Sleeping Beauties von Stephen King und Owen King

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Erschienen als gebundene Ausgabe
im Heyne Verlag
insgesamt 960 Seiten
Preis: 28,00 €
ISBN: 978-3-453-27144-9
Kategorie: Fantasy / Horror-Fiction

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In der Kleinstadt Dooling gibt es eigentlich nichts anderes, als in anderen Städten auch: Schulen, eine Polizeistation, Supermärkte, Kneipen und ein Frauengefängnis. Okay, letzteres ist nicht in jeder Stadt zu finden.

Eines schönen Tages bricht eine Epidemie aus, die einschlafende Frauen betrifft. Und zwar nur Frauen, egal welchen Alters und egal auf welchem Teil der Welt. Sobald die Frauen einschlafen, bildet sich ein faseriger, spinnenartiger Kokon um sie herum und hüllt sie ein. Doch sie atmen ruhig und scheinen tatsächlich einfach nur zu schlafen. Entfernen sollte man das Gewebe jedoch auf keinen Fall. Überhaupt sollte man nicht versuchen die Frauen zu wecken. Denn sobald sie erwachen werden sie zu mordenden, brutalen Killermaschinen.

Jedoch taucht eine Frau in Dooling auf, die gegen die Schlafkrankheit – inzwischen Aurora genannt – immun zu sein scheint. Sheriff Lila Norcross bringt die Frau ins Frauengefängnis des Ortes und hält sie dort fest (auch zu ihrem eigenen Schutz). Denn die Männer des Ortes hören von dem Gerücht der Immunität der seltsamen Frau und wollen ihre Frauen und Kinder zurück. Um jeden Preis …..

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Ich warne zur Sicherheit einfach mal vorab vor eventuellen Spoilern !

Eine Horrorfantasie mit Realitätsbezug“ lautet ein Zitat auf der Buchrückseite.

Für mich ist der neue Roman von Stephen und Owen King aber eigentlich viel mehr Fantasy oder Fantasy Fiction (wenn es dieses Genre gibt), vermischt mit dystopischen Elementen. Der Horror in diesem Roman ist viel eher auf die teilweise extrem brutalen und extrem blutigen Szenen zu beziehen.

Die beiden Autoren liefern hier eine Geschichte, die fantastisch ist und sehr zum Nachdenken anregt. Denn so traurig es ist, soviel Wahrheit steckt darin. Was braucht es zum Leben, was wird wertgeschätzt, wie schnell kann sich eine offensichtliche Idylle in das totale Chaos umwandeln. Die Natur spielt eine sehr große Rolle und auch die Zwischenmenschlichkeit, egal in welchen Kombinationen, ist sehr großer Bestandteil (Väter und Söhne, Mütter und Söhne, Väter und Töchter, Mütter und Töchter, (Ehe)männer und (Ehe)frauen etc.).

Zu Beginn der Geschichte ist ein Register, in denen alle Figuren aufgeführt sind. Das war für mich sehr hilfreich, denn ich habe oft noch einmal zurückgeblättert, weil es einfach sehr viele Personen gibt, die zur Handlung beitragen und eben auch wichtig sind.

Stephen und Owen King füllen ihren Roman mit einer großen Anzahl von Figuren und den unterschiedlichsten Charakteren. Erzählt er ja über knappe 1000 Seiten die Geschichte einer Stadt im Ausnahmezustand. Ich lernte in der ausführlichen Erzählung alle sehr gut kennen und natürlich baute ich eine Bindung zu den Personen auf.

Der Roman ist außerdem ein gesellschaftskritischer Roman, der mich an die Gemeinschaft von „The Stand“ erinnerte. Allerdings kam mir auch immer wieder „Der dunkle Turm“ in den Sinn, wenn die dystopischen Szenen beschädigte Gebäude beinhalteten oder auch wenn fabelartige Wesen durch die Handlung spazierten.

Die Grundidee der beiden war schlicht und einfach: Was mag wohl passieren, wenn urplötzlich alle Frauen einfach einschlafen und insoweit nicht mehr „vorhanden“ sind. Die Umsetzung dieser Idee ist den beiden gemeinsam sehr gut gelungen. Ich war gefesselt bis zur letzten Seite und hätte gut und gerne noch länger lesen können. Ich fühlte mich sehr wohl in Dooling. Aber das Wichtigste an der Geschichte ist die Botschaft, die sie rüber bringt und die ist erschreckend wahr und gut. Ich konnte beim besten Willen nicht erkennen, welche Passagen Stephen und welche Owen King geschrieben hat. Ich habe wirklich sehr sehr viel von King gelesen und ich meine seinen Stil zu erkennen. Für mich war der Roman einfach ein Stephen King.

Ich füge unten ein kleines Interview der beiden ein, auf das ich beim Stöbern auf der Website von Stephen King gestoßen bin. Da war ich nämlich unterwegs, um einen Blick auf das Originalcover zu werfen. Denn die sind in der Regel immer um einiges besser, als die der deutschen Ausgabe. So auch hier ☺. Aber ich muss sagen, dass in diesem Fall das Cover der deutschen Ausgabe auch sehr schön und vor allem zur Handlung passend ist.

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Mein Fazit: Ein großartiges Fantasy-Fiction Abenteuer, dass sehr gesellschaftskritisch ist und zum Nachdenken anregt. Bestückt mit teils wundervollen Bildern, teils extrem brutalen Szenen und sehr gut ausgearbeiteten/agierenden  (nicht nur netten) Charakteren. Knappe 900 Seiten, die wie im Fluge vergehen. King(s) in Bestform!

Wer das Originalcover sehen mag, der klicke –> hier

© Marion Brunner_Buchwelten 2017

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Das Licht der letzten Tage von Emily St. John Mandel

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Erschienen als Taschenbuch
im Piper Verlag
insgesamt 416 Seiten
Preis: 14,99 €
ISBN: 978-3-492-06022-6
Kategorie: Endzeitdrama

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Die Welt wird von einer Pandemie, der Georgischen Grippe, heimgesucht. Innerhalb kürzester Zeit erkranken und sterben die Menschen. Einige wenige scheinen immun zu sein und überleben das Fiasko. Sie finden sich zusammen, leben in kleinen Siedlungen und bewahren das Erbe an die „alte“ Welt so gut es geht.

Eine Gruppe von Schauspielern und Musikern, die sogenannte „Fahrende Symphonie“, reist durch Amerika und begeistert die verbliebenen Menschen mit ihren Auftritten. Unter Ihnen ist die junge Kristin. Sie ist eine der Schauspielerinnen der Symphonie und sie stand bereits als Kind auf der Bühne. Kristin war als kleines Mädchen dabei, als der berühmte Schauspieler Arthur Leander während seiner Darbietung als König Lear im 4. Akt verstirbt. Ihm ist der Untergang der Welt knapp erspart geblieben.

Und auch wenn dieser Roman die Geschichte des Ende der Welts wie wir sie kennen erzählt, so dreht sich doch eigentlich alles um ihn, Arthur Leander.

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Das Licht der letzten Tage ist ein Endzeitdrama oder eine Dystopie, obwohl es irgendwie auch eigentlich keines von beidem ist. Anders kann man diesen Roman nicht beschreiben.

Die Autorin hält sich während der Handlung mehr in der Vergangenheit auf und erzählt das Leben des Schauspielers Arthur Leander in seinen unterschiedlichsten Lebensstationen. Wir lernen Freunde, Ehefrauen und Kinder kennen. Treffen auf Weggefährten und Bekannte. Erleben seinen Tod direkt zu Beginn des Romans und schlittern durch diese schnelle, bösartige Pandemie in die Jetztzeit. Und ganz langsam aber sicher verknüpfen sich die Fäden, finden sich die Figuren der unterschiedlichsten Zeiten zusammen und ergeben ein gesamtes Bild.

Emily St. John Mandel hat hier einen wunderbar ruhigen, liebevollen und poetischen Roman erschaffen, der vergessen lässt, dass die Welt ja eigentlich komplett zerstört ist.

Die Autorin gibt ihren Figuren eine Echtheit und Tiefe, dass sie dem Leser während der Handlung ans Herz wachsen und man fühlt sich einfach wohl mit ihnen.

Mir hat dieser stille Roman sehr gut gefallen, die Sprache ist sehr schön und gehoben. Die Beschreibungen der Orte und einzelnen Szenen erfolgt detailgenau, sodass ich alles „gesehen“ habe. Genauso soll Lesen sein, Buchstaben sollen einen Film erzeugen und das hat die Autorin hier wunderbar geschafft. Interessant ist auch, dass die Endzeitstimmung eigentlich gar keine Rolle spielt. Ja, es hat eine Pandemie beinahe alles Leben ausgelöscht, dennoch ist das eher nebensächlich.

Was mich ein bisschen enttäuscht ist lediglich auf die Qualität des Buches zurückzuführen. Das Buch ist trotz vorsichtigem Lesen bei mir völlig schief und verbogen. Der Buchrücken ist durchgebogen und das sieht im Regal absolut unschön aus. Es wundert mich ein bisschen, denn ich habe eine Menge Bücher des Verlages zu Hause und die sind eigentlich von besserer Qualität.

Mein Fazit: Eine wunderschöne, ruhige und stimmungsvolle Geschichte, die durch liebevoll gestaltete Charaktere getragen wird. Eine Dystopie eben, die keine ist 🙂

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© Buchwelten 2015

Joyland von Stephen King

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Erschienen als
gebundene Ausgabe
im
HEYNE Verlag
352 Seiten
Preis: 19,99 €
ISBN: 978-3-453-26872-2

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Man schreibt den Sommer 1973 und Devin Jones will – bevor er zum College geht – den Sommer nutzen, um Geld zu verdienen. Dazu bewirbt er sich in JOYLAND, einem kleinen, nicht wirklich modernen, Freizeitpark an der Küste von North Carolina. Devin bekommt den Job, eigentlich ohne große Schwierigkeiten, irgendwie hat der junge Mann etwas an sich, dass die Menschen mögen. Dev ist relativ schnell überall sehr beliebt. Leider sieht das seine Freundin Wendy etwas anders, denn sie gibt ihm kurz vor der Abreise den Laufpass. Für Devin bedeutet dies ein gebrochenes Herz, was bekanntlich in jungen Jahren sehr schmerzhaft ist.

Doch Devin versucht sein Bestes, um darüber hinwegzukommen. Er bekommt ein schnuckeliges, kleines Zimmer zur Miete, gelegen in einem schönen Haus, direkt am Strand. Die Vermieterin ist eine angenehme, nette Frau, die eine Menge über JOYLAND zu berichten weiß. Außerdem kann Devin von dort aus jeden Tag am Strand entlang zu seinem Arbeitsplatz laufen. Er genießt diese Fußmärsche sehr. Das Meer mit seinen Gerüchen und Klängen hilft ihm, seinen Kopf klar zu bekommen.

Devin lernt in diesem Sommer eine Menge neuer Menschen kennen, die ihm größtenteils alle sehr schnell ans Herz wachsen. Da sind seine Kollegen Erin und Tom, die im gleichen Strandhaus wohnen wie er. Es entwickelt sich eine tiefe Freundschaft, die lange Jahre währt. Dann sind da noch der keine Junge im Rollstuhl, sein Hund und seine unnahbar scheinende, schöne Mutter, die Dev jeden Tag am Strand sitzen sieht, wenn er zur Arbeit geht und von dort zurückkommt. Diese außergewöhnliche, kleine Familie soll Devin in diesem Sommer näher kennenlernen und auch hier entwickelt sich eine besondere Freundschaft.

Devin fühlt sich nach seinem Sommer in JOYLAND so wohl, dass er beschließt länger zu bleiben. Er bekommt eine Festanstellung und ist somit kein Hilfsarbeiter mehr, sondern einer von ihnen. Devin hat sich in JOYLAND verändert. Er ist selbstbewusster geworden, stärker, mutiger und offener. Er hat das Gefühl, dort hinzugehören, mag den „Slang“ des Rummels, die sonderbare Geheimsprache der Mitarbeiter. Er verabschiedet sich von Erin und Tom, die nach diesem Sommer ihre Zeit auf dem College verbringen.

Da ist er nun. Der neue, andere Devin, der in JOYLAND geblieben ist, weil er den Flair dort trotz aller harter Arbeit liebt. Und außerdem ist da noch etwas in JOYLAND: ein Geheimnis, ein Gerücht, dem er unbedingt auf den Grund gehen will. Im Horror House, der Geisterbahn, soll es spuken. Dort soll ein Mädchen umgebracht worden sein und ihr Geist soll dort nach wie vor verweilen. Erin ist im aus der Ferne behilflich Informationen über das ermordete Mädchen zu erhalten. Und mit seinen Nachforschungen bringt Devin sich in Gefahr, ohne dass er es bemerkt …

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Bereits „Der Anschlag“ von Stephen King wurde hochgelobt, ich habe ihn noch nicht gelesen, kann es daher nicht beurteilen. Allerdings ist JOYLAND ein Buch, dass mich vom Anfang bis zum Ende (die bei Stephen King ja oft „unbefriedigend“ sind) gepackt hat.

Dieser Roman hält durchweg eine wunderbare, ruhige, fesselnde Stimmung. Wie Stephen King die Atmosphäre des Freizeitparks und den Menschen darin rüberbringt, ist sehr gut gelungen. Auch die besondere Eigenschaft des Meeres, mit seinen Geräuschen und Gerüchen ist sehr greifbar und toll dargestellt.

Ich fühlte mich manches mal in der Stimmung an „Wahn“ erinnert, auch dort lernt der Protagonist jemanden am Strand kennen, allerdings war es dort ein alter Mann und das Ende war etwas komisch. Hier ist es ein kleiner, todkranker Junge, der gleichzeitig voller Leben strotzt, dass es dem Leser das Herz erweicht! King Leser kennen evtl. „Der Dunkle Turm“ und den Charakter von Jake, er ist mir in ähnlicher Weise direkt sehr lieb gewesen.

Vom Flair der 70er Jahre her, liest sich der Roman wie ein „alter King“, wobei für mich der „neue King“, der nach seinem Unfall, viel gefühlvoller schreibt, ohne dabei die mystische und knisternde Spannung vergessen zu lassen, die Stephen King nun einmal ausmacht. Er schreibt nicht in einem sonderlich gehobenen Schreibstil, dass hat er nie, doch er versteht es die Leser zu packen. Immer wieder, immer noch. Ich habe einige kleine autobiografische Aussagen gefunden, die mir auffielen, weil ich „Vom Leben und Schreiben“ von ihm gelesen habe.

Das Buch präsentiert der HEYNE Verlag als gebundene Ausgabe mit einem sehr passenden Cover: einer Leuchtreklame im amerikanischen Stil. Wobei sich hier, wie eigentlich bei allen seinen Werken, ein Blick auf die Homepage des Autors lohnt. Das Originalcover zeigt nämlich Erin, die als „Hollywood Girl“ mit ihrer riesigen Pressekamera in JOYLAND arbeitet, ein tolles Bild. Außerdem gibt es dort eine Karte/Lageplan von JOYLAND, den ich gerne schon während der Lektüre entdeckt hätte. Der Roman ist für einen King relativ „dünn“, wobei eine Geschichte immer so lang sein sollte, wie sie dauert. Und die Seiten reichen für diese Story allemal aus. „Das Mädchen“ war beispielsweise auch ein dünnerer Roman, der dennoch einfach klasse war. 

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Mein Fazit: 5 von 5 Sternen für JOYLAND. Ein Sommer, ein Abenteuer auf dem Rummel, einem Ort mit seinem eigenen Flair, der Geheimnisse birgt, verletzte Seelen heilen und einen jungen Mann verändern kann. Stephen King liefert eine sehr stimmungsvolle Geschichte, die fesselt, kurzweilig ist und an der noch nicht einmal am Schluss irgendetwas auszusetzen ist. Einfach toll und gelungen!

Ich danke HEYNE für die Bereistellung des Rezensionsexemplares.

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© Buchwelten 2013

Der Mann, der nichts vergessen konnte von Ralf Isau (4/5)

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Erschienen als
Taschenbuch
im PIPER Verlag
464 Seiten
Preis: 9,95 €
ISBN:  9783492267151
Kategorie: Thriller

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Tim Labin, gesegnet mit mehreren Doktortiteln und frisch gebackener Schachweltmeister ist der Mann, der nichts vergessen kann. Alles was er jemals gelesen, gesehen oder gehört hat, bleibt in seinem außergewöhnlichen Gehirn auf alle Ewigkeit abgespeichert.

Er liest Bücher mit einer Stärke von ca. 500 Seiten in etwa einer Stunde. Wobei der Ausdruck Lesen hier eigentlich falsch ist, er saugt sie auf, gierig nach Wissen.

Nur an eines kann sich Tim nicht mehr erinnern. An die Ereignisse jener Nacht, in der seine Eltern ums Leben kamen. Tim war damals gerade 9 Jahre alt und wurde in dieser Nacht schwer verletzt in ein Krankenhaus eingeliefert. Seither klafft diese dunkle Lücke in seinem Hirn und der ständige Drang nach neuem Wissen, ist nichts anderes, als sein Versuch diese Erinnerungen wieder zu finden.

Doch sein großes, umfängliches Wissen macht Tim lange nicht zu einem glücklichen, zufriedenen Mann. Er hat große Schwierigkeiten im Umgang mit Menschen. Er kann es nicht ertragen die Hand geschüttelt oder überhaupt von Menschen (auch zufällig) berührt zu werden. Wenn er in einer größeren Menschenmenge ist, gerät er in Panik. Tritt er eine Flugreise an, dann muss beispielsweise gewährleistet sein, dass in den Reihen vor, hinter und neben ihm kein weiterer Passagier sitzt.

Als die Historikerin und Computerspezialistin JJ mit einem Anliegen an Tim herantritt, nimmt er die Herausforderung nicht allein wegen seinem unstillbaren Durst nach Wissen an. Vom ersten Augenblick fühlt er sich zu JJ hingezogen, was für Tim ein völlig neues Gefühl ist und auf Grund seiner sozialen Schwierigkeiten auch kein kleines Problem für ihn darstellt.

JJ bittet Tim uralte verschlüsselte Dokumente zu enträtseln. Sie ist sicher, dass Tim, der Mann, der nichts vergessen kann genau der richtige Mann ist, der helfen kann. Dieser begibt sich gemeinsam mit JJ nach Cambridge, in die alte Bibliothek. Dort sind sie auf der Suche nach dem Text, der zur Verschlüsselung der alten Schriften gedient hat.

Tim macht sich voller Eifer an die Arbeit, natürlich auch um der schönen Historikerin zu imponieren. Doch auch wenn die beiden sich geschäftlich gut verstehen und JJ auch mit den diversen Macken Tims gut zurechtkommt: sie lässt den Mann nicht an sich heran. Wenn es ihr zu persönlich wird, dann blockt sie sofort ab. 

Doch Tim hat keine Eile, er liest sich durch die umfangreiche Bibliothek in Cambridge und dabei stößt er so nach und nach auch auf Wege, die zurück in seine eigene Vergangenheit führen.

Es gibt jedoch Personen, denen ist ebenso an der Entschlüsselung der alten Texte gelegen, jedoch wollen diese nicht, dass Tim zuviel erfährt. Ohne sich dessen bewusst zu sein, begibt sich Tim mit jedem Schritt, den er näher an die Entschlüsselung herankommt in größere Gefahr ….

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Dies war mein erster Thriller, den ich von Ralf Isau gelesen habe. Habe ich zu Beginn des Buches noch bei Facebook geschrieben, dass es sicherlich unblutiger wird, als mein vorheriges Buch von Chris Carter, so hat mich Ralf Isau prompt eines besseren belehrt.

Denn die erste Szene war gleich relativ blutig, denn das Buch startet genau mit der Nacht des Todes von Tims Eltern, an die er sich nicht mehr erinnern kann.

Ich muss sagen, Ralf Isau hat bewiesen, dass er auch außerhalb der Fantasy für Erwachsene und Jugendliche gute Ideen zu Papier bringen kann. Der Schreibstil ist gewohnt gehoben. Sicherlich geht es auch umgangssprachlich zu, was aber hauptsächlich in der Natur des von Isau erschaffenen, verkorksten Charakters des Protagonisten begründet ist. Denn durch seine sozialen Schwächen kontert er ständig recht schlagfertig in Gesprächsmomenten und nimmt kein Blatt vor den Mund.

Mit seinem Mann, der nichts vergessen kann, hat der Autor einen sehr sympathischen Charakter erschaffen und die Beschreibungen der Ursache für sein besonderes Gehirn, sind wie gewohnt gut recherchiert.

Die Entwicklung der Handlung ist gut aufgebaut, die Handlungsorte wechseln und spannende, düstere Momente werden von ruhigeren Szenen abgelöst. Für mich war dieser Roman ein Abenteuerroman mit Thrillereinfluss.

Uralte Logenverbindungen, alte Dokumente, Gruften voller Geheimnisse, Beschreibungen wunderbarer Bibliotheken in Washington und Cambridge, aber auch Computer High-Tech & Internet, all dies hat dieser Roman zu bieten.

Ab und zu waren mir die Hintergründe und Verbindungen der Personen und die Sprünge durch die Zeiten und historischen Verknüpfungen zu verworren und überfrachtet. Wer hat was gegründet, wer kannte wen und hat wem, wann was zugeschustert. Es gab Momente, da kam ich da nicht ganz mit und mir war es einfach zuviel des Guten. Solche Verschwörungen, mit komplizierten Spionagecharakter sind nicht so mein Fall.


Dennoch hat mir der Roman Spaß gemacht und ich werde mit Sicherheit einen weiteren Isau-Thriller lesen. Denn ich finde es gut, wenn Autoren in verschiedenen Genres unterwegs sind und sich nicht festlegen lassen (wollen).

Auch wenn ich mich bereits jetzt auf die nächsten Fantasy und Jugendromane von Ralf Isau freue, für mich kann der Autor eindeutig auch spannendes und fesselndes schreiben.

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Mein Fazit: 4 von 5 Sternen für diesen Isau-Thriller. Fesselnd, spannend, interessant und abwechslungsreich. Für alle Leser, die gerne über Verschwörungen, Schatzsuche, kryptisches und Abenteuerrätsel lesen ist er absolut zu empfehlen. 

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© Buchwelten 2012

Shutter Island von Dennis Lehane (5/5)

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Erschienen als
Taschenbuch
im  ullstein Verlag
368 Seiten
Preis: 8,95 €
ISBN:  978-3-548-28124-7

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Edward (Teddy) Daniels ist Marshal und wird auf die Insel Shutter Island gerufen. Auf dieser befindet sich eine Anstalt für psychisch gestörte Straftäter. Die Patientin Rachel Solando ist spurlos aus ihrem Zimmer verschwunden. Nichts deutet auf ein gewaltsames Öffnen ihrer Türe hin, sie ist unauffindbar.

Gemeinsam mit seinem neuen Partner Chuck Aule setzt Teddy mit der Fähre nach Shutter Island über und beginnt mit den Untersuchungen und Ermittlungen. Er trifft u.a. auf den undurchsichtigen ärztlichen Direktor Fr. John Cawley und misstraut ihm auf Anhieb. Teddy und Chuck sind beide der festen Überzeugung, dass Rachel zur Flucht verholfen wurde, doch angeblich weiß keiner etwas und niemand hat etwas gesehen.

Dann bricht ein extrem starker Hurrikan über die Insel herein. Teddy und Chuck geben mit ihren Nachforschungen nicht auf, sie entdecken seltsam verschlüsselte Nachrichten, Steinhaufen, deren Anzahl an Steinbrocken Botschaften in Form von Zahlencodes bilden und andere seltsame Hinweise.

Dass Teddy seit dem Tod seiner Frau Dolores unter heftigen Migräneanfällen leidet macht es ihm nicht leichter einen klaren Kopf zu bewahren. Doch er will Rachel Solando finden, die Codes und Rätsel lösen und noch mehr: Teddy will den (angeblich nicht auf der Insel inhaftierten) Patienten 67 finden.
Sein Name ist Laeddis und er ist für den Tod von Dolores verantwortlich, denn er hat das Feuer gelegt, in dem seine geliebte Frau das Leben lassen musste ….

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Viel mehr möchte ich von der Handlung nicht verraten, es gibt vielleicht Leser die den Film „Shutter Island“ noch nicht gesehen haben und eben jenen möchte ich die Spannung nicht nehmen. Denn davon gibt es in diesem erstklassig aufgezogenen Psychothriller eine ganze Menge.
Die Handlung und deren Entwicklung sind sehr geschickt aufgebaut und der Spannungsbogen steigert sich immer weiter bis hin zur schlussendlichen Auflösung, die mich in der Tat mitgerissen hat.

Dennis Lehane hat hier ein Werk geschaffen, dass nicht nur sprachlich eine Menge zu bieten hat. Der Schreibstil ist nicht einmal besonders gehoben aber dennoch sehr gut ausformuliert und der Autor schafft es dem Leser ein absolutes Kopfkino zu bescheren. Die Stimmung die er aufbaut hält er die gesamte Handlung hindurch und ich war so gefesselt, dass ich das Buch nicht aus der Hand legen mochte, weil ich die neuen Entwicklungen und Entdeckungen unbedingt weiterverfolgen wollte.

Die Art wie Lehane die Figuren ausgearbeitet hat, war sehr intensiv und die Darstellung der Psyche der Beteiligten sehr gut. Die Umsetzung der Träume von Teddy zum Beispiel, so irr und wirr sie waren, gaben sie doch immer einen Sinn. 

Wie sich die Story zum Ende hin entwickelt und schließlich auflöste hätte ich nicht erwartet und war tatsächlich sehr überrascht und habe das Buch mit einem „Wow“ aus der Hand gelegt.

Präsentiert wird der Roman, der die erstklassige Vorlage zum Film mit Leonardo DiCaprio geliefert hat, als Taschenbuch mit dem Filmplakat als Cover. Eigentlich recht einfach oder einfallslos aber es macht dennoch viel her. Die düstere Festung mitten im Meer und darüber der skeptische Blick von Teddy treffen die Stimmung des Buches absolut.

Nun bin ich sehr gespannt auf den Film, ich hoffe er ist so gut und fesselnd wie der Thriller, aber ich denke ich werde hier nicht enttäuscht. Ich bin dennoch froh, dass Buch zuerst gelesen zu haben, denn oft kann einfach nicht alles in einem Film umgesetzt werden.

 

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Mein Fazit: 5 von 5 Punkten für einen erstklassigen Psychothriller der Oberklasse. Geschrieben in einem Schreibstil der sich flüssig liest und die gesamte Handlung über die besondere Stimmung halten kann. Ich spreche hier ganz klar und gerne eine Leseempfehlung aus.

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© Buchwelten 2012

OLYMPIA 1936 – Danach kam alles anders von Karl Hemeyer (4/5)

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Erschienen als
Taschenbuch
im ACABUS  Verlag
336 Seiten
Preis: 15,90 €
ISBN: 978-3-941404-50-2

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Die Brüder David und Harro Stern arbeiten beide im Verlag ihres Vaters in Wesermünde (das ist das heutige Bremerhaven). Der Verlag läuft gut, neben Kalendern druckt dieser auch das „Nordsee – Blatt“. Und für „ihr Blatt“ reisen sie im Jahre 1936 als Journalisten gemeinsam nach Berlin, um über die Olympischen Spiele Bericht zu erstatten.
David, der ältere, ist für die Interviews und das Verfassen der Berichte zuständig. Harro, der jüngere, ist als Fotograf unterwegs.

Sie beziehen eine gemütliche Pension in Charlottenburg und fühlen sich von Anfang sehr wohl in der Großstadt, die so völlig anders ist als ihr Heimatort. Schnell knüpfen Sie Kontakte. Zu dem amerikanischen Sprinter Ralf, zu Henri Nannen, der im Olympiastadion der Sprecher ist. Sie verbringen eine aufregende Zeit in Berlin und bescheren dem Nordsee-Blatt durch ihre ausführlichen Berichte und den fantastischen Fotos extrem grosse Auflagen. Vadder Stern ist sehr stolz auf seine Jungens.

Harro lernt während dieser Zeit u.a. die Regiseurin Leni Riefenstahl kennen und entdeckt seine Leidenschaft für die Filmerei. Er möchte nicht mehr mit in den väterlichen Verlag, er möchte in Berlin bleiben und das Filmen beruflich weiterverfolgen.

Die Nazis übernehmen immer mehr die Macht, zunächst macht sich das nur in der Hauptstadt bemerkbar aber bald gibt es auch in Wesermünde Schwierigkeiten. Die Nazis verlangen von den Sterns ihren Ariernachweis. Sie ziehen aus dem Nachnamen den Schluß, dass es sich um Juden handelt.
Vadder Stern entscheidet sich, seinen eigentlichen Namen ‚Steen‘ wieder anzunehmen. Aber David weigert sich stur und trotzig. Er sieht sich als den evangelischen David Stern, der er sein Leben lang war und will daran auch wegen der Nazis nicht ändern.
Doch dann kommen Mannschaftswagen der Gestapo auf den Hof und sie wollen ihn holen. David muss fliehen … und somit reisst es die Familie auseinander….

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Die Geschichte erzählt das Leben der zwei Söhne Harro und David und Vadder Stern während der schweren Kriegsjahre im dritten Reich. Auch wenn es sehr viele, wichtige und gut dargestellte Nebenfiguren gibt, so sind diese drei die Hauptprotagonisten. Diese hat Hemeyer sehr lebensnah, echt und mit allen Ecken und Kanten dargestellt.

Der Autor schreibt in der Gegenwart, so dass ich als Leser das Gefühl bekam, tatsächlich die Abenteuer dieser Zeit hautnah mitzuerleben. Er schreibt in einem flüssigen, angenehmen aber nicht übermässig anspruchsvollen Schreibstil, der die Lektüre des Romans sehr kurzweilig gestaltet hat. Innerhalb der Kapitel gibt es Szenenwechsel, so dass man in jedem Handlungsstrang „dran bleibt“.

Teilweise schreibt Hemeyer in plattdeutsch oder im berlinerischen Dialekt, was mir teilweise aber irgendwie falsch oder unnatürlich vorkam. Ich habe sowohl in Norddeutschland Plattdeutsch gehört, als auch original Berlinerisch und das klang für mich anders als das, was ich teilweise gelesen habe. Ab und an hat es mich genervt aber da habe ich dann einfach „drübergelesen“. Dies brachte mich jedoch zu einem kleinen Punkteabzug.

Was mir sehr gut gefallen hat war, wie der Autor es geschafft hat in dem Roman deutlich zu machen, dass die Familie und Freundschaft sehr wichtig sind und es mit Hilfe beider immer irgendwie gelingt, wieder auf die Füsse zu kommen und selbst schwere Probleme zu lösen. Der Zusammenhalt der Protagonisten untereinander ist wirklich sehr schön rübergebracht und auch wenn alle drei männlich sind, dennoch überaus gefühlvoll.

Ich als bekennender Berlin Fan habe mich im alten Berlin sehr wohl gefühlt und die Beschreibungen des Anhalter Bahnhofs und des Adolf-Hitler Platzes haben mich dazu gebracht, mir im Internet alte Originalaufnahmen aus dieser Zeit anzusehen…

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Das Buch wird als Taschenbuch präsentiert und das Cover gefällt mir ganz gut. Die Bilder passen alle ganz genau in die Geschichte, allerdings sieht die Fotomontage leider etwas lieblos aus.
Der Klappentext ist vom Text her aussagekräftig und macht durchaus neugierig. Allerdings ist er weder zentriert, noch im Blocksatz geschrieben, was ich immer als unschön und unordentlich empfinde. Die Inhaltsangabe hätte man doch viel mehr „aufhübschen“ können.

Was ich noch festhalten möchte, ein Werk aus dem Hause ACABUS und die Folie an den Kanten löst sich nicht mehr ab. Das freut mich sehr.

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Mein Fazit: 4 von 5 Sternen für diesen Roman über drei Männer, die versuchen ihren Weg in Zeiten des Krieges zu gehen und trotz aller Schwierigkeiten einander nicht aus den Augen verlieren wollen..

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Ich danke dem ACABUS Verlag für die Bereitstellung des Rezensionsexemplares.

