Wenn alle Katzen von der Welt verschwänden von Genki Kawamura

Wenn alle Katzen von der Welt verschwaenden von Genki Kawamura

Erschienen als gebundene Ausgabe
im C. Bertelsmann Verlag
insgesamt 190 Seiten
Preis: 18,00 €
ISBN: 978-3-570-10335-7
Kategorie: Belletristik

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Ein junger Briefträger erfährt, dass er aufgrund einer Krankheit nicht mehr lange zu leben hat. Am Abend desselben Tages bekommt er von einem geheimnisvollen Fremden Besuch, der sich als der Teufel herausstellt. Er will einen Pakt mit dem Kranken eingehen und bietet ihm für jede Sache, die der Sterbenskranke aus der Welt verschwinden lässt, einen weiteren Tag an, an dem er am Leben bleibt. Und so verschwinden Telefone, Filme und weitere Dinge, damit der Briefträger einen weiteren Tag lebt. Doch wie weit geht man, um am Leben zu bleiben? Welche Dinge braucht man zum Leben?

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Die Ausgangssituation zieht einen sofort in den Bann. Was wäre wenn …? Und das im Angesicht des bevorstehenden Todes? Wer hat nicht schon einmal darüber nachgedacht, wie es ist, wenn es soweit ist, und was man alles tun würde, um noch ein paar Tage am Leben zu bleiben? Kawamura nimmt ein beängstigendes Szenario als Ausgangspunkt, um dem Leser die Augen zu öffnen. Grundlegende Fragen des Lebens (und Sterbens) werden innerhalb einer flüssig erzählten Geschichte behandelt und lassen einen oftmals mitten im Satz innehalten und über das eigene Leben nachsinnieren. Kawamura besitzt einen sehr einfachen Schreibstil, der den Leser dennoch auf gewisse Art und Weise mitten ins Herz trifft. Man muss sich allerdings darauf einlassen können und die nicht sentimentale Ausdrucksart verstehen und an sich heran lassen. Es steckt nämlich sehr viel in den Worten, aber auch zwischen den Zeilen.

„Wenn alle Katzen von der Welt verschwänden“ ist ein dünnes Buch, das man zwar sehr schnell weglesen kann, das aber definitiv nachwirkt und zum nochmaligen Lesen einlädt. Macht man sich einmal bewusst, wie man selbst in solch einer Situation reagieren würde, öffnet das Buch eine erschreckende Sichtweise auf einen selbst und das eigene Leben. Was ist wirklich wichtig in unserer Welt? Womit wird man glücklich und worin besteht der eigentliche Sinn des Lebens? All diese Dinge hält uns Kawamura wie einen Spiegel vor und fordert uns indirekt auf, sich damit auseinanderzusetzen. Sofern man dies nicht schon einmal getan hat, eröffnen sich völlig neue Perspektiven, wie man das Leben genießen könnte und vor allem auch tun sollte. Materielles ist ebenso vergänglich wie das Leben, aber bringt es uns im Leben weiter? Macht es das Leben wirklich sinnvoller?  Ohne erhobenen Zeigefinger nimmt uns der Autor mit auf eine Reise ins Ich. Und viele werden sich und ihre eigenen Gedanken in den Worten und Überlegungen wiederfinden.

Genki Kawamura hat eine Parabel erschaffen, die einerseits auf poetische Weise das Thema Leben und Tod behandelt, andererseits aber auch niemals den Humor vergisst. Gerade diese Kombination ist es, die dieses Buch ausmacht, denn wir werden zwar mit einem ernsten und unangenehmen Thema konfrontiert, sehen aber immer wieder auch einen Hoffnungsschimmer am Horizont. Gerade das Ende, das anscheinend vielen Lesern nicht zugesagt hat, bringt, zumindest aus meiner Sicht, deutlich zutage, was im Leben wirklich wichtig ist und um was wir uns kümmern sollten, solange noch Zeit dafür ist.
„Wenn alle Katzen von der Erde verschwänden“ ist kein Buch für Zwischendurch. Man muss und sollte sich damit beschäftigen, auch nachdem man es gelesen hat. Denn die Botschaft könnte, gerade in unserer heutigen, oberflächlichen Zeit, nicht dringender und passender sein. Ein Buch zum Nachdenken und Träumen. Und wer die Aussage versteht, wird sein Leben ändern. Wer bereits nach diesen Prämissen lebt, wird sich selbst erkennen und zufrieden sein. 😉

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Fazit: Eine Parabel mit einer wichtigen Botschaft, die zum Nachdenken anregt.

© 2018 Wolfgang Brunner für Buchwelten

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Montana von Smith Henderson

Montana von Smith Henderson

Erschienen als Taschenbuch
im btb Verlag
insgesamt 608 Seiten
Preis: 12,00 €
ISBN: 978-3-442-71594-7
Kategorie: Drama, Belletristik, Gegenwartsliteratur

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Pete Snow ist Sozialarbeiter und kümmert sich um Kinder, die in den abgeschiedenen Tälern und Wäldern ein aussichtsloses und tristes Leben führen. Mit einer Hingabe sondergleichen widmet sich Snow diesen Schicksalen, obwohl er tief in seinem Inneren mit einer ähnlichen Vergangenheit zu kämpfen hat …

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Das Bild auf dem Cover vermittelt perfekt die Atmosphäre des Romans. Man spürt die dort abgebildete Einsamkeit und Trostlosigkeit auf nahezu jeder Seite dieses wunderbaren Buches, das einen nicht mehr loslässt. Zumindest mir erging es so, nachdem ich die ersten Seiten gelesen habe und mich sofort „wohl“ fühlte. Henderson beschreibt die Situationen und die Gedankenwelt seines Protagonisten unglaublich authentisch und nachvollziehbar, so dass es mir keinerlei Probleme bereitet hat, mich auf dieses stimmungsvolle, dramatische Abenteuer kompromisslos einzulassen. Die Szenen, in denen es um die reine Sozialarbeit ging, haben mich so manches Mal an die tollen Beschreibungen in „Ein plötzlicher Todesfall“ von J.K. Rowling erinnert, so intensiv und mitreißend waren die Lebensumstände und Schicksale geschildert. Die Figur des Pete Snow wurde sehr detailliert geschildert, so dass ich wirklich manchmal meinte, eine Geschichte nach wahren Begebenheiten zu lesen. Auf dem Cover wird damit geworben, dass das Buch wie ein Song von Tom Waits sei. Dem kann ich nur zustimmen, es ist wirklich so.

