Angeklagt von Robert Glinski (5/5)

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Erschienen als
Taschenbuch bei
ullstein
256Seiten
Preis: € 8,99 €
ISBN:  978-3-548-37417-8

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Robert Glinksi ist Richter und Mitglied in der Strafkammer für Schwurgerichtsfälle. Diesen Job führt er bereits seit 10 Jahren aus, dabei ist er gerade mal 39 Jahre alt. Er hat diese Stelle also mit Ende 20 angetreten und eigentlich wird unter Kollegen gesprochen, dass man diesen Job nicht mehrere Jahre ausüben kann, ohne darunter zu leiden.

Ständig mit schwersten Verbrechen, grausamen Ermittlungsakten und den extremsten menschlichen Abgründen konfrontiert zu werden, ist wohl auf Dauer für viele Richter seelisch nicht leicht zu ertragen.

Robert Glinski ist nach wie vor dabei und er sagt im Vorwort, dass diese Arbeit ihn nicht zerstört, sondern im Gegenteil seinen Horizont erweitert hat. Für ihn war es interessant, in die Menschen zu blicken, es zumindest zu versuchen. Herauszufinden warum ein Mensch, der sein bisherigen Leben lang ein unbescholtener Bürger war, urplötzlich ausflippt und einen Mord begeht.

Der Autor schreibt, jeder Mensch hat eine dunkle Seite und manchmal passiert es, dass sie überhand nimmt. Für ihn waren bis zum Antritt dieser Stelle alle Mörder und schweren Verbrecher kaltblütig, brutal, psychopathisch und durchgeknallt.

Nach einer gewissen Berufserfahrung hat er in Angeklagt zehn brisante Fälle/Verfahren zusammengestellt, die versuchen hinter die Kulissen zu schauen. Er versucht herauszufinden warum die Angeklagten die Taten begangen haben …

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Der Verlag ullstein hat mir dieses Rezensionsexemplar unaufgefordert zugesandt und das Thema hat mich direkt interessiert. Das mag daran liegen, dass ich selber bei Rechtsanwälten beschäftigt bin und dort auch mit Straftätern und Strafverfahren in Berührung komme. Ich habe während der Arbeit nicht die Zeit, mir die Ermittlungsakten durchzulesen und daher habe ich mir dann gedacht, einmal hinter die Kulissen zu schauen wird gewiss spannend.

Das war es in der Tat. Robert Glinski hat hier kein Sachbuch geschrieben, das möchte ich sehr deutlich machen. Die Fälle sind auch nicht staubtrocken und juristisch, nicht in kompliziertem Rechtsdeutsch geschrieben und auch von Paragraphen wurde ich nicht erschlagen. Damit hatte ich – ehrlich gesagt – gerechnet, wurde aber positiv überrascht.

Vielmehr ist dieses Buch gestaltet wie gutes Reality TV, wenn ich diesen Vergleich einmal verwenden darf. Denn die Gerichtsshows im Fernsehen sind ja nun einmal extrem schlecht und gestellt (das waren sie zumindest, als ich noch fern gesehen habe :mrgreen:)

Die Fälle geben die Handlungen und Tätigkeiten wieder, wo der Krimi/Thriller entweder aufhört oder diese Arbeiten nur am Rande erwähnt werden. Denn im Krimi gehts es um die Suche eines Mörders. Hier ging es um die Entscheidung ob eine Straftat vorliegt, wenn ja, wie groß die Schwere ist und ob der Täter schuldfähig ist oder nicht.

Die Arbeiten der Forensiker werden genauso ausführlich beschrieben, wie auch die Wichtigkeit der gerichtlichen Sachverständigen. Diese werden fast in jedem Verfahren hinzugezogen und auch hier gibt es die, die ihre Arbeit schlampig begehen, was dann verheerende Folgen haben kann.

Ich fand das Buch interessant und sehr lehrreich. Geschrieben in Kurzgeschichtenform beginnt der Autor meist mit der Kindheit der Täter, wechselt dann in die Jetzt-Zeit, beschreibt die Tat und geht dann zur Arbeit der Staatsanwaltschaft und den Gerichten über.
Der Schreibstil ist sehr verständlich, gut ausformuliert aber – wie bereits erwähnt – ganz und gar nicht im schwierigen Rechtsdeutsch.

Der Autor hat es geschafft mir die Verfahrensweisen der Gerichte nahe zu bringen, natürlich wusste auch ich eine Menge noch nicht. Ausserdem hat er sehr gut zu Papier gebracht, dass ein Richter viel damit zu tun hat, sein  Bauchgefühl mit den Paragraphen und Gesetzen zu vereinbaren.

Die Fälle werden alle bis zum Ende geschildert, die Ergebnisse sind manchmal anders als erwartet. Ob letztendlich in den Verhandlungen die Wahrheit ans Licht kam, kann nur einer beurteilen: Der Täter selber.

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Mein Fazit: 5 von 5 Sternen für diese Art von Buch, das in keine Schublade passt (wie so viele … ) Eine sehr gelungene Lektüre über die Arbeit der Gerichte und den Umgang mit Mord und Totschlag. Die Fälle erzählen die Dinge, die in den Romanen ausgespart sind und zeigen die Menschlichkeit der Richter.  Für Liebhaber von Krimis und Thriller mit Sicherheit einmal eine sehr interessante (ja auch lehrreiche) Abwechslung.

P.S. Ein Lieblingswort der Anwälte, „insoweit„, habe ich tatsächlich nur 1 x gelesen! 😉

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Ich danke dem ullstein Verlag für die Bereitstellung des Rezensionsexemplares.

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© Buchwelten 2011

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Das Rote Licht des Mondes von Silvia Kaffke (5/5)

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Erschienen als
Taschenbuch bei
rororo
512 Seiten
Preis: € 9,99 €
ISBN:  978-3-499-24813-9

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Der historische Roman spielt in Ruhrort im Jahre 1854. Ist Ruhrort heute „nur“ noch ein Stadtteil der Stadt Duisburg, war es damals eine wichtige, eigenständige und stetig anwachsende Stadt. Sie war mit ihrer Lage direkt am Rhein und dem damals schon sehr modernen und geschäftigen Hafen ein wichtiger Umschlagplatz und industrieller Standort, der Menschen aus verschiedenen Bereichen und Ländern angezogen hat.


Lina Kaufmeister ist eine wunderschöne Frau von Anfang 30 und Tochter aus wohlhabendem Hause. Sie lebt gemeinsam mit Ihrer Familie im geräumigen Wohnhaus auf der Carlstrasse. Ihre Schwestern sind beide verheiratet und haben Kinder. Mina, ihre Zwillingsschwester, lebt mit Mann und Kind in Brüssel. Lina hat einen Makel. Durch eine Krankheit in ihrer Kindheit hat sie eine steife Hüfte zurückbehalten und hinkt. Da hilft auch ihr schönes Gesicht nicht, solch eine Frau will keiner heiraten.

Daher lebt Lina nach wie vor im elterlichen Haus, wo sie den Haushalt führt, die Kleider für die gesamte Familie näht und ändert und sich hingebungsvoll um den an der „Schüttelkrankheit“ leidenden Vater kümmert.

