenfalls im Festa-Verlag erschienen) weiß Richard Laymon auch mit diesen Kurzgeschichten wieder größtenteils zu überzeugen. Sicherlich bleiben nicht alle Stories gleichermaßen im Gedächtnis haften, aber den Großteil davon behält man definitiv in Erinnerung. Die Qualität der einzelnen Geschichten schwankt zwischen annehmbar und hervorragend, so dass sich eine Beurteilung des hier vorliegenden Gesamtwerks leider schlecht vornehmen lässt. Aber auch wenn die ein oder andere Story einen nicht umhaut, so spiegeln sie dennoch das Universum wider, in dem sich der Schriftsteller Richard Laymon Zeit seines Lebens aufgehalten hat. Und wenn man die Geschichten unter diesem Aspekt sieht, bekommen sie gleich einen ganz anderen Stellenwert – zumindest verhielt es sich bei mir so. Ich habe das Buch jedenfalls durchgehend genossen und hatte definitiv Spaß dabei. Nun aber noch kurz zu den einzelnen Geschichten:

Den typischen Laymon-Flair findet man fast in allen Geschichten. „Die Seejungfrau“ erinnerte mich zum Beispiel an die Atmosphäre der „Freitag, der 13.“-Filme. „Blarney“ mit der gruseligen Burg als Schauplatz hatte dann eher den Touch einer Kurzgeschichte aus der Feder von Bram Stoker. Ebenso wie „Dracusons Chauffeurin“, was aller Wahrscheinlichkeit nach auch so beabsichtigt ist. „Pannenhelfer“ ist eine eher unbedeutende Story, die man aus einer Vielzahl von Filmen kennt. Dennoch liest sie sich sehr gut und bietet auch noch ein unerwartetes Ende. „Stickman“ reiht sich ebenfalls in die Art von Geschichten ein, die man einfach von der Handlung her schon irgendwie kennt. Das heißt aber nicht, dass diese Erzählungen nicht gut sind, sie bieten schlichtweg nichts Neues. Die titelgebende Geschichte „Der verrückte Stan“  hat mir persönlich wieder sehr gut gefallen und brachte die Stimmung der 80er Jahre Horrorfilme ein wenig zurück (was ich sowieso sehr mag 😉 ). „Der Verehrer“ ist schon bald wieder aus dem Gedächtnis verschwunden, so unbedeutend ist der Plot. Ebenso verhält es sich leider mit den nachfolgenden „Gutenachtgeschichten“ und „Dinker’s Pond“ – es bleibt nichts davon wirklich hängen. „Schlechte Nachrichten“ hingegen schildert eine Endzeitvision, die es in sich hat und an die man sich dann auch wirklich nach Beendigung des Buches erinnert. „Speisesaal“ ist stimmungsvoll und gleitet immer mehr in einen abstrusen Trip ab, der an die Filme von David Lynch oder Ken Russell erinnert. Ist mit Sicherheit nicht jedermanns Geschmack, aber für Laymon teilweise innovativ und experimentierfreudig. „Schnitt!“ hat mir dann wieder unheimlich Spaß gemacht, zumal sich Laymon hier vor Alfred Hitchcock verneigt. „Die Annonce“ ist ein wilder, erotischer Sextrip, der zwar kurz ist, es aber nichtsdestoweniger in sich hat. „Die Anhalterin“ entspricht dem Film „Hitcher – Der Highwaykiller“ in literarischer Form – nett zu lesen, aber wieder nichts Neues. „Am Set von Vampire Night“ dürfte für viele extrem langweilig sein, ich als Filmfan hatte meine wahre Freude daran (wie anscheinend Richard Laymon selbst auch 😉 ).
„Der Junge, der Twilight Zone liebte“ ist eine liebevolle Huldigung an die Kultserie mit einem für mich sehr coolen Ende. „Der Job“ ist eigentlich nicht der Rede wert, wohingegen „Zehn Mücken, dass Du’s nicht machst“ wieder einmal die Atmosphäre alter Horrorfilme verströmt. „Choppie“ ist eine nette kleine Lagerfeuergeschichte und im Gegensatz zu „Hammerhead“ seicht. Letztere besticht durch eine eindrucksvolle Erzählweise. „Der Henker“ und „Die lebenden Toten“ haben mir gut gefallen, aber auch sie , vor allem die letztere der beiden, vergisst man schnell wieder. „Doppeldate“ beendet diesen Sammelband an Kurzgeschichten und stellt für mich den Höhepunkt dar. Erfreulicherweise ist sie auch die längste Geschichte. Hier spürt man wieder den typischen Laymon-Flair.

