Bestechung von John Grisham

Erschienen als gebundene Ausgabe
bei Heyne
insgesamt 448 Seiten
Preis: 22,99 €
ISBN: 978-3-453-27033-6
Kategorie: Thriller

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Lacy Stoltz ist Mitarbeiterin bei der Rechtsschutzbehörde und übernimmt den Fall der Richterin Claudia McDover, die sich angeblich bestechen lässt. Ein Informant gibt immer mehr Details preis und will offensichtlich die Richterin zu Fall bringen. Schon bald stellt sich auch heraus, dass an der Sache etwas Wahres ist und eine Menge Geld auf ungesetzliche Art und Weise den Besitzer wechselt. Welche Rolle spielt das Kasino in einem Indianerreservat? Und während Stoltz zusammen mit ihrem Partner immer mehr von der Wahrheit über die Richterin erfährt, enwickeln sich die Untersuchungen  zu einem gefährlichen Spiel mit einem unberechenbaren Gegner …

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John Grisham ist einfach ein unglaublicher Erzähler. Auch in seinem neuen Justiz-Thriller „Bestechung“ schildert er packend eine komplexe Handlung, in die man sehr schnell eintaucht und von der man auch gefangen wird. Einigen Lesern wird der Anfang zu schleppend und unspektakulär erscheinen, wobei es gerade dieses Stilmittel ist, das eine gewisse Art von Sog entstehen lässt, dem man sich nicht so leicht entziehen kann. Die Geschichte beginnt ruhig und ohne großen Bombast. Doch kaum hat man sich mit den Personen vertraut gemacht und wiegt sich durch die gemächliche Erzählweise (ist natürlich im positiven Sinne gemeint) in Sicherheit, schlägt Grisham zu. Mit einer absolut unerwarteten und schockierenden Wendung  nimmt „Bestechung“ dann auch so richtig Fahrt auf und wird zu einem spannenden Ermittlungs-Thriller, der hervorragend unterhält.

Was mir an den Büchern von John Grisham schon immer gefallen hat, wird auch hier von ihm wieder angewandt. Ein Fall steht im Vordergrund und im Hintergrund werden interessante Informationen eingebaut. In diesem Falle geht es um ein Indianerreservat und die damit verbundenen eigenständigen Gesetze. Grisham ist ein wahrer Meister, wenn es darum geht, solch komplizierten Vorgänge verständlich zu erklären. Das macht er auch in den meisten seiner anderen (Justiz-)Bücher und so auch im vorliegenden. Dieses Indianer-Thema fand ich sehr faszinierend und informativ.

Die Charaktere machten aus meiner Sicht keine Entwicklung durch, was ich aber nicht als störend empfand. Ich konnte mich mit den Protagonisten, egal ob Haupt- oder Nebenfigur, durchaus identifizieren und freundete mich mit den Guten sogar an. Ganz leise rieselte eine Liebesgeschichte mit in den Thriller hinein, die aber nicht weiter ausgeführt und lediglich immer wieder angedeutet wurde. Auch das empfand ich absolut in Ordnung, weil es vom Hauptplot in keiner Weise ablenkte. Grisham beherrscht es einfach, Geschichten erzählen. Er hat sicherlich bessere Werke abgeliefert, bewegt sich aber mit „Bestechung“ immer noch auf gewohnt hohem Niveau. Wie schon oben erwähnt, handelt es sich um einen komplexen Fall, bei dem man an manchen Stellen meint, man würde jetzt bald den Überblick verlieren. Aber Grisham schafft es mit seinen detaillierten Beschreibungen immer wieder, dass man alles versteht. Und auch wenn seine Plots prinzipiell immer nach dem gleichen Muster ablaufen, so wirken sie jedes Mal aufs Neue faszinierend, unterhaltsam und eben durchdacht.

Einzig den Epilog empfand ich langatmig und zu dokumentarisch geschildert. Das Ganze las sich dann fast wie ein Sachbuch über historische Ereignisse in der Juristenwelt. Auch wenn es den ein oder anderen Handlungsfaden wieder aufgriff und zu einem Ende brachte, so hätte man das durchaus „unterhaltsamer“ verfassen können als mit einer Aneinanderreihung von Begegenheiten. Dennoch, mit solch einem Wermutstropfen kann ich leben, denn der Unterhaltungswert von „Bestechung“ ist aus meiner Sicht absolut hoch und führt Grishams Erfolgskonzept konsequent fort. Ich freue mich schon sehr auf den im Oktober 2017 erscheinenden Roman „Das Original“.

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Fazit: Spannend und authentisch geschildert. Ein gewohnt guter Grisham eben.

© 2017 Wolfgang Brunner für Buchwelten

Fireman von Joe Hill

Erschienen als Taschenbuch
bei Heyne
insgesamt 958 Seiten
Preis: 17,99 €
ISBN: 978-3-453-31834-2
Kategorie: Dystopie, Science Fiction

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Eine Seuche namens „Dragonscale“ droht, die gesamte Menschheit zu vernichten. Anfangs bemerken die Infizierten eine seltsame Hautkrankheit, die wie Tätowierungen gleichen. Doch schon wenig später entzünden sich die von der Krankheit Befallenen selbst und verbrennen. Das Ende der Welt scheint angebrochen zu sein. Harper Grayson ist Krankenschwester und wird ebenfalls von dem Virus befallen. Sie findet Schutz in einer Gemeinschaft, die die Feuerkrankheit zumindest soweit in den Griff bekommen haben, dass sie sich nicht selbst entzünden. Dort lernt Harper den sogenannten „Fireman“ kennen, ein Mann, der innerhalb kürzester Zeit zu einer Legende geworden ist, weil er „Dragonscale“ vollkommen unter Kontrolle halten kann. Ist jener „Fireman“ die letzte Hoffnung der Menschheit?

