Das Ende der Menschheit von Stephen Baxter

Erschienen als Taschenbuch
im Heyne Verlag
588 Seiten
16,99 €
ISBN: 978-3-453-31845-8

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Vierzehn Jahre sind vergangen, seit die Erde von den Marsianern angegriffen wurde. Die Menschheit wiegt sich in Sicherheit, nur der Schriftsteller und Kriegsveteran Walter Jenkins rechnet mit einer erneuten Invasion vom Mars. Leider behält er recht. Doch dieses Mal scheint der Angriff der Außerirdischen weitaus geplanter zu verlaufen, als beim ersten Mal.

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Als großer Fan des Originalromans von H.G. Wells und auch Stephen Baxter war ich natürlich gespannt, wie die Fortsetzung des Kultromans ausfallen würde. Baxter scheint ja selbst ein großer Anhänger von H.G. Wells zu sein, denn bereits 1995 wagte er sich an eine Fortsetzung eines Werkes desselbigen heran: „Zeitschiffe“, die Weiterführung der „Zeitmaschine“.
Entgegen anderer Meinungen bin ich alles andere als enttäuscht über „Das Ende der Menschheit“, wenngleich Baxters „Zeitschiffe“ meiner Erinnerung nach bedeutend besser gelungen ist. Stephen Baxter hat aber auch in diesem Fall von Anfang an die Grundstimmung des originalen Romans eingefangen und setzt die Geschichte durchaus plausibel und vor allem sehr unterhaltsam fort. Der Leser trifft auf Personen, die er noch aus dem ersten Teil kennt und fühlt sich (zumindest ging es mir so) sofort wieder wohl in der Handlung. Baxter macht aus dem zweiten Angriff der Marsianer ein bombastisches Event, das ich mir schon während des Lesens permanent als Kinofilm vorstellen konnte. Da werden alte Versatzstücke von H.G. Wells mit neuen, erfrischenden Ideen vermischt, dass es eine wahre Freude ist. Baxter lässt sich mit seinem Schreibstil auf den von H.G. Wells ein und vermittelt daher eine ähnliche Stimmung wie im  Original.

Der ein oder andere wird die militärischen Vorgehensweisen ermüdend und langweilig finden, ich konnte die Handlungsweisen durchaus nachvollziehen und fand sie insgesamt auch recht spannend. Sicherlich wurde Baxter an einigen Stellen etwas ausschweifend und ging vielleicht zu sehr ins Detail, was für mich aber immer noch im vertretbaren Rahmen und vor allem stimmig war. Gerade die oftmals dokumentarische Art und Weise, in der Baxter die zweite Attacke der Marsbewohner schildert, hat mich persönlich gefesselt und auch begeistert. Denn genau diese Erzählweise brachte eine tolle Atmosphäre in den Plot, die dadurch nicht spektakulär sondern eher ruhig und zurückhaltend auf mich wirkte. Stephen Baxter versucht niemals, an das Original heranzukommen, sondern erzählt auf geradezu schlichte Weise, wie die Geschichte hätte weitergehen können. An manchen Stellen interpretiert er unaufdringlich Dinge aus der Originalgeschichte auf seine eigene Art und Weise, was ich aber nie als unangenehm empfunden habe. Einziger Kritikpunkt auf politischer Ebene war für mich die oftmals sehr negative Darstellung der Deutschen, die mir an manchen Stellen ein wenig bitter aufgestoßen ist. Ansonsten wirkte der Plot von „Das Ende der Menschheit“ für mich stimmig konstruiert und zum größten Teil im Sinne von H.G. Wells weitergeführt. Sicherlich bricht immer wieder mal Baxters eigener Stil durch, wie könnte es auch anders sein, aber er hält sich schon sehr zurück, um die Stimmung des Originals wiederzugeben.

„Das Ende der Menschheit“ ist mit Sicherheit nicht Stephen Baxters bestes Buch. Dazu musste er sich wohl einfach zu sehr zurückhalten, um nicht in seinen für ihn typischen „Weltraum-Bombast“ zu verfallen. Baxter ist es aus meiner Sicht gelungen, eine würdige Hommage an Wells‘ Klassiker zu verfassen, obwohl er sich des Öfteren in unwichtigen Details verliert. Mir persönlich hat es dennoch gefallen. Vor allem die geschickte Einbindung bekannter Personen aus dem ersten Teil und die wirklich gut konstruierte andere Entwicklung der Weltgeschichte, hervorgerufen durch den ersten Angriff der Marsianer, werteten diese Fortsetzung für mich auf. Das Ende rief bei vielen wohl Verärgerung hervor, was ich gar nicht nachvollziehen kann. Baxter wollte einfach etwas Neues erschaffen, was ihm auch gelungen ist. Und so absurd, wie viele Leser meinen, kam das Finale bei mir keineswegs an. Man sollte sich darauf einlassen, denn „Das Ende der Menschheit“ hat durchaus einige Höhepunkte und vor allem eine sehr schöne Atmosphäre, die, wie bereits erwähnt, an H.G. Wells Kultklassiker erinnert. Für mich war die Fortsetzung eine schöne Hommage an das Original, vermischt mit den gewohnten Innovationen eines Stephen Baxter, der aus meiner Sicht niemals die Intention hatte, das Original zu toppen, sondern einfach nur fortsetzen wollte. Ich fand es gut. 🙂

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Fazit: Gelungene, gut konstruierte Fortsetzung, die die Atmosphäre des Originals wiedergibt.

