Das Erwachen von Andreas Brandhorst

Erschienen als Taschenbuch
im Piper Verlag
736 Seiten
16,99 €
ISBN: 978-3-492-06080-6

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Versehentlich gerät durch das Mitwirken des Hackers Axel Krohn ein Computervirus in den Hauptrechner einer großen Firma. Von dort aus vernetzt der Rechner sich weltweit mit anderen Rechnern, um die digitale Welt der Menschheit zu kontrollieren. Stromausfälle, Wassernot und das Zusammenbrechen der Internetverbindungen und Handynetze sind die Folgen. Die Geheimdienste aus aller Welt sind plötzlich hinter Axel her, während eine Künstliche Intelligenz in den Computern erwacht und versucht, eine gewisse Macht zu erlangen. Und schon bald wird Alex klar, dass es das Ende der Welt, wie wir sie kennen, bedeuten würde, wenn die Menschen die Kontrolle an die Superintelligenz  verlieren …

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Andreas Brandhorst nimmt sich in seinem neuen Buch einem hochbrisanten und vor allem sehr aktuellen Thema an: Künstliche Intelligenz. Aber er spricht nicht von Maschinen, die Menschen ähnlich sehen, wie zum Beispiel in den Filmen „I, Robot“ oder „Der 200 Jahre Mann“, sondern behandelt die Bedrohung durch Computer und deren Programme. Vorlagen könnten die Robotermaschinen HAL 9000 aus Arthur C. Clarkes „2001“ oder die intelligente Bombe aus John Carpenters 2001-Hommage „Dark Star“ sein. Brandhorst entwirft ein Worst Case Scenario, das einen nachdenklich macht und auch ein wenig Angst einjagt. Denn alles, was Brandhorst beschreibt, ist bereits eingetreten oder könnte zumindest in sehr naher Zukunft zur Realität werden. Mit einer unglaublichen Informationsfülle wirft der Autor den Leser in eine computer- und internetabhängige Welt, wie wir sie im Endeffekt schon seit einiger Zeit haben. Aufgrund der äußerst guten Recherche werden einem während des Lesens aber einige Tatsachen bewusst, die man entweder noch nicht gewusst hat oder sie aber im Zuge des alltäglichen Alltagswahnsinns, den man bereits täglich um sich findet, schlichtweg verdrängt hat. Das Szenario, in das uns Andreas Brandhorst mit seinem erschreckenden Thriller wirft, lässt immer wieder die Frage aufkommen, ob es schon längst nicht mehr nur 5 vor 12 ist, sondern bereits zu spät. Mit akribischer Genauigkeit wird in „Das Erwachen“ eine Abfolge von Ereignissen geschildert, bei denen eins zum anderen führt, bis schließlich die Maschinen beziehungsweise ein intelligentes Programm die Macht übernimmt und die Menschheit alt aussehen lässt.

Andreas Brandhorst muss für diesen Roman eine unglaublich intensive und langwierige Recherchen geführt haben, denn es dreht sich nicht alles nur ums Internet, wie die meisten Menschen bei diesem Thema vermuten würden, sondern es geht auch um das Dark Net und das Deep Web. Unbekannte Welten tun sich auf, wenn man „Das Erwachen“ liest. Der Leser erfährt Hintergrundinformationen über jene Netze oder auch zum Beispiel über Google, Messengerdienste oder soziale Netzwerke. Brandhorst erklärt, strapaziert aber niemals die Geduld des Lesers und verwickelt sich in ausufernde, komplizierte Vorgänge. Alles ist verständlich und nachvollziehbar geschildert. Und da es sich bei diesen Begebenheiten um Realität handelt, schleicht sich beim Leser schnell ein unbehagliches Gefühl in Sachen Internet ein. Neben diesen höchst interessanten Informationen baut Andreas Brandhorst auch innen- und weltpolitische Verstrickungen, Auswirkungen und Gefahren mit ein, die in fast gleicher Weise erschrecken und faszinieren.

