Wanda von Karl May

wanda

Erschienen als Taschenbuch
in der edition oberkassel
insgesamt 204 Seiten
Preis: 12,00 €
ISBN: 978-395813-1583
Kategorie: Krimi, Bellettristik

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Wanda von Chlowicki wird in der kleinen Stadt, in der sie lebt, auch gerne die wilde Polin genannt. Sie ist die Tochter des Barons von Chlowicki und besitzt schönes, blondes Haar. Wanda ist dem Herrn von Säumen versprochen, hat aber eher ein Auge auf den Schornsteinfeger Emil Winter geworfen, der mutig und uneigennützig in Erscheinung tritt. Das imponiert Wanda und Emil gewinnt ihre Zuneigung. Irgendwann stellt sich heraus, dass Wandas Verlobter in zwielichtige Geschäfte verwickelt ist und schon bald muss Wanda sogar um ihr Leben fürchten. Doch sie hat glücklicherweise Emil Winter an ihrer Seite, der ihr in fast allen gefährlichen Situationen zu Hilfe eilt …

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Glücklicherweise legt die „edition oberkassel“ einen leider etwas in Vergessenheit geratenen Krimi von Karl May neu auf. „Wanda“ ist ein wunderbares Zeitzeugnis, dass sich dem Leser schon alleine durch die Ausdrucksweise des bekannten Schriftstellers eröffnet. Es macht unglaublichen Spaß, in der Vergangenheit zu versinken und sich dem Kriminalfall um die schöne Polin Wanda hinzugeben. Karl May konnte nicht nur Abenteuerromane, die im Wilden Westen oder Orient spielten, schreiben, sondern auch deutsche Geschichten erzählen. Die vorliegende Novelle „Wanda“ ist eine Mischung aus Krimi, Abenteuer- und Liebesroman, was dem Ganzen eine angenehme Kurzweile verleiht. Wer sich mit Karl May ein wenig auskennt, wird auch hier den ein oder anderen Charakterzug des Autors selbst erkennen, den er einer seiner Personen verliehen hat.

Bei „Wanda“ handelt es sich um eine frühe Erzählung Karl Mays, der mit seinen Winnetou-Romanen später Weltruhm erlangte. Dieser Kurzroman wurde auch unter den Titeln „Die wilde Polin“ oder „Ein Kampf im Ballon“ publiziert, wobei der schlichte Name der Protagonistin definitiv am besten passt. Man merkt dem Werk eine gewisse Unschlüssigkeit und Unausgereiftheit an, die sich allerdings weniger auf der sprachlichen Ebene abspielt, sondern an der teils unausgegorenen Handlung, die sich einfach nicht entscheiden kann, welchem Genre sie denn genau angehören möchte. 😉
Nichtsdestotrotz stellt „Wanda“ ein äußerst kurzweiliges Leseerlebnis dar, das durch seine bildhaften Beschreibungen ein Abenteuergefühl aufkommen lässt, das an Jules Verne erinnert. Oftmals dachte ich, gerade bei der Ballonfahrt gegen Ende der Novelle, dass Verne eindeutig Inspirationsquelle für Karl May gewesen ist.

An manchen Stellen bekam ich den Eindruck, als würde May in seiner Geschichte auch eine Art Gesellschaftskritik ausüben, in dem er nämlich die Liebe zwischen einem „armen“ Mann zu einer adeligen Frau gutheißt und sich damit über die damals gängigen Konventionen hinwegsetzt. „Wanda“ ist im Grunde genommen, zumindest aus meiner Sicht, eine schöne Liebesgeschichte, die den Kriminalhintergrund als Aufhänger benutzt, um nicht allzu langweilig und schnulzig zu wirken.  Sicherlich wirkt „Wanda“ an manchen Stellen ein wenig unbeholfen, da es sich schlichtweg um ein Frühwerk handelt und die spätere Reife Mays noch nicht zum Vorschein gekommen war, aber man spürt defintiv das Können, das in diesem jungen Autor schlummerte. Die Erzählung ist oftmals stockend, weil der leichte Erzählfluss des selbstbewussten Karl May der späteren Zeit fehlt. Aber sieht man die Geschichte als einen der ersten Versuche Mays, sich schriftstellerisch zu betätigen, so muss man ununwunden eingestehen, dass schon damals großes Talent in ihm steckte.
„Wanda“ ist ganz einfach eine Zeitreise zurück in die Vergangenheit, als ein großer Erzähler seine ersten Schritte wagte und sich auf der literarischen Bühne einen Namen machen wollte (was ihm ja auch gelang). Dank der „edition oberkassel“ ist diese Novelle wieder erhältlich und stellt für jeden Karl May-Fan ein Muss dar. Allen anderen sei gesagt, dass sich dieser, auf charmante Art und Weise unbeholfene Liebeskrimi defiitiv lohnt, um einen Einblick in das „andere Schaffenswerk“ Karl Mays zu bekommen, das sich weitab von Winnetou bewegt.

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Fazit: Sehr kurzweilige Novelle, die Krimi, Liebesgeschichte und Abenteuer vermischt und einen interessanten Einblick in das Frühwerk Karl Mays gibt.

© 2018 Wolfgang Brunner für Buchwelten

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Joe von Larry Brown

joe

Erschienen als gebundene Ausgabe
im Heyne-Verlag
insgesamt 345 Seiten
Preis: 22,00 €
ISBN: 978-3-453-27176-0
Kategorie: Belletristik, Thriller, Drama

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Joe Ransoms Leben besteht aus regelmäßigem Alkoholkonsum, einer kaputten Ehe und Gewalttätigkeiten. Als er dem fünfzehnjährigen Gary einen Job in seinem Forstbetrieb anbietet, erwacht der Beschützerinstinkt in Joe. Denn Garys Eltern sind alkohol- und drogensüchtige Herumtreiber, die keinerlei Rücksicht auf das Wohl ihrer Kinder nehmen. Joe fühlt sich immer mehr verpflichtet, sich um Gary zu kümmern, damit dieser eventuell einen besseren Weg als seine Eltern einschlagen kann …

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Larry Browns zweiter ins Deutsche übersetzte Roman „Joe“ kann in der gleichen Art wie sein Vorgänger „Fay“ von der ersten Seite an uneingeschränkt überzeugen. Brown schafft schon bei seinen ersten Kapiteln eine unglaublich dichte und realitätsnahe Atmosphäre, der man sich absolut nicht mehr entziehen kann. man fühlt mit den Protagonisten und möchte wissen, wie es ihnen weiter ergeht, wie sie es schaffen, in ihrer rauen Welt zu überleben. Wahnsinn, wie intensiv Larry Brown die Gedankenwelt seiner Protagonisten und die Umgebung, in der sie leben, beschreibt. Man riecht den Dreck, spürt die unangenehmen Seiten eines solchen Lebens während des Lesens und möchte nur allzu gerne in die Handlung eingreifen und seine Hilfe anbieten. „Joe“ schließt sich nahtlos in seiner Machart an „Fay“ an, der mich übrigens seinerzeit in gleicher Weise begeistert hat.

Larry Brown wirft seine Leser in eine triste, unangenehme Welt voller Alkohol- und Gewaltexszesse, in der man sich dennoch unglaublich wohl fühlt, weil man eine ungeheuerliche Nähe zu den Personen (den Vater einmal ausgenommen) bekommt. „Joe“ ist ein äußerst deprimierendes Werk, das im Grunde genommen trostloser nicht sein kann. Larry Browns brutale, asoziale Welt beinhaltet aber auch auf wundersame Weise Romantik, Nostalgie und auch irgendwie Hoffnung, wenngleich diese sehr schwer aus den Zeilen herauszulesen ist. Letztendlich überwiegt die schonungslose Hoffnungslosigkeit in dieser Geschichte. Und am Ende weiß man, dass es niemals so etwas wie ein Happy End für die Protagonisten geben wird. „Joe“ ist aber auch eine Geschichte über „falsche“, unfähige Eltern und einen Mann, der versucht, seine eigenen Fehler wieder gut zu machen, in dem er einem Jungen hilft, der ein besseres Leben verdient hat. Es ist erstaunlich, wie detailliert und bildhaft Larry Brown die Welt der untersten Schicht darstellen kann, so dass man ihm jedes, wirklich jedes, Wort und Geschehen abnimmt. Die Dialoge zwischen den Personen wirken teilweise so realitätsnah, dass man meint, einen Tatsachenbericht zu lesen.

Es ist schon verwunderlich, dass Romane wie dieser und Autoren wie Larry Brown relativ erfolglos sind. Vor allem durch den sehr direkten, aber wunderbar flüssigen Schreibstil und die hervorragende Ausarbeitung seiner Charaktere hätte Brown ein Millionenpublikum verdient. Ebenso wie übrigens die kongeniale Verfilmung dieses Romans durch Regisseur David Gordon Green mit Nicholas Cage in der Rolle des Joe Ransom. Cage ist diese Rolle wie auf den Leib geschrieben und vielleicht hatte Larry Brown ihn sogar vor Augen, als er seinen Roman schrieb, denn angeblich war Cage sein Lieblingsschauspieler. Roman und Film ergänzen sich hervorragend und vermitteln beide das gleiche trostlose Bild jener unteren Bevölkerungsschicht, in der nur das eigene Überleben und Wohlergehen zählt. Ich freue mich wahnsinnig, dass Heyne diesen wunderbaren Schriftsteller entdeckt hat und in ihrer Reihe „Heyne Hardcore“ veröffentlicht. Larry Brown macht, trotz seiner deprimierenden Geschichten, einfach süchtig und ich hoffe, dass uns der Verlag noch viele seiner Bücher beschert. Ein paar Romane und einige Kurzgeschichten hat er schließlich verfasst, die darauf warten, ins Deutsche übersetzt zu werden. Die immer wiederkehrenden Vergleiche mit William Faulkner oder Flannery O’Connor kann man ohne weiteres auf gewisse Art und Weise bestätigen, aber letztendlich besitzt Larry Brown einen unvergleichlichen, eigenen Stil, der seinesgleichen sucht. Interessant ist übrigens auch die Verbindung zwischen „Joe“ und „Fay“, die Browns Universum sozusagen ergänzt, erweitert, ja vervollkommnet. Ich bin schon wirklich sehr auf weitere Werke dieses leider viel zu früh verstorbenen Autors gespannt.

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Fazit: Trostlos, düster, ohne jegliche Hoffnung und dennoch in widersprüchlicher Weise voller Romantik.

© 2018 Wolfgang Brunner für Buchwelten

Weihnachten auf der Lindwurmfeste von Walter Moers

Moers

Erschienen als gebundene Ausgabe
im Penguin Verlag
insgesamt 112 Seiten
Preis: 15,00 €
ISBN: 978-3-328-60071-8
Kategorie: Fantasy, Gegenwartsliteratur

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Wie feiert man Weihnachten in Zamonien? Gibt es überhaupt ein Weihnachtsfest in Zamonien?
Hildegunst von Mythennetz klärt uns auf und erzählt von einem Fest, das in der Tat viele Ähnlichkeiten mit unserem Weihnachtsbrauch hat, dort aber „Hamoulimepp“ genannt wird.

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Auf gewohnte Art und Weise entführt Walter Moers den Leser (und vor allem auch seine Fans) erneut in die zauberhafte Welt Zamoniens. Dieses Mal bringt er uns ein Fest nahe, das dem unsrigen Weihnachten sehr ähnelt. Witzig und auch sehr hintergründig rechnet Moers förmlich mit diesem Brauchtum ab, deckt Unstimmigkeiten und allerlei andere Dinge auf, die uns zum Nachdenken bringen (sofern man das nicht selbst schon seit Jahren tut 😉 ). „Weihnachten auf der Lindwurmfeste“ ist ein Buch, wie man es von Walter Moers erwartet, obwohl es weniger einen Abenteuercharakter vorweisen kann, wie es bei seinen anderen Werken der Fall ist, sondern eher dokumentarisch, ja, fast schon wie ein Sachbuch, wirkt. Das tut aber dem Unterhaltungswert absolut keinen Abbruch, zumal man zusätzlich zum Text auch noch mit wunderbaren Illustrationen von Lydia Rode belohnt wird. Rode war übrigens auch für die Zeichnungen in „Prinzessin Insomnia und der alptraumfarbene Nachtmahr“ verantwortlich. Die vorliegende, gebundene Ausgabe ist von der Ausstattung und seinem Erscheinungsbild ein wahres Schmuckstück. Aber auch das ist man von Walter Moers-Büchern schon gewohnt.