Die Vormundschaft für Lina hat ihr älterer Bruder Georg inne. Er ist ein sehr jähzorniger Mann, der mit einer Holländerin verheirat ist, die zu faul ist den Haushalt zu leiten. Lina ist sicher, ihr Bruder will sie nur weiterhin im Hause haben, damit sie seiner Frau die lästigen Pflichten abnimmt und um sie als billigste Arbeitskraft auszunutzen.

Als sie eines Abends von einem Besuch bei ihrer Freundin kommt, stößt sie durch Zufall auf die grausam zugerichteten Leichen zweier Kinder. Beiden wurde der Brustkorb aufgebrochen und die Herzen aus dem Leibe gerissen. Der älteren wurde außerdem der Unterleib aufgeschnitten und das ungeborene Kind aus dem Körper entfernt. Lina ist natürlich entsetzt aber andererseits hat die ihr angeborene Neugierde sie gepackt und sie will wissen, was hinter diesen Morden steckt.

Sie lernt den ermittelnden Commisar Borghoff kennen und dieser ist von der schlagfertigen, frischen, gerissenen Art dieser Frau angetan. Sie ist für ihn so absolut untypisch für die Frauen dieser Zeit und er bespricht sich in diesen Ermittlungen immer wieder mit Lina und hofft sogar auf ihren Rat oder Denkanstösse.


Als erneut Morde nach dem gleichen Muster geschehen ist Lina sicher, dass es in Ruhrort eine Verschwörung des Bösen gibt. Doch wer oder was soll das sein? Und was ist der Grund für solch grausame Morde? Lina lässt nicht locker und als sich ihr Leben dann in extremster Weise ändert, bringt sie sich zu ihren bisherigen Problemen auch noch in große Gefahr …

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Auf diesen Roman bin ich durch absoluten Zufall gestoßen. Als ich in den Vorbereitungen zu meinem Interview mit Horst Eckert war, stöberte ich durch seine Facebook Fanseite um mich ein wenig durch seine persönlichen Interessen zu lesen. Da stieß ich dann auf: Ruhrort-Krimi als Schlagwort und stutzte: Ruhrort? Das Ruhrort? Duisburg-Ruhrort, wo ich viele Jahre gelebt habe und meine Kinder ihre ersten Lebensjahre verbrachten? Ich klickte den Link und landete auf der Beschreibung des Romans.
Da erfuhr ich dann, dass es sich um einen Krimi im eben
dem Ruhrort handelt und zwar um einen historischen. Meine Neugierde war natürlich sofort geweckt und ich stellte mich beim Rowohlt Verlag vor und bat um die Zusendung eines Rezensionsexemplares, welches ich dann bereits 2 Tage darauf im Briefkasten vorfand.


Relativ zeitnah wollte ich den Krimi natürlich auch lesen, denn ich war sehr gespannt auf die Kombination von Krimi und Historie. Und ich wurde nicht enttäuscht.
Silvia Kaffke schreibt flüssig und angenehm, für mich ein sehr guter Schreibstil. Sie hat die Begriffe der damaligen Zeit verwandt und ebenso die alten Schreibweisen. Teilweise wird niederländisch oder „Ruhrorter Platt“ gesprochen. Ich konnte beides lesen, denn ich bin Niederländerin und habe viele Ruhrorter Platt sprechen hören. Mein ehemaliger Schwiegervater war auch gut darin. Wobei das heutige mit dem damaligen nicht vergleichbar ist, wie ich im Nachwort erfuhr. Silvia Kaffke musste das Platt etwas „entschärfen“.


Es hat mir großen Spaß gemacht durch die Strassen und Gassen im alten Ruhrort zu streifen und die Menschen der damaligen Zeit kennen zu lernen.

Lina ist eine sehr gut ausgearbeitete Protagonistin, die absolut liebenswert ist und einen sehr hellen Kopf hat. Aber auch die Nebencharaktere sind sehr real, authentisch und glaubhaft dargestellt.

Kaffke hat in ihrem Roman vieles verarbeitet: Kriminalistik, das Elend der damaligen Zeit, das sogar Kinder zur Prostitution zwang, die aufstrebende Industrie im Ruhrgebiet und die Stellung der Frauen zu dieser Zeit.

Aber auch Dinge wie Mut, Tapferkeit und Durchsetzungsvermögen kamen neben Hinterlist und ausartenden dunklen Kulten nicht zu kurz.

Für mich ist der Roman absolut vielseitig. Ich habe viel erfahren, Bekanntes kennen gelernt (z.B. den Bürgermeister der damaligen Zeit William Weinhagen: ich habe in der nach ihm benannten Strasse Weinhagenstr. Nr. 21 in der dritten Etage gelebt…).

Auch über die Zugehörigkeit der Städte damals und heute und die Familie Franz Haniel, die damals sehr groß war und auch noch ein wichtiger Name in Ruhrort ist, konnte ich neues erfahren.

Die Liebe kam ebenso nicht zu kurz, es entwickelt sich eine besondere Verbindung zwischen zwei Menschen die einfach Freude bereitet hat.

Für mich ist „Das Rote Licht des Mondes“ ein absolut empfehlenswerter Roman für alle, die gerne Krimis und/oder historisches lesen und die starke Persönlichkeiten mögen. Dazu muss man Ruhrort nicht zwingend kennen oder dort gelebt haben aber ich gestehe: ich fand gerade das richtig klasse. Immer habe ich überlegt, in welcher Hausnummer auf der Carlstrasse die Familie Kaufmeister wohl gelebt hat oder mir vorgestellt, ob oder wieviele der damaligen Häuser wohl noch erhalten sind? 

Vieles an Hintergrundinformationen hat die Autorin noch im Nachwort erklärt. Ihre sehr ausführliche Recherchearbeit ist aber bereits während des Lesens deutlich zu spüren.

Ich habe große Lust alsbald mal wieder Ruhrort zu besuchen und durch die Strassen des Romans zu laufen, auf der Mühlenweide spazieren zu  gehen und dabei einen Blick auf den noch stehenden Hebeturm auf der Homberger Seite zu werfen!

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Mein Fazit: 5 von 5 möglichen Sternen aus den oben schon erwähnten Gründen.„Das Rote Licht des Mondes“ ist ein besonderer Krimi, der sehr vieles zu bieten hat. Der Roman hat mir großen Spaß gemacht, war spannend, fesselnd und zusätzlich sehr informativ! Ich werde ihn aus diesen Gründen auch zu Weihnachten verschenken. Natürlich nicht mein Exemplar!

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Ich danke dem Rowohlt Verlag für die Bereitstellung des Rezensionsexemplares.

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Wer Lust hat mehr über Ruhort zu erfahren, der kann hier ein wenig stöbern:     Ruhrort.de

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© Buchwelten 2011

Träumen Roboter von elektrischen Schafen? / Blade Runner von Philip K. Dick (4/5)

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Erschienen als
Taschenbuch bei
HEYNE
272 Seiten
Preis: € 9,95 €
ISBN:  978-3-453-21728-7

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Rick Deckard ist einer der Menschen, die nach dem letzten Weltkrieg und der daraus resultierten atomaren Verseuchung auf der Erde geblieben sind. Die Städte sind grösstenteils verwaist, ein giftiger Staub senkt sich nach wie vor auf alles nieder und macht die Bewohner krank.

