Das zweite Schiff (Rho Agenda 1) von Richard Phillips

Erschienen als Taschenbuch
im Piper Verlag
432 Seiten
12,99 €
ISBN: 978-3-492-26991-9

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Im Jahr 1948 kann das amerikanische Militär in New Mexico ein abgestürztes, außerirdisches Raumschiff bergen. Über Jahrzehnte hält die Regierung diesen spektakulären Fund geheim. Bis eines Tages drei Jugendliche durch Zufall ein zweites Raumschiff entdecken und damit ein bedrohliche Hetzjagd ins Rollen bringen …

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Schon nach den ersten Seiten wird klar, dass man es bei „Rho Agenda“ mit einem klassischen Science Fiction-Roman zu tun bekommt, der technische Hard-SF mit jugendlichem Abenteuerroman verbindet. Das Konzept geht auf und man wird sofort von der bildhaft geschilderten Handlung mitgerissen. Wie bei einem typischen SF-Film aus den 80er-Jahren begleitet der Leser drei jugendliche Freunde, die durch Zufall einen spektakulären Fund machen und zuerst unschlüssig sind, wie sie sich verhalten sollen. Phillips braucht eine Weile, um dem Leser die Protagonisten nahe zu bringen, vor allem denkt man anfangs, es handelt sich vielmehr um Erwachsene als um Jugendliche. Aber das ändert sich schon bald.

Dem Verlag (und auch dem Buch) wird wohl des Öfteren vorgeworfen, es handle sich um eine Mogelpackung, da der Verlag den Roman als Buch für Erwachsene anpreist. „Bei „Das zweite Schiff“, übrigens dem ersten Teil eines Zyklus, handelt es sich in der Tat um einen Genremix aus Teenager-Abenteuer, Mystery und Science Fiction. Aber was ist so schlimm daran, dass Jugendliche die Hauptperson spielen? Und als typisches Jugendbuch würde ich dieses Werk auch nicht unbedingt bezeichnen, denn an manchen Stellen wird es schon auch einmal brutal und blutig. Ich für meinen Teil habe diese Geschichte wirklich sehr genossen, zumal sie ich, wie schon oben erwähnt, an SF-Filme wie „Explorers“, „Zathura“ oder die Serie „Roswell“ erinnert hat.
Richard Phillips‘ Schreibstil ist sehr flüssig zu lesen und hält, bis auf einige umgangssprachliche Ausrutscher (die allerdings auch an der Übersetzung liegen könnten), ein durchwegs ansprechendes Niveau.

Sicherlich strotzt der Plot nur so von klischeehaften Bildern der Guten und der Bösen. UFOs, FBI, Serienkiller und drei Jugendliche, die alles in den Griff kriegen, das hat schon was von Enid Blytons „Fünf Freunde“ oder Alfred Hitchcocks „Die drei ???“. Aber auch so etwas hat seine Existenzberechtigung und ist noch um Längen besser wie so manch genauso klischeebehafteter Action-Blockbuster des heutigen Kinos. Richard Phillips hat mit diesem ersten Abenteuer einen soliden Grundstein für die weitere Geschichte gelegt und, wenngleich die Charaktere nicht immer optimal ausgearbeitet wirkten, so habe ich sie auf gewisse Art und Weise ins Herz geschlossen und bin wirklich sehr gespannt, wie es weitergeht. Wir haben es bei diesem Roman also mit einer zwar seichten, aber durchaus funktionierenden Unterhaltung zu tun, die zudem auch noch spannend und sehr bildhaft erzählt wird. Ich hatte einen Riesenspaß mit dem ersten Teil der „Rho Agenda“-Serie und freue mich schon auf Teil 2 und 3. Bleibt nur zu hoffen, dass der Verlag die weiteren Bände, von denen im Original bereits zwei weitere erschienen sind, ebenfalls publiziert.

Für Science Fiction- und Abenteuerfans kann ich „Das zweite Schiff“ trotz klitzekleiner Makel nur empfehlen.

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Fazit: Äußerst spannender und absolut unterhaltsamer Science Fiction-Roman mit sympathischen, jugendlichen Protagonisten und dem charmanten Flair von 80er Jahren-Filmen.

© 2017 Wolfgang Brunner für Buchwelten

Smoke von Dan Vyleta

Erschienen als Taschenbuch
bei carl’s books
620 Seiten
16,99 €
ISBN: 978-3-570-58568-9

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Thomas und Charlie sind Internatsschüler, die den Rauch hinterfragen. Der Rauch: Ein Phänomen, das fast die gesamte Bevölkerung betrifft und wie eine Krankheit alle bösen, unaufrichtigen und dunklen Gedanken als Rauchwolke, die den Körperöffnungen entschweben, sichtbar macht. Die beiden Jungen treffen auf Livia, die Tochter einer undurchsichtigen Lady, die von einem Geheimnis umgeben ist, das ebenjenen Rauch betrifft. Die drei Jugendlichen decken bald eine Verschwörung auf, die lebensgefährlich für sie werden könnte.