Insgesamt gesehen handelt es sich bei „Der verrückte Stan“ zwar um eine eher durchschnittliche Kurzgeschichtensammlung, die aber dennoch absolut zu unterhalten vermag. Festa sei Dank haben diese Storys eine Veröffentlichung erfahren, die den Laymon-Fan absolut glücklich stimmt. Und, obwohl nicht alle Geschichten Highlights waren, werde ich dieses Buch definitiv noch einmal lesen. Trotz Schwächen und aller Kritik gibt es von mir dennoch eine ausdrückliche Leseempfehlung, zumal es den Kosmos des unvergesslichen Richard Laymon absolut erweitert.

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Fazit: Lesenswerter Ausflug in den Kurzgeschichten-Kosmos von Richard Laymon. Trotz manch schwacher Story empfehlenswert, für Fans sowieso.

© 2019 Wolfgang Brunner für Buchwelten

Georgetown – Sinnfinsternis von Reyk Jorden

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Erschienen als Taschenbuch
im Redrum Verlag
insgesamt  292 Seiten
Preis: 14,99 €
ISBN: 978-3-95957875-2
Kategorie: Horror, Thriller

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Trent Adams hasst nicht nur die Welt, sondern auch die Menschen. Und am allermeisten sich selbst. Als in seiner Heimatstadt Georgetown die Toten wieder zum Leben erwachen, betrachtet er das Geschehen zunächst einmal mit einem bitterbösen Blick. Eine Odyssee durch eine zombieverseuchte Stadt beginnt und bald ahnt Trent, , dass nicht nur die Zombies ein Problem in Georgetown sind.

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Reyk Jorden hat Philosophie, Soziologie und Anglistik studiert. Und das merkt man seinem außergewöhnlichen Zombieroman schon nach den ersten Seiten an. Auch wenn Jorden manchmal in eine etwas härtere (Umgangs-)Sprache verfällt, so ist der Großteil seiner apokalyptischen Vision in einem gehobenen Schreibstil verfasst, der, hat man sich erst einmal daran gewöhnt, sehr faszinierend auf den Leser wirkt. Jordens Roman erinnerte mich zwar oftmals an „Day Of The Dead“ des großartigen George A. Romero, geht aber dennoch eigene Wege. In erster Linie ist es dem sympathischen, wenn auch etwas menschenfeindlichen Protagonisten Trent Adams zu verdanken, dass sich „Georgetown-Sinnfinsternis“ recht schwer aus der Hand legen lässt. Zu spannend sind die relativ kurzen Kapitel gehalten, so dass man sich gezwungen sieht, noch kurz ein weiteres Kapitel zu lesen, um zu erfahren, wie die Story sich weiter entwickelt.

Reyk Jorden hat einen Roman erschaffen, der (natürlich und glücklicherweise) auch Genreklassiker, sei es nun in Film- oder Buchform, thematisiert und zitiert. Auf oftmals zynische Weise lässt sich der Autor über diverse Missstände der heutigen Gesellschaft aus und erscheint in meinen Augen fast wie ein literarischer George A. Romero, der seine sozialkritischen Aspekte geschickt in einen spannenden und blutigen Albtraum verpackt. Dadurch bedient er sowohl ein Publikum, das Wert auf reißerische Szenen legt, als auch intellektuelle Leser, die eine philosophische Botschaft in einem Werk erwarten. Jorden bewältigt diese Gratwanderung grandios, denn man wird mit „Georgetown-Sinnfinsternis“ tatsächlich in beiden belangen zufriedengestellt. Da wechseln sich Splattereinlagen mit philosophischen Gedanken ab, dass es eine wahre Freude ist. Vor allem die humoristische Art, die Reyk Jorden des Öfteren benutzt, um seinen Protagonisten zu charakterisieren, unterhält wirklich hervorragend. Vielleicht ist es gerade diese im ersten Moment absurd wirkende Mischung aus Humor und hartem, gewalttätigem Horror, die „Georgetown-Sinnfinsternis“ zu einem besonderen Zombieroman machen.