Mit rasantem Tempo widmet sich Brandhorst dem Überlebenskampf der Menschheit und zeigt mit diesem Thriller, dass er auch anders kann als man von ihm gewohnt ist, nämlich visionäre Science Fiction. Fast meint man an einigen Stellen, man lese den neuen Thriller von Dan Brown. Aber bei „Das Erwachen“ handelt es sich nicht nur um einen „normalen“ Thriller, sondern um einen genial konstruierten Genremix aus Thriller, Science Fiction und Dystopie. Doch wer jetzt meint, der Autor hätte sich nicht entscheiden können, welches Genre er mit seinem neuen Buch bedienen möchte, muss sich definitiv eines besseren belehren lassen. Denn Andreas Brandhorst geht einen konsequenten Weg, der die genannten Genres so gekonnt durcheinander wirbelt, dass man es im Grunde genommen überhaupt nicht bemerkt. Und es wäre kein Brandhorst, wären auch in seinem Thriller nicht philosophische Elemente versteckt, die man aus seinen Weltraum-Abenteuern kennt. Während sich im Mittelteil des Romans die Handlung eher actionlastig entwickelt, gestaltet sich das Ende zu einer für Andreas Brandhorst typischen Anschauungsweise über das Leben, den Tod und die Unsterblichkeit. Gerade dieses Finale ist es auch, dass mich das Gesamtwerk bereits jetzt schon als Klassiker empfinden ließ. Und auch hier, wie bei allen Werken des Autors, drängt sich im Kopf des Lesers eine Verfilmung förmlich auf. Zu detailliert und bildhaft sind die Beschreibungen, die Brandhorst in seinem dystopischen Thriller entwirft.
„Das Erwachen“ ist ein außergewöhnliches Buch von einem außergewöhnlichen Autor, das jeder lesen sollte, der sich vom Internet und seinem Handy abhängig fühlt. Der Physiker Stephen Hawking hat bereits Anfang 2016 davor gewarnt, dass vom Menschen erschaffene Maschinen eines Tages klüger werden könnten als ihre Schöpfer und dass sie unter Umständen dann eine Gefahr für den Fortbestand der Menschheit darstellen würden. Unter diesem Aspekt kann man nur hoffen, dass Andreas Brandhorsts Zukunftsvision niemals Wirklichkeit wird.

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Fazit: Brisanter, hochaktueller und erschreckender Wissenschaftsthriller, den man nicht mehr aus der Hand legen kann.

© 2017 Wolfgang Brunner für Buchwelten

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Das Arkonadia-Rätsel von Andreas Brandhorst

Erschienen als Taschenbuch
im Piper Verlag
544 Seiten
15,00 €
ISBN: 978-3-492-70426-7

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Jasper und seine Tochter Jasmin sind im Auftrag von Omni, einer Vereinigung von mächtigen Zivilisationen der Milchstraße, unterwegs zum Planeten Arkonadia. Dort taucht alle 453 Jahre ein seltsames Objekt, das Nerox, genannt wird auf und verhilft demjenigen, der es betreten kann, zu großer Macht über Arkonadia. Doch mit dem Erscheinen des Nerox geht es nicht nur um Macht über den Planeten Arkonadia, sondern das Objekt verbirgt ein Geheimnis, das eine Milliarde Jahre lang verborgen war und nun endlich gelöst werden soll.

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Wie bei jedem neuen Buch von Andreas Brandhorst schwelt im Hinterkopf der Gedanke, ob er es auch dieses Mal wieder schafft, die hohe Meßlatte, die er sich selbst mit seinen bisherigen Romanen gesetzt hat, zu erfüllen. Schon nach den ersten fünfzig Seiten war mir klar, dass es ihm gelungen ist.
Auf faszinierende Weise schafft es Brandhorst erneut, seine Leser mit seiner bildhaften Erzählweise und dem hochwertigen Schreibstil in seinen Bann zu ziehen. Und wieder begegnet der aufmerksame Leser eine Vielzahl an Anspielungen der Film- und Literaturwelt, die so geschickt in die Handlung einbezogen werden, dass es eine wahre Freude ist. „Das Arkonadia-Rätsel“ schließt an die Handlung von „Omni“, dem ersten Roman aus dem Omniversum an, kann aber auch ohne weiteres als selbständiges Werk gelesen werden. Besitzt man allerdings das Vorwissen des ersten Teils, haben die Geschehnisse dennoch eine andere (bessere) Wirkung. Brandhorst bleibt sich treu, webt philosophische Überlegungen in den Plot, das man eigentlich nur begeistert sein muss. Ähnlich wie ein anderer meiner SF-Lieblingsautoren, nämlich Stephen Baxter, führt Andreas Brandhorst seine Leser an Grenzen (und sogar darüber hinaus), die manchmal das menschliche Vorstellungsvermögen überschreiten, aber trotzdem dermaßen bildlich beschrieben werden, dass diese Szenen fast schon einem literarischen Drogenrausch gleichen. Es ist wirklich unglaublich, wie dieser Autor galaktische Grenzen mit faszinierenden Ideen überschreitet – und dies auch noch nachvollziehbar erzählen und erklären kann.

