Shamrock Alley von Ronald Malfi

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Erschienen als Taschenbuch
im Luzifer Verlag
insgesamt 480 Seiten
Preis: 13,95 €
ISBN: 978-3-95835-273-5
Kategorie: Thriller

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Secret Service Agent John Mavio schleust sich undercover in ein Syndikat von Unterwelt-Bossen ein. Er will eine der größten Falschgeldoperationen in der Geschichte der USA aufdecken. Doch mit jedem Schritt in diese Welt aus Gewalt und Verbrechen entfernt er sich immer mehr von seinem wirklichen Leben. Er vernachlässigt seine schwangere Frau und seinen unheilbar kranken Vater, bis er an einen Punkt gelangt, an dem er sich entscheiden muss …

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„Shamrock Alley“ von Ronald Malfi ist ein Buch, das man bereits nach den ersten Seiten nicht mehr aus der Hand legen möchte. Malfi hat mich schon mit seinem „The Ascent“ schwer begeistert, geht aber mit diesem Roman von seinem schriftstellerischen Können her noch eine Stufe höher. Der Mafia-Thriller, in dem es um einen Secret Service Agenten geht, der eine Falschgeldoperation stoppen will, zählt für mich zu jenen Romane, die sich Pageturner „schimpfen“ und denen man sich einfach nicht mehr entziehen kann, sobald man mit ihnen begonnen hat. Malfis Schreibstil ist phänomenal und derart flüssig zu lesen, dass es schon fast unheimlich ist. Hinzu kommt, dass Malfi sehr schöne Beschreibungen und Metaphern verwendet, die zum einen Spaß machen und zum anderen auch sehr bildhaft die Menschen, Schauplätze und Situationen beschreiben, so dass man meint, man wäre mittendrin im Geschehen.

„Shamrock Alley“ ist ein intensiver Roman, was unter Umständen auch daran liegt, dass Malfi seine Geschichte um wahre Begebenheiten herum ausgearbeitet hat. Pate für den Protagonisten stand Malfis Vater, der tatsächlich beim Secret Service war und anscheinend ähnliche Ereignisse erlebt hat. Die Geschichte(n) im Hintergrund des Plots, in denen es einmal um die Familie der Hauptperson und dann noch um den kranken Vater geht, wirken so authentisch und echt, dass man an manchen Stellen zu Tränen gerührt ist. Diese Nebenhandlung erinnerte mich oftmals an Henning Mankells Wallander-Reihe, wo auch eine Vater-Sohn-Beziehung im Hintergrund ablief und der Haupthandlung manchmal fast den Rang ablief. „Shamrock Alley“ wirkt auf mich vollkommen rund. Zum einen ist da die actionlastige Agentenstory, zum anderen nimmt der Leser am Privatleben des Protagonisten in einer sehr intimen und emotionalen Weise teil, die mitten ins Herz trifft. Diese (gesunde) Mischung ist es auch letztendlich, die „Shamrock Alley“ zu einem kleinen literarischen Wunder macht. Die knackige Erzählweise tut ihr übriges dazu, um immer noch ein Kapitel zu lesen, weil man einfach wissen will, wie es weitergeht.

Selbst wer mit Mafia- und Streetgang-Geschichten nichts anfangen kann, wird sich dem Bann und Sog dieses Buches schwer entziehen können. Denn Ronald Malfi beschreibt die Geschehnisse mit einer Leichtigkeit, dass man sogar vergessen könnte, dass einen die Story im Grunde genommen gar nicht interessiert. Durch beeindruckend realistische Dialoge merkt man das Umblättern der Seiten nicht, so faszinierend ist Malfis Erzählstil. Es ist bedauerlich, dass Ronald Malfi hierzulande nicht einem breiteren Publikum bekannt ist, zeugen seine Romane doch von hoher literarischer Qualität und vor allem erzählerische Dichte, wie man sie selten findet. Er beherrscht es mühelos, einen Bogen zwischen spannenden Actionsequenzen und herzzerreißenden, melancholischen Augenblicken zu spannen, so dass man wirklich meint, man treffe die Protagonisten persönlich. Gerade in diesem Falle ist die Geschichte des Protagonisten (ob teilweise erfunden oder komplett der Realität entnommen ist vollkommen egal) so tiefgehend und ergreifend, dass es fast schon schmerzt. Malfi beschreibt die Gefühlswelt seiner Figuren eindrucksvoll und glaubwürdig. „Shamrock Alley“ ist Kopfkino á la Sergio Leone mit Hauptdarstellern, die einen literarischen Oscar verdient hätten – genauso wie Ronald Malfi selbst, der sich mit diesem Roman nahezu selbst übertroffen hat. Mit diesem Werk hat er es auf jeden Fall bei mir geschafft, dass ich mir sämtliche in Deutschland erschienenen Bücher von ihm besorgen werde. Und er hat seinem Vater damit ein beeindruckendes Denkmal gesetzt.

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Fazit: Grandiose Story mit hervorragend ausgearbeiteten Charakteren. Spannend, emotional, melancholisch und nostalgisch. Unbedingte Leseempfehlung.

© 2018 Wolfgang Brunner für Buchwelten

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Der Feigling von Andreas März

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Erschienen als Taschenbuch
im Redrum Verlag
insgesamt  336 Seiten
Preis: 14,99 €
ISBN: 978-3-95957035-0
Kategorie: Drama, Thriller

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In Turtle’s Sand, einer kleine, vergessenen Stadt,  kennt jeder jeden.
Jason muss wegen einer Schlägerei ins Gefängnis, woraufhin sein vierzehnjähriger Sohn Tommy vorübergehend zu seinem Onkel nach Turtle’s Sand zieht. Obwohl Tommy hier geboren ist, hat er es absolut nicht leicht, sich gegen die Jugendlichen des Ortes zu behaupten, zumal die Geschichte von seinem Vater schnell ans Tageslicht kommt.
Als der Vater dann auch noch stirbt und am Sterbebett von seinem Sohn verlangt, niemals Gewalt gegenüber anderen an den Tag zu legen, um nicht ebenfalls eines Tages im Gefängnis zu landen, macht dieser Eid Tommys Überlebenskampf in Turtle’s Sand auch nicht gerade leichter. Denn er gilt ohnehin schon als Feigling und als die Jugendlichen von dem Schwur erfahren, den Tommy gegenüber seinem sterbenden Vater geleistet hat, scheint er das perfekte Opfer für die Jugendgang von Turtle’s Sand zu sein.