Kommen wir nun zum Ende des Romans, also zu der Auflösung. Auch wenn diese überraschende Wendung nicht unbedingt etwas Neues ist (wer kann sich in diesem Genre auch noch etwas wirklich Neues ausdenken?), so hat Jorden hier ein absolut glaubhaftes und erschreckendes Szenario entwickelte, das mich richtiggehend begeistert hat. Hinzu kommt, dass ab jenem Moment, in dem der Leser erfährt, was wirklich in Georgetown passiert, eine unglaublich dichte Atmosphäre geschaffen wird, die fast schon wie ein Film wirkt. Reyk Jorden besitzt überhaupt die Gabe, seinen Plot nahezu filmreif niederzuschreiben. Das endgültige Ende lässt kurzzeitig den Gedanken aufblitzen, dass es eventuell sogar mit Trent Adams weitergehen könnte, aber es könnte genauso gut ein deprimierendes, hoffnungsloses und offenes Ende darstellen, das dem Gesamteindruck des Romans entsprechen würde. Jorden ist auf alle Fälle ein Schriftsteller, den man im Auge behalten sollte, denn durch seine nicht alltägliche Schreibweise hebt er sich definitiv und wohltuend von anderen Genre-Autoren ab. „Georgetown-Sinnfinsternis“ macht Spaß, regt zum Nachdenken an und schockiert an manchen Stellen. Genau diese Mischung macht den Reiz dieses Romans aus.

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Fazit: Brutaler, atmosphärischer und philosophischer Zombieroman der etwas anderen Art.

© 2019 Wolfgang Brunner für Buchwelten

Solo von Mur Lafferty

9783764532123

Erschienen als Taschenbuch
im Penhaligon Verlag
insgesamt 348 Seiten
Preis: 15,00 €
ISBN: 978-3-7645-3212-3
Kategorie: Science Fiction

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Der junge Han Solo träumt von einem eigenen Raumschiff, um seinen Heimatplaneten Corellia zu verlassen und das Universum entdecken. Doch sein Leben ist erfüllt von Armut und Verbrechen, sodass dieser Traum unmöglich erscheint. Zusammen mit Qi’ra, die er zufällig kennenlernt, wagt er schließlich die Flucht. Doch durch Qi’ra gerät Han Solo noch immer mehr in die Welt der Schmuggler und Verbrecher. Qi’ra und Han planen einen Raubüberfall, um dem Ganzen zu entkommen. Doch es läuft nicht so, wie die beiden dachten …

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Mur Lafferty legt nach „Rogue One“ (den sie allerdings nicht verfasst hat) mit „Solo“ das zweite Spin-Off des „neuen“ Star Wars Universum in Buchform vor. Wie gewohnt, wird auch dieses Abenteuer nicht stur nach dem Film nacherzählt, sondern bildet zusätzlich einen eigenen Plot, der das Filmerlebnis erweitert. Laffertys Schreibstil ist sehr angenehm und kurzweilig, so dass absolut keine Längen im Buch vorkommen, wenngleich der Abenteuerfaktor so manches Mal doch ein wenig zu kurz kommt. Das tut aber dem Vorankommen der Handlung absolut keinen Abbruch, zumal die Autorin die Charaktere sehr schön, detailliert und auch glaubhaft ausgearbeitet hat. Echte Star Wars-Fans werden, wieder einmal, davon enttäuscht sein, dass der Disney-Strang der Saga sämtliche vorangegangenen Bücher, die in diesem Universum spielten, einfach übergeht und bestimmte Dinge nun anders geschildert werden. Das ist für eingefleischte Fans schade, für alle anderen nicht von Bedeutung. 😉

Manch einer wird denken, dass das „echte“ Star Wars-Feeling ein wenig fehlt. Ich sehe das allerdings ein wenig anders, weil ich solche Bücher immer als zusätzliche Quelle im unendlichen Star Wars-Universum ansehe und sich dort eben auch unterschiedliche Geschichten zutragen. Ich habe das Buch auf jeden Fall genossen, vor allem auch, weil es ein Wiedersehen mit Lando Calrissian und natürlich Chewbacca gibt. Solos Abenteuer aus einer Zeit, in der er noch ein junger Mann war, ist absolut unterhaltend und kurzweilig. Gerade die Entwicklung seines Charakters, wie er nämlich zu dem Han Solo wird, den wir aus den später angesiedelten Filmen dann kennen, ist der Autorin sehr gut gelungen. Mur Lafferty nimmt auch kein Blatt vor den Mund, wenn es um die Schilderung von brutalen Kriegshandlungen geht. Da geht es bedeutend härter zu als im Film, der die Vorlage zu diesem Roman darstellt. Wie bei allen Büchern zu Star Wars-Filmen empfinde ich auch „Solo“ als optimale Ergänzung.

