Das Haus am Ende der Welt von Paul Tremblay

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Erschienen als Taschenbuch
im Heyne Verlag
insgesamt  350 Seiten
Preis: 12,99 €
ISBN: 978-3-453-31999-8
Kategorie: Horror, Thriller

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Das homosexuelle Ehepaar Eric und Andrew verbringen gemeinsam mit ihrer siebenjährigen Adoptivtochter Wen eine Woche Urlaub in einem abgelegenen Ferienhaus in den Wäldern von New Hampshire. Doch eines Tages tauchen vier merkwürdige Besucher auf, die um Mithilfe bitten, den Weltuntergang zu verhindern. Schon bald beginnt für Eric, Andrew und Wen der schlimmste Albtraum ihres Lebens .

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Paul Tremblays Roman beginnt wie Michael Hanekes Film „Funny Games“ und entwickelt sich dann im weiteren Verlauf zu einem düsteren und bedrohlichen Dystopiethriller. „Das Haus am Ende der Welt“ ist sehr beklemmend und, sofern man sich darauf einlassen kann, ein unheimliches Szenario, das einem das Fürchten lehrt. Tremblay erfindet das Rad sicherlich nicht neu, aber sein Roman hebt sich von anderen Büchern dieser Art durch seinen außergewöhnlichen Schreibstil ab, an den man sich sicherlich erst einmal gewöhnen muss. Tremblay setzt als Protagonisten homosexuelle Ehepartner ein, was dem Roman auch eine gewisse sozialkritische Note verleiht. Der Autor behandelt diese Thematik sehr offen und normal, sodass alleine diese Tatsache schon einen Pluspunkt von mir bekommt. Die Charakterzeichnungen, die Tremblay vorlegt, sind zwar nicht hundertprozentig tiefgehend ausgearbeitet, aber sie reichen allemal, um die Personen näher kennenzulernen und den Geschehnissen eine glaubwürdige Dramatik zu verleihen .

Es ist an sich eine einfache Geschichte, die hier erzählt wird, aber dennoch wirkt sie durch ihre Eindringlichkeit sehr ausgeklügelt. Was wie ein Thriller beginnt und sich zu einer Dystopie entwickelt, endet letztendlich in einem Mysterium. Was mich schreibtechnisch an vielen Stellen an Stephen Kings Sohn Joey Hill erinnert hat, verursachte vor meinem inneren Auge einen Film im Stil von David Lynch. „Das Haus am Ende der Welt“ ist definitiv kein einfacher Roman, der dem Mainstream entspricht, sondern es handelt sich hierbei um einen außergewöhnlichen Plot, der viele Fragen offen- und eigene Interpretationen zulässt. Für manchen Leser könnte die Handlung etwas langatmig wirken, weil im Grunde genommen nicht wirklich viel passiert. Wenn man sich diese Vorfälle allerdings in der Realität vorstellt, entdeckt man einen unglaublich intensiven Horror, der einem Gänsehaut beschert .

Wie gesagt, das Buch ist nicht einfach und man muss sich auf die unkonventionelle Schreibweise einlassen können, um ein Gefühl für die Handlung und auch die Handlungsweisen der Protagonisten zu bekommen. Ich für meinen Teil spürte zumindest die permanent existierende Bedrohung und auch das flaue Gefühl im Magen, dass sich bei den Beteiligten ausbreitet. Da sich die Handlung auf nur einen einzigen Ort, nämlich die Hütte konzentriert, kommt natürlich von der ersten Seite an eine bedrohliche und beklemmende Stimmung auf, die sich bis zum Ende des Romans durchzieht und auch konstant beibehalten wird. „Das Haus am Ende der Welt“ hat mich auf jeden Fall soweit überzeugt ,dass ich mir andere Werke des Autors besorgen werde.

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Fazit: Unkonventionelles, apokalpytisches Szenario mit Gänsehauteffekt.

© 2019 Wolfgang Brunner für Buchwelten

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Der Garten des Uroboros von Michael Marrak

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Erschienen als gebundene Ausgabe
im Amrun Verlag
insgesamt  500 Seiten
Preis: 23,90 €
ISBN: 978-3-95869-571-9
Kategorie: Science Fiction, Fantasy, Abenteuer

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In Mexiko findet der Archäologe Hippolyt Krispin Hunderte menschlicher Skelette über einem Uroboros-Relief. In Mali, Afrika, macht sich ein Junge des Dogon-Volkes auf den Weg zur sagenumwobenen Stadt der Hunde. Und in Peru beschäftigt sich der Astronom Miguel Perea mit einer Aufnahme, die von einem Observatorium aus Ecuador stammt und auf der sämtliche Sterne fehlen, die weiter als hundertfünfzig Lichtjahre entfernt sind. Irgendetwas nähert sich der Erde mit unvorstellbarer Geschwindigkeit. Und die drei Begebenheiten, die auf den ersten Blick nichts miteinander zu tun haben, deuten plötzlich doch auf ein Ereignis hin: den Weltuntergang.

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Hippolyt Krispin aus Marraks Roman „Morphogenesis“ kehrt zurück! Doch wer den ersten Roman mit dem Archäologen (noch! 😉 ) nicht gelesen hat, kann sich getrost an „Der Garten des Uroboros“ wagen, denn man muss das erste Abenteuer nicht kennen, um diesen Roman zu verstehen. Der vorliegende Roman ist ein typischer Roman, wie man ihn von Michael Marrak gewohnt ist: Innovativ, kurzweilig, auf hohem Niveau verfasst und voller genialer Ideen, denen man sich nicht entziehen kann. „Der Garten des Uroboros“ ist eine wilde Mischung aus Abenteuerroman (a la „Indiana Jones“, wie auch vom Verlag beworben), einem intelligenten Science Fiction-Plot und der Aufarbeitung alter Mythen aus verschiedenen Kontinenten. Es ist schon unglaublich, wie geschickt Marrak diese Genre miteinander verquickt und eine beeindruckende Story daraus webt. Eines ist jedenfalls sicher: „Der Garten des Uroboros“ wird nicht jedermanns Geschmack sein, so wie es auf eigentlich alle Bücher von Michael Marrak zutrifft. Seine Romane, wie auch der vorliegende, sind nicht für den schnellen Konsum gedacht, denn zu viel steht in und auch zwischen den Zeilen, um es nur oberflächlich zu lesen. Wer sich darauf nicht einlassen kann und sich nicht die Zeit dafür nimmt, verpasst tolle Geschichten und ideenreiche Literatur, die Spaß macht.