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Als Stephen King-Anhänger und auch ebensolcher seines sehr talentierten Sohnes war ich natürlich unheimlich gespannt darauf, was Joe Hill nach „Christmasland“ und seinem hervorragenden Debüt „Blind“ abgeliefert hat. Ich bin gespalten, was das Dystopie-Epos angeht, das gebe ich unumwunden zu, denn „Fireman“ hat durchaus einige beeindruckende Höhen, aber leider auch einige anstrengende Längen.
Der Beginn des Plots ist allerdings filmreif und man kann nach den ersten Seiten kaum abwarten, wie das Ende der Menschheit bei Joe Hill ablaufen wird. Allerdings wird man leider aus dieser grundsoliden, absolut stimmungsvollen Endzeitatmosphäre herausgerissen, als Harper auf die Gemeinschaft stößt. In einer Mischung aus „Walking Dead“, „Postman“ und „Tribute von Panem“, gewürzt mit einem Schuss „The Road“ von Cormac McCarthy, erzählt Joe Hill im Prinzip den (Leidens-)Weg einer Frau, nämlich Harper Grayson. Hill versteckt viele Anspielungen auf seine eigenen Romane, die seines Vaters und auch weitere Bestseller, die wohl jede Leseratte kennen dürfte, aber er geht eindeutig seinen eigenen Weg.

Dennoch funktioniert „Fireman“ trotz seines bombastischen Ausmaßes und der wirklich tollen Ausgangssituation nur bedingt. Vielleicht liegt es sogar am Umfang des Werkes, das bei vielen Lesern oftmals Langeweile aufkommen lässt. Ich genoss die Geschichte, mir war sie auch niemals zu langatmig, wenn ich ehrlich bin, aber trotzdem zündete der Funke, der am Anfang verbreitet wurde, im Verlauf der Geschichte nicht. Schade, denn das Ausgangsszenario hätte, wie gesagt, Potential zu einem epischen Dystopie-Road-Movie ausgebaut werden können. Hill übt Gesellschaftskritik (was keinesfalls schlecht ist), aber er konzentriert sich zu sehr auf die Vorfälle, die in der Gemeinschaft passieren (und das erinnert in der Tat an einige Folgen von „Walking Dead“ – vielleicht auch beabsichtigt). Aber hätte Hill mehr Augenmerk auf die Welt gerichtet, die dem Untergang geweiht ist, und seine Protagonisten durch diese Hölle geschickt, wäre bestimmt ein weitaus beeindruckenderes Werk entstanden. Aber Joe Hill hat einen anderen Weg gewählt und sich, wie gesagt, auf das Leben in einer Gemeinschaft konzentriert, die sich in Sicherheit wähnt.

Die Charaktere sind durchaus glaubwürdig und mit Seele ausgearbeitet. Joe Hill bewegt sich mit seinem Schreibstil oftmals auf hohem Niveau, gerät aber an einigen Stellen auch ins Umgangssprachliche, so dass ich mir ein paar Mal gedacht habe, das Buch wäre von zwei Autoren geschrieben worden. Auch wirkten manche Ereignisse ein wenig zu weit hergeholt und an der Grenze zur Unglaubwürdigkeit.
Doch trotz all meiner Kritikpunkte ist Joe Hill aus meiner Sicht eine beeindruckende Endzeitvision gelungen, die vor allem durch seine bildhafte Sprache zu einem Kopfkino-Blockbuster wird. Im Nachwort wird erwähnt, dass die Filmrechte bereits verkauft sind. Ich könnte mir ohne weiteres vorstellen, dass im Falle von „Fireman“ die Filmumsetzung durchaus ansprechender ausfallen könnte als die Buchvorlage. „Fireman“ ist für die große Leinwand gemacht und könnte von der Atmosphäre her wie seinerzeit die Buchadaption von David Brins „Postman“ von Kevin Costner wirken.

Joe Hill beschreibt stimmungsvolle  Bilder. Am Anfang schreibt er über die Liebe zu einem Menschen. Diese Beschreibung, gerade auch noch von einem Mann geschrieben, ist wunderschön und wahr. Und eben genau solche Beschreibungen, hochwertige literarische Sätze, fehlten mir dann oftmals im Verlaufe des weiteren Buches. Das hätte Joe Hill bestimmt besser gekonnt. „Fireman“ ist ein über 900 Seiten starkes Mammutwerk, das letztendlich aber dann doch keines ist. Im Nachhinein denkt man nämlich, der Plot hätte auf nur 400 Seiten stattgefunden. Dennoch möchte ich das Leseerlebnis nicht missen, denn „Fireman“ hat wirklich auch viele gute Seiten.

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Fazit: Groß angelegte Endzeitvision, die durchaus auch auf halb so vielen Seiten funktioniert hätte. Wer es ausführlich mag, wird „Fireman“ genießen, Ungeduldige könnten Probleme damit haben.

©2017 Wolfgang Brunner für Buchwelten

Junktown von Matthias Oden

Erschienen als Taschenbuch
bei Heyne
insgesamt 400 Seiten
Preis: 12,99 €
ISBN: 978-3-453-31821-2
Kategorie: Science Fiction, Krimi

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In einer Welt, in der der Konsum von Drogen gesetzlich vorgeschrieben ist, wird Inspektor Solomon Cain in Junktown zu einem Mord-Tatort gerufen. Das Opfer ist ein höheres Maschinenwesen mit Gefühlen, eine sogenannte Gebärmutter, die für den Staat Geburten austrägt. Während Cains Ermittlungen stellt sich heraus, dass es nicht nur ein „einfacher“ Mord war, sondern eine Tat, die sich aus Vertuschungen zu einem sensationellen Skandal entwickelt. Bald ist Cain ein einsamer Kämpfer gegen einen mächtigen Gegner …

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Zugegebenermaßen dauerte es etwas, bis ich mich in den Debütroman von Matthias Oden eingefunden hatte. Obwohl sein Schreibstil klar und flüssig ist, musste ich mich dennoch irgendwie daran gewöhnen und mich mit ihm vertraut machen. Jede Menge Fremdbegriffe, mit denen man zuerst einmal nichts anfangen kann, werden einem auf jeder Seite präsentiert und verunsichern etwas. Da mag der ein oder andere ungeduldige Leser vielleicht sogar resigniert aufgeben, weil er zu wenig von dem Ganzen versteht. Doch wenn man die ersten Seiten hinter sich gelassen hat, wird man mit einem tollen, ideenreichen Krimi-Plot in Science Fiction-Atmosphäre belohnt. Odens Roman wirkt wie eine Mischung aus Philip K. Dicks „Blade Runner“ , George Orwells „1984“ und einem Schuss Film Noir. Eine wirklich außergewöhnliche und stimmungsvolle Atmosphäre zieht sich durch den kompletten Roman und verleitet oft zum Weiterlesen, obwohl man schon längst hätte aufhören wollen.

