Dark Matter – Der Zeitenläufer von Blake Crouch

Erschienen als Taschenbuch
im Goldmann-Verlag
insgesamt 415 Seiten
Preis: 16,00 €
ISBN: 978-3-442-20512-7
Kategorie: Thriller

.

Jason Dessen führt ein glückliches Leben, als er eines Abends von einem Unbekannten entführt und unter Drogen gesetzt wird. Als er wieder aufwacht, scheint er in einer vollkommen anderen Welt zu sein, in der nichts mehr so ist, wie es war. Jason braucht eine Weile, bis er feststellt, dass er in einem Paralleluniversum gelandet ist, in dem er seine Frau und seinen Sohn nicht mehr in seiner Nähe hat. Verzweifelt begibt sich Jason auf die Suche nach seiner wahren Identität und seinem Leben, das er noch vor wenigen Augenblicken geführt hat.

.

Crouchs Schreibstil ist vom ersten Moment an fesselnd. Mit seiner knappen Erzählweise schafft es der Autor, den Leser sofort in seinen Bann zu ziehen. Man kann das Buch wirklich schlecht aus der Hand legen, so spannend und interessant ist es geschrieben. „Der Zeitenläufer“ ist Wissenschaftsthriller, Science Fiction-Roman und Liebesgeschichte in einem. Ein faszinierendes Spiel, das vom Leben, von der Liebe und den menschlichen Entscheidungen handelt und zum Nachdenken über das eigene Leben anregt. Crouch ist eine äußerst raffinierte Geschichte gelungen, mit der er die komplizierte Vielwelten-Theorie schlüssig und nachvollziehbar ausbaut. Jede Entscheidung in unserem Leben öffnet eine neue Tür in eine Zukunft, die bei einer anderen Entscheidung immer anders ausfallen wird. Das klingt alles sehr wissenschaftlich und unbegreiflich, aber Crouch schafft es, diese unterschiedlichen Identitäten in verschiedenen Parallelwelten, so zu erklären, dass man der Handlung folgen kann.

Es gibt viele Wendungen in diesem außergewöhnlichen Roman. Durch die dialoglastige Schreib und sehr flüssige Erzählweise wirkt das Buch fast so, als würde man einen Film sehen. Die ersten hundertfünfzig bis zweihundert Seiten verströmen eine unheimlich tolle Atmosphäre, bevor sich der Plot dann in einen rasanten Thriller verändert. An manchen Stellen denkt man, Crouch würde sich in seiner konstruierten Handlung verzetteln, aber er schafft es immer wieder, dem Ganzen eine gewisse Logik zu verleihen, über die man dennoch nachdenken muss. Die Geschichte wird in der Gegenwartsform erzählt, was beim Leser den Effekt hervorruft, unmittelbar mit dabei zu sein. Auch wenn mir persönlich die Entwicklung in der zweiten Hälfte des Buches nicht mehr so zugesagt hat, wie der Anfang des Romans, so kann man von Blake Crouchs Buch durchaus von einem absolut empfehlenswerten Pageturner sprechen. Ab der Mitte wird der Plot zu einem Abenteuer, das mich manchmal an die „Matrix“-Filme erinnert hat. Das Thema Parallelwelten und Multiversum hätte man weitaus unspektakulärer und nicht so reißerisch angehen können, dann wäre ein weitaus beeindruckenderes Bild entstanden. So aber geht die Geschichte einen oft vorhersehbaren Weg mit klar definierten Unterscheidungen zwischen Gut und Böse. Ich will damit sagen, dass es eigentlich zu viel war, was da auf den Leser einprasselt. Weniger hätte auf mich eine bessere und, wie schon erwähnt, beeindruckendere Wirkung gehabt.

Am Ende wirkt die Geschichte lange nicht mehr so glaubhaft wie zu Beginn. Crouch lässt den Roman gegen Ende hin leider immer mehr zu einem literarischen Popkornkino mutieren und nimmt ihm damit auch die hervorragende Atmosphäre, die er am Anfang geschaffen hat. Dennoch ist „Der Zeitenläufer“ ein origineller Roman mit sehr guten Ansätzen, der als Film (die Filmrechte sind schon verkauft) mit Sicherheit auftrumpfen kann. Warum das Buch allerdings im Deutschen „Dark Matter“ heißt und im Original „Black Matter“ erschließt sich mir wieder einmal nicht. Wenn der Titel schon englisch-deutsch sein soll, warum hat man dann nicht gleich den Originaltitel verwendet?
Zu erwähnen ist auf jeden Fall noch das wirklich wunderschöne und genial gemachte Cover, das sich mattglänzenden auf innovative Weise um das „ganze“ Buch legt. Das ist schon ein echter Hingucker im Bücherregal.