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Was wie eine Art „Harry Potter“ anfängt, endet in einer Parabel über das Gute und Böse im Menschen, über die Menschlichkeit an sich. Es dauert anfangs eine Weile, bis man sich in der Welt von Dan Vyleta zurechtfindet. Aber schon bald spürt man den Sog des Buches, was vor allem an der ungeheuren Sprachgewalt des Autors liegt. Einerseits schreibt Vyleta in einem wunderbar verständlichen Ton, andererseits werden dem Leser faszinierende Wortspielereien serviert, die zum Nachdenken anregen. An manchen Stellen wird die Gedankenwelt der Protagonisten auf unglaublich intensive Art geschildert, die das eigene Kopfkino ebenfalls zum Laufen bringt. Es ist keine leichte Kost, die Dan Vyleta da verfasst hat. Geschickt in ein jugendliches Abenteuer verpackt, spricht der Roman allerdings eher die Erwachsenen an, denn der Plot fordert den Leser.

„Smoke“ wirkt auf den ersten Blick wie eine Fantasy-Abenteuer-Geschichte, fast schon wie eine Dystopie, ist aber im Grunde genommen ein literarischer Wurf vom Format eines Charles Dickens. Genau von Dickens stammt auch das Zitat, das dem Werk vorangestellt ist, und den Autor zu seiner Geschichte inspiriert hat. Mir persönlich hat vor allem die sprachliche Gewandtheit Vyletas gefallen, der an einigen Stellen fast schon visionär wie seinerzeit Samuel R. Delany oder Iain Banks wirkt. Man versteht nichts und dennoch irgendwie alles. Diese Stellen sind eine kleine Meisterleistung, die mich absolut beeindruckt hat. Vyleta lässt Bilder (und Gedanken) in den Köpfen der Leser aufleben, die faszinieren. „Smoke“ mutet an einigen Stellen wie ein Steampunk-Projekt an, an anderen wieder wie ein Jugendbuch. Geschickt lässt Vyleta verschiedene Stilrichtungen verschmelzen, spricht Jugendliche und Erwachsene gleichermaßen an, und verführt zum Nachdenken. Ein Hauch Mystery wechselt sich ab mit alt anmutenden Gesprächen im viktorianischen England, um kurz darauf in ein episches, düsteres Weltuntergangsszenario abzudriften, das aber keineswegs hoffnungslos erscheint. „Smoke“ steckt voller Überraschungen und eigenwilliger Ideen.

Hin und wieder wird auf unsere reale Welt angespielt, so dass sich das England in „Smoke“ bald wie ein Paralleluniversum „anfühlt“. Das Szenario wirkt einfach absolut echt und reißt einen unweigerlich mit. Erfreulicherweise erklärte sich ein Verlag bereit, dieses nicht am Mainstream orientierte Werk in Deutschland zu verlegen. Gerade solche Genremixe, die sich nicht in eine Schublade stecken lassen, haben es beim Publikum immer sehr schwer, da viele einfach nicht für solche abgedrehten Geschichten offen sind. Alleine aus diesem Grund ist „Smoke“ ein Lichtblick in der Welt der Literatur, die immer mehr von standardisierten Thriller und Krimis heimgesucht wird. Aus meiner Sicht ist „Smoke“ ein sehr eigenwilliges, mutiges und inspirierendes Buch.

Einziger kleiner Wermutstropfen sind die teils lieb- und farblosen Charaktere, mit denen man schwer bis gar nicht richtig warm wird. Aber der Plot und der Ideenreichtum wiegen dieses bedauerliche Manko auf.

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Fazit: Spannend, innovativ und hervorragend geschrieben. Interessanter Genremix, der zum Nachdenken auffordert. Die Personen leiden allerdings unter einer teilweise schwachen Charakterdarstellung.

© 2017 Wolfgang Brunner für Buchwelten

Harry Potter und das verwunschene Kind von J.K. Rowling, John Tiffany und Jack Thorne

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Erschienen als gebundene Ausgabe
bei Carlsen
insgesamt 336 Seiten
Preis: 19,90 €
ISBN: 978-3-551-55900-5
Kategorie: Jugendbuch, Abenteuer, Fantasy

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Der berühmte Harry Potter ist mittlerweile Vater zweier Söhne und versucht, seine Vergangenheit zu vergessen. Doch ausgerechnet einer seiner Söhne, Albus, erfährt, dass sich das Böse aus der Vergangenheit wieder versucht zu erheben. Zusammen mit Draco Malfoys Sohn Scorpius versucht Albus das Unheil abzuwenden und gerät dabei in einen gefährlichen Strudel aus Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft.

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Man hat irgendwie darauf gehofft, aber eigentlich nicht wirklich damit gerechnet, dass Harry Potters Abenteuer weitergehen. Und nun ist es tatsächlich soweit.
Rowling geht einen überaus interessanten und aus meiner Sicht ungemein geschickten Weg, die Serie wieder aufleben zu lassen: Sie hat nämlich keinen Roman geschrieben, sondern ein Theaterstück verfasst. Wer jetzt denkt, dass macht die ganze Stimmung und die Reihe kaputt, der hat sich gründlich getäuscht. Denn was die Autorin zusammen mit John Tiffany und Jack Thorne auf die Beine gestellt hat, ist ein unglaublich tolles, spannendes und vor allem ideenreiches Abenteuer geworden, das auf faszinierende Art eine eigene Geschichte erzählt, aber dennoch auch in gewisser Art und Weise Prequel und Sequel der „Ursprungsgeschichte“ in einem ist. Das ist absolut genial überlegt und in Szene gesetzt worden.