Ein Vergleich mit James Lee Burke ist nicht weit hergeholt, wenn man sich den Plot am Ende des Buches noch einmal in Erinnerung ruft. Vieles erinnert tatsächlich an den Erschaffer des Südstaaten-Polizisten Dave Robicheaux. Doch Henderson geht auch einen eigenen Weg, der mir persönlich absolut gut gefallen hat. Vor allem möchte ich eine Tatsache herausheben, die mich wirklich gefesselt hat: Henderson bewegt sich weitab von gängigen Klischees, was solcherart Romane oftmals ausmacht. Da wird nichts schön geredet respektive geschrieben, sondern der Leser wird frontal mit den oftmals unschönen Schicksalen der Protagonisten konfrontiert. Es fehlt jegliches Happy End im Plot, der die düstere und triste Stimmung von Anfang bis Ende unerschütterlich durchzieht und ohne Kompromisse dabei bleibt. Aber genau das war es, was mich an „Montana“ so derart fasziniert hat, dass ich das Buch kaum aus der Hand legen konnte. Ich wollte unbedingt wissen, wie es mit Pete und seinen Sozialfällen weitergeht, wie sich deren und auch sein persönliches Schicksal entwickelt und wohin der Weg führt. Hendersons Debütroman ist ein großartiges, episches Buch, sofern man sich auf die Trostlosigkeit einlassen kann.

Die Beschreibungen, wenn sich der Protagonist aufgrund seiner privaten Probleme immer mehr in den Alkohol flüchtet, aber dennoch nie seine Arbeit dabei aus den Augen verliert und den hilfsbedürftigen Kindern konsequent zur Seite steht. Auch wenn es ihm selbst nicht gut geht, opfert er sich selbstlos auf, um den Opfern zu helfen. Das ist so grandios ge- und beschrieben, dass es noch lange nachwirkt, nachdem man das Buch zur Seite gelegt hat. „Montana“ ist ein beeindruckendes Debüt, das voller Emotionen steckt und auf eindringliche Weise beschreibt, wie ein Mensch auf der seinen Seite mit seinem eigenen Leben nicht fertig wird und auf der anderen Seite Menschen hilft, die in einer ähnlichen Lage stecken. Ich habe während des Lesens den Geruch des Waldes in der Nase gehabt, spürte die Kälte der Landschaft und fühlte die Hilflosigkeit, aber auch die Stärke des Protagonisten. Ich bin wirklich sehr gespannt, was uns Smith Henderson als nächstes beschert, denn seine fast schon epische Aussagekraft in „Montana“ setzt den Maßstab sehr hoch. Und erstaunlicherweise schafft er es in seinem Erstlingswerk trotz aller Schwarzseherei zwischen den Zeilen immer wieder einen Hoffnungsschimmer aufflackern zu lassen, der den Leser letztendlich auf gewisse Art und Weise dann doch noch zufrieden und mit einem guten Gefühl wieder zurück in die Realität entlässt. Absolute Leseempfehlung.

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Fazit: Emotional und episch. Ein Roman, der eindringlich menschliche Schicksale schildert und den Leser dabei mitreißt.

© 2018 Wolfgang Brunner für Buchwelten

Porträt einer Ehe von Robin Black

Portraet einer Ehe von Robin Black

Erschienen als Taschenbuch
im btb Verlag
insgesamt 320 Seiten
Preis: 10,00 €
ISBN: 978-3-442-71589-3
Kategorie: Drama, Belletristik, Gegenwartsliteratur

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Gus ist Malerin, ihr Ehemann Owen Schriftsteller. Sie führen ein glückliches Leben und lieben einander. Doch es gibt auch Zeiten, in denen nicht alles so rosig ist, wie sie es sich wünschen. Und dennoch kämpfen sie auch in diesen Zeiten um ihre Liebe und geben sich nicht auf. Sie suchen die Einsamkeit, die für sie traute Zweisamkeit bedeutet, und ziehen aufs Land. Als sie eine neue Nachbarin bekommen, die das Haus in ihrer Nähe bezieht, gerät Gus‘ und Owens Ehe erneut ins Wanken …

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Zuerst einmal möchte ich bemerken, dass der deutsche Titel „Porträt einer Ehe“ nicht ganz auf die Handlung des Romans zutrifft. Auch wenn es (auch) um die Ehe zwischen Gus und wen geht, so richtet sich das Hauptaugenmerk in erster Linie auf das Leben der Ich-Erzählerin Gus. Der Originaltitel „Life Drawing“ („Lebenszeichnung“) trifft da schon eher den Nagel auf den Kopf. Es könnte also unter Umständen durchaus sein, dass, wer sich von dem deutschen Titel täuschen lässt, einen Plot bekommt, den er so nicht erwartet hat. Aber es geht natürlich auch um die Ehe und deren unendliche Facetten. Schon auf den ersten Seiten bekam ich feuchte Augen, als ich den melancholischen Rückblick einer Frau las, die sich Gedanken über ihr eigenes Leben und das Miteinander mit ihrem Partner macht. Es sind unglaublich intensive Worte, die in die Handlung einführen und schon von Anfang an klar machen, was einen erwartet: ein gefühlvoller, nostalgischer und melancholischer Rückblick auf ein Leben.

„Porträt einer Ehe“ behandelt im Endeffekt nur einen kurzen Abschnitt aus dem gemeinsamen Leben des Ehepaares. Aber es wird immer wieder erzählt, wie es einmal war und wie es sein könnte. Die Stimme der Ich-Erzählerin richtet sich absolut an den Leser und lässt ihn unmittelbar an der Gedankenwelt der Protagonistin teilnehmen. Der Leser durchlebt ihre Hoffnungen, ihre Ängste und Zweifel, aber auch ihre unendliche Liebe ihrem Ehemann gegenüber. In vielen Momenten dachte ich, Gus würde in meinem Kopf direkt zu mir sprechen, so authentisch waren ihre Worte. Ich sah das Farmhaus vor meinen Augen, nahm an den Gesprächen des Ehepaares teil, als säße ich direkt neben ihnen und konnte die Emotionen während des Lesens spüren. Wie in Fluss gleitet die Geschichte vor dem inneren Auge des Lesers vorbei, reißt ihn dabei mit und lässt ihn nicht mehr los. Eine Flut von Lebenserfahrungen liegen in Blacks poetischer Sprache, in denen man sich oft selbst wiederfindet.

Robin Blacks Roman ist eine Erfahrung, die man nicht mehr missen möchte und bei der man sich denkt, man möchte im Alter ebenso gegenüber seinem Partner verfahren. Die gegenseitige Ehrlichkeit, die Rücksichtnahme, aber auch die unfreiwilligen Geheimnisse, die beide für sich behalten … das alles ist so glaubwürdig und nachvollziehbar, das diese Wahrheit fast schon wehtut. Ich konnte mich schwer aus dem faszinierenden Sog dieses Buches losreißen, der mich bereits, wie gesagt, schon nach den ersten Seiten erfasst hat. Black schildert präzise, was in liebenden Menschen vor sich geht. Sie beschönigt nichts, zeigt aber auch auf, wie solch eine „perfekte“ Liebe funktionieren könnte. „Porträt einer Ehe“ ist ein wunderschönes Buch, das emotional berührt (sofern man sich darauf einlassen kann) und auf beeindruckend poetische, fast schon philosophische Art und Weise die Liebe zweier Menschen darstellt, wie sich in Wirklichkeit abläuft. Es gibt nicht immer nur Höhen, sondern leider auch so manches Tief, das man aber zu zweit ohne weiteres meistern kann, sofern man dazu bereit ist. Genau diese Botschaft vermittelt Robin Blacks Liebesroman, der in wunderschönen Gedankengängen und mit traurigen, melancholischen Momenten beleuchtet, was tief in uns allen drin ist: Die Hoffnung, einen Menschen zu finden, den man mit all seinen Stärken und Schwächen lieben kann. Ich bin begeistert von diesem Romandebüt.

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Fazit: Melancholisches, trauriges und ehrliches Porträt einer großen, starken Liebe.

© 2018 Wolfgang Brunner für Buchwelten

Shamrock Alley von Ronald Malfi

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Erschienen als Taschenbuch
im Luzifer Verlag
insgesamt 480 Seiten
Preis: 13,95 €
ISBN: 978-3-95835-273-5
Kategorie: Thriller

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Secret Service Agent John Mavio schleust sich undercover in ein Syndikat von Unterwelt-Bossen ein. Er will eine der größten Falschgeldoperationen in der Geschichte der USA aufdecken. Doch mit jedem Schritt in diese Welt aus Gewalt und Verbrechen entfernt er sich immer mehr von seinem wirklichen Leben. Er vernachlässigt seine schwangere Frau und seinen unheilbar kranken Vater, bis er an einen Punkt gelangt, an dem er sich entscheiden muss …

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„Shamrock Alley“ von Ronald Malfi ist ein Buch, das man bereits nach den ersten Seiten nicht mehr aus der Hand legen möchte. Malfi hat mich schon mit seinem „The Ascent“ schwer begeistert, geht aber mit diesem Roman von seinem schriftstellerischen Können her noch eine Stufe höher. Der Mafia-Thriller, in dem es um einen Secret Service Agenten geht, der eine Falschgeldoperation stoppen will, zählt für mich zu jenen Romane, die sich Pageturner „schimpfen“ und denen man sich einfach nicht mehr entziehen kann, sobald man mit ihnen begonnen hat. Malfis Schreibstil ist phänomenal und derart flüssig zu lesen, dass es schon fast unheimlich ist. Hinzu kommt, dass Malfi sehr schöne Beschreibungen und Metaphern verwendet, die zum einen Spaß machen und zum anderen auch sehr bildhaft die Menschen, Schauplätze und Situationen beschreiben, so dass man meint, man wäre mittendrin im Geschehen.

„Shamrock Alley“ ist ein intensiver Roman, was unter Umständen auch daran liegt, dass Malfi seine Geschichte um wahre Begebenheiten herum ausgearbeitet hat. Pate für den Protagonisten stand Malfis Vater, der tatsächlich beim Secret Service war und anscheinend ähnliche Ereignisse erlebt hat. Die Geschichte(n) im Hintergrund des Plots, in denen es einmal um die Familie der Hauptperson und dann noch um den kranken Vater geht, wirken so authentisch und echt, dass man an manchen Stellen zu Tränen gerührt ist. Diese Nebenhandlung erinnerte mich oftmals an Henning Mankells Wallander-Reihe, wo auch eine Vater-Sohn-Beziehung im Hintergrund ablief und der Haupthandlung manchmal fast den Rang ablief. „Shamrock Alley“ wirkt auf mich vollkommen rund. Zum einen ist da die actionlastige Agentenstory, zum anderen nimmt der Leser am Privatleben des Protagonisten in einer sehr intimen und emotionalen Weise teil, die mitten ins Herz trifft. Diese (gesunde) Mischung ist es auch letztendlich, die „Shamrock Alley“ zu einem kleinen literarischen Wunder macht. Die knackige Erzählweise tut ihr übriges dazu, um immer noch ein Kapitel zu lesen, weil man einfach wissen will, wie es weitergeht.

Selbst wer mit Mafia- und Streetgang-Geschichten nichts anfangen kann, wird sich dem Bann und Sog dieses Buches schwer entziehen können. Denn Ronald Malfi beschreibt die Geschehnisse mit einer Leichtigkeit, dass man sogar vergessen könnte, dass einen die Story im Grunde genommen gar nicht interessiert. Durch beeindruckend realistische Dialoge merkt man das Umblättern der Seiten nicht, so faszinierend ist Malfis Erzählstil. Es ist bedauerlich, dass Ronald Malfi hierzulande nicht einem breiteren Publikum bekannt ist, zeugen seine Romane doch von hoher literarischer Qualität und vor allem erzählerische Dichte, wie man sie selten findet. Er beherrscht es mühelos, einen Bogen zwischen spannenden Actionsequenzen und herzzerreißenden, melancholischen Augenblicken zu spannen, so dass man wirklich meint, man treffe die Protagonisten persönlich. Gerade in diesem Falle ist die Geschichte des Protagonisten (ob teilweise erfunden oder komplett der Realität entnommen ist vollkommen egal) so tiefgehend und ergreifend, dass es fast schon schmerzt. Malfi beschreibt die Gefühlswelt seiner Figuren eindrucksvoll und glaubwürdig. „Shamrock Alley“ ist Kopfkino á la Sergio Leone mit Hauptdarstellern, die einen literarischen Oscar verdient hätten – genauso wie Ronald Malfi selbst, der sich mit diesem Roman nahezu selbst übertroffen hat. Mit diesem Werk hat er es auf jeden Fall bei mir geschafft, dass ich mir sämtliche in Deutschland erschienenen Bücher von ihm besorgen werde. Und er hat seinem Vater damit ein beeindruckendes Denkmal gesetzt.

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Fazit: Grandiose Story mit hervorragend ausgearbeiteten Charakteren. Spannend, emotional, melancholisch und nostalgisch. Unbedingte Leseempfehlung.

© 2018 Wolfgang Brunner für Buchwelten

Der Feigling von Andreas März

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Erschienen als Taschenbuch
im Redrum Verlag
insgesamt  336 Seiten
Preis: 14,99 €
ISBN: 978-3-95957035-0
Kategorie: Drama, Thriller

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In Turtle’s Sand, einer kleine, vergessenen Stadt,  kennt jeder jeden.
Jason muss wegen einer Schlägerei ins Gefängnis, woraufhin sein vierzehnjähriger Sohn Tommy vorübergehend zu seinem Onkel nach Turtle’s Sand zieht. Obwohl Tommy hier geboren ist, hat er es absolut nicht leicht, sich gegen die Jugendlichen des Ortes zu behaupten, zumal die Geschichte von seinem Vater schnell ans Tageslicht kommt.
Als der Vater dann auch noch stirbt und am Sterbebett von seinem Sohn verlangt, niemals Gewalt gegenüber anderen an den Tag zu legen, um nicht ebenfalls eines Tages im Gefängnis zu landen, macht dieser Eid Tommys Überlebenskampf in Turtle’s Sand auch nicht gerade leichter. Denn er gilt ohnehin schon als Feigling und als die Jugendlichen von dem Schwur erfahren, den Tommy gegenüber seinem sterbenden Vater geleistet hat, scheint er das perfekte Opfer für die Jugendgang von Turtle’s Sand zu sein.

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Andreas März baut seine Geschichte geschickt auf, in dem er die Geschehnisse rückblickend von einem Ich-Erzähler, dem Onkel von Tommy, schildern lässt. Das lässt schon auf den ersten Seiten eine unglaublich tolle Stimmung entstehen, die sich dann durch das ganze weitere Buch fortsetzt. März‘ Drama ist eine Mischung aus Drama mit kleinem Westerntouch und einem Coming Of Age-Roman im Stile von Stephen Kings „Stand By Me“, Greg F. Gifunes „Sag Onkel“ oder auch Brett McBeans „Der Schmerz des Erwachens“. Andreas März besitzt einen sehr angenehm zu lesenden, flüssigen Schreibstil, der einen von der ersten Minute an in den Bann zieht und nicht mehr loslässt. Es sind keine hochkomplizierten und hochliterarischen Sätze, die einen erwarten, sondern eine geradlinige Erzählweise, die absolut funktioniert. Der Leser begleitet den Protagonisten in schweren, aber auch glücklichen Zeiten und nimmt am Erwachsenwerden teil. Andreas März hat mit Tommy einen tollen Charakter erschaffen. Ebenso wuchs mir der Ich-Erzähler sehr ans Herz, obwohl er eigentlich nur eine Nebenrolle spielt.

„Der Feigling“ wird teilweise sehr emotional erzählt, wirkt aber niemals überzogen oder gar kitschig. Es dauert nicht lange und man meint, man lese eine Geschichte nach wahren Begebenheiten, so eindringlich beschreibt März das Gefühlsleben des Protagonisten mit all seinen Hoffnungen und Unsicherheiten. Was mich persönlich sehr angesprochen hat, waren die nicht detailliert beschriebenen Gewaltszenen, da das Kopfkino des Lesers gefordert wurde und jeder in diese Ereignisse seine eigene persönliche Hölle hineininterpretieren konnte. Kopfkino hat so manches Mal eine weitaus größere Wirkung als detaillierte, eklige Beschreibungen. So auch bei „Der Feigling“, wo sich das Grauen zwischen den Zeilen abspielt, also eben in den Köpfen der Leser. Andreas März‘ Coming Of Age-Drama ist sehr ruhig geschrieben und wirkt trotz seiner Grausamkeiten wie ein verklärter Blick in eine Vergangenheit, die man , in diesem Falle der erzählende Onkel und auch Tommy, im Nachhinein mit einer rosaroten Brille sieht.

„Der Feigling“ ist melancholisch, nostalgisch, hart, brutal und emotional. Andreas März hat unglaubliches Talent, die Handlungsorte und Personen zu beschreiben. Erstaunlich dabei ist, dass, obwohl der Autor nie explizit ins Detail geht und nie übertrieben ausführlich in seinen Darstellungen, der Leser alles klar und deutlich vor Augen hat, als sähe er einen Film. Sämtliche Handlungen der Protagonisten, seien es nun die Guten oder die Bösen, sind nachvollziehbar und glaubwürdig, was dem Plot zusätzliche Authentizität verleiht. März hat mit seinem Roman ein beeindruckendes Werk abgeliefert, das im Gehirn haften bleibt. Man fühlt sich wohl in Turtle’s Sand, fühlt mit den Protagonisten und leidet mit dem Hauptcharakter – mehr bedarf es nicht, um „Der Feigling“ als gutes Buch bezeichnen zu können.
Am Ende des Romans wartet auf den Leser noch eine Bonus-Kurzgeschichte des Autors, die es in sich hat. „Das Schweigen der Einhörner“ wurde nicht umsonst mit dem Planet Award 2017 als „Kurzgeschichte des Jahres“ ausgezeichnet. Auch hier beweist Andreas März, dass er in kurzen Sätzen eine Stimmung (und Handlung) aufbauen kann, die sich wie der Plot eines ganzen Romans ins Gehirn des Lesers brennt. Ich freue mich schon auf das nächste Werk von Andreas März.

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Fazit: Melancholisch, nostalgisch, hart, brutal und emotional. Ein absolut lesenswertes Coming Of Age-Drama.

