Psycho-Pat von Mari März

Psychop

Erschienen als Taschenbuch
im Verlag DIE TEXTWERKSTATT „korrekt getippt“
insgesamt  299 Seiten
Preis: 12,95 €
ISBN: 978-3-959-57067-1
Kategorie: Thriller, Drama, Erotik

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Patrizia Fischer war ein erfolgreiches Model, das ein ereignisreiches, ausuferndes Leben geführt hat. Alkohol, Drogen und jede Menge hemmungslosen Sex. Doch eines Tages fasst sie den Entschluss, sich eine Auszeit zu nehmen. Patrizia, auch Pat genannt, sucht sich ein Ferienhaus in Dänemark, um sich zu erholen und zu sich selbst zu finden. Als dann eine Familie ins Nachbarhaus einzieht und Pat sich plötzlich in den Fängen des attraktiven Patrick findet, beginnt sich ihre Welt zu verändern. Und plötzlich erinnert sich Pat an einen Abschnitt aus ihrer Vergangenheit, den sie die letzten Jahre durch ihre Medikamente immer erfolgreich verdrängt hatte.

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Mari März, von der ich bislang nur hervorragende Kurzgeschichten kannte, liefert mit „Psycho-Pat“ einen Roman ab, der während des Lesens unglaublich gut unterhält und nach dem Lesen noch lange nachwirkt. Man weiß nicht genau, auf was man sich da einlässt, wenn man den Klappentext kennt und zu lesen beginnt. Immer mehr gerät man in einen Strudel, den die Protagonistin selbst durchlebt, und kann sich schon bald nicht mehr von der Geschichte lösen, so intensiv wird sie beschrieben. Vor allem die Dialoge und die Gedankengänge von Patrizia Fischer haben es mir angetan, denn sie wirken so wahnsinnig authentisch und echt, dass man stellenweise meint, ihre Stimme förmlich zu hören, wenn sie ihre Geschichte erzählt.

„Psycho-Pat“ ist ein Drama, das fasziniert, obwohl im Grunde genommen eigentlich gar nicht viel passiert. Und das ist genau der Grund, warum die Geschichte so hervorragend funktioniert, denn man ertappt sich immer wieder dabei, dass man vergleichbare Situationen schon selbst erlebt hat und ähnliche Gedanken gedacht hat. Hinzu kommt der sehr flüssige Schreibstil, der den Roman zu einem wahren Pageturner macht. Und auch die Gefühlswelt, die von Mari März beschrieben wird, ist in jeder Hinsicht glaubwürdig und mitreißend. Man spürt beim Lesen die Unsicherheiten und Ängste der Protagonistin, aber auch den Mut und die Kraft, um ihr Leben zu ändern (und zu meistern). Diese Seelenqualen und Hoffnungsschimmer sind unglaublich gut gelungen und zeugen von einer sehr guten Recherche. Die Wendung, die die Geschichte irgendwann einmal nimmt, hat mich tief betroffen und auch wütend gemacht. „Psycho-Pat“ zeigt, dass Dinge, die einem als junger Mensch widerfahren, bis ins Erwachsenenalter Auswirkungen zeigen und Menschen psychisch kaputt machen (können). Mari März ist mit ihrem Buch eine perfekte Gratwanderung gelungen, die einerseits unterhält und andererseits auf Missstände in unserer Gesellschaft hinweisen und aufzeigen, warum manche Menschen schlichtweg einen“Knacks“ haben, obwohl sie nach außen hin „normal“ wirken. Mit Patrizia Fischer hat Mari März einen sehr sympathischen Charakter erschaffen, für den man großes Mitleid empfindet.

Nun komme ich noch zu einer Sache, die ich eigentlich in der Belletristik gar nicht mag, nämlich die explizite Beschreibung von Sexszenen, die manches Mal sogar pornografisch wirken. Es gab bis dato nur einen einzigen Schriftsteller, der mich in dieser Hinsicht überzeugen konnte: Samuel R. Delany. Er hat es geschafft, Sexszenen literarisch und nicht plump wirken zu lassen. Mari März nähert sich Delany auf gewisse Art und Weise, denn auch sie schafft es, bei mir Emotionen auszulösen, wenn ich ihre sexuellen Beschreibungen lese. Man kann die wirren Gedanken, die Pat während ihrer ausufernder Sexorgien heimsuchen, durchaus verstehen und nachvollziehen, zumal bei den „harten, detaillierten“ Beschreibungen auch die Emotionen nie zu kurz kommen. Das ist genau die richtige Mischung, damit solche Szenen nicht unbeholfen oder gar peinlich wirken. März beschreibt diese Situationen wie einen Drogenrausch (und in keinem geringeren befinden wir uns, wenn wir sexuell erregt sind 😉 ) und vergisst dabei nicht die „romantische“ Gefühlswelt, die einen dabei durchströmt. Und genau deswegen funktionieren diese Szenen in „Psycho-Pat“ und machen die Protagonistin zu einem greifbaren Menschen, der sich auch einmal „gehen lässt“.
Mari März hat einen beeindruckenden Roman über eine „kranke“, aber sehr starke Frau geschrieben, die ihr Leben verändern will. Ich bin begeistert …

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Fazit: Beeindruckende Charakterstudie einer „kranken“ Frau, die nachhaltig auf den Leser einwirkt.

© 2018 Wolfgang Brunner für Buchwelten

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The Hunger – Die letzte Reise von Alma Katsu

The Hunger - Die letzte Reise von Alma Katsu

Erschienen als Taschenbuch
im Heyne Verlag
insgesamt 448 Seiten
Preis: 14,99 €
ISBN: 978-3-453-31927-1
Kategorie: Historie, Drama

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Im Jahr 1846 macht sich eine Gruppe von Siedlern auