Wolfgang Brunner im Gespräch mit Andreas Brandhorst

Wolfgang Brunner im Gespräch mit Andreas Brandhorst

14964146_332625430435588_1078469387_o©Lutz Weil

Andreas Brandhorst wurde im Mai 1956 im norddeutschen Sielhorst geboren und begann bereits im Jahr 1975, Heftromane im Bereich Fantasy- und Science-Fiction zu schreiben. Nachdem er sich 1984 mit seiner Familie in Italien niederließ, übersetzte er hauptsächlich, u.a. Terry Pratchetts Scheibenweltromane. Anfang der 2000er-Jahre verlagerte Brandhorst den Schwerpunkt seiner Tätigkeit wieder auf das eigene Schreiben und erzielte mit seiner aus »Diamant«, »Der Metamorph« und »Der Zeitkrieg« bestehenden Kantaki-Trilogie einen großen Erfolg. Mit den visionären Zukunftsvisionen der nachfolgenden Romane verschaffte sich Andreas Brandhorst eine stets anwachsende Fangemeinde und zählt heute zu den erfolgreichsten Science Fiction-Schriftstellern Deutschlands. 2016 wurde sein Roman „Das Schiff“ mit dem Deutschen Science Fiction Preis (DSFP) und dem Kurd-Laßwitz-Preis ausgezeichnet. Buchwelten freut sich sehr, dass der Preisträger ein paar Fragen über seine Arbeit und seine Person beantwortet hat.

1. In Deinen Romanen entwickelst Du unglaublich visionäre Zukunftsbilder. Alles wirkt stimmig, so dass bei mir der Eindruck entsteht, dass die Vorbereitungen solcher Welten vielleicht sogar länger dauern als das Schreiben der eigentlichen Geschichte. Wie darf man sich Deine Vor- und Hauptarbeiten vorstellen?

Antwort: Ich plane die Welten, die Universen, natürlich sehr genau, bevor ich mit dem Schreiben beginne, und anschließend ist es oft so wie mit einem Eisberg: Was im Roman von dem Weltenentwurf erscheint, ist nur die Spitze; ein großer Teil bleibt unter der Wasseroberfläche verborgen. Das verleiht der Bühne, auf der die Ereignisse stattfinden, und ihren Kulissen zusätzliche Authentizität, denn der Autor weiß mehr über seine Welt, als er preisgibt, und das merkt der Leser. Derartige Vorbereitungen können tatsächlich sehr viel Zeit in Anspruch nehmen, aber die Hauptarbeit ist und bleibt das Schreiben des Romans. Vielleicht sollte ich noch hinzufügen: Je gründlicher man bei den Vorbereitungen ist, je genauer man sich dabei alles überlegt, desto leichter ist nachher das Schreiben der Geschichte.


2. Ich komme um meine Lieblingsfrage einfach nicht herum: Wer sind Deine literarischen oder auch nicht literarischen Vorbilder?

Antwort: Ich habe keine Vorbilder. Ich schreibe die Geschichten, die mir selbst als Leser gefallen würden, ohne mich dabei an irgendwelchen Vorbildern zu orientieren. Andererseits gibt es natürlich Autoren, denen ich großen Respekt zolle, deren Romane mich bewegen und berühren, mich vielleicht auch inspirieren. Im Bereich der Science Fiction wären das zum Beispiel Dan Simmons, dessen »Hyperion« ich für genial halte, oder auch Robert Charles Wilson, der mit »Spin« Großartiges geleistet hat.

3. Könntest Du Dir vorstellen, auch einmal einen Roman außerhalb des Sciene Fiction-Genre zu schreiben? Wenn nein, warum nicht? Wenn ja, was würde uns erwarten?

Antwort: Ich habe bereits drei Romane geschrieben, die nicht der Science Fiction zuzuordnen sind: »Äon«, »Die Stadt« und »Seelenfänger«. Derzeit arbeite ich an einem weiteren Non-SF-Roman, der im Herbst 2017 in der Belletristik-Reihe bei Piper erscheinen wird und in dem es um künstliche Intelligenz geht. Ein weiterer Non-SF-Roman wird voraussichtlich 2018 erscheinen. Die Science Fiction fasziniert und begeistert mich. Aber ich finde es auch sehr interessant, außerhalb von ihr zu schreiben und Geschichten zu erzählen, die viel näher bei unserer Gegenwart sind.

4. Was liest Andreas Brandhorst privat? Welche Musik hörst Du und welche Filme (oder auch Serien) siehst Du?

Antwort: Seit einigen Jahren lese ich weniger Science Fiction und dafür mehr allgemeine Literatur, Romane »über das Leben«, könnte man sagen. 🙂 Ein Roman, der mich sehr beeindruckt hat, war »Stoner« von John Williams. Sehr gern lese ich die Werke der italienischen Schriftstellerin Margaret Mazzantini (in der ausgezeichneten deutschen Übersetzung von Karin Krieger; ich lese immer nur auf Deutsch, obwohl ich nach 30 Jahren in Italien mit dem Italienischen vertraut bin): »Das schönste Wort der Welt« (im Original »Venuto al mondo«, »Zur Welt gekommen«; dieser Titel trifft den Inhalt weitaus besser) ist ein wahres Meisterwerk, ebenso wie »Geh nicht fort« oder »Herrlichkeit«. Angetan haben mir es auch die Romane von Nina George (»Das Lavendelzimmer«, »Das Traumbuch«), Joe R. Lansdales »Ein feiner dunkler Riss« und alle auf Deutsch erschienenen Romane von Marie-Sabine Roger. Was Musik betrifft: Ich höre beim Schreiben oft laut Heavy Metal, zum Beispiel Metallica oder Korn. Und Filme: Schwer beeindruckt und im Herzen berührt war ich von »Interstellar«. Ich mag das italienische Autorenkino (zum Beispiel von Ferzan Özpetek, tolle Filme, die tiefen Einblick in das italienische Leben geben), aber auch Filme wie »Einer nach dem anderen« aus Norwegen; mein Geschmack ist da ziemlich breit gestreut.

5. Wenn bemannte Raumfahrt in andere Galaxien möglich wäre, was würdest Du tun? Der Erde verbunden bleiben oder Dich auf ein ungewisses Abenteuer einlassen?

Antwort: Keine Frage: Ich würde sofort aufbrechen, in der Hoffnung, die vielen Wunder des Universums zu sehen, mit eigenen Augen. Ich würde auch losfliegen, wenn ich wüsste, dass es keine Rückkehr gäbe.

6. In Deinen Geschichten steckt oft sehr viel Philosophie. Bei Deinen letzten Romanen kam mir immer wieder der Gedanke, Dich als „Michael Ende der Science Fiction“ zu bezeichnen. Hast Du Dich denn mit Philosophen, wie z.B. Rudolf Steiner, beschäftigt oder woher kommt diese philosophische Ader?

Antwort: Ich bin in den letzten Jahren sehr, sehr nachdenklich geworden. Das hängt mit dem Verlauf meines Lebens zusammen, mit den Sackgassen, in die ich manchmal geraten bin, aber auch mit dem Alter. Wenn man ein bestimmtes Alter erreicht, wird einem klar, dass der Weg vor einem kürzer ist (und immer kürzer wird) als der hinter einem. Dann stellt man sich Fragen wie: Habe ich richtig gelebt? Habe ich die richtigen Entscheidungen getroffen? Und was soll ich mit den Jahren anfangen, die mir noch bleiben? Es vergeht kein Tag, an dem ich nicht über solche und andere Fragen nachdenke, und das schlägt sich natürlich auch in der Art meines Schreibens nieder. So gibt es in meinen Romanen selten Personen, die einfach nur schlecht und gut sind. Wie im wirklichen Leben tragen sie Eigenschaften von beiden Seiten in sich. Und natürlich agieren sie nicht einfach nur, sondern machen sich auch Gedanken …

7. Gibt es ein Buch oder eine bestimmte Stelle aus einem Buch, wodurch Dein Leben beeinflusst wurde?

Antwort: Es ist erstaunlich, aber ich habe einige E-Mails von Lesern bekommen, in denen sie mir schrieben, dass ein bestimmter Roman von mir ihre Denkweise verändert hätte. Ich glaube, das ist eins der größten Komplimente, die man einem Autor machen kann. Was mich betrifft: Ich habe als Kind, Anfang der 60er-Jahre des vorigen Jahrhunderts, ein Buch gelesen, das mich nachhaltig beeinflusst und Bücher in den Mittelpunkt meines Lebens gerückt hat: »Was die Schildkröte erzählte« von Maria Kahle. Ich habe es erst vor kurzer Zeit mithilfe einer Facebook-Freundin wiedergefunden und bei Recherchen erfahren, dass die Autorin leider der NS-Ideologie recht nahe stand, was der Knabe Andreas damals natürlich nicht wusste. Er war nur sehr angetan von der Schildkröte, die unter dem Bett eines schlafenden Jungen lag und ihm im Traum ihre Geschichten erzählte. Dieses Buch war es, das mich damals lehrte, was Lesen bedeutet: die Erkundung neuer Welten.

8. Kannst/magst/darfst Du verraten, wie Deine Pläne für das „Omniversum“ aussehen?

Antwort: Nach »Omni« wird es weitere Romane geben, die im Omniversum angesiedelt sind. Der erste von ihnen mit dem Titel »Das Arkonadia-Rätsel« erscheint am 2. Mai 2017 bei Piper. Wichtig ist: Alle diese Romane sind in sich abgeschlossen, vergleichbar vielleicht mit den Kultur-Romanen von Banks. Das heißt, es sind keine Fortsetzungsgeschichten mit einem gemeinen Cliffhanger am Ende. 🙂 Man kann sie jeden für sich allein genommen lesen.

9. 5 Namen, 5 spontane Antworten. Was fällt Dir ein bei:

– Stephen Baxter

– Philip K. Dick

– Larry Niven

– J.R.R. Tolkien

– Harry Potter?

Antwort: Dazu sage ich: Vier Autoren und eine Romanfigur, wie sie unterschiedlicher kaum sein könnten. Zwei Namen ragen für mich heraus, was die anderen aber nicht schmälern soll: Tolkien als Übervater der Fantasy und Philip K. Dick als jemand, der nicht nur die Science Fiction insbesondere in den 60er- und 70er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts nachhaltig geprägt hat – viele seiner Bücher gelten heute auch als Klassiker der amerikanischen Literatur.

10. Zuletzt würde mich interessieren, ob es bei Deiner Arbeit besondere Rituale und/oder ein Maskottchen gibt, das Du während des Schreibens in Deiner Nähe brauchst?

Antwort: Nein, besondere Rituale, die ich unbedingt für das Schreiben brauche, gibt es nicht, sieht man einmal davon ab, dass ich jeden Tag sehr früh aufstehe, um circa 6:30 Uhr, und die erste Stunde meines Arbeitstages, von sieben bis ungefähr acht, oft damit verbringe, Anfragen von Lesern per E-Mail oder Facebook-Messenger zu beantworen. Das ist in letzter Zeit immer mehr geworden, worüber ich mich freue. Wichtig ist mir auch das Laufen. Ich laufe jeden Tag und bei jedem Wetter mindestens eine Stunde: Der Geist entspannt sich, während der Körper arbeitet, und dabei kommen mir oft die besten Ideen.

Ich danke Dir sehr für die Beantwortung meiner Fragen, gratuliere Dir noch nachträglich zum Gewinn des Deutschen Science Fiction Preises und des Kurd-Laßwitz-Preises für »Das Schiff« und wünsche Dir alles Gute für die Zukunft.

Ach ja, und ich freue mich schon jetzt auf Deinen neuen Roman.

© 2016 Wolfgang Brunner / Andreas Brandhorst

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Wolfgang Brunner im Gespräch mit Gregory Benford / Wolfgang Brunner in conversation with Gregory Benford

 

Wolfgang Brunner im Gespräch mit Gregory Benford 

Das Interview ist im Anschluss an die freie deutsche Übersetzung noch im amerikanischen Original veröffentlicht.

The original interview in American is published below the German translation.

GB 2010

 

Gregory Benford, Jahrgang 1941, ist ein bekannter US-amerikanischer Science Fiction Autor. Als Physiker lehrt er an der University Of California in Irvine.
Mit seinem Zeitreise-Roman „Zeitschaft“, mittlerweile zum SF-Klassiker geworden, gewann Benford 1980 den Nebua Award und den Jon W. Campbell Memorial Award. In den 90er Jahren schrieb er einen der drei autorisierten Fortsetzungsromane von Isaac Asimovs Foundation-Zyklus.

Buchwelten freut sich außerordentlich, ein Interview mit dem Literatur-Preisträger zu präsentieren.

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Gregory Benford bedeutet hochwertige Science Fiction. Woher nimmst Du Deine Ideen? Trume, wahre Begebenheiten oder einfach nur konzentriertes Nachdenken?

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Meistens aus der Forschung. Zeitschaft (Timescape) entstand durch meine Doktorarbeit an der UCI (University Of California) San Diego in den 60er Jahren und meine Arbeit als Referendar in Cambridge im England Mitte der 70er Jahre. Ich veröffentlichte Studien über Tachyonen, theoretische Teilchen, die sich schneller als das Licht bewegen, und deren Quantenmechanik.
Meine Karriere alsLaborant und theoretischer Physiker verschaffte mir diesen „komplizierten Tanz“ in der akademichen Forschung.
Meine sechsbändige Reihe (
Contact-Zyklus) über das galaktische Zentrum entstand durch meine astrophysikalischen Arbeiten im Zentrum für Astronomie in Cambridge, wo ich die Idee von magnetisch gesteuerten Düsen – heute übrigens eine anerkannte Weisheit – und die magnetische Umgebung des Schwarzen Loches in unserem eigenen galaktischen Zentrum behandelte. Natürlich war von den Romanen nicht zu erwarten, dass sie den Alltag im Leben eines Wissenschaftlers widerspiegeln. Das war dann ausschaggebend für mich, die Science Fiction zu erkunden, da es so wenig über diesen primären menschlichen Arbetsbereich gibt.

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Du hast zusammen mit David Brin und Greg Bear eines der bedeutendsten Werke der SF-Literatur, Isaac Asimovs Fundation Zyklus, fortgeführt. Wie fühlte sich das für Dich an?

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Janet Asimov kam auf mich zu. Die Idee, weitere Romane, die im Foundation-Universum handeln, zu schreiben, stammte von Janet Asimov und dem Repräsentanten von Asimovs Nachlass, Ralph Vincinanza. Von ihnen angesprochen, habe ich zunächst abgelehnt, da ich mit der Ausführung des High Energy Density Physics Laboratory an der UCI Irvine und meinen eigenen Romanen beschäftigt war. Aber mein einmal gewecktes Unterbewusstsein konnte dieses Angebot nicht ablehnen.
Nach einem halben Jahr des Kampfes mit Ideen für das Foundation-Universum, die oft in Träumen kamen und mich nicht mehr losließen, habe ich schließlich Ralph Vicinanza angerufen und mit ihm begonnen, einen Plan mit einer passenden, komplexen Handlungskurve und entsprechender Logik zu konstruieren, die in mehreren Romanen enthüllt werden sollten.
Obwohl wir mit mehreren Autoren über dieses Projekt sprachen, erschienen uns zwei Hard SF Autoren, die weitestgehend von Asimov beeinflusst waren und und unangefochten technische Fähgkeiten besaßen, als am besten geeignet: Greg Bear und David Brin.
Bear, Brin und ich hielten engen Kontakt, während in den ersten Band schrieb. Wir beabsichtigten drei eigenständige Romane, bei denen wir am Ende aber ein übergreifendes Mysterium schafen wollten. Erste Elemente erschienen in meinem Roman
Der Aufstieg der Fundation (Foundation`s Fear), wurden dann in Gre Bears Foundation und Chaos (Foundation And Chaos) weiter verstärkt, um dann in David Brins Der Sieg der Foundation (Fundation`s Triumph) fertiggestellt zu werden.

Ich verstreute in meiner Geschichte Details und Schlüsselelemente, die später Früchte trugen.
Ich hatte mich immer gefragt Die Foundation-Serie begann im Zweiten Weltkrieg, als sich Amerika geradewegs in Richtung Weltmacht entwickelte und ihren Zenit fast erreicht hatte. Die Serie spielt sich über Jahrzehnte ab, als die Vereinigten Staaten Angelegenheiten auf der ganzen Welt in einer Weise dominierten wie keine andere Nation es je tat. Nun bedeutet die Fundation Imperium und Verfall gleichzeitig. Wurde dieser Verrat zu einer Angst, geboren in dem Moment, als sie sich ihrem glorreichen Höhepunkt näherte?
Außerdem konnten wir mit dem „Fans sind Slans“-Syndrom arbeiten, der Übermenschen-Mentalität in Cmic-Bchern, wo der Held wie Achilles jenseits einer Rechenschaftspflicht gegenüber den Massen handelt
viel Nährboden für uns um darzustellen, wie unserer Meinung nach die große Zukunft aussehen könnte.

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Welches sind Deine literarischen Vorbilder? Und was liest Du privat?

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Mainstream: John Updike, Hemingway, Faulkner, Ian McEwan, Raymond Chandler.
SF: Heinlein, Clarke, Stapledon, Asimov, Ursula LeGuin, Joanna Russ.
Ich las viel, aber immer auf ein Genre begrenzt: Michael Connelly, James Cambias, Linda Nagata, Nancy Kress
es gibt so viele!

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Welche Filme siehst Du gerne in Deiner Freizeit?

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Viele europäische Filme. Und die vor kurzem gemachten SF-Filme wie Her, Gravity, Under The Skin, Europa Report. Ich liebte auch Lola rennt.

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Ein Schriftsteller hat meistens unzählige Projekte im Kopf, die noch nicht geshrieben wurden. Welches davon liegt Dir momentan am meisten am Herzen und warum hast Du es noch nicht geshrieben?

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Ich habe zwei Kurzgeshichten, die Romane werden sollen. Eine über eine SETI-Bibliothekarin und die andere handelt von einer weiblichen Unternehmerin im Sonnensystem – beide Frauen leben Jahrhunderte in der Zukunft. Und dann habe ich noch eine alternative Geschichte über den Zweiten Weltkrieg, in der die USA nicht die Fehler macht, die sie mit dem Manhattan Projekt begangen haben. Deutschland wird aus Hitlers „Götterdämmerung“ gerettet und wir halten die Sowjets aus dem Osten raus. Und es gibt auch noch jede Menge physikalischen Spaß!

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Wieso denkst Du, hat es gute SF so schwer, als literarische Gattung akzeptiert zu werden? Zumindest verhält es sich in Deutschland so. Ist es womöglich in den USA anders?

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SF gewinnt langsam an Akzeptanz, wie damals harte Kriminalromane in den 40er und Folgejahren. Nun haben Chandler und JD McDonald den Test gegen die Zeit und unsere alten Feinde, die literarischen Torhüter der konventionellen Weisheit, überstanden. Philip K. Dick schuf Blade Runner und plötzlich kam die langsame Erkenntnis, dass unsere Gegenwart den Visionen aus Dicks Vergangenheit ähneln. Ähnliches zeichnet sich bei der Entwicklung unserer Technik-Kultur ab, die die Science Fiction Literatur immer mehr in den Vordergrund bringen wird, mehr und mehr.

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Eine Frage an den privaten Gregory Benford: Welchen Traum willst Du Dir unbedingt noch erfüllen?

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Länger leben! Ich gründete mehrere genetische Unternehmen nach dem Tod meiner Frau, und wir haben mittlerweile nützliche Produkte, die die Vitalität bis zu einem Alter von nahezu 100 Jahren verlängern. Außerdem möchte ich den Weltraum kommerzialisieren, um die riesigen Ressourcen unseres Sonnensystems zu öffnen, damit ein Großteil der Menschheit sich dorthin begeben kann. Alle diese Ziele sind stark miteinander verbunden.

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Dein neuester Roman ist eine Zusammenarbeit mit dem wunderbaren Autor Larry Niven. In Himmelsjäger (Bowl Of Heaven) entdeckt die Menschheit in der Zukunft ein schüsselförmiges Gebilde, das mit einer Hälfte einen Zwergstern umschließt und dessen austretende Energie als Antrieb nutzt. Wie kam es zu dieser Zusammenarbeit?

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In der Science-Fiction ist ein „Big Dumb Object“ (Großes dummes Objekt) ein riesiges, geheimnisvolles Objekt, das allein durch seine Anwesenheit ein intensives Gefühl der Verwunderung erzeugt. Sie müssen nicht in sich konstruiert sein, obwohl – vielleicht drückt sich so der „dumme“ Aspekt bei ihnen aus.
Larry sagte auf einer Party zu mir: „Große dumme Objekte sind so viel einfacher. Zerstörte Zivilisationen, wo wie ich es bei
Ringwelt gemacht habe, sind so viel einfacher. Los, lass es uns angehen.“
Ein Intelligentes Objekt ist statisch instabil, aber dynamisch stabil, so wie wir, wenn wir gehen. Wir fallen auf einem Bein nach vorn und fangen uns dann mit dem anderen selbst auf. Das benötigt eine Menge schnelle Signalverarbeitung und Koordination. (Wir sind das einzige große Tier ohne Schwanz, das dieses gemeistert hat. Zwei Beine sind eine wacklige Angelegenheit ohne ein großes Gehirn oder einem stabilisierenden Schwanz.) So schrieben wir
Himmelsjäger (Bowl Of Heaven) und entschieden, dass wir zwei Bände dazu brauchten , um das Ganze zu einem Großen Intelligenten Objekt aufzubauen . Das schüsselförmige Gebilde muss kontrolliert werden, denn es ist nicht neutral stabil. Nivens Ringwelt ist ein Großes Dummes Objekt, seit es passiv stabil ist, so wie wir, wenn wir still stehen. (Oder die Ringwelt würde Gefahr laufen, durch einen Schubser in die Sonne zu fallen. Dieses Problem konnte ziemlich einfach rechtzeitig gelöst werden. Larry setzte aktive Stabilisatoren in den zweiten Ringwelt-Roman ein.) Es gibt mehrere Große Dumme Objekte in der SF, aber soweit ich weiß eben keine inteligenten. Unser Großes Intelligentes Objekt ist größer ist als die Ringwelt und fliegt mit einem ganzen Stern als der Motor irgendwo hin.
Unser schüsselförmiges Objekt ist eine mehr als hundert Millionen Meilen große Muschel, das durch die Schwerkraft und einige elektrodynamischen Kräfte zu einem Stern wurde. Der Stern erzeugt einen langen Strahl aus heißem Gas, der so gut magnetisch eingeschlossenen ist, dass er durch ein Loch in der Krone der muschelförmigen Hülle ihn antreibt. Dieser Strahl treibt das gesamte System vorwärts – ein Stern verwandelte sich buchstäblich in den Motor eines „Schiffes“, welches die Muschel, also das schüsselförmige Objekt ist. Im Inneren der Muschel wächst eine aufstrebende Zivilisation. Die Struktur des Romans ähnelt nicht sehr Larrys Ringwelt, weil wir es mit dem Problem von Eingeborenen zu tun haben.
Unser Intelligentes-Schüssel-Objekt sitzt nicht einfach nur fest und wartet auf Besucher und die Bewohner leben ihren Alltag wie in
Ringwelt, sondern es bewegt sich.

Wir begannen mit dem Naheligendsten: Wohin gehen sie und warum?

Die Beantwortung dieser Frage nimmt den gesamten Rahmen der beiden Romane ein. Das macht den Spaß an intelligenten Objekten aus – sie flößen nicht nur Ehrfurcht ein, sondern sie faszinieren. Mein Großvater pflegte einst beim Krabbenfischen im Golf von Mexiko zu sagen: Ein Boot ist nur auf der Suche nach einer Stelle, um zu sinken.

Als wir begannen, uns solch ein neues, glänzendes Großes Intelligentes Objekt auszudenken, sagte ich: Eine künstliche Welt wartet geradezu darauf, aus den Nähten zu platzen.
Stell Dir vor: Du lebst nur wenige Meter von einem hohen Vakuum entfernt, das sich aufgrund der Drehbewegung (die die Zentrifugalkraft liefert) rasend schnell bewegt. Das macht es einfach, um Schiffe zu starten, da diese die Drehgeschwindigkeit in Bezug auf das Objekt oder die Ringwelt nutzen … aber das bedeutet auch, dass große Mengen an anfallenden Belastungen ausgeglichen werden müssen.
Lebewesen auf der Sonnenseite wollen basteln, neue Dinge ausprobieren …
„Weißt du Fred, ich denke, ich kann dieses Sanitär-Problem nur mit einem kleinen Rechtsdreher hier beheben. Uh-oops!“
Das Vakuum kann dich schon mal schnell heraussaugen. Plötzlich bewegst Du Dich mit tausend Kilometern pro Sekunde auf einer Tangente weg – um einiges schneller als die 50 km / s, die man benötigt, um dem Stern zu entkommen. So etwas macht die Erkundung von nahen Sternen auf „Vorbeiflieg-Missionen „einfach.

Aber dieser einfache Ausgang ist natürlich eine Gefahr. Auf einem Großen Intelligenten Objekt zu leben, bedeutet, dass man besser auf sich selbst aufpassen sollte.

Larry und ich haben mit diesen Ideen schon seit Jahren herumgespielt, bevor wir uns entschlossen, jetzt ernsthaft und tatsächlich diese Bücher zu schreiben. Dabei stellte sich heraus, ass es sogar noch mehr Spaß machte, als wir uns dachten. Hard SF funktioniert in der gleichen Art wie Wissenschaft – Kooperationen sind häufig und es gibt einen kulturellen Austausch, um die Durchführung von ausgearbeiteten Ideen durch Beispiele (Versuche) und Big Ideas (Theorie) voranzubringen. SF formte einst die Kultur, die moderne SF wahr gemacht hat – technisch-wissenschaftliche Macher, die unsere moderne Welt kreiert hat.

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Welchen Deiner Romane würdest Du heute anders schreiben, hättest Du die Möglichkeit dazu?

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Wahrscheinlich meinen ersten: „The Stars in Shroud“. Ich finde ihn heutzutage ein bisschen deprimierend, aber diese Stimmung hielt ich damals für serios. Ich war noch jung!

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Wärst du kein Schriftsteller, welchen Beruf hättest Du dann ergriffen?

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Ich bin ein Teilzeit-Schriftsteller! Mein richtiger Job war Professor der Physik und Astronomie an der UC Irvine. Ich bin jetzt im Ruhestand, halte aber mein Büro an der UCI aufrecht und leite mehrere Unternehmen fpr Genetik. Science Fiction kommt dann an dritter Stelle auf meiner Karriereleiter.

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Vielen Dank für die Beantwortung der Fragen. Buchwelten wünscht Dir alles Gute für alle kommenden Veröffentlichungen.. Wer mehr über Gregory Benford erfahren möchte, sollte sich auf seiner Homepage umsehen.

© 2014 Gregory Benford / Wolfgang Brunner für Buchwelten

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Wolfgang Brunner in conversation with Gregory Benford

 

Gregory Benford, born in 1941, is a well-known American science fiction author. As a physicist, he teaches at the University of California at Irvine.
With his time-travel novel, „Timescape“, an SF classics, Benford won the 180 Nebula Award and the John W. Campbell Memorial Award. In the 1990s he wrote one of the three authorized sequels of Isaac Asimov’s Foundation-cycle.

Buchwelten is very proud to present an interview with the literature prize winner.

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Gregory Benford means high quality in science fiction. Where do you get your ideas? Dreams, true stories or just concentrated thought?

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Research, mostly. Timescape came from my doctoral thesis at UC San Diego in the 1960s, plus my work while a Fellow at Cambridge, England in the middle 1970s. I published papers on tachyons, the theoretical particles that move faster than light, and on their quantum mechanics.My career as a lab and theoretical physicist gave me the intricate dance of academic research. My Galactic Center series of six novels came directly fromm my astrophysical work at Cambridge’s Center for Astronomy, where I introduced the idea of magnetically controlled jets—now the accepted wisdom—and the magnetic environment around the black hole at our own galactic center. Of course, novels aren’t about science expect as it enters through the lives of scientists. That seemed the right ground form me to explore in fiction, since so little fiction is about a primary human arena—work.

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You have continued together with David Brin and Greg Bear one of the most important works in science-fiction literature (Isaac Asimov’s Foundation-cycle). How does the work feel to you?

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Janet Asimov approached me. The idea of writing further novels in the Foundation universe came from Janet Asimov and the Asimov estate’s representative, Ralph Vicinanza. Approached by them, I at first declined, being busy with running the High Energy Density Physics Laboratory at UC Irvine, and my own novels. But my unconscious, once aroused, refused to let go the notion. After half a year of struggling with ideas plainly made for the Foundation—often coming in dreams, persistently demanding expression–I finally called up Ralph Vicinanza and began putting together a plan to construct a fittingly complex curve of action and meaning, to be revealed in several novels. Though we spoke to several authors about this project, the best suited seemed two hard sf writers broadly influenced by Asimov and of unchallenged technical ability: Greg Bear and David Brin.

Bear, Brin and I kept in close touch while I wrote the first volume, intending to create three stand-alone novels which none the less carry forward an overarching mystery to its end. Elements of this make their first appeared in Foundation’s Fear, then amplified further through Greg Bear’s Foundation and Chaos, finding completion in Brin’s Foundation`s Triumph. I planted in the narrative prefiguring details and key elements which bore later fruit.

I had always wondered: The Foundation series began in World War II, as America arced toward its zenith as a world power. The series played out over decades as the United States dominated the world’s matters in a fashion no other nation ever had. Yet the Foundation is about imperium and decline. Did this betray an anxiety, born even in the moment of approaching glory?

Plus we could work with the „fans are slans“ syndrome, the übermensch mentality in comic books, the hero as Achilles, beyond accountability to the great, unwashed masses…plenty of ground for comment on how we see our vast future.

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What are your literary heroes? And what do you read in your leisure time?

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Mainstream: John Updike, Hemingway, Faulkner, Ian McEwin, Raymond Chandler. SF: Heinlein, Clarke, Stapledon, Asimov, Ursula LeGuin, Joanna Russ. I read widely but in genre, Michael Connelly, James Cambias, Linda Nagata, Nancy Kress many!