.

Fazit: Starker Anfang und durchschnittliches Ende. Dennoch ein Buch, das man in einem Atemzug weglesen kann.

© 2017 Wolfgang Brunner für Buchwelten

Advertisements

Der Berg von Dan Simmons

Berg

Erschienen als gebundene Ausgabe
bei Heyne
insgesamt 768 Seiten
Preis: 24,99 €
ISBN: 978-3-453-26896-8
Kategorie: Drama

.

George Mallory und Andrew Irvine machen sich zusammen mit anderen Kletterern im Jahr 1924 auf den Weg, um den Gipfel des Mount Everest zu bezwingen. Sie verschwinden spurlos. Nur ein Jahr später organisiert der Bergsteiger Richard Deacon im Auftrag der Familie des damals ebenfalls verschwundenen Lord Percival Bromley eine zweite Expedition, um die Umstände aufzuklären. Bald entdecken Deacon und seine Begleiter, dass hinter dem Verschwinden der damaligen Expedition nicht menschliches Versagen, sondern etwas ganz anderes steckt …

*

Dan Simmons neuer Roman spaltet die LeserInnen genauso wie „Terror“ und „Drood“. Was die einen furchtbar langweilig finden, erkennt der andere als anspruchsvolle und vor allem sehr atmosphärische Geschichte. Wie schon bei den oben erwähnten pseudo-historischen Romanen nimmt uns Meisterschriftsteller Dan Simmons mit auf ein Abenteuer, das schöner und spannender nicht sein könnte. In einer sehr ruhigen Gangart, die mich (natürlich) an „Terror“, aber auch an Bram Stokers „Dracula“ erinnert hat, erzählt Simmons seine Geschichte. Und das tut er so gut, das man anderen Menschen am liebsten vorlügen würde, man wäre selbst auf dem Mount Everest gewesen. So detailgetreu und authentisch wird man mit dem Bergsteigerleben, den Vorbereitungen und den Gefahren konfrontiert, dass man tatsächlich den Wind, die Kälte und den Schnee spürt und später, wenn man das Buch zur Seite gelegt hat und im warmen Bett liegt, denkt, man hätte dies alles vor ein paar Tagen selbst erlebt.

Das ist wirklich faszinierend, wie Simmons diese Stimmungen einfangen kann und sie auch noch so schildert, als hätte er die Dinge selbst erlebt und gibt sie nun in einem gehobenen Schreibstil an seine Leser weiter. Simmons ist ein Phänomen unter den Schriftstellern, der sich aus meiner Sicht ohne weiteres auf gleicher Höhe wie zum Beispiel Tolkien befindet. Seine Schilderungen sind einfach so bildhaft, dass man eher einen Film sieht als ein Buch liest. Manchmal könnte man sogar meinen, man wäre selbst dabei gewesen und lese nun noch einmal die von Simmons verfasste schriftliche Schilderung.

Viele meinen, „Der Berg“ nimmt erst zum Schluss hin so richtig Fahrt auf. Das stimmt auch, ohne Zweifel. Aber mir hat der Roman komischerweise genau ab jenem Moment nicht mehr so gut gefallen, wie zuvor, wo meist in ruhigen Tönen erzählt wurde. Meiner Meinung nach hätte Simmons den Spannungsbogen nicht unbedingt in Richtung reißerischem Pageturner herumreißen müssen. Aber wahrscheinlich wird das mittlerweile von einem Bestseller-Autor erwartet. Die Leute wollen Action! Mir wäre es weiterhin ruhiger lieber gewesen. Nichtsdestotrotz fügt sich „Der Berg“ nahtlos in Simmons Meisterwerke ein, allen voran aber bleibt nach wie vor  „Terror“ die absolute Spitze für mich.

„Der Berg“ ist für Bergsteiger gleichermaßen wie für abenteuerlustige LeserInnen geeignet, die sich in eine reale Welt entführen lassen wollen, von der sie schon nach wenigen Seiten glauben, sie hätten all dies selbst erlebt. Besser können (Abenteuer-)Romane eigentlich nicht sein.

.

Fazit: Stimmungsvoll wie „Terror“, nimmt uns Dan Simmons mit seinem neuen Roman mit auf den höchsten Berg der Welt. Realitätsnäher geht es kaum, der einzige Unterschied zwischen der Wirklichkeit und diesem Roman ist, dass der Leser bei diesem Buch keine Sauerstoffmaske anlegen muss. Obwohl … 😉

.

© 2015 Wolfgang Brunner für Buchwelten