© 2018 Wolfgang Brunner für Buchwelten

Marie von Steven Uhly

Marie von Steven Uhly

Erschienen als Taschenbuch
im btb Verlag
insgesamt 272 Seiten
Preis: 10,00 €
ISBN: 978-3-442-71552-7
Kategorie: Drama, Belletristik, Gegenwartsliteratur

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Die Familie der kleinen Chiara gerät mitsamt ihrem Bruder und ihrer Schwester immer mehr aus den Fugen. Die Eltern sind getrennt und eine dunkle Geschichte aus der Vergangenheit wird von allen totgeschwiegen. Chiara nimmt in Gedanken einen anderen Namen an und nennt sich Marie, weil sie sich mit dieser Identität einfach besser fühlt. Als ihre Mutter einen Unfall hat, kommt Chiara dem Geheimnis aus der Vergangenheit immer näher …

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Dieser Roman ist ein einfühlsames Familiendrama, das sämtliche Probleme aus verschiedenen Sichtweisen beleuchtet. Unter anderem geht es auch um häusliche Gewalt und Kindesmisshandlung, die aber nie explizit geschildert wird. Uhly meistert die Gratwanderung zwischen schockierenden Ereignissen und liebevollen Begebenheiten grandios. In einem sehr flüssigen, unkonventionellen Schreibstil nimmt der Autor seine Leser mit auf eine außergewöhnliche Reise, in der Hass, Misstrauen, Gewalt, Angst, aber auch Hoffnung und Liebe eine große Rolle spielen. Steven Uhly packt den Leser von der ersten Seite an, nimmt ihn gefangen und lässt ihn schlichtweg nicht mehr los. Man spürt die Emotionen der Kinder, nimmt aber auch an der Unsicherheit der Mutter großen Anteil und beginnt schon bald, die Zusammenhänge zu verstehen, die zu der misslichen Lage, in der sich alle befinden, geführt haben. „Marie“ berührt tief, zeigt aber auch ganz deutlich, dass es immer wieder einen Hoffnungsschimmer geben kann. Faszinierend empfand ich persönlich, dass man sowohl die Kinder (verständlich, denn sie sind schließlich „hilflose“ Kinder) verstehen konnte, aber auch die Eltern, vorzugsweise die Mutter. Der Leser begleitet das Schicksal der getrennt lebenden Elternparteien genauso intensiv wie das Leid und die Gedankengänge der Kinder. Steven Uhly ist ein bewegendes Porträt einer Familie gelungen, das unzählige Male in der Wirklichkeit um uns herum geschieht. Durch sein Einfühlungsvermögen in die Gedankenwelt beider Parteien (Kinder und Erwachsene) liefert der Autor einen umfassenden, schockierenden Einblick in das Schicksal von Scheidungskindern, die im Umfeld teilweise unfähiger Erwachsener aufwachsen (müssen).

Die Unfähigkeit der Mutter, ihre Selbstsucht und die immer wieder auftretende Hilflosigkeit gegenüber alltäglichen Dingen, wird so gekonnt beschrieb, dass sie absolut nachvollziehbar (aber keineswegs verständlich) sind. Das Buch erscheint einem in Nachhinein wie ein Traum des Mädchens Chiara, das sich hinter einer anderen Identität versteckt, um ihre Vergangenheit damit zu bewältigen und/oder auch zu verdrängen. Virtuos wirft Uhly den Leser in die Verhältnisse der kaputten Familie hinein und zwingt ihn, bei den inneren und äußeren Kämpfen seiner Protagonisten zuzusehen, zuzuhören und mitzufühlen. Und dennoch schwebt das zarte Band der Liebe fortwährend durch die grauenvollen Schilderungen, als könne nichts und niemand diese Himmelsgewalt aufhalten, am allerwenigsten in den Gedanken von Kindern. „Marie“ trifft mitten ins Herz.

Steven Uhlys neuer Roman ist die Fortsetzung seines Erfolges „Glückskind“, den man aber nicht zu kennen braucht, um der „neuen“ Handlung, der Fortführung der Geschichte, folgen zu können. „Marie“ kann ohne weiteres als eigenständiges Werk behandelt werden und besitzt auch ohne irgendwelche Vorkenntnisse einen gewaltigen Tiefgang. Es ist eine große Tragödie, der man beiwohnt, und die man schmerzlich mitverfolgt, ohne davon lassen zu können. „Marie“ ist ein Pageturner, den man nicht aus der Hand legen kann, weil man schlichtweg mitfiebert, wie es den Kindern ergeht. Und, wie oben schon erwähnt, versteckt sich aber zwischen den Zeilen so viel Hoffnung und Liebe, dass die Geschichte letztendlich doch wieder irgendwie gut tut. „Marie“ ist grausam und poetisch, deprimierend und zuversichtlich zu gleichen Teilen. Der Roman ist eine Geschichte aus dem wirklichen Leben, die zum Nachdenken anregt. Vor allem, wenn man selbst Kinder hat, bekommt der Roman eine noch intensivere Wirkung als er ohnehin schon hat. Uhly ist ein bewegendes Meisterwerk gelungen, das noch lange nachwirkt und durch seinen eigenwilligen, präzisen und emotionalen Schreibstil beeindruckt.

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Fazit: Einfühlsam, traurig, bewegend, emotional, deprimierend und dennoch hoffnungsvoll. Eine beeindruckende Familientragödie.

© 2018 Wolfgang Brunner für Buchwelten

Ein angesehener Mann von Abir Mukherjee

Ein angesehener Mann von Abir Mukherjee

Erschienen als Taschenbuch
im Heyne Verlag
insgesamt 512 Seiten
Preis: 9,99 €
ISBN: 978-3-453-42173-8
Kategorie: Krimi, historischer Roman

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In Kalkutta wird ein bekannter Politiker, ein „angesehenen Mann“, ermordet. Der englische Ermittler Sam Wyndham, der gerade aus dem ersten Weltkrieg heimgekehrt ist und sich erst einmal an Kalkutta und seine Einwohner gewöhnen muss, soll den Fall übernehmen. Seine Nachforschungen führen ihn durch die geheimnisvolle Welt Kalkuttas, in der Machtkämpfe, Intrigen und Drogen eine große Rolle spielen.

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Abir Mukherjees Debütroman ist ein süchtig machender, sehr atmosphärischer Krimi, der im Kalkutta des Jahres 1919 spielt. Es ist der Beginn einer Krimireihe um den äußerst sympathischen Ermittler Sam Wyndham. Es dauerte keine zehn Seiten und ich war von der Beschreibung des alten Kalkutta dermaßen fasziniert, dass ich das Buch gar nicht mehr aus der Hand legen wollte. Unglaublich dicht und bildhaft beschreibt Mukherjee die fremde Umgebung und lässt den Leser die drückende Hitze und die Fremdartigkeit der Kultur hautnah miterleben. Oftmals erinnerte mich der sehr angenehme und flüssige Schreibstil des Autors an die Bücher von J.K. Rowling, die sie unter dem Pseudonym Robert Galbraith verfasst hat. Die Seiten fliegen nur so dahin und erstaunlicherweise wird es niemals langweilig, obwohl wirklich relativ wenig passiert. „Ein angesehener Mann“ ist beileibe kein actionreicher Roman, sondern ein sehr ruhiger Kriminalfall, der mehr auf den Handlungsort und seine Protagonisten, als auf den Fall selbst eingeht. Dennoch verbirgt sich dahinter ein wahrer Pageturner, der süchtig macht.

Mukherjee hat einen genialen Einstieg in seine Krimiserie abgeliefert, die mich nachhaltig beeindruckt. Unglaublich greifbar hat er eine vergangene Zeit aufleben lassen und den Mordfall sehr glaubwürdig in die historischen Begebenheiten eingebaut. Die Auflösung des Falls hat mich an einige Werke von Agatha Christie erinnert und ich denke, dass Fans dieser Autorin auch bei „Ein angesehener Mann“ ihre helle Freude haben. Eingebettet in einen Rahmen aus fremder Kultur und schonungsloser Politik lässt Mukherjee den Leser an einer anstrengenden Ermittlung teilhaben, die oftmals auf der Stelle zu stehen bleiben scheint. Aber genau diese (für manch einen wohl langweilige) Tatsache verleiht dem Plot eine unglaubliche Authentizität, die (mich zumindest) vollkommen begeistert. Allzu gerne hätte ich Sam Wyndham und seinen treuen Begleiter Surrender-not Banerjee noch ein paar Seiten länger begleitet, so wohl fühlte ich mich in der Umgebung. Sehr gut werden außerdem die politischen Verhältnisse der damaligen Zeit geschildert, so dass vieles absolut nachvollziehbar erscheint, selbst wenn man sich mit solcherart politischer Verstrickungen und Machtverhältnisse nicht auskennt. Interessanterweise sind diese Begebenheiten auch für Menschen wie mich, die sich für Politik überhaupt nicht interessieren, spannend und unterhaltsam, denn man bekommt einen sehr schönen (und eben informativen) Einblick in die damaligen Verhältnisse, der an keiner Stelle langatmig wirkt.

Der Protagonist Sam Wyndham wirkt von Anfang an sehr sympathisch, was vor allem daran liegt, dass er ganz „normal“ ist. Ein Mensch mit Stärken und Schwächen, kein Superermittler, sondern ein Mann, der oft ratlos ist und nicht mehr weiter weiß, aber nicht aufgibt. Der Mann an seiner Seite, Surrender-not Banerjee, kann genau so viele Sympathiepunkte vorweisen und stellt eine perfekte Ergänzung dar. Es macht großen Spaß, die beiden bei ihren Ermittlungen und Überlegungen zu begleiten. Erstaunlicherweise schafft es Munkherjee bis zum Ende, die Spannung aufrechtzuerhalten und mit seiner Auflösung am Ende zu überraschen. Gerade auf den letzten Seiten fügt der Autor sämtliche Fäden zu einem logischen Gerüst zusammen, das den Mordfall nachvollziehbar macht und auch noch ein paar Überraschungen bereit hält.
Für mich war „Ein angesehener Mann“ die Krimi-Überraschung des Jahres, die mit einem atmosphärisch dichten Schauplatz und einem sehr sympathischen Ermittler-Duo aufwartet. Ganz klare Leseempfehlung für Freunde von historischen Kriminalromanen und Fans von Agatha Christie und/oder Robert Galbraith. Ich freue mich schon sehr auf das zweite Abenteuer von Sam Wyndham, das voraussichtlich im Juli 2018 erscheinen wird und den Titel „Ein notwendiges Übel“ trägt.

Zu erwähnen ist vielleicht noch, dass das Cover ein echter Eyecatcher ist. Ich habe das sehr ansprechende Titeklbild während des Lesens desöfteren betrachtet und mich in dieser Welt noch mehr verlieren können. Erfreulicherweise wird das Design beim zweiten Band beibehalten, so dass man als Büchersammler Hoffnung hat, eines Tages eine schön gleich aussehende Sammlung von Sam Wyndham-Büchern im Regal stehen zu haben. 😉

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Fazit: Atmosphärisch dichter, historischer Krimi-Pageturner mit einem überaus sympathischen Ermittler-Duo. Macht süchtig!

© 2017 Wolfgang Brunner für Buchwelten

Sleeping Beauties von Stephen King und Owen King

Sleeping Beauties.jpg
Erschienen als gebundene Ausgabe
im Heyne Verlag
insgesamt 960 Seiten
Preis: 28,00 €
ISBN: 978-3-453-27144-9
Kategorie: Fantasy / Horror-Fiction

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In der Kleinstadt Dooling gibt es eigentlich nichts anderes, als in anderen Städten auch: Schulen, eine Polizeistation, Supermärkte, Kneipen und ein Frauengefängnis. Okay, letzteres ist nicht in jeder Stadt zu finden.

Eines schönen Tages bricht eine Epidemie aus, die einschlafende Frauen betrifft. Und zwar nur Frauen, egal welchen Alters und egal auf welchem Teil der Welt. Sobald die Frauen einschlafen, bildet sich ein faseriger, spinnenartiger Kokon um sie herum und hüllt sie ein. Doch sie atmen ruhig und scheinen tatsächlich einfach nur zu schlafen. Entfernen sollte man das Gewebe jedoch auf keinen Fall. Überhaupt sollte man nicht versuchen die Frauen zu wecken. Denn sobald sie erwachen werden sie zu mordenden, brutalen Killermaschinen.

Jedoch taucht eine Frau in Dooling auf, die gegen die Schlafkrankheit – inzwischen Aurora genannt – immun zu sein scheint. Sheriff Lila Norcross bringt die Frau ins Frauengefängnis des Ortes und hält sie dort fest (auch zu ihrem eigenen Schutz). Denn die Männer des Ortes hören von dem Gerücht der Immunität der seltsamen Frau und wollen ihre Frauen und Kinder zurück. Um jeden Preis …..

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Ich warne zur Sicherheit einfach mal vorab vor eventuellen Spoilern !

Eine Horrorfantasie mit Realitätsbezug“ lautet ein Zitat auf der Buchrückseite.

Für mich ist der neue Roman von Stephen und Owen King aber eigentlich viel mehr Fantasy oder Fantasy Fiction (wenn es dieses Genre gibt), vermischt mit dystopischen Elementen. Der Horror in diesem Roman ist viel eher auf die teilweise extrem brutalen und extrem blutigen Szenen zu beziehen.

Die beiden Autoren liefern hier eine Geschichte, die fantastisch ist und sehr zum Nachdenken anregt. Denn so traurig es ist, soviel Wahrheit steckt darin. Was braucht es zum Leben, was wird wertgeschätzt, wie schnell kann sich eine offensichtliche Idylle in das totale Chaos umwandeln. Die Natur spielt eine sehr große Rolle und auch die Zwischenmenschlichkeit, egal in welchen Kombinationen, ist sehr großer Bestandteil (Väter und Söhne, Mütter und Söhne, Väter und Töchter, Mütter und Töchter, (Ehe)männer und (Ehe)frauen etc.).