Am faszinierendsten an „Junktown“ fand ich allerdings den originellen und unersättlichen Einfallsreichtum, der sich auf fast jeder Seite eröffnet. Alleine die Ideen zu erfassen gleicht einem unglaublichen Abenteuer, das Oden dann noch geschickt in eine äußerst glaubwürdige und nachvollziehbare Handlung verwebt. Die Maschinenwesen erinnerten mich, wie gesagt, ein wenig an „Blade Runner“, aber Matthias Oden geht definitiv einen eigenen Weg und erschafft eine Zukunftsvision, in der man sich verlieren kann, wenn man sich darauf einlässt beziehungsweise einlassen kann.  „Junktown“ ist auch definitiv politisch, vieles ist offensichtlich, anderes zwischen der Zeilen versteckt. Wer sich mit Politik auskennt, wird einiges entdecken. Erfreulicherweise ist aber die Geschichte auch  für diejenigen Leser, die sich nicht besonders für Politik interessieren, absolut spannend und nachvollziehbar.

Mathias Oden hat eine zukünftige Welt entworfen, die gar nicht so sehr abwegig wirkt. Drogenkonsum als Pflicht mag unwahrscheinlich klingen, aber durch solch eine Vorgehensweise hätte die Regierung absolute Kontrolle über ihre Bürger. Das wäre doch selbst für die heutigen Politiker mehr als erstrebenswert, oder? Es macht einfach unglaublich Spaß, den Ermittlungen des Inspektors zu folgen und sich in dem detailliert entworfenen Weltbild einer Zukunft zurechtzufinden. Der Plot hätte durchaus noch ein wenig mehr Gesellschaftskritik vertragen, aber letztendlich hätte der Autor dann den Kreis einer interessierten Leserschaft massiv eingeschränkt. So verträgt sich ein spannender Plot aber mit sarkastischen, politischen Beanstandungen hervorragend.

Was dem Autor auch absolut gut gelungen ist, ist die Charakterzeichnung und die Gefühlswelt einer Mensch-Maschine. Neben der Krimihandlung webt Oden auch eine Liebesgeschichte mit ein, die mir persönlich absolut gefallen hat, so dass ich mir in der Tat mehr davon gewünscht hätte. Zum einen hat dieser Beziehungsstrang die Handlung ein wenig aufgelockert, zum anderen hat er der erfundenen Zukunftswelt auch die nötige Authentizität verliehen, denn Sex mit Maschinen könnte in einer nicht mehr allzu fernen Zukunft tatsächlich zur Realität werden.
Viele der außergewöhnlichen Ideen werden nur mit einem einzigen Satz angesprochen und regen den Leser dazu an, darüber nachzudenken, was sich denn  dahinter verbirgt. Für den ein oder anderen mag das zu wenig sein, für mich brachten genau diese Stellen  meine Fantasie und mein Kopfkino zum Einsatz. Da wird nicht lange erklärt, sondern zum Beispiel einfach nur der Begriff „Spermabad“ in den Raum geworfen und der Leser kann sich selbst ein Bild davon machen, wie so eine Institution aussieht. Ich finde, man muss nicht alles vorgesetzt und detailliert beschrieben haben, sondern kann auch mal selbst seine Fantasie spielen lassen. In dieser Hinsicht hat Matthias Oden es aus meiner Sicht richtig gemacht.

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Fazit: Matthias Oden entwirft mit „Junktown“ ein fast trostloses Zukunftsbild. Düster, dreckig und innovativ wird ein spektakulärer Mordfall beschrieben, dessen Atmosphäre im Kopf haften bleibt.

© 2017 Wolfgang Brunner für Buchwelten

Liliths Töchter, Adams Sohne von Georg Adamah

Erschienen als Taschenbuch
bei Redrum Books
insgesamt 372 Seiten
Preis: 14,97 €
ISBN: 978-3-959-57030-5
Kategorie: Belletristik, Thriller, Drama

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Georg verlässt seine Frau, um eine Affäre mit Susanna fortzusetzen. Seine Ehe war ohnehin auf dem Weg zum Scheitern, so dass Georg ein neues, schöneres Leben in Angriff nehmen wollte. Doch schon bald wird er von Susanna verlassen. Auf der Suche nach Liebe nimmt er viele Liebes- und Sexaffären in Kauf, obwohl er im Grunde genommen von Susanna nie loslassen kann.

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Schon nach dem Prolog wusste ich, dass Georg Adamahs „Liliths Töchter, Adams Söhne“ ein Buch für mich ist. Alleine die stilistischen Mittel, die Adamah in seinem Roman anwendet, packten mich vom ersten Moment an. Ich kann gar nicht erklären, warum ich seine wilden, im ersten Moment kompliziert wirkenden, Schachtelsätze so faszinierend fand. Dieser Schreibstil ist innovativ, progressiv und einfach nur genial. Dadurch wird man im Verlaufe der Geschichte immer mehr zum Protagonisten und durchlebt seine Ängste, Hoffnungen und Leidenschaften. Man ist irgendwie hautnah dabei, wenn „Dschordsch“ sich Gedanken über die Frauen in seinem Leben macht. Alleine die Idee, die Gedankengänge des Protagonisten in die Schachtelsätze mit einzubauen, erinnerte mich an einen meiner Lieblingsschriftsteller, nämlich Samuel R. Delany. Man spürt, wie Georg hin und her gerissen und von seinen Gefühlen erdrückt wird.

Georg Adamah kann sehr gut schreiben und schafft es hervorragend, die Gefühlswelt eines Mannes zu schildern. Auch wenn es immer wieder um Oralsex geht (was ich persönlich etwas übertrieben fand, aber nicht unbedingt störend), so entlarvt Adamah doch im Verlauf der Geschichte gewisse Grundzüge des männlichen Denkens 😉
An manchen Stellen musste ich wirklich schmunzeln, wenn ich den Gedankengängen des „abservierten“, gekränkten Liebhabers folgte. Es wirkte so herrlich echt und realistisch, unverfälscht und ehrlich. Adamah würfelt die Emotionen des Protagonisten wild durcheinander. Mal leidenschaftlich, mal traurig, mal depressiv, mal zügellos … alles ist dabei. Und erfreulicherweise sind die „harten“ Sexszenen niemals übertrieben dargestellt, sondern bewegen sich immer auf einem gewissen Niveau, was eindeutig an der bildlichen Sprache des Autors liegt. Selbst eklige Szenen werden mit wunderbaren Umschreibungen „entschärft“ und wirken an keiner Stelle vulgär. Das ist ein sehr großer Pluspunkt dieses Buches, der zwar unter anderem teils extremen Sex behandelt, diesen aber niemals in einen provozierenden Vordergrund stellt, um durch Ekelmomente zu schocken. Adamah hält sich dabei immer an glaubwürdig wirkende Beschreibungen.