© 2017 Wolfgang Brunner für Buchwelten

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Verfolgung von David Lagercrantz

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Verfolgung von David LagercrantzErschienen als gebundene Ausgabe
bei Heyne
480 Seiten
22,99 €
ISBN: 978-3-453-27099-2

Lisbeth Salander sitzt im Frauengefängnis Flodberga eine kurze Haftstrafe ab. In diesem besonderen Hochsicherheitsgefängnis sitzt Lisbeth jedoch eher zu ihrer eigenen Sicherheit ein. Sie wurde erst kürzlich dorthin verlegt. In Flodberga sitzt ebenso die gemeingefährliche Benito ein. Benito hat die Macht im Sicherheitstrakt und sogar die Wächter schauen eher weg, als dass sie versuchen, deren Einfluss zu unterbinden. Lisbeth versucht sich von Benito fernzuhalten. Doch Benito und ihre Gang drangsalieren und quälen Lisbeths Zellennachbarin Faria Kazi. Das geht Lisbeth mehr als gegen den Strich. Es macht sie so wütend, dass sie dazwischen geht.

Als Holger Palmgren, Lisbeths jahrelanger Vormund und Beistand, Lisbeth in der Haftanstalt unter den allergrößten körperlichen Mühen besucht, hat er brisante Informationen dabei, die Lisbeths Kindheit betreffen. Sie wurde bekanntlich durch die Behörden und auch Ärzte missbraucht und Palmgren hat hier etwas zu Tage gebracht, dass Lisbeths Neugier und ihren Jagdinstinkt weckt.

Sie bittet Mikael Blomkvist, der sie jeden Freitag in Flodberga besucht, darum, sie bei der Recherche zu unterstützen. Sie enthält ihm bewusst einige Infos vor, da sie weiß, dass Mikael „Kalle“ Blomkvist am allerbesten wühlen und suchen kann, wenn er unvoreingenommen an eine Sache herangeht.

Die Recherche dreht sich um Leo Mannheimer. Er ist ein Finanzanalyst, der aus gehobenen Verhältnissen stammt. Lisbeth hat keinerlei Idee, was er mit ihr zu tun haben soll und die Bedrohung durch Benito und ihre Bagage wird auch immer größer …

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Verfolgung ist der 5. Band der Millenium-Reihe von Stieg Larsson, und der 2. Band, der von David Lagercrantz geschrieben wurde. Nachdem Stieg Larsson verstorben war, wurde David Lagercrantz von Larssons Familie erwählt, dessen Werk weiterzuführen. Und wie ich es schon in meiner Rezension zu „Verschwörung“ geschrieben habe, macht er das sehr gut.

Wenn man es nicht weiß, erkennt man kaum einen Unterschied im Schreibstil. Lagercrantz vermag genauso gut die Protagonisten zu zeichnen und agieren zu lassen, wie Larsson. Man merkt keine Änderung in deren Charaktereigenschaften. Er schafft es, genau so eine verzwickte und zunächst undurchschaubare Handlung zu spinnen, dass dem Leser ein sehr spannendes Lesevergnügen beschert wird. Teilweise war es mir von den medizinischen und anderen Fachbegriffen ein wenig kompliziert, doch ich habe diese Teile einfach hingenommen und dennoch alles verstanden.

Lagercrantz erzählt diesen 5. Teil in verschiedenen Handlungssträngen und wechselt (innerhalb der sehr langen Kapitel) natürlich immer mit einem gemeinen Cliffhanger. Zwischenzeitlich springt er sogar in die Vergangenheit, was den Plot noch spannender und auch abwechslungsreicher gestaltet.

Mir hat es großen Spaß gemacht, endlich wieder ein wenig Zeit mit Lisbeth Salander, Mikael Blomkvist und auch anderen bekannten Figuren der Millenium-Reihe zu verbringen. Sie wachsen einem doch ans Herz und da David Lagercrantz dem Vermächtnis von Stieg Larsson sehr gerecht wird, hoffe ich sehr, dass es weitergeht mit den spannenden Geschichten aus Schweden.

Leider gibt es wieder kein Nachwort, was ich erneut vermisse. Mich würde es beispielsweise sehr interessieren, ob dieser Band 5 aus Notizen und/oder Textfragmenten von Stieg Larsson erschaffen wurde, oder ob David Lagercrantz die gesamte Idee und Handlung selbst geliefert hat.

Fazit: Ein spannender, fesselnder und hochkarätiger Thriller in bester Stieg Larsson Manier. Salander und Blomkvist sind erneut in Bestform.

© Marion Brunner für Buchwelten 2017

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Woman in cabin 10 von Ruth Ware

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Erscheint als Taschenbuch
bei dtv premium
384 Seiten
15,90 €
ISBN: 978-3-423-26178-4 (ab 27. Dezember 2017)

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Lo Blackwood ist Reisejournalistin und hat das Glück vertretend für ihre schwangere Chefin an der Jungfernfahrt eines exklusiven und luxuriösen Kreuzfahrtschiffs teilzunehmen. Die Fahrt führt entlang der norwegischen Küste, für Lo ist dies eigentlich ein wundervoller Auftrag.


Doch die Journalistin ist mental ein wenig angeschlagen, denn kurz vor der Abreise kam es privat zu einem Vorfall, der sie verängstigt und auch traumatisiert hat. Dennoch tritt sie die Reise an, denn sie spekuliert ja auf einen kleinen Sprung nach oben auf ihrer Karrierelaufbahn.

In der ersten Nacht wird sie von einem unbestimmten Geräusch geweckt und hört dann etwas, das wie ein Plumpsen ins Wasser klingt. Wurde von der Nachbarkabine ein Körper ins Wasser geworfen? Sie schleicht sich ans Fenster und sieht, dass die Reling der Nachbarkabine mit Blut verschmiert ist. Sofort ruft sie den Sicherheitsdienst, doch als dieser mit ihr nach nebenan geht, zeigt er Lo, dass die Nachbarkabine leer ist. Sie war nie belegt, bekommt Lo zu hören. Aber wie kann das sein? Als Lo sich für den Abend zurechtgemacht hat, hat sie nebenan geklopft und sich von der Frau in Kabine 10 Mascara ausgeliehen? Wer war dann diese Frau und wo ist sie hin verschwunden …. ?