Vor allem die Szenen, in denen sich Han und Chewbacca kennenlernen, kommen sehr bewegend rüber. Der Plot ist sehr geradlinig und passt sich der ursprünglichen Trilogie weitestgehend an. Alles, was den Han Solo, den wir letztendlich aus George Lucas‘ Kultfilmen kennen, ausmacht, ist in diesem Buch vertreten. Wer den Film liebt, wird auch dieses Buch lieben. Ich habe diese Romanfassung von „Solo“ ähnlich empfunden wie den Roman zu „Die letzten Jedi“ – nämlich zum einen als Auffrischung des Films und zum anderen als zusätzliche Vertiefung der Story. Es wurden einige Szenen im Buch hinzugefügt, die im Film fehlen, die sozusagen zwischen verschiedenen Begebenheiten stattfanden. Der Roman geht manches Mal näher auf Geschehnisse ein, als sie im Film behandelt wurden und verleiht der Geschichte dadurch mehr Tiefe. Für Star Wars-Fans ist dieses Buch eigentlich ein Muss, für Han Solo-Anhänger sowieso. 😉

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Fazit: Toller Zusatz zum Film mit kleinen Mängeln.

© 2019 Wolfgang Brunner für Buchwelten

Der Erschaffer von Andrew Bannister

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Erschienen als Taschenbuch
im Piper Verlag
398 Seiten
17,00 €
ISBN: 978-3-492-70412-0
Kategorie: Science Fiction

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Die Spin-Galaxie ist vom Untergang bedroht. Die Bewohner flüchten in virtuelleWelten. sogenannte Vrealitäten. Doch die riesigen Server, die diese konstant wachsenden virtuellen Realitäten instand halten, stellen sich schon bald als Bedrohung heraus, denn sie verschlucken gewaltige Mengen an Energie. Ein Krieg zwischen der Realität und den virtuellen Welten entbrennt. Skarbo, eine insektenartige Kreatur, erkennt die gefahr eines drohenden Untergangs  und begibt sich auf eine Reise in den Spin, um die Menschheit zu retten und zwischen den beiden Welten zu vermitteln …

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Mir dem vorliegenden Band wird die Spin-Trilogie von Andrew Bannister beendet. Und wieder benötigt der Leser Geduld auf vor allem Aufmerksamkeit, um der komplexen und komplizierten Handlung folgen zu können. „Die Erschaffer“ liest sich erst einmal wie ein eigenständiger Roman, bei dem man die Zusammenhänge des „großen Ganzen“ zu den ersten beiden Bänden der Trilogie erst am Ende wieder so richtig herstellt. Bannister gelingt ein faszinierender Ausflug in eine Zukunft, die erschreckend und interessant gleichermaßen ist. Der abschließende Band der Spin-Trilogie steckt, wie schon seine Vorgänger, wieder voller innovativer Ideen, die sich erst im Nachhinein (zumindest war es bei mir so) so richtig entfalten. Oft fühlte ich mich an Werke wie Tad Williams „Otherland“ oder Dan Wells‘ „Mirador“-Romane erinnert, was höchstwahrscheinlich an der Thematik „Virtuelle Realität“ liegt. Bannister behandelt dieses Thema aber auf eine ganz eigene Weise, so dass mein Vergleich genau genommen hinkt.

„Die Erschaffer“ könnte auf den ein oder anderen Leser manchmal ermüdend wirken, weil die Beschreibungen kompliziert und unverständlich erscheinen, wenn man sie nicht genau liest. Auch die Personen sollte man immer im Auge behalten, um der Handlung folgen zu können. „Die Erschaffer“ ist kein Buch für zwischendurch, dazu ist es zu komplex. Wer zum Beispiel „Die Auflösung“ von Benjamin Rosenbaum gelesen hat (ebenfalls im Piper Verlag erschienen), weiß, was ich meine. Es hat keine Zweck, dieses Buch als „Lückenfüller“ für ein paar freie Minuten Lesezeit zu benutzen, denn dann verliert man schnell den Überblick und natürlich auch die Lust an diesem Abenteuer. Trotz des sehr guten Schreibstils bleibt aber auch der aufmerksame Leser an manchen Stellen ratlos zurück und weiß nicht genau, was der Autor eigentlich erzählen will. Es gibt zwei Handlungsstränge, von denen man meint, dass sie sich irgendwann eigentlich verbinden müssen. Letztendlich passiert das auch in gewisser Weise, aber Bannister lässt seine Leser dennoch im Unklaren. Das mag beabsichtigt sein und regt auch definitiv zum Nachdenken an, aber es zermürbt leider auch ein wenig.