Wie könnte es auch anders sein, lässt Moers den Lindwurm Hildegunst von Mythennetz zu Wort kommen. Dieses Mal in Briefform, was dem Ganzen einen schönen Ausdruck verleiht. Jeder, der bei diesem Buch eine ausschweifende Abenteuergeschichte erwartet, wird enttäuscht sein. Wer sich aber auf einen solchen Briefwechsel, der zwischen den Zeilen übrigens viel mehr beinhaltet, als man auf den ersten Blick meinen mag, wird seine Freude an den sarkastischen Bemerkungen über das Hamoulimepp-Fest haben. Es ist absolut nicht zu überlesen, dass Walter Moers wohl ein Weihnachtsmuffel ist. Seine Darlegungen, geschickt hinter dem Mantel eines zamonischen Festes versteckt :), lassen den Leser an unglaublich vielen Stellen schmunzeln, weil man genau weiß, was gemeint ist. Alleine deswegen ist das Buch schon sein Geld wert. Walter Moers geht mit seinen letzten Büchern manchmal neue Wege, was ich persönlich absolut gut und auch in Ordnung finde, die eingefahrene Fangemeinde allerdings eher nicht. Moers versucht sich an neuen Dingen, bleibt aber seinem Stil doch immer treu und kehrt auch wieder mal zu seinen Wurzeln zurück. Was will man eigentlich mehr?

Die Werke von Walter Moers sprühen nur geradezu vor innovativen Ideen, so dass man diesem Buch / Briefwechsel vorwerfen mag, es sei ideenlos. Aber ist es das wirklich? Sind die Gegenüberstellungen zwischen unserem Weihnachten und dem zamonischen Hamoulimepp wirklich so lieblos und einfach gestrickt? Ich finde, dass es der besondere Schreibstil von Moers ausmacht, der die vielleicht tatsächlich einfache Grundidee dennoch zu etwas besonderem macht. Und, wie oben schon erwähnt, Moers‘ Worte und Sätze sollte man nicht immer nur oberflächlich lesen, sondern auch einmal zwischen den Zeilen nach Anspielungen auf andere Literatur suchen. Oftmals entdeckt und findet man nämlich was. Ich habe „Weihnachten auf der Lindwurmfeste“ genossen, vor allem auch die wirklich tolle und ansprechende Ausstattung, die das Buch zu einem ganz besonderen Leseerlebnis macht. Dennoch freue ich mich, wenn Walter Moers wieder einmal einen dicken, fetten Roman veröffentlicht, in den man sich über Tage einfach hineinfallen lassen kann. Das ist wahrscheinlich genau das, was viele LeserInnen bei den letzten Werken vermissen. Das bedeutet aber nicht, dass die letzten Veröffentlichungen von Walter Moers schlecht sind, sie sind einfach nur anders, und das ist gut so.

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Fazit: Walter Moers einmal anders. Für Fans ein Muss. Die Ausstattung ist zudem unglaublich ansprechend.

© 2018 Wolfgang Brunner für Buchwelten

Die Reise zum Mittelpunkt der Zeit von Michael Marrak

Marrak

Erschienen als Taschenbuch
im Amrun Verlag
insgesamt 110 Seiten
Preis: 8,00 €
ISBN: 978-3-95869-377-7
Kategorie: Science Fiction

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Ninive macht sich zusammen mit Aris auf den Weg, den Mond der Erde zu suchen, der seit einiger Zeit verschollen ist. Dazu muss sie sich zum Mittelpunkt der Zeit begeben, an der sich der gesuchte Himmelskörper anscheinend befindet. Eine Reise in unbekannte Gefilde eines faszinierenden Universum erwartet die beiden Wanderer.

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Schon auf der ersten Seite ist man zurück in Marraks genialem Roman „Der Kanon der mechanischen Seelen„. Die vorliegende Novelle führt den genannten Roman weiter, kann aber ohne weiteres auch als eigenständige Erzählung existieren. Erneut wird man mit den unmöglichsten Wortkreationen, was die Beschreibung verschiedener Wesen betrifft, konfrontiert und kann den Ideenreichtum des Autors schon während des Lesens nur mit einem ungläubigen Kopfschütteln bewundern. Ich kann gar nicht genug betonen, wie sehr ich Marraks „Rotorschnitzer“, „Wolkenschieber“ und „Gegenschaller“ liebe. Ich könnte mich unentwegt an diesen Schöpfungen satt lesen und bekäme wahrscheinlich nie genug davon. Ähnlich wie Walter Moers, aber dennoch wieder anders, kann Michael Marrak seine Leser in eine unglaubliche Welt entführen, die man schlichtweg nicht mehr verlassen möchte. Wie schon bei „Der Kanon mechanischer Seelen“ hatte ich bei dieser Kurzgeschichte, die im gleichen Universum spielt, während des Lesens ein Lächeln auf den Lippen. Mehr kann man von einer guten Geschichte nicht erwarten, oder?

Man trifft wieder auf Ninive und Aris, die im Hauptwerk dieses grandiosen Marrak-Universums ebenfalls die Hauptrolle innehat, und begleitet sie auf eine philosophische, abgedrehte und vollkommen verrückte Reise ins Zentrum der Zeit. Wie kein anderer beherrscht Michael Marrak es, solch eine fremde Welt derart detailliert zu beschreiben, dass sie vor dem inneren Auge des Lesers absolut realistisch zum Leben erweckt wird, obgleich man ganz genau weiß, dass es solche Universen nicht gibt. Schade eigentlich. 😉
Verfasst zur Wiedereröffnung der Bibliothek des Goethe-Instituts in Dublin, widmet sich diese Novelle natürlich auch der Thematik Buch und Bücherei. Auch hier erschuf Marrak trotz der geringen Seitenzahl der Geschichte unglaublich skurrile Begebenheiten, in denen Bücher angekettet in einem Kerker für brisante Schriften gefangen gehalten werden oder eine Wächterin, die mit ihrem literarischen Substrat verwachsen ist. Wie schon erwähnt, man möchte dieses Universum gar nicht mehr verlassen und hofft unweigerlich darauf, dass Marrak die Abenteuer von Ninive fortführt. Da komme ich dann auch schon auf einen klitzekleinen Kritikpunkt, der allerdings nicht überbewertet werden sollte ;), denn ich habe eindeutig ein paar Protagonisten in „Die Reise zum Mittelpunkt der Zeit“ vermisst. Es handelt sich dabei um Küchengeräte, die Ninive im Hauptroman begleitet haben. Wie gerne hätte ich auch sie wieder mit ihrem unvergleichlichen Humor wieder getroffen, aber das kann ja noch werden …

Hochwertige Science Fiction, gepaart mit Fantasy und einem gehörigen Schuß philosophischer Melancholie erwartet den Leser bei der vorliegenden Novelle. Und wem das Büchlein zu kurz ist, weil er der Sucht nach der fantastischen Welt ebenfalls verfallen ist, kann anschließend zum epischen Roman greifen (soweit er ihn noch nicht kennt), der weitaus ergiebiger Marrraks phänomenalen Ideen über einen ergießt. Michael Marrak verwebt geschickt unendlich viele Anspielungen anderer Meisterwerke und Klassiker zu einem selbständigen Epos, das seinesgleichen sucht. Zu Recht wurde das Hauptwerk „Der Kanon mechanischer Seelen“ im Jahr 2018 mit dem „Seraph“ und auch dem „Kurd Laßwitz-Preis“ als bester Roman  ausgezeichnet. Die vorliegende Novelle reiht sich qualitativ uneingeschränkt in die Geschichten des Hauptromans ein. Ich bin, wie immer, begeistert. Michael Marraks Werke schreien nach einem größeren Publikum.

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Fazit: Eine Novelle wie ein märchenhafter Traum. Gelungene Rückkehr ins Kanon-Universum.

© 2018  Wolfgang Brunner für Buchwelten

Anansi Boys von Neil Gaiman

Anansi

Erschienen als Broschur
im Eichborn Verlag
insgesamt 414 Seiten
Preis: 14,00 €
ISBN: 978-3-8479-0650-6
Kategorie: Fantasy, Mystery, Belletristik

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Fat Charlie Nancy führt ein ruhiges, unscheinbares Leben.
Bis sein Bruder Spider wie aus dem Nichts auftaucht, der das genaue Gegenteil zu Charlie darstellt. Er ist gutaussehend, witzig, charmant und auch ein wenig selbstverliebt. Und er offenbart seinem Bruder, dass sie von einem Gott  namens Anansi abstammen. Ab diesem Zeitpunkt verläuft Charlys Leben alles andere als langweilig …

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Wo Neil Gaiman draufsteht, ist auch definitiv Neil Gaiman drin. So auch in seinem neuesten, im Eichborn Verlag erschienen „Anansi Boys“. Als Fortsetzung zum grandiosen „American Gods“ angepriesen, offenbarte sich mir die geniale Geschichte um zwei Brüder allerdings eher wie ein Prequel. Der Roman stellt sozusagen den „Werdegang“ von Charles Nancy dar, der eigentlich eine Nebenrolle in „American Gods“ innehatte. Doch egal ob Prequel, Sequel oder Spin-Off – „Anansi Boys“ macht unglaublichen Spaß. Sicherlich fühlt man sich beim Namen Nancy an Gaimans Götterkrieg erinnert, aber die Geschichte könnte durchaus auch als eigenständige Story bestehen. Mit einem wunderbaren Humor und innovativen Ideen lässt uns Gaiman an der Wiederbegegnung zweier Brüder teilnehmen, die schriller nicht sein könnte. Der Ideenreichtum, der „Anansi Boys“ durchströmt, ist in gewohnter Neil Gaiman-Qualität und lässt einen das Buch kaum aus der Hand legen, so sehr versinkt man im Plot.

Gaimans teils philosophische, teils skurrile Erzählweise macht diesen Roman zu einem aberwitzigen Abenteuer. Das Buch ist zwar nicht so vielschichtig wie sein „großer Bruder American Gods“, kümmert sich aber dafür mehr um die Charaktere. Man muss sich allerdings auf Gaimans Stil und Ideen einlassen können, um die Geschichte vollends genießen zu können. Wer einen „einfachen“ Roman erwartete, wird mit der Komplexität der  Handlung und auch der Protagonisten überfordert sein und schnell die Lust am Weiterlesen verlieren. „Anansi Boys“ wirkt wie ein Märchen für Erwachsene oder wie eine Parabel auf das eigene Leben, in dem auch nicht immer alles so läuft, wie man sich das gewünscht hätte. Humorvoll erzählt Gaimann eine Geschichte über Bruderliebe und auch Bruderhass, über die Liebe und die Anstrengungen, sein Leben unter Kontrolle zu bringen. Es steckt viel zwischen den Zeilen, wenn man sich die Zeit nimmt und den Roman genauer liest. Und wenn man dann an die Stelle kommt, in der die Protagonisten ein Lied singen (ein Lied, das die Welt und die eigene Persönlichkeit erschafft), dann sollte man sich fallen und treiben lassen können. Denn diese Szene ist in höchstem Maße philosophisch und einfach nur wunderschön.

Neil Gaiman ist und bleibt ein Ausnahmetalent in der Literaturszene und ich bin immer wieder hocherfreut, dass sich Verlage an solche Werke herantrauen. Denn in einer Welt, in der oftmals nur oberflächliche Romane zu Bestsellern werden, haben Geschichten wie die von Neil Gaiman eigentlich keine Chance. Umso schöner, dass sich der Eichborn Verlag Gaimans „American Gods“ und nun auch den „Anansi Boys“ angenommen hat. Das ist große Literatur, die einem hier geboten wird. Voller Ideen, die einen zum Nachdenken bringen, voller skurriler Einfälle, die einen zum Lachen bringen und voller philosophischer Gedankengänge, die einen melancholisch machen. Perfekte Unterhaltung, wie sie besser nicht sein könnte. Fast möchte man sagen, dass es sich bei Neil Gaiman um einen seiner Götter handelt, die er so glaubwürdig beschreibt. Dann wäre er wohl der Gott der literarischen Vielfalt. Gaiman beherrscht die Sprache, zumindest seine eigene Erzählsprache ;), und konstruiert bisweilen geniale Wortgebilde, die man schon auch mal zweimal lesen muss, bis sie sich einem erschließen. Ich freue mich schon sehr auf neue Werke dieses Schriftstellers, der mich noch mit keinem einzigen seiner Bücher enttäuscht hat. So verdient auch „Anansi Boys“ aus meiner Sicht die volle Punktzahl.

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Fazit: Grandios erzähltes und mit allerlei verrückten Ideen gespicktes Märchen für Erwachsene.

© 2018 Wolfgang Brunner für Buchwelten

Erhebung von Stephen King

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Erschienen als gebundene Ausgabe
im Heyne Verlag
insgesamt 144 Seiten
Preis: 12,00 €
ISBN: 978-3-453-27202-6
Kategorie: Kurzroman
Erschienen am: 12.11.2018

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Scott lebt in Castle Rock und arbeitet als Webdesigner. Er ist ein normaler Typ im mittleren Alter, der plötzlich ein Problem der etwas ungewöhnlichen Art bekommt: Er verliert an Gewicht. Stetig und in relativ rasantem Tempo. Allerdings ist ihm das äußerlich nicht anzusehen. Er trägt nach wie vor seine stattliche Wampe vor sich her, die vorne über dem Gürtel hängt.

Und das zweite überaus Seltsame ist: Egal mit wie viel Zusatzgewicht sich Scott auf die Waage stellt, das Gewicht bleibt das gleiche. Sein reines Körpergewicht. Ob er sich die Taschen voller Geldmünzen steckt oder zusätzlich eine Langhantel tragen würde. Alles, was er zusätzlich bei sich trägt, ist gewichtslos. 

Scott ist erschreckt und verwirrt, denn er fühlt sich körperlich sehr wohl. Da er mit seinem Problem nicht zu seinem Hausarzt gehen möchte, geht er zu seinem Freund und Tennispartner Bob Ellis (Doctor Bob). Er ist seit 5 Jahren im Ruhestand, aber Scott vertraut ihm.  Natürlich ist dieser überrascht und skeptisch, als er diese komische Geschichte hört. Doch als sich Scott auf seine gute alte Praxiswaage stellt, ist er sprachlos. Gemeinsam versuchen sie der Sache auf den Grund zu gehen. Doch allzu viel Zeit bleibt nicht wirklich. Denn wenn man ausrechnet, wie lange es dauert, bis Scott nichts mehr wiegt, dann komm der Tag X schneller als einem lieb ist …

Bei einem relativ kurzen Buch möchte ich mit meiner Inhaltsangabe nicht zu ausführlich sein, damit ich nicht gleich die ganze Handlung verraten will. Stephen King hat mit diesem Roman eine kleine ,aber sehr feine Geschichte geliefert. Sie beschäftigt sich mit Vorurteilen gegen Menschen, die anders sind, dazu stehen und anerkannt werden wollen.

Darum, dass sich hinter harten Schalen ganz oft weiche Kerne verbergen. Darum, dass man Mauern um sich errichtet, um nicht verletzt zu werden und sich einfach durchkämpfen will. Darum, dass es aber Menschen gibt, denen es egal ist, wie anders Menschen auch sein mögen und sie unterstützen möchten, sich mit ihnen anfreunden wollen. Darum, dass man es ehrlich meint und dennoch nicht leicht hat, aus den o.g. Gründen überhaupt an diese Menschen heranzukommen.

Es geht darum, über sich hinauszuwachsen, Grenzen zu überschreiten und über tiefe und ehrliche Freundschaft.

Wie man sieht, steckt zwischen diesen beiden Buchdeckeln wirklich sehr viel. Geschrieben im lockeren, leichten und angenehmen Stephen King-Schreibstil. Sehr bildhaft und humorvoll. Das Buch macht nachdenklich und traurig.

Eines kann ich verraten: Der Roman hat nichts mit „Thinner“ zu tun. Das war nämlich mein erster Gedanke: Stephen King hatte das Thema „dünner werden“ doch schon einmal. Aber „Thinner“ ist ein alter King. „Erhebung“ ist ein neuer King. Ich liebe sie beide und Fans werden wissen, was ich damit meine.

Dies ist ein wirklich schöner Roman, eine tolle Geschichte, die irgendwie zu kurz ist, aber anderseits nicht länger sein muss. Ich gebe hier gerne eine Leseempfehlung. Vielleicht ist der Roman auch eine Geschenkidee für Freunde und Bekannte, die bisher noch keinen Roman von Stephen King gelesen haben. So als Einstieg, zum anfixen, quasi ☺.
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© Marion Brunner_Buchwelten 2018

 

Blutiger Januar von Alan Parks

Blutiger Januar von Alan Parks

Erschienen als Taschenbuch
im Heyne Verlag
insgesamt 393 Seiten
Preis: 16,00 €
ISBN: 978-3-453-27188-3
Kategorie: Krimi, Thriller

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Es ist Januar 1973, als am helllichten Tag eine junge Frau auf offener Straße erschossen wird. Der Killer, ein junger Mann, jagt sich unmittelbar nach der Tat selbst eine Kugel in den Kopf. Detective Harry McCoy, dem der Mord am Tag zuvor von einem Gefängnisinsassen angekündigt wurde, versucht eine Verbindung zwischen dem Täter, dem Opfer und dem Gefangenen herzustellen. Er stößt dabei auf die Dunlops, bei der es sich um eine der mächtigsten Familie von Glasgow handelt. Und plötzlich werden McCoy Steine von seinem eigenen Vorgesetzten in den Weg gelegt …

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„Blutiger Januar“ ist ein düsterer Thriller, der einen von der ersten Seite an packt. Alan Parker ist mit seinem Debüt ein wahnsinnig rasanter und vor allem stimmungsvoller Krimi gelungen, der einen nicht mehr loslässt. Bei „Blutiger Januar“ handelt es sich um den ersten Teil einer geplanten Reihe um den Ermittler Harry McCoy, der durch seine Charakterzeichnung sehr interessant und authentisch wirkt. McCoy ist nämlich nicht der typische Polizist, der auf legalen Wegen ermittelt, sondern mit ganz anderen Wassern gewaschen. Die „Unperfektheit“ des Protagonisten ist es aber gerade, die seine Figur äußerst sympathisch und lebensecht macht. Die Atmosphäre gestaltet sich während des gesamten Plots als äußerst düster und deprimierend. Die Beschreibungen sind nicht immer zimperlich, wenn McCoy Tatorte oder Bordelle besucht und unterstreichen die trostlose Stimmung nochmals.