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Die Handlung klingt spannend und eigentlich war der Thriller auch ganz gut. Ganz überzeugen konnte er mich aber nicht. Was jedoch weniger an der Idee an sich, als mehr an der Figur der Protagonistin Lo Blackwood lag. Für mich war ihr Charakter viel zu überzogen weich und ängstlich. Lo nimmt Tabletten und trinkt zuviel, sie bekommt ständig Panikattacken, die sie wegatmet. Das war mir alles viel zu viel und ging mir ziemlich auf die Nerven. Ich wurde mit ihr überhaupt nicht warm. Da hatten Nebencharaktere bei weitem mehr zu bieten.

Die Ausstattung des Schiffes hat die Autorin sehr schön und ausufernd beschrieben, jedes Funkelsteinchen bekommt seine Erwähnung. Auch Lebensmittel und Getränke, die verköstigt werden, kommen nicht zu kurz. Ein bisschen Schwung kommt in die Story, als eine Wendung eintritt und es somit etwas dramatischer wird. Dies ist auch gut ausgedacht und somit dann recht spannend. Allerdings fand ich alles ein wenig absehbar, zumindest in der Grundidee.

Mein Fazit: Ein ganz netter Thriller, der sich flott liest und auch eine gute Idee liefert. Mich konnte er jedoch nicht voll überzeugen, was zu einem großen Teil an der Hauptprotagonistin lag.

© 2017 Marion Brunner für Buchwelten

Zodiac von Romina Russell

Erschienen als Taschenbuch
im Piper Verlag
464 Seiten
11,00 €
ISBN: 978-3-492-28127-0

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Die 16-jährige Rhoma vom Planeten kann auf andere Weise in den Sternen lesen, wie ihre Mitschüler. Denn während die anhand genauester Berechnungen und wissenschaftlicher Erkenntnisse versuchen, in die Zukunft zu sehen, sieht Rho die Vorzeichen einer schrecklichen Katastrophe, bei der unzählige Menschen sterben. Als ihre Vision wahr wird, macht sich Rho in ihrer Eigenschaft als Wächterin auf die Suche nach dem Ursprung der Bedrohung, denn es sieht aus, als wäre ganz Zodiac in Gefahr.

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Schon nach den ersten zehn Seiten merkt man „Zodiac“ an, dass es sich um einen wahren Pageturner handelt. Das liegt zum einen auf jeden Fall an dem wunderbaren, überaus flüssigen und ansprechenden Schreibstil der Autorin, zum anderen aber auch an der sehr atmosphärischen Handlung. Romina Russell entwirft ein faszinierendes Universum, in dem die Sternzeichen eine wichtige Rolle spielen. Oft fühlte ich mich an die grandiose „Sonea“-Reihe von Trudi Canavan erinnert, die in einem ähnlichen Schreibstil ihre Geschichte erzählt. Russell beschreibt die Welt, in der sich die Protagonistin und ihre Freunde befinden, sehr detailliert, so dass man sich darin sehr wohl fühlt und dementsprechend um das Schicksal aller mitfiebert. Auf den ersten Blick mag die ein oder andere Idee etwas kompliziert wirken, aber man gewöhnt sich sehr schnell an die „Fremdwörter“. Romina Russell geht an manchen Stellen auch sehr in die Tiefe und lässt den Plot fast schon in eine esoterische Richtung abgleiten. Das mag den ein oder anderen Leser stören, ich persönlich empfand diese Entwicklung als äußerst ansprechend und unterhaltsam.

Die Geschichte wird äußerst rasant erzählt, so dass es mit wirklich sehr schwer fiel, das Buch aus der Hand zu legen. Romina Russell baute neben einer spannenden Handlung auch noch eine Romanze ein, die sehr stimmig auf mich wirkte und fesselte. Sicherlich bietet der Plot nichts wirklich Neues als eine Story über den Kampf zwischen Gut und Böse, aber dennoch kann man sich den Geschehnissen nicht entziehen. Einige Stellen erinnerten mich an die Star Wars-Filme, wobei ich einfach einmal davon ausgehe, dass die Autorin die Filme schlichtweg mag. „Zodiac“ ist eine Mischung aus Fantasy und Science Fiction, die ihr Augenmerk trotz spektakulärer Szenarien in erster Linie auf die Charaktere legt. Oft habe ich gehört, dass der Einstieg in dieses Buch schwer fällt. Das kann ich jedoch nicht behaupten, wenn ich ehrlich bin. Es ist in der Tat eine komplexe Welt, die Romina Russell sich ausgedacht hat, keine Frage, aber als aufmerksamer Leser findet man sich auch in den ersten Seiten bereits gut zurecht. Und mit ein bisschen Geduld erfährt man im Verlauf des Buches wirklich auch immer mehr. 😉

Viele erfrischend neue Ideen verstecken sich in diesem Roman, der wohl als All Age klassifiziert werden kann, denn in der Tat können nicht nur Jugendliche, sondern auch Erwachsene ihren Spaß daran haben. Mich persönlich hat die Odyssee durch den Weltraum absolut angesprochen und ein grandioses Abenteuerfeeling verursacht. Gerade diese Mischung aus Science Fiction mit Raumschiffen und Weltall und einem Weltenentwurf, der mich desöfteren an Fantasyromane erinnert hat, war ausschlaggebend, dass mich „Zodiac“ vollkommen in seinen Bann gezogen hat. Romina Russel hat es außerdem geschafft, die Gefühlswelt ihrer 16jährigen Protagonistin ausgesprochen wirklichkeitsnah zu beschreiben, denn jede ihrer Handlungen war für mich absolut nachvollziehbar.
„Zodiac“ ist ein gelungener Einstieg in eine Reihe (zwei oder drei Teile?), der sich auf alle Fälle zu lesen lohnt. Starke Charaktere und eine ausgeklügelte Handlung in einer komplexen Welt machen dieses Buch zu einem echten Lesevergnügen und Pageturner. Ich freue mich schon sehr auf den Folgeband beziehungsweise die Folgebände, um zu erfahren, wie es mit Rho, ihren Freunden und dem Zodiac-Universum weitergeht.