Gerade durch die sehr emotionale, eindringliche Beschreibung, wie sich ein Mann fühlt beziehungsweise fühlen kann, wenn er einsam und auf der Suche nach einer Partnerin ist, machten diesen Roman für mich zu einem unwiderstehlichen Pageturner, den ich in jeder freien Minute weiterlesen musste. Adamah hat ein realistisches Märchen geschrieben, das voller Poesie und kleinen Wahrheiten steckt, die im Leben eines Liebespaares geschehen. Doch es werden auch die traurigen, hinterhältigen Seiten einer solchen Beziehung dargestellt. Alles ist nachvollziehbar. Und egal, welche Szene Adamah gerade beschreibt, zwischen den Zeilen liest man Melancholie heraus, die unser aller Leben bestimmt (auch das von Frauen). Das ist dem Autor wirklich grandios gelungen.

Obwohl Adamahs außergewöhnlicher Schreibstil durch die langen Sätze kompliziert erscheinen mag, so lässt er sich dennoch absolut flüssig lesen und hinterlässt am Ende ein unvergessliches Gesamtbild im Gehirn des Lesers. „Liliths Töchter, Adams Söhne“ ist wie eine Achterbahnfahrt durch die Gefühlswelt eines Mannes. Fast möchte man das Buch als „Californication“ zwischen zwei Buchdeckeln bezeichnen, denn auch hier geschieht vieles (wie in der genannten Serie übrigens auch) nicht nur immer oberflächlich unter der Gürtellinie, sondern zeigt im Endeffekt die dramatische Tragödie eines einzelnen Menschen, der an der Liebe und dem damit verbundenen Sex zerbricht.
Ich hoffe nur, dass Georg Adamah bereits an einem neuen Roman arbeitet, denn in mir hat er definitiv einen neuen Anhänger gefunden.

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Fazit: „Californication“ in Buchform. Realistisch, wütend, traurig, erotisch, eklig, melancholisch und beeindruckend – reales Leben eines nach Liebe Suchenden eben.

© 2017 Wolfgang Brunner für Buchwelten

Jagdtrip von Jack Ketchum

Erschienen als Taschenbuch
im Heyne-Verlag
insgesamt 364 Seiten
Preis: 9,99 €
ISBN: 978-3-453-67706-7
Kategorie: Thriller

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Lee Moravian ist Vietnam-Veteran. Durch den Krieg hat er ein Trauma, wird von quälenden Erinnerungen heimgesucht und ist sofort auf Abwehrstellung, wenn eine Auseinandersetzung droht. Aus diesem Grund zieht er es vor, alleine in einer Hütte im Wald zu leben, denn er weiß, was er anrichten kann, wenn es mit ihm durchgeht.
Als eine Gruppe Camper in sein Revier eindringen, kann Lee nicht lange zurückhalten, was tief in ihm schlummert. Denn er sieht nicht die realen Menschen,  die in „seinem“ Wald sind, sondern Vietnamesen, die ihm nach dem Leben trachten. Lee beginnt, sich gegen die Eindringlinge zu wehren.

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Jack Ketchums Romane gelten als blutig, brutal und schonungslos. Seine Kannibalen-Reihe wurde sogar als pornographisch bezeichnet, was ich nicht wirklich nachvollziehen kann, aber na gut. Nichtsdestotrotz sind Ketchums Romane tatsächlich beängstigend und wirken vor allem so brutal, weil sie sehr nahe an der Wirklichkeit sind.
Manch einer von Ketchums Fans wird „Jagdtrip“ daher eher als ruhig und nicht blutig (hart) genug ansehen. Doch hinter der einfachen Story verbirgt sich mehr als man denkt. Ketchum hat einen einsamen, verängstigten und dennoch kaltblütigen „Rambo“ erschaffen, der an seiner Vergangenheit so sehr zu nagen hat, dass er die Realität fast vergisst.

Auf gewisse Art und Weise einfühlsam erzählt Ketchum Lees Geschichte, wie er sich in einer Welt außerhalb des Vietnamkrieges fühlt und welche (Verfolgungs-) Ängste ihn plagen. Sicherlich ist „Jagdtrip“ ein etwas anderer Ketchum, wie übrigens „Scar“ auch, aber er funktioniert einwandfrei. Jack Ketchums Schreibstil ist knapp, aber präzise. Man ist mittendrin im Geschehen und das macht dieses Buch auch, zumindest war es bei mir so, zu einem echten Pageturner. Die Story ist simpel und im Prinzip auch vorhersehbar. Aber das macht gar nichts, denn die Atmosphäre und die Charakterzeichnungen zählen in diesem Fall.  Auch wenn es nicht Jack Ketchums bestes Buch ist, so wird aber das schwierige Thema von Vietnam-Veteranen mit Kriegstrauma sehr gut und, wie oben schon erwähnt, auch sehr einfühlsam und glaubwürdig behandelt.

Gerade weil Jack Ketchum mit diesem Roman beweist, dass er nicht nur blutige, brutale Horrorgeschichten schreiben kann, sondern auch einen Thriller mit Drama-Touch, macht mir diesen Roman sympathisch. Das Ende geht dann zwar sehr schnell, aber nicht unbedingt zu schnell und wirkt in seiner Konsequenz, die mich übrigens ein wenig an das Lebensende von Ernest Hemingway erinnerte, nach. Vielleicht handelt es sich bei dieser Anspielung auf Hemingway sogar um Absicht. 😉
Der Plot zeigt auf jeden Fall, wie brutal und unsinnig Krieg ist und vor allem, was er später aus den Menschen macht, die sich gezwungenermaßen daran beteiligen mussten. Nicht nur die Soldaten selbst, sondern auch ihre Ehen zerbrechen an den Kriegen. Mir persönlich hat dieses Kriegsdrama wirklich gut gefallen und zeigt vor allem durch den stimmungsvollen Handlungsort (der Wald) eine nachhaltige Wirkung. Ketchum zeigt in etwa ähnlicher Weise Kritik am Vietnamkrieg wie Filme á la „Jacob’s Ladder“ oder „Geboren am 04. Juli“.
Jack Ketchums „Jagdtrip“ konnte mich auf jeden Fall durch seine klare und wirkungsvolle Sprache und die tiefergehenden Charakterzeichnungen der Protagonisten überzeugen.
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Fazit: Eindringlich in seiner Aussage, spannend geschrieben und erschütternd in der Konsequenz.