Eigentlich sind es sogar vier Geschichten, die Marrak im Verlauf des Romans miteinander zu einem großen Ganzen verbindet. Und auch wenn das Ende auf den ersten Blick sehr fantasylastig daherkommen mag, so verbirgt sich darin dennoch eine ausgeklügelte Interpretation der Apokalypse. „Der Garten des Uroboros“ ist eines jener Bücher, die nicht nur während des Lesens Spaß machen, sondern auch noch danach faszinieren und zum Nachdenken anregen. Das vorliegende Buch erreicht zwar nicht ganz die innovative Ideenvielfalt, die „Der Kanon mechanischer Seelen“ bereitstellt, sprudelt aber dennoch vor Einfällen nur so über. Innerhalb dieser Geschichten und des eigentlichen Plots erzählt Marrrak dann auch noch wunderschöne Märchen, von denen ich mir sogar gewünscht hätte, sie wären öfter vorgekommen.

Was für viele Leser außerordentlich anstrengend sein dürfte, entpuppt sich bei genauerer Überprüfung als grandiose Recherchearbeit. Mit dem Wissen, dass Michael Marrak enorm viel Sachkenntnis in seiner Geschichte verwertet hat (und dieses auch noch grandios zu einem logischen Ganzen verknüpfen konnte), läse sich der Roman beim zweiten Mal mit Sicherheit noch beeindruckender, als er es ohnehin schon ist.
„Der Garten des Uroboros“ ist einerseits ein unterhaltsamer Abenteuerroman und andererseits eine fantastische Reise in eine grenzwissenschaftliche Welt jenseits von Zeit und Raum, die ein besonderes Weltbild bedient. Grundvoraussetzung, um diesen Roman genießen und vor allem vollends verstehen zu können, ist daher eine gewisse Offenheit bezüglich dieser Dinge. Wer das kann, wird mit einem wunderbaren, faszinierenden Buch belohnt. Der vorliegende Roman bestätigt erneut, dass Michael Marrak zu den wichtigsten und auch innovativsten Schriftstellern Deutschlands gehört.

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Fazit. Abenteuerliche, philosophische und teils auch spirituelle Reise bis zum Ende der Welt.

© 2019 Wolfgang Brunner für Buchwelten

Terra von T.S. Orgel

terra

Erschienen als Taschenbuch
im Heyne-Verlag
insgesamt 508 Seiten
Preis: 14,99 €
ISBN: 978-3-453-31967-7
Kategorie: Science Fiction

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In der Zukunft ist die Erde ist ein ökologisches Wrack und die Menschen haben den Mond mittlerweile bevölkert. Die Bewohnbarkeit des Mars hat höchste Priorität.
Jak ist Mechaniker und transportiert an Bord eines vollautomatischen Raumfrachters Rohstoffe vom Mars zur Erde. Eines Tages entdeckt er, das sich zwischen den zwei Millionen Tonnen Erz ein Container befindet, in dem Bomben lagern. Er kontaktiert seine Schwester Sal, die als Marshal auf dem Mond stationiert ist. Sie kommen einer riesigen Verschwörung auf die Spur und ein Wettlauf um die Zukunft der Menschheit beginnt …

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„Terra“ ist mein erstes Buch der Gebrüder Orgel und ich muss sagen, dass sie mich mit ihrem flüssigen Schreibstil und ihrer besonderen Art von Humor schon nach den ersten Seiten überzeugt haben. Der Plot wirkt glaubwürdig, wenngleich er an ein paar Stellen etwas weit hergeholt wirken mag, und nimmt den Leser mit auf eine spannende Reise durchs Weltall. Abseits von Weltraumschlachten inszenieren die beiden Autoren ein Szenario, das erschreckend ist und bei genauerer Betrachtung auch epische Ausmaße annimmt. Die Charaktere der Protagonisten sind sehr authentisch beschrieben und man meint schon bald, sie auf gewisse Art und Weise zu kennen. Die Gebrüder Orgel haben ihren Einstieg ins Science Fiction-Genre souverän geschafft. Interessant ist nämlich, dass, obwohl im Grunde genommen nicht wirklich viel passiert, man das Buch schwer aus der Hand legen kann.

Jak erinnerte mich oft an Han Solo aus Star Wars, was unter Umständen sogar von den beiden Autoren so beabsichtigt war. Und das ist auch schon der Stichpunkt für einen großen Pluspunkt des Romans, der mir persönlich total zugesagt hat und die beiden Autorenbrüder absolut sympathisch macht: Es handelt sich dabei um die zahlreichen Anspielungen einer SF-Popkultur vergangener Jahrzehnte. Nicht nur das erwähnte Star Wars-Franchise, sondern auch „Star Trek“ oder „Blade Runner“, um nur ein paar zu nennen, finden sich zwischen den Zeilen, so dass es eine wahre Freude ist. Aber nicht nur SF-Zitate finden in diesem Roman Platz, auch Klassiker der Literatur wie „Moby Dick“ lassen sich darin finden.
Der Schauplatz des einsamen Frachters, in dem sich Jak aufhält, wirkt wie ein Crossover aus „Space Truckers“ (mit Dennis Hopper) und „Outland“ (mit Sean Connery). Ich hatte gerade bei diesem Aspekt des Romans wahnsinnigen Spaß und habe es förmlich genossen, mir Gedanken darüber zu machen, an welches Buch oder welchen Film die beiden Autoren gerade dachten, als sie die entsprechende Szene niederschrieben. Das hat schon fast Kultcharakter.