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Fazit: Ideenreicher Einstieg in eine Romanserie um eine junge Protagonistin. Wunderbarer Genremix aus Fantasy und Science Fiction. Klare Leseempfehlung.

© 2017 Wolfgang Brunner für Buchwelten

Die Sphären von Pierre Bordage

Erschienen als Taschenbuch
im Heyne Verlag
443 Seiten
9,99 €
ISBN: 978-3-453-31848-9

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In der Nähe eines kleinen Ortes in Frankreich erscheint eines Tages eine riesige Kugel, die von den Menschen „Sphäre“ oder „Weiße Dame“ genannt wird. Wenig später erscheinen auf der ganzen Welt solche Kugeln, bis die Erde nahezu übersät mit ihnen ist. Und dann beginnen die ersten Kinder zu verschwinden. Auf geheimnisvolle Art und Weise werden Kinder, die maximal 4 Jahre alt sind, von den „Sphären“ verschluckt. Das Militär versucht, die riesigen Kugel  mit Bomben zu zerstören, aber erfolglos. Während immer mehr Kinder verschwinden, rätseln Wissenschaftler und Menschen, ob es sich um eine Invasion von Außerirdischen handelt und suchen nach einer Lösung, um weitere Kinder nicht länger in Gefahr zu bringen.

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Es ist schon eine sehr stimmungsvolle Ausgangssituation, die Pierre Bordage in seinem neuen Roman bereits auf den ersten Seiten schafft. Man erinnert sich unwillkürlich an „Arrival“ oder auch „Unglaubliche Begegnung der dritten Art“, und wenn man zwischen den Zeilen liest, verheimlicht Bordage diese Anleihen auch gar nicht, sondern verneigt sich mit seiner Story eher vor diesen Vorbildern. „Die Sphären“ ist eine Mischung aus Science Fiction und Dystopie, deren Handlung sich über viele Jahre hin erstreckt. Aufgrund der relativ wenigen Seiten erhält der Plot allerdings nicht das epische Ausmaß, das man sich davon erwartet. Bordage überspringt Jahre, geht nicht näher auf die Weiterentwicklung der Bedrohung durch die „Feinde“ oder der Charaktere ein, sondern widmet sich schlicht und ergreifend der konstanten Fortführung der Story.
Bordage widmet sich aber nicht nur einer Person und erzählt deren Geschichte, sondern „kümmert“ sich gleich um mehrere. Das mag den ein oder anderen Leser überfordern, der eine geradlinige Erzählweise erwartet, bildet aber in der Endkonsequenz ein sehr rundes Bild der gesamten Ereignisse.

Schnelleser (und auch unaufmerksame Leser) werden definitiv Schwierigkeiten mit den ganzen Personen, Namen und Zeitsprüngen haben. Aufmerksame Leser hingegen, die sich auch noch auf die Jahre dauernde Handlung einlassen können, werden mit einem wirklich guten Plot belohnt, der auch sehr viele Emotionen enthält. Bordages Szenario regt zum Nachdenken an, gerade was die „Behandlung“ ungeborenen Lebens und das von kleinen Kindern betrifft. Wenn man selbst in so einer Lage ist (oder einmal war) und ein Elternteil ist, kann man die Zwiespältigkeit dieser Überlegungen, wenn es um das Wohl der ganzen Menschheit geht, durchaus nachvollziehen. Der Dystopie-Charakter der Geschichte wird vom SF-Anteil zwar überdeckt, schwelt aber permanent im Hintergrund, so dass sich eine stimmungsvolle, bedrohliche und düstere Stimmung über das gesamte Werk legt. Ich persönlich mochte den Plot und das ganze Drumherum, das an manchen Stellen auch schon einmal philosophisch und esoterisch wurde.

Pierre Bordages Schreibstil ist einfach, aber keineswegs niveaulos. Bis auf wenige Ausnahmen, in denen Bordage seine Protagonisten sehr naiv handeln (und auch reden lässt), werden in einer bildhaften Sprache die beschriebenen Situationen oftmals zu einem hervorragenden Kopfkino für den Leser. „Die Sphären“ ist ein ruhiges Buch, das in erster Linie von seinen vielen magischen Momenten lebt und nicht unbedingt von den Tiefen der Charaktere. Bordage beschreibt ein episches Geschehen, das mich in seiner Gesamtheit oftmals an Stephen Baxters Visionen erinnerte, von Bordage aber in seiner Tiefgründigkeit, bombastischen Wucht und erzählerischen Finesse nicht erreicht wird. Doch es ist schließlich kein Buch von Baxter, also kann man „Die Sphären“ durchaus als gelungene, düstere Zukunftsvision ansehen, die mit einem wunderbaren, für mich zufriedenstellenden Ende aufwartet.
Pierre Bordage widmet sich in „Die Sphären“ eindeutig weniger den technischen und wissenschaftlichen Seiten eines SF-Romans, sondern behandelt in erster Linie menschliche Themen wie Spiritualität oder politische und religiöse Machtspiele, die das „Fußvolk“ unterdrücken und ungerecht behandeln. Ein Buch, das mir mit Sicherheit trotz einiger Schwächen aufgrund seiner spannenden Handlungsstruktur im Gedächtnis bleiben wird.

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Fazit: Spannend und stimmungsvoller Genremix aus Science Fiction, Dystopie und menschlichem Drama.

© 2017 Wolfgang Brunner für Buchwelten

Gwendys Wunschkasten von Stephen King und Richard Chizmar

Erschienen als gebundene Ausgabe
im Heyne Verlag
insgesamt 125 Seiten
Preis: 10,00 €
ISBN: 978-3-453-43925-2
Kategorie: Drama, Thriller, Horror, Belletristik

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Ein vollkommen in schwarz gekleideter Mann namens Farris schenkt der zwölfjährigen Gwendy einen kleinen Kasten mit lauter Schaltern und Hebeln. Auf die Schnelle bekommt Gwendy gesagt, was der Kasten machen kann und was sie mit ihm nicht machen soll. Dann ist Farris verschwunden und Gwendy versucht natürlich herauszufinden, was die Hebel und Knöpfe an dem geheimnisvollen Kasten alles bewirken. Es passieren schöne Dinge, aber auch unschöne und der Kasten beginnt, Gwendys Leben komplett zu verändern.