Zu Beginn der Geschichte ist ein Register, in denen alle Figuren aufgeführt sind. Das war für mich sehr hilfreich, denn ich habe oft noch einmal zurückgeblättert, weil es einfach sehr viele Personen gibt, die zur Handlung beitragen und eben auch wichtig sind.

Stephen und Owen King füllen ihren Roman mit einer großen Anzahl von Figuren und den unterschiedlichsten Charakteren. Erzählt er ja über knappe 1000 Seiten die Geschichte einer Stadt im Ausnahmezustand. Ich lernte in der ausführlichen Erzählung alle sehr gut kennen und natürlich baute ich eine Bindung zu den Personen auf.

Der Roman ist außerdem ein gesellschaftskritischer Roman, der mich an die Gemeinschaft von „The Stand“ erinnerte. Allerdings kam mir auch immer wieder „Der dunkle Turm“ in den Sinn, wenn die dystopischen Szenen beschädigte Gebäude beinhalteten oder auch wenn fabelartige Wesen durch die Handlung spazierten.

Die Grundidee der beiden war schlicht und einfach: Was mag wohl passieren, wenn urplötzlich alle Frauen einfach einschlafen und insoweit nicht mehr „vorhanden“ sind. Die Umsetzung dieser Idee ist den beiden gemeinsam sehr gut gelungen. Ich war gefesselt bis zur letzten Seite und hätte gut und gerne noch länger lesen können. Ich fühlte mich sehr wohl in Dooling. Aber das Wichtigste an der Geschichte ist die Botschaft, die sie rüber bringt und die ist erschreckend wahr und gut. Ich konnte beim besten Willen nicht erkennen, welche Passagen Stephen und welche Owen King geschrieben hat. Ich habe wirklich sehr sehr viel von King gelesen und ich meine seinen Stil zu erkennen. Für mich war der Roman einfach ein Stephen King.

Ich füge unten ein kleines Interview der beiden ein, auf das ich beim Stöbern auf der Website von Stephen King gestoßen bin. Da war ich nämlich unterwegs, um einen Blick auf das Originalcover zu werfen. Denn die sind in der Regel immer um einiges besser, als die der deutschen Ausgabe. So auch hier ☺. Aber ich muss sagen, dass in diesem Fall das Cover der deutschen Ausgabe auch sehr schön und vor allem zur Handlung passend ist.

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Mein Fazit: Ein großartiges Fantasy-Fiction Abenteuer, dass sehr gesellschaftskritisch ist und zum Nachdenken anregt. Bestückt mit teils wundervollen Bildern, teils extrem brutalen Szenen und sehr gut ausgearbeiteten/agierenden  (nicht nur netten) Charakteren. Knappe 900 Seiten, die wie im Fluge vergehen. King(s) in Bestform!

Wer das Originalcover sehen mag, der klicke –> hier

© Marion Brunner_Buchwelten 2017

Mein dunkles Herz von Jorge Galán

Mein dunkles Herz von Jorge Galan

Erschienen als Taschenbuch
im Penguin Verlag
insgesamt 222 Seiten
Preis: 10,00 €
ISBN: 978-3-328-10100-0
Kategorie: Drama, Liebe, Belletristik

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Magdalena erzählt ihrem Enkel ihre Lebensgeschichte. Die ihrer Familie, die ihrer großen Liebe und die eines ganzen Jahrhunderts. Es sind Geschichten, die verzaubern und begreifen lassen, was Liebe, Leben und Tod wirklich bedeuten.

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Die Geschichte eines Lebens, verpackt in wunderschöne Sätze und mit einem durchgehenden Hauch von Melancholie. „Mein dunkles Herz“ ist ein Märchen voller Wunder und Mythen, Liebe und Leben und erinnert tatsächlich ein wenig an die Meisterwerke des grandiosen Gabriel Garcia Marquez. Es sind die kleinen Dinge des Lebens, die Jorge Galán hervorhebt und uns, die Leser, zum Nachdenken bringt. Kurzweilig, und exakt auf den Punkt gebracht, schildert er die Geschichten verschiedener Menschen, die teilweise einem Märchen gleichen. Und wenn man dann dabei über sein eigenes Leben nachdenkt, entdeckt man bisweilen bei seinem eigenen Lebenslauf Anzeichen von Märchen. Galán hat unendlich viele Lebensweisheiten in seinem Roman versteckt, die einen mitreißen und bewegen. Erstaunlich dabei ist, dass der Plot sich auf lediglich etwas mehr als zweihundert Seiten erstreckt, aber letztendlich bedeutend mehr Inhalt vorweisen kann, als so mancher 1000-Seiten-Schmöker. „Mein dunkles Herz“ ist ein Kleinod, das sich lohnt, mehrmals gelesen zu werden. Hilfreich ist, wenn man gewissen mythischen (und esoterischen) Anklängen nicht abgeneigt ist, denn dadurch intensiviert sich das Leseerlebnis ungemein.

„Mein dunkles Herz“ wirkte auf mich wie eine Mischung aus dem bereits erwähnten Gabriel Garcia Marquez und einem John Iriving-Roman. Der Autor beherrscht eine präzise Sprache, mit der er innerhalb eines einzigen Satzes sehr viel auszudrücken vermag. Auf den ersten Blick wirkt die Geschichte vielleicht ein wenig wirr durch die verschiedenen Personen, aber verläuft das Leben nicht genau so? Lässt man dieses „Durcheinander“ auf sich wirken, bekommt man ein stimmiges Bild eines Lebens geliefert, das, obgleich fiktiv und erfunden ist, in vielen Aspekten einem realen Leben gleicht. „Mein dunkles Herz“ ist nicht „nur“ eine Liebesgeschichte, sondern auch eine Wundertüte voller mystischer Rätsel und melancholischer Aphorismen. Es ist nicht leicht, das dünne Büchlein zu lesen, denn zu viel ist in wenigen Worten darin verpackt, als dass man es in einem Rutsch durchlesen sollte. Man sollte sich auf jeden Fall Zeit dafür lassen und sich auf teils schwermütige Beschreibungen einstellen. Dennoch vermittelt Jorge Galáns Familiendrama nicht nur triste Melancholie, sondern auch Hoffnung auf ein glückliches Leben, das man führen sollte. Der Roman regt eben einfach zum Nachdenken an.

