Acht Berge von Paolo Cognetti

Erschienen als gebundene Ausgabe
bei DVA
245 Seiten
20,00 €
ISBN: 978-3-421-04778-6

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Pietro und Bruno kennen sich seit Kindheitstagen und verbringen viel Zeit miteinander in den Bergen. Eines Tages verlässt Pietro die Bergwelt und zieht in eine Großtstadt, während Bruno in den Bergen bleibt. Im Laufe ihres Lebens begegnen sie sich immer wieder und frischen ihre Freundschaft auf. Auch Pietros Vater verbindet die beiden Männer und als dieser stirbt, treffen sie erneut aufeinander.

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Wenn man in Paolo Cognettis Roman zu lesen beginnt, versinkt man schon nach wenigen Minuten in eine wunderbare, andere Zeit, die die wenigsten Menschen der neueren Generation noch kennen. Ich darf mich glücklich schätzen, genau solch eine naturverbundene Kindheit, wie sie in „Acht Berge“ geschildert wird, noch genauso erlebt zu haben. Es ist absolut faszinierend, mit welcher Hingabe und Detailgenauigkeit Cognetti die Bergwelt schildert und sie dem Leser auf eine grandiose Art mitteilen kann, die ihn förmlich dabei sein lässt. Man riecht die Wälder und spürt die kühle Luft, hört das Plätschern des Gebirgsbaches und fühlt tief in sich drin das Gefühl der Freiheit und des Lebendigseins, wenn man sich in den Bergen aufhält. Es ist wirklich unglaublich, wie intensiv diese Empfindungen einen während des Lesens ergreifen. Die wunderschönen Landschaftsbeschreibungen gehen eine melancholische Symbiose mit der Schilderung einer außergewöhnlichen Männerfreundschaft ein, die einen dermaßen in den Bann zieht, so dass man das Buch gar nicht mehr aus der Hand legen mag. Es bleibt dem Leser selbstverständlich selbst überlassen, ob er in der Intensität dieser Freundschaft auch ein klein wenig homoerotische Gefühle hineininterpretieren möchte – ich für meinen Teil habe ein paar Andeutungen in dieser Richtung heraus gelesen.

Zu dieser lebenslangen Freundschaft zweier Männer gesellt sich noch ein sehr eindringliches Vater-Sohn-Verhältnis hinzu, das glaubwürdiger nicht sein könnte. Man spürt die zwei Seiten des Vaters, der, auf der einen Seite als „Stadtmensch“ unzufrieden und gereizt ist, und andererseits als „Bergmensch“ einen völlig neuen Charakter zeigt. Ich konnte mich an diesen Szenen, die sich in den Bergen zwischen Vater und Sohn abgespielt haben, gar nicht mehr satt lesen, zumal sie mich oft an mein eigenes Leben erinnert haben. In einer nostalgischen Art schildert Paolo Cognetti Bergbesteigungen, die sich im Nachhinein anfühlen, als wäre man tatsächlich selbst dabei gewesen. Bewegend und tiefgründig erzählt Cognetti in einer zwar einfachen, aber nichtsdestoweniger sehr stilvollen Art und Weise, um was es im Leben wirklich geht. Ruhig und besonnen kommt die Geschichte daher und wirkt schon während des Lesens sehr melancholisch. Und nach Genuss dieses wunderbaren Kleinods kommt diese ohnehin schon unglaublich intensive Atmosphäre mit einer Wucht in die Gedanken des Lesers zurück, dass man meint, man habe seine eigene Lebensgeschichte gerade gelesen. Man kann schwer beschreiben, was zwischen den Zeilen dieses Werkes steckt, wenn man vieles davon nicht selbst erlebt hat. Der Roman macht einen traurig, melancholisch, nostalgisch aber auch glücklich.

Besonders beeindruckend empfand ich das Fehlen sämtlicher technischer Errungenschaften der Neuzeit. Der Leser wird mit der Natur und dem Leben konfrontiert und nicht mit Smartphones, Computern und anderen elektronischen (unnützen) Gerätschaften. „Acht Berge“ zeigt das wirkliche Leben, wie es sein sollte und wahrscheinlich niemals wieder sein wird, sofern man sich nicht tatsächlich in eine Berghütte zurückzieht. Cognetti legt sein Augenmerk auf menschliche Emotionen und die Verbundenheit zur Natur, lässt den Leser zumindest für einen kurzen Moment vergessen, in welcher Welt wir wirklich leben. „Acht Berge“ ist ein stiller, ruhiger Ausflug in eine noch heile Welt. Natürlich passieren in dieser „heilen“ Welt auch unangenehme Dinge und die Stille, in der sich die Protagonisten bewegen, ist bestimmt nicht jedermanns Sache. Aber Natur und Freundschaft in solch tiefer Innigkeit zu erleben (oder in diesem Falle zumindest einmal zu lesen) ist Balsam für die Seele. Für mich eines der ganz großen Bücher des Jahres 2017, das, obwohl es verständlich für jeden geschrieben ist, erstaunlicherweise eine philosophische Tiefe in und auch zwischen den Zeilen hervorbringt, die einfach nur beeindruckt und bewegt.
Es fehlen einem manchmal die geeigneten Worte, um dieses kleine, große Werk entsprechend zu beschreiben, so dass es der Geschichte auch gerecht wird. Ich für meinen Teil bin absolut begeistert und bin sicher, dieses Büchlein noch mindestens ein zweites Mal zu lesen.

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Fazit:  Stiller, bewegender, stimmungsvoller und philosophischer Roman über eine innige Männerfreundschaft und ein trauriges Vater-Sohn-Verhältnis.