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„Gwendys Wunschkasten“ ist nichts Ganzes und nichts Halbes. Was zwar keineswegs heißen soll, dass die kurze Geschichte nicht gut ist, aber es wäre durchaus mehr drin gewesen als die knapp hundertdreißig Seiten. Der Plot liest sich wie eine Kurzgeschichte, die eigentlich ein Roman hätte werden sollen. Zu viel Potential liegt in der Geschichte, so dass sie jetzt nur grob gesponnen als kleines Kind das Licht der Literaturwelt erblickt, obwohl sie eigentlich das Leben als erwachsener Roman verdient hätte. Stephen King kehrt mit seinem Co-Autor Richard Chizmar, der eigentlich Verleger und Herausgeber von Anthologien ist und nur selten Kurzgeschichten selbst schreibt, in das Universum von Castle Rock zurück. Sieben Romane und  acht Kurzgeschichten sind es, die den sogenannten Castle Rock-Zyklus umfassen. (Romane: The Dead Zone, Cujo, Stark, Needful Things, Das Spiel, Sara und Love. Kurzgeschichten: Die Leiche (Stand By Me), Zeitraffer, Nona, Onkel Ottos Lastwagen, Mrs. Todds Abkürzung, Es wächst einem über den Kopf, Sunset, Premium Harmony (nur im Internet bisher veröffentlicht)). Sämtliche dieser Romane und Kurzgeschichten sind allerdings in sich abgeschlossen, so wie nun auch „Gwendys Wunschkasten.“

Keine Frage: Die Atmosphäre, die in dieser Geschichte herrscht, ist sehr schön und stimmig. Allerdings könnte dieser Plot auch in jeder anderen Stadt spielen, denn Castle Rock wird nicht wirklich oft erwähnt oder spielt eine nennenswert große Rolle. Dennoch kann der eingeschworene King-Fan einige Anspielungen, wie zum Beispiel auch an „Es“ entdecken, wenn er nur aufmerksam genug liest. Es ist eine liebevoll konstruierte Geschichte, die, wie gesagt, bedeutend mehr hätte hergeben können und man fragt sich unweigerlich, warum das nicht geschehen ist. So ein klein wenig denkt man auch an „Needful Things“, wenn man zusammen mit dem Mädchen an dem geheimnisvollen Wunschkasten herumdrückt. Es macht Spaß, den Weg von Gwendy mitzuverfolgen und einige Querverweise auf andere Werke Kings zu entdecken, doch das Vergnügen ist nicht von langer Dauer. Man fliegt, wie man es von King gewohnt ist, durch das Buch und findet sich nach weniger als zwei Stunden mit dem Ende konfrontiert, obwohl man schlichtweg mehr erwartet hätte. Vielleicht war es nur eine Idee von Stephen King, die er zwar nicht weiter ausbauen, aber auch nicht komplett verwerfen wollte. Zumindest macht es den Anschein, wenn man das verschenkte Potential näher betrachtet.

Aber genug auf hohem Niveau gejammert. „Gwendys Wunschkasten“ ist ein Büchlein, das in keiner King-Sammlung fehlen darf, weil es eben ein King ist (auch wenn er sich einen Co-Autor mit an Bord geholt hat). Man mag den Preis für so ein dünnes Buch überteuert finden, aber eines muss man dem Heyne-Verlag lassen. Man hat sich nämlich wirklich sehr viel Mühe mit dem gebundenen (!) kleinen Büchlein gegeben, das optisch wirklich was hermacht und aus meiner Sicht den Preis absolut gerechtfertigt. Der Einband wirkt leicht gummiert und verschafft dem Ganzen einen leicht edlen Eindruck. Ich persönlich finde den Preis durchaus angebracht.
Wie gesagt, ein wenig mehr Seiten hätten dem Werk gut getan und ich bin sicher, dass sich daraus sogar ein wirklich epischer Plot hätte entwickeln können. So aber wird die Geschichte von Gwendy eher oberflächlich erzählt und der Leser muss sich in Gedanken praktisch selbst „weiterhelfen“.
Insgesamt regt der kurze Ausflug nach Castle Rock aber definitiv zum Nachdenken an und bekommt wohl im Kopf des Leser bedeutend mehr Gewicht, als im ersten Moment auf den wenigen Seiten.

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Fazit: Lesenswerte Kurzgeschichte mit interessantem Plot, die leider durch ihre Kürze leidet und großes Potential verschenkt.

© 2017 Wolfgang Brunner für Buchwelten

Gefrorener Schrei von Tana French

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Erschienen als Taschenbuch
bei S. Fischer Verlage
656 Seiten
16,99 €
ISBN: 978-3-651-02447-2
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Eine junge Frau wird tot in ihrem Cottage aufgefunden. Es sieht alles nach einer eindeutigen Beziehungstat aus. Das Opfer wurde geschlagen, schlug unglücklich mit dem Hinterkopf auf und starb.

Der Fall kommt gegen Ende der Nachtschicht rein und so erhalten die Detectives Antoinette Conway und Stephen Moran den Einsatz, persönlich übergeben vom Chef. Der erfahrene Kollege Breslin soll ihnen jedoch an die Seite gestellt werden, da er „gut mit Zeugen kann“.


Conway und Moran fahren zum Tatort und beginnen ihre Ermittlungen. Durch ein paar kleine Tricks können sie sich den Kollegen noch ein bisschen vom Hals schaffen und alleine arbeiten. Es stimmt, alles sieht nach einer klaren Beziehungstat aus, doch warum scheint dann jemand aus dem eigenen Dezernat Interesse daran zu haben, die Ermittlungen zu behindern oder gar in eine gewisse Richtung lenken zu wollen.