Wer sich das erste Mal einer Geschichte in Form eines Theaterstücks widmet, könnte anfangs Schwierigkeiten damit haben. Mir hat es nicht viel ausgemacht, weil ich auch schon mal das ein oder andere Drehbuch oder eben auch Theaterstück lese. Wenn man sich dann aber erst einmal darauf eingelassen hat, wird man mit einem mitreißenden Plot belohnt, der einem durch den knappen Schreibstil  und die vielen Dialoge jede der Szenen bildlich vor Augen entstehen lässt. Ich konnte mich wirklich sehr schwer von der Geschichte losreißen und war immer wieder erstaunt, und das an nicht wenigen Stellen, wie geschickt alte Bekannte in die Story eingebaut wurden, von denen man gar nicht mehr geglaubt hat, sie jemals wieder zu treffen.
Es gibt unglaublich viele Wendungen und Überraschungen, so dass man nur so von Szene zu Szene hüpft, um zu erfahren, wie es weitergeht. Mir persönlich hat diese Art einer „Fortsetzung“ absolut gut gefallen und ich bin schon sehr gespannt, wie das Ganze dann letztendlich auf der Bühne, für die es ja schließlich geschrieben wurde, aussehen wird.

Romanleser werden „Harry Potter und das verwunschene Kind“ nicht mögen, ebenso wie die unflexible Generation an Lesern, die in ihrem Leben nicht viel mehr als die Potter-Reihe gelesen haben. Kulturell aufgeschlossene LeserInnen werden an diesem neuen Stil ihre Freude haben, da bin ich ziemlich sicher. Rowling hat frischen Wind in die Potter-Reihe gebracht, die neugierige Fans auf alle Fälle mit ihrer Geschichte befriedigt, denn wir erfahren tatsächlich, wie es einem erwachsenen Harry Potter ergeht, wenngleich das Hauptaugenmerk eher auf die Nachkommen von Potter und Malfoy gerichtet ist. Was aber auch völlig in Ordnung ist.
Für mich war das achte Abenteuer der Reihe eine außergewöhnliche Reise, die zurück in eine der erfolgreichsten Buchserien aller Zeiten führt. Ich bin begeistert und habe jede Szene absolut genossen.

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Fazit: Für den ein oder anderen mag das fürs Theater verfasste Skript befremdlich erscheinen. Ich mochte diese außergewöhnliche Art und bin absolut begeistert vom Ideenreichtum der achten Geschichte.

© 2016 Wolfgang Brunner für Buchwelten

Tripods – Die dreibeinigen Herrscher von John Christopher

Tripods

Erschienen als Broschur
im Piper Verlag
insgesamt 736 Seiten
Preis:  20,00  €
ISBN: 978-3-492-70349-9
Kategorie: Science Fiction, Jugendbuch, All Age

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Sie sind plötzlich da: die Tripods! Riesig, dreibeinige Maschinen aus dem All, die sich die gesamte Menschheit mit Hilfe von Kappen gefügig machen wollen, die ihre Träger zu willenlosen Marionetten machen. Will wehrt sich gegen diese Maßnahme und findet Verbündete, die sich ebenfalls nicht der Herrschaft der Außerirdischen beugen wollen. Gemeinsam versuchen sie, die Tripods zu bekämpfen …

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Schon nach den ersten Seiten wusste ich, dass es sich bei dem Tripods-Zyklus von John Christopher um einen Vorläufer der heutigen, sogenannten All Age-Romane und beliebten Dystopien handelt. Christopher schreibt zwar für Jugendliche, das merkt man an dem meistens sehr einfachen Schreibstil, vermag aber mit seinem Endzeit-Szenario auch Erwachsene zu faszinieren. Es macht wirklich Spaß, den Hauptprotagonisten Will und seine Freunde bei der Rettung der Welt zu begleiten.
Die Alien-Invasion, die beschrieben wird, ruft oftmals Bilder aus H.G. Wells „Krieg der Welten“ in Erinnerung, wirkt aber an keiner Stelle nachgemacht. Es ist die Ausgangssituation, in die der Leser hineingeworfen wird, die an Wells SF-Klassiker denken lässt.

Manchmal hätte ich mir schon einen etwas hochwertigeren Schreibstil gewünscht, denn gerade die Kontaktaufnahme mit den Aliens im zweiten Band hätte dadurch durchaus einen höheren Reiz gehabt. Aber nichtsdestotrotz stach der zweite Teil des Zyklus in meinen Augen aus den anderen Bänden heraus, weil er beim Leser fast schon menschliche Gefühle für die „Feinde“ aufkommen ließ. Das hat mir außerordentlich gut gefallen.
Die Story wird flott vorangetrieben und nie langweilig. Christopher hat einen astreinen Abenteuer-Roman geschrieben, der Jugendliche vor fünfzig Jahren wahrscheinlich um einiges mehr begeistert hat wie heute. Die ersten drei Bände wurden in den Jahren 1966 und 1967 geschrieben und waren eigentlich eine Auftragsarbeit, was man aber an keiner Stelle herausliest. Über zwanzig Jahre später hat Christopher dann eine Vorgeschichte geschrieben, die sich hervorragend in das bestehende Bild der Trilogie einfügt.