Die Tiere sind nach der Katastrophe nach und nach aus der Fauna verschwunden und so gut wie ausgestorben. Vögel gibt es z.B. gar keine mehr. Die Folge ist, dass es den Menschen sehr wichtig geworden ist, sich ein Tier zu halten. Nach Möglichkeit ein echtes, wenn das nicht machbar ist – weil sie z.B. einfach unerschwinglich und nicht bezahlbar sind – dann ist es auch schon  einmal ein elektrisches Tier. Firmen haben sich darauf spezialisiert Tiere naturgetreu nachzubauen um dem Wunsch der Erdbewohner nachzukommen.

Auch Rick Deckard hat ein Tier, leider kein echtes. Er ist Besitzer eines elektrischen Schafes, das auf dem Dach seines Hauses lebt und das er versorgt als sei es ein lebendes Tier. Ricks Deckards grösster Wunsch wäre etwas lebendiges zu halten.

Vielleicht bringt ihn sein nächster Auftrag diesem Ziel ein wenig näher. Rick ist Blade Runner, ein Jäger der auf Prämienbasis Androiden jagt und aus dem Verkehr zieht. Diese Androiden wurden eigentlich geschaffen um den ausgewanderten Erdbewohnern, die auf dem Mars leben, bei der Arbeit zu helfen und Gesellschaft zu leisten. Doch immer wieder fliehen Androiden unter dem Einsatz von heftiger Gewalt vom Mars auf die Erde.

Das Problem … die Androiden der Serie Nexus 6 sind nicht einfach Roboter. Sie sind perfekte Nachbauten eines Menschen aus Fleisch und Blut. Sie zu erkennen bedarf einiger Erfahrung und der Nutzung gewisser Tests.

Blade Runner Rick Deckard hat den Auftrag sechs der entflohenen Androiden zu fangen. Dies ist eine grosse und auch gefährliche Herausforderung. Aber wenn er diesen Auftrag erfolgreich erledigt, erhält er solch hohe Prämien, dass er sich endlich seinen Traum erfüllen kann: Ein lebendes Tier …

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Ich habe bereits einiges über diesen Roman gehört und ich weiss, dass einen absoluten Filmklassiker dazu gibt. Gelesen hatte ich diesen Roman von Philip K. Dick bislang aber nicht. Als ich ihn dann beim Abverkauf in unserer Bücherei für 0,20 € in einer alten, gebundenen und sehr gut erhaltenen Ausgabe gesehen habe, nahm ich ihn mit.

Während ich mich mit Thomas Elbel über seinen Roman ASYLON unterhalten hatte, kam es auch wieder auf das Thema „Blade Runner“, der ja eigentlich „Träumen Roboter von elektrischen Schafen“ heißt. Also habe ich mir endlich das Buch zur Hand genommen und meinen ersten Science Fiction Roman gelesen.

Und ich kann sagen: Er hat mir wirklich gut gefallen. Er spielte nicht auf dem Mars oder anderen Planeten, sondern auf der Erde in Amerika. Er war nicht futuristisch abgedreht. Die fliegenden Schwebeautos, die Videotelefone und natürlich die menschlichen Androiden waren eigentlich das Einzige, das auf Science Fiction hinwies.

Ansonsten war die Handlung sehr Zwischenmenschlich und  in einem angenehmen, guten Schreibstil geschrieben. Ich möchte es eher einen SciFi-Krimi beschreiben, den Dick damals zu Papier brachte. Natürlich habe ich so ziemlich in jeder Figur einen Androiden „gesucht“.

Die Figur des Blade Runner war mir sympathisch, wobei ich mir hier noch etwas mehr Tiefe gewünscht hätte. Vielleicht wäre das gelungen, wäre der Roman insgesamt etwas länger ausgefallen. Das ist auch der Grund für mich nur 4 von 5 Sternen zu geben. Die Geschichte war mir ein wenig zu kurz. Wäre der Roman dicker und etwas ausführlicher geschrieben, hätte ich mich wohl noch mehr in die Welt der damaligen Zukunft fallen lassen können.

Dennoch war ich nicht enttäuscht. Im Gegenteil. Ich bin sicher, ich werde weitere Science Fiction Bücher zur Hand nehmen. Und auf die Verfilmung – die wir nun endlich anschauen können – bin ich auch sehr gespannt … Ich weiss, einen Film und ein Buch kann und soll man nie vergleichen 🙂

Mein Fazit: Insgesamt 4 von 5 Sternen für einen Science Fiction Roman der alten Schule, der damals so weit in der Zukunft lag und heute bereits wieder in der Vergangenheit … vieles der Handlung ist mittlerweile vielleicht nicht mal mehr so abwegig.

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© Buchwelten 2011

Die zerbrochene Welt – Feueropfer – Teil II der Berith Trilogie (5/5)

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Erschienen als
gebundene Ausgabe mit Leseband
im PIPER Verlag
432 Seiten
Preis: 19,99 €
ISBN:  978-3-492-70192-1

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Zwölf lange, friedliche Jahre sind vergangen, seit Taramis den König Gaal von Dagonis und dessen Sohn Bochim tötete und die Bewohner der Schollenwelt wähnen sich in Sicherheit.

Diese wird abrupt und jäh zerstört als die heilige Insel Jâr’en angegriffen wird. Keiner der Ganesen hat mehr mit solch einem feindlichen Übergriff gerechnet.

Der ehemalige Hüter des Tempels, Taramis, lebt in der Zwischenzeit gemeinsam mit seiner Frau Shúria und seinem 10-jährigen Sohn Ari auf der Scholleninsel Barnea. Dort hat er die gesuchte Ruhe gefunden, die er sich ersehnt hatte. Nach den extremen Ereignissen und Kämpfen gegen die Macht der Antische hat Taramis einen Ort gewählt, der fernab von sämtlichem Trubel liegt. Große Menschenansammlungen sind ihm mittlerweile unangenehm und machen ihn nervös.

Doch als er eines Morgens mit ansehen muss, wie die Landzunge der bewohnten Scholle abbricht und seine Frau und sein Sohn darauf in den Äther treiben, bleibt ihm keine Wahl. Er muss seine neue Heimat verlassen um seine geliebte Familie wieder zusammenzuführen.

Auf  dieser Suche trifft er auf die verwitwete Ganesin Isháh, die Besitzerin eines Donnerkeils (ein schwallendes Reisetier, das große Lasten durch den Äther befördern kann).
Weiterhin begleitet ihn unter anderem ein alter Bekannter: Jagur, der Zwerg – nein KIRRIE – er wird ihm als Sonderbegleiter an die Seite gestellt, als man Taramis das Hemd Leviat (das Hemd der Unverwundbarkeit) überlässt. Wie er an das Drachenhemd gelangt  und wozu er es benötigt sei hier nicht erwähnt.