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What kind of movies do you watch in your spare time?

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Lots of European films, liked recently the sf movies Her, Gravity, Under the Skin, Europa Report. Loved Run, Lola, Run.

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A writer usually has numerous projects in his head, that have not been written yet. Which one is currently your favourite and why do you have it not written already?

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I have two series stories that will become novels, one on a SETI Librarian, the other a woman entrepreneur in the solar system—both women centuries from now. Plus an anlernate history of WWII in which the USA does not make the mistakes it did make in our Manhattan Project, and we get the bomb in 1944. Germany gets saved from Hitler’s Gotterdamerung and we keep the Soviets out of the East. Much physics fun, too!

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Why, do you think, is it so hard for good sf to be accepted as a literary genre? At least it behaves here in Germany like this. Is it possibly in the U.S. Different?

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SF is slowly gaining acceptance, as hardboiled detective fiction did in the 1940s onward. Now Chandler and J D McDonald have stood the test of time against our old enemies, the literary gatekeepers of conventional wisdom. Phil Dick made it with Bladerunner and then the slow realization that our present resembles his past visions. Similar ways of looking at our evolving technoculture will bring sf to the fore, more and more.

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A question to the private Gregory Benford: What dream do you still want to make true?

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Living longer! I started several genetic companies after my wife died, and we now have useful products that can extend vitality into ages approaching 100. Plus getting into space commercially, opening the vast resources of our solar system to uplift the bulk of humanity. All these goals are intricately interconnected.

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Your latest novel is a collaboration with the wonderful author Larry Niven. How did it happen?

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In science fiction, a Big Dumb Object is any immense mysterious object that generates an intensesense of wonder just by being there. They don’t have to be inert constructs, though – so perhaps the dumb aspect also expresses the sensation of being struck dumb by the scale of them.

Larry said to me at a party, “Big dumb objects are so much easier. Collapsed civilizations are so much easier, the way I did Ringworld. Yeah, let’s bring them up to speed.” A Smart Object is statically unstable but dynamically stable, as we are when we walk. We fall forward on one leg, then catch ourselves with the other. That takes a lot of fast signal processing and coordination. (We’re the only large animal without a tail that’s mastered this. Two legs are dangerous without a big brain or a stabilizing tail.) So we wrote Bowl of Heaven, deciding that we needed two volumes to do justice to a Big Smart Object. The Bowl has to be controlled, because it’s not neutrally stable. His Ringworld is a Big Dumb Object since it’s passively stable, as we are when we stand still. (Or the ringworld would be except for nudges that can make it fall into the sun. Those are fairly easy to catch in time. Larry put active stabilizers into the second Ringworld novel.)

There’ve been several Big Dumb Objects in sf, but as far as I know, no smart ones. Our Big Smart Object is larger than Ringworld and is going somewhere, using an entire star as its engine.

Our Bowl is a shell more than a hundred million miles across, held to a star by gravity and some electrodynamic forces. The star produces a long jet of hot gas, which is magnetically confined so well it spears through a hole at the crown of the cup-shaped shell. This jet propels the entire system forward – literally, a star turned into the engine of a “ship” that is the shell, the Bowl. On the shell’s inner face, a sprawling civilization dwells. The novel’s structure doesn’t resemble Larry’s Ringworld much because the big problem is dealing with the natives.

Our smart Bowl craft is also going somewhere, not just sitting around, waiting for visitors like Ringworld–and its tenders live aboard.

We started with the obvious: Where are they going, and why?

Answering that question generated the entire frame of the two novels. That’s the fun of smart objects – they don’t just awe, they intrigue.

My grandfather used to say, as we headed out into the Gulf of Mexico on a shrimping run, A boat is just looking for a place to sink.

So heading out to design a new, shiny Big Smart Object, I said, An artificial world is just looking for a seam to pop.

You’re living just meters away from a high vacuum that’s moving fast, because of the Bowl’s spin (to supply centrifugal gravity). That makes it easy to launch ships, since they have the rotational velocity with respect to the Bowl or Ringworld… but that also means high seam-popping stresses have to be compensated. Living creatures on the sunny side will want to tinker, try new things…

Y’know Fred, I think I can fix this plumbing problem with just a drill-through right here. Uh—oops!”

The vacuum can suck you right through. Suddenly you’re moving off on a tangent at a thousand kilometers a second—far larger than the 50 km/sec needed to escape the star. This makes exploring passing nearby stars on flyby missions easy.

But that easy exit is a hazard, indeed. To live on a Big Smart Object, you’d better be pretty smart yourself.

Larry and I kicked these ideas around for years before we decided to get serious and actually write the books. That turned out to be even more fun. Hard SF works the way science does —collaborations are common, and there’s a cultural conversation, carrying forward ideas through worked out examples (experiments) and Big Ideas (theory). SF models the culture that brought modern SF into being — the techno-scientific doers who made our modern world.

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Which one of your novels would you write differently today, if you would have the chance?

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Probably my first, The Stars in Shroud. I find it a bit depressing now, a mood I mistook for gravitas. I was young!

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If you were not a writer, what job you had taken then?

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I’m a part time writer! My real job was as a professor of physics & astronomy at UC Irvine. I’m retired from that, but keep my UCI office, and am running several genetics companies. Fiction comes in third place, then, in my career list.

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Thank you for answering my questions and Buchwelten still wants all the best for all your upcoming releases.

More about Gregory Benford on his Homepage.

© 2014 Gregory Benford / Wolfgang Brunner for Buchwelten

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Buchwelten im Gespräch mit Andreas Dresen

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Gerade ist der zweite Band der STADT-Romane „SAMSON und die Stadt des bleichen Teufels“ im ACABUS Verlag erschienen. Ich habe beide Romane nacheinander gelesen und beide Rezensionen sind hier auf Buchwelten erschienen.

Ich habe dies zum Anlass genommen und Andreas Dresen zu einem Interview eingeladen. Es freut mich, dass er sich Zeit genommen hat, mir meine Fragen zu beantworten und somit seinen Lesern einen Einblick in seine Arbeit und hinter die Kulissen zu gewähren …

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Da ich kürzlich beide Teile der STADT-ROMANE „AVA und die STADT des schwarzen Engels“ und „SAMSON und die STADT des bleichen Teufels“ hintereinander gelesen habe, lautet meine allererste Frage: Auf wieviele Teile sind Deine STADT-Romane ausgelegt?

Geplant war ursprünglich nur der erste Band. Ava war ja aus einer Reihe kleinerer Ideen und Kurzgeschichten entstanden, die sich plötzlich nahtlos aneinander fügten. Als ich Ava aber beendet hatte, fand ich es so schade, dass der Ausflug in die STADT schon vorbei war, dass ich weitergeschrieben habe. Außerdem war ich der Meinung, dass die Geschichte von und um Fahrat noch nicht zu Ende war. Ist sie immer noch nicht, darum denke ich, kann noch ein Band folgen. Denn viele Fragen sind für mich noch offen.

Mich interessiert, wie die Idee zu den STADT-Romanen entstand. Wer oder was hat dich inspiriert diese Welt(en) und so „verrückte“ Wesen wie Krenken, Schindellecker und Funkenpopanze zu erschaffen? (Ich habe jetzt absichtlich mal einige Namen genannt, auf dass die Leser neugierig werden…)

Die Idee zu den STADT-Romanen kam mir natürlich bei meinen Spaziergängen durch die Aachener Stadt. Wenn man sich bewusst die Straßen und die Häuser anschaut, dann entdeckt man plötzlich eine ganz neue Welt. Denn gerade die Wege, die man täglich geht, nimmt man oft gar nicht mehr genau wahr. Man sieht nicht mehr hin oder will auch nichts sehen. Darum fragte ich mich, was wir wohl noch alles für selbstverständlich nehmen und was wir eben genau deshalb alles nicht bemerken. Daraus entstand der Grundgedanke der STADT in der Stadt.

Die Wesen habe ich nicht erschaffen, die habe ich in der STADT entdeckt. Dann brauchte ich sie nur noch aufzuschreiben. Wilde Wesen entdecke ich meist, wenn ich unterwegs bin (in meinem Kopf oder auf der Straße), oder ich sehe Bilder von Künstlern, die mich inspirieren. Ich kann das nur empfehlen, öfter mal durch Kunst-Blogs zu klickern oder ins Museum zu gehen. Was da alles los ist …

Nach deinem Debütroman „AVA und die STADT des schwarzen Engels“ ist noch im gleichen Jahr ein weiterer Roman von Dir erschienen. Er heißt „Das Buch des Hüters“. Worin unterscheidet sich dieses zweite Werk von der STADT-Reihe, magst Du ein wenig darüber erzählen?

Das Buch des Hüters“ war wie Ava ein Herzensprojekt. Die Geschichte ist in einem Land namens Panäa angesiedelt, hundert Jahre nach dem Ende der Zivilisation. Die Menschen haben die heiße Phase der Apokalypse überstanden. Die, die übrig geblieben sind, haben sich neu eingerichtet. Dabei erlebt Pejo, ein Junge aus dem technologisiertem Norden, eine Reise durch dieses Land. Er lernt den Süden kennen, in dem man Technik und Strom ablehnt, gerät in die Fänge von Mutanten und findet sowohl die Liebe als auch die Bestimmung seines Lebens.

Das Buch des Hüters“ ist ein Roman, in dem ich mich mit den Gefahren der Technik, der Angst und der Hoffnung auseinander setze. Denn wie immer gibt es viele Wahrheiten.

Nach dem Roman hatte ich keine Angst mehr vor der Zukunft.

Wie gehst Du an das Schreiben deiner Romane heran. Steht für Dich von Anfang an der gesamte Plot fest, oder machen sich die Handlung und Charaktere während des Schreibens schon mal „selbstständig“?

Bei „Ava“ und beim „Hüter“ habe ich aus dem Bauch heraus geschrieben. „Samson“ habe ich von vorneherein geplottet, was mich aber nicht davon abgehalten hat, mich erst einmal komplett zu verrennen. Kurzgeschichten oder Erzählungen strukturiere ich gerne vorher durch, damit ich weiß, wohin ich will mit meiner Geschichte. Das hilft mir, den roten Faden zu behalten. Überraschungen und Änderungen sind aber immer dabei. Meist entwickelt sich das richtig gute Ende oder der Twist der Geschichte erst während des Schreibens, weil man dann erst in die Story reinkommt und die Personen richtig kennenlernt. Dann kann ich auch das geplante Ende oder die geplante Szene über den Haufen werfen. Doch den Rahmen vorher abzustecken gehört für mich inzwischen einfach dazu. Meist habe ich die Geschichte grob im Kopf bevor ich anfange zu schreiben. Dass kann bedeuten, dass ich ein paar Tage grübel und grübel und grübel und dann ganz schnell schreiben muss.

Ich würde gerne wissen, wie und wo Du an Deinen Romanen arbeitest. Hast du ein separates Arbeitszimmer, brauchst Du totale Ruhe oder hörst Du (laute) Musik, gibt es vielleicht sogar ein ganz bestimmtes Ritual/einen Talisman, ohne den Du keinen Satz zustande bringst?

Ich habe inzwischen mein Arbeitszimmer. Aber Ava habe ich am Wohnzimmertisch geschrieben, während um mich herum das Leben weiterging. Jetzt sitze ich gerne an meinem Schreibtisch und schreibe. Es hilft, kein Fenster vor der Nase zu haben und das Internet abzuschalten.

Ich habe kein Ritual, finde auch, dass das unheimlich störend wäre. Ich will mich ja nicht selbst vom Schreibfluss abkoppeln, nur weil meine Hasenpfote nicht am richtigen Platz ist. Ich denke, dass sind auch nur Ausreden, um sich nicht der Geschichte stellen zu müssen. Wenn mich eine Idee packt, dann tuts auch die Rückseite einer Rechnung und ein Bleistift. So habe ich schon viele Story zumindest grob aufgeschrieben.

Lange Zeit habe ich Musik gehört, aber inzwischen habe ich den Luxus ein stilles Zimmer zu haben. Da genieße ich die Ruhe beim Schreiben, glaube aber auch, dass einen die Musik in die richtige Stimmung bringen kann. Oder in die falsche. Bei einer leisen Szene laut Metal zu hören fände ich kontraproduktiv, da mache ich die Musik eher aus.

Manchmal hilft einem Musik aber auch, wieder in eine Geschichte reinzukommen. Erstaunlicherweise ist das bei mir meist Tom Waits, Iron Maiden und in gewissem Rahmen auch Mittelalter-Folk.

Ich glaube, jeder der Bücher schreibt, liest selber auch gern und wurde dadurch sogar selber ermutigt, auch eine Geschichte zu Papier zu bringen. Welche Autoren liest Du gerne, hast du bestimmte literarische Vorbilder?

Ich bewundere George Simenon und liebe seine Bücher. Ebenso Umberto Eco, Bukowski, Phillip K. Dick, Tolkien, G.R.R. Martin. Geprägt haben mich aber fürs Schreiben auch Michael Ende, Astrid Lindgren, Stanislav Lem, Sergej Lukjanenko und Lovecraft. Bestimmt noch viele andere, aber dafür müsste ich mir jetzt mal mein Bücherregal anschauen. 

Wobei ich mir viele Bücher gar nicht mehr kaufe, sondern in der STADT Stadtbibliothek ausleihe. Da geht es nicht so ins Geld, wenn man mal Experimente macht und Bücher liest, von denen man noch nie gehört hat. Oft kaufte ich in der Vergangenheit Bücher, die in den Bestsellerlisten standen, nur um nach hundert Seiten weggelegt zu werden. Das fand ich zu teuer.

Noch ein Blick hinter die „Schreibkulissen“: Wie überarbeitest Du Deine Manuskripte. Korrigierst Du am Rechner oder auf ausgedrucktem Papier mit dem Rotstift, und … machst Du es gern?

Bei den Romanen drucke ich mir die Endfassung meist kurz vor endgültiger Abgabe noch mal aus und sitze mit dem schwarzen Filzstift dran. Aber alles andere mach ich immer am Rechner.

Die Leser interessiert mit Sicherheit auch, wie sich dein Weg bis zur 1. Veröffentlichung gestaltet hat. Wie verlief Deine Suche nach einem Verlag, war es ein harter und steiniger Weg?

Um ehrlich zu sein, überhaupt nicht. Ich habe ziemlich früh im Schreibprozess den epospresse-Verlag mitgegründet, um frei zu sein, was ich schreibe und veröffentliche. Dort wurde dann auch „Bart Ortland“ veröffentlicht, eine Kriminalkomödie, die ich mit ein paar Freunden geschrieben habe.

Als ich Ava dann fertig hatte, habe ich mich informiert und ein paar Agenten und ein paar Verlage angeschrieben. Wenige Wochen später hatte ich dann die Mail von Frau Sechtig vom Acabus-Verlag in meinem Postfach. Seitdem bin ich dort sehr zufrieden.