Man sieht eigentlich während des kompletten Romans eine Art Film Noir vor seinem inneren Auge und spürt die Missstände jener Zeit, die aber hervorragend in die Handlung mit eingebaut wurden, ohne je belehrend zu wirken. Hinzu kommt noch das geschilderte Privatleben McCoys, das meiner Meinung nach eigentlich noch viel mehr Tiefe hätte bekommen können und die Gesamtstimmung des Buches noch unterstreicht. Alan Parks schreibt sehr bildhaft. Besonders die Dialoge der Protagonisten haben es mir angetan, denn die sind sehr lebensecht und lesen sich so flüssig, dass man teilweise alles um sich herum vergisst und tatsächlich meint, ein Drehbuch für einen Film zu lesen. „Blutiger Januar“ liest sich definitiv nicht wie ein Debütroman, sondern eher wie ein routinierter Thriller von einem, der schon wesentlich mehr Erfahrung in Spannungsaufbau und Charakterzeichnung aufweist. Die Handlung stellt zwar nicht unbedingt eine Innovation um Thrillerbereich dar, aber es ist eindeutig der gelungene Schreibstil und die hervorragend vermittelte Atmosphäre der 70er Jahr, die dieses Buch zu etwas besonderem machen.

Was mir auch sehr gut gefallen  hat, war die Entwicklung des Protagonisten, dass er sich seinem Vorgesetzten widersetzte und auf eigene Verantwortung weitermachte. Sicherlich ist auch diese Idee keine neue, aber Alan Parks hat sie sehr gut und glaubwürdig umgesetzt. Für viele Leser könnte „Blutiger Januar“ aufgrund der Gewaltdarstellungen und sexueller Handlungen ein wenig unbequem sein, doch genau diese Zutaten machen ein „dreckiges Buch“ aus diesem Pageturner. Und diese Szenen passen schlichtweg in den gesamten Plot, so dass sie einen großen Teil der von mir angesprochenen düsteren Stimmung ausmachen. Parks behält dabei auch immer die Oberhand über seine Darstellungen und gleitet nie ins Niveaulose ab, selbst wenn die Beteiligten in Gossensprache reden. Das beherrscht definitiv nicht jeder Autor auf diese Art und Weise. Alan Parks hat mich mit seinem Debüt-Thriller absolut überzeugt und  mich sofort zum Fan gemacht. Ich freue mich schon sehr auf die Weiterführung von McCoys Ermittlungen. Ich kann mich immer nur wiederholen, dass mich die Atmosphäre und die Hauptfigur von „Blutiger Januar“ von Anfang bis Ende in ihren Bann gezogen haben.
Mord, Selbstmord, ausschweifende Sex- und Drogenpartys, Erpressung, Korruption, politische Verstrickungen und Gewalt – all diese Dinge finden sich in „Blutiger Januar“ und erschaffen eine vollkommen neue Welt im Kopf des Lesers.

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Fazit: Beeindruckendes Thrillerdebüt, das mit einer durchgehend düsteren Stimmung punktet.

© 2018 Wolfgang Brunner für Buchwelten

Hör auf zu lügen von Philippe Besson

Hoer auf zu luegen von Philippe Besson

Erschienen als gebundene Ausgabe
im C. Bertelsmann Verlag
insgesamt 156 Seiten
Preis: 20,00 €
ISBN: 978-3-570-10341-8
Kategorie: Belletristik, Liebe, Drama

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Mit 17 Jahren entdeckt Philippe, dass er sich eher zu Jungs als zu Mädchen hingezogen fühlt. Vor allem Thomas, ein Mitschüler aus einer Parallelklasse, hat es ihm angetan. Wie durch ein Wunder kommen sich die beiden näher. Doch schon bald muss Philippe erkennen, dass ihre Liebe nicht sein darf und sie ihre sexuelle Identität in den 80er Jahren nicht öffentlich ausleben dürfen.

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Das Buch wurde von der Presse als „Brokeback Mountain auf französisch“ bezeichnet, allerdings fühlte ich mich nach den ersten Seiten eher an „Maurice“ von E.M. Forster erinnert, in dem es ebenfalls um die erste Liebe zwischen zwei Teenagern ging. Philippe Bessons autobiografischer Roman erzählt eine ähnliche Geschichte, die Mitte der 80er Jahre angesiedelt ist. Klar haben sich die Zeiten gegenüber dem viktorianischen, steifen England geändert, aber dennoch haftete dieser Beziehung etwas Verbotenes und Vulgäres an. Das hat Besson hervorragend zum Ausdruck gebracht, denn man kann die Unschlüssigkeit, die Ängste und Qualen seines Protagonisten (der zugleich der Autor selbst ist/war) absolut nachvollziehen. Die Erzählung liegt auch unter einem gewissen nostalgischen Schleier, der manches verklärt wirken lässt und die geschilderte Zeit wieder erweckt. „Hör auf zu lügen“ ist ein Coming of Age-Drama, das wohl vielen jugendlichen Homosexuellen in jener Zeit genauso oder zumindest ähnlich widerfahren ist. Philippe Besson zeigt Mut, wenn er seine erste gleichgeschlechtliche Liebe schildert, und auch wenn er manchmal detailliert in seinen Bescheibungen wird, behält der Roman durchweg seine poetische und melancholische Seite.