Ziel der Gefährten ist Peor, die Hauptstadt Komanas. Hierher werden sämtliche abgebrochenen Schollenstücke der zerbrochenen Welt wie durch fremde Kräfte hingezogen. Dort sammeln sich diese Stücke und bilden eine grosse Traube.
In Peor droht Gefahr. Es werden regelmässig Feueropfer dem Gott Dagon in riesigen Öfen dargeboten. Gründer dieses irren Kults ist Eglon, der Oberpriester. Er will den Götzen durch die Menschenverbrennungen milde stimmen.

Doch was führt Eglon wirklich im Schilde und kann Taramis es verhindern, dass seine Frau Shúria und sein Sohn Ari ebenfalls als Menschenopfer im Verbrennungsofen enden?

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Dies ist der zweite Teil der Berith Trilogie und ich habe mich von Anfang wieder zu Hause gefühlt in der fantastischen Welt – oder eher den fantastischen Welten – die Ralf Isau hier geschaffen hat.
Taramis ist älter geworden, viele Jahre sind vergangen und gerade das hat mir sehr gut gefallen. Die Geschichte knüpft nicht dort an, wo die erste aufgehört hat und dennoch war ich sogleich wieder in der Handlung.

Die Vielfalt der Wesen, die für diese Geschichte erschaffen wurden, brauche ich nicht mehr zu erwähnen. Isau hat seinem Namen „Phantast“ hier wieder alle Ehre gemacht und das Register im Anhang ist ausführlich wie ein Lexikon.
Allein dies zu lesen beweist mir, wie ausführlich sich der Autor mit der Schöpfung seiner Welten und deren Bewohner befasst. Ausführliche Beschreibungen der z.B. Riesenschwallechsen in Bezug auf Aussehen, Grösse und sonstige biologische Eigenschaften sind dort erläutert. Ein nicht nur hilfreicher, sondern auch für sich hochinteressanter Anhang.

Der Schreibstil ist gewohnt gehoben und anspruchsvoll. Sicher gibt es hier auch lockere Redensarten aber die kann ich nicht als umgangssprachliche Ausdrücke bezeichnen. Für mich ist dieser zweite Teil der Berith-Trilogie erwachsener als Teil I. Er ist stellenweise recht blutig und auch das Thema Vergewaltigung und Misshandlung wird behandelt. Dies passt vollkommen gut in die Handlung und zeigt mir erneut, dass Isau absolut hochwertige Literatur zu Papier bringt.

Diese krassen, teilweise brutalen und/oder schlimmen Ereignisse sind aber so in der Handlung verwoben, dass sich die Geschichte dennoch wie ein Fantasyabenteuer liest. Mir persönlich hat diese Steigerung sehr gut gefallen.

Meine absolute Lieblingsfigur – neben dem Protagonisten Taramis – ist eindeutig Jagur, der Zwerg – nein KIRRIE 🙂 . Er hat mich sehr oft schmunzeln und auch lachen lassen. Die Art, wie sich die Freundschaft zwischen Taramis und ihm entwickelt, ist einfach toll und macht grossen Spass.

Das Buch wird in einer schönen, gebundenen Ausgabe mit goldenem Leseband – nicht nur was für das Auge, sondern auch für das Bücherregal – präsentiert. Das geprägte Cover mit dem flammenden, brennenden Kopf zeigt mir ebenso, dass dieser Teil II etwas heftiger ist als sein Vorgänger und passt für mich gut zum Titel.

Immer noch stehen die Thriller von Ralf Isau (Die Dunklen, Der silberne Sinn, Der Mann der nichts vergessen konnte oder Messias) in meinem SUB und warten darauf gelesen zu werden. Ich bin sehr gespannt, auf meinen ersten Isau-Thriller …

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Mein Fazit: Die Fortsetzung um die Abenteuer des Nebelwächters Taramis erhalten von mir erneut 5 von 5 Punkten. Eine gelungene Handlung, die spannend, gefühlvoll und dramatisch ist. Sie ist verwoben in der ungewöhnlichen Welt Beriths und niedergeschrieben in einem sehr guten Schreibstil.

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Ich danke dem PIPER Verlag für die Bereitstellung des Rezensionsexemplares und Ralf Isau für die Widmung, die mein Gewinn war.

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Mehr über den Autor auf seiner Homepage oder auf der Fanseite bei Facebook.

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© Buchwelten 2011

ASYLON von Thomas Elbel (4/5)

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Erschienen als
Taschenbuch im
PIPER Verlag
448 Seiten
Preis: 9,99 €
ISBN:  978-3-492-26792-2

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Asylon ist der Name jener Stadt, die inmitten einer Wüste liegt und von einem Festungsgürtel umgeben ist. Selbstschussanlagen, Minenstreifen und eine Blendmauer sollen die letzte Stadt der Zivilisation vor unerwünschten Eindringlingen schützen. Denn angeblich herrschen dort – in den sogenannten Offlands – nur Hunger und Elend, vor dem die Menschen nach Asylon flüchten wollen.

Nach der dramatischen Klimakatastrophe, dem sogenannten ‚Surge‘ leben die Menschen in dieser beengten Stadt, deren Bauwerke absolut verwinkelt sind und Gassen eng, düster und dunkel.
Den Himmel sehen nur die Bewohner, die besondere Stellungen im System der Stadt innehaben. Alle anderen leben z.B. in Appartementklötzen, die sich meist unterirdisch befinden.

Torn ist in der Stadt als Masterleveller eingesetzt, das ist eine Art Sheriff, der das Gleichgewicht zwischen den herrschenden Clans halten und die Gewaltakte unter eben diesen unter Kontrolle bringen soll.

Als er eines Tages gemeinsam mit seinem Partner Scooter die zerfetzte Leiche einer Frau im Minenfeld findet ist er verwundert. Der Position der Leiche nach, wollte diese eindeutig die Stadt verlassen. Doch warum? Als Torn neben der Leiche einen seltsamen Talisman in Form eines Auges findet, steckt Torn ihn ein. Warum weiß er selber nicht, er geht einfach seinem Bauchgefühl nach.

Am selben Abend erfährt Torn, dass sein Sohn bei der Geburt ums Leben kam. Seine Frau sagt ihm noch im Krankenhaus, ihr Kind sei ihr gestohlen worden. Er glaubt ihr nicht. Am nächsten Tag wird ihm die Nachricht überbracht, seine Frau sei ebenfalls verstorben. Gestorben durch das posttraumatische Ereignis ihr Kind bei der Geburt verloren zu haben.
Immer mehr fragt sich Torn was in Asylon vor sich geht. Er beginnt seine Suche und versucht herauszufinden was mit seiner Frau und seinem Kind geschehen ist.

Dann lernt Torn die schöne Saïna kennen, sie ist die beste Freundin des Opfers aus dem Minenfeld und arbeitet in dem Krankenhaus, in welchem seine Frau und Kind ums Leben kamen, als Hausmeisterin. Sie selber hat Nachforschungen angestellt, weil sie Aufschluss über den Tod ihrer Freundin haben will und stieß dabei auf geheimnisvolle Aufzeichnungen. Sie erzählt Torn von diesen seltsamen Dingen und so taucht er immer tiefer ab in die Verwirrungen und Machenschaften von Asylon und bringt sich dadurch in immer größere Gefahr …

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Man hat mich eher zufällig auf dieses Debüt von Thomas Elbel gebracht und ich muss gestehen, von diesem neuen Genre „Dystopie“ hatte ich bislang noch nichts gehört. Aber mit postapokalyptischem Endzeitdrama konnte ich dann schon etwas anfangen. Ich dachte sofort an Filme wie „Klapperschlange“ oder auch „Fortress“.

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Die Handlung von Asylon hat mir sehr gut gefallen. Der Aufbau der Spannung und die Ausarbeitung der Charaktere finde ich gut gelungen. Hier spreche ich vor allem von dem Protagonisten Torn und auch seiner Gefährtin Saïna. Hier hat der Autor interessante Persönlichkeiten geschaffen.

Dem Autor ist es gelungen dem Leser „häppchenweise“ und langsam aber sicher immer ein bisschen mehr Durchblick zu verschaffen. Hier geht er nicht zu schnell vor, was ich ziemlich gut fand. Die Aufklärung, was sich hinter Asylon nun letztendlich verbirgt, erfolgt erst relativ spät.

Während der Handlung gibt es viele spannende, brutale, blutige aber auch einfach gute Actionszenen (die Kletterklauen-Szenen waren toll!). Sicherlich nichts für ganz so schwache Lesernerven aber auch nicht übermäßig widerlich. So habe ich es zumindest empfunden.

Die Auflösung und der Schluss gefielen mit gut, wobei ich eigentlich etwas anderes erwartet hatte.

Die Beschreibung der Bauweise und dem optischen Asylon ist dem Autor sehr gut gelungen aber der ergänzende „Surftipp“ den Elbel im Nachwort erwähnt, war sehr interessant anzuschauen. Überhaupt hat der Autor ein sehr ausführliches Nachwort geschrieben, was mir immer sehr gut gefällt.
Ich bin eine Leserin, die Nachworte meist zu Anfang des Buches – oder manchmal auch währenddessen – liest, dadurch kam ich vorab in den Genuss der Einblicke in die Bauweise dieser Endzeitkulisse.


Das Cover ist schlicht in grau, weiß und rot gehalten und sieht eigentlich aus wie derzeit alle „Spannungscover“. Wobei Asylon ja nun offiziell in die Kategorie Science Fiction eingeordnet wurde.

Der Schreibstil ist nicht anspruchsvoll und recht einfach gehalten und hier komme ich dann zu dem Grund, warum ich letztendlich nur 4 von 5 Punkten vergebe: mir ist der Text einfach zu umgangssprachlich. Sicherlich passt in diese Szenerie nicht unbedingt die geschwollenste Ausdrucksweise der Figuren, dennoch war mir der Stil hier leider einfach zu extrem in eben dieser Ausdrucksweise geschrieben.

Als kleines Beispiel kann ich anbringen, dass Saïna nach einem Hustenanfall auf die Straße schaute um „zu sehen, ob ihre Lunge vor ihr auf der Straße lag“. Solche Formulierungen finde ich nicht lustig, sie tun mir „weh“ aber das ist Geschmackssache. Mich hat es nunmal gestört und in dieser Art ist der Großteil des Romans formuliert.

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Mein Fazit: 4 von 5 Sternen für einen Science Fiction oder „Dystopie“ Roman, der rasant und spannend ist. Die Handlung ist wirklich gut gelungen und der Leser hat bis zum Schluss das Vergnügen zu rätseln, was genau in Asylon vor sich geht.

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Ich danke dem PIPER Verlag für die Bereitstellung des Rezensionsexemplares.

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© Buchwelten 2011

Schwarzer Schwan von Horst Eckert ( 5/5 )

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Erschienen als
gebundene Ausgabe im
grafit Verlag
383 Seiten
Preis: 19,99 €
ISBN: 978-3-89425-667-8

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Hannah Kaul arbeitet bei der RheinBank und ist kurz vor dem Deal, der ihrer Karriere einen gehörigen Schub verschaffen soll. Ein Milliardenkredit soll einem grossen Unternehmen gewährt werden und die Konditionen hat Hannah ausgehandelt. Monatelang hat sie hierfür gearbeitet, doch kurz vor dem Abschluß läßt der Vorstand den Deal platzen. Hannah ist sauer und enttäuscht. Sie geniesst erst einmal einige freie Tage mit ihrer Nichte Leonie, ihrem Patenkind, dass für einige Zeit bei ihr wohnt, da ihre Mutter eine Reise mit ihrem neuen Lover unternimmt.

Dominik Roth ist Ermittler im Betrugsdezernat und langweilt sich täglich mit illegalen Internetlotterien. Nach dem Mord an der Lobbyistin Paula, die am Aachener Platz erschossen wird, fordert plötzlich und unerwartet Anna Winkler, Ermittlerin der Mordkommission seine Unterstützung an. Er steht auf der „Reserveliste“ der MoKo und endlich bekommt er seine Chance. Als dann auf dem Parkplatz des Aquazoo noch eine Brandleiche in einem VW Polo entdeckt wird, scheinen sich die Ereignisse zu überschlagen.

Als hätten die Düsseldorfer Ermittler hiermit nicht genug zu tun, verschwindet plötzlich Hannah Kauls Nichte Leonie. Sie ist ein zuverlässiger Teenager, kommt aber nicht zur vereinbarten Zeit bei ihrer Tante an. Als Hannah dann noch erfahren muss, dass sie observiert wurde (oder wird?) ist sie überzeugt davon, dass ihre Nichte entführt wurde.
Aber warum? Was ist der Grund, hat dies alles mit dem geplatzten Deal der RheinBank zu tun … ?

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Horst Eckert hat einen Schreibstil, der fesselt vom ersten bis zum letzten Buchstaben. Auch wenn ich mich eigentlich mit politischen Handlungen schwer tue, hat der Autor wieder dafür gesorgt, mich dieses Buch in einem Rutsch durchlesen zu lassen.
Er schafft es, die politischen Gegebenheiten, die sehr wohl wichtig für die Handlung sind, so geschickt in die Handlungsstränge zu verweben, dass sie mir nicht „unangenehm“ auffallen.

Die Geschichte wird in mehreren Handlungssträngen erzählt. Da gibt es die Bankerin Hannah in Düsseldorf auf der einen Seite, die Politiker und Finanzgurus der Banken auf der anderen. Dann gibt es weiterhin ein ganz stinknormales Pärchen, dass sich als Praktikanten versucht in der Graphikbranche zu etablieren und natürlich noch das Team um den Ermittler Dominik Roth.

Als dies verknüpft sich nach und nach immer mehr, gibt einen Sinn und erzeugt eine Lesesucht. Aktueller vom Zeitgeschehen geht es kaum. Die Kraftwerkkatastrophe in Japan spielt genauso eine Rolle, wie das Rettungspaket für Griechenland.
Bekannte Namen aus der Politik werden in die Handlung verknüpft und die Handlung springt immer zwischen Berlin und Düsseldorf hin und her. Die Kapitel sind „gemein“ kurz gehalten, so dass ich immer wieder mehr gelesen habe, als geplant.