Sicherlich erfinden die Gebrüder Orgel das Science Fiction-Genre nicht neu, aber sie spielen geschickt mit gängigen Klischees und neuen Ansätzen, was die Zukunft der Erde und die Entwicklung der Menschheit angeht. Vor allem die (witzigen) Beschreibungen der Künstlichen Intelligenzen machen „Terra“ zu einem überaus unterhaltsamen, aber auch streckenweise amüsanten Abenteuer.  Und obwohl die Autoren hin und wieder technische Erklärungen abliefern, wirken diese niemals ermüdend oder unverständlich. Im Gegenteil, sie passen sich dem Tempo der Haupthandlung an und werden da, wo es passt, eingeworfen, um das Geschehen verständlicher zu machen. Ich hatte zu keiner Zeit irgendwelche Probleme, der Handlung zu folgen oder irgendetwas nicht zu verstehen. Da gibt es andere „Kaliber“ im SF-Bereich, die bedeutend schwieriger zu lesen sind.
Noch ein kurzes Wort zur Aufmachung des Buches: Das Titelbild ist geradezu hypnotisch und veranlasst den Leser (zumindest war es bei mir so 😉 ) immer wieder mal zwischendurch einen Blick darauf zu werfen. Es ist wirklich äußerst gelungen, wenngleich es nicht hundertprozentig zur Handlung passt. Aber es fängt definitiv die Stimmung des Werks ein. Hinzu kommt, dass die Seiten am Rand gelb eingefärbt sind, was dem Buch ein besonderes Aussehen verleiht. Insgesamt ein absolut gelungener Einstieg ins SF-Genre. Ich werde mit Sicherheit noch weitere Bücher von T.S. Orgel lesen, da sie mich mit ihrem Schreibstil begeistert haben.
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Fazit: Stimmungsvoller SF-Roman von T.S. Orgel, der absolut überzeugt.

© 2019 Wolfgang Brunner für Buchwelten

Quazi von Sergej Lukianenko


Quazi von Sergej Lukianenko

Erschienen als Taschenbuch
im Heyne Verlag
insgesamt  414 Seiten
Preis: 14,99 €
ISBN: 978-3-453-453-31852-6
Kategorie: Science Fiction

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Zehn Jahre ist es her, dass eine Seuche ausgebrochen ist und die Menschheit in ein tristes Dasein geworfen hat. Seit dieser Zeit gibt es sogenannte Aufständische, von denen sich einige auserwählte in Quazis, lebende Tote respektive Zombies, verwandeln. Quazis und Menschen versuchen eine Symbiose einzugehen, denn die Auferstandenen sind im Grunde genommen gutmütig. Der Moskauer Polzist Denis Simonow bekommt einen dieser Quazi als neuen Partner zugeteilt. Es dauert nicht lange, und Denis muss feststellen, dass die Quazis etwas planen, um die Menschheit zu unterjochen.

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Lukianenko ist schon seit einiger Zeit der populärste Schriftsteller aus Russland und wenn man seine visionären Romane liest, weiß man auch genau, warum das so ist. Nach seinen Erfolgen mit diversen Reihen (die bekannteste dürfte die legendäre „Wächter“-Reihe sein) widmet sich der Russe einem neuen Kapitel. Der vorliegende Roman mit dem Titel „Quazi“ scheint der erste eines neuen Zyklus zu sein, in dem es um Menschen und wiederauferstandene Tote, sogenannte Quazis, geht. Diese Quazis sind aber nicht die menschenfressenden Monster, wie wir sie aus diversen Zombiefilmen oder Serien wie „The Walking Dead“ kennen, sondern eigentlich Menschen wie Du und ich. Nur eben tot – und quasi unsterblich, weil sie eben schon tot sind. Lukianenko nähert sich dem Thema sehr vorsichtig und schafft es dadurch, dem Szenario eine hohe Glaubwürdigkeit zu verleihen. Seine Untoten sind so menschlich wie seinerzeit der fast schon liebenswerte „Bub“ in George A. Romeros „Day Of The Dead“.

Es ist ein sehr außergewöhnlicher (und für manchen Leser und Lukianenko-Fan wohl auch gewöhnungsbedürftiger) Genre Mix aus Science Fiction, Dystopie, Horror und Krimi. Ich persönlich kam mit dieser Mischung hervorragend klar und war auch stellenweise von den grandiosen Ideen begeistert. Gerade die undurchsichtigen, aber auch gewissermaßen liebenswerten, Charaktere der Quazis, die um ihre Existenzberechtigung kämpfen, haben mir sehr gefallen. Eigentlich haben diese untoten Wesen keinerlei Gefühle mehr in sich, aber dennoch kann man die Quazis oftmals verstehen und meint auch hin und wieder, Emotionen in ihrem Handeln zu entdecken. Sergej Lukianenkos neuer Roman ist kein Geniestreich, wie es manch andere Geschichte aus seiner Feder ist, aber das Werk besitzt eine sehr eindringliche, dystopische Atmosphäre, die mir gut gefallen hat. In einigen Rezensionen wird die angeblich schlechte Übersetzung angeprangert, von der ich aber nichts gespürt habe. Sicherlich ist mir aufgefallen, dass die wiederauferstandenen Toten nicht „Wiederauferstandene“ sondern „Aufständische“ bezeichnet wurden, was absolut keinen Sinn ergibt. Aber wenn man diesen „Makel“ einfach hinnimmt, denn man weiß ja, was gemeint ist, kann man ohne weiteres damit leben und die Geschichte dennoch verstehen.