Es ist eine kurze Geschichte, die hier erzählt wird, was aber nicht ausschließt, dass jede Menge in den Sätzen zum Ausdruck gebracht wird. Da geht es im Grunde genommen gar nicht um Homosexualität, sondern einfach nur um Liebe. Und spätestens, wenn man das erkannt hat, ist man tatsächlich bei einem literarischen „Brokeback  Mountain“ angekommen. „Hör auf zu lügen“ ist eine Ode an die Liebe und das Leben. Ein Aufruf, sich nicht hinter seinem wahren Ich zu verstecken, sondern zu tun, was in einem steckt und wobei man sich wohlfühlt. Dieser Roman ist der Spiegel, der einem sein eigenes Leben zeigt und sagt: „Mach, was du für richtig hältst. Du kannst Dein Leben bestimmen, also tu es.“ Die Liebe, die hier beschrieben wird, handelt zwar von gleichgeschlechtlichen Menschen, könnte aber genauso gut den Weg (die erste Liebe und was daraus ein Leben lang wird) einer heterosexuellen Beziehung behandeln. Liebe ist nun mal Liebe, egal zwischen welchen Geschlechtern.

Gleichzeitig zu seinem „Outing“ führt uns Philippe Besson in die Welt der 80er Jahre zurück, wo alles noch anders war. Die Gedankengänge seiner Protagonisten, die musikalische und filmische Umwelt sind sehr intensiv beschrieben, so dass man nicht nur Lektionen in Sachen Liebe lernt, sondern auch in eine Welt zurückgeführt wird, in der es noch kein Internet und keine Handys gab, wo man mit Menschen noch Auge in Auge kommunizieren musste, um jemanden kennenzulernen. Und im letzten Drittel nimmt der Roman Ausmaße an, mit denen ich nicht gerechnet habe. Da wird das Thema sexuelle Orienterung noch einmal von einer anderen Seite beleuchtet, die einem sehr nahe geht. Auch hier ist der Vergleich zu „Brokeback Mountain“ sehr passend. „Hör auf zu lügen“ regt absolut zum Nachdenken an und zeigt auf, wie schnell ein Leben vergehen kann, ohne dass man das gemacht hat, was man eigentlich machen will, vor allem weil man sich den gesellschaftlichen Zwängen anpasst beziehungsweise leider anpassen muss, um nicht anzuecken. „Hör auf zu lügen“ ist ein mutiges, ein melancholisches, ein hoffnungsvolles und ein deprimierendes Buch.
Bessons Schreibstil ist unglaublich bildhaft und intensiv. Gerade durch seine Schachtelsätze vermittelt er das Gefühl, er spräche den Leser direkt an. Dass es sich dann auch noch um eine Geschichte handelte, die tatsächlich geschehen ist, macht den Roman und seine Aussage um so eindrucksvoller.

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Fazit: Mutig, melancholisch, hoffnungsvoll und deprimierend gleichermaßen. Beeindruckende Ode an die Liebe.

© 2018 Wolfgang Brunner für Buchwelten

Aufbruch zum Mond von James R. Hansen

Aufbruch zum Mond von James R Hansen

Erschienen als Taschenbuch
im Heyne Verlag
insgesamt 510 Seiten
Preis: 12,99 €
ISBN: 978-3-453-60463-6
Kategorie: Biografie

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Das gesamte Leben einer Legende: Neil Armstrong, der erste Mensch, der den Mond betreten hat. Von der spannenden Kindheit bis hin zur legendären Mission zum Mond.

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James R. Hansen nimmt den Leser auf eine unglaubliche und bewegende Lebensgeschichte mit, die an manchen Stellen wie ein wahr gewordenes Märchen wirkt. Das Leben von Neil Armstrong ist spannend und interessant, vor allem auch, weil man den Menschen hinter der Legende kennen lernt, der im Grunde genommen sehr zurückhaltend und scheu war. Das war zum Beispiel eines der vielen Dinge, von denen ich bis zu diesem Buch anders dachte. Armstrongs Leben war geprägt von technischen Dingen, die sich logischerweise auch auf seine Lebensgeschichte niederschlagen. Hansen hat hervorragend recherchiert und seine Erläuterungen und Ausführungen, was technische Details angeht, sind unglaublich detailliert. Sie sind manches Mal aber so detailliert, dass ich mir gewünscht habe, sie wären nicht so ausführlich besprochen, sondern nur gestreift worden. Für an diesen Bereichen Interessierte dürften die Schilderungen allerdings wiederum extrem informativ sein. Wie gesagt, ich war manchmal leicht überfordert mit der Fülle an Details. Nichtsdestotrotz nimmt dieser kleine Kritikpunkt, so es denn überhaupt einer ist, der epischen Gesamtheit dieser Biografie seinen Reiz nicht weg.

Es ist schon erstaunlich, mit welcher Konsequenz Armstrong seinen Weg ging. Die Luft- und Raumfahrt war sein Leben, bedeutete ihm anscheinend sogar manchmal mehr als seine Familie, die er dennoch über alles liebte. Hansen beschreibt die Gemütszustände des nach außen hin gefühlskalt wirkenden Mannes sehr authentisch und macht Armstrong zu einem interessanten Menschen, der oftmals einsam und mit seinen eigenen Gefühlen überfordert wirkt. Das macht ihn aber auch sehr menschlich und auf eine gewisse Art und Weise sympathisch. Es macht Spaß, den Mann auf seinem Weg nach oben zu begleiten und zu erfahren, wie er sich in die Raumfahrt weit vor dem legendären Flug zum Mond eingebracht hat. Man bekommt durch diese Biografie eine völlig andere Sichtweise auf Neil Armstrong, die die Mondlandung im Nachhinein sogar noch zu etwas weitaus Größerem erscheinen lässt, als sie seinerzeit ohnehin schon war. Die Geschichte eines der berühmtesten Menschen läuft wie ein Film am inneren Auge des Lesers vorbei. So ist man am Ende des Buches um so mehr gespannt, wie die Verfilmung dieses aufregenden Lebens („Aufbruch zum Mond“, Original: „First Man“, 2018) wohl sein wird. Nach der Lektüre verspreche ich mir einen optisch wunderbaren und auch sehr emotionalen Film, obwohl Armstrong mit seinen eigenen Gefühlen ja wohl eher sparsam umging.