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Andreas März baut seine Geschichte geschickt auf, in dem er die Geschehnisse rückblickend von einem Ich-Erzähler, dem Onkel von Tommy, schildern lässt. Das lässt schon auf den ersten Seiten eine unglaublich tolle Stimmung entstehen, die sich dann durch das ganze weitere Buch fortsetzt. März‘ Drama ist eine Mischung aus Drama mit kleinem Westerntouch und einem Coming Of Age-Roman im Stile von Stephen Kings „Stand By Me“, Greg F. Gifunes „Sag Onkel“ oder auch Brett McBeans „Der Schmerz des Erwachens“. Andreas März besitzt einen sehr angenehm zu lesenden, flüssigen Schreibstil, der einen von der ersten Minute an in den Bann zieht und nicht mehr loslässt. Es sind keine hochkomplizierten und hochliterarischen Sätze, die einen erwarten, sondern eine geradlinige Erzählweise, die absolut funktioniert. Der Leser begleitet den Protagonisten in schweren, aber auch glücklichen Zeiten und nimmt am Erwachsenwerden teil. Andreas März hat mit Tommy einen tollen Charakter erschaffen. Ebenso wuchs mir der Ich-Erzähler sehr ans Herz, obwohl er eigentlich nur eine Nebenrolle spielt.

„Der Feigling“ wird teilweise sehr emotional erzählt, wirkt aber niemals überzogen oder gar kitschig. Es dauert nicht lange und man meint, man lese eine Geschichte nach wahren Begebenheiten, so eindringlich beschreibt März das Gefühlsleben des Protagonisten mit all seinen Hoffnungen und Unsicherheiten. Was mich persönlich sehr angesprochen hat, waren die nicht detailliert beschriebenen Gewaltszenen, da das Kopfkino des Lesers gefordert wurde und jeder in diese Ereignisse seine eigene persönliche Hölle hineininterpretieren konnte. Kopfkino hat so manches Mal eine weitaus größere Wirkung als detaillierte, eklige Beschreibungen. So auch bei „Der Feigling“, wo sich das Grauen zwischen den Zeilen abspielt, also eben in den Köpfen der Leser. Andreas März‘ Coming Of Age-Drama ist sehr ruhig geschrieben und wirkt trotz seiner Grausamkeiten wie ein verklärter Blick in eine Vergangenheit, die man , in diesem Falle der erzählende Onkel und auch Tommy, im Nachhinein mit einer rosaroten Brille sieht.

„Der Feigling“ ist melancholisch, nostalgisch, hart, brutal und emotional. Andreas März hat unglaubliches Talent, die Handlungsorte und Personen zu beschreiben. Erstaunlich dabei ist, dass, obwohl der Autor nie explizit ins Detail geht und nie übertrieben ausführlich in seinen Darstellungen, der Leser alles klar und deutlich vor Augen hat, als sähe er einen Film. Sämtliche Handlungen der Protagonisten, seien es nun die Guten oder die Bösen, sind nachvollziehbar und glaubwürdig, was dem Plot zusätzliche Authentizität verleiht. März hat mit seinem Roman ein beeindruckendes Werk abgeliefert, das im Gehirn haften bleibt. Man fühlt sich wohl in Turtle’s Sand, fühlt mit den Protagonisten und leidet mit dem Hauptcharakter – mehr bedarf es nicht, um „Der Feigling“ als gutes Buch bezeichnen zu können.
Am Ende des Romans wartet auf den Leser noch eine Bonus-Kurzgeschichte des Autors, die es in sich hat. „Das Schweigen der Einhörner“ wurde nicht umsonst mit dem Planet Award 2017 als „Kurzgeschichte des Jahres“ ausgezeichnet. Auch hier beweist Andreas März, dass er in kurzen Sätzen eine Stimmung (und Handlung) aufbauen kann, die sich wie der Plot eines ganzen Romans ins Gehirn des Lesers brennt. Ich freue mich schon auf das nächste Werk von Andreas März.

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Fazit: Melancholisch, nostalgisch, hart, brutal und emotional. Ein absolut lesenswertes Coming Of Age-Drama.

© 2018 Wolfgang Brunner für Buchwelten

Marie von Steven Uhly

Marie von Steven Uhly

Erschienen als Taschenbuch
im btb Verlag
insgesamt 272 Seiten
Preis: 10,00 €
ISBN: 978-3-442-71552-7
Kategorie: Drama, Belletristik, Gegenwartsliteratur

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Die Familie der kleinen Chiara gerät mitsamt ihrem Bruder und ihrer Schwester immer mehr aus den Fugen. Die Eltern sind getrennt und eine dunkle Geschichte aus der Vergangenheit wird von allen totgeschwiegen. Chiara nimmt in Gedanken einen anderen Namen an und nennt sich Marie, weil sie sich mit dieser Identität einfach besser fühlt. Als ihre Mutter einen Unfall hat, kommt Chiara dem Geheimnis aus der Vergangenheit immer näher …

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Dieser Roman ist ein einfühlsames Familiendrama, das sämtliche Probleme aus verschiedenen Sichtweisen beleuchtet. Unter anderem geht es auch um häusliche Gewalt und Kindesmisshandlung, die aber nie explizit geschildert wird. Uhly meistert die Gratwanderung zwischen schockierenden Ereignissen und liebevollen Begebenheiten grandios. In einem sehr flüssigen, unkonventionellen Schreibstil nimmt der Autor seine Leser mit auf eine außergewöhnliche Reise, in der Hass, Misstrauen, Gewalt, Angst, aber auch Hoffnung und Liebe eine große Rolle spielen. Steven Uhly packt den Leser von der ersten Seite an, nimmt ihn gefangen und lässt ihn schlichtweg nicht mehr los. Man spürt die Emotionen der Kinder, nimmt aber auch an der Unsicherheit der Mutter großen Anteil und beginnt schon bald, die Zusammenhänge zu verstehen, die zu der misslichen Lage, in der sich alle befinden, geführt haben. „Marie“ berührt tief, zeigt aber auch ganz deutlich, dass es immer wieder einen Hoffnungsschimmer geben kann. Faszinierend empfand ich persönlich, dass man sowohl die Kinder (verständlich, denn sie sind schließlich „hilflose“ Kinder) verstehen konnte, aber auch die Eltern, vorzugsweise die Mutter. Der Leser begleitet das Schicksal der getrennt lebenden Elternparteien genauso intensiv wie das Leid und die Gedankengänge der Kinder. Steven Uhly ist ein bewegendes Porträt einer Familie gelungen, das unzählige Male in der Wirklichkeit um uns herum geschieht. Durch sein Einfühlungsvermögen in die Gedankenwelt beider Parteien (Kinder und Erwachsene) liefert der Autor einen umfassenden, schockierenden Einblick in das Schicksal von Scheidungskindern, die im Umfeld teilweise unfähiger Erwachsener aufwachsen (müssen).