Der Begriff schwarzer Schwan wird der „Mutti“ persönlich erklärt, somit weiss auch der Leser um den Titel des Thrillers Bescheid. Die Protagonisten waren echt und interessant charakterisiert und das, wo die Figuren aus den unterschiedlichsten Bereichen und Schichten stammen. Auch die Gefühle kommen bei Horst Eckert – trotz aller Brisanz – nicht zu kurz und die kleinen erotischen Passagen sind dem Autor ebenso sehr gut gelungen.

Mir persönlich hat natürlich sehr gut gefallen, dass ich die Orte in Düsseldorf und Umgebung selber gut kenne und die beschriebenen Strecken im Geiste mitfahren konnte und auch die Szenen in Berlin haben mir als Liebhaber der Hauptstadt großen Spass gemacht. Der Einblick in die Politik und die Machenschaften der Grossen Banker war für mich normalen Bürger hochinteressant und gut verständlich.

Mein Fazit: 5 von 5 Punkten für diesen fesselnden, spannenden, sehr gut geschriebenen Politthriller, der das aktuelle Geschehen in unserem Land aufgreift und Einblicke in mir unbekannte Welten gewährt hat.

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Ich danke dem grafit Verlag für die Bereitstellung des Rezensionsexemplares.

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© Buchwelten 2011

Andreas Behm – Der Lippennäher (4,5/5)

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Erschienen als
Taschenbuch im
ACABUS Verlag
304 Seiten
Preis: 13,90 €
ISBN: 978-3-86282-041-2

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In seinem zweiten Fall hat es der Hamburger Kommissar Harald Hansen mit einem Serienmörder zu tun. Die Opfer sind Frauen im reiferen Alter, die mit vernähten Lippen und einem Spiegel auf dem Gesicht meist in Parks gefunden werden. Die Leichen sind nackt, jedoch nicht misshandelt, weisen keine äußeren Verletzungen auf. Der Mörder hat die Kleider der Opfer ordentlich neben ihnen gestapelt.
Natürlich stehen die Ermittler unter Druck, denn die Hamburger Bevölkerung ist besorgt. Doch der Killer handelt wohlüberlegt, hinterlässt keinerlei Spuren und erschwert somit die Arbeit ungemein.

Aber Harald Hansen wäre nicht der, der er ist, würde er so schnell aufgeben ….

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Ich hatte den grossen Vorteil, direkt im Anschluß an „Die Moral eines Killers“ mit Hansens zweitem Fall weiterzumachen. Da mir der verquere, stoffelige Ermittler bereits im ersten Teil der Trilogie sehr ans Herz gewachsen war hatte ich Freude daran, direkt in die nächste Geschichte überzuwechseln.

Hansen ermittelt weiterhin gemeinsam mit seinem schwulen Partner Bernstein, den ich schon im ersten Fall kennengelernt habe und die zwei arbeiten zusammen, als würden sie das bereits jahrelang tun.
Diesmal bekommt Harry Hansen jedoch noch eine weitere Person in sein Team zugewiesen. Die junge Kriminalkommissarin Vera Becker, die, bevor sie zur Polizei kam einige Semester Psychologie studierte,  bei der Erstellung des Täterprofils behilflich sein soll.

Nach anfänglichem Gemurre bemerkt Hansen schnell die Qualitäten der neuen Kollegin und lernt sie zu schätzen. Überhaupt wird aus dem ewig grantigen, eigenbrötlerischen Einzelkämpfer Hansen in diesem zweiten Fall ein erstaunlich teamfähiger Vorgesetzter, der es weiß sein Team zu motivieren.
Auch im privaten Bereich ändert sich einiges für Hansen. Die Beziehung zu Nadja festigt sich, was nicht immer sehr einfach ist. Einerseits geniesst Hansen die Nähe einer Frau und die Geborgenheit einer Beziehung. Andererseits geht ihm die Umsorgung und „Bevormundung“ öfters auf die Nerven.
Dennoch bleibt Hansen im Grunde der gleiche alte Haudegen, der macht was er will und das hat diese Geschichte wieder ausgemacht.

Dieser Fall war anders aufgebaut, als der erste. Hier ist es ein klassischer Krimi: erster Mord, zweiter Mord, Ermittlungen mit Rückschlägen und Erfolgen. Der erste Teil war da ja komplett anders aufgebaut, was mich sehr begeistert hatte.

„Der Lippennäher“ hat mir dennoch wieder sehr gut gefallen, hauptsächlich lag dies am Protagonisten aber auch den Nebenfiguren, die wieder einmal sehr echt und lebensnah rüberkommen. Gute Dialoge, die sich gesprochen lesen, die Spannung lässt nicht nach, der Schreibstil ist nicht sehr anspruchsvoll aber angenehm. Wieder wurden gewisse Wendungen eingebaut, die die Handlung nicht unbedingt vorhersehbar erscheinen lassen.

Das Cover in weiss-rot gefällt mir besser als das des ersten Teils. Die blasse Silhouette eines Gesichts mit dem blutroten Faden durch die Lippen passen sehr gut und machen neugierig.
Der Klappentext ist wieder im Blocksatz geschrieben und gefällt mir somit auch optisch.
Die Seiten sind, wie immer bei ACABUS-Werken, sehr eng und relativ klein beschrieben. Das Lesen ist dennoch nicht anstrengend, da die Kapitel eine angenehme Länge haben und innerhalb dieser noch durch Absätze unterteilt sind.

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Mein Fazit: 4,5 von 5 Sternen für einen spannenden Krimi mit einem eigenwilligen Protagonisten und guten Nebencharakteren, der für mich aber eben durch den eher typischen Krimiaufbau einen kleinen Abstrich gegenüber dem ersten Teil erhält.

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Ich danke dem ACABUS Verlag für die Bereitstellung des Rezensionsexemplares.

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© Buchwelten 2011

Gastrezension zu NACHTZUG von Wolfgang Brunner (5/5)

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05. Januar 2011! Schneechaos im gesamten Deutschland! Der Schriftsteller Thomas Kassner befindet sich im Nachtzug von Berlin nach Düsseldorf, um von dort aus weiter in seine Heimatstadt Hamminkeln am unteren Niederrhein (sic) zu fahren. Zur gleichen Zeit brechen aus einem Klonforschungsinstitut in der Nähe von Gütersloh in Ostwestfalen Hybriden aus, eine Kreuzung zwischen Mensch und Hyäne. Die genmanipulierten Bestien stoßen bei der Suche nach Nahrung auf den im Schnee steckengebliebenen Zug. Ein Kampf auf Leben und Tod entbrennt.

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Ich muss zugeben, dass ich Horror-Literatur bisher eher weniger gelesen habe. Eigentlich beschränkt sich meine Erfahrung damit auf die klassischen Romane wie ‚Frankenstein‘, ‚Dracula‘ oder ‚Der Golem‘. Das ich dieses Mal dennoch zu einem Buch aus dem Horror-Genre gegriffen habe, liegt an dem Autor, dessen ‚Cryptanus‘-Bücher mich fasziniert haben.
Aus diesem Grund konnte ich gar nicht anders, als diesen neuen Roman von Wolfgang Brunner zu lesen. Und ich muss sagen, trotz meiner anfänglichen Skepsis dem Genre gegenüber, hat Wolfgang Brunner mich auch dieses Mal nicht enttäuscht.