Der Höhepunkt in Neil Armstrongs Leben, und respektive auch irgendwie im Buch, stellt ohne Zweifel sämtliche Aktionen rund um die spektakuläre Mondlandung dar. Hansen versteht es hervorragend, die Vorbereitungen, die eigentliche Landung und die Rückkehr zur Erde so zu beschreiben, als wäre man direkt dabei. Ich fühlte mich während des Lesens wirklich an dem ganzen Unternehmen hautnah beteiligt, was nicht nur an den präzisen Beschreibungen lag, sondern auch an der Einbindung von originalen Gesprächsaufzeichnungen zwischen den Astronauten und der Bodenstation. Dieser Teil der Biografie las sich wie ein Roman, spannend, bildhaft und schlichtweg atemberaubend. Ich weiß gar nicht, wie oft ich bei diesen Szenen das Gefühl hatte, gerade live bei einer weltweiten Sensation mit dabei zu sein.
Und dann kam das Ende, das mich so begeisterte und mitnahm, dass ich es meiner Frau laut vorlesen wollte. Allerdings schaffte ich es nicht ganz, da ich diese Passage wirklich so zu Tränen rührte, dass ich nicht mehr weiter sprechen konnte. Und genau durch dieses Bild, das Hansen mit diesem kurzen Lebensabschnitt Neil Armstrongs hervorruft, schließt sich plötzlich ein Kreis beim Leser, der noch einmal das gesamte im Buch geschilderte Leben umfasst und zu einem emotionalen Finale bringt, das eben, wie erwähnt, zu Tränen rührt.

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Fazit: Unbedingt Lesen! Biografische Reise zum Mond mit einer Vor- und Nachgeschichte.

© 2018 Wolfgang Brunner für Buchwelten

Ulldart – Die komplette Saga 3 von Markus Heitz

ulldart

Erschienen als Taschenbuch
im Piper Verlag
1360 Seiten
20,00 €
ISBN: 978-3-492-28133-1

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Nach einer gewaltigen Schlacht ist nun doch endlich Frieden auf Ulldart eingekehrt. Doch Lodriks erste Frau Aljascha will die Herrschaft über das Reich Tarpol an sich reißen. Plötzlich scheint der Frieden gefährdet, denn an der Westküste erscheint eine mysteriöse Kriegsflotte. Und dann versucht sich auch noch Lodriks Tochter in der nekromantischen Magie und plant, ein Heer aus Seelen um sich zu versammeln. Es ist ein Amulett, das über Sieg oder Niederlage der dunklen Mächte entscheidet …
Der Sammelband beinhaltet die Bände der Trilogie „Zeit des Neuen“
Band 1: Trügerischer Friede
Band 2: Brennende Kontinente
Band 3: Fatales Vermächtnis

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Nach dem sechsten Band war eigentlich Schluss mit der Geschichte um den Kekskönig Lodric. Doch der Erfolg dieser Serie verschaffte Markus Heitz die Möglichkeit, eine anschließende (und abschließende) Trilogie um Ulldart zu verfassen, die nun im vorliegenden Sammelband komplett vorliegt. Nach einer kurzen Zusammenfassung, durch die man sich wieder sehr schnell in die Ereignisse der vorangegangenen Bände einfindet, beginnt dann also das neue Abenteuer. Und wie … 🙂
Die Stimmung und das Niveau sind genauso wie in den ersten sechs Bänden. Heitz treibt die Handlung geschickt voran, so dass man schnell vergisst, dass nach dem sechsten Buch eigentlich Schluss sein sollte.

Man sollte sich nicht von dem Titel „Zeit des Neuen“ irritieren lassen, denn Markus Heitz lässt in diesen drei neuen Folgebänden die Handlung sogar noch düsterer erscheinen als in den Bänden 4 bis 6. Viele mochten diese Entwicklung nicht, weil sie aufgrund des Titels damit gerechnet hatten, dass sich Ulldart wieder zu einer strahlenden Welt entwickelt. Aber weit gefehlt … Doch mir persönlich hat gerade diese Entwicklung gefallen, diese trostlose Atmosphäre, die sich über die Handlung legt und eine ganz eigene Stimmung erschafft. Heitz lässt sich viel Neues einfallen, kehrt aber immer wieder zu seinen Ursprüngen zurück, so dass sich diese ’neue‘ Trilogie aus meiner Sicht nahtlos an die Vorgängerbücher anschließt und die Geschichte um den Kontinent gelungen abschließt und auch abrundet. Man sieht am Ende staunend auf Tausende von Seiten zurück und fragt sich, wie Markus Heitz auf diese Unmengen an Ideen und Charakterzeichnungen kommt. Insgesamt gesehen ist die Ulldart-Saga schlichtweg episch und atemberaubend.

Aufgrund des wirklich sehr angenehmen und flüssigen Schreibstils passiert im dritten Sammelband der Saga letztendlich genau das gleiche wie bei den beiden vorherigen: Man liest die Seiten trotz des gigantischen Umfangs relativ schnell weg, weil man sich von der Handlung äußerst schlecht lösen kann. Markus Heitz schafft auch hier wieder das kleine Wunder, dass man sich in den umfangreichen Handlungssträngen und verzwickten Entwicklungen letztendlich doch nicht verstrickt und die Übersicht (und respektive dann die Lust zum Weiterlesen) verliert. Man möchte wissen, was den einzelnen Charakteren widerfährt und ertappt sich des Öfteren dabei, dass man „nur noch ein paar Seiten“ liest. Heitz kann wunderbare Welten erschaffen und vermag auch mit den abschließenden drei Bänden des Ulldart-Epos seine Leser in den Bann zu ziehen. Und erstaunlich ist, dass man nach knapp 4.700 Seiten (wenn man den gesamten Zyklus sieht) im Grunde genommen eigentlich doch nicht genug von Ulldart hat. Alleine das ist ein Zeichen von hohem Unterhaltungswert, wie ich finde.

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Fazit: Düstere Fortsetzung des Ulldart-Zyklus. Einfach magisch.

© 2018 Wolfgang Brunner für Buchwelten