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© Buchwelten 2011

MR. SHIVERS von Robert Jackson Bennett (5/5)

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Erschienen als
Taschenbuch im „ROUGH CUT
bei PIPER
12,95 €
ISBN: 978-3-492-26753-3

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Mr. Shivers erzählt den Weg von Michael Connely durch das verödende Land Amerikas auf der Suche nach dem Mörder seiner Tochter Molly. Er will seine Tochter rächen, will den Mann, der ihm das wichtigste in seinem Leben genommen hat, tot sehen.

Dafür nimmt er einen wahrlich schweren Weg auf sich. Er zieht als Landstreicher (Hobos werden sie genannt) in Richtung Westen. Teilweise springt er auf Züge auf und fährt gemeinsam mit den vielen Wanderarbeitern ein Stück mit. Große Teile des Weges muss er zu Fuss gehen.
Das Land hat es schwer in diesen Tagen, eine andauernde Dürre lässt es vertrocknen und so verlassen Unmengen an Menschen ihre Städte und Orte um in einem anderen Teil des Landes Arbeit zu suchen. Connelly trifft auf seiner Reise eine Gruppe Männer, die ebenso Mr. Shivers verfolgen. Auch ihnen hat der Narbenmann mit dem grauen, geflickten Mantel einen lieben Menschen genommen.
Obwohl Connelly ein stiller und in sich gekehrter Mann ist, schließt er mit ihnen eine Freundschaft und sie gehen den weiteren Weg gemeinsam. Immer wieder fragen sie die Leute in den Lagern der Landstreicher oder den fast verlassenen Städten  nach Mr. Shivers,  gesehen haben ihr viele, aber sie alle scheinen Angst zu haben und sehr ungerne über ihn zu sprechen, diesen Mann mit dem vernarbten Gesicht, dass ihn erscheinen lässt, wie einen grinsenden Clown. Aber Connelly gibt nicht auf, er will ihn finden und er will ihn töten ….

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Zunächst einmal wird das Taschenbuch vom Verlag wieder im Rough-Cut präsentiert. Erstmalig hat Piper die Dan Wells-Reihe in diesem Design angeboten und es gibt dem Buch ein besonderes Erscheinungsbild (Mr. Shivers ist aber kein Thriller!). Die unregelmässig geschnittenen Seiten haben schon was. Das Cover ist in seinen Grüntönen eher dezent gehalten aber der verschwommene, wanderne Mann und die geprägte Schrift passen gut zum Thema.

Mr. Shivers ist das Debüt von Robert Jackson Bennett und er wird auf der Rückseite des Buches mit Stephen King und Neil Gaiman verglichen. King kommt hin, denn mein erster Gedanke war: Das erinnert mich an Schwarz, dem ersten Teil der „Dunklen Turm-Reihe“, ist nur besser geschrieben. Aber die Reise von Connelly durch die trocken Weiten und Ebenen des Landes, Gespräche am Lagerfeuer und die Jagd auf einen dunklen Mann, dass ähnelt doch sehr.
Bennett hat einen Schreibstil, der fesselt und mich immer hat weiterlesen lassen. Er schreibt anspruchsvoll und ist für mich eher mit der visionären Art von Clive Barker vergleichbar. Die Geschichte hat sehr viel Hintergrund und eine wirkliche Botschaft, vorallem das Ende hat mir absolut gut gefallen. Nicht absehbar und dennoch so logisch.

Innerhalb des Romans geht es um sehr viel Zwischenmenschliches, es werden viele – auch tiefgründige – Unterhaltungen zwischen den Protagonisten geführt und das hat mich sehr angesprochen. Natürlich kommen auch die abenteuerlichen Szenen nicht zu kurz und es fliesst auch eine Menge Blut. Zarte Leser, die ein paar „Splatter“ – Elemente nicht so gerne lesen, sollten vorgewarnt sein :-). Mich selber hat es überhaupt nicht gestört, im Gegenteil, es gehörte zur Story und eine Kürzung oder Streichung dieser Stellen hätten sie amputiert.

Ich habe knappe 300 der 400 Seiten an meinem freien Tag weggelesen, das heisst, es hat mich gefesselt. Die relativ dicken, nicht so voll beschriebenen Seiten lassen sich aber auch sehr flott lesen.

Mein Fazit: Dieses Debüt bekommt von mir die volle Punktzahl. Ein Roman, der als Rachefeldzug beginnt aber letztendlich eine echte Botschaft rüberbringt. Absolut empfehlenswert für Fans von Clive Barker und auch Stephen King.

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Noch eine kleine Information zum Autor vom PIPER Verlag:

Robert Jackson Bennett wurde für sein Debüt „Mr. Shivers“ mit dem Shirley Jackson Award 2010 ausgezeichnet. Er gewann als bester Roman in den Genres Psychological Suspence, Horror und Dark Fantastic und konnte sich gegen hochkarätige Konkurrenz durchsetzen.

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Ich danke dem PIPER Verlag für die Bereitstellung des Rezensionsexemplares.

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© Buchwelten 2011