„Die Tripods“ sind unterhaltsam und verbreiten eine sehr schöne Abenteueratmosphäre, in der man sich als Leser sofort wohlfühlt. Auch schafft das Buch, dass man sich wieder an seine eigene Kindheit voller knisternder Spannung und Abenteuer zurückerinnert.
Interessant ist, dass sich Christopher nie auf spektakuläre Kampfszenen einlässt, sondern den Plot geradlinig und ohne große Schnörkel erzählt. Das mag für den ein oder anderen Leser langweilig wirken, für mich gab es aber ein stimmiges und vor allem authenthisches Bild einer Welt, wie sie nach einer solchen Invasion durch Außerirdische durchaus aussehen könnte. Christophers Epos ist nicht nur reine Science Fiction, sondern auch ein typisches „altes“ Abenteuerbuch aus einer Zeit, in der Kinder und Jugendliche noch auf Bilder in ihrer Fantasie angewiesen waren und nicht alles durch Spezialeffekte in Kinofilmen vorgesetzt bekamen.
Sciencer Fiction Fans meines Alters (Jahrgang 1964) werden einige Anleihen von damaligen SF-Filmen erkennen (wie schon erwähnt „Kampf der Welten“, aber auch zum Beispiel „Logan’s Run“), aber das erhöht das Vergnügen für ältere Leser ungemein, denn auch hier fühlt man sich in der Zeit zurückversetzt.
Insgesamt ist John Christophers Alien-Invasion ein absolut unterhaltsames Lesevergnügen, das ohne Verluste die vielen Jahre seit ihrem Entstehen überstanden hat. Umso erfreulicher, dass der Piper Verlag nun eine Gesamtausgabe, in der Trilogie und Vorgeschichte vereint sind, auf den Markt gebracht hat.

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Fazit: Vorläufer der heute beliebten All Age-Romane und Dystopie-Szenarien. In einfachem Schreibstil wird eine geradlinige Abenteuergeschichte für Jugendliche und Erwachsene erzählt, die absolut unterhält.

© 2016 Wolfgang Brunner für Buchwelten

Ikarus von Andreas Brandhorst

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Erschienen als Taschenbuch
bei Heyne
insgesamt 576 Seiten
Preis:  14,99  €
ISBN: 978-3-453-31545-7
Kategorie: Science Fiction

Der Regierungsrat Takeder wird ermordet. Als er in einem sogenannten Kopiat, einer Hülle, die seine Erinnerungen gespeichert hat, erwacht, macht er sich auf die Suche nach seinem Mörder. Immer tiefer dringt das zweite Ich Takedes in sein vergangenes Leben ein und entdeckt ein Geheimprojekt namens „Ikarus“, bei dem er mitgewirkt hat. Und plötzlich macht man erneut Jagd auf Takeder …

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Brandhorst neigt so manches Mal dazu, zu übertreiben. Zumindest hat man bei einigen seiner Werke anfangs diesen Eindruck, bis man eines besseren belehrt wird und in eine Welt eintaucht, die man zwar gelesen nicht versteht, die aber im Kopf ein relativ klares Bild zeichnet. „Ikarus“ gehört zu jener Sorte Bücher.
Die Grundidee ist phänomenal und sofort kommt eine Art Abenteuerstimmung auf, die einen in den Bann zieht. Dann kommt der Zeitpunkt, an dem Brandhorst wild mit erfundenen (oder vielleicht auch sogar tatsächlich existierenden) Begriffen um sich schmeißt und beim Leser erst einmal eine Galaxie von Fragezeichen um dessen Kopf schwirren lässt. Aber wenn man weiter liest und sich auf die Geschichte einlässt, kristallisieren sich immer mehr Zusammenhänge heraus und man „versteht“, was Brandhorst meint. Ich habe das in einer anderen Rezension schon einmal erwähnt, aber auch auf dieses Buch trifft es wieder zu: Brandhorsts Worte erinnern an Iain Banks, der es ebenfalls verstand, seine Leser zu verwirren, bis man an einen Punkt kam und die Handlung ganz klar vor sich sah und „verstand“.

„Ikarus“ ist ein Epos, das in seiner Bildsprache wieder einmal sehr faszinierend ist und erst nach einer Weile sein gesamtes Spektrum beim Leser entfaltet. Man muss sich in Geduld üben, bestimmte Dinge erst einmal hinnehmen, um sie später entweder zu begreifen oder eben nicht, damit man diesen epischen Science Fiction-Thriller genießen kann. Ich für meinen Teil hatte wieder meine helle Freude daran, fremde Welten zu entdecken und in Paralleluniversen a la „Inception“ einzutauchen. Vor allem der sehr interessante Charakter des Holders, der als Kopie seiner selbst, seinen eigenen Mörder sucht, hat es mir angetan. Brandhorst hat die Eigenschaften und Gedanken dieses Mannes sehr gut und nachvollziehbar herausgearbeitet.