Ohne zu tief in Dein Privatleben vorzudringen, möchte ich Dich dennoch nach Deinem „Alltag“ fragen. Was macht der Autor Andreas Dresen, wenn er nicht schreibt. Übst Du einen Hauptberuf aus und gehst Du in Deiner Freizeit irgendwelchen Hobbies nach?

Ich bin Diplom-Kaufmann bei einem regionalem Dienstleistungsunternehmen. Neben dem Schreiben widme ich mich meinem Garten, dem Sporttauchen und meiner Frau. Außerdem lese ich unheimlich gerne, schaue mir Filme an und stöbere so durch die Weltgeschichte. Es gibt so viel zu lernen und zu entdecken!

Nun möchte ich noch kurz auf die bunte, moderne High-Tech Welt eingehen. Wie wichtig ist das WWW deiner Meinung nach für einen Autor heutzutage. Was denkst Du über Social Networks, Ebooks, Buchtrailer etc.?

Das ist eine Frage, die nicht einfach zu beantworten ist. Als Selbstvermarkter kommt man wohl um ein Engagement im Netz nicht drumrum. So viele Menschen, so viele Leser, wie man sie über Social Networks, Blogs und Videoplattformen erreicht, kann man mit konventionellen Lesungen gar nicht packen, glaube ich.

Und E-Books: Klar, finde ich klasse! Schreibe sie ja selbst gerne. Es ist ein wunderbares Medium. Es gibt dem Autor die absolute Freiheit! Freiheit bedeutet aber eben auch Verantwortung. Wenn ich selbst publiziere, bin ich für alle Fehler selbst verantwortlich. Und ich muss selber Werbung machen, selber organisieren. Das kann alles in die Hose gehen – und das Netz vergisst nicht. Aber davon sollte man sich nicht abhalten lassen. Ich glaube, dass ist eins der neuen Abenteuer, denen sich ein Autor stellen kann.

Noch eine Frage zu Deiner persönlichen Einstellung zu Bestsellerlisten oder -tischen in Buchläden. Verleiten sie Dich zum Kauf eines Buches oder triffst Du Deine Auswahl nach anderen Kriterien?

Bestsellerlisten ignoriere ich regelmäßig, auch weil sie mich nicht erreichen. Wo stehen die? Ich finde meine Bücher in den Medien, die ich konsumiere. Das sind dann Empfehlungen von Freunden, Blog- oder Facebook-Einträge. Meist aber lass ich mich einfach treiben und lese, was mir zufällig über den Weg läuft. In der Bücherei, in der Bibliothek, irgendetwas findet sich immer. Die Büchertische in der Buchhandlung überfliege ich aber regelmäßig. Aber ich suche eher nach einem Thema, das mich interessiert als gezielt nach Büchern.

Meine letzte Frage kehrt noch einmal zurück zu Deiner Schreibarbeit. Du scheinst Dich im Fantasybereich sehr wohlzufühlen. Verrätst Du mir und den Lesern woran Du derzeit arbeitest und ob Du evtl. einmal das Genre wechseln wirst?

Neben den Büchern, die ich im Acabus-Verlag veröffentlicht habe, habe ich inzwischen eine ganze Reihe von Phantastik E-Books im epospresse-Verlag herausgebracht. Dort bin ich ebenfalls im phantastischen Genre unterwegs und bewege mich zwischen Horror und Verschwörungstheorien, Humor und Ernsthaftigkeit. Soeben ist ein weiteres E-Book erschienen und ich habe noch zwei geplant, an denen ich aktuell schreibe. Eins ist der erste Teil einer kleinen Steampunkreihe und das andere bislang nur skizziert.

Ich kann mir aber auch gut vorstellen, dass Genre mal zu wechseln. Meine Geschichten sind ja nicht immer phantastisch. Mich würde aber interessieren, welches Genre meine Leser sich für mich vorstellen könnten. Wer mag, kann mir das ja mal schreiben.

Ich wünsche Andreas Dresen für seine schriftstellerische Laufbahn alles Gute und viel Erfolg.

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Mehr über den Autor auf www.andreas-dresen.de und der Verlagsseite acabus-verlag.de

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Zu den Rezensionen der STADT-Romane auf BUCHWELTEN: 

AVA und die STADT des schwarzen Engels

SAMSON und die STADT des bleichen Teufels

 

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© Buchwelten im August 2012

Buchwelten im Gespräch mit Barbara Schnell

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Buchwelten hat bereits ein Interview mit einem Übersetzer veröffentlicht, und ich finde den Blick hinter die Kulissen immer sehr interessant.

Denn gerade bei den deutschen Ausgaben steht und fällt ein Roman ganz gewiss mit der Arbeit des jeweiligen Übersetzers. Es ist an ihm/ihr, genau das rüberzubringen, was der Autor/die Autorin sagen will. Es gilt, den besonderen Schreibstil in Deutsche mitzunehmen, damit auch wir in der Übersetzung die Stimmung erleben können, die ein Autor beabsichtigt.

Ich bin auf die Arbeit der Übersetzerin Barbara Schnell – wie soviele andere wohl auch – durch die Romane der Highland-Saga von Diana Gabaldon gestoßen.

Und da ich ihre Übersetzungsarbeit absolut fantastisch finde, freue ich mich sehr, dass sich Barbara Schnell die Zeit genommen hat, mir und den Buchwelten-Lesern einen Einblick in ihre Arbeit zu geben.

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Meine erste Frage bezieht sich (natürlich 🙂 ) auf die Highland-Saga. Diana Gabaldon braucht schon sehr lange für ihre ausführlichen Romane. Wieviele Wochen/Monate arbeiten Sie an der Übersetzung eines dieser „Mammut“-Bücher?

Das lässt sich gar nicht genau auf den Punkt bringen, da ich ja Roman-Teile von der Autorin geschickt bekomme, sobald sie genug zusammenhängendes Material hat. Zwischendurch kommt es dann auch vor, dass ich einige Wochen etwas anderes mache, während ich auf Nachschub warte. Im Prinzip kann man sagen, die Arbeit an einem der großen Romane dauert 12 bis 15 Monate, aber das ist nicht verlässlich kalkulierbar.

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Wie funktioniert ihre Arbeit an den Gabaldon-Romanen. Bekommen Sie erst das fertige, gedruckte Buch zur Übersetzung? Oder beginnt ihre Arbeit schon weit früher, indem Sie Druckfahnen oder Kapitel über die Datenleitung gesendet bekommen?

Das einzige Buch, das ich vom gedruckten Exemplar übersetzt habe, war „Der Ruf der Trommel“. Alle anderen Bücher habe ich übersetzt, während Diana noch daran arbeitete. Nur so konnten sie auf Deutsch teilweise gleichzeitig mit den Originalausgaben erscheinen.

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Sie haben Diana Gabaldon im immer wieder im Nachwort erwähnten CompuServe-Forum kennengelernt. Erzählen Sie uns ein wenig mehr darüber, wie sich das vor 20 Jahren abspielte?

Im Sommer 1992 habe ich in mehreren Foren des Onlinedienstes CompuServe für einen Artikel über „Frauen im Netz“ recherchiert. Damals war das Internet ja noch kein Haushaltsartikel wie heute, und es gab kaum Frauen, die mit Computern gearbeitet haben bzw. dabei ernst genommen wurden. Viele empfanden die Anonymität solcher Online-Foren als angenehm, weil sie dort nicht preisgeben mussten, dass sie eine Frau sind. Im Rahmen dieser Recherche bin ich auch auf das damalige „Litforum“ gestoßen und habe dort auch Diana kennengelernt, die mir als Forumsmitglied auf meine Frage geantwortet hat. Sie war eine hoch interessante Gesprächspartnerin, und irgendwann habe ich aus Neugier eine amerikanische Bekannte gebeten, mir Dianas erstes Buch zu schicken (auch Händler wie Amazon gab es ja damals noch nicht, und es war schwierig, hier an englische Bücher zu kommen). Aus der Online-Bekanntschaft wurde Freundschaft, und da ich die Bücher von der ersten Zeile an geliebt habe, später auch eine Arbeits-Partnerschaft.

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Sie kennen die Autorin persönlich. Ich denke, dass dies auch zwingend nötig ist um diesen speziellen Schreibstil, den Diana Gabaldon hat, auch genauso rüberzubringen, wie es im Original der Fall ist. Denken Sie, sie könnten eine solch gute Übersetzungsarbeit liefern, würden Sie sie nicht persönlich kennen?

Das ist schwer zu sagen, denn ich kenne es ja nicht anders. Generell ist es aber der Text, der die „Marschrichtung“ vorgibt, und man kann auch viel über Dianas Arbeitsweise und Intentionen erfahren, wenn man einfach den Text genau liest. Allerdings ist es eine große Hilfe, Diana direkt kontaktieren zu können, wenn ich Fragen habe – und ich würde nie den Fehler begehen, leichtfertig irgendwelche Details wegzulassen, denn man weiß bei ihr nie, was und wer in der Geschichte später noch einmal auftaucht.

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Wie sehr sind die Romane um Jamie und Claire auch Ihr „Baby“, sehen Sie diese überhaupt als solches? Denn ich denke, bei soviel Herzblut und Zeit, die eine Übersetzerin in einen jeden Satz dieser langen, ausführlichen Romane steckt, geht das gar nicht anders, oder?

Es ist jedesmal aufs Neue ein großartiges Gefühl, wenn mir der Postbote das erste gedruckte Buch bringt. Und ich bekomme viel Leserecho auf meine Arbeit. Es ist mein Wunsch, den deutschen Lesern möglichst viel vom „Feeling“ der Bücher mitzugeben – und eine große Freude, wenn das gelingt.

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Nun ein kleiner Schwenk in die zweite Buchreihe von Diana Gabaldon. Viele Leser sehen die Lord-John-Romane als Lückenfüller zur Highland-Saga. Ich selber bin da völlig anderer Meinung, denn ich finde Lord John ist eine so wunderbare Figur, die ihre eigene Reihe verdient hat. Wie gefällt Ihnen die Lord John-Reihe?

Das sind tolle Bücher, die mir beim Lesen und Übersetzen nicht weniger Spaß machen als die großen Romane, denen sie erzählerisch absolut gleichwertig sind, auch wenn sie „kompakter“ sind.

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Ich glaube gelesen zu haben, dass Sie auch auf den Lesereisen von Diana Gabaldon in Deutschland mit dabei sind. Können Sie ein bisschen erzählen, wie diese Lesungen dann ablaufen? Ich denke, dass es einige Fans noch nicht live erleben konnten.

Da sich herausgestellt hat, dass die meisten deutschen Besucher der Lesungen genug Englisch können, um zumindest in Ansätzen zu verstehen, was Diana liest, moderiere ich ihre Texte nur an und fasse zusammen, was sie zwischendurch erzählt. Wir sind auch da ein gut eingespieltes Team, und den Reaktionen des Publikums nach funktioniert unser Konzept ganz gut.

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Was macht Barbara Schnell, wenn sie gerade keine Romane von Diana Gabaldon übersetzt? Ich weiß, Sie arbeiten als freie Journalistin. Wie sieht Ihr sonstiger Arbeitstag aus?

Ich arbeite als Pferdesportjournalistin und -fotografin und betreue die Websites einer ganzen Reihe von Athleten. Das sorgt für viel Abwechslung und verhindert, dass ich am Schreibtisch festwachse.

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Neben der Übersetzungsarbeit gilt Ihre ganze Liebe den Pferden und auch der Fotografie. Sind Sie privat auch eine begeisterte Leserin? Welche Autoren lesen Sie gerne?

Ich lese gern gute Krimis. Zu meinen Lieblingsautoren zählen Dana Stabenow (auch von ihr habe ich zwei Bücher ins Deutsche übersetzt; leider hat die Reihe um die aleutische Spürnase Kate Shugak in Deutschland nicht viele Leser gefunden), Don Winslow oder Ian Rankin. Humor und Satire können mich auch begeistern, z.B. von P.G. Wodehouse oder Terry Pratchett. Ein Buch, das ich immer wieder lesen kann, ist aber auch „Der Herr der Ringe“.

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Nun gehe ich noch einmal zurück zur Highland-Saga. Haben Sie einen Favoriten unter den verschiedenen Teilen der Romane? Gibt es Bände, die Sie schlechter finden, und ist Diana Gabaldon für Sie von Mal zu Mal gewachsen und besser geworden?

Es ist Teil der Faszination dieser Bücher zu sehen, wie Diana als Erzählerin wächst und kühner wird. Trotzdem kann ich kein Lieblingsbuch aus der Serie benennen.

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Meine letzte kurze Frage: Wer ist ihr Lieblingscharakter in Diana Gabaldons Büchern?

Jamies Neffe Ian.

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Ich danke Ihnen ganz herzlich für die Zeit zur Beantwortung meiner Fragen und ich selber – sowie alle anderen Fans – werden ungeduldig auf den Abschluss ihrer derzeitigen Arbeit warten:

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A Trail of Fire“ — Deutscher Titel: „Zeit der Stürme“ – vier Kurzromane von Diana Gabaldon, erscheint am 16. September 2013 bei blanvalet

Zeit der Stürme

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Written in my Own Heart’s Blood“Band VIII der Highland-Saga, ein Erscheinungsdatum steht noch nicht fest

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Wer mehr über Barbara Schnell erfahren möchte …. www.bschnell.de

Deutsche Fassung der offiziellen Website von Diana Gabaldon: www.dgabaldon.de

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© Buchwelten im August 2012

Buchwelten im Gespräch mit Jan-Eike Hornauer

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Jan-Eike Hornauer, Herausgeber der Anthologie „GROTESK!“, erschienen im Candela Verlag ist ein sehr vielseitiger Mensch:

Lektor, Herausgeber und Autor. Er bekennt sich „zur Abhängigkeit, kann ohne Texte nicht leben“.

Jan-Eike Hornauer hat sich die Zeit genommen meine Fragen zu beantworten und ermöglicht den Lesern einen kleinen Einblick in die Arbeit einer „Textwerkstatt“.


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Mit „GROTESK!“ hast Du eine Anthologie herausgegeben, die für die heutige Zeit völlig untypisch und gegen den Mainstream ist. Wie kam es zu dieser Idee? 

Ich mag das Genre der Groteske in all seinen unglaublich unterschiedlichen Facetten einfach sehr. Zudem wollte ich gerne ein Buch herausbringen, das schon vom Ansatz her echte literarische Qualität hat. Und ich hatte selbst für dieses Thema auch schon passende Geschichten, bzw. Ideen in petto.
Was für mich allerdings überraschend war: dass der Candela Verlag gleich bei der ersten mündlichen Anfrage spontan zugesagt hat. Schließlich handelt es sich hier um ein anspruchsvolles Nischenthema, und ein Verleger muss ja immer auch wirtschaftlich denken.
Ich hatte also damit gerechnet, zumindest Überzeugungsarbeit leisten zu müssen, Christoph Bizer-Neff aber war sofort sehr angetan von dieser Idee. Eine wirklich schöne Überraschung!

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Wie ging die Arbeit vonstatten? Erzählst Du ein bisschen über die Entstehung von den ersten Überlegungen bis hin zur Veröffentlichung?

Nun, zuerst hatte ich also diese Idee, bin damit dann an den Candela Verlag herangetreten, und dieser hat sofort zugeschlagen. Daraufhin habe ich einen Ausschreibungstext verfasst und ihn gemeinsam mit dem Verlag auf literarischen Onlineplattformen verbreitet. Ohne jede Beschränkung in Alter, Wohnort oder Geschlecht konnte jeder Interessierte bis zu drei Texte einreichen, wobei die Höchsttextzahl nur sehr, sehr selten tatsächlich genutzt wurde.
Die über 500 eingegangenen Texte habe ich dann alle gelesen und die besten ausgewählt. Das nachfolgende Lektorat, das eine teilweise sehr intensive Zusammenarbeit mit den Autoren bedeutete, war der künstlerische Höhepunkt und somit auch der wichtigste Teil des ganzen Prozesses: Hier ging es um das Wesentliche, die Textarbeit. Das ist immer sehr spannend und lehrreich.
Zeitglich hat Claudia Speer vom Werbeatelier Bad Homburg die ersten Coverentwürfe erstellt. Nach dem Lektorat habe ich die Geschichten in eine – zumindest meines Erachtens nach – sinnvolle Reihenfolge gebracht, Claudia Speer hat sich anschließend um den Satz gekümmert, ich habe einen Klappentext abgefasst und der Verlag hat das Buch in Druck gegeben – übrigens wegen der hohen inhaltlichen Qualität nicht, wie ursprünglich geplant, als Taschenbuch, sondern als hochwertige Hardcoverausgabe. Eine weiteres überraschendes Angebot vom Verlag, das mich sehr beglückt hat!

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Viele Leute haben an dem Projekt mitgearbeitet. Nach welchen Kriterien wurden die Geschichten ausgewählt?

An „Grotesk!“ an sich haben neben den Autoren drei Leute mitgearbeitet: der Verleger Christoph Bizer-Neff von Candela, Claudia Speer vom Werbeatelier Bad Homburg (Satz und Cover) und ich (Herausgeber, Lektor). Dazu kommen natürlich noch Verlagsmitarbeiter, die etwa die begründeten Absagen an die nicht ins Buch aufgenommenen Autoren verschickt haben und mit dem fertigen Werk an Buchhandlungen herangetreten sind.
Für mich sehr wichtig war, dass ich, wie auch bei meinen vorherigen Herausgaben, völlige Freiheit hatte, was die Anthologie angeht. Dazu gehört ganz klar auch, dass ich völlig selbständig die Geschichten aussuchen und zusammenstellen durfte.

Bei der Geschichten-Auswahl war das entscheidende Kriterium immer: literarische Qualität. Sprache, Plot, Figurenzeichnung, Aussage – das musste zwingend zueinander passen, und zumindest in einem dieser Bereiche musste die Geschichte herausragend sein, etwas wirklich Neues und Eigenes bieten. Dazu kommt: Ich habe mich nicht auf die Geschichte im eingereichten Ist-Zustand konzentriert, sondern auf ihr Potential. Das hat natürlich ein auch für den einen oder anderen Autoren sehr anstrengendes Lektorat bedeutet, ist aber ein ausschlaggebender Grund dafür, dass „Grotesk!“ jetzt die Qualität hat, die es zu einem so besonderen Buch macht.

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Wie schwer war es, einen passenden Verlag für die Anthologie zu finden? Wie kam es zur Zusammenarbeit mit dem Candela Verlag, der das Buch ja in einem sehr ansprechenden „Outfit“ präsentiert? 

Das war hier tatsächlich erstaunlich einfach: Candela war nämlich der erste Verlag, bei dem ich mit dieser Idee angeklopft hatte. Und der Verlag hat ja gleich zugegriffen. Kontakt hatte ich zu Candela, da ich als Autor in seiner Krimi-Anthologie „Cruor“ vertreten bin, die gerade erschienen war.

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An der Anthologie haben 22 Autoren mitgearbeitet, unter anderem Du selbst. Wie schwer war es, so viele unterschiedliche Persönlichkeiten unter einen Hut zu bringen? Gab es auch mal Streit, Unstimmigkeiten und „Nörgler“? 

Natürlich war nicht alles immer rosa-plüschig. Zum Glück aber muss man hier ja gar nicht alle wirklich unter einen Hut bekommen – letztlich müssen ja immer nur der jeweilige Autor und ich einen gemeinsamen Weg finden, manchmal ist dieser geradezu von selbst angelegt und muss nur noch beschritten werden, manchmal aber muss man ihn sich auch unter Reibungshitze erarbeiten.
Ich gebe hier auch gerne zu, dass ich im Lektorat durchaus sehr anstrengend sein kann. Fehler lasse ich eben nicht durchgehen. Formulierungen, die einfach nicht sauber sind von Grammatik, Logik oder Satzanschluss her, dürfen nicht im Text bleiben. Manchmal wird mein Verhalten und Argumentieren hier dann schon als haarspalterisch wahrgenommen. Konflikte bleiben da nicht immer aus, und bei drei Autoren war ich mir auch ziemlich sicher, dass nicht mehr viel gefehlt hätte, bis sie mir abgesprungen wären. Im Nachhinein haben genau diese Personen mir das auch mitgeteilt – übrigens dann mit dem Zusatz, dass sie nie gedacht hätten, dass ihr Text so gut werden kann, und sie nun ihre Angst, ich würde ihnen diesen kaputtlektorieren, als unbegründet ansehen.
Dazu muss man noch sagen: Was das Fehlerausmerzen angeht bin ich sehr penetrant, gleichzeitig aber lasse ich den Autoren große Freiheiten, zwinge ihnen keine Formulierungen auf. Auch müssen bei mir keine Konzessionen an einen vermuteten Publikumsgeschmack gemacht werden, Plot, Figuren, Szenen und Sprache dürfen also so sein, wie es der Geschichte gut tut, das sind alles Autor-Entscheidungen.
Diese Freiheiten hören sich selbstverständlich an und sollten es auch sein – doch leider sind sie es eben nicht. Zu oft wird der Autor im Buchgewerbe als Dienstleister angesehen und nicht als Künstler.

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Du selbst bekennst Dich zur Textsucht. Sei es, dass Du lektorierst, rezensierst, Texte selber verfasst oder veröffentlichst. Ich möchte Dich kurz zitieren:

Texte sind streichelbedürftig, zart, zerbrechlich. Aber auch störrisch, struppig, voller Dornen. Nur wer sich ihnen mit ganzer Hingabe widmet, kann ihre tiefe Schönheit sichtbar machen und ihre große Wirkung zu voller Entfaltung bringen“. Das klingt nach einem liebevollen Verhältnis zu Buchstaben. Wie viel Zeit bleibt Dir noch um selbst zu lesen, und welche Werke/Genres/Autoren gehören zu deinen Favoriten?

Mein Leseverhalten ist von großen Schwankungen geprägt – mal lese ich einen Roman an einem Tag weg, dann gibt es auch wieder eine tage- bis wochenlange Lesepause. Ein Rhythmus, der übrigens nur bedingt abhängig von Rahmenumständen ist. Ich lese also nicht zwingend deshalb nicht, weil ich gerade völlig im Stress bin, oder deshalb ganz viel, weil ich gerade viel Freizeit habe.
Mein Lieblingsgenre ist nach wie vor das komische Gedicht, das z. B. durch Ringelnatz, Morgenstern und Gernhardt bekannt ist. Hier habe ich mit „Wortbeben“ denn auch meine erste Herausgabe vorzuweisen. Außerdem verehre ich Kästner für sein lyrisches Werk sehr. Im Bereich der Prosa sind Thomas Manns „Buddenbrooks“, Walter Moers’ „Käpt’n Blaubär“ und Franz Kafka ganz weit vorne. Und auch hier darf ich Kästner nicht unterschlagen: sein „Fabian“ ist wirklich großartig!

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Du bist Autor, Herausgeber, Lektor, Korrektor, Texter und zweiter Vorsitzender im Literatur- und Kunstverein „Realtraum“. Wie lässt sich dies alles miteinander vereinbaren?

Eigentlich sehr gut, schließlich ist das alles der gleiche Sumpf. Man kann die verschiedenen Bereiche oft kaum voneinander trennen, sie fließen ineinander über. Nur die Gebiete „Belletristik“ und „Werbung“ lassen sich recht gut voneinander unterscheiden, aber selbst hier gibt es manchmal fließende Übergänge, wenn z. B. Werbekunden zu einer Lesung von mir kommen.

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Arbeitest Du zu Hause oder hast Du ein externes Büro? 

Ich arbeite von zu Hause aus. Da fällt es manchmal schwer, die nötige Disziplin aufzubringen, zugleich verschafft es einem ein Mehr an Freiheiten – und da ich mich nun in nicht gerade hochbezahlten Bereichen umtreibe, wäre ein externes Büro auch ein praktisch nicht zu stemmender Kostenfaktor. Das erleichtert so eine Entscheidung denn doch auch ungemein.

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Was sind Deine Hobbys? Oder hast Du dein Hobby zum Beruf gemacht und für andere Dinge bleibt keine Zeit mehr? 

Letztlich habe ich tatsächlich mein Hobby zum Beruf gemacht, v. a. was die Belletristik angeht. Aber ich lese auch nach wie vor aus völlig freien Stücken und einfach nur für mich. Zudem sehe ich gern gute Filme oder, wenn auch viel, viel zu selten, ebensolche Theaterstücke – tolle Geschichten ziehen mich einfach in jeder Form an. Und natürlich gehe ich mit Freunden aus, zum Essen, in die Disco, ins Kino etc.

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Eine letzte Frage: Was plant der Herausgeber Jan-Eike Hornauer als nächstes Projekt? Ist eine weitere Veröffentlichung in Arbeit und darfst Du ein wenig darüber verraten?

Angelaufen ist noch nichts Neues. Es ist ja so, dass die Arbeit einer Herausgabe mit dem Erscheinen des Buches keineswegs abgeschlossen ist, man muss dann ja schon auch kräftig die Werbetrommel dafür rühren. Außerdem ist eine zu enge Taktung nicht so sinnvoll, was die Aufmerksamkeit angeht: Die gleichen Medien bzw. Leser verlieren durchaus etwas das Interesse, wenn zu oft der gleiche Herausgeber mit einem neuen Band ankommt.
Doch natürlich soll es weitergehen, das kann aus meiner Sicht gar nicht anders sein. Was ich mir da grundsätzlich sehr gut vorstellen kann: eine neue Anthologie komischer Gedichte, eine Trash-Kurzgeschichtensammlung oder einen Band rund ums Literarische. Bislang bin ich aber noch mit keiner Idee an einen Verlag herangetreten, das ist alles noch völlig im luftleeren Raum.

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Ich danke Jan-Eike Hornauer für seine Zeit zur Beantwortung meiner Fragen. Wer mehr über ihn erfahren möchte, sollte in der „Textzüchterei“ vorbeischauen.


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© Buchwelten im Februar 2012

Buchwelten im Gespräch mit Michael Zandt

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Mit „HAPU – Teufel im Leib“ hat der Autor Michael Zandt seinen Debütroman veröffentlicht. Er ist im Candela Verlag als Taschenbuch erschienen und erzählt die Geschichte von HAPU, einer jungen Asartu-Frau. Asartu sind Nachfahren des Teufels, die unter uns Menschen leben.

Heute stelle ich Michael Zandt einige Fragen zu seiner Arbeit, seinen Ideen und seinen Plänen für die Zukunft.

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Meine erste Frage bezieht sich auf deinen Debütroman „HAPU-Teufel im Leib“. Wie ist die Idee dazu entstanden? Warum sind es gerade die Nachfahren des Teufels geworden, die Du unter uns Menschen weilen lässt?

Die Asartu sind, wenn man so mag, der „teuflische“ Gegenentwurf zum von Gott geschaffenen Menschen. Abgesehen von ihrem ernährungsphysiologischen Makel und ihrem Äußeren aber unterscheiden sie sich kaum von uns.

Mich hat die Frage interessiert, wie wir wohl mit Wesen umgehen würden, die zwar die Mehrzahl unserer Träume, Sehnsüchte und Ängste teilen, sich aber, trotz ihrer Bemühungen, nur sehr bedingt in eine Gesellschaft wie die unsere integrieren lassen.

Wie lange hast Du an dem Roman gearbeitet und wie schwer war der Weg einen Verlag zu suchen und dann zu finden?

Von der Idee bis zum fertigen Manuskript, hat es etwa ein Jahr gedauert. Schreiben ist bei mir eine Frage der Tagesform. Es gibt Zeiten, in denen ich recht viel, und Phasen in denen ich kaum eine Zeile zustande bringe.

Was die Verlagssuche angeht: Zuerst habe ich mein Glück bei einer auf unterhaltende Belletristik spezialisierten Literaturagentur versucht. Die beiden Damen dort haben mich nicht lange zappeln lassen und mir noch am selben Tag eine freundliche Standardabsage geschickt. Danach habe ich mich an einen Publikumsverlag gewandt. Der zuständige Lektor dort wollte mir zwar ein gewisses Talent nicht absprechen, bescheinigte mir aber gleichzeitig mit Hapu einen, dem potentiellen Leser, nur schwer vermittelbaren Charakter geschaffen zu haben.

Jedenfalls: Kleinere Verlage waren glücklicherweise für „Hapu“ zu interessieren. Nach einigen Irrungen und Wirrungen (ein Verlag ging in die Insolvenz, ein anderer stellte über Nacht alle Projekte ein) fand Hapu ihren Platz schließlich im Candela-Verlag.

Waren für HAPU viele Recherchen nötig? Wenn ja, wie sah diese Arbeit aus?

Wenn ich schreibe, laufen Wikipedia und Google im Hintergrund. Wann starb der Freiherr von Stein? Wie ist die politische Situation in Somalia? Wo ist in Köln der Straßenstrich? Alles Fragen, die mir das Netz heute viel schneller und zielführender beantworten kann als ein Lexikon.

Ich habe im Wesentlichen also über das Internet recherchiert. Daneben habe ich „Sinuhe der Ägypter“ von Mika Waltari gelesen um ein wenig Atmosphäre zu „atmen“.

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Liest du privat selber viel? Wenn ja, welche Autoren und Genres bevorzugst du hierbei?

Am meisten beeindruckt mich derzeit die russische Phantastik. Vladimir Sorokin zum Beispiel. Den Österreicher Thomas Glavinic und den Amerikaner Stuart O’Nan schätze ich ebenfalls sehr. Weiter finden sich derzeit Franz Kafka, Markus Orths, Cormack McCarthy und Samuel Pepys auf meinem Büchertisch. Von den klassischen „Phantasten“ schätze ich besonders die Werke von E.A. Poe und Leo Perutz.

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Wie wichtig ist Dir die Musik. Findest Du auch darin Inspiration oder Anregungen für Deine Schreiberei? Begleitet sie Dich vielleicht sogar während Deiner Arbeit?

Ich liebe Musik, kann sie aber, wann immer ich mich konzentrieren möchte, leider nicht gebrauchen. Ich kann meine Aufmerksamkeit nur schwer teilen. Ich gehöre zu der Sorte Männer, die schon dann das Radio ausmachen muss, wenn sie nur rückwärts einparken möchte.