Man merkt dem Roman an, dass er von Lukianenko stammt, obwohl in seinen anderen Romanen weitaus mehr philosophische Aspekte vorhanden sind. Nichtsdestotrotz kommt aber auch bei „Quazi“ eine gewisse Tiefe zum Tragen, die schlichtweg anders gelagert ist als bei den „echten“ Science Fiction-Storys. Lukianenko widmet sich hier mehr einer möglichen Realität, die uns in Zukunft erwarten könnte, sollte der Mensch eines Tages dazu fähig sein, den Tod zu überwinden. Lukianenko verbindet aktuelle Lebensgefühle mit eventuell zukünftigen, spricht zwar politische und sozialkritische Punkte kurz an, vertieft sie aber nicht. „Quazi“ ist ein erfrischender Beitrag in der schon Jahre anhaltenden Zombie-Dystopie-Apokalypse-Welle, weil er das Thema anders angeht – menschlicher und auf andere Weise erschreckend, als es andere Bücher und Filme derzeit tun. Lukianenko sind mit Denis Simonow und dem Quazi Michail Bedrenez interessante Charaktere gelungen, die noch ausbaubar wären. Entsteht hier tatsächlich eine neue Reihe, kann man schon gespannt sein, wie sich die Charaktere und die Nebenhandlung (die private Geschichte des Ermittlers Denis Simonow) entwickelt. Da steckt auf jeden Fall noch eine Menge Potential im Plot.

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Fazit: Gelungener Zombie-Dystopie-Krimi-Mix, der einen erfrischenden Weg einschlägt.

© 2018 Wolfgang Brunner für Buchwelten

Sleeping Beauties von Stephen King und Owen King

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Erschienen als gebundene Ausgabe
im Heyne Verlag
insgesamt 960 Seiten
Preis: 28,00 €
ISBN: 978-3-453-27144-9
Kategorie: Fantasy / Horror-Fiction

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In der Kleinstadt Dooling gibt es eigentlich nichts anderes, als in anderen Städten auch: Schulen, eine Polizeistation, Supermärkte, Kneipen und ein Frauengefängnis. Okay, letzteres ist nicht in jeder Stadt zu finden.

Eines schönen Tages bricht eine Epidemie aus, die einschlafende Frauen betrifft. Und zwar nur Frauen, egal welchen Alters und egal auf welchem Teil der Welt. Sobald die Frauen einschlafen, bildet sich ein faseriger, spinnenartiger Kokon um sie herum und hüllt sie ein. Doch sie atmen ruhig und scheinen tatsächlich einfach nur zu schlafen. Entfernen sollte man das Gewebe jedoch auf keinen Fall. Überhaupt sollte man nicht versuchen die Frauen zu wecken. Denn sobald sie erwachen werden sie zu mordenden, brutalen Killermaschinen.

Jedoch taucht eine Frau in Dooling auf, die gegen die Schlafkrankheit – inzwischen Aurora genannt – immun zu sein scheint. Sheriff Lila Norcross bringt die Frau ins Frauengefängnis des Ortes und hält sie dort fest (auch zu ihrem eigenen Schutz). Denn die Männer des Ortes hören von dem Gerücht der Immunität der seltsamen Frau und wollen ihre Frauen und Kinder zurück. Um jeden Preis …..

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Ich warne zur Sicherheit einfach mal vorab vor eventuellen Spoilern !

Eine Horrorfantasie mit Realitätsbezug“ lautet ein Zitat auf der Buchrückseite.

Für mich ist der neue Roman von Stephen und Owen King aber eigentlich viel mehr Fantasy oder Fantasy Fiction (wenn es dieses Genre gibt), vermischt mit dystopischen Elementen. Der Horror in diesem Roman ist viel eher auf die teilweise extrem brutalen und extrem blutigen Szenen zu beziehen.

Die beiden Autoren liefern hier eine Geschichte, die fantastisch ist und sehr zum Nachdenken anregt. Denn so traurig es ist, soviel Wahrheit steckt darin. Was braucht es zum Leben, was wird wertgeschätzt, wie schnell kann sich eine offensichtliche Idylle in das totale Chaos umwandeln. Die Natur spielt eine sehr große Rolle und auch die Zwischenmenschlichkeit, egal in welchen Kombinationen, ist sehr großer Bestandteil (Väter und Söhne, Mütter und Söhne, Väter und Töchter, Mütter und Töchter, (Ehe)männer und (Ehe)frauen etc.).

Zu Beginn der Geschichte ist ein Register, in denen alle Figuren aufgeführt sind. Das war für mich sehr hilfreich, denn ich habe oft noch einmal zurückgeblättert, weil es einfach sehr viele Personen gibt, die zur Handlung beitragen und eben auch wichtig sind.

Stephen und Owen King füllen ihren Roman mit einer großen Anzahl von Figuren und den unterschiedlichsten Charakteren. Erzählt er ja über knappe 1000 Seiten die Geschichte einer Stadt im Ausnahmezustand. Ich lernte in der ausführlichen Erzählung alle sehr gut kennen und natürlich baute ich eine Bindung zu den Personen auf.

Der Roman ist außerdem ein gesellschaftskritischer Roman, der mich an die Gemeinschaft von „The Stand“ erinnerte. Allerdings kam mir auch immer wieder „Der dunkle Turm“ in den Sinn, wenn die dystopischen Szenen beschädigte Gebäude beinhalteten oder auch wenn fabelartige Wesen durch die Handlung spazierten.