© 2017 Wolfgang Brunner für Buchwelten

Das Arkonadia-Rätsel von Andreas Brandhorst

Erschienen als Taschenbuch
im Piper Verlag
544 Seiten
15,00 €
ISBN: 978-3-492-70426-7

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Jasper und seine Tochter Jasmin sind im Auftrag von Omni, einer Vereinigung von mächtigen Zivilisationen der Milchstraße, unterwegs zum Planeten Arkonadia. Dort taucht alle 453 Jahre ein seltsames Objekt, das Nerox, genannt wird auf und verhilft demjenigen, der es betreten kann, zu großer Macht über Arkonadia. Doch mit dem Erscheinen des Nerox geht es nicht nur um Macht über den Planeten Arkonadia, sondern das Objekt verbirgt ein Geheimnis, das eine Milliarde Jahre lang verborgen war und nun endlich gelöst werden soll.

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Wie bei jedem neuen Buch von Andreas Brandhorst schwelt im Hinterkopf der Gedanke, ob er es auch dieses Mal wieder schafft, die hohe Meßlatte, die er sich selbst mit seinen bisherigen Romanen gesetzt hat, zu erfüllen. Schon nach den ersten fünfzig Seiten war mir klar, dass es ihm gelungen ist.
Auf faszinierende Weise schafft es Brandhorst erneut, seine Leser mit seiner bildhaften Erzählweise und dem hochwertigen Schreibstil in seinen Bann zu ziehen. Und wieder begegnet der aufmerksame Leser eine Vielzahl an Anspielungen der Film- und Literaturwelt, die so geschickt in die Handlung einbezogen werden, dass es eine wahre Freude ist. „Das Arkonadia-Rätsel“ schließt an die Handlung von „Omni“, dem ersten Roman aus dem Omniversum an, kann aber auch ohne weiteres als selbständiges Werk gelesen werden. Besitzt man allerdings das Vorwissen des ersten Teils, haben die Geschehnisse dennoch eine andere (bessere) Wirkung. Brandhorst bleibt sich treu, webt philosophische Überlegungen in den Plot, das man eigentlich nur begeistert sein muss. Ähnlich wie ein anderer meiner SF-Lieblingsautoren, nämlich Stephen Baxter, führt Andreas Brandhorst seine Leser an Grenzen (und sogar darüber hinaus), die manchmal das menschliche Vorstellungsvermögen überschreiten, aber trotzdem dermaßen bildlich beschrieben werden, dass diese Szenen fast schon einem literarischen Drogenrausch gleichen. Es ist wirklich unglaublich, wie dieser Autor galaktische Grenzen mit faszinierenden Ideen überschreitet – und dies auch noch nachvollziehbar erzählen und erklären kann.

Zwei Handlungsstränge vereinigen sich im Laufe des Romans. Dadurch schafft Brandhorst wieder einmal einen regelrechten Pageturner, denn ich wollte immer wissen, wie es in der anderen Geschichte weitergeht. Der Plot zeigt auch immer wieder überraschende Wendungen (vor allem gegen Ende) und schraubt die Spannungsschraube gleichmäßig im Verlauf der Handlung nach oben. Aber gerade die teils ruhige, melancholische Stimmung dieses Romans war es, die mich besonders faszinierte. „Das Arkonadia-Rätsel“ ist, wie der erste Star Trek-Kinofilm, ein beeindruckender, oftmals stiller Trip an den Rand der Milchstraße, die man nicht so schnell vergisst. Und obwohl keine Oder nur wenige) Weltraumschlachten á la Star Wars vorkommen, hat man am Ende das Gefühl, einer epischen Reise beigewohnt zu haben.

An einigen Stellen kann ich mich des Eindrucks nicht erwehren, dass Brandhorst sich auch einmal in Richtung Steampunk austoben wollte. Besagte Stelle erinnerte mich auch irgendwie an Stephen Kings Zyklus vom „Dunkeln Turm“. Ob das beabsichtigt ist, kann ich schwer beurteilen. Sollte es allerdings so sein, dann kann ich nur sagen „Hut ab, Herr Brandhorst.“ 🙂
An Ideenreichtum mangelt es auch dem neuen Buch aus dem Omniversum auf keiner einzigen Seite. Und auch die Charakterentwicklung der beiden Hauptfiguren ist auf hohem Niveau durchdacht. Doch selbst den Nebenfiguren wurde erfreulicherweise „echtes“ Leben eingehaucht und hat zur Folge, das man mit ihnen mitfühlt und -fiebert.
Andreas Brandhorst schafft auch mit seinem neuen Buch, was andere Autoren zwar versuchen, aber oftmals einfach nicht in dieser Art hinbekommen: Spannung, Liebe, Philosophie, Intrigen, das Leben und der Tod in eine faszinierende Geschichte zu verpacken. Brandhorsts Romane machen süchtig. Nun muss man erst einmal wieder warten, bis neuer Lesestoff vom deutschen Meister der intelligenten, literarisch hochwertigen Science Fiction kommt.

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Fazit: Spannung und Philosophie in eine atemberaubende Handlung verpackt. Kultpotential mit Suchtgefahr.