Andrew Bannister kann eindeutig Geschichten erzählen und auch hier steckt vieles zwischen den Zeilen (zumindest wage ich das zu behaupten 😉 ).  Manchmal scheint es, als wären Bannister die eigenen Ideen über den Kopf hinausgewachsen, was ich in diesem Falle als positiv bemerken möchte, denn das dreibändige Gesamtwerk über den Spin erweist sich nachträglich als eine epische Space Opera, die sich mit der (technischen und emotionalen) Entwicklung der Menschheit beschäftigt und diese in einer konsequenten Art und Weise zu einem deprimierenden Ende bringt. Ich wage den Schritt und äußere meine Vermutung, den Originaltitel „The Stone Clock“ betreffend. Ich für meine Person würde Bannisters Trilogie dahingehend interpretieren, dass sich die Menschheit trotz aller ausgefeilten technischen Errungenschaft zurück in die Steinzeit entwickelt. Das Ende der Spin-Galaxie könnte auch ein Neuanfang sein, bei dem der Mensch noch einmal ganz von vorne beginnt. Ich bin nicht sicher, ob ich mit meiner Lösung / Interpretation richtig liege, aber sie verschafft mir zumindest ein gutes Gefühl und lässt die Trilogie in einem logischen Licht erscheinen. Lesenswert sind die Bücher, und eben auch der hier vorliegende abschließende Band, auf alle Fälle, wenngleich sie für manchen Leser eine Herausforderung darstellen könnten. Ich habe die Zeit im Spin definitiv genossen und freue mich schon auf (hoffentlich) weitere Werke des Autors.

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Fazit: Lesenswerter Abschlussband der Trilogie, der die uneingeschränkte Aufmerksamkeit des Lesers erfordert und jede Menge Interpretationen zulässt.

© 2019 Wolfgang Brunner für Buchwelten

Wanda von Karl May

wanda

Erschienen als Taschenbuch
in der edition oberkassel
insgesamt 204 Seiten
Preis: 12,00 €
ISBN: 978-395813-1583
Kategorie: Krimi, Bellettristik

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Wanda von Chlowicki wird in der kleinen Stadt, in der sie lebt, auch gerne die wilde Polin genannt. Sie ist die Tochter des Barons von Chlowicki und besitzt schönes, blondes Haar. Wanda ist dem Herrn von Säumen versprochen, hat aber eher ein Auge auf den Schornsteinfeger Emil Winter geworfen, der mutig und uneigennützig in Erscheinung tritt. Das imponiert Wanda und Emil gewinnt ihre Zuneigung. Irgendwann stellt sich heraus, dass Wandas Verlobter in zwielichtige Geschäfte verwickelt ist und schon bald muss Wanda sogar um ihr Leben fürchten. Doch sie hat glücklicherweise Emil Winter an ihrer Seite, der ihr in fast allen gefährlichen Situationen zu Hilfe eilt …

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Glücklicherweise legt die „edition oberkassel“ einen leider etwas in Vergessenheit geratenen Krimi von Karl May neu auf. „Wanda“ ist ein wunderbares Zeitzeugnis, dass sich dem Leser schon alleine durch die Ausdrucksweise des bekannten Schriftstellers eröffnet. Es macht unglaublichen Spaß, in der Vergangenheit zu versinken und sich dem Kriminalfall um die schöne Polin Wanda hinzugeben. Karl May konnte nicht nur Abenteuerromane, die im Wilden Westen oder Orient spielten, schreiben, sondern auch deutsche Geschichten erzählen. Die vorliegende Novelle „Wanda“ ist eine Mischung aus Krimi, Abenteuer- und Liebesroman, was dem Ganzen eine angenehme Kurzweile verleiht. Wer sich mit Karl May ein wenig auskennt, wird auch hier den ein oder anderen Charakterzug des Autors selbst erkennen, den er einer seiner Personen verliehen hat.