„Ikarus“ ist keine Alltagskost (das sind allerdings die anderen Bücher von Andreas Brandhorst auch nicht), das volle Aufmerksamkeit fordert, denn sonst hat man bereits nach den ersten Seiten verloren. Brandhorsts Geschichten lassen zwischen den Zeilen jede Menge Platz zu Selbstinterpretationen. Und, wie bei seinen anderen Romanen, erzeugt der Autor durch seinen bildhaften und intelligenten Schreibstil dafür, dass sich im Kopf des Lesers nicht nur die Bilder seiner Geschichte zeigen, sondern auch eigene, die sich der Leser selbst ausmalt. Das ist schon eine Meisterleistung.

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Fazit: Bildhaft und mit einer innovativen Idee entführt uns Andreas Brandhorst wieder in eine seiner unglaublich komplexen Abenteuerwelten. Intelligente Science Fiction zum Träumen.

© 2015 Wolfgang Brunner für Buchwelten

Die Karte meiner Träume von Reif Larsen

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Erschienen als Taschenbuch
bei S. Fischer
insgesamt 464 Seiten
Preis: 12,95 €
ISBN: 978-3-596-18444-6
Kategorie: Belletrstik

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Der zwölfjährige T.S. Spivet ist begeisterter Kartenzeichner. Er hält alles aber wirklich alles in Form von Karten, fest. Als er für eine Universität Zeichnungen von Insekten anfertigt, wird er eingeladen, dort zu arbeiten und Vorträge zu halten, denn man glaubt, er sei erwachsen. Spivet entscheidet sich in einer sternenklaren Augustnacht, auf eigene Faust zu dieser Universität zu fahren und erlebt dabei das größte Abenteuer seines Lebens.

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Reif Larsens Debüt ist wie eine Mischung aus Romanen von John Irving und Mark Danielewskys „Das Haus“. In einem sehr angenehmen Schreibstil entführt Larsen seine Leser in eine Welt, in der noch so ziemlich alles in Ordnung war. Sein kindlicher Protagonist ist naiv und erwachsen gleichzeitig. Diese Mischung macht den kleinen Helden sympathisch und man begleitet ihn gerne auf seiner Reise ins Erwachsenwerden.
Die handschriftlichen Zeichnungen, Notizen und Querverweise an den Rändern der Buchseiten vermitteln der Geschichte einen Hauch von Realität und man ertappt sich dabei, dass man sich auf die Einschübe ebenso freut wie auf die eigentliche Story.

„Die Karte meiner Träume“ eröffnet dem Leser, der sich auf diese Art der Geschichte einlassen kann, einen kleinen Kosmos, der vor Ideen und Emotionen sprüht. Aber nicht nur die ungewöhnliche Aufmachung des Romans macht den Reiz aus, sondern auch das Universum des kindlichen Helden, der die Welt mit anderen Augen sieht als die Erwachsenen. Auf faszinierende Weise ergänzen sich Haupttext und an die Seitenränder gekritzelte Notizen zu einem ganzen, zu einer märchenhaften Welt, in der aber auch Schuld und Zweifel eine große Rolle spielen. „Die Karte meiner Träume“ ist wie ein Road-Movie zwischen zwei Buchdeckeln, voller skurriler Einfälle und liebenswerter Charaktere. Ähnlich wie bei „Die Entdeckung des Hugo Cabret“ von Brian Selznick nimmt man am Leben eines Kindes teil und kann sich schwer dieser Welt entziehen.

Im Verlauf der Geschichte entwickelt sich die anfangs noch sehr authentische Story gegen Ende hin zu einem fast schon Fantasy-Plot. Ich persönlich fand diese Entwicklung nicht weiter schlimm, aber es gibt bestimmt manch einen Leser, der mit dieser Entwicklung unzufrieden ist, nimmt sie letztendlich der Gesamtgeschichte die Glaubwürdigkeit.
Larsen hat einen sympathischen Helden erschaffen, der trotz seines Mutes auch Ecken und Kanten hat und so manches Mal ein bisschen abgedreht wirkt. Durch die Skizzen und Gedanken, die einen durch den gesamten Roman begleiten, taucht man tief in die Welt des Protagonisten ein und lernt, so zu denken wie er. Der Leser begleitet den Jungen sozusagen hautnah auf seinem Weg zur Selbstfindung.

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Fazit: Auf zauberhafte, ideenreiche und ungewöhnliche Art und Weise wird die Geschichte eines Jungen auf dem Weg zum Erwachsenwerden geschildert. Larsens Debüt glänzt durch eine hervorragende Aufmachung und verrückte Charaktere. Wer das Außergewöhnliche in der Literatur liebt, sollte zugreifen.

© 2015 Wolfgang Brunner für Buchwelten

Flußfahrt von James Dickey

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Erschienen als gebundene Ausgabe
bei Rowohlt
insgesamt 268 Seiten
Preis: ???
ISBN: vergriffen
Kategorie: Thriller

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Vier Großstädter planen, einen unberechenbaren Fluss mit dem Kanu zu bezwingen und eine abenteuerliche „Männerzeit“ zu verbringen. Doch der harmlose Ausflug wird bald zu einem schrecklichen Alptraum, bei dem es nur noch ums Überleben geht.

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Bereits in den 70er Jahren schuf James Dickey diesen beeindruckenden Roman über ein Abenteuer jenseits der Zivilisation, Männerfreundschaften und den Kampf ums Überleben. Dieser Horrortrip inmitten düsterer Wälder und reißender Flüße gräbt sich dem Leser unweigerlich ins Gedächtnis. Hinter dieser an sich einfachen Geschichte könnte sich so mancher Thriller von heute eine Scheibe abschneiden, denn hier geht es um menschliche Abgründe, Hoffnungen und reinen Überlebensinstinkt.  Man macht diese Reise von der ersten Seite an mit und spürt sämtliche Gefühle des Ich-Erzählers. Und während in der heutigen Zeit krampfhaft bei Thrillern versucht wird, ein bombastisches Finale hinzuzaubern, versickert Dickeys Parabel in den letzten Seiten auf den ersten Blick mit einem ruhigen, fast schon melancholischen Ausklang, der dennoch beim Leser auf all die unbeantworteten Fragen des Plots hinweist und dadurch eindeutig mehr Tiefgang und vor allem Magenkribbeln verursacht als so mancher zeitgenössische Roman dieser Art. Die Gegenüberstellung zwischen Arbeits- und Alltagswelt und purem Abenteuer könnte besser nicht geschehen. Und wie Dickey den Grat meistert, wie aus einem „simplen“ Abenteuer ein Höllentrip ums nackte Überleben wird, ist schon grandios. „Flußfahrt“ ist Abenteuerroman, melancholische Hinterfragung des Lebenssinns, Erklärung des instinktiven Lebenserhaltungstriebs und brutale, schockierende Geschichte über menschliche Verhaltensweisen in einem.

Dickeys Schreibstil ist gehoben, aber dennoch einfach, so dass man sich ohne viel Zutun in die Geschichte fallenlassen kann und mitgerissen wird. Man hört das Rauschen des wilden Flußes und riecht den Wald, fiebert mit den Protagonisten mit und erlebt hautnah die Veränderungen, die in den Menschen vorgehen, als ein unvorhergesehenes Ereignis in ihren Abenteuertrip eindringt und die Idylle roh zerstört. Der Roman vermittelt Abenteuer und Spannung im besten Sinne und man kann sich schwerlich dem Sog dieser Geschichte entziehen. Obwohl alles aufs Wesentliche reduziert wird, läuft in den Gedanken des Lesers ein wuchtiger Film ab, der so manches Mal an David Osbornes „Jagdzeit“ erinnert.

Kongenial in Szene gesetzt wurde dieser Roman im Jahr 1972 von John Borrman unter dem Titel „Beim Sterben ist jeder der Erste“. Doch sich nur den Film anzusehen, bringt nicht das ganze Ausmaß des Geschehens ans Tageslicht wie es in Dickeys Romanvorlage der Fall ist. Buch und Film haben für mich eindeutigen Kultcharakter.

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Fazit: Spannend, dramatisch, poetisch, menschlich, unmenschlich und brutal. James Dickeys Wildwasserabenteuer in einer einsamen Natur ist Kult.

© 2015 Wolfgang Brunner für Buchwelten

Phoenix von Jan Aalbach

Erschienen als Taschenbuch
im Piper Verlag
insgesamt 508 Seiten
Preis: 14,99 €
ISBN: 978-3-492-26964-3
Kategorie: Thriller
Erscheinungstermin: März 2014

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Der Meisterkoch Elias Meerbaum wird von einem undurchsichtigen Milliardär angeheuert, eine Substanz, die sogenannte „Asche des Phoenix“, zu finden, die ewiges Leben verspricht.
Zuerst ist Meerbaum mehr als skeptisch, doch als er plötzlich selbst in eine lebensbedrohende Situation kommt, nimmt er den Auftrag an. Eine uralte Rezeptur, verschlüsselt in einem Gedicht, enthält die Zutaten und die genaue Zubereitung der Substanz.
Um an die benötigten Bestandteile zur Herstellung der Essenz zu kommen, begibt  sich Meerbaum mit der charmanten Ärztin Xi auf eine Reise, die ihn um die ganze Welt führt.

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„Phoenix“ ist Jan Aalbachs Debütroman und die Inhaltsangabe macht enorm neugierig, suggeriert sie doch einen mystischen Abenteuerroman, obwohl der Verlag das Buch unter der Rubrik „Thriller“ veröffentlicht hat.
Als allererstes sei darauf hingewiesen, dass es sich bei „Phoenix“ nicht um einen Thriller, sondern eher um einen fantastischen Abenteuerroman handelt.