© 2017  Wolfgang Brunner für Buchwelten

Fay von Larry Brown

Erschienen als gebundene Ausgabe
im Heyne-Verlag
insgesamt 652 Seiten
Preis: 22,99 €
ISBN: 978-3-453-27096-1
Kategorie: Belletristik, Thriller, Drama

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Fay ist siebzehn. Ihr Vater ist gewalttätig und so beschließt Fay eines Tages, einfach abzuhauen. Eine halbe Packung Zigaretten und ein paar Dollar sind die einzigen Begleiter, die sie hat. Das Mädchen lernt nette, aber auch eigennützige Menschen kennen. Vor allem die Männer sind es, die an Fay interessiert sind und sie begehren. Doch Fay kann sich wehren und ergibt sich nicht kampflos ihrem Schicksal. Ein steiniger Weg voller denkwürdiger Begegnungen erwartet die Ausreißerin …

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„Fay“ ist Larry Browns erster Roman, der in deutscher Sprache erscheint. Man fragt sich bereits nach den ersten Seiten unwillkürlich, warum noch kein deutscher Verlag darauf gekommen ist, diesen fantastischen Schriftsteller zu entdecken und vor allem zu verlegen. Brown ist seit 2004 leider verstorben und genießt seitdem immer mehr den Status eines Kultautors. Ganz zu Recht, wie ich meine.
Larry Brown schafft es mühelos, den Leser mit seiner Geschichte mitzureißen. Sein klarer Schreibstil wirkt eindringlich und vor allem sehr authentisch. Der Roman liest sich wie ein Tatsachenbericht, voller verlorener, einsamer Existenzen, in denen aber dennoch Hoffnungen verborgen sind. Der Leser begleitet Fay auf ihrem Weg durch eine Welt, die vollkommen kaputt zu sein scheint. Sex, Alkohol und Drogen bestimmen das Leben der Menschen, denen sie begegnet. Und Skrupellosigkeit. Aber auch Liebe.

„Fay“ ist dreckig und brutal, laut und blutig, leise und melancholisch. Liebe, Rache und Unglück … Es ist eine eigenartige Mischung, die Brown vorlegt: Die Flucht einer verzweifelten, jungen Frau, die auf der Suche nach Liebe und einer besseren Welt ist. Doch genau, wenn sie beides findet, entscheidet sie sich wieder für den schlechteren Weg. Larry Brown schafft es hervorragend, die Verzweiflung und Unschlüssigkeit einer Siebzehnjährigen einzufangen, die nicht genau weiß, was wirklich gut für sie ist. Die Charaktere in diesem Roman sind sehr tief und glaubwürdig. Es menschelt ungemein in dieser rohen Welt, in der sich die Protagonistin ihren eigenen Weg sucht. Man wird süchtig nach dieser Geschichte, fühlt sich irgendwie wohl im dreckigen, staubigen Hinterland von Mississippi. Selbst die „bösen“ Charaktere in Browns Drama besitzen eine Tiefe, die sie in gewisser Weise und in bestimmten Situationen sogar wieder sympathisch machen. Fays Charakter vergisst man nicht mehr so schnell. Sie ist mir ans Herz gewachsen mit ihren Fehlentscheidungen, die dramatische Ereignisse nach sich zogen. Aber Fay wusste es in ihrem Alter einfach nicht besser und hat Wege eingeschlagen, die sie für die besten hielt. Es ist aus der Sicht der jungen Frau fast immer nachvollziehbar, was sie tut. Und genau diese realitätsnahe Lebensgeschichte ist ein großer Glücksfall für den Leser, der sich dem Bann von „Fay“ wirklich sehr schwer entziehen kann.

„Fay“ von Larry Brown ist sehr bildhaft und emotional geschrieben. Der Roman ist das Porträt einer selbstbewussten jungen Frau, die aber noch zu wenig Lebenserfahrung hat, um ein selbständiges Leben zu meistern. Daher ist es nicht verwunderlich, welch schicksalhaften Entscheidungen sie aus dem Bauch heraus trifft und damit unbeabsichtigt Unheil heraufbeschwört. Doch der Charakter der Protagonistin durchlebt während der über 600 Seiten auch eine Entwicklung, die absolut nachvollziehbar ist.
Die Geschichte ist einfach unglaublich intensiv und aufwühlend. Selten schafft es ein männlicher Autor, eine weibliche Heldin derart glaubwürdig und ergreifend darzustellen. Larry Brown ist es uneingeschränkt gelungen und ich bin noch immer beeindruckt von dem Plot.
„Fay“ wirkt wie eine Story von John Irving, die von Corman McCarthy geschrieben wurde. Larry Brown ist ein Kultroman gelungen, der förmlich nach einer Verfilmung schreit. Bleibt nur zu hoffen, dass der Heyne Verlag die anderen Werke diese außergewöhnlich talentierten Autors auch noch veröffentlicht.

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Fazit: Dreckig und brutal, laut und blutig, leise und melancholisch. Larry Brown hat mit Fay einen unvergesslichen weiblichen Charakter erschaffen. Volle Punktzahl.

© 2017 Wolfgang Brunner für Buchwelten

Der Raum von Peter Clines

Der Raum von Peter Clines

Erschienen als Taschenbuch
im Heyne-Verlag
insgesamt 590 Seiten
Preis: 9,99 €
ISBN: 978-3-453-31642-3
Kategorie: Thriller, Science Fiction

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Als Nate Tucker in seine neue Wohnung einzieht, bemerkt er schon nach wenigen Tagen, dass etwas nicht stimmt: Türen lassen sich nicht öffnen und seltsame grüne Kakerlaken befinden sich in der Küche. Als er dann die Wohnungen von seinen Nachbarn zu sehen bekommt, stellt er fest, dass deren Ausmaße überhaupt nicht zum gesamten Haus passen. Schon bald beginnt ein unheimlicher Albtraum, bei dem es um die Rettung der gesamten Menschheit geht …

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Wie schon bei „Der Spalt“ liefert Clines einen hervorragenden und sehr stimmungsvollen Einstieg in seine Geschichte. Man fühlt sich als Leser sofort wohl mit dem Protagonisten und begleitet diesen neugierig durch seine neue Wohnung und das dazugehörige Haus. Es wirkt alles mysteriös und erinnert desöfteren an den grandiosen Roman „Das Haus“ von Mark Z. Danielewski. Aber auch an „Sliver“ von Ira Levin.
Man fiebert mit und kann kaum erwarten, wie es weitergeht, obwohl gar nicht so sonderlich viel passiert. Aber gerade diese ruhige Atmosphäre, mit der Peter Clines beginnt, macht den besonderen Reiz solcher Geschichten aus, denen man sich schwer entziehen kann. Alles wirkt glaubhaft und realistisch, obwohl alles dennoch von einem permanenten Hauch mystischer Rätsel umwoben ist. Als sich dann die Hausbewohner kennen lernen, sieht man die Treffen und Gespräche, die auf dem Hausdach stattfinden, wie einen Film vor sich. Wie gesagt, der Anfang des Romans ist absolut gelungen.