Da Conway sowieso überall nur noch Feinde sieht und einen Komplott gegen ihre – zugegeben nicht einfache – Person sieht, setzt sie alles daran, ihre eigenen Ermittlungen durchzuziehen. Und Moran ist der einzige, der noch zu ihr steht ….

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Ich war immer großer Fan der Romane von Tana French, da ich ihren besonderen Schreibstil sehr gerne mag. Sie hatte immer eine besondere Gabe, Szenen, Momente und Situationen so bildhaft und poetisch greifbar zu beschreiben, dass es mich umgehauen hat. Irgendwie wollte sich dieses Gefühl bei diesem Roman aber nicht (mehr) einstellen. Einmal, zu Beginn von Kapitel 6 war es glaube ich, hat French einen Moment im Soko-Raum beschrieben, der ein bisschen das alte Gefühl der glitzernden Poesie heraufbeschworen hat.

Aber die Geschichte zieht sich gerade anfangs unheimlich in die Länge und ihre Protagonistin Antoinette Conway ist so verstockt und sieht überall Feinde, dass sie mir – gerade zu Beginn – nur noch auf die Nerven ging. Der Charakter ihres Partners, Stephen Moran hat hier so einiges wieder ausgeglichen, und auch die Nebenfiguren hat Tana French auch wieder sehr gut beschrieben und charakterisiert.

Dennoch, alles war unheimlich lang und ausufernd und beinahe künstlich in die Länge gezogen. Jede Unterhaltung, jedes Verhör, sie nahmen kein Ende. Dieses mal empfand ich die Lektüre als zäh und teilweise wirklich anstrengend.

Das bezieht sich allerdings nicht auf die Handlung, die Geschichte selbst. Denn den Plot hat Tana French wieder sehr gut ausgeklügelt und wunderbar verzwickt gestaltet. Lediglich die Umsetzung war anders, als ich es bisher kannte. Wieder schreibt die Autorin aus der Ich-Perspektive, was hier bedeutet, dass eine ständig genervte, gefrustete und alle gegen sich sehende Ermittlerin erzählt und agiert.

Dies ist auch das erste Mal, dass ein Ermittler-Duo ihre Tätigkeit im Nachfolgeband wiederholt. Bisher hatte Tana French es immer so gehandhabt, dass eine Nebenfigur aus ihrem aktuellen Roman im Nachfolger die Hauptrolle erhielt.

Mein Fazit: Eine Handlung mit einer tollen Idee und auch guten Figuren. Lediglich die Hauptprotagonistin ging mir teilweise richtig auf die Nerven. Ein spannender Plot, der aber leider teilweise sehr langatmig und zäh war. Für mich bislang ihr schlechtester Roman.

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© Marion Brunner für Buchwelten 2017

Die Stadt des Affengottes von Douglas Preston

Erschienen als gebundene Ausgabe
bei DVA
368 Seiten
20,00 €
ISBN: 978-3-421-04757-1

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Bereits im 16. Jahrhundert tauchten Gerüchte über eine Provinz im Regenwald von Honduras auf, deren Städte angeblich reich und prachtvoll gewesen seien. Im besonderen wird immer wieder die sogenannte Weiße Stadt, auch Stadt des Affengottes genannt, erwähnt. Viele Abenteurer und Archäologen versuchten Beweise für diese Zivilisation zu entdecken. Doch eine Forschungsreise war in dem von tödlich giftigen Schlangen und ebensolchen Krankheitserregern schier unmöglich. Durch modernste Lasertechnik konnte Anfang der 2000er Jahre das Gelände aus der Luft gescannt werden. Und tatsächlich entdeckte man Anlagen unter dem dichten Blätterwald in einer Region, die seit Jahrhunderten kein Mensch mehr betreten hat. Schriftsteller und Journalist Douglas Preston schließt sich einer archäologischen Expedition an, die tatsächlich eindrucksvolle Ruinen einer untergegangenen Zivilisation findet.

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Als langjähriger Fan von Douglas Preston und auch seiner Zusammenarbeit mit Lincoln Child, war ich sehr gespannt, was mich bei diesem Buch nun erwartete. Preston hat ja schon mehrere Sachbücher geschrieben, aber ich habe noch nie eines von ihm über eine Expedition gelesen, an der er selbst teilgenommen hat. Der Einstieg von „Die Stadt des Affengottes“ mutet tatsächlich wie ein Sachbuch an, da Preston zuerst einmal über die Geschichte und die Legende jener sagenumwobenen Stadt berichtet und dem Leser erklärt, wie es zu den Expeditionen in der Vergangenheit und dem aktuellen Projekt kam.  Douglas Preston erklärt die wissenschaftlichen Abläufe sehr präzise und detailliert, schafft es aber, trotz mancher Kompliziertheit, den Leser nicht zu verwirren und gut ins Bild zu setzen. Der erste Teil des Buches mag für den ein oder anderen unnötig in die Länge gezogen sein, weil man vielleicht ein echtes Expeditions- und Abenteuerbuch erwartet hat, aber die Erklärungen haben für den weiteren Verlauf der Geschehnisse durchaus Sinn.

Im zweiten Drittel kommt dann das, was ich von dem Buch erwartet hatte: Eine abenteuerliche Schilderung einer Expedition in ein von Menschen vollkommen verlassenes Dschungelgebiet, das unweigerlich an Indiana Jones denken lässt. Ganz genau beschreibt Preston die Handlungen und Vorgehensweisen einer solchen Unternehmung und schmückt sie mit derart hypnotischen Landschaftsbeschreibungen aus, dass man tatsächlich meint, man wäre mittendrin und hautnah dabei. Wenngleich einige Dinge wiederholt werden, so konnte ich davon nie genug bekommen und spürte förmlich die Schönheit, aber auch die Gefahren jener Region, in der die Tiere und die Natur die Herrschaft übernommen und die Menschen nichts zu melden haben. Ich hörte beim Lesen die Geräusche des Dschungels, spürte die feuchte Hitze und die Strapazen eines Tages und fühlte die Angst, die die Teilnehmer in manchen Situationen ergriffen hat. Preston hat hier ein unglaublich stimmungsvolles Bild der Expedition niedergeschrieben, das wirklich (zumindest mich) süchtig macht.