Bei „Wanda“ handelt es sich um eine frühe Erzählung Karl Mays, der mit seinen Winnetou-Romanen später Weltruhm erlangte. Dieser Kurzroman wurde auch unter den Titeln „Die wilde Polin“ oder „Ein Kampf im Ballon“ publiziert, wobei der schlichte Name der Protagonistin definitiv am besten passt. Man merkt dem Werk eine gewisse Unschlüssigkeit und Unausgereiftheit an, die sich allerdings weniger auf der sprachlichen Ebene abspielt, sondern an der teils unausgegorenen Handlung, die sich einfach nicht entscheiden kann, welchem Genre sie denn genau angehören möchte. 😉
Nichtsdestotrotz stellt „Wanda“ ein äußerst kurzweiliges Leseerlebnis dar, das durch seine bildhaften Beschreibungen ein Abenteuergefühl aufkommen lässt, das an Jules Verne erinnert. Oftmals dachte ich, gerade bei der Ballonfahrt gegen Ende der Novelle, dass Verne eindeutig Inspirationsquelle für Karl May gewesen ist.

An manchen Stellen bekam ich den Eindruck, als würde May in seiner Geschichte auch eine Art Gesellschaftskritik ausüben, in dem er nämlich die Liebe zwischen einem „armen“ Mann zu einer adeligen Frau gutheißt und sich damit über die damals gängigen Konventionen hinwegsetzt. „Wanda“ ist im Grunde genommen, zumindest aus meiner Sicht, eine schöne Liebesgeschichte, die den Kriminalhintergrund als Aufhänger benutzt, um nicht allzu langweilig und schnulzig zu wirken.  Sicherlich wirkt „Wanda“ an manchen Stellen ein wenig unbeholfen, da es sich schlichtweg um ein Frühwerk handelt und die spätere Reife Mays noch nicht zum Vorschein gekommen war, aber man spürt defintiv das Können, das in diesem jungen Autor schlummerte. Die Erzählung ist oftmals stockend, weil der leichte Erzählfluss des selbstbewussten Karl May der späteren Zeit fehlt. Aber sieht man die Geschichte als einen der ersten Versuche Mays, sich schriftstellerisch zu betätigen, so muss man ununwunden eingestehen, dass schon damals großes Talent in ihm steckte.
„Wanda“ ist ganz einfach eine Zeitreise zurück in die Vergangenheit, als ein großer Erzähler seine ersten Schritte wagte und sich auf der literarischen Bühne einen Namen machen wollte (was ihm ja auch gelang). Dank der „edition oberkassel“ ist diese Novelle wieder erhältlich und stellt für jeden Karl May-Fan ein Muss dar. Allen anderen sei gesagt, dass sich dieser, auf charmante Art und Weise unbeholfene Liebeskrimi defiitiv lohnt, um einen Einblick in das „andere Schaffenswerk“ Karl Mays zu bekommen, das sich weitab von Winnetou bewegt.

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Fazit: Sehr kurzweilige Novelle, die Krimi, Liebesgeschichte und Abenteuer vermischt und einen interessanten Einblick in das Frühwerk Karl Mays gibt.

© 2018 Wolfgang Brunner für Buchwelten

Joe von Larry Brown

joe

Erschienen als gebundene Ausgabe
im Heyne-Verlag
insgesamt 345 Seiten
Preis: 22,00 €
ISBN: 978-3-453-27176-0
Kategorie: Belletristik, Thriller, Drama

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Joe Ransoms Leben besteht aus regelmäßigem Alkoholkonsum, einer kaputten Ehe und Gewalttätigkeiten. Als er dem fünfzehnjährigen Gary einen Job in seinem Forstbetrieb anbietet, erwacht der Beschützerinstinkt in Joe. Denn Garys Eltern sind alkohol- und drogensüchtige Herumtreiber, die keinerlei Rücksicht auf das Wohl ihrer Kinder nehmen. Joe fühlt sich immer mehr verpflichtet, sich um Gary zu kümmern, damit dieser eventuell einen besseren Weg als seine Eltern einschlagen kann …

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Larry Browns zweiter ins Deutsche übersetzte Roman „Joe“ kann in der gleichen Art wie sein Vorgänger „Fay“ von der ersten Seite an uneingeschränkt überzeugen. Brown schafft schon bei seinen ersten Kapiteln eine unglaublich dichte und realitätsnahe Atmosphäre, der man sich absolut nicht mehr entziehen kann. man fühlt mit den Protagonisten und möchte wissen, wie es ihnen weiter ergeht, wie sie es schaffen, in ihrer rauen Welt zu überleben. Wahnsinn, wie intensiv Larry Brown die Gedankenwelt seiner Protagonisten und die Umgebung, in der sie leben, beschreibt. Man riecht den Dreck, spürt die unangenehmen Seiten eines solchen Lebens während des Lesens und möchte nur allzu gerne in die Handlung eingreifen und seine Hilfe anbieten. „Joe“ schließt sich nahtlos in seiner Machart an „Fay“ an, der mich übrigens seinerzeit in gleicher Weise begeistert hat.