Die Unfähigkeit der Mutter, ihre Selbstsucht und die immer wieder auftretende Hilflosigkeit gegenüber alltäglichen Dingen, wird so gekonnt beschrieb, dass sie absolut nachvollziehbar (aber keineswegs verständlich) sind. Das Buch erscheint einem in Nachhinein wie ein Traum des Mädchens Chiara, das sich hinter einer anderen Identität versteckt, um ihre Vergangenheit damit zu bewältigen und/oder auch zu verdrängen. Virtuos wirft Uhly den Leser in die Verhältnisse der kaputten Familie hinein und zwingt ihn, bei den inneren und äußeren Kämpfen seiner Protagonisten zuzusehen, zuzuhören und mitzufühlen. Und dennoch schwebt das zarte Band der Liebe fortwährend durch die grauenvollen Schilderungen, als könne nichts und niemand diese Himmelsgewalt aufhalten, am allerwenigsten in den Gedanken von Kindern. „Marie“ trifft mitten ins Herz.

Steven Uhlys neuer Roman ist die Fortsetzung seines Erfolges „Glückskind“, den man aber nicht zu kennen braucht, um der „neuen“ Handlung, der Fortführung der Geschichte, folgen zu können. „Marie“ kann ohne weiteres als eigenständiges Werk behandelt werden und besitzt auch ohne irgendwelche Vorkenntnisse einen gewaltigen Tiefgang. Es ist eine große Tragödie, der man beiwohnt, und die man schmerzlich mitverfolgt, ohne davon lassen zu können. „Marie“ ist ein Pageturner, den man nicht aus der Hand legen kann, weil man schlichtweg mitfiebert, wie es den Kindern ergeht. Und, wie oben schon erwähnt, versteckt sich aber zwischen den Zeilen so viel Hoffnung und Liebe, dass die Geschichte letztendlich doch wieder irgendwie gut tut. „Marie“ ist grausam und poetisch, deprimierend und zuversichtlich zu gleichen Teilen. Der Roman ist eine Geschichte aus dem wirklichen Leben, die zum Nachdenken anregt. Vor allem, wenn man selbst Kinder hat, bekommt der Roman eine noch intensivere Wirkung als er ohnehin schon hat. Uhly ist ein bewegendes Meisterwerk gelungen, das noch lange nachwirkt und durch seinen eigenwilligen, präzisen und emotionalen Schreibstil beeindruckt.

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Fazit: Einfühlsam, traurig, bewegend, emotional, deprimierend und dennoch hoffnungsvoll. Eine beeindruckende Familientragödie.

© 2018 Wolfgang Brunner für Buchwelten

Ein angesehener Mann von Abir Mukherjee

Ein angesehener Mann von Abir Mukherjee

Erschienen als Taschenbuch
im Heyne Verlag
insgesamt 512 Seiten
Preis: 9,99 €
ISBN: 978-3-453-42173-8
Kategorie: Krimi, historischer Roman

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In Kalkutta wird ein bekannter Politiker, ein „angesehenen Mann“, ermordet. Der englische Ermittler Sam Wyndham, der gerade aus dem ersten Weltkrieg heimgekehrt ist und sich erst einmal an Kalkutta und seine Einwohner gewöhnen muss, soll den Fall übernehmen. Seine Nachforschungen führen ihn durch die geheimnisvolle Welt Kalkuttas, in der Machtkämpfe, Intrigen und Drogen eine große Rolle spielen.

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Abir Mukherjees Debütroman ist ein süchtig machender, sehr atmosphärischer Krimi, der im Kalkutta des Jahres 1919 spielt. Es ist der Beginn einer Krimireihe um den äußerst sympathischen Ermittler Sam Wyndham. Es dauerte keine zehn Seiten und ich war von der Beschreibung des alten Kalkutta dermaßen fasziniert, dass ich das Buch gar nicht mehr aus der Hand legen wollte. Unglaublich dicht und bildhaft beschreibt Mukherjee die fremde Umgebung und lässt den Leser die drückende Hitze und die Fremdartigkeit der Kultur hautnah miterleben. Oftmals erinnerte mich der sehr angenehme und flüssige Schreibstil des Autors an die Bücher von J.K. Rowling, die sie unter dem Pseudonym Robert Galbraith verfasst hat. Die Seiten fliegen nur so dahin und erstaunlicherweise wird es niemals langweilig, obwohl wirklich relativ wenig passiert. „Ein angesehener Mann“ ist beileibe kein actionreicher Roman, sondern ein sehr ruhiger Kriminalfall, der mehr auf den Handlungsort und seine Protagonisten, als auf den Fall selbst eingeht. Dennoch verbirgt sich dahinter ein wahrer Pageturner, der süchtig macht.

Mukherjee hat einen genialen Einstieg in seine Krimiserie abgeliefert, die mich nachhaltig beeindruckt. Unglaublich greifbar hat er eine vergangene Zeit aufleben lassen und den Mordfall sehr glaubwürdig in die historischen Begebenheiten eingebaut. Die Auflösung des Falls hat mich an einige Werke von Agatha Christie erinnert und ich denke, dass Fans dieser Autorin auch bei „Ein angesehener Mann“ ihre helle Freude haben. Eingebettet in einen Rahmen aus fremder Kultur und schonungsloser Politik lässt Mukherjee den Leser an einer anstrengenden Ermittlung teilhaben, die oftmals auf der Stelle zu stehen bleiben scheint. Aber genau diese (für manch einen wohl langweilige) Tatsache verleiht dem Plot eine unglaubliche Authentizität, die (mich zumindest) vollkommen begeistert. Allzu gerne hätte ich Sam Wyndham und seinen treuen Begleiter Surrender-not Banerjee noch ein paar Seiten länger begleitet, so wohl fühlte ich mich in der Umgebung. Sehr gut werden außerdem die politischen Verhältnisse der damaligen Zeit geschildert, so dass vieles absolut nachvollziehbar erscheint, selbst wenn man sich mit solcherart politischer Verstrickungen und Machtverhältnisse nicht auskennt. Interessanterweise sind diese Begebenheiten auch für Menschen wie mich, die sich für Politik überhaupt nicht interessieren, spannend und unterhaltsam, denn man bekommt einen sehr schönen (und eben informativen) Einblick in die damaligen Verhältnisse, der an keiner Stelle langatmig wirkt.