Immer wieder versorgt uns der Schriftsteller mit Hintergrundinformationen, versucht auch die politischen Seiten des Landes und der Expedition zu durchleuchten und gibt damit eine für mich äußerst stimmige Situationsbeschreibung ab, die wie eine Mischung aus fachwissenschaftlicher, archäologischer Berichterstattung und dem Schildern eines einzigartigen Abenteuers daherkommt. Preston geht einen ziemlich guten Mittelweg, wenn er einerseits die archäologisch interessierten und andererseits die abenteuerlustigen Leser bedient.
Gegen Ende hin schlägt Douglas Preston einen großen Bogen und verbindet die uralte Kultur, deren Entdeckung und Entschlüsselung ihres Schicksals Grund der Expedition ist, mit der Gegenwart, schlägt eine Brücke mit Hilfe einer Krankheit, die Jahrhunderte überlebt und den Menschen in der Vergangenheit wie auch in unserer Gegenwart beziehungsweise Zukunft gefährlich wird. Preston und einige der anderen Teilnehmer haben sich eine tückische Krankheit während ihres Aufenthalts im Dschungel zugezogen. Genau dieser Krankheit widmet sich der Autor explizit im letzten Teil des Buches. Und auch wenn dieser Teil ein wenig vom ursprünglichen Thema, nämlich der Entdeckung der Stadt des Affengottes, abweicht, so rundet er das Gesamtbild definitiv ab und hinterlässt einen mit der letzten Seite sehr nachdenklich. Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft verbinden sich: zu einem Abenteuer, aber auch zu einer lebensgefährlichen Bedrohung für die Menschheit. Douglas Preston hat einen informativen, absolut spannenden und zeitgemäßen Reisebericht abgeliefert, den man nicht so schnell vergisst.

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Fazit: Äußerst spannender und informativer Reisebericht über eine Expedition zu einer der verlassensten Gegenden auf der Welt.

© 2017 Wolfgang Brunner für Buchwelten

Harry Potter und das verwunschene Kind von J.K. Rowling u.a.

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Erschienen als gebundene Ausgabe
bei Carlsen
insgesamt 336 Seiten
Preis: 19,90 €
ISBN: 978-3-551-55900-5
Kategorie: Jugendbuch, Abenteuer, Fantasy

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19 Jahre sind nach dem finalen Kampf in Hogwarts vergangen und Harry Potter und seine Gefährten sind erwachsen und haben längst eigene Kinder.

Natürlich besuchen auch die Kinder Hogwarts, die Schule für Hexerei und Zauberei. Aber logischerweise haben die Kinder ihre eigenen Charakter und kommen nicht unbedingt so nach ihren Eltern wie die es sich wünschen ….

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Ich denke, dass sich so ziemlich jeder Potter-Fan gewünscht hat, dass J.K. Rowling doch noch einen 8. Teil der Reihe schreibt, eben irgendeine Fortsetzung liefert. Nun, irgendwie hat sie das getan, jedoch so ganz anders, als die Fans das erwartet hatten.

Sie hat keinen weiteren Roman, sondern ein Theaterstück geschrieben, und wir als Leser bekommen hier das Drehbuch dazu als „Fortsetzung“ geliefert.

Ich für mich finde das eine großartige Idee und ich hatte großen Spaß an der Lektüre. Direkt nach den ersten Sätzen der 1. Szene im 1. Akt war alles wieder da: die besondere Stimmung, die Zaubersprüche, die Zauberer, Hexen, Lehrer und Wesen, die man über so viele Jahre liebgewonnen hatte.

Durch die besondere Art des Textes fliegt man nur so durch das Buch und man vergisst sehr schnell, dass man eigentlich ein Drehbuch liest. Denn die Namen, wer gerade was sagt, das überliest man sehr schnell. Man kann den Gesprächen nämlich ohne weiteres folgen und verliert nie den Überblick. Ganz geschickt werden Rückblenden verbaut, die die Erinnerung wieder ein wenig auffrischen, sollte doch etwas in Vergessenheit geraten sein.

Ich fand es großartig, u.a. Scorpius Malfoy und Albus Severus Potter kennenzulernen, sie zu begleiten und mit Ihnen Abenteuer zu erleben. Aber auch die „alten“ kommen in keinster Weise zu kurz. Rowling und ihre Mitschreiber (John Tiffany und Jack Thorne) haben hier eine richtig tolle Story geliefert.

Ich würde das Theaterstück sehr gerne sehen und finde es schade, dass es nicht in Deutschland aufgeführt wird. Aber vielleicht ändert sich das ja noch oder es gibt sogar irgendwann eine Verfilmung?
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Das ist hier übrigens die 2. Rezension auf Buchwelten zu diesem Buch. Mein Mann, Wolfgang Brunner, hat hier bereits seine Meinung niedergeschrieben:

Rezension zu „Harry Potter und das verwunschene Kind“ von Wolfgang Brunner.