Zwei Handlungsstränge vereinigen sich im Laufe des Romans. Dadurch schafft Brandhorst wieder einmal einen regelrechten Pageturner, denn ich wollte immer wissen, wie es in der anderen Geschichte weitergeht. Der Plot zeigt auch immer wieder überraschende Wendungen (vor allem gegen Ende) und schraubt die Spannungsschraube gleichmäßig im Verlauf der Handlung nach oben. Aber gerade die teils ruhige, melancholische Stimmung dieses Romans war es, die mich besonders faszinierte. „Das Arkonadia-Rätsel“ ist, wie der erste Star Trek-Kinofilm, ein beeindruckender, oftmals stiller Trip an den Rand der Milchstraße, die man nicht so schnell vergisst. Und obwohl keine Oder nur wenige) Weltraumschlachten á la Star Wars vorkommen, hat man am Ende das Gefühl, einer epischen Reise beigewohnt zu haben.

An einigen Stellen kann ich mich des Eindrucks nicht erwehren, dass Brandhorst sich auch einmal in Richtung Steampunk austoben wollte. Besagte Stelle erinnerte mich auch irgendwie an Stephen Kings Zyklus vom „Dunkeln Turm“. Ob das beabsichtigt ist, kann ich schwer beurteilen. Sollte es allerdings so sein, dann kann ich nur sagen „Hut ab, Herr Brandhorst.“ 🙂
An Ideenreichtum mangelt es auch dem neuen Buch aus dem Omniversum auf keiner einzigen Seite. Und auch die Charakterentwicklung der beiden Hauptfiguren ist auf hohem Niveau durchdacht. Doch selbst den Nebenfiguren wurde erfreulicherweise „echtes“ Leben eingehaucht und hat zur Folge, das man mit ihnen mitfühlt und -fiebert.
Andreas Brandhorst schafft auch mit seinem neuen Buch, was andere Autoren zwar versuchen, aber oftmals einfach nicht in dieser Art hinbekommen: Spannung, Liebe, Philosophie, Intrigen, das Leben und der Tod in eine faszinierende Geschichte zu verpacken. Brandhorsts Romane machen süchtig. Nun muss man erst einmal wieder warten, bis neuer Lesestoff vom deutschen Meister der intelligenten, literarisch hochwertigen Science Fiction kommt.

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Fazit: Spannung und Philosophie in eine atemberaubende Handlung verpackt. Kultpotential mit Suchtgefahr.

© 2017  Wolfgang Brunner für Buchwelten

Wolfgang Brunner im Gespräch mit Andreas Brandhorst

Wolfgang Brunner im Gespräch mit Andreas Brandhorst

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Andreas Brandhorst wurde im Mai 1956 im norddeutschen Sielhorst geboren und begann bereits im Jahr 1975, Heftromane im Bereich Fantasy- und Science-Fiction zu schreiben. Nachdem er sich 1984 mit seiner Familie in Italien niederließ, übersetzte er hauptsächlich, u.a. Terry Pratchetts Scheibenweltromane. Anfang der 2000er-Jahre verlagerte Brandhorst den Schwerpunkt seiner Tätigkeit wieder auf das eigene Schreiben und erzielte mit seiner aus »Diamant«, »Der Metamorph« und »Der Zeitkrieg« bestehenden Kantaki-Trilogie einen großen Erfolg. Mit den visionären Zukunftsvisionen der nachfolgenden Romane verschaffte sich Andreas Brandhorst eine stets anwachsende Fangemeinde und zählt heute zu den erfolgreichsten Science Fiction-Schriftstellern Deutschlands. 2016 wurde sein Roman „Das Schiff“ mit dem Deutschen Science Fiction Preis (DSFP) und dem Kurd-Laßwitz-Preis ausgezeichnet. Buchwelten freut sich sehr, dass der Preisträger ein paar Fragen über seine Arbeit und seine Person beantwortet hat.

1. In Deinen Romanen entwickelst Du unglaublich visionäre Zukunftsbilder. Alles wirkt stimmig, so dass bei mir der Eindruck entsteht, dass die Vorbereitungen solcher Welten vielleicht sogar länger dauern als das Schreiben der eigentlichen Geschichte. Wie darf man sich Deine Vor- und Hauptarbeiten vorstellen?