Der Protagonist Sam Wyndham wirkt von Anfang an sehr sympathisch, was vor allem daran liegt, dass er ganz „normal“ ist. Ein Mensch mit Stärken und Schwächen, kein Superermittler, sondern ein Mann, der oft ratlos ist und nicht mehr weiter weiß, aber nicht aufgibt. Der Mann an seiner Seite, Surrender-not Banerjee, kann genau so viele Sympathiepunkte vorweisen und stellt eine perfekte Ergänzung dar. Es macht großen Spaß, die beiden bei ihren Ermittlungen und Überlegungen zu begleiten. Erstaunlicherweise schafft es Munkherjee bis zum Ende, die Spannung aufrechtzuerhalten und mit seiner Auflösung am Ende zu überraschen. Gerade auf den letzten Seiten fügt der Autor sämtliche Fäden zu einem logischen Gerüst zusammen, das den Mordfall nachvollziehbar macht und auch noch ein paar Überraschungen bereit hält.
Für mich war „Ein angesehener Mann“ die Krimi-Überraschung des Jahres, die mit einem atmosphärisch dichten Schauplatz und einem sehr sympathischen Ermittler-Duo aufwartet. Ganz klare Leseempfehlung für Freunde von historischen Kriminalromanen und Fans von Agatha Christie und/oder Robert Galbraith. Ich freue mich schon sehr auf das zweite Abenteuer von Sam Wyndham, das voraussichtlich im Juli 2018 erscheinen wird und den Titel „Ein notwendiges Übel“ trägt.

Zu erwähnen ist vielleicht noch, dass das Cover ein echter Eyecatcher ist. Ich habe das sehr ansprechende Titeklbild während des Lesens desöfteren betrachtet und mich in dieser Welt noch mehr verlieren können. Erfreulicherweise wird das Design beim zweiten Band beibehalten, so dass man als Büchersammler Hoffnung hat, eines Tages eine schön gleich aussehende Sammlung von Sam Wyndham-Büchern im Regal stehen zu haben. 😉

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Fazit: Atmosphärisch dichter, historischer Krimi-Pageturner mit einem überaus sympathischen Ermittler-Duo. Macht süchtig!

© 2017 Wolfgang Brunner für Buchwelten

Sleeping Beauties von Stephen King und Owen King

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Erschienen als gebundene Ausgabe
im Heyne Verlag
insgesamt 960 Seiten
Preis: 28,00 €
ISBN: 978-3-453-27144-9
Kategorie: Fantasy / Horror-Fiction

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In der Kleinstadt Dooling gibt es eigentlich nichts anderes, als in anderen Städten auch: Schulen, eine Polizeistation, Supermärkte, Kneipen und ein Frauengefängnis. Okay, letzteres ist nicht in jeder Stadt zu finden.

Eines schönen Tages bricht eine Epidemie aus, die einschlafende Frauen betrifft. Und zwar nur Frauen, egal welchen Alters und egal auf welchem Teil der Welt. Sobald die Frauen einschlafen, bildet sich ein faseriger, spinnenartiger Kokon um sie herum und hüllt sie ein. Doch sie atmen ruhig und scheinen tatsächlich einfach nur zu schlafen. Entfernen sollte man das Gewebe jedoch auf keinen Fall. Überhaupt sollte man nicht versuchen die Frauen zu wecken. Denn sobald sie erwachen werden sie zu mordenden, brutalen Killermaschinen.

Jedoch taucht eine Frau in Dooling auf, die gegen die Schlafkrankheit – inzwischen Aurora genannt – immun zu sein scheint. Sheriff Lila Norcross bringt die Frau ins Frauengefängnis des Ortes und hält sie dort fest (auch zu ihrem eigenen Schutz). Denn die Männer des Ortes hören von dem Gerücht der Immunität der seltsamen Frau und wollen ihre Frauen und Kinder zurück. Um jeden Preis …..

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Ich warne zur Sicherheit einfach mal vorab vor eventuellen Spoilern !

Eine Horrorfantasie mit Realitätsbezug“ lautet ein Zitat auf der Buchrückseite.

Für mich ist der neue Roman von Stephen und Owen King aber eigentlich viel mehr Fantasy oder Fantasy Fiction (wenn es dieses Genre gibt), vermischt mit dystopischen Elementen. Der Horror in diesem Roman ist viel eher auf die teilweise extrem brutalen und extrem blutigen Szenen zu beziehen.

Die beiden Autoren liefern hier eine Geschichte, die fantastisch ist und sehr zum Nachdenken anregt. Denn so traurig es ist, soviel Wahrheit steckt darin. Was braucht es zum Leben, was wird wertgeschätzt, wie schnell kann sich eine offensichtliche Idylle in das totale Chaos umwandeln. Die Natur spielt eine sehr große Rolle und auch die Zwischenmenschlichkeit, egal in welchen Kombinationen, ist sehr großer Bestandteil (Väter und Söhne, Mütter und Söhne, Väter und Töchter, Mütter und Töchter, (Ehe)männer und (Ehe)frauen etc.).

Zu Beginn der Geschichte ist ein Register, in denen alle Figuren aufgeführt sind. Das war für mich sehr hilfreich, denn ich habe oft noch einmal zurückgeblättert, weil es einfach sehr viele Personen gibt, die zur Handlung beitragen und eben auch wichtig sind.

Stephen und Owen King füllen ihren Roman mit einer großen Anzahl von Figuren und den unterschiedlichsten Charakteren. Erzählt er ja über knappe 1000 Seiten die Geschichte einer Stadt im Ausnahmezustand. Ich lernte in der ausführlichen Erzählung alle sehr gut kennen und natürlich baute ich eine Bindung zu den Personen auf.

Der Roman ist außerdem ein gesellschaftskritischer Roman, der mich an die Gemeinschaft von „The Stand“ erinnerte. Allerdings kam mir auch immer wieder „Der dunkle Turm“ in den Sinn, wenn die dystopischen Szenen beschädigte Gebäude beinhalteten oder auch wenn fabelartige Wesen durch die Handlung spazierten.

Die Grundidee der beiden war schlicht und einfach: Was mag wohl passieren, wenn urplötzlich alle Frauen einfach einschlafen und insoweit nicht mehr „vorhanden“ sind. Die Umsetzung dieser Idee ist den beiden gemeinsam sehr gut gelungen. Ich war gefesselt bis zur letzten Seite und hätte gut und gerne noch länger lesen können. Ich fühlte mich sehr wohl in Dooling. Aber das Wichtigste an der Geschichte ist die Botschaft, die sie rüber bringt und die ist erschreckend wahr und gut. Ich konnte beim besten Willen nicht erkennen, welche Passagen Stephen und welche Owen King geschrieben hat. Ich habe wirklich sehr sehr viel von King gelesen und ich meine seinen Stil zu erkennen. Für mich war der Roman einfach ein Stephen King.

Ich füge unten ein kleines Interview der beiden ein, auf das ich beim Stöbern auf der Website von Stephen King gestoßen bin. Da war ich nämlich unterwegs, um einen Blick auf das Originalcover zu werfen. Denn die sind in der Regel immer um einiges besser, als die der deutschen Ausgabe. So auch hier ☺. Aber ich muss sagen, dass in diesem Fall das Cover der deutschen Ausgabe auch sehr schön und vor allem zur Handlung passend ist.

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Mein Fazit: Ein großartiges Fantasy-Fiction Abenteuer, dass sehr gesellschaftskritisch ist und zum Nachdenken anregt. Bestückt mit teils wundervollen Bildern, teils extrem brutalen Szenen und sehr gut ausgearbeiteten/agierenden  (nicht nur netten) Charakteren. Knappe 900 Seiten, die wie im Fluge vergehen. King(s) in Bestform!

Wer das Originalcover sehen mag, der klicke –> hier

© Marion Brunner_Buchwelten 2017

Mein dunkles Herz von Jorge Galán

Mein dunkles Herz von Jorge Galan

Erschienen als Taschenbuch
im Penguin Verlag
insgesamt 222 Seiten
Preis: 10,00 €
ISBN: 978-3-328-10100-0
Kategorie: Drama, Liebe, Belletristik

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Magdalena erzählt ihrem Enkel ihre Lebensgeschichte. Die ihrer Familie, die ihrer großen Liebe und die eines ganzen Jahrhunderts. Es sind Geschichten, die verzaubern und begreifen lassen, was Liebe, Leben und Tod wirklich bedeuten.

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Die Geschichte eines Lebens, verpackt in wunderschöne Sätze und mit einem durchgehenden Hauch von Melancholie. „Mein dunkles Herz“ ist ein Märchen voller Wunder und Mythen, Liebe und Leben und erinnert tatsächlich ein wenig an die Meisterwerke des grandiosen Gabriel Garcia Marquez. Es sind die kleinen Dinge des Lebens, die Jorge Galán hervorhebt und uns, die Leser, zum Nachdenken bringt. Kurzweilig, und exakt auf den Punkt gebracht, schildert er die Geschichten verschiedener Menschen, die teilweise einem Märchen gleichen. Und wenn man dann dabei über sein eigenes Leben nachdenkt, entdeckt man bisweilen bei seinem eigenen Lebenslauf Anzeichen von Märchen. Galán hat unendlich viele Lebensweisheiten in seinem Roman versteckt, die einen mitreißen und bewegen. Erstaunlich dabei ist, dass der Plot sich auf lediglich etwas mehr als zweihundert Seiten erstreckt, aber letztendlich bedeutend mehr Inhalt vorweisen kann, als so mancher 1000-Seiten-Schmöker. „Mein dunkles Herz“ ist ein Kleinod, das sich lohnt, mehrmals gelesen zu werden. Hilfreich ist, wenn man gewissen mythischen (und esoterischen) Anklängen nicht abgeneigt ist, denn dadurch intensiviert sich das Leseerlebnis ungemein.

„Mein dunkles Herz“ wirkte auf mich wie eine Mischung aus dem bereits erwähnten Gabriel Garcia Marquez und einem John Iriving-Roman. Der Autor beherrscht eine präzise Sprache, mit der er innerhalb eines einzigen Satzes sehr viel auszudrücken vermag. Auf den ersten Blick wirkt die Geschichte vielleicht ein wenig wirr durch die verschiedenen Personen, aber verläuft das Leben nicht genau so? Lässt man dieses „Durcheinander“ auf sich wirken, bekommt man ein stimmiges Bild eines Lebens geliefert, das, obgleich fiktiv und erfunden ist, in vielen Aspekten einem realen Leben gleicht. „Mein dunkles Herz“ ist nicht „nur“ eine Liebesgeschichte, sondern auch eine Wundertüte voller mystischer Rätsel und melancholischer Aphorismen. Es ist nicht leicht, das dünne Büchlein zu lesen, denn zu viel ist in wenigen Worten darin verpackt, als dass man es in einem Rutsch durchlesen sollte. Man sollte sich auf jeden Fall Zeit dafür lassen und sich auf teils schwermütige Beschreibungen einstellen. Dennoch vermittelt Jorge Galáns Familiendrama nicht nur triste Melancholie, sondern auch Hoffnung auf ein glückliches Leben, das man führen sollte. Der Roman regt eben einfach zum Nachdenken an.

Jorge Galáns Schreibstil ist sehr gehoben und macht den Roman zu einem literarischen Kleinod, das ich mit Sicherheit noch öfters in die Hand nehmen werde, um darin zu blättern. Ich bin nämlich vollkommen davon überzeugt, dass sich bei einem erneuten Lesen noch andere Perspektiven in der Handlung und auch den Aussagen öffnen werden. „Mein dunkles Herz“ wirkt trotz seiner Kürze nach und lässt einen einfach nicht mehr los. Durch die bildhaften Beschreibungen hat man die Erzählerin vor Augen, als sähe man einen Film, und folgt der Familie durch das Jahrhundert, als wäre man direkt dabei. Durch den Einsatz der „mystischen Gabe“ der Protagonistin wirkt der Plot niemals langweilig, sondern verleiht ihm sogar einen außergewöhnlichen Reiz, der, zumindest für mich, die wunderschöne, geheimnisvolle Geschichte abrundete.  „Mein dunkles Herz“ wird den ein oder anderen Leser eventuell etwas ratlos zurücklassen, weil die Handlung nicht ganz rund wirken könnte. Man muss sich darauf einlassen können und vieles selbst in die Geschichte hineininterpretieren, damit das Ganze funktioniert. Galán fordert, ob beabsichtigt oder nicht, den Leser auf, mitzumachen und sein eigenes Leben in den geschriebenen Worten zu finden. Wer das kann, wird mit einem magischen Buch belohnt, dass eine Hommage an das Leben und die Liebe darstellt und dennoch die Unausweichlichkeit des Todes nicht auslässt.

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Fazit: Mystisch und voller Lebensweisheiten. Ein literarisches Kleinod.