Der Autor beherrscht dieses Genre ebenso. Ich habe das Buch an einem Wochenende durchgelesen, und ich muss sagen, ich habe mich auf keiner Seite gelangweilt. Brunner treibt das Tempo so voran, dass es schwerfällt, dass Buch kurz zur Seite zu legen. Nur selten passiert es mir, dass ich mit einem Buch in der Hand in die Küche gehe, und beim Teekochen weiterlese.

Die Komponente der Kritik an der Genforschung, eine Liebesgeschichte und natürlich auch das Gruseln haben mir beim Lesen ein sehr angenehmes, gruseliges Wochenende bereitet. Dazu muss ich sagen, dass ich in Bielefeld-Brackwede sozusagen an der Grenze zu Gütersloh wohne, und daher jetzt mit anderen Augen aus meinen Fenstern auf die Nachtlandschaft schaue.

Die Aufmachung des Buches aus dem Verlag P&B ist sehr schön gemacht. Ein toll gemachtes Coverbild ziert dieses großartige Buch. Wolfgang Brunner sagt von sich selber ja, dass er sich nicht auf eine bestimmte Kategorie eingrenzen lässt, und mit dieser neuen Sparte in seinem Œuvre beweist er es eindrucksvoll. Ich freue mich jedenfalls schon sehr auf sein nächstes Werk.

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Geschrieben von FOP – Frank Olaf Paucker am 23.10.2011

Andreas Behm – Die Moral eines Killers (5/5) – Teil I der Trilogie um Harald Hansen

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Erschienen als
Taschenbuch im
ACABUS Verlag
324 Seiten
Preis: 13,90 €
ISBN: 978-3-86282-051-1

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In Hamburg wird ein bekannter Schönheitschirurg ermordet. Präzise, schnell, ohne Spuren, durch einen gezielten Schuss. Kommissar der Mordkommission Harald Hansen wird auf den Fall angesetzt. Als er den Tatort besichtigt, ist er sich ziemlich schnell sicher, den Mörder zu kennen. Er ist überzeugt, dass der Mörder ein Profikiller ist, dem er schon lange auf der Spur ist.

Dummerweise bekommt Hansen einen neuen, jungen Kollegen an seine Seite gestellt, der ihn unterstützen soll. Das passt „Harry“ (er hasst es bei seinem richtigen Namen genannt zu werden!) absolut gar nicht.
Erstens kann Hansen Veränderungen in seinem beruflichen Umfeld schon gar nicht leiden und zweitens muss er nun in seiner Arbeit ziemlich aufpassen. Denn um dem Mörder auf die Schliche zu kommen hat er vor, Methoden zu benutzen, die nicht unbedingt den Dienstvorschriften entsprechen.

Hansen geht dennoch seinen Weg, absolut ungewöhnlich, teilweise steht er selber mit einem Bein im Knast und mit dem anderen im Leichenschauhaus…..

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Andreas Behm sagte mir gar nichts, Werke aus dem ACABUS Verlag sehr wohl. Und da ich gerne Krimis lese, war ich natürlich interessiert. Der Klappentext hat mich auch neugierig gemacht, denn der klang doch bereits nach einem verqueren Ermittler-Charakter.

Das allererste was mir an dem Erscheinungsbild des Taschenbuchs auffiel war: Der Klappentext ist im Blocksatz geschrieben. Da ich das bei ACABUS öfters schon bemängelt oder negativ angemerkt habe, hat mich das doch gefreut. Sogleich sieht der Buchdeckel ordentlich und aufgeräumt auf.
Ansonsten ist das Cover in seinen drei Farben eher dezent gehalten. Was mir die Marionette und die Schachfigur auf dem Cover  genau sagen wollen, weiss ich nicht. Ich habe so auf Anhieb keinen Zusammenhang zur Handlung gefunden. Macht aber auch nichts, es sieht ja gut aus.

Der Ermittler Hansen ist eigentlich ein absolut unsympathischer Mensch: Stoffelig, motzig, eigenbrötlerisch, knurrig. Läuft in abgewetzten Jeans und gammeliger Lederjacke herum. Hat einen eher ungepflegten grauen Haarschopf und einen dauerhaften 6-Tage Bart. Er raucht, trinkt, hat eine schlampige Wohnung … wie gesagt, eigentlich alles eher negative Eigenschaften. Dennoch ist er ein Kerl, der mir sofort sympathisch war.
Nicht nur mir, auch sein neuer Kollege Bernstein versteht es schnell hinter diese raue, schmuddelige Schale zu blicken. Wie beschreibt der seinen neuen Vorgesetzten selber: Er ist wie er ist und er ist nicht unfreundlich, er mag einfach keine Veränderungen, Zeitverschwendung, ist aber ein alter, erfahrener Hase in der Ermittlungsarbeit, der seinen Weg geht, weil er damit erfolgreich ist. Hansen lebt für die Polizei. Es ist seine Bestimmung, seine Erfüllung.

Die Art und Weise wie Behm an die Handlung herangeht ist schon sehr aussergewöhnlich. Denn der Mord an dem Schönheitschirurgen interessiert etwa nach dem ersten Kapitel nicht mehr wirklich. Weder den Leser, noch die Ermittler. Die Handlung verlagert sich in eine andere Richtung, die natürlich mit dem Mordfall zu tun hat aber dennoch …

Die Geschichte entwickelt sich in eine andere, brisante und hoch spannende Richtung. Ich habe noch nie in einem Krimi gelesen, dass der Ermittler innerhalb der ersten 100 Seiten auf den Killer zu spaziert, sich beim Essen an seinen Tisch setzt und im einfach eine Menge Tatsachen und Indizien an den Kopf wirft. Das hat mich sehr schmunzeln lassen aber dem Mörder glatt die Schweißperlen auf die Stirn getrieben. Wie Hansen es dann gelingt, den Spieß umzudrehen und den Lauf der Dinge in die Richtung zu lenken die er sich vorstellt, hat mir großen Spass gemacht.

Der Autor hat es geschafft die Charaktere sehr lebensecht zu beschreiben, sie greifbar gemacht. Den Ermittler natürlich, aber auch den Killer (Die Moral eines Killers…!) und die vielen, sehr guten, Nebenfiguren.
Ich hatte große Schwierigkeiten Lesepausen einzulegen, denn ich war so gefesselt, dass ich immer unbedingt wissen wollte wie es weitergeht.

Das Ende des Romans war für mich nicht absehbar, hier hat Behm zum Schluß hin noch einmal schöne Feinheiten verbaut, die mich überrascht – teilweise geschockt (!) – haben.

Innerhalb der ganzen Gewalt, Drohungen, Fluchten, Verfolgungen, Ermittlungen gibt es auch sehr viel persönliches und gefühlvolles der Protagonisten zu erleben. Sei es Hansen selber, oder auch der neue Kollege Bernstein und auch … mehr verrate ich nicht.