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© Marion Brunner für Buchwelten

Die Verlorenen von Andrew Bannister

Erschienen als Taschenbuch
im Piper Verlag
400 Seiten
17,00 €
ISBN: 978-3-492-70411-3

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Seldyan, einer Sklavin, gelingt die Flucht aus ihrem Gefängnis. Sie stiehlt das letzte existierende Kriegsschiff, um auf einem fernen Planeten ihre Freiheit zu genießen. Dort entdeckt sie einen neuen grünen Stern, der bis vor kurzem noch gar nicht existierte und um den sich ein Kult gebildet hat, der die Menschen zu unterdrücken versucht. Während der Hafenmeister Vess damit beauftragt wird, herauszufinden, wie Seldyan die Flucht gelingen konnte, bemerkt Seldyan, dass das von ihr gestohlene Schiff das Geheimnis um den grünen Stern und den daraus entstehenden Kult  bereits gelöst hat. Die Existenz der gesamten Spin-Galaxie steht auf dem Spiel …

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Die Saga um die Spin-Galaxie geht weiter. Ähnlich wie im ersten Teil „Die Maschine“ erfordert auch der zweite Teil ein gewisses Maß an Aufmerksamkeit des Lesers, denn sehr schnell könnte man die Übersicht über die teil verwirrend erscheinende Handlung verlieren. Bannister bleibt seinen Stil treu und entführt den Leser in eine Welt jenseits unserer Vorstellungskraft. Man muss sich schon auf seine außergewöhnlichen Ideen einlassen können, um die ganze Tragweite des Plots zu verstehen. Dieses Mal wirkt die Geschichte auf mich allerdings sogar ein wenig runder als die des ersten Teils. Bannisters Schreibstil ist auch ein wenig anspruchsvoller geworden, möchte ich behaupten, und die Geschichte erschien ausgeklügelter. „Die Verlorenen“ setzt nicht unmittelbar an die Ereignise aus dem ersten Teil an, sondern erzählt erst einmal eine eigene Geschichte. Erst zum Ende hin erkennt man die Zusammenhänge zwischen „Die Maschine“ und „Die Verlorenen“. Ich persönlich hatte auf jeden Fall mehr Spaß als beim ersten Teil, und der hat mir schon gefallen. 😉

Andrew Bannisters Science Fiction-Epos trifft mit Sicherheit nicht jeden Geschmack. Die einen werden die Geschichte entweder überhaupt nicht verstehen oder als extrem langweilig und langatmig empfinden, die anderen  lassen sich auf Schreibstil und Ideen ein und werden mit einer gut durchdachten Welt belohnt, die sehr bildlich beschrieben wird. „Die Verlorenen“ spielt viele tausend Jahre nach den Ereignissen von „Die Maschine“ und zeigt, wie komplex und „episch“ letztendlich das von Bannister erschaffene Universum ist. Im zweiten Teil seiner geplanten Trilogie befasst sich der Autor mit Themen, die sich auch in unserer Welt finden: Sklaverei, politische Unruhen und Meinungsverschiedenheiten. Mit seinem zweiten Roman ist Andrew Bannister auf meiner geistigen Treppe eine Stufe höher gestiegen, denn er beweist auf alle Fälle, dass er innovative Ideen hat und diese auch in einer zuerst kompliziert wirkenden Handlung letztendlich logisch erzählen kann. Das Konstrukt seiner Spin-Galaxie wird durch „Die Verlorenen“ wieder etwas mehr verständlich und lässt unweigerlich auf einen Höhepunkt im letzten Teil hoffen. Bannister denkt, ähnlich wie manchmal Stephen Baxter, nicht in Jahren, sondern in weitaus größeren Zeitspannen, um seine Geschichte zu erzählen. Genau das ist es auch, was den Reiz der Spin-Trilogie für mich ausmacht.

Bannisters Buch, oder besser gesagt: Bücher, machen es dem Leser nicht leicht, das wahre Potential, das hinter dem Plot steckt, zu ergründen. Zu verwirrend ist es manchmal, wenn der Autor seine Sätze mit Wörtern schmückt, die man nicht versteht. Es lohnt sich aber, über solcherart Sätze hinwegzulesen und das Gesamtwerk am Ende auf sich wirken zu lassen. Denn so erschließt sich, wie schon beim ersten Teil, ein ganz besonderes Universum – und im Falle von „Die Verlorenen“ sogar an manchen Stellen einen unbedingt filmreifes Bild im Kopf des Lesers. „Die Verlorenen“ ist auf jeden Fall ein würdiger Nachfolger von „Die Maschine“ und legt sogar, wie oben schon erwähnt, aus meiner Sicht dramaturgisch und auch erzählerisch noch zu. Es werden mehrere Handlungsstränge abwechselnd erzählt, von denen ich nicht genau sagen kann, welcher mir mehr zugesagt hat. Ich habe mich jedenfalls immer wieder gefreut, in einen davon zurückzukehren, nachdem ich die Ereignisse des anderen verfolgt habe.

Andrew Bannister wird immer wieder vorgeworfen, er hätte Potential in seinen Büchern verschenkt. Ich bin da ganz anderer Meinung, denn sieht man zum Beispiel die ersten beiden Bücher als Gesamtwerk an, so erschließt sich einem doch ganz genau, was Bannister bezweckt. Eine große, Jahrtausende umfassende Geschichte anhand kleiner Begebenheiten zu beschreiben. Die bombastische Tragweite der Ereignisse versteckt sich genau genommen letztendlich zwischen den Zeilen und gerade das stellt für mich einen außergewöhnlichen Reiz dieser Reihe in der Science Fiction-Landschaft dar. Aspekte, die mir bei „Die Verlorenen“ besonders gut gefallen hat, sind die fantastischen Beschreibungen unglaublicher Dinge. Denkende und sprechende Raumschiffe zum Beispiel (Iain Banks „Die Spur der toten Sonne“ lässt grüßen) oder Lebewesen (Rennläufer), denen alle unnötigen Organe entfernt wurden, damit sie schneller laufen können. Ich liebe solcherart Ideen und Andrew Bannister kann das hervorragend beschreiben. Es lohnt sich aus meiner Sicht, sich durch die komplexe Handlung zu kämpfen, denn, wie erwähnt, das Gesamtbild, das im Kopf des Lesers zurückbleibt, ist für mich ausschlaggebend.

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Fazit: Komplexer, ideenreicher und meiner Meinung nach unterschätzter zweiter Roman der Spin-Trilogie.

© 2017 Wolfgang Brunner für Buchwelten