Antwort: Ich plane die Welten, die Universen, natürlich sehr genau, bevor ich mit dem Schreiben beginne, und anschließend ist es oft so wie mit einem Eisberg: Was im Roman von dem Weltenentwurf erscheint, ist nur die Spitze; ein großer Teil bleibt unter der Wasseroberfläche verborgen. Das verleiht der Bühne, auf der die Ereignisse stattfinden, und ihren Kulissen zusätzliche Authentizität, denn der Autor weiß mehr über seine Welt, als er preisgibt, und das merkt der Leser. Derartige Vorbereitungen können tatsächlich sehr viel Zeit in Anspruch nehmen, aber die Hauptarbeit ist und bleibt das Schreiben des Romans. Vielleicht sollte ich noch hinzufügen: Je gründlicher man bei den Vorbereitungen ist, je genauer man sich dabei alles überlegt, desto leichter ist nachher das Schreiben der Geschichte.


2. Ich komme um meine Lieblingsfrage einfach nicht herum: Wer sind Deine literarischen oder auch nicht literarischen Vorbilder?

Antwort: Ich habe keine Vorbilder. Ich schreibe die Geschichten, die mir selbst als Leser gefallen würden, ohne mich dabei an irgendwelchen Vorbildern zu orientieren. Andererseits gibt es natürlich Autoren, denen ich großen Respekt zolle, deren Romane mich bewegen und berühren, mich vielleicht auch inspirieren. Im Bereich der Science Fiction wären das zum Beispiel Dan Simmons, dessen »Hyperion« ich für genial halte, oder auch Robert Charles Wilson, der mit »Spin« Großartiges geleistet hat.

3. Könntest Du Dir vorstellen, auch einmal einen Roman außerhalb des Sciene Fiction-Genre zu schreiben? Wenn nein, warum nicht? Wenn ja, was würde uns erwarten?

Antwort: Ich habe bereits drei Romane geschrieben, die nicht der Science Fiction zuzuordnen sind: »Äon«, »Die Stadt« und »Seelenfänger«. Derzeit arbeite ich an einem weiteren Non-SF-Roman, der im Herbst 2017 in der Belletristik-Reihe bei Piper erscheinen wird und in dem es um künstliche Intelligenz geht. Ein weiterer Non-SF-Roman wird voraussichtlich 2018 erscheinen. Die Science Fiction fasziniert und begeistert mich. Aber ich finde es auch sehr interessant, außerhalb von ihr zu schreiben und Geschichten zu erzählen, die viel näher bei unserer Gegenwart sind.

4. Was liest Andreas Brandhorst privat? Welche Musik hörst Du und welche Filme (oder auch Serien) siehst Du?

Antwort: Seit einigen Jahren lese ich weniger Science Fiction und dafür mehr allgemeine Literatur, Romane »über das Leben«, könnte man sagen. 🙂 Ein Roman, der mich sehr beeindruckt hat, war »Stoner« von John Williams. Sehr gern lese ich die Werke der italienischen Schriftstellerin Margaret Mazzantini (in der ausgezeichneten deutschen Übersetzung von Karin Krieger; ich lese immer nur auf Deutsch, obwohl ich nach 30 Jahren in Italien mit dem Italienischen vertraut bin): »Das schönste Wort der Welt« (im Original »Venuto al mondo«, »Zur Welt gekommen«; dieser Titel trifft den Inhalt weitaus besser) ist ein wahres Meisterwerk, ebenso wie »Geh nicht fort« oder »Herrlichkeit«. Angetan haben mir es auch die Romane von Nina George (»Das Lavendelzimmer«, »Das Traumbuch«), Joe R. Lansdales »Ein feiner dunkler Riss« und alle auf Deutsch erschienenen Romane von Marie-Sabine Roger. Was Musik betrifft: Ich höre beim Schreiben oft laut Heavy Metal, zum Beispiel Metallica oder Korn. Und Filme: Schwer beeindruckt und im Herzen berührt war ich von »Interstellar«. Ich mag das italienische Autorenkino (zum Beispiel von Ferzan Özpetek, tolle Filme, die tiefen Einblick in das italienische Leben geben), aber auch Filme wie »Einer nach dem anderen« aus Norwegen; mein Geschmack ist da ziemlich breit gestreut.

5. Wenn bemannte Raumfahrt in andere Galaxien möglich wäre, was würdest Du tun? Der Erde verbunden bleiben oder Dich auf ein ungewisses Abenteuer einlassen?

Antwort: Keine Frage: Ich würde sofort aufbrechen, in der Hoffnung, die vielen Wunder des Universums zu sehen, mit eigenen Augen. Ich würde auch losfliegen, wenn ich wüsste, dass es keine Rückkehr gäbe.

6. In Deinen Geschichten steckt oft sehr viel Philosophie. Bei Deinen letzten Romanen kam mir immer wieder der Gedanke, Dich als „Michael Ende der Science Fiction“ zu bezeichnen. Hast Du Dich denn mit Philosophen, wie z.B. Rudolf Steiner, beschäftigt oder woher kommt diese philosophische Ader?

Antwort: Ich bin in den letzten Jahren sehr, sehr nachdenklich geworden. Das hängt mit dem Verlauf meines Lebens zusammen, mit den Sackgassen, in die ich manchmal geraten bin, aber auch mit dem Alter. Wenn man ein bestimmtes Alter erreicht, wird einem klar, dass der Weg vor einem kürzer ist (und immer kürzer wird) als der hinter einem. Dann stellt man sich Fragen wie: Habe ich richtig gelebt? Habe ich die richtigen Entscheidungen getroffen? Und was soll ich mit den Jahren anfangen, die mir noch bleiben? Es vergeht kein Tag, an dem ich nicht über solche und andere Fragen nachdenke, und das schlägt sich natürlich auch in der Art meines Schreibens nieder. So gibt es in meinen Romanen selten Personen, die einfach nur schlecht und gut sind. Wie im wirklichen Leben tragen sie Eigenschaften von beiden Seiten in sich. Und natürlich agieren sie nicht einfach nur, sondern machen sich auch Gedanken …

7. Gibt es ein Buch oder eine bestimmte Stelle aus einem Buch, wodurch Dein Leben beeinflusst wurde?

Antwort: Es ist erstaunlich, aber ich habe einige E-Mails von Lesern bekommen, in denen sie mir schrieben, dass ein bestimmter Roman von mir ihre Denkweise verändert hätte. Ich glaube, das ist eins der größten Komplimente, die man einem Autor machen kann. Was mich betrifft: Ich habe als Kind, Anfang der 60er-Jahre des vorigen Jahrhunderts, ein Buch gelesen, das mich nachhaltig beeinflusst und Bücher in den Mittelpunkt meines Lebens gerückt hat: »Was die Schildkröte erzählte« von Maria Kahle. Ich habe es erst vor kurzer Zeit mithilfe einer Facebook-Freundin wiedergefunden und bei Recherchen erfahren, dass die Autorin leider der NS-Ideologie recht nahe stand, was der Knabe Andreas damals natürlich nicht wusste. Er war nur sehr angetan von der Schildkröte, die unter dem Bett eines schlafenden Jungen lag und ihm im Traum ihre Geschichten erzählte. Dieses Buch war es, das mich damals lehrte, was Lesen bedeutet: die Erkundung neuer Welten.

8. Kannst/magst/darfst Du verraten, wie Deine Pläne für das „Omniversum“ aussehen?

Antwort: Nach »Omni« wird es weitere Romane geben, die im Omniversum angesiedelt sind. Der erste von ihnen mit dem Titel »Das Arkonadia-Rätsel« erscheint am 2. Mai 2017 bei Piper. Wichtig ist: Alle diese Romane sind in sich abgeschlossen, vergleichbar vielleicht mit den Kultur-Romanen von Banks. Das heißt, es sind keine Fortsetzungsgeschichten mit einem gemeinen Cliffhanger am Ende. 🙂 Man kann sie jeden für sich allein genommen lesen.

9. 5 Namen, 5 spontane Antworten. Was fällt Dir ein bei:

– Stephen Baxter

– Philip K. Dick

– Larry Niven

– J.R.R. Tolkien

– Harry Potter?

Antwort: Dazu sage ich: Vier Autoren und eine Romanfigur, wie sie unterschiedlicher kaum sein könnten. Zwei Namen ragen für mich heraus, was die anderen aber nicht schmälern soll: Tolkien als Übervater der Fantasy und Philip K. Dick als jemand, der nicht nur die Science Fiction insbesondere in den 60er- und 70er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts nachhaltig geprägt hat – viele seiner Bücher gelten heute auch als Klassiker der amerikanischen Literatur.

10. Zuletzt würde mich interessieren, ob es bei Deiner Arbeit besondere Rituale und/oder ein Maskottchen gibt, das Du während des Schreibens in Deiner Nähe brauchst?

Antwort: Nein, besondere Rituale, die ich unbedingt für das Schreiben brauche, gibt es nicht, sieht man einmal davon ab, dass ich jeden Tag sehr früh aufstehe, um circa 6:30 Uhr, und die erste Stunde meines Arbeitstages, von sieben bis ungefähr acht, oft damit verbringe, Anfragen von Lesern per E-Mail oder Facebook-Messenger zu beantworen. Das ist in letzter Zeit immer mehr geworden, worüber ich mich freue. Wichtig ist mir auch das Laufen. Ich laufe jeden Tag und bei jedem Wetter mindestens eine Stunde: Der Geist entspannt sich, während der Körper arbeitet, und dabei kommen mir oft die besten Ideen.

Ich danke Dir sehr für die Beantwortung meiner Fragen, gratuliere Dir noch nachträglich zum Gewinn des Deutschen Science Fiction Preises und des Kurd-Laßwitz-Preises für »Das Schiff« und wünsche Dir alles Gute für die Zukunft.

Ach ja, und ich freue mich schon jetzt auf Deinen neuen Roman.

© 2016 Wolfgang Brunner / Andreas Brandhorst

Das Schiff von Andreas Brandhorst

Schiff

Erschienen als Taschenbuch
bei Piper
insgesamt 544 Seiten
Preis:  14,99  €
ISBN: 978-3-492-70358-1
Kategorie: Science Fiction

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Die Maschinen haben die Herrschaft über die Erde inne und verfolgen Spuren im ganzen All, um die Hinterlasssenschaften der Muriah, einer untergegangenen Hochkultur der Milchstraße, aufzuspüren. Dabei werden die intelligenten Maschinen von sogenannten Mindtalkern, sterblichen Menschen, unterstützt, die per Gedankenkraft durchs All reisen können. Die Mindtalker Adam und Rebecca  sind sicher, dass sie von den Maschinen betrogen werden und versuchen während ihrer Missionen die Verschwörung aufzudecken. Dabei stoßen sie auf eine weitaus größere Bedrohung für die Menschen als die, die von den Maschinen ausgeht …

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Wie macht der Mann das nur?
Diese Frage stelle ich mir bei jedem Buch von Andreas Brandhorst, das ich lese, mehrmals. So auch bei „Das Schiff“.
Immer wieder meint man, nichts zu verstehen und dennoch versteht man irgendwie alles. Das ist eine Kunst, die nur wenige Schriftsteller in dieser Art beherrschen. Brandhorst gehört eindeutig dazu.
Er nimmt uns in seinem neuesten Roman, wie bei vielen seiner Science Fiction-Geschichten, mit auf eine unglaubliche Reise durch Universen, die so manches Mal fast unsere Vorstellungskraft übersteigt. Und dieses Mal streut Andreas Brandhorst auch noch absolut tolle philosophische Gedanken ein, die sich mit dem Leben und Sterben respektive Unsterblichkeit beschäftigen. Spannung und Tiefgang halten sich in diesem Roman die Waage und man kann das Buch schwerlich aus der Hand legen.
Ein wenig düster, aber dennoch nicht deprimierend, zeichnet der Autor das Bild einer Welt, in der der Mensch von Maschinen beherrscht wird. Die glaubwürdigen Charaktere wachsen einem ans Herz und man teilt ihre Ängste, Hoffnungen und Sehnsüchte.

Brandhorst schafft es hervorragend, diese Endzeit-Stimmung einzufangen. Man sieht sich förmlich neben den Protagonisten auf windumwehten Gipfeln stehen und sieht zusammen mit ihnen über eine apokalyptische Landschaft. Dabei sinnt man über deren Leben, aber auch über das eigene, nach und wünscht sich, an jenem Ort im Buch zu sein, obwohl er im Grunde genommen eigentlich schrecklich ist.
Fast neige ich dazu, „Das Schiff“ als Brandhorsts bestes Buch zu bezeichnen. Sein Zukunftswelten sind visionär und vermitteln genau jenes Gefühl, das sich ein Science Fiction-Fan wünscht: unendliche Weiten, apokalyptische Szenarien und eine hochtechnisierte Zivilisation.
Man merkt, wie sehr Andreas Brandhorst selbst Science Fiction mag und liebevoll Bücher anderer Autoren und Filme in seine Handlung einfließen lässt, ohne je zu kopieren. Brandhorsts Universen sind eigenständig und angefüllt mit unendlich vielen, grandiosen Ideen. Andreas Brandhorst macht süchtig.

Der Autor setzt die Meßlatte für seine eigenen Bücher immer sehr hoch. Und dennoch wird man nie von seinen neuen Werken enttäuscht, sondern wie eh und jeh mitgerissen. Man kann sich Brandhorsts bildhaftem Schreibstil schwer entziehen. Ich kann nur wiederholen, dass sich Andreas Brandhorst für mich wie ein deutscher Iain Banks, Peter F. Hamilton oder Alastair Reynolds anfühlt. Visionäre Science Fiction-Romane, die den aufmerksamen Leser auf eine philosophische Ebene bringen, ohne die Spannung zu vernachlässigen. Brandhorst ist Abenteuerschreiber und Philosoph in einem.
Und wenn ich mir seine Entwicklung ansehe, so nähert er sich mit seinen letzten beiden Romanen „Ikarus“ und „Das Schiff“ immer mehr einem persönlichen Höhepunkt in seiner Karriere. Man darf gespannt sein (ich bin es sowieso), wohin uns sein neuer Roman „Omni“, der voraussichtlich noch dieses Jahr bei Piper erscheint, führt.

Andreas Brandhorst wird meiner Meinung nach mit jedem Roman noch besser, was an sich unglaublich ist, denn schon sein  Kantaki-Zyklus war phänomenal.

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Fazit: Visionär und philosophisch entführt Brandhorst den Leser in eine Zukunftswelt, die ihresgleichen sucht. Nach „Ikarus“ ein neues Meisterwerk.

© 2016 Wolfgang Brunner für Buchwelten

Ich danke dem Piper-Verlag für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplares.

Ikarus von Andreas Brandhorst

ikarus

Erschienen als Taschenbuch
bei Heyne
insgesamt 576 Seiten
Preis:  14,99  €
ISBN: 978-3-453-31545-7
Kategorie: Science Fiction

Der Regierungsrat Takeder wird ermordet. Als er in einem sogenannten Kopiat, einer Hülle, die seine Erinnerungen gespeichert hat, erwacht, macht er sich auf die Suche nach seinem Mörder. Immer tiefer dringt das zweite Ich Takedes in sein vergangenes Leben ein und entdeckt ein Geheimprojekt namens „Ikarus“, bei dem er mitgewirkt hat. Und plötzlich macht man erneut Jagd auf Takeder …

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Brandhorst neigt so manches Mal dazu, zu übertreiben. Zumindest hat man bei einigen seiner Werke anfangs diesen Eindruck, bis man eines besseren belehrt wird und in eine Welt eintaucht, die man zwar gelesen nicht versteht, die aber im Kopf ein relativ klares Bild zeichnet. „Ikarus“ gehört zu jener Sorte Bücher.
Die Grundidee ist phänomenal und sofort kommt eine Art Abenteuerstimmung auf, die einen in den Bann zieht. Dann kommt der Zeitpunkt, an dem Brandhorst wild mit erfundenen (oder vielleicht auch sogar tatsächlich existierenden) Begriffen um sich schmeißt und beim Leser erst einmal eine Galaxie von Fragezeichen um dessen Kopf schwirren lässt. Aber wenn man weiter liest und sich auf die Geschichte einlässt, kristallisieren sich immer mehr Zusammenhänge heraus und man „versteht“, was Brandhorst meint. Ich habe das in einer anderen Rezension schon einmal erwähnt, aber auch auf dieses Buch trifft es wieder zu: Brandhorsts Worte erinnern an Iain Banks, der es ebenfalls verstand, seine Leser zu verwirren, bis man an einen Punkt kam und die Handlung ganz klar vor sich sah und „verstand“.

„Ikarus“ ist ein Epos, das in seiner Bildsprache wieder einmal sehr faszinierend ist und erst nach einer Weile sein gesamtes Spektrum beim Leser entfaltet. Man muss sich in Geduld üben, bestimmte Dinge erst einmal hinnehmen, um sie später entweder zu begreifen oder eben nicht, damit man diesen epischen Science Fiction-Thriller genießen kann. Ich für meinen Teil hatte wieder meine helle Freude daran, fremde Welten zu entdecken und in Paralleluniversen a la „Inception“ einzutauchen. Vor allem der sehr interessante Charakter des Holders, der als Kopie seiner selbst, seinen eigenen Mörder sucht, hat es mir angetan. Brandhorst hat die Eigenschaften und Gedanken dieses Mannes sehr gut und nachvollziehbar herausgearbeitet.

„Ikarus“ ist keine Alltagskost (das sind allerdings die anderen Bücher von Andreas Brandhorst auch nicht), das volle Aufmerksamkeit fordert, denn sonst hat man bereits nach den ersten Seiten verloren. Brandhorsts Geschichten lassen zwischen den Zeilen jede Menge Platz zu Selbstinterpretationen. Und, wie bei seinen anderen Romanen, erzeugt der Autor durch seinen bildhaften und intelligenten Schreibstil dafür, dass sich im Kopf des Lesers nicht nur die Bilder seiner Geschichte zeigen, sondern auch eigene, die sich der Leser selbst ausmalt. Das ist schon eine Meisterleistung.

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Fazit: Bildhaft und mit einer innovativen Idee entführt uns Andreas Brandhorst wieder in eine seiner unglaublich komplexen Abenteuerwelten. Intelligente Science Fiction zum Träumen.

© 2015 Wolfgang Brunner für Buchwelten

Seelenfänger von Andreas Brandhorst

seelenfänger

Erschienen als Taschenbuch
im Heyne Verlag
insgesamt 640Seiten
Preis: 14,99 €
ISBN: 978-3-453-52970-0
Kategorie: Thriller, Science Fiction

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Zacharis Calm ist ein sogenannter Traveller. Er kann sich mithilfe einer Droge in den Seelenzustand eines Menschen versetzten und sieht dessen Psyche wie eine eigene Welt vor sich, in der er sich auch frei bewegen kann. Als Zacharias zusammen mit Kollegin und Psychologin Florence in die psychische Welt eines Komapatienten eindringt, trifft er auf einen mysteriösen Feind, der die Realität, in der die Menschen leben, zerstören will …

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Brandhorst schreibt Geschichten, die eigentlich nicht schreibbar sind. 😉
Mit „Seelenfänger“ beweist er dies erneut. Andreas Brandhorst MUSS Filmfan sein, sonst wären die Anspielungen auf Filme wie „Matrix“, „Inception“, „Avatar“ oder „Tron“ nicht erklärbar. Das Gute daran ist: Brandhorst kopiert nicht, sondern verbeugt sich vor diesen cineastischen Meilensteinen. Im Falle von „Seelenfänger“ macht das einen unglaublichen Spaß und sobald man sich auf die schräge Handlung eingelassen hat, kann man sich nicht mehr davon losreißen.

Andreas Brandhorst nimmt uns auf unglaubliche Reisen mit, die sich durch seinen bildhaften Schreibstil im Kopf der Leser ausbreiten, als sähen sie tatsächlich einen Film voller Computereffekte. Obgleich einem die Story an ein paar Stellen extrem verwirrend vorkommt, vermag der Leser, der sich darauf einlassen kann, das Ganze am Ende doch auf geheimnisvolle Weise verstehen. Das ist eine Kunst, die nur wenige Autoren beherrschen: Brandhorst gehört dazu. Er wirkt auf mich fast wie ein deutscher Iain Banks.

Wer sich auf Fantasiewelten und unmöglich Erscheinendes einlassen kann, wird mit einem wahren Feuerwerk an Ideen und Welten belohnt, dem man sich schwer entziehen kann. Der Suchtfaktor bei diesem Roman ist sehr groß. Andreas Brandhorst kann mit seinem Werk zwar Tad Williams genialer „Otherland“-Reihe nicht das Wasser reichen, aber er schafft mit seinem Science Fiction-Thriller zumindest etwas Ähnliches: Der Leser kann sich fallenlassen und in fremde Welten entschweben, um darüber nachdenken, was real und was surreal ist.
Ein unerschöpflicher Einfallsreichtum beschert großes Kopfkino, das man mal „gesehen“ haben sollte. Für mich ein großer SF-Roman aus Deutschland, der sich vor internationaler Konkurrenz nicht verstecken braucht.

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Fazit: Mit einer Mischung aus „Inception“ und „Matrix“ entführt Andreas Brandhorst seine Leser in unglaublich vielfältige Realitäten. Ein Roman zum Nachdenken, aber auch zum Fallenlassen und Genießen.

© 2015  Wolfgang Brunner für Buchwelten