Doch leider passiert bei „Der Raum“ genau das gleiche wie bei „Der Spalt“: In der zweiten Hälfte entwickelt sich der Plot zu einem übertriebenen Action-Kracher, der die vorhergehende Handlung mit einem Schlag unglaubwürdig wirken lässt. Das liegt aber keinesfalls an der gelungenen Hommage an einen der Altmeister der Horrorliteratur, H.P. Lovecraft, sondern eher am übertrieben aufgesetzten Spannungsbogen, der wohl wieder einmal alles bisher dagewesene übertreffen soll. Hätte Clines den ruhigen Weg, wie in der ersten Hälfte des Buches, weiter eingeschlagen, wäre ein fantastischer Mystery-Thriller zustande gekommen, der noch dazu eine wirklich gute Idee im Lovecraft’schen Sinne vorweisen kann. So aber quält man sich eher durch die actiongeladenen Spannungssequenzen der zweiten Hälfte und möchte nur noch erfahren, wie es ausgeht. Wie gesagt, der Plot an sich ist wirklich gut und ideenreich, aber die Umsetzung funktioniert leider nur in der ersten Hälfte. Schade, denn das hätte durchaus ein kultiger Pageturner werden können.

Der Schreibstil ist gut und flüssig zu lesen, wobei auch hier auffällt, dass sich in der zweiten Hälfte bedeutend mehr umgangssprachliche „Ausrutscher“ und platte Witze verbergen als im ersten Teil. Das Ende wirkt wie der Film „Zathura“, nur bei weitem nicht so überzeugend. Zu viele Versatzstücke aus anderen Büchern oder Filmen kommen beim Finale zum Tragen und erdrücken den Kern der ursprünglichen Geschichte. „Der Raum“ ist gute, stimmungsvolle Unterhaltung in der ersten Hälfte und klamaukartiges Action-Feuerwerk in der zweiten Hälfte. Die vielen versteckten oder auch offensichtlichen Anspielungen auf H.P. Lovecraft und andere Bücher/Filme machen ungemein Spaß. Aber diese erfrischenden Einschübe hat Clines bereits auch in „Der Spalt“ praktiziert.
Peter Clines wird seine Anhänger finden, davon bin ich überzeugt, denn schreiben kann er, aber mich hat er mit dem Ende noch mehr enttäuscht wie bei „Der Spalt“. Dennoch ist ihm ein sehr rasanter und spannender Roman gelungen, der mich, wie schon bei „Der Spalt“, auf ein neues Werk neugierig macht, denn gute und fantastische Ideen hat Clines allemal.

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Fazit: Anfangs stimmungsvoll und überzeugend, endet der Plot leider in einem übertriebenen Action-Feuerwerk. Dennoch lesenswerter Mystery-Thriller.

© 2017 Wolfgang Brunner für Buchwelten

Scar von Jack Ketchum und Lucky McKee

Erschienen als Taschenbuch
im Heyne-Verlag
insgesamt 334 Seiten
Preis: 14,99 €
ISBN: 978-3-453-67717-3
Kategorie: Thriller, Drama

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Delia ist schon in jungen Jahren ein kleiner Filmstar. Ihre Eltern, vor allem die Mutter, schert sich nicht viel um die Kindheit ihrer Tochter, sondern hat nur Reichtum, das sie mit ihr verdient, im Kopf. Die beste Freundin von Delia ist ihr Hund Caity. Als Delia nach einem Unfall entstellt wird, gibt die Familie nicht auf, sie weiter zu vermarkten und mit ihr Geld zu machen. Doch keiner von ihnen ahnt, wie tief die Freundschaft zwischen dem Mädchen und ihrem Hund in Wirklichkeit ist.

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Es ist immer wieder erstaunlich, wie wandelbar manche Autoren sind. Jack Ketchum zeigt in Zusammenarbeit mit Co-Autor Lucky McKee (mit dem er auch bereits auch den letzten Teil seiner „Beute“-Trilogie mit dem Titel „Beuterausch“verfasst hat), dass Horror auch anders funktioniert. „Scar“ ist kein Jugendbuch, aber auch kein richtiges Erwachsenenbuch, sondern bewegt sich irgendwo dazwischen, daher für mich auch nicht nachvollziehbar, warum der Roman in der Edition „Heyne Hardcore“ erschienen ist. Genausowenig wie ich wieder einmal nicht begreife, warum der im Original betiltete „The Secret Life Of Souls“ in einen „deutschen“ Titel „Scar“ umbenannt wurde. Wer kein Englisch versteht, weiß auch nicht, was „Scar“ bedeutet. Aber gut, diese Dinge haben mit dem Roman an sich nichts zu tun, stoßen mir nur immer wieder sauer auf, weil wir uns ja schließlich in Deutschland befinden und Romantitel „Das geheime Leben der Seelen“ oder „Die Narbe“ doch auch gut klingen und von den Deutschen verstanden werden.

Zurück zum Buch: „Scar“ schlägt einen sehr ruhigen, aber nichtsdestoweniger unheimlich spannenden Weg ein, der das zerrüttete Leben einer Familie, die Einsamkeit einer Kinder-Schauspielerin und eine tiefe Verbundenheit zwischen Mensch und Tier erzählt. Mit kurzen Sätzen wird eine Story erzählt, die man neugierig verfolgt. Es ist eigentlich ein Drama, das Ketchum und McKee da in einem Thrillergewand mit Horroransätzen präsentiert. Und das funktioniert außerordentlich gut. Der Roman ist in drei Teile eingeteilt, die verschiedene Entwicklungen im Berufs- und Geschäftsleben des schauspielernden Kindes behandeln. In einer Mischung aus sozialkritischen Anspielungen auf die heutige Medienbranche und einem (zwar nicht sehr tiefgehenden, aber dennoch unmissverständlichen) Familienzerfalls, wird eine Geschichte geschildert, die zum Nachdenken anregt. Denn letztendlich wird ein menschliches Leben (und noch dazu ein Kind der eigenen Familie) schlichtweg nur dazu benutzt, um eigene finanzielle Bedürfnisse zu stillen. Allein das ist schon realer Horror pur. Aber Ketchum und McKee lassen es sich nicht nehmen und streuen noch ein wenig Grusel und Mystery in ihren Plot, um in einem dramatischen und effektvollen Finale zu enden, das einem Stephen King würdig ist. Obwohl sich die Geschichte in eine esoterische Richtung bewegt, wirken die Ereignisse niemals gekünstelt, sondern auf faszinierende Weise dennoch glaubwürdig.