Die Grundidee der beiden war schlicht und einfach: Was mag wohl passieren, wenn urplötzlich alle Frauen einfach einschlafen und insoweit nicht mehr „vorhanden“ sind. Die Umsetzung dieser Idee ist den beiden gemeinsam sehr gut gelungen. Ich war gefesselt bis zur letzten Seite und hätte gut und gerne noch länger lesen können. Ich fühlte mich sehr wohl in Dooling. Aber das Wichtigste an der Geschichte ist die Botschaft, die sie rüber bringt und die ist erschreckend wahr und gut. Ich konnte beim besten Willen nicht erkennen, welche Passagen Stephen und welche Owen King geschrieben hat. Ich habe wirklich sehr sehr viel von King gelesen und ich meine seinen Stil zu erkennen. Für mich war der Roman einfach ein Stephen King.

Ich füge unten ein kleines Interview der beiden ein, auf das ich beim Stöbern auf der Website von Stephen King gestoßen bin. Da war ich nämlich unterwegs, um einen Blick auf das Originalcover zu werfen. Denn die sind in der Regel immer um einiges besser, als die der deutschen Ausgabe. So auch hier ☺. Aber ich muss sagen, dass in diesem Fall das Cover der deutschen Ausgabe auch sehr schön und vor allem zur Handlung passend ist.

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Mein Fazit: Ein großartiges Fantasy-Fiction Abenteuer, dass sehr gesellschaftskritisch ist und zum Nachdenken anregt. Bestückt mit teils wundervollen Bildern, teils extrem brutalen Szenen und sehr gut ausgearbeiteten/agierenden  (nicht nur netten) Charakteren. Knappe 900 Seiten, die wie im Fluge vergehen. King(s) in Bestform!

Wer das Originalcover sehen mag, der klicke –> hier

© Marion Brunner_Buchwelten 2017

Hex von Thomas Olde Heuvelt

Erschienen als Taschenbuch
im Heyne Verlag
insgesamt 429 Seiten
Preis: 12,99 €
ISBN: 978-3-453-31906-6
Kategorie: Thriller, Horror

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Nach außen hin ist Black Spring ein nettes, kleines und idyllisches Städtchen, umgeben von Wäldern und purer Natur, gäbe es nicht Katherine, eine dreihundert Jahre alte Hexe, die den Bewohnern hin und wieder einen kleinen Schrecken einjagt. Der Stadtrat von Black Spring will diesen „Makel“ nicht an die Öffentlichkeit bringen und hat deswegen strenge Regeln aufgestellt, an die sich jeder Einwohner halten muss: kein Internet und kein Besuch von außerhalb. Doch die Teenager des Ortes sehen die Sache anders und machen sich einen Spaß daraus, die Hexe zu ärgern. Eines Tages stellen sie ein Video der Hexe ins Internet. Und postwendend bricht das Chaos in Black Spring aus …

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Wenn man die ersten Seiten von Thomas Olde Heuvelts „Hex“ zu lesen beginnt, fragt man sich, ob man etwa bereits am Anfang eines Buches schon unaufmerksam war und etwas überlesen hat, denn die Geschichte beginnt vollkommen abgedreht und wirr. Es dauert tatsächlich eine Weile, bis einem ein Licht aufgeht und dann … hat es einen aber auch schon gepackt. „Hex“ ist innovativ und originell, abgedreht und verrückt. Als hätte David Lynch zusammen mit Lars von Trier und Stephen King ein Buch geschrieben. Permanent hatte ich beim Lesen im Kopf, dass sich diese Story absolut für eine Verfilmung eignen würde. Der Sog, den Heuvelt mit seinem hochwertigen und extrem bildhaften Schreibstil entstehen lässt, nimmt einen ab einem gewissen Zeitpunkt derart gefangen, dass man das Buch einfach nicht mehr aus der Hand legen mag und auch kann. Eine wilde Mischung aus gruseligen, japanischen Horrorfilmen, abgefahrenen Ideen und einer Portion Humor machen „Hex“ zu einem echten Erlebnis, wie man es in letzter Zeit, zumindest im Horrorgenre, selten zu lesen bekommen hat.

Manche Szenen wirken im ersten Moment sogar amüsant und witzig, bevor man darüber nachdenkt, wie man sich selbst in dieser Situation fühlen würde. Und nach genaueren Überlegungen spürt man plötzlich die unheimliche Atmosphäre der Geschehnisse, fühlt sich unbehaglich bei dem Gedanken, was passiert.  Denn so harmlos die Szenarien im ersten Moment wirken, die der niederländische Autor da beschreibt, so mystisch und vor allem unheimlich werden sie, wenn man sich darauf einlässt. „Hex“ kommt eher ruhig daher und arbeitet mit der gespenstischen Atmosphäre des Ortes und den seltsamen Verhaltensweisen der Einwohner. Wenn man sich in deren Situation versetzt, spürt man das Grauen und die Bedrohung, fiebert mit ihnen mit und beginnt, sich vor der Hexenerscheinung, die vollkommen ohne Vorwarnung an den verschiedensten Stellen des Ortes aus dem Nichts auftaucht, tatsächlich zu fürchten. Es ist eine besondere Art von Horror, die Heuvelt dem Leser da beschert und man muss sich unbedingt darauf einlassen können, um die Tragweite der Ereignisse zu erfassen. Schleichend entwickelt sich das anfangs eher harmlos wirkende Grauen in einen blutigen und apokalyptischen Alptraum, den der Autor in teilweise außergewöhnlichen und philosophischen Sätzen schildert.