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Auf der Verlagsseite gibt es leider keine Vita über Dich. Ich konnte herausfinden, dass du verheiratet und Vater zweier Kinder bist. Wie steht deine Familie zu deinem Schreiben? Lässt sich das vereinbaren und sind sie evtl. sogar begeisterte Testleser?

Phantastik ist zwar nicht unbedingt das Genre indem meine Frau sich zuhause fühlt, doch ist sie mir trotzdem eine unverzichtbare Testleserin. Sie weist mich auf logische Fehler hin und verbessert meine Zeichensetzung regelmäßig soweit, dass ich mich meiner mangelnden Orthographietalente wegen dem Lektor, bzw. der Lektorin gegenüber nicht zu schämen brauche.

Ich denke mir, dass Du noch einem Vollzeitjob nachgehst. Was ist Dein Beruf und wann findest Du die Zeit zum schreiben?

Ich schlafe selten länger als fünf oder sechs Stunden und nutze zum Schreiben daher gerne die morgendliche Stille. Ja, ich habe einen Vollzeitjob. Ich bin diplomierter Verwaltungswirt und unter anderem für die Verteilung von Kindergartenplätzen zuständig.

Wie wichtig ist für dich als Autor das Internet? Nutzt Du es intensiv oder ist es eher ein notwendiges Übel?

Das Netz ist die einfachste und günstigste Möglichkeit sich rasch und umfassend zu informieren. Daher finde ich es auch wichtig Bewegungen wie „Stop Acta“ zu unterstützen. Das Netz hilft nicht nur mir als Autor, sondern der Verbreitung von Wissen überhaupt. Deshalb sollte es unreglementiert und frei sein.

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Nun meine Standardfrage an meine Gesprächspartner: gibt es ein Ritual und/oder ein Maskottchen, dass dich beim Schreiben begleitet?

Zwar bin ich für kindlich-pathetische Anwandlungen mitunter durchaus empfänglich, aber wenn ich je ein Maskottchen besäßen hätte, wäre es vermutlich inzwischen in dem auf meinem Schreibtisch herrschenden Durcheinander aus Büchern, Aktenordnern und Briefen verloren gegangen.

Ich weiß, dass Du derzeit an der Fortsetzung zu HAPU, der Asartu, arbeitest. Wann können wir mit dem zweiten Teil rechnen? Und wird es eventuell auch mal ein Buch von Dir zu lesen geben, dass in einem anderen Genre angesiedelt ist? Einen Krimi oder eine Liebesgeschichte zum Beispiel?

Die Fortsetzung von „Hapu“ wird den Namen „Das schwarze Kollektiv“ tragen und im neuen „Art Skript Phantastik“-Verlag erscheinen. Vorab: Ich bewundere den Mut der jungen Dame, das Wagnis „Verlagsgründung“ einzugehen, und sich dann auch noch auf meine bescheidenen Talente stützen zu wollen. Ob das gut gehen wird, weiß ich nicht, aber ich werde in jedem Fall versuchen, die Erwartungen der frisch gebackenen Verlagschefin nicht zu enttäuschen.

Ob ich das Genre der Phantastik je verlassen werde? Wozu? Um einen Krimi zu schreiben? Da gibt es fraglos Bessere. Leute die einfach wissen, wie so ein Ding gestrickt sein muss um die Leute herzrasend bei der Stange zu halten. Davon einmal abgesehen, wüsste ich nichts zum Thema zu sagen, was nicht auch Columbo schon gesagt hätte.

Gut erzählte Liebesgeschichten dagegen mag ich. Aber dafür muss ich nicht das Genre wechseln.

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Ich danke Michael Zandt für das Gespräch und wünsche ihm alles Gute für seine weitere schriftstellerische Zukunft.

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Michael Zandt gibt es auch bei Facebook

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© Buchwelten im Februar 2012

Buchwelten im Gespräch mit Silvia Kaffke

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Silvia Kaffke, geboren 1962 und wohnhaft in Duisburg-Ruhrort, hat bereits mehrere Kriminalromane veröffentlicht.

Ich bin zufällig auf die Autorin gestossen, als ich zur Vorbereitung des Interviews mit Horst Eckert auf seiner Facebook-Seite über den Begriff „Ruhrort-Krimi“ gestolpert bin.

Mir hat der Roman „Im Roten Licht des Mondes“ so gut gefallen, dass ich erstens unbedingt mehr von Silvia Kaffke lesen will und zweitens einen Ausflug in meine alte Heimat Ruhrort unternommen habe, um mir die Originalschauplätze noch einmal anzusehen.

Ich freue mich sehr, dass sich die absolut sympathische Autorin die Zeit für dieses Interview genommen hat.

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Bislang sind vier Krimis zur BKA Profilerin Barbara Pross sowie mittlerweile zwei historische Kriminalromane um deine Protagonisten Lina Kaufmeister und Commissar Borghoff erschienen. Hast Du irgendwelche Ambitionen, Dich einmal einem anderen Genre zu widmen?

Ich spiele im Moment mit dem Gedanken, Steampunk zu schreiben. Aber auch da würde ich immer Krimielemente einfließen lassen.

Du bist gebürtige Duisburgerin, allerdings im Stadtteil Meiderich aufgewachsen. Als Du 2005 nach Ruhrort gezogen bist, hast Du Dich nach eigener Aussage sofort in den Hafenstadtteil verliebt. Welchen besonderen „Flair“ hat Ruhrort für Dich?

Zwischenzeitlich habe ich auch in Wanheimerort, also in einem südlichen Stadtteil gewohnt, aber es zieht mich immer in den Norden mit seinen starken Kontrasten. Ruhrort ist neben der Innenstadt sicher der geschichtsträchtigste Teil von Duisburg. Hier sind sich Vergangenheit und Gegenwart in einer Weise nah, die einfach die Phantasie anregt. Der Hafen (der echte, nicht die Flaniermeile am Innenhafen), daneben alte Bausubstanz, viele klassizistische Häuser, von denen es nicht mehr viele in Duisburg gibt – Ruhrort ist so eine besondere Mischung aus St. Pauli und Ruhrpott, auch wenn es die legendäre Altstadt, früher das Vergnügungsviertel in Duisburg, seit Ende der 60er Jahre nicht mehr gibt. Aber in den Herzen der Ruhrorter lebt das noch. Deshalb hat auch der Bürgerverein die erste Stadtteil-Partnerschaft Deutschlands initiiert – mit St. Pauli.

Waren es die alten Häuser und die Geschichte von Ruhrort, die dich auf die Idee brachten, einen historischen Krimi ausgerechnet dort handeln zu lassen?

Ganz klar: ja. Speziell die Fabrikstraße, wo eine ganze Häuserzeile aus den 1820ern unter Denkmalschutz steht und ein alter Brunnen rekonstruiert wurde, war sehr inspirierend. Das habe ich oft erzählt und das hat dazu geführt, dass es viele Pressefotos von mir auf der Fabrikstraße gibt.

Ich habe gelesen, dass die Recherchearbeiten zum ersten Roman um Lina Kaufmeister (Das rote Licht des Mondes) sehr langwierig um umfangreich waren. Wie genau bist du hier vorgegangen. Ich habe von einer Führung im Haniel-Museum gelesen. Was hast du weiterhin unternommen, bist du z.B. regelmäßig an Originalschauplätzen gewesen?

Das Hanielmuseum war Inspiration pur. Hier steht zum Beispiel der Nachtstuhl, der im „Roten Licht“ keine geringe Rolle spielt. Es war auch nicht schwierig an Ruhrorter Fakten zu kommen – wer war Bürgermeister, wer waren die damaligen Pfarrer, gab es schon Straßenbeleuchtung, wo war das Rathaus usw. Wirklich schwierig war es, etwas über das Alltagsleben, besonders das der Frauen zu erfahren. Hier war meine Hauptquelle die Rhein- und Ruhrzeitung im Stadtarchiv. Es gab noch nicht viele Lokalnachrichten, aber bereits viele Anzeigen. Aus denen konnte man erfahren, was die Leute gegessen haben, welche Stoffe es gab, welche Bücher, wann der Zug vom Ruhrorter Bahnhof abfuhr. Die zweite Hauptquelle war ein Henriette-Davidis-Kochbuch. Kochbücher sind wahre Schätze der Kulturgeschichte, denn hier wird z.B. viel über Haushaltsführung geschrieben.

Im Jahr 2000 ist dein erster Roman erschienen. Du hast Germanistik und Publizistik studiert. Hast Du bereits in jungen Jahren geschrieben und wie kam es zu der Entscheidung eine Veröffentlichung anzustreben?

Gerade ist mir beim Aufräumen eine Schülerzeitung aus dem Jahr 1976 in die Hände gefallen. Ich habe mich gar nicht mehr daran erinnert, aber damals, mit knapp 14 Jahren, hatte ich für die Zeitung den Beginn eines Fortsetzungskrimis geschrieben. Inzwischen kam mir wieder in den Sinn, dass es keine weiteren Fortsetzungen mehr gegeben hatte. Wenn ich mein Machwerk lese, denke ich auch, dass das gut so ist. 😉 Aber dieser Krimiversuch war ganz sicher nicht mein erster Schreibversuch. So um 1979 habe ich dann begonnen, Gedichte zu schreiben, bin in die Duisburger Szene eingetaucht und hatte auch einzelne Veröffentlichungen. Prosa habe ich erst wieder geschrieben, als ich einen Computer bekam, Fantasy, Science Fiction. Erst als ich Jacques Berndorfs ersten Eifel-Krimi „Eifel Blues“ entdeckte, kam mir die Idee, dass ich es auch mit einem Krimi versuchen könnte. Aber zunächst schrieb ich eine Weile unter Pseudonym abgeschlossene Romane für die Yellow Press. 1998 schrieb ich ein Buch, das bereits viele Krimielemente hatte und schickte es an meinen heutigen Agenten. Der fand es unverkäuflich, aber gut geschrieben und regte an, dass ich einen richtigen Krimi mit einer weiblichen Hauptfigur schreiben sollte und das war dann „Messerscharf“. Er brachte es bei Fischer in der renommierten Reihe „Die Frau in der Gesellschaft“ unter, in deren Unterhaltungszweig u.a. Eva Heller, Hera Lind und im Krimibereich Sabine Deitmer veröffentlicht wurden. Ich bin heute noch unheimlich stolz darauf, dass ich von der legendären Lektorin Ingeborg Mues ausgewählt worden bin – und glücklicherweise kann man das Buch nach der Neuveröffentlichung bei rororo ja jetzt auch wieder lesen.

Was sind deine Hobbys? Was macht Silvia Kaffke privat? Liest du selber gerne? Wenn ja, welche Autoren oder Genres bevorzugst du? Nähst Du vielleicht auch? 😉

Ich habe lange Zeit fast nur Sachbücher gelesen, aber seit ich meinen e-Book-Reader habe, lese ich auch wieder zum Vergnügen. Dann aber nicht unbedingt Krimis, sondern sehr gern Fantasy, obwohl ich immer auf der Suche nach etwas bin, dass nicht von Elfen und Orks wimmelt und in dem nicht gerade der tumbe Junge ein großer Zauberer wird (Tolkien und Tad Williams haben zu den Themen eigentlich alles gesagt). Deshalb Steampunk, Gordon Dahlquists „Die Glasbücher der Traumfresser“ zum Beispiel. In den letzten paar Wochen habe ich meine Lieblings-Karl-May-Bücher neu gelesen, für den Kindle gibt es die Original-Versionen gratis, das war sehr interessant, man konnte manch Neues entdecken.

Ansonsten singe ich in einer 60ties Girl Group, spiele gern mal Spielchen am PC und koche leidenschaftlich gern. Und dann ist da noch mein Engagement für Ruhrort, das seit Ruhr 2010 offizielles Kreativquartier ist und wo ganz viel Kultur „von unten“ gemacht wird. Ich bin im Verein Beathafen e.V., wir wollen mit eigenen Musikveranstaltungen ein bisschen an die große Zeit der Clubs in Ruhrort erinnern. Da gibt es 60ties Partys, aber auch Barockkonzerte, Klangperformances oder einen Vortrag über Geigenbau.

Wie wichtig sind Dir Lesungen. Findest du den persönlichen Kontakt und die Nähe zu Deinen Lesern wichtig oder stehst Du nicht so gerne in der Öffentlichkeit?

Ich bin eine kleine Rampensau. Bei Gesangsauftritten habe ich durchaus noch Lampenfieber, bei Lesungen nicht. Der Kontakt zum Publikum macht mir viel Spaß – vielleicht abgesehen von denen, die mir ein Manuskript zum Lesen aufdrängen möchten.

Was sicher viele Fans interessiert ist, wie dein Autorinnenalltag aussieht. Schreibst Du mittlerweile hauptberuflich oder arbeitest Du abends nach Feierabend und am Wochenende?

Vom Schreiben kann ich nicht leben, gewöhnlich habe ich einen Brotjob, meist als Sekretärin. Im Moment bin ich allerdings arbeitslos und auf Jobsuche.

Eine Frage zum Thema Redigieren/Überarbeiten: wie lange wartest Du, bis Du ein Manuskript zur Überarbeitung wieder zur Hand nimmst und … gefällt Dir diese Arbeit?

Ich redigiere relativ wenig. Ich gehe immer kurz über die letzten paar Seiten, die ich geschrieben habe, bevor es weitergeht. Zwischendurch arbeite ich die Korrekturen meiner Freundin Martina Peters ein. Und wenn das Buch fertig ist, gibt es noch einen Durchgang, bei dem ich den Text laut lese, dann fallen Wortwiederholungen, holprige Konstruktionen oder misslungene Dialoge am besten auf. Danach arbeite ich natürlich noch die Anmerkungen der Lektorin ein.

Eine Frage die ich allen meinen Gesprächspartnern stelle: gibt es bei deiner Arbeit besondere Rituale und/oder ein Maskottchen, dass du während der Schreibarbeit in deiner Nähe brauchst?

Nein, keine Rituale. Wenn ich mich disziplinieren möchte, versuche ich, mindestens drei von „meinen“ Seiten – die sind etwas länger als Normseiten -, zu schaffen.

Verrätst Du den Lesern Deine Einstellung zu Ebooks, Kindle & Co? Hast du selber solch einen E-Reader oder bevorzugst Du noch das gute, alte Buch?

Vom Autorenstandpunkt ist da natürlich das Problem der gehackten Bücher. Es gibt ja leider eine ganze Gruppe von „kreativen“ Leuten, die Content im Web nicht für schützenswert halten und gern auf Kosten anderer kreativ sind. Schreiben ist harte Arbeit und dafür steht mir eine Entlohnung zu.

Als Leserin besitze ich neben dem Kindle noch ein zweites eBook, um etwas unabhängiger von Amazon zu sein. Ich habe mich auch schon gegen ein Buch entschieden, weil es nicht als eBook erhältlich war. Ich schätze es ungemein, dass bei meiner neu erwachten Leselust sich jetzt nicht schon an die zwanzig neue Bücher bei mir stapeln und vermisse das „Buchgefühl“ überhaupt nicht, besonders nicht beim Kindle mit seiner brillanten e-Ink-Technik.