© 2017 Wolfgang Brunner für Buchwelten

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The Ascent – Der Aufstieg von Ronald Mafli

Erschienen als Taschenbuch
im Luzifer Verlag
insgesamt 364 Seiten
Preis: 13,95 €
ISBN: 978-3-95835-193-6
Kategorie: Thriller

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Tim Overleigh ist eigentlich ein ganz angesehener Bildhauer.  Doch nach dem Tod seiner Frau verfällt er immer mehr dem Alkoholismus und lässt sich inmitten seiner Selbstvorwürfe gehen. Doch dann erscheint ein Trumbauer, alter Freund, und lädt ihn zu einem geheimnisvollen Trip in die Berge von Nepal ein. Overleigh schließt sich der Gruppe von Bergsteigern an. Doch bald schon stellt sich heraus, dass jeder Teilnehmer anscheinend aus einem ganz bestimmten Grund für diesen Extremtrip ausgewählt worden ist. Und je weiter sich die Gruppe in teils unerforschte Regionen des Himalaja vorarbeitet, desto mehr drängen die Schatten der Vergangenheit an die Oberfläche. Overleigh muss sich nicht nur den Gefahren der Bergwelt, sondern auch seinen inneren Ängsten und Dämonen stellen …

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„The Ascent“ ist das erste Buch, das ich von Ronald Malfi gelesen habe. Und, was soll ich sagen? Schon nach den ersten Seiten hat mich sein bildhafter und flüssiger Schreibstil dermaßen begeistert, dass ich bereits beschloss, mir die anderen Bücher von ihm zu besorgen. Malfi schreibt sehr eindringlich und glaubhaft. Seinen Protagonisten mochte ich auf Anhieb und ich fühlte sehr intensiv mit ihm, während er sich Gedanken um seine verstorbene Frau machte. Malfi lässt sich erfreulicherweise Zeit mit seinen Charakteren, so dass man sie am Anfang des Romans sehr gut kennen lernt und sich folglich während der restlichen Seiten dann absolut mit ihnen identifizieren kann. Ebenso hat mir gefallen, dass der Autor nicht nur typische Thrillerelemente in seinem Roman verwendet, sondern auch Mystery- und echte Abenteuerpassagen einbaut. Tatsächlich fühlte ich mich des öfteren an die Indiana Jones-Filme erinnert.

Ronald Malfi schildert die Strapazen einer solch gewaltigen Bergtour absolut authentisch. Und auch seine Landschaftsbeschreibung, obwohl sie gar nicht so oft vorkommen, vermitteln ein unglaublich echtes Bild der Schauplätze. Man taucht förmlich in diese Bergsteiger-Geschichte ein, ist mit dabei und spürt die unglaublichen Anstrengungen und die mörderische Kälte. Fast möchte ich Malfis Schilderungen mit Dan Simmons Meisterwerk „Der Berg“ vergleichen, aber ganz so intensiv bekommt es Malfi dann doch nicht hin. Aber nichtsdestotrotz liegt mit „The Ascent“ ein unglaublich unterhaltsamer, spannender und vor allem sehr stimmungsvoller Thriller vor, der durch den hervorragenden Schreibstil einfach nur begeistert.  Und gerade der Teil des Buches, der sich mit dem Aufstieg und seinen Gefahren, den Gedankengängen des Protagonisten und den immer wiederkehrenden Halluzinationen aus seiner Vergangenheit befasst, ist sehr stark.

Auch wenn die Kulisse des Himalaya-Gebirges eigentlich „nur“ als Schauplatz dient und nicht die reine Handlung darstellt, so erfährt der Leser dennoch, welchen extremen Strapazen solche Bergsteiger ausgesetzt sind. Und wenn dann auch noch höhergeistige Dinge ins Spiel kommen, kann man die Gefühlswelt des Protagonisten umso mehr verstehen und nachvollziehen.
Einen klitzekleinen Wermutstropfen hat „The Ascent“ aber dann doch noch für mich, der aber nur meinen persönlichen Geschmack betrifft: Das Ende, wenngleich es ungemein spannend und auch logisch aufgebaut war, zerstörte irgendwie die ganze Atmosphäre, die sich vorher über den ganzen Plot gelegt hat. Das Finale wirkte mir irgendwie zu aufgesetzt und spektakulär. Es war, auch wenn das jetzt komisch klingt, einfach zu spannend. Da hätte dem Roman eine ruhigere Lösung, die nicht unbedingt den gängigen Mainstream-Erwartungen eines Thrillers gefolgt wären, gut getan. Aber da sind die Geschmäcker wohl auch unterschiedlich und als Autor kann man es leider allen nicht recht machen. Ich hätte mir auf jeden Fall gewünscht, dass die Geschichte genauso „ruhig“ ausgeklungen wäre, wie während des ganzen restlichen Buches. Eines ist auf jeden Fall klar: Ronald Malfi hat sich mit diesem Buch, das anscheinend nicht einmal sein bestes zu sein scheint, eindeutig in mein Leserherz geschrieben. Sein hochwertiger Schreibstil erinnerte mich oftmals an Greg F. Gifune, dessen Bücher ich ebenso liebe. Malfi kann absolut gut schreiben und unterhalten. Was will man von einem Schriftsteller mehr? 😉

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Fazit: Atmosphärischer Thriller auf hohem Niveau, der neben Thriller- auch Mystery- und Abenteuerelemente verbaut. Absolut empfehlenswert.

© 2017 Wolfgang Brunner für Buchwelten