Aalbach hat hervorragend recherchiert, das ist keine Frage, auch wenn das im Roman angewandte Wissen teilweise überfrachtet wirkt. Dennoch ist dem Autor ein rasantes Abenteuer gelungen, das auf weiten Strecken an die „Indiana Jones“- und „Lara Croft“-Filme erinnert. Geheimnisvolle Höhlen und rätselhafte Seen sind nur einige der Schauplätze, die den Leser erwarten.

Bis zur Hälfte hat mir das Buch auch ganz gut gefallen, auch wenn ich bis dahin schon ein paar Mal über flapsige Ausdrücke hinweggelesen habe.
In der zweiten Hälfte des Romans wurden diese umgangssprachlichen Wendungen aber meinem Empfinden nach immer mehr und das hat mir persönlich dann leider nicht mehr so gut gefallen und mir teilweise sogar die Spannung genommen.
Aber ich denke, dass diese Schreibweise einfach nur Geschmackssache ist und bei vielen Lesern mit Sicherheit ankommt, da sie die Handlung auflockert und mit teils gelungenen Witzen garniert.

Insgesamt wird dem Leser ein unterhaltsames und gut lesbares Adventure geboten, das die meiste Zeit großen Spaß macht. Hätte der Autor die Geschichte weniger „witzig“ gestaltet, wäre ein für mich bedeutend besseres Buch entstanden. Aber, wie gesagt, die Geschmäcker sind da mit Sicherheit verschieden.
Was mich allerdings wirklich gestört hat, war, dass eine wieder zum Leben erwachte Königsmumie, gegen die die Protagonisten kämpfen mussten, salopp „Dusty“ genannt wurde. Das war für mich ein echter Spannungs- bzw. Drama-Killer.

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Mein Fazit: Mystischer Fantasy-Abenteuerroman im Stil der „Indiana Jones“-Filme, der einen guten Start hinlegt und gegen Ende leider immer flacher auf mich wirkte. Für die erste Hälfte gäbe ich gerne vier Sterne, für die zweite allerdings nur zwei, so dass in der Endwertung eine glatte 3-Sterne-Rezension daraus wird.
Aalbach hat enorm gut recherchiert, was dem Buch auf jeden Fall Qualität verleiht, aber er hat meiner Meinung nach das Potential einer wirklich guten Idee durch den teilweise flapsigen Schreibstil nicht ausgeschöpft.

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Ich danke dem Piper-Verlag für die Bereitstellung des Rezensionsexemplars.

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© Buchwelten 2014

Das Ende der Sterne wie Big Hig sie kannte von Peter Heller

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Erschienen als
gebundene Ausgabe
im
Eichborn Verlag
320 Seiten
Preis: 19,99 €
ISBN: 978-3-8479-0519-6

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Zuerst kam die tödliche Grippe, dann kam die Blutkrankheit. Einige wenige haben diese Todeswelle überlebt, Big Hig ist einer von ihnen. Und sein Hund Jaspar, der hat es auch geschafft. Hig, einfach nur Hig, lebt nicht mehr in seinem ehemaligen Haus, dort würden ihn die Erinnerungen an sein altes Leben nur quälen. Er lebt in einem verlassenen Flugzeughangar, gemeinsam mit seinem Hund und seiner geliebten Cessna. Zum schlafen geht er – Sommer wie Winter – unter den freien Himmel, weiß man doch nie, ob noch irgendwelche Plünderer auftauchen.

Hig hat lediglich eine weitere menschliche Person in seiner Nachbarschaft: Bangley. Ein eigensinniger Waffennarr, der Hig eigentlich die meiste Zeit unheimlich ist, jedoch sind sie ein eingespieltes Team und da sie nur einander haben, arrangieren sie sich. 

Hig fliegt täglich mit seiner Cessna raus und macht seine Kontrollflüge. Flugzeugbenzin gibt es unendlich viel und er braucht diese Flüge einfach. Immer noch, nach 9 Jahren, hört er den Funkverkehr ab, in der Hoffnung, irgendwann eine menschliche Stimme zu vernehmen. In etwas weiterer Umgeben leben einige weitere Überlebende, allerdings sind diese Familien mit der Blutkrankheit infiziert. Hig fliegt dennoch regelmäßig zu ihnen rüber und schaut, ob sie Lebensmittel oder ähnliches benötigen. Wenn nötig, fliegt er zu ihnen. Dass sie dabei einen gewissen Sicherheitsabstand wahren, haben sie sehr gut organisiert. Big Hig hat keine Angst, sich anzustecken. Bangley hat für diese Hilfsbereitschaft seines Nachbarn keinerlei Verständnis, doch Hig lässt sich nicht reinreden. Er zieht seinen kleinen Beitrag der letzten Menschlichkeit stur durch!

Als Hig auf einmal ein Funksignal empfängt, ist Higs Abenteuergeist und Neugier so sehr geweckt, so dass er sich auf eine Reise begibt …

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Hig ist ein sehr gefühlvoller, nachdenklicher Mann, der mit Mitte 40 von sich sagt, dass er alt ist. Seine geliebte Frau hat er durch die Grippe verloren. Er ist einsam, viel in seinen Gedanken verloren und versucht mit seinem Leben zurechtzukommen. Dieser Charakter ist ein sehr angenehmer, der mir gleich sympathisch war. Auch Bangley, der unter seiner harten Schale einen weichen Kern hat, gefällt mir.