„Hex“ ist in sich von Anfang bis Ende aus meiner Sicht stimmig. Da passt einfach alles: Von den Charakterzeichnungen über die Entwicklung des Plots bis hin zu einem dystopischen, apokalyptischen Ende, das filmreif ist. Sprachlich auf hohem Niveau nimmt Heuvelt den Leser auf einen Horrortrip mit, den man vor allem aufgrund seiner erfrischenden Originalität und dem innovativen Plot nicht so schnell vergißt. Ich langweilte mich keine Sekunde und konnte gar nicht genug davon kriegen, wie sich die Einwohner mit ihrem Hexenproblem auseinandersetzten. Schön war auch, dass der Autor die heutigen technischen Errungenschaften wie Internet und Handy-Apps in eine an sich altmodische Gruselgeschichte einbaute. Und das Finale übertraf meine Erwartungen vollends. Nie hätte ich mit diesen düsteren, apokalyptischen Auswirkungen gerechnet, die sich über das Dorf legten und visionären Bilder eines Hieronymus Bosch glichen. Ich kann das Buch wirklich jedem Horrorfan, der Wert auf Atmosphäre und eine ideenreiche Geschichte legt, empfehlen. Und, wie gesagt, selbst die witzigen Einschübe zwischendurch beherbergen bei genauerem Hinsehen ein unheimliches Grauen in sich, dem man sich nicht entziehen kann. Interessierte Leser sollten sich auf jeden Fall das Nachwort zu Gemüte führen, denn dort erfährt man nämlich interessante Details zur Entstehung und Entwicklung des Romans. Für mich ist „Hex“ eine absolut erfreuliche Neuentdeckung im Bereich Horrorliteratur. Ich bin schon sehr gespannt, was Thomas Olde Heuvelt als nächstes abliefern wird.

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Fazit: Abgedreht, innovativ und extrem gruselig. Als hätte Stephen King zusammen mit David Lynch und Lars von Trier einen Roman geschrieben.

© 2017 Wolfgang Brunner für Buchwelten

Das Erwachen von Andreas Brandhorst

Erschienen als Taschenbuch
im Piper Verlag
736 Seiten
16,99 €
ISBN: 978-3-492-06080-6

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Versehentlich gerät durch das Mitwirken des Hackers Axel Krohn ein Computervirus in den Hauptrechner einer großen Firma. Von dort aus vernetzt der Rechner sich weltweit mit anderen Rechnern, um die digitale Welt der Menschheit zu kontrollieren. Stromausfälle, Wassernot und das Zusammenbrechen der Internetverbindungen und Handynetze sind die Folgen. Die Geheimdienste aus aller Welt sind plötzlich hinter Axel her, während eine Künstliche Intelligenz in den Computern erwacht und versucht, eine gewisse Macht zu erlangen. Und schon bald wird Alex klar, dass es das Ende der Welt, wie wir sie kennen, bedeuten würde, wenn die Menschen die Kontrolle an die Superintelligenz  verlieren …

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Andreas Brandhorst nimmt sich in seinem neuen Buch einem hochbrisanten und vor allem sehr aktuellen Thema an: Künstliche Intelligenz. Aber er spricht nicht von Maschinen, die Menschen ähnlich sehen, wie zum Beispiel in den Filmen „I, Robot“ oder „Der 200 Jahre Mann“, sondern behandelt die Bedrohung durch Computer und deren Programme. Vorlagen könnten die Robotermaschinen HAL 9000 aus Arthur C. Clarkes „2001“ oder die intelligente Bombe aus John Carpenters 2001-Hommage „Dark Star“ sein. Brandhorst entwirft ein Worst Case Scenario, das einen nachdenklich macht und auch ein wenig Angst einjagt. Denn alles, was Brandhorst beschreibt, ist bereits eingetreten oder könnte zumindest in sehr naher Zukunft zur Realität werden. Mit einer unglaublichen Informationsfülle wirft der Autor den Leser in eine computer- und internetabhängige Welt, wie wir sie im Endeffekt schon seit einiger Zeit haben. Aufgrund der äußerst guten Recherche werden einem während des Lesens aber einige Tatsachen bewusst, die man entweder noch nicht gewusst hat oder sie aber im Zuge des alltäglichen Alltagswahnsinns, den man bereits täglich um sich findet, schlichtweg verdrängt hat. Das Szenario, in das uns Andreas Brandhorst mit seinem erschreckenden Thriller wirft, lässt immer wieder die Frage aufkommen, ob es schon längst nicht mehr nur 5 vor 12 ist, sondern bereits zu spät. Mit akribischer Genauigkeit wird in „Das Erwachen“ eine Abfolge von Ereignissen geschildert, bei denen eins zum anderen führt, bis schließlich die Maschinen beziehungsweise ein intelligentes Programm die Macht übernimmt und die Menschheit alt aussehen lässt.

Andreas Brandhorst muss für diesen Roman eine unglaublich intensive und langwierige Recherchen geführt haben, denn es dreht sich nicht alles nur ums Internet, wie die meisten Menschen bei diesem Thema vermuten würden, sondern es geht auch um das Dark Net und das Deep Web. Unbekannte Welten tun sich auf, wenn man „Das Erwachen“ liest. Der Leser erfährt Hintergrundinformationen über jene Netze oder auch zum Beispiel über Google, Messengerdienste oder soziale Netzwerke. Brandhorst erklärt, strapaziert aber niemals die Geduld des Lesers und verwickelt sich in ausufernde, komplizierte Vorgänge. Alles ist verständlich und nachvollziehbar geschildert. Und da es sich bei diesen Begebenheiten um Realität handelt, schleicht sich beim Leser schnell ein unbehagliches Gefühl in Sachen Internet ein. Neben diesen höchst interessanten Informationen baut Andreas Brandhorst auch innen- und weltpolitische Verstrickungen, Auswirkungen und Gefahren mit ein, die in fast gleicher Weise erschrecken und faszinieren.