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Zuletzt möchte ich noch wissen: schreibst Du derzeit an einem neuen Roman? Wann können wir mit einem weiteren Werk von Dir rechnen und darfst Du schon ein bisschen darüber erzählen?

Ich schreibe derzeit noch nicht, denke aber, dass es bald losgeht und dass es höchstwahrscheinlich Steampunk sein wird.

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Nähe Informationen zur Autorin finden sich auf:

    kaffkescrimes.blogg.de

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Die Rezension zu

„Das Rote Licht des Mondes“

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Liebe Silvia, ich bedanke mich noch einmal für das Interview und die ausführlichen und ehrlichen Antworten Deinerseits. Ich wünsche Dir für deine Zukunft alles Gute und vor allem viele Ideen zu neuen Geschichten …

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© Buchwelten 06.02.2012

Buchwelten im Gespräch mit Andreas Behm

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Andreas Behm, geboren 1957 hat verschiedene Bereiche in seiner beruflichen Laufbahn kennengelernt. Zunächst studierte er einige Semester Philosophie und Literaturwissenschaften. Dann wurde er selbständiger Taxiunternehmer und arbeitete als Einzelhandelskaufmann. Bis zum Jahr 2008 war er dann als Modellbahnhändler tätig, bevor er sich dann ab 2008 vollständig dem Schreiben widmete. 

Andreas Behm lebt in Hamburg und hat mit den Romanen „Die Moral eines Killers“ und „Der Lippennäher“ die beiden ersten Teile der Trilogie „Hamburg – Deine Morde“ in diesem Jahr im ACABUS Verlag veröffentlicht. Der dritte und letzte Teil wird voraussichtlich Ende 2012 erscheinen.

Ich freue mich, dass Herr Behm sich die Zeit für das nachfolgende Interview genommen hat.

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Herr Behm, Sie haben bisher zwei Krimis im ACABUS Verlag veröffentlicht, der Dritte ist gewiss in Arbeit. Wann können die Leser mit dem nächsten Fall des KHK Harald Hansen rechnen?

Das Thema ist komplex und ich muss noch einige Recherchen zu Ende bringen. Im Frühsommer 2012 sollte das Manuskript fertig gestellt sein. Dann dauert es in der Regel noch zwei bis drei Monate bis zur Veröffentlichung.

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Mit Harald Hansen haben Sie eine außergewöhnliche Ermittlerfigur geschaffen: Eigenbrötlerisch, stoffelig, etwas schwierig im Umgang …Warum haben Sie einen eher außergewöhnlichen Protagonisten gewählt und stand für diese Figur vielleicht sogar jemand Pate?

Im ersten Teil der Hansen-Trilogie wendet der Ermittler sehr unkonventionelle Methoden an, um zum Erfolg zu kommen. Da hätte eine konformistische Figur nicht gepasst. Ein Vorbild für Hansen gibt es nicht. Er ist eine Mischung aus den Charakterzügen verschiedener Personen. In ihm steckt eine Portion Ernst Happel (ehemaliger HSV-Trainer, Spitzname „der Grantler“), ein wenig von meinem leider 2009 verstorbenen Schwiegervater und – unvermeidlich – das eine oder andere Detail meiner eigenen Persönlichkeit.

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Ich selber kam ja nun in den Genuss beide Ihrer Werke zu lesen. Das Debüt, den ersten Fall von Harald Hansen „Die Moral eines Killers“ und „Der Lippennäher“. Gerade Band I war in seinem Aufbau für einen Krimi sehr „besonders“ konstruiert. Wie in meiner Rezension bereits geschrieben, geht Ihr Kommissar relativ früh auf den Killer zu, setzt sich an seinen Tisch, konfrontiert ihn mit seinen Taten und deckt ihn vollkommen auf. Mehr noch, ihr Ermittler benutzt ihn ganz klar für seine eigenen Zwecke. Was hat Ihnen die Idee für diese Art der Krimihandlung geliefert?

Ich wollte einen untypischen deutschen Krimi schreiben. Einen Roman, in dem die Hauptfiguren kompromisslos jede Möglichkeit nutzen, um ihre Ziele zu erreichen und die Spannung daraus entsteht, dass drei dominante, eigensinnige Persönlichkeiten aufeinander treffen. Die „Wer-ist-der-Täter-Frage“ sollte keine Rolle spielen.

Der Leser befindet sich auf einer übergeordneten Ebene, auf der er fast alle Ereignisse und Überlegungen der drei Kontrahenten verfolgen kann. In einzelnen Abschnitten habe ich bewusst häufige, kurze Perspektivwechsel eingebaut, um den Leser an der Parallelität der Ereignisse teilhaben zu lassen. Es war – in Ansätzen – der Versuch, das Konzept der amerikanischen Fernsehserie „24“ in die Krimiliteratur zu übertragen. Leider kann man in einem Roman den „Bildschirm“ nicht in mehrere Fenster unterteilen.

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Ihre Romane spielen sich in Hamburg ab. Sie scheinen ihr Herz an diese Stadt verloren zu haben. Ist das wirklich so oder dachten Sie einfach, dass ein Regionalkrimi sich derzeit offensichtlich gut verkaufen lässt?

Ehrlich gesagt habe ich Probleme mit dem Etikett Regionalkrimi. Es ist wohl typisch deutsch, eine Sparte zu schaffen, die es meines Wissens in anderen Ländern so nicht gibt. Jeder amerikanische, englische oder skandinavische Ermittler lebt an irgendeinem Ort und arbeitet dort. Der Ort kann fiktiv oder real sein. Warum werden die Romane von Henning Mankell nie als Regio-Krimis bezeichnet? Kommissar Wallander lebt in Ystadt, das ist eine Kleinstadt in Südschweden mit 18.000 Einwohnern. Grishams Romane spielen oft in der amerikanischen Provinz. Es ist schade, dass viele deutsche Kritiker und Verleger enge Schubladen brauchen, in die sie Bücher einordnen können. Ich selbst habe die Krimis von Jaques Berndorf jedenfalls nicht gelesen, weil sie in der Eifel spielen. Ich war noch nie in der Eifel.

Andererseits kann ich gut verstehen, wenn Leser gerne Romane lesen, die quasi bei ihnen vor der Tür spielen. Dagegen ist nichts einzuwenden. Aber wenn ich von einem Verlag eine Absage bekomme, weil sich nach Meinung der Lektorin Hamburg-Krimis schlechter verkaufen als zum Beispiel München-Krimis, kann ich solche Auswüchse nicht nachvollziehen.

Meine Krimis spielen in Hamburg, weil ich die Stadt kenne, weil sie vor meiner Haustür liegt und ich die Handlungsorte ohne lange Anreise unter die Lupe nehmen kann. Den Stempel „Hamburg – Deine Morde“ sehe ich als Markenzeichen und Orientierungshilfe für die Leser.

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Im zweiten Fall von Harald Hansen wird der Protagonist ein wenig „weicher“. Sicher behält er seine typischen Charaktereigenschaften, aber dennoch entwickelt er so etwas wie einen Teamgeist und Führungsqualitäten. Warum hat sich Hansen im zweiten Teil in diese Richtung verändert?

Männer verändern sich, wenn sie aus einem langjährigen Single-Dasein in eine glückliche Beziehung wechseln. Die Beziehung zu Nadja und ihrer Tochter Mareike hat einen positiven Einfluss auf Hansen, trotz diverser Probleme, die er damit hat.

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Wie sieht Ihr Arbeitsablauf in Ihrem Autorenleben aus? Haben sie feste, geregelte Arbeitszeiten? Schreiben Sie einfach wie es Ihnen gerade in den Sinn kommt oder Sie die Zeit dazu finden?

Der Ablauf sieht leider noch nicht so aus, wie ich es mir wünschen würde. Der Tag ist meistens von banalen Alltagsproblemen geprägt. Meine Frau und ich haben den allgemein propagierten Rollentausch längst vollzogen. Sie verdient unseren Lebensunterhalt, ich bin gewissermaßen ihr Back-Office. Ich kümmere mich um den Haushalt, die Schwiegermutter und den Hund. Nebenbei widme ich mich am Tage den Recherchen zum aktuellen Projekt, dem Marketing und den Sekretariatsarbeiten. Geschrieben wird in der Regel spät abends zwischen 21 Uhr und Mitternacht, manchmal auch länger. Mein Gehirn beschäftigt sich allerdings ständig mit dem aktuellen Projekt, was bei anfallenden Routinearbeiten im Haushalt gelegentlich zu merkwürdigen Resultaten führt.

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Wie lange arbeiten Sie im Durchschnitt an einem Werk, bis es zur Veröffentlichung kommt? Wie lange dauert das Verfassen Rohfassung, das Redigieren, etc.?

Für den ersten Roman habe ich noch fast drei Jahre gebraucht. Zu der Zeit war ich allerdings auch noch berufstätig und konnte mich ausschließlich nach Feierabend dem Schreiben widmen. Inzwischen komme ich mit anderthalb Jahren aus. Von einer Rohfassung möchte ich in dem Zusammenhang nicht sprechen, weil ich schon während der Entstehung ständig Korrektur lese und überarbeite. Wenn ich das Ende geschrieben habe, bin ich der endgültigen Fassung schon sehr nahe.

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Der Lippennäher“ ist von der Handlung her eher im typischen Krimistil gehalten. Erste Leiche, zweite Leiche, Ermittlungen, Verhöre, Spurensuche, etc.. Warum haben Sie im zweiten Fall eher diesen klassischen Stil angewandt – im Gegensatz zu Ihrem Debüt?

Im ersten Teil spielte die normale Ermittlungsarbeit nur eine untergeordnete Rolle. Im zweiten Teil wollte ich diesem Aspekt mehr Raum geben und dabei auch den Druck deutlich machen, unter dem die Ermittler oft stehen. Ich möchte mich nicht auf eine Handlungsstruktur festlegen. Der dritte Teil wird aus meiner Sicht diesbezüglich eine Mischung aus Band 1 und 2.

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Eine meiner Standardfragen, die ich jedem Gesprächspartner stelle, weil ich einfach neugierig bin: Haben Sie ein Notizbuch in das Sie alle möglichen Notizen schreiben, egal zu welcher Tages- und Nachtzeit und haben Sie ein besonderes Ritual während der Arbeit? Brauchen Sie z.B. absolute Ruhe, laute Musik oder vllt. einen besonderen Gegenstand in Ihrer Nähe, ohne den Sie nicht schreiben können?

Das Notizbuch sollte ich eigentlich bei mir haben. In der Regel notiere ich mir Stichworte zu Ideen auf kleine Zettel und übertrage diese dann bei nächster Gelegenheit in unterschiedliche Verzeichnisse auf meinem PC. Ich schreibe lieber nachts, wenn kein Telefon stört, kein Nachbar an der Tür klingelt und die übliche Tagesarbeit beendet ist.

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Meine letzte Frage lautet: Werden wir von Andreas Behm auch ein Werk jenseits des Krimis zu lesen bekommen oder haben Sie sich diesem einen Genre fest zugewandt?

Im Bereich der Romane werde ich mich weiterhin dem Genre Krimi widmen. Nebenbei schreibe ich ab und zu Kurzgeschichten, die nicht immer „kriminell“ sind. Ansonsten halte ich es mit Franz Beckenbauer: Schaun mer mal.

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Herr Behm, ich danke Ihnen dafür, dass Sie sich die Zeit genommen haben meine Fragen so ausführlich zu beantworten. Ich wünsche Ihnen und Ihrem Kommissar für die zukünftigen Fälle alles Gute und viel Erfolg.

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Wer mehr über den Autor Andreas Behm oder den Ermittler Harald Hansen erfahren möchte, braucht nur auf die untenstehenden Links zu klicken:

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Andreas Behm Hompage

Harald Hansen bei Facebook

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Und wer mehr über die beiden Krimis erfahren möchte, die Andreas Behm geschrieben hat, der ist eingeladen sich meine Rezensionen durchzulesen:

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Rezension zu „Die Moral eines Killers“

Rezension zu „Der Lippennäher“

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Das Interview wurde geführt im November 2011.

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© Buchwelten 2011

Buchwelten im Gespräch mit Thomas Elbel

Im Spätsommer diesen Jahres erschien der Debüt-Roman ASYLON von Thomas Elbel im Piper Verlag. Er hat mit seinem Werk ein postapokalyptisches Endzeitdrama geschaffen, dass ich in meiner Rezension bereits besprochen habe und das absolut lesenswert ist.

Ich freue mich, dass Thomas Elbel sich die Zeit für ein Gespräch genommen hat.

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Dein Debüt ASYLON ist ein postapokalyptisches Endzeitdrama, sog. Dystopie, wurde aber mittlerweile in das Genre „Science Fiction“ eingeordnet. Warum hast Du gerade einen Roman in diesem Bereich geschrieben? Bist Du selbst ein großer Fan dieser Stories und wolltest daher solch ein Werk erschaffen?

Oh, ja. Ich bin tatsächlich ein großer SciFi-Fan, von Space Opera (Dune) bis zu Crossoverleckerbissen wie Pandorum. Vor den „Tributen von Panem“ wurden Dystopien – mit Ausnahme von einigen Zirkeln Eingeweihter – ohnehin dem Bereich SciFi zugeschlagen. Von der normalen SciFi unterscheiden sich Dystopien meist dadurch, dass sie näher an der Jetztzeit sind und bereits absehbare, tendenziell negative Entwicklungen aufgreifen und extrapolieren. Ich mag ihre Lebensnähe. An unseren schlechteren Tagen scheint unsere Welt ohnehin schon heute dystopische Züge haben. Innerlich setzen wir alle uns permanent mit Fragen auseinander wie z.B.: „Was wäre wenn die Wirtschaftskrise das Finanzsystem des ganzen Planeten zu Fall bringt?“, „Was wäre wenn Antibiotika nicht mehr wirken?“, „Was wäre wenn das Klima noch schneller ansteigt, als wir jetzt schon vermuten?“ etc. In unseren pessimistischen Momenten sind wir also alle Dystopisten. Ich greife diese Gedanken auf und verarbeite sie literarisch. Vielleicht ist das eine Art lustvoller Angstexorzismus.

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Du liest selber – soweit es Deine Zeit erlaubt – gerne Bücher. Welche Schriftsteller sind Deine Liebsten und gibt es für Dich als Autor Vorbilder?

E.T.A. Hoffmann, Franz Kafka, Philip K. Dick, Stephen King. Allgemein: Autoren die es schaffen, eine Atmosphäre zu kreieren, in der das Surreale zur Selbstverständlichkeit wird.

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Du bist ein relativ junger Professor der Jura. Wie lässt sich für Dich diese Arbeit mit der Schreiberei abstimmen?

Da die Professur selbst viel Schreibarbeit beinhaltet, ist die Kluft vielleicht gar nicht so groß, wie man denkt. Es gibt ja das Phänomen der schreibenden Juristen, also eine statistisch auffällige Anzahl literarisch produktiver Rechtswissenschaftler. Oben stehen schon zwei Beispiele. Offensichtlich passt das gut zusammen, ohne dass ich genau sagen könnte, warum.

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Du hast während Deines Studiums in den Staaten gelebt. Wolltest Du jemals dort bleiben oder kam das für Dich nie in Frage?