Larry Brown wirft seine Leser in eine triste, unangenehme Welt voller Alkohol- und Gewaltexszesse, in der man sich dennoch unglaublich wohl fühlt, weil man eine ungeheuerliche Nähe zu den Personen (den Vater einmal ausgenommen) bekommt. „Joe“ ist ein äußerst deprimierendes Werk, das im Grunde genommen trostloser nicht sein kann. Larry Browns brutale, asoziale Welt beinhaltet aber auch auf wundersame Weise Romantik, Nostalgie und auch irgendwie Hoffnung, wenngleich diese sehr schwer aus den Zeilen herauszulesen ist. Letztendlich überwiegt die schonungslose Hoffnungslosigkeit in dieser Geschichte. Und am Ende weiß man, dass es niemals so etwas wie ein Happy End für die Protagonisten geben wird. „Joe“ ist aber auch eine Geschichte über „falsche“, unfähige Eltern und einen Mann, der versucht, seine eigenen Fehler wieder gut zu machen, in dem er einem Jungen hilft, der ein besseres Leben verdient hat. Es ist erstaunlich, wie detailliert und bildhaft Larry Brown die Welt der untersten Schicht darstellen kann, so dass man ihm jedes, wirklich jedes, Wort und Geschehen abnimmt. Die Dialoge zwischen den Personen wirken teilweise so realitätsnah, dass man meint, einen Tatsachenbericht zu lesen.

Es ist schon verwunderlich, dass Romane wie dieser und Autoren wie Larry Brown relativ erfolglos sind. Vor allem durch den sehr direkten, aber wunderbar flüssigen Schreibstil und die hervorragende Ausarbeitung seiner Charaktere hätte Brown ein Millionenpublikum verdient. Ebenso wie übrigens die kongeniale Verfilmung dieses Romans durch Regisseur David Gordon Green mit Nicholas Cage in der Rolle des Joe Ransom. Cage ist diese Rolle wie auf den Leib geschrieben und vielleicht hatte Larry Brown ihn sogar vor Augen, als er seinen Roman schrieb, denn angeblich war Cage sein Lieblingsschauspieler. Roman und Film ergänzen sich hervorragend und vermitteln beide das gleiche trostlose Bild jener unteren Bevölkerungsschicht, in der nur das eigene Überleben und Wohlergehen zählt. Ich freue mich wahnsinnig, dass Heyne diesen wunderbaren Schriftsteller entdeckt hat und in ihrer Reihe „Heyne Hardcore“ veröffentlicht. Larry Brown macht, trotz seiner deprimierenden Geschichten, einfach süchtig und ich hoffe, dass uns der Verlag noch viele seiner Bücher beschert. Ein paar Romane und einige Kurzgeschichten hat er schließlich verfasst, die darauf warten, ins Deutsche übersetzt zu werden. Die immer wiederkehrenden Vergleiche mit William Faulkner oder Flannery O’Connor kann man ohne weiteres auf gewisse Art und Weise bestätigen, aber letztendlich besitzt Larry Brown einen unvergleichlichen, eigenen Stil, der seinesgleichen sucht. Interessant ist übrigens auch die Verbindung zwischen „Joe“ und „Fay“, die Browns Universum sozusagen ergänzt, erweitert, ja vervollkommnet. Ich bin schon wirklich sehr auf weitere Werke dieses leider viel zu früh verstorbenen Autors gespannt.

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Fazit: Trostlos, düster, ohne jegliche Hoffnung und dennoch in widersprüchlicher Weise voller Romantik.

© 2018 Wolfgang Brunner für Buchwelten

Weihnachten auf der Lindwurmfeste von Walter Moers

Moers

Erschienen als gebundene Ausgabe
im Penguin Verlag
insgesamt 112 Seiten
Preis: 15,00 €
ISBN: 978-3-328-60071-8
Kategorie: Fantasy, Gegenwartsliteratur

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Wie feiert man Weihnachten in Zamonien? Gibt es überhaupt ein Weihnachtsfest in Zamonien?
Hildegunst von Mythennetz klärt uns auf und erzählt von einem Fest, das in der Tat viele Ähnlichkeiten mit unserem Weihnachtsbrauch hat, dort aber „Hamoulimepp“ genannt wird.