 

© 2017 Wolfgang Brunner für Buchwelten

München von Robert Harris

Erschienen als gebundene Ausgabe
im Heyne Verlag
insgesamt 432 Seiten
Preis: 22,00 €
ISBN: 978-3-453-27143-2
Kategorie: Thriller, Historischer Roman, Drama

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Im September 1938 treffen sich Hitler, Chamberlain, Mussolini und Daladier zu einer kurzfristig einberufenen Konferenz in München. Es geht um die Einnahme von Teilen der Tschechoslowakei durch die Deutschen, aber auch um den Weltfrieden. An der Seite des britischen Premierministers Chamberlain nimmt Hugh Legat aus dem Außenministerium an der Reise nach München teil. In München trifft Legat auf Paul von Hartmann aus dem Auswärtigen Amt in Berlin, mit dem ihn eine Freundschaft aus alten Zeiten verbindet. Legat erfährt, dass von Hartmann einer geheimen Widerstandsgruppe gegen Hitler angehört und sieht sich schon bald in einer Zwickmühle, als ihm Papiere ausgehändigt werden, die einen drohenden Weltkrieg prophezeien.

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Wow, was für ein Buch! Schon nach den ersten Seiten konnte ich mich nicht mehr von der Geschichte losreißen. Und das, obwohl ich ein an Politik völlig uninteressierter Mensch bin, der logischerweise auch solcherart Bücher eigentlich gar nicht gerne liest. Aber Robert Harris hat mich schon mit vielen seiner anderen Bücher überzeugen können, und so war ich natürlich gespannt, wie er diese geschichtliche Episode, die noch dazu in meiner Heimatstadt München spielt, zu Papier gebracht hat. „München“ ist schlichtweg atemberaubend grandios geworden und vermittelt die damalige Stimmung aus meiner Sicht (ich war ja glücklicherweise nicht dabei 😉 ) sehr gut und stimmig. Harris schreibt sehr einfach, aber auch niveauvoll, so dass man von der Story vollkommen gefangen genommen wird.

Robert Harris schildert die historischen Ereignisse dermaßen kurzweilig, dass man locker doppelt so viele Seiten hätte lesen können. Die Vermischung aus historisch belegten Geschehnissen und erfundenen, fiktiven Begebenheiten ist dem Autor absolut gut und vor allem glaubwürdig gelungen. Die Hintergründe sind aufs sorgfältigste recherchiert und Harris versteht es meisterhaft, die teils trockenen, geschichtlichen Zusammenhänge, die zu dieser Konferenz geführt haben, zu einem enorm spannenden Erlebnis zu verarbeiten, dass noch lange im Gedächtnis haften bleibt. Man bekommt während des Lesens wirklich den Eindruck, die Protagonisten (ob fiktiv oder real) persönlich zu kennen, so geschickt schildert Harris diese Persönlichkeiten. Und beim ersten Erscheinen Adolf Hitlers hält man unweigerlich die Luft an, so eindringlich (und irgendwie auch bedrohlich) wurde sein Auftreten beschrieben. „München“ wirkte auf mich unglaublich intensiv und bedrohlich in seiner teils aussichtslosen Atmosphäre. Die Verhandlungen und Überlegungen der Politiker sind durchweg verständlich erklärt und machen dieses Buch auch für einen Menschen wie mich, der sich absolut nicht für Politik interessiert, zu einem wirklich atemberaubenden Abenteuer.

Bedrückender Nebeneffekt dieses historischen Romans ist die Reflektierung der aktuellen politischen Situation, die sich wohl heutzutage genauso schleichend wie in der Vergangenheit in die Köpfe einiger Menschen festsetzt. „München“ besitzt einen unglaublichen Sog, der zum einen am wunderbar flüssigen und angenehmen Schreibstil Robert Harris‘ liegt und zum anderen am für mich äußerst kurzweiligen Plot, den manch anderer aber bestimmt langatmig empfinden wird. Aus meiner Sicht war kein Satz zu viel. Im Gegenteil, wie oben schon erwähnt, hätte ich die Protagonisten und die politischen Überlegungen noch gerne ein paar hundert Seiten mehr genossen. Robert Harris lässt seine Geschichte auf knapp vierhundert Seiten an lediglich vier Tagen spielen. Gerade diese knappe Zeitspanne stellt einen enorm intensiven Handlungsstrang zu, der wie ein Film wirkt. Durch die präzisen Beschreibungen der Örtlichkeiten fällt es nicht schwer, sich in dem Roman zu verlieren und einfach mittendrin zu sein. Robert Harris hat es also tatsächlich mit diesem Roman erneut geschafft, mich für ein politisches Thema zu interessieren und sogar zu begeistern. „München“ hat mich schlichtweg süchtig gemacht.

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Fazit: Spannend, realistisch und unglaublich unterhaltsam. Höchster Suchtfaktor!

© 2017 Wolfgang Brunner für Buchwelten

Die Rose von Tibet von Lionel Davidson

Erschienen als Taschenbuch
im Penguin Verlag
insgesamt 444 Seiten
Preis: 10,00 €
ISBN: 978-3-328-10003-4
Kategorie: Abenteuer, Literatur, Mystery

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Als der Filmemacher Hugh Wittington bei einer Expedition in Tibet angeblich ums Leben kommt, macht sich sein Stiefbruder Charles, der nicht an Hughs Ableben  glaubt, auf die Reise, um ihn zu finden. Er erreicht schließlich das Kloster, in dem sein Halbbruder zum letzten Mal lebend gesehen wurde und trifft anstatt auf den Gesuchten auf eine mysteriöse Frau, die ein unheimliches und tödliches Geheimnis umgibt.

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Der bereits im Jahr 1962 erschienene Abenteuerroman „Die Rose von Tibet“ ist ein fantastischer Genremix aus mitreissendem Abenteuerroman in Reiseberichtform und esoterischem Mysterythriller. Während sich der erste Teil wie eine Symbiose aus Bram Stoker und Dan Simmons liest, entwickelt sich die zweite Hälfte zu einem Esoteriktrip, der aber weiterhin in der abenteuerlichen Kulisse eines verschneiten, einsamen Tibetklosters spielt. Ich persönlich konnte mich an der ersten Hälfte gar nicht sattlesen, so hypnotisch war der Spannungsaufbau und die Schilderung der Reisevorbereitungen. Ich ging den beschwerlichen Weg zusammen mit dem Protagonisten, spürte die Kälte und die Gefahren der Reise und fühlte mich in einer fremden (tibetischen) Welt unglaublich wohl. Davidson verfasste seinen Roman so geschickt, dass man (ähnlich wie bei besagtem Dan Simmons) manchmal zweifelt, ob es sich nicht doch um einen Roman nach tatsächlichen Ereignissen handelt.

Davidson kann einen sehr schönen, niveauvollen Schreibstil sein eigen nennen, durch den man bei den Geschehnissen wirklich unmittelbar dabei ist. Doch wer einen historisch fundierten Roman erwartet, könnte unter Umständen ein wenig enttäuscht sein, denn das Hauptaugenmerk liegt auf einer mystischen, esoterisch angehauchten Geschichte und nicht auf der realen Kultur Tibets. Sicherlich werden auch historische Ereignisse behandelt, die aber teilweise etwas wirr wirken, wenn man sich damit noch nie befasst hat. Doch die tatsächlich stattgefundenen, politischen Wirrungen dieser Zeit tun der Hauptgeschichte an sich keinen Abbruch, wenn man sich nicht dafür interessiert oder die Zusammenhänge teilweise nicht versteht. Es ist die Atmosphäre und die „geistige“ Aussage, die den Reiz dieses Romans ausmacht, die stimmungsvollen Bilder, die Davidson im Kopf des Lesers entstehen lässt, und die mystische Anziehungskraft der fremden, tibetischen Welt, die sehr gut beschrieben wird.
Und gerade die Tatsache, dass die Geschichte als „wahr“ erzählt wird, gibt dem Buch noch einen zusätzlichen Pluspunkt, der die Seiten (zumindest in den ersten beiden Dritteln) nur so dahinfliegen lässt. Erst im letzten Drittel erscheinen manche Szenen etwas langatmig und, wenn man mit leicht „abgedrehten“ esoterischen Aspekten Probleme hat, etwas unglaubwürdig.

Lionel Davidson reiht sich aus meiner Sicht von seiner Erzählweise in die Riege bekannter Autoren wie Jules Verne oder H.G. Wells ein, um nur zwei zu nennen. Das liegt vor allem an dem „altmodischen“ Schreibstil, was allerdings absolut nicht negativ sondern im Gegenteil äußerst positiv zu bewerten ist. Schon während der ersten Seiten nimmt uns der Autor mit seinem fiktionalen Tatsachenbericht gefangen und lässt uns bis zum Ende nicht mehr los. „Die Rose von Tibet“ ist ein Abenteuerroman im klassischen Sinne, der sich zwar an einigen historischen Ereignissen orientiert, aber einen eigenen „erfundenen“ Weg geht, der einen entweder anspricht und sofort mitreißt oder eher langweilig  und -atmig wirkt. Echte Tibetkenner werden sich die Haare raufen, der „Otto-Normal-Leser“, der sich einfach nur gut unterhalten möchte, wird die tolle Atmosphäre, die fast während des gesamten Buches vorherrscht, genießen und über die unrealistischen erscheinenden Dinge einfach hinwegsehen. Mir persönlich hat die erste Hälfte ausnehmend gut gefallen, wofür ich auch ohne weiteres fünf Sterne vergeben würde, und die zweite Hälfte wirkte auf mich dann an manchen Stellen eher etwas ermüdend, so dass der Story dann hierfür letztendlich nur drei Sterne aus meiner Sicht zustehen würden. Im Gesamtbild ist „Die Rose von Tibet“ für mich aber immer noch ein guter, lesenswerter 3,5 bis 4-Sterne-Titel.

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Fazit: Spannend, atmosphärisch und mystisch. Die erste Hälfte ist pures Abenteuer, die zweite bewegt sich dann eher auf esoterischen Pfaden.

© 2017 Wolfgang Brunner für Buchwelten

Das Phantom von Manhattan von Frederick Forsyth

PhantomErschienen als Taschenbuch
im Goldmann Verlag
240 Seiten
gebraucht auf diversen Plattformen erhältlich
ISBN: 978-3-442-45003-9

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Was wurde aus dem Phantom der Oper, welches in den Gewölben unter der l’Operà lebte und die junge Opernsängerin Christine Daaé entführte, da es sich unsterblich in die junge Frau verliebte?

Als Madame Antoinette Giry im Jahre 1906 im Sterben liegt und nach einem Notar verlangt, erzählt sie ihm, wie sie seinerzeit den Jungen Erik Mühlheim aus einem Kurisiositätenkabinett befreite und ihn zunächst in ihrem Heim aufpäppelte und dann an ihrer Arbeitsstätte, unter der Pariser Oper, versteckte. Nach dem skandalösen Vorfall um Christine Daaé verhalf sie ihm dann zur Flucht nach Amerika.

Und ihr letzter Wille ist es nun, dass der Notar Dufour einen Brief an Erik für sie zustellen soll. Und das persönlich und zwar in New York. Erik ist in New York zu großem Reichtum gekommen, ist einer der mächtigsten Männer Amerikas. Zu Gesicht bekommen hat das „Phantom von Manhattan“ jedoch bislang niemand ….

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Als ich damals Anfang 2016 das Musical „Das Phantom der Oper“ gesehen hatte, war ich so begeistert, dass ich die Geschichte lesen wollte. Ich habe dann den Roman von Gaston Leroux gelesen, der sicherlich gu,t aber doch irgendwie auch ein bisschen komisch war. Stichworte: der Perser, Stromausfall …

Mein Onkel erzählte mir dann, dass er mit meiner Tante im Musical „Das Phantom von Manhattan“ war, das einfach fantastisch sei und ihn absolut begeisterte. Ich wusste seinerzeit gar nicht, dass es eine „Fortsetzung“ des Romans gibt. Mein Mann schenkte ihn mir und ich habe ihn innerhalb der letzten 2 Tage verschlungen.

Zu allererst gibt es ein sehr ausführliches Vorwort von Frederick Forsyth, das so gut, interessant und informativ ist, das es sich allein dafür lohnt, das Buch in die Hand zu nehmen. Er zerlegt den Roman von Leroux in einer liebevollen aber klaren Art und Weise und er erzählt sehr viel über die Hintergründe der damaligen Gerüchte (die den Stoff für den Roman lieferten) den Bau und die Architektur des Opernhauses in Paris, uvm. Sehr spannend!

Wie oben im „Klappentext“ bereits erwähnt, beginnt die eigentliche Geschichte dann mit der Erzählung von Antoinette Giry, der Frau, die wir alle aus dem ersten Roman (und auch natürlich aus dem Musical) kennen. Im Roman war sie eher eine unterbelichtete „Schließerin“ der Logen im Operngebäude. Im Musical war sie die Leiterin des Corps des Ballet (der Tanztruppe) und Mutter der Tänzerin Meg.

Wir begleiten dann den Notar auf seinem Weg nach New York, erfahren wie es Erik nach seiner Ausreise nach Amerika ergangen ist. Auch hier verbaut Forsyth sehr viel Interessantes und historisch Belegtes. Ich habe alles nachgelesen und mir alte Bilder angeschaut, da ich zum einen prüfen wollte, ob er wirklich die wahre Geschichte mit seiner Fiktion verknüpft und es zum anderen einfach so spannend war, dass ich mehr wissen wollte.

Jedes Kapitel wird aus der Sicht einer anderen Person erzählt, die in die Handlung involviert ist, und so sind wir immer sehr nah dabei und es geht bisweilen recht dramatisch zu. Mehr verrate ich von der Handlung nicht, denn ich kann jedem, der „Das Phantom der Oper“ gesehen / gelesen hat nur empfehlen, diesen Roman ebenfalls zu lesen.

Die Idee zum Buch kam (natürlich) durch ein Gespräch mit Andrew Lloyd Webber auf, der dann gemeinsam mit Frederick Forsyth an dieser Handlung herumgefeilt hat.

Und eines weiß ich ganz gewiss: Dieser Roman wird ein fantastisches Musical geworden sein! Ich möchte es unbedingt ansehen. Aber zuerst: lest dieses Buch ☺

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© Marion Brunner für Buchwelten 2017

 

Gwendys Wunschkasten von Stephen King und Richard Chizmar

Erschienen als gebundene Ausgabe
im Heyne Verlag
insgesamt 125 Seiten
Preis: 10,00 €
ISBN: 978-3-453-43925-2
Kategorie: Drama, Thriller, Horror, Belletristik

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Ein vollkommen in schwarz gekleideter Mann namens Farris schenkt der zwölfjährigen Gwendy einen kleinen Kasten mit lauter Schaltern und Hebeln. Auf die Schnelle bekommt Gwendy gesagt, was der Kasten machen kann und was sie mit ihm nicht machen soll. Dann ist Farris verschwunden und Gwendy versucht natürlich herauszufinden, was die Hebel und Knöpfe an dem geheimnisvollen Kasten alles bewirken. Es passieren schöne Dinge, aber auch unschöne und der Kasten beginnt, Gwendys Leben komplett zu verändern.

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„Gwendys Wunschkasten“ ist nichts Ganzes und nichts Halbes. Was zwar keineswegs heißen soll, dass die kurze Geschichte nicht gut ist, aber es wäre durchaus mehr drin gewesen als die knapp hundertdreißig Seiten. Der Plot liest sich wie eine Kurzgeschichte, die eigentlich ein Roman hätte werden sollen. Zu viel Potential liegt in der Geschichte, so dass sie jetzt nur grob gesponnen als kleines Kind das Licht der Literaturwelt erblickt, obwohl sie eigentlich das Leben als erwachsener Roman verdient hätte. Stephen King kehrt mit seinem Co-Autor Richard Chizmar, der eigentlich Verleger und Herausgeber von Anthologien ist und nur selten Kurzgeschichten selbst schreibt, in das Universum von Castle Rock zurück. Sieben Romane und  acht Kurzgeschichten sind es, die den sogenannten Castle Rock-Zyklus umfassen. (Romane: The Dead Zone, Cujo, Stark, Needful Things, Das Spiel, Sara und Love. Kurzgeschichten: Die Leiche (Stand By Me), Zeitraffer, Nona, Onkel Ottos Lastwagen, Mrs. Todds Abkürzung, Es wächst einem über den Kopf, Sunset, Premium Harmony (nur im Internet bisher veröffentlicht)). Sämtliche dieser Romane und Kurzgeschichten sind allerdings in sich abgeschlossen, so wie nun auch „Gwendys Wunschkasten.“

Keine Frage: Die Atmosphäre, die in dieser Geschichte herrscht, ist sehr schön und stimmig. Allerdings könnte dieser Plot auch in jeder anderen Stadt spielen, denn Castle Rock wird nicht wirklich oft erwähnt oder spielt eine nennenswert große Rolle. Dennoch kann der eingeschworene King-Fan einige Anspielungen, wie zum Beispiel auch an „Es“ entdecken, wenn er nur aufmerksam genug liest. Es ist eine liebevoll konstruierte Geschichte, die, wie gesagt, bedeutend mehr hätte hergeben können und man fragt sich unweigerlich, warum das nicht geschehen ist. So ein klein wenig denkt man auch an „Needful Things“, wenn man zusammen mit dem Mädchen an dem geheimnisvollen Wunschkasten herumdrückt. Es macht Spaß, den Weg von Gwendy mitzuverfolgen und einige Querverweise auf andere Werke Kings zu entdecken, doch das Vergnügen ist nicht von langer Dauer. Man fliegt, wie man es von King gewohnt ist, durch das Buch und findet sich nach weniger als zwei Stunden mit dem Ende konfrontiert, obwohl man schlichtweg mehr erwartet hätte. Vielleicht war es nur eine Idee von Stephen King, die er zwar nicht weiter ausbauen, aber auch nicht komplett verwerfen wollte. Zumindest macht es den Anschein, wenn man das verschenkte Potential näher betrachtet.

Aber genug auf hohem Niveau gejammert. „Gwendys Wunschkasten“ ist ein Büchlein, das in keiner King-Sammlung fehlen darf, weil es eben ein King ist (auch wenn er sich einen Co-Autor mit an Bord geholt hat). Man mag den Preis für so ein dünnes Buch überteuert finden, aber eines muss man dem Heyne-Verlag lassen. Man hat sich nämlich wirklich sehr viel Mühe mit dem gebundenen (!) kleinen Büchlein gegeben, das optisch wirklich was hermacht und aus meiner Sicht den Preis absolut gerechtfertigt. Der Einband wirkt leicht gummiert und verschafft dem Ganzen einen leicht edlen Eindruck. Ich persönlich finde den Preis durchaus angebracht.
Wie gesagt, ein wenig mehr Seiten hätten dem Werk gut getan und ich bin sicher, dass sich daraus sogar ein wirklich epischer Plot hätte entwickeln können. So aber wird die Geschichte von Gwendy eher oberflächlich erzählt und der Leser muss sich in Gedanken praktisch selbst „weiterhelfen“.
Insgesamt regt der kurze Ausflug nach Castle Rock aber definitiv zum Nachdenken an und bekommt wohl im Kopf des Leser bedeutend mehr Gewicht, als im ersten Moment auf den wenigen Seiten.

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Fazit: Lesenswerte Kurzgeschichte mit interessantem Plot, die leider durch ihre Kürze leidet und großes Potential verschenkt.

© 2017 Wolfgang Brunner für Buchwelten