Nachdem ich da war, kann ich guten Gewissens sagen, dass es für mich immer ein Sehnsuchtspunkt sein wird, ich es aber dort lebenslang nicht aushalten könnte. Ich lebe lieber da, wo es mehr Vollkornbrot und weniger Waffen gibt.

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Du lebst nun in Berlin. Was bedeutet die Hauptstadt für Dich? Liefert Sie Dir nur einen schönen Wohnsitz oder durch ihre bunte Vielfalt auch Inspiration für Deine Arbeit als Autor?

Berlin ist sicherlich eine tolle Inspirationsquelle. Es ist so gegensätzlich. Wenn es – wie jetzt – kalt und regnerisch ist, lebt man in einer kräftesaugenden Steinwüste und im Sommer ist es dann Montmartre an der Spree.

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Wie sieht Dein Arbeitsalltag aus? Wechselst Du rasant zwischen Uni und Arbeitszimmer oder schreibst Du nur an „professorfreien“ Tagen?

Eine Professur besteht neben den Vorlesungen und Gremiensitzungen zu 60 bis 70 Prozent aus Schreibtischarbeit. Während des laufenden Semesters komme ich dann allerdings nicht zur Arbeit an Buchprojekten. Das muss also bis zur vorlesungsfreien Zeit warten.

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Wie viele Tage schaffst Du es ohne das Schreiben? Geht das überhaupt oder lassen Dir deine Ideen so wenig Ruhe, dass sie danach ’schreien‘ niedergeschrieben zu werden?

Meine Ideen schreien Gottseidank nicht. Wenn ich an ihre WG-Tür klopfe, bitten sie mich meist freundlich zum Tee hinein. An manchen Tagen wollen sie allerdings auch mal unter sich sein. Nein, im Ernst: Ich bin ein recht systematischer Schreiber. Das ist eben durch die Wechsel zwischen Brot- und Nebenberuf bedingt. Tatsächlich muss ich mich dann zum Beginn der Arbeit an einem Projekt auch erst mal wieder in meinen Kreativmodus einfinden. Das sind immer ein paar quälende Tage des Übergangs. Aber irgendwann fließt es dann wieder. Es wäre schon ein Traum, dass irgendwann besser kombinieren zu können. Aber ich stehe halt in beiden Berufen erst am Anfang. Da muss sich sicherlich vieles noch zurechtrütteln.

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Aus Deinem Nachwort weiß ich, dass Du zu ASYLON von Filmen wie z.B. „Die Klapperschlange“ mit Kurt Russel inspiriert wurdest. Bezeichnest Du Dich als Filmfreak? Ist das eines Deiner Hobbies, dem Du gerne und regelmäßig nachgehst?

Ich bin eher jemand, der sich hier und da mal in einen Film verliebt, den er dann wieder und wieder sieht. Dafür verliebe ich mich eher selten. Letztes Wochenende habe ich mir mal wieder „Die neun Pforten“ angeguckt, zum etwa halbdutzendsten Mal; diesmal auf Englisch, mit beiden Katern auf dem Schoß, während mein drei Monate alter Sohn an seinem Spielreck rumwerkelte. Das war herrlich. Polanski ist ein begnadeter Regisseur. Vielleicht das filmweltliche Pendant zu Kafka. Das Skurrile wächst aus der Normalität, als hätte es schon immer hinter der nächsten Ecke gelauert. Ich muss unbedingt mal die Romanvorlage lesen. Von Pérez-Reverte stammt ja auch die Alatriste-Reihe, die auch sehr ansprechend verfilmt wurde.

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Meine Standard- und Ritualfrage in meinen Interviews wurde bereits in einem anderen Gespräch gestellt, daher weiß ich bereits, dass Du am liebsten mit leisen Hintergrundgeräuschen Deiner Familie schreibst. Arbeitest Du dann an einem Laptop auf der Couch oder hast Du ein separates Arbeitszimmer?

In unserem familiären Wohnzimmer ist für mich eine Arbeitsecke reserviert. Auf der Couch schreiben könnte ich gar nicht. Dafür kann ich sogar dann schreiben, wenn meine Gattin auf dem Sofa „Dr. House“ guckt. Ich bin der perfekte Realitätsausblender.

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Hast Du Dir den Titel ASYLON selber ausgedacht? Wenn ja, ist es eine Ableitung von „Asyl“ oder dem englischen Asylum – Anstalt? Wenn nein, was ist die Bedeutung, die Du im Sinn hattest?

Asylon ist altgriechisch für Zuflucht. Ich weiß noch, dass ich mit allen möglichen anderen Symbolnamen für einen letzten Ort der Erde gespielt habe: „Ultima Thule“, „Vineta“, „Armageddon“, etc. War mir aber alles zu pathetisch und abgeschmackt. Ich hatte dann zwar noch weitere Titelideen, die eben andere Aspekte des Buches hervorhoben, aber Asylon war die, die Piper am besten gefiel. Ich und Cheflektor Carsten Polzin haben uns dann in der Vorbereitungsphase einen Spaß draus gemacht, unsere Emailbetreffe immer daran anzulehnen. In der Vorphase zur Leipziger Buchmesse gab es da einen Emailstreak „Messylon“. Eine Mail zu meinem Buchentstehungsblog bei Piper titelte „Diarylon“. Ziemlich albern. Ich war immer ein bisschen ängstlich, die Leute könnten Asylon mit einem Fachschmöker für Integrationspolitik verwechseln. Bis jetzt hat sich allerdings noch niemand in dieser Hinsicht geäußert.

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Eigentlich stelle ich nur 10 Fragen aber da Du ein so ausführliches Nachwort geschrieben hast und ich ein Fan eben dieser bin: Liest Du selbst auch sehr gerne Nachworte und … liest Du sie– so wie ich – auch immer zu Beginn des Buches?

Ja, mache ich in der Tat. Schön zu wissen, dass ich nicht der einzige bin, der dieser schlechten Angewohnheit frönt.

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Lieber Thomas, ich danke Dir für die Beantwortung meiner Fragen und die Zeit die Du Dir genommen hast.

Ich wünsche Dir für Deinen Debüt-Roman ASYLON viel Erfolg und ich bin bereits sehr gespannt auf das, was wir in der Zukunft noch von Dir lesen dürfen…

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Zu Internetpräsenz von ASYLON

ASYLON bei Piper-Fantasy

ASYLON bei Facebook

Rezension zu ASYLON bei BUCHWELTEN

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© Buchwelten 19.11.2011

Buchwelten im Gespräch mit Horst Eckert

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Vor einigen Wochen erschien der neue Roman „Schwarzer Schwan“ von Horst Eckert. Mit diesem Buch hat er wieder einen rasanten, brisanten Finanz-Politthriller geschaffen.

Buchwelten ist erfreut, dass der Autor sich Zeit für dieses Interview genommen hat.

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Der neueste Roman „Schwarzer Schwan“ ist inhaltlich absolut topaktuell und gewährt den Laien einen Einblick in die Welt der Politik und Finanzwelt. Wie lange haben Sie an diesem Werk gearbeitet?

Es waren zweieinhalb Jahre, eigentlich viel zu lange, wie ich finde.

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Wie gehen Sie an eine solche Handlung heran. Nehmen Sie ein aktuelles Thema der Politik oder Wirtschaft als Aufhänger und spinnen die Geschichte darum, oder verknüpfen Sie diese aktuellen Ereignisse spontan im Laufe des Schreibens mit dem bereits vorhandenen Plot?

Das ist von Roman zu Roman unterschiedlich. Im Fall von „Schwarzer Schwan“ stand am Anfang die Idee, dass bei der Rettung der Hypo Real Estate eventuell nicht alles mit rechten Dingen zugegangen ist. Ich recherchierte viel zu diesem Thema und entwickelte die Figur des zwielichtigen Abgeordneten Lothar Mierscheid. Der zweite Ausgangspunkt war die Idee, dass zwei junge Menschen, die statt Jobs nur Praktika finden, Reisende am Flughafen bestehlen und ihnen gegen Lösegeld Taschen und Laptops zurückgeben, wobei sie in ein größeres Verbrechen verwickelt werden. Die Geschichte entwickelte sich dann immer mehr weg vom Fall der Hypo Real Estate. Als ich mich entschied, den Kommissar Benedikt Roth zur Hauptfigur zu machen, der ein Vergehen vertuschen will und sich dadurch angreifbar macht, wurde die Geschichte rund. Finanzkrise und große Politik bilden den Rahmen. Jeden Tag sprangen mich die Zeitungsmeldungen an, wie Sie sich denken können. Einige davon brachten mich auf Ideen, die mir weiterhalfen, anderes musste ich weglassen, um den Roman nicht zu überfrachten.

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Sie sind Diplompolitologe, beschreiben in Ihren Romanen immer wieder komplizierte politische Vorgänge, die dennoch auf den Durchschnittsleser absolut verständlich wirken. Wie schaffen Sie das?

Schön, dass Sie das so sehen! Für mich stehen meine Figuren im Mittelpunkt. Ihre Probleme und ihre Bemühungen, Land zu gewinnen statt unterzugehen. Ich versetze mich in die Figuren und versuche, aus ihrer jeweiligen Sicht die Geschichte zu erzählen. Wenn ich ihre Gefühle und Ziele glaubhaft und verständlich hinbekomme, löst sich die Komplexität in klare Interessen auf und aus abstrakten Themen werden einfache, konkrete Handlungen, die jeder nachvollziehen kann. Ein Beispiel: Bankchef Dingendorff und die Kanzlerin reden in „Schwarzer Schwan“ über Verschuldungskrise und Rettungsschirm, aber in Wirklichkeit geht es um Ehrgeiz und Eitelkeit, um Selbsterhaltung, Streben nach Geld und Macht – das alles ist schon deshalb absolut verständlich, weil etwas davon in jedem von uns steckt. Den Diplompolitologen schiebe ich ganz weit weg. Stattdessen will ich wissen, wie die Menschen ticken. Ein guter Roman ist das Gegenteil einer wissenschaftlichen Arbeit.

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Sie schreiben ausschließlich Thriller. Gibt es irgendein Manuskript in Ihrer Schublade, das einem völlig anderen Genre angehört? Beispielsweise eine Liebesgeschichte oder eine Horror-Story?

Ich schreibe Krimis oder Thriller, weil ich mich für die Momente interessiere, in denen die Gesellschaft oder das private Leben nicht funktioniert. Wo Interessen kollidieren und Schuld entsteht, tragische Verstrickung. Ich halte Verbrechensliteratur für die beste Art, die Gegenwart zu beschreiben. Natürlich gehört auch Liebe dazu – siehe das komplizierte Verhältnis von Hanna zu Dominik – und auch der Horror, den die entführte Leonie in „Schwarzer Schwan“ durchmachen muss. Schon Schiller hat sinngemäß gesagt: Wer etwas über die Psychologie des Menschen erfahren will, muss in den Kriminalakten, Gerichtshöfen und Gefängnissen nachsehen.

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Was liest Horst Eckert privat? Gibt es bevorzugte Autoren und was ist Ihre aktuelle Lektüre?

James Ellroy hat mich einst zum Krimifan gemacht. Die besten Bücher, die ich im letzten Jahr las, waren „Wahrheit“ von Peter Temple und „Einschlägig bekannt“ von Dominique Manotti. Unter den deutschen Kollegen schätze ich Frank Göhre und Norbert Horst ganz besonders. Gespannt bin ich auf die Lektüre von „Homicide“ von David Simon, einer mehr als achthundertseitigen Reportage, also True Crime.

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Hatten Sie gleich mit der Einsendung Ihres ersten Manuskriptes Erfolg oder wie sah der Weg zum erfolgreichen Schriftsteller aus? 

Weihnachten ’93 las ich drei Krimis, die mir sprachlich nicht gefielen. Als ich mich dabei ertappte, in Gedanken mit dem Rotstift überflüssige Sätze zu streichen, wuchs in mir die größenwahnsinnige Idee, selbst einen Roman zu schreiben und alles viel besser zu machen. Acht Wochen später war die Rohfassung von „Annas Erbe“ fertig. Ein halbes Jahr später hatte ich das Manuskript verkauft und mein Erstling erschien 1995 bei Grafit. Ich hatte Glück. Mein Verlag lehnt im Durchschnitt jeden Tag ein unverlangt eingesandtes Manuskript ab.

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Gibt es Dinge, die Sie bevorzugt schreiben, z.B. Dialoge, ruhige oder spannende Szenen … ?

Mir gefällt die Abwechslung und ich schreibe alles gleichermaßen gern. Am meisten Spaß macht es, wenn ich spüre, dass eine Szene funktioniert und die Leser packen wird. Manchmal grusele ich mich selbst in besonders spannenden Momenten. Das ist dann der Psychopath in mir.

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Arbeiten Sie während des Schreibens mit Spickzetteln oder anderen Hilfsmitteln, um keine ausgelegten Fäden zu übersehen oder wie gehen Sie vor?

Manche Autoren schwören auf spezielle Software, um die verschiedenen Handlungsfäden zu sortieren. Mein Ding ist das nicht. Allein schon weil ich zu faul dazu bin, diese Software zu erlernen. Ich schmiere Zettel voll, schreibe auf Karteikarten, die ich auf dem Fußboden ausbreite, nach A-, B- und C-Plots sortiert sowie chronologisch geordnet. Wenn das grobe Handlungsgerüst steht, schreibe ich ein Treatment, in dem die einzelnen Kapitel festgelegt werden. Manchmal packt mich die Lust am Schreiben, bevor die Geschichte steht, und ich fange an, die ersten Kapitel meiner wichtigsten Figuren zu formulieren, weil ich sie schon plastisch vor mir sehe. So ging es mir mit dem Abgeordneten Mierscheid und der Bankerin Hanna. Aber dann musste ich mich bremsen, denn wer ins Blaue schreibt, verzettelt sich meist. Eigentlich muss ich das Ende kennen, bevor ich den Anfang schreibe.

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Nun eine Frage, die ich allen meinen Gesprächspartnern stelle: Haben Sie ein besonderes Ritual beim Schreiben? Gibt es z.B. einen Talisman in ihrer Nähe, ohne den Sie nicht arbeiten können?

 Nein. Alles, was ich brauche, ist mein Laptop und Ruhe.

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Was haben Sie als nächstes Projekt geplant? Oder ist sogar schon ein weiteres Manuskript in der Rohfassung fertig und wird bereits überarbeitet?

Ich habe nie etwas in der Schublade. Was mir an Ideen einfällt, baue ich in das aktuelle Projekt ein oder vergesse es. Nach „Schwarzer Schwan“ muss ich daher wieder völlig neu beginnen. Aber es gibt erste Ideen für eine neue Hauptfigur.

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Herr Eckert, ich danke Ihnen herzlich dafür, dass Sie sich die Zeit für dieses Interview genommen haben und ich wünsche Ihnen viel Erfolg mit „Schwarzer Schwan“.

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Wer mehr über den Autor lesen möchte:

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Horst Eckert im grafit-Verlag

Die Homepage von Horst Eckert

Rezension auf Buchwelten zu „Schwarzer Schwan

Rezension auf Buchwelten zu „Sprengkraft“.

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© Buchwelten 10. November 2011