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Auf gewohnte Art und Weise entführt Walter Moers den Leser (und vor allem auch seine Fans) erneut in die zauberhafte Welt Zamoniens. Dieses Mal bringt er uns ein Fest nahe, das dem unsrigen Weihnachten sehr ähnelt. Witzig und auch sehr hintergründig rechnet Moers förmlich mit diesem Brauchtum ab, deckt Unstimmigkeiten und allerlei andere Dinge auf, die uns zum Nachdenken bringen (sofern man das nicht selbst schon seit Jahren tut 😉 ). „Weihnachten auf der Lindwurmfeste“ ist ein Buch, wie man es von Walter Moers erwartet, obwohl es weniger einen Abenteuercharakter vorweisen kann, wie es bei seinen anderen Werken der Fall ist, sondern eher dokumentarisch, ja, fast schon wie ein Sachbuch, wirkt. Das tut aber dem Unterhaltungswert absolut keinen Abbruch, zumal man zusätzlich zum Text auch noch mit wunderbaren Illustrationen von Lydia Rode belohnt wird. Rode war übrigens auch für die Zeichnungen in „Prinzessin Insomnia und der alptraumfarbene Nachtmahr“ verantwortlich. Die vorliegende, gebundene Ausgabe ist von der Ausstattung und seinem Erscheinungsbild ein wahres Schmuckstück. Aber auch das ist man von Walter Moers-Büchern schon gewohnt.

Wie könnte es auch anders sein, lässt Moers den Lindwurm Hildegunst von Mythennetz zu Wort kommen. Dieses Mal in Briefform, was dem Ganzen einen schönen Ausdruck verleiht. Jeder, der bei diesem Buch eine ausschweifende Abenteuergeschichte erwartet, wird enttäuscht sein. Wer sich aber auf einen solchen Briefwechsel, der zwischen den Zeilen übrigens viel mehr beinhaltet, als man auf den ersten Blick meinen mag, wird seine Freude an den sarkastischen Bemerkungen über das Hamoulimepp-Fest haben. Es ist absolut nicht zu überlesen, dass Walter Moers wohl ein Weihnachtsmuffel ist. Seine Darlegungen, geschickt hinter dem Mantel eines zamonischen Festes versteckt :), lassen den Leser an unglaublich vielen Stellen schmunzeln, weil man genau weiß, was gemeint ist. Alleine deswegen ist das Buch schon sein Geld wert. Walter Moers geht mit seinen letzten Büchern manchmal neue Wege, was ich persönlich absolut gut und auch in Ordnung finde, die eingefahrene Fangemeinde allerdings eher nicht. Moers versucht sich an neuen Dingen, bleibt aber seinem Stil doch immer treu und kehrt auch wieder mal zu seinen Wurzeln zurück. Was will man eigentlich mehr?

Die Werke von Walter Moers sprühen nur geradezu vor innovativen Ideen, so dass man diesem Buch / Briefwechsel vorwerfen mag, es sei ideenlos. Aber ist es das wirklich? Sind die Gegenüberstellungen zwischen unserem Weihnachten und dem zamonischen Hamoulimepp wirklich so lieblos und einfach gestrickt? Ich finde, dass es der besondere Schreibstil von Moers ausmacht, der die vielleicht tatsächlich einfache Grundidee dennoch zu etwas besonderem macht. Und, wie oben schon erwähnt, Moers‘ Worte und Sätze sollte man nicht immer nur oberflächlich lesen, sondern auch einmal zwischen den Zeilen nach Anspielungen auf andere Literatur suchen. Oftmals entdeckt und findet man nämlich was. Ich habe „Weihnachten auf der Lindwurmfeste“ genossen, vor allem auch die wirklich tolle und ansprechende Ausstattung, die das Buch zu einem ganz besonderen Leseerlebnis macht. Dennoch freue ich mich, wenn Walter Moers wieder einmal einen dicken, fetten Roman veröffentlicht, in den man sich über Tage einfach hineinfallen lassen kann. Das ist wahrscheinlich genau das, was viele LeserInnen bei den letzten Werken vermissen. Das bedeutet aber nicht, dass die letzten Veröffentlichungen von Walter Moers schlecht sind, sie sind einfach nur anders, und das ist gut so.

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Fazit: Walter Moers einmal anders. Für Fans ein Muss. Die Ausstattung ist zudem unglaublich ansprechend.

© 2018 Wolfgang Brunner für Buchwelten