Der Autor erzählt die Geschichte aus der Ich-Perspektive und in der Gegenwart. Eine Erzählweise, die mir persönlich nicht wirklich gefällt. Immer wieder springt er jedoch in die Vergangenheit, wenn er zurückdenkt an vergangene Tage.

Auch gibt es in dem Roman keine wörtlichen Rede, wenn die Personen miteinander „sprechen“, sind diese Stellen indirekt.

Peter Heller hat hier eine gefühlvolle und abenteuerliche Geschichte erzählt, die für mich aber eher schleppend und anstrengend zu lesen war, was vermutlich an dem besonderen, außergewöhnlichen Erzählstil gelegen hat. Mir hat er nicht so ganz zugesagt, so dass ich mich einfach etwas schwer tat und nicht entspannt durch die Handlung „fliegen“ konnte.

Das Buch präsentiert der Eichborn Verlag als schöne gebundene Ausgabe, welches ein schönes, ansprechendes Cover ziert. Mir gefällt es sehr gut.

Mein Fazit: 3 von 5 Sternen für „Big Hig“, eine schöne, ruhige, abenteuerliche Geschichte über Freundschaft, dass Überleben und das Vermissen und die Sehnsucht. Geschrieben in einem eigenwilligen, außergewöhnlichen Schreibstil, der mir persönlich leider nicht so liegt.

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© Buchwelten 2013

Hadschi Halef Omar von Jörg Kastner

Erschienen als
gebundene Ausgabe
im
Karl May Verlag, Bamberg
440 Seiten
Preis: 19,90 €
ISBN: 978-3780201904

Der Ich-Erzähler Kara Ben Nemsi erreicht mit dem Schiff Algier (Algerien) im Nordwesten Afrikas. Er möchte Land und Leute erkunden. Auf der Fahrt lernt er Mademoiselle Clairon Latreaumont kennen, die ihm erzählt, dass ihr Verlobter auf der Suche nach einem mysteriösen Ort namens „Die Oase des Scheitans“ ist.

Durch die Erzählung neugierig geworden, aber auch weil er der Mademoiselle helfen will, ihren Verlobten zu finden, begibt sich Kara Ben Nemsi auf Spurensuche nach der geheimnisvollen Oase.

Während verschiedener Abenteuer lernt er Hadschi Halef Omar kennen, einen liebenswürdigen Beduinen, der jedoch einen zwanghaften Hang zur Prahlerei besitzt. Hadschi Halef folgt Kara Ben Nemsi und schon bald werden sie nicht nur zu Herr und Diener, sondern auch zu Freunden.

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Der Roman „Hadschi Halef Omar“ beschreibt auf sehr unterhaltsame, und vor allem auch gut durchdachte, Weise die Vorgeschichte zu Karl Mays „Durch die Wüste“.

Auch wenn Kastner im Nachwort schreibt, dass es nicht in seiner Absicht lag, einen weiteren Karl May Roman zu schreiben, so schafft er es dennoch auf faszinierende Weise, das May’sche Universum aufleben zu lassen.

Kleine Anspielungen erfreuen den May-Fan ebenso wie die detaillierten Schilderungen der Abenteuer und vor allem der Umgebungen, in denen sich die Prota- und Antagonisten tummeln. Kurzzeitig, vor allem, wenn man sich auf die Geschichte einlässt, vergisst man tatsächlich streckenweise, dass man NICHT ein Buch von Karl May, sondern von Jörg Kastner in der Hand hält.
Kastner versteht es wirklich, den Charme der alten Orient-Romane einzufangen und spielt mit guten und interessanten Ideen, die durchaus Logik hinsichtlich des sechsbändigen Orient Zyklus‘ von Karl Mays ergeben.

Wir werden Zeuge, wie Kara Ben Nemsi und Hadschi Halef Omar sich kennenlernen und ihr erstes gemeinsames Abenteuer bestehen. Und das in einem gehobenen Schreibstil, der dem von Karl May übrigens wirklich sehr ähnlich ist, ohne jemals nachgemacht zu wirken. Gut recherchiert wirkt die Geschichte überzeugend, wenngleich ich am Ende den Eindruck hatte, dass dem Autor plötzlich hinsichtlich des Ideenreichtums die Luft ausgegangen ist. Dennoch absolut lesenswert und erfreulicherweise bietet der Roman auch einige Überraschungen, die Spaß machen.

Bei dem vorliegenden Buch aus dem Karl May-Verlag handelt es sich um eine überarbeitete und erweiterte Fassung des bereits im Jahr 2000 erschienenen Romans „Die Oase des Scheitans“.

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Fazit: 4 von 5 Sternen für einen Roman, der sich nahezu perfekt ins May-Universum eingliedert und die erste Begegnung von Kara Ben Nemis und seinem treuen Diener Hadschi Halef Omar schildert, wie May es nicht viel besser gekonnt hätte. Hut ab vor dieser Leistung, Herr Kastner!

© Cryptanus für Buchwelten 2013