Mit rasantem Tempo widmet sich Brandhorst dem Überlebenskampf der Menschheit und zeigt mit diesem Thriller, dass er auch anders kann als man von ihm gewohnt ist, nämlich visionäre Science Fiction. Fast meint man an einigen Stellen, man lese den neuen Thriller von Dan Brown. Aber bei „Das Erwachen“ handelt es sich nicht nur um einen „normalen“ Thriller, sondern um einen genial konstruierten Genremix aus Thriller, Science Fiction und Dystopie. Doch wer jetzt meint, der Autor hätte sich nicht entscheiden können, welches Genre er mit seinem neuen Buch bedienen möchte, muss sich definitiv eines besseren belehren lassen. Denn Andreas Brandhorst geht einen konsequenten Weg, der die genannten Genres so gekonnt durcheinander wirbelt, dass man es im Grunde genommen überhaupt nicht bemerkt. Und es wäre kein Brandhorst, wären auch in seinem Thriller nicht philosophische Elemente versteckt, die man aus seinen Weltraum-Abenteuern kennt. Während sich im Mittelteil des Romans die Handlung eher actionlastig entwickelt, gestaltet sich das Ende zu einer für Andreas Brandhorst typischen Anschauungsweise über das Leben, den Tod und die Unsterblichkeit. Gerade dieses Finale ist es auch, dass mich das Gesamtwerk bereits jetzt schon als Klassiker empfinden ließ. Und auch hier, wie bei allen Werken des Autors, drängt sich im Kopf des Lesers eine Verfilmung förmlich auf. Zu detailliert und bildhaft sind die Beschreibungen, die Brandhorst in seinem dystopischen Thriller entwirft.
„Das Erwachen“ ist ein außergewöhnliches Buch von einem außergewöhnlichen Autor, das jeder lesen sollte, der sich vom Internet und seinem Handy abhängig fühlt. Der Physiker Stephen Hawking hat bereits Anfang 2016 davor gewarnt, dass vom Menschen erschaffene Maschinen eines Tages klüger werden könnten als ihre Schöpfer und dass sie unter Umständen dann eine Gefahr für den Fortbestand der Menschheit darstellen würden. Unter diesem Aspekt kann man nur hoffen, dass Andreas Brandhorsts Zukunftsvision niemals Wirklichkeit wird.

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Fazit: Brisanter, hochaktueller und erschreckender Wissenschaftsthriller, den man nicht mehr aus der Hand legen kann.

© 2017 Wolfgang Brunner für Buchwelten

Der Untergang der Hölle von Jeffrey Thomas

Unterganghölle

Erschienen als Taschenbuch
im Festa-Verlag
377 Seiten
13,95 €
ISBN: 9783-86552-247-4

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Vee erwacht nach einem über hundert Jahre währenden Schlaf und findet sich nackt in einen Steinblock eingemauert. Es dauert nicht lange und sie stellt mit Hilfe eines sprechenden Knochengewehrs fest, dass sie sich in der Hölle befindet und in einen Krieg zwischen Engeln und Dämonen verwickelt ist. Auch ihr Vater scheint bei dieser höllischen Auseinandersetzung die Hände mit im Spiel zu haben. Vee macht sich auf den Weg durch eine apokalyptische Welt, um das Geheimnis ihrer Identität zu ergründen.

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 Wie schon in „Tagebuch aus der Hölle“ findet die Handlung des vorliegenden Romans ebenfalls in einer apokalyptischen Hölle statt, die Jeffrey Thomas sehr bildreich darstellt. Da fühlt man sich schon manchmal an die visionären Welten eines Clive Barker erinnert, wobei der Schreibstil von Thomas leider die Qualitäten Barkers nicht erreicht. Vor allem der Anfang von „Der Untergang der Hölle“ macht richtig Spaß, weil man mit der Protagonistin miträtselt, wo und warum sie sich in einer derart prekären Lage befindet. Auch die Idee der sprechenden, manchmal etwas vorlauten Schusswaffe aus Knochen hat mir gefallen, wenngleich gegen Ende der Geschichte so manch „dummer Spruch“ aus dem Gewehrmund kommt, den Thomas wohl besser hätte weggelassen. Aber da sind die Geschmäcker ja verschieden und ich kann mir durchaus vorstellen, dass gerade diese lustigen Einschübe manch einem Leser ein Grinsen auf die Mundwinkel zaubern. Mir persönlich wäre eine dramatischere und weniger kabarettistische Vorgehensweise lieber gewesen.

Die Welt, die Jeffrey Thomas in seinem neuen Roman beschreibt, ist, wie gesagt, sehr bildreich geschildert und lässt einen live dabei sein. „Tagebuch aus der  Hölle“ war aber aus meiner Sicht realistischer (und dadurch auch besser) und vor allem, viel blasphemischer. Da haben mir die vielen „kirchenfeindlichen“ Anspielungen weitaus besser gefallen, als im vorliegenden Buch.

Leider entgleitet Thomas zum Ende des Romans die sprachliche Gewandheit und oft kam es mir vor, als lese ich ein „John Sinclair“-Romanheft. Da waren mir ein paar Passagen leider zu platt und einfach gestrickt. Insgesamt macht aber auch der zweite Ausflug in Jeffrey Thomas‘ „Hölle“ wieder ungemein Spaß. Vor allem die Zusatzgeschichte „Die verlorene Familie“ (ein Bonus wie auf einer DVD oder BluRay) hat mir so richtig gut gefallen. Toll, dass der Festa-Verlag dieses „Schmankerl“ in der deutschen Ausgabe mit veröffentlich hat.