Wer Jack Ketchums Klassiker wie „Evil“ oder eben die „Beute“-Trilogie kennt, könnte von „Scar“ leicht enttäuscht werden, denn hier wird eindeutig ein anderer, weitaus weniger brutale Weg eingeschlagen, der aber auf andere Weise zu schockieren vermag. Manches Mal fühlte ich mich an „Blutrot“ erinnert, das für mich immer noch neben „Evil“ eines der besten Bücher von Jack Ketchum darstellt.
Die Dialoge in „Scar“ wirken oft filmreif, was wahrscheinlich daran liegt, dass Co-Autor Lucky McKee neben seiner Autorentätigkeit auch noch Drehbuchschreiber und auch Regisseur („May“, „The Woman“) ist.  Gerade diese lebendigen Dialoge machen neben den kurzen, knackigen Kapiteln „Scar“ zu einem Pageturner, den man schwer aus der Hand legen möchte. Ich fühlte mich auf jeden Fall richtig wohl in der Handlung und Delia, ihr Bruder Robbie und natürlich die Hündin Caity sind mir in der kurzen Lesezeit ans Herz gewachsen. Aber auch die Antipathie gegenüber den Eltern wurde treffend geschildert. Mal ein etwas anderer Jack Ketchum.

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Fazit: Eine andere Seite von Jack Ketchum. Ruhiges Familiendrama mit Mystery-Einlagen und einem gelungenen, etwas härteren Finale.

© 2017 Wolfgang Brunner für Buchwelten

Dark Matter – Der Zeitenläufer von Blake Crouch

Erschienen als Taschenbuch
im Goldmann-Verlag
insgesamt 415 Seiten
Preis: 16,00 €
ISBN: 978-3-442-20512-7
Kategorie: Thriller

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Jason Dessen führt ein glückliches Leben, als er eines Abends von einem Unbekannten entführt und unter Drogen gesetzt wird. Als er wieder aufwacht, scheint er in einer vollkommen anderen Welt zu sein, in der nichts mehr so ist, wie es war. Jason braucht eine Weile, bis er feststellt, dass er in einem Paralleluniversum gelandet ist, in dem er seine Frau und seinen Sohn nicht mehr in seiner Nähe hat. Verzweifelt begibt sich Jason auf die Suche nach seiner wahren Identität und seinem Leben, das er noch vor wenigen Augenblicken geführt hat.

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Crouchs Schreibstil ist vom ersten Moment an fesselnd. Mit seiner knappen Erzählweise schafft es der Autor, den Leser sofort in seinen Bann zu ziehen. Man kann das Buch wirklich schlecht aus der Hand legen, so spannend und interessant ist es geschrieben. „Der Zeitenläufer“ ist Wissenschaftsthriller, Science Fiction-Roman und Liebesgeschichte in einem. Ein faszinierendes Spiel, das vom Leben, von der Liebe und den menschlichen Entscheidungen handelt und zum Nachdenken über das eigene Leben anregt. Crouch ist eine äußerst raffinierte Geschichte gelungen, mit der er die komplizierte Vielwelten-Theorie schlüssig und nachvollziehbar ausbaut. Jede Entscheidung in unserem Leben öffnet eine neue Tür in eine Zukunft, die bei einer anderen Entscheidung immer anders ausfallen wird. Das klingt alles sehr wissenschaftlich und unbegreiflich, aber Crouch schafft es, diese unterschiedlichen Identitäten in verschiedenen Parallelwelten, so zu erklären, dass man der Handlung folgen kann.

Es gibt viele Wendungen in diesem außergewöhnlichen Roman. Durch die dialoglastige Schreib und sehr flüssige Erzählweise wirkt das Buch fast so, als würde man einen Film sehen. Die ersten hundertfünfzig bis zweihundert Seiten verströmen eine unheimlich tolle Atmosphäre, bevor sich der Plot dann in einen rasanten Thriller verändert. An manchen Stellen denkt man, Crouch würde sich in seiner konstruierten Handlung verzetteln, aber er schafft es immer wieder, dem Ganzen eine gewisse Logik zu verleihen, über die man dennoch nachdenken muss. Die Geschichte wird in der Gegenwartsform erzählt, was beim Leser den Effekt hervorruft, unmittelbar mit dabei zu sein. Auch wenn mir persönlich die Entwicklung in der zweiten Hälfte des Buches nicht mehr so zugesagt hat, wie der Anfang des Romans, so kann man von Blake Crouchs Buch durchaus von einem absolut empfehlenswerten Pageturner sprechen. Ab der Mitte wird der Plot zu einem Abenteuer, das mich manchmal an die „Matrix“-Filme erinnert hat. Das Thema Parallelwelten und Multiversum hätte man weitaus unspektakulärer und nicht so reißerisch angehen können, dann wäre ein weitaus beeindruckenderes Bild entstanden. So aber geht die Geschichte einen oft vorhersehbaren Weg mit klar definierten Unterscheidungen zwischen Gut und Böse. Ich will damit sagen, dass es eigentlich zu viel war, was da auf den Leser einprasselt. Weniger hätte auf mich eine bessere und, wie schon erwähnt, beeindruckendere Wirkung gehabt.

Am Ende wirkt die Geschichte lange nicht mehr so glaubhaft wie zu Beginn. Crouch lässt den Roman gegen Ende hin leider immer mehr zu einem literarischen Popkornkino mutieren und nimmt ihm damit auch die hervorragende Atmosphäre, die er am Anfang geschaffen hat. Dennoch ist „Der Zeitenläufer“ ein origineller Roman mit sehr guten Ansätzen, der als Film (die Filmrechte sind schon verkauft) mit Sicherheit auftrumpfen kann. Warum das Buch allerdings im Deutschen „Dark Matter“ heißt und im Original „Black Matter“ erschließt sich mir wieder einmal nicht. Wenn der Titel schon englisch-deutsch sein soll, warum hat man dann nicht gleich den Originaltitel verwendet?
Zu erwähnen ist auf jeden Fall noch das wirklich wunderschöne und genial gemachte Cover, das sich mattglänzenden auf innovative Weise um das „ganze“ Buch legt. Das ist schon ein echter Hingucker im Bücherregal.

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Fazit: Starker Anfang und durchschnittliches Ende. Dennoch ein Buch, das man in einem Atemzug weglesen kann.

© 2017 Wolfgang Brunner für Buchwelten