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Mein Fazit: Ich vergebe für den ersten Teil der Harald Hansen Trilogie 5 von 5 Punkten. Ein Krimi der einmal ganz anders aufgebaut ist und mir absolutes Lesevergnügen bereitet hat.

Ich war tatsächlich traurig als die Geschichte zu Ende war aber ich habe das Glück gleich beim zweiten Teil „Der Lippennäher“ weiterzumachen. Ich kann diesen Krimi gut und gerne uneingeschränkt empfehlen und es ist völlig egal ob er in Hamburg oder Hintertupfingen spielt. Ich lebe in NRW und habe die Lektüre genossen 🙂

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Ich danke dem ACABUS Verlag für die Bereitstellung des Rezensionsexemplares.

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Wer etwas mehr über den Autor Andeas Behm erfahren möchte. Hier geht es  zur offiziellen —–> Homepage

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© Buchwelten 2011

Das Haus am Zeilenweise-Platz – Anthologie verschiedener Autoren (5/5)

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Erschienen als
Taschenbuch
bei edidoppelpunkt
148 Seiten
Preis: 11,50 €
ISBN: 978-3937950983

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Das Haus am Zeilenweise-Platz erzählt die Geschichten der Bewohner dieses Mehrfamilienhauses in Buchstedt. Viele verschiedene Menschen leben in diesem Haus. Junge, Alte, Einsame, Familien, Alleinerziehende, Künstler …

Unten im Haus befindet der Kiosk der Familie Vodnjani, die hinter dem Laden außerdem eine Wohnung bewohnt. Sie sind Kroaten und seit vielen Jahren leben sie in diesem Haus und führen dort ihren kleinen Laden, der nicht nur die Bewohner des Zeilenweise-Hauses mit den angenehmen und wichtigen Dingen des Alltags versorgt, sondern der auch immer wieder ein Treffpunkt für die Menschen ist um ein nettes Gespräch unter „Freunden“ zu führen.

Jeder kennt jeden und irgendwie doch wieder nicht. Man lebt im gleichen Haus, sieht sich, grüsst sich, aber so wirklich weiss man nicht, was hinter den Wohnungstüren der Nachbarn geschieht. Das Haus am Zeilenweise-Platz lässt den Leser die Türen öffnen, in die Wohnungen hinein sehen und all diese verschiedenen Bewohner kennenlernen …

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Knapp zwei lange Jahre hat es gedauert, bis die Grundidee dieses Projektes endlich in Buchform vollendet wurde. Die mitwirkenden Autoren haben sich regelmässig im Zeilenweise-Forum besprochen und ausgetauscht. 12 Autoren haben an diesem Projekt mitgewirkt und gemeinsam haben sie diese grundverschiedenen 29 Geschichten geschaffen.

Die Autoren haben jeweils eine Geschichte (einige haben auch mehrere geschrieben) über eine Mietpartei des Hauses geschrieben. Alle Genres waren erlaubt und der Herausgeber Hartmut W. H. Köhler hat es geschafft diese unterschiedlichen Geschichten so zu verbinden, dass es nicht auffällt, das hier unterschiedliche Autoren geschrieben haben. Die Anthologie liest sich wie ein Roman und ist einfach „rund“.
Die Idee, dass Herr Köhler diese Zwischentexte als Rahmenhandlung einfügt, ist erst relativ spät entstanden und eingebunden worden.

Die Autoren schreiben Ihre Geschichten meist in der Vergangenheit. Herr Köhler lässt als Rahmenhandlung den Kioskbesitzer Vodnjani in der Gegenwart erzählen. Er kennt natürlich alle Mitbewohner des Hauses und weiß somit über jeden etwas zu erzählen.
Dann geht es in die Autoren“kapitel“ und die entsprechende Wohnungstüre öffnet sich.

Wir lernen alte Ehepaare kennen, die gemeinsam einsam sind, weil der Partner sich wegen Demenz meist in die eigene Welt zurückzieht. Wir lernen einen Maler kennen, der doch sehr erschrickt, als der Tod bei ihm vorbeischaut. Das Grauen ist bei einer alten Dame zu Besuch und genießt frisch gekochten Kakao.
Wir lernen eine lebensmüde, einsame alte Dame kennen, die urplötzlich ihre junge Nachbarin vor der Türe stehen hat, weil sie sich für etwas bedankt und sie schliessen Freundschaft. Eine alleinerziehende Mutter schockt ihren Internet zockenden Sohn mit einem Troll im Badezimmer, eine Frau tanzt eng umschlungen mit ihrem verstorbenen Mann …

Der Schluß war schön und traurig zugleich. Für mich war es sehr schade, alle diese unterschiedlichen Menschen verlassen zu müssen. Ich hätte gut und gerne nochmal die gleiche Anzahl an Geschichten lesen können.

Dieses Buch ist wirklich absolut empfehlenswert. Und auch wenn ich es jetzt lesen konnte, weil mein Lebensgefährte als Mitwirkender ein Exemplar erhalten hat, weiss ich, dass ich mindestens eines davon kaufen und als Geschenk bereiten werde!

Denn das beste kommt zum Schluss: Dieses Projekt dient ausschließlich einem guten Zweck. Sämtliche Erlöse aus dem Verkauf der Anthologie fließen an ein Kinderheim in Istrien. Dort werden sexuell misshandelte Kinder betreut. Alle Autoren verzichten auf ein Honorar um dieses Projekt zu unterstützen.

Mein Glückwunsch an alle mitwirkenden Autoren und an Herrn W. H. Köhler. Mit sehr viel Hingabe und auch Einsatz wurde hier ein Werk geschaffen, dass nicht nur Spass macht. Es macht auch nachdenklich, glücklich, traurig.

Es war nicht einfach dieses Projekt auf die Beine zu stellen. Lange hat es gedauert, bis endlich ein geeigneter Verlag gefunden war. Es hat sich gelohnt. Ein dickes Lob an die Mitglieder des Zeilenweise-Forums.

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Und nun kommen die Autoren, die an dieser Anthologie mit geschrieben haben – in alphabetischer Reihenfolge:

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Philipp Brobowski – http://www.philippbobrowski.de/

Wolfgang Brunner – http://wolfgangbrunner.de/

Heidi Gotti – http://www.gottiswelt.de/

Heike Hultsch – http://paradalis.wordpress.com/

Hartmut W. H. Köhler – http://www.feierabend-autor.de/

Germaine Paulus

Mario B. Kuhl (Pseudonym)

Michael Romahn – http://www.michael-romahn.de/

Miriam Schaffner – http://www.miriamsmirakel.ch/

Anett Steiner – http://anett-steiner.de/

Isa Theobald – http://absonderliches.wordpress.com/

Markus Walther – http://www.din-a4-story.de/

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Mein Fazit: Eine tolle Idee, wunderbar und mit viel Einsatz und Ausdauer umgesetzt. Ein schönes Cover, wunderbare Geschichten, eine hervorragend gelungene Rahmenhandlung und all das für einen guten Zweck: 5 von 5 Punkten.

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Buchwelten 2011