Jorge Galáns Schreibstil ist sehr gehoben und macht den Roman zu einem literarischen Kleinod, das ich mit Sicherheit noch öfters in die Hand nehmen werde, um darin zu blättern. Ich bin nämlich vollkommen davon überzeugt, dass sich bei einem erneuten Lesen noch andere Perspektiven in der Handlung und auch den Aussagen öffnen werden. „Mein dunkles Herz“ wirkt trotz seiner Kürze nach und lässt einen einfach nicht mehr los. Durch die bildhaften Beschreibungen hat man die Erzählerin vor Augen, als sähe man einen Film, und folgt der Familie durch das Jahrhundert, als wäre man direkt dabei. Durch den Einsatz der „mystischen Gabe“ der Protagonistin wirkt der Plot niemals langweilig, sondern verleiht ihm sogar einen außergewöhnlichen Reiz, der, zumindest für mich, die wunderschöne, geheimnisvolle Geschichte abrundete.  „Mein dunkles Herz“ wird den ein oder anderen Leser eventuell etwas ratlos zurücklassen, weil die Handlung nicht ganz rund wirken könnte. Man muss sich darauf einlassen können und vieles selbst in die Geschichte hineininterpretieren, damit das Ganze funktioniert. Galán fordert, ob beabsichtigt oder nicht, den Leser auf, mitzumachen und sein eigenes Leben in den geschriebenen Worten zu finden. Wer das kann, wird mit einem magischen Buch belohnt, dass eine Hommage an das Leben und die Liebe darstellt und dennoch die Unausweichlichkeit des Todes nicht auslässt.

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Fazit: Mystisch und voller Lebensweisheiten. Ein literarisches Kleinod.

 

© 2017 Wolfgang Brunner für Buchwelten

München von Robert Harris

Erschienen als gebundene Ausgabe
im Heyne Verlag
insgesamt 432 Seiten
Preis: 22,00 €
ISBN: 978-3-453-27143-2
Kategorie: Thriller, Historischer Roman, Drama

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Im September 1938 treffen sich Hitler, Chamberlain, Mussolini und Daladier zu einer kurzfristig einberufenen Konferenz in München. Es geht um die Einnahme von Teilen der Tschechoslowakei durch die Deutschen, aber auch um den Weltfrieden. An der Seite des britischen Premierministers Chamberlain nimmt Hugh Legat aus dem Außenministerium an der Reise nach München teil. In München trifft Legat auf Paul von Hartmann aus dem Auswärtigen Amt in Berlin, mit dem ihn eine Freundschaft aus alten Zeiten verbindet. Legat erfährt, dass von Hartmann einer geheimen Widerstandsgruppe gegen Hitler angehört und sieht sich schon bald in einer Zwickmühle, als ihm Papiere ausgehändigt werden, die einen drohenden Weltkrieg prophezeien.

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Wow, was für ein Buch! Schon nach den ersten Seiten konnte ich mich nicht mehr von der Geschichte losreißen. Und das, obwohl ich ein an Politik völlig uninteressierter Mensch bin, der logischerweise auch solcherart Bücher eigentlich gar nicht gerne liest. Aber Robert Harris hat mich schon mit vielen seiner anderen Bücher überzeugen können, und so war ich natürlich gespannt, wie er diese geschichtliche Episode, die noch dazu in meiner Heimatstadt München spielt, zu Papier gebracht hat. „München“ ist schlichtweg atemberaubend grandios geworden und vermittelt die damalige Stimmung aus meiner Sicht (ich war ja glücklicherweise nicht dabei 😉 ) sehr gut und stimmig. Harris schreibt sehr einfach, aber auch niveauvoll, so dass man von der Story vollkommen gefangen genommen wird.

Robert Harris schildert die historischen Ereignisse dermaßen kurzweilig, dass man locker doppelt so viele Seiten hätte lesen können. Die Vermischung aus historisch belegten Geschehnissen und erfundenen, fiktiven Begebenheiten ist dem Autor absolut gut und vor allem glaubwürdig gelungen. Die Hintergründe sind aufs sorgfältigste recherchiert und Harris versteht es meisterhaft, die teils trockenen, geschichtlichen Zusammenhänge, die zu dieser Konferenz geführt haben, zu einem enorm spannenden Erlebnis zu verarbeiten, dass noch lange im Gedächtnis haften bleibt. Man bekommt während des Lesens wirklich den Eindruck, die Protagonisten (ob fiktiv oder real) persönlich zu kennen, so geschickt schildert Harris diese Persönlichkeiten. Und beim ersten Erscheinen Adolf Hitlers hält man unweigerlich die Luft an, so eindringlich (und irgendwie auch bedrohlich) wurde sein Auftreten beschrieben. „München“ wirkte auf mich unglaublich intensiv und bedrohlich in seiner teils aussichtslosen Atmosphäre. Die Verhandlungen und Überlegungen der Politiker sind durchweg verständlich erklärt und machen dieses Buch auch für einen Menschen wie mich, der sich absolut nicht für Politik interessiert, zu einem wirklich atemberaubenden Abenteuer.

Bedrückender Nebeneffekt dieses historischen Romans ist die Reflektierung der aktuellen politischen Situation, die sich wohl heutzutage genauso schleichend wie in der Vergangenheit in die Köpfe einiger Menschen festsetzt. „München“ besitzt einen unglaublichen Sog, der zum einen am wunderbar flüssigen und angenehmen Schreibstil Robert Harris‘ liegt und zum anderen am für mich äußerst kurzweiligen Plot, den manch anderer aber bestimmt langatmig empfinden wird. Aus meiner Sicht war kein Satz zu viel. Im Gegenteil, wie oben schon erwähnt, hätte ich die Protagonisten und die politischen Überlegungen noch gerne ein paar hundert Seiten mehr genossen. Robert Harris lässt seine Geschichte auf knapp vierhundert Seiten an lediglich vier Tagen spielen. Gerade diese knappe Zeitspanne stellt einen enorm intensiven Handlungsstrang zu, der wie ein Film wirkt. Durch die präzisen Beschreibungen der Örtlichkeiten fällt es nicht schwer, sich in dem Roman zu verlieren und einfach mittendrin zu sein. Robert Harris hat es also tatsächlich mit diesem Roman erneut geschafft, mich für ein politisches Thema zu interessieren und sogar zu begeistern. „München“ hat mich schlichtweg süchtig gemacht.

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Fazit: Spannend, realistisch und unglaublich unterhaltsam. Höchster Suchtfaktor!

© 2017 Wolfgang Brunner für Buchwelten