Das Cover ist, wie beim Festa-Verlag gewohnt, enorm ansprechend und optimal gestaltet. Der Festa-Verlag ist einer der wenigen Verlage, bei denen ich die Bücher alleine schon wegen der Cover mag. Die sind einfach absolute Eye-Catcher. 😉

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Fazit: Jeffrey Thomas‘ zweiter Ausflug in die Hölle kann leider nicht so überzeugen, wie der Vorgänger „Tagebuch aus der Hölle“, vermag aber dennoch den Leser geschickt in eine apokalyptische, dystopische Welt entführen, die sehr bildlich dargestellt wird.

© 2014 Wolfgang Brunner für Buchwelten

Drei von Stephen King – Teil II „Der dunkle Turm“ (5/5)

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Erhältlich als durchgelesene Neuausgabe als
Taschenbuch im HEYNE-Verlag
Preis: 8,95 €
ISBN-Nr.: 978-3453875579

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Der zweite Teil beginnt etwa sieben Stunden, nachdem Roland das lange Gespräch mit dem schwarzen Mann geführt hat. Er erwacht um Jahre gealtert (Walter – der schwarze Mann ist zu Knochen und Staub verfallen) am Strand des westlichen Meeres und es wird gleich dramatisch. Mutierte Riesenhummer greifen den Revolvermann an und verletzen ihn schwer. Er verliert zwei Finger seiner rechten Hand, was für ihn natürlich ein sehr schlimmer Verlust ist. Das Halten eines Revolvers mit dieser Hand in nun nahezu unmöglich. Durch diesen Biss wird er ausserdem schwer vegiftet und Roland wird krank. Er bekommt starkes Fieber, eine Blutvergiftung und ist sehr schwach.
Dennoch schleppt er sich vorwärts, immer den Strand nördwärts entlang, auf der Suche nach den drei ihm vorhergesagten Gefährten. Auf diesem Weg findet er nach und nach drei seltsame Türen, die frei auf dem Strand stehen.
Durch diese gelangt Roland nach New York, aber immer in anderen Zeiten. Er trifft mitten im Flugzeug auf den Gefangenen (des Heroins) Eddie Dean im Jahre 1987. Er zieht ihn mit hinüber in seine Welt, was bei Eddie mit sehr viel „Vorarbeit“ verbunden ist.
Im Jahre 1964 trifft er bei der nächsten Türe auf die schwarze, verkrüppelte Odetta Susannah Holmes. Die Bezeichnung ‚Herrin der Schatten‘ trifft es bei ihr mehr als gut. Sie verlor bei einem U-Bahn Unfall beide Beine und in ihr leben zwei völlig verschiedene Wesen. Auch sie wird durch Roland in seine Welt gezogen, was nicht unbedingt ungefährlich ist
Nun gilt es noch die dritte Person zu finden oder zu „ziehen“ wie Roland es nennt und noch eines ist wichtig…. Roland braucht dringend Medikamente aus der „anderen“ Welt. Es geht ihm zunehmend schlechter und lange schafft er es nicht mehr. Außerdem belastet noch etwas den Revolvermann stark. Er wird von Jake heimgesucht, dem Jungen, den er unter dem Berg hat fallen lassen…..

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War Schwarz noch eine einleitende Geschichte für mich, die ich zwar gut aber für einen Stephen King Roman eher mässig fand, so hat King es bei Drei geschafft mich von der ersten bis zur letzten Seite zu fesseln. Es gibt viele Längen, die ich aber nicht als solche empfunden habe. Denn Roland wandert nun einmal tagelang (allein oder später mit Gefährten) einen Strand entlang und ausser, dass nach der Dämmerung die Monsterhummer aus dem Meer kriechen, passiert eigentlich nicht viel. Und doch geschieht eine Menge.
Die Szenen, in denen Roland in den zu ziehenden Personen „nach vorne geht“ sind sehr gut geschrieben. Der Autor stellt seine Figuren so echt dar, dass sie mir sehr ans Herz gewachsen sind. Sei es Eddie, der es wirklich nicht einfach hat in dieser anderen Welt oder Odetta/Detta , die durchgeknallte, farbige Krüppelin, die es in der Tat in sich hat.
Beim „ziehen“ des dritten Gefährten sind wahrscheinlich alle Fans so enttäuscht gewesen, wie ich. Denn die Person die wir uns alle gewünscht haben ….

Stephen King hat mit dem Turm eine Idee und eine Welt geschaffen, wie sie schräger nicht sein kann. Ein apokalyptisches Endzeitbild, dass dennoch immer wieder an den Wilden Westen erinnert. Die Ausflüge in „unsere“ Welt, auch wenn es in unterschiedlichen Jahren ist. Der Turm macht einfach nur Spass, Lesevergnügen pur. Der dunkle Turm ist ein absolut untypischer King. Er beweist eindeutig, dass er mehr als nur ein Horrorschreiberling ist. Respekt, das ist ihm gelungen.

tot. habe ich bereits gelesen, die Rezension dazu werde ich auch schreiben und nun habe ich mit Glas angefangen. Ich bin wirklich nur froh, dass ich die gesamte Reihe hier im Regal stehen habe. Denn zur Zeit der ersten Veröffentlichungen mussten die Fans mitunter 4 Jahre (!) auf den nächsten Teil warten. Das kann in Qualen ausarten 🙂

Auch wenn ich Drei noch in der originalen HEYNE-Erstausgabe gelesen habe, die ja nun bekanntlich gerne mit Fehlern versehen sind, erhält dieser zweite Teil von mir die volle Punktzahl: 5 von 5 Sternen.

Und da ich nun meine Rezension verfasst habe, werde ich mir nun andere Rezensionen zu diesem Werk ansehen. Vorher lese ich sie nie, damit ich mich nicht – unbewusst – beeinflussen lasse. Sollte jemand denken, ich hätte oben zu viel von der Handlung verraten, das ist nicht der Fall. Es gibt noch unendlich vieles zu entdecken und erfahren, die Spannung des Lesens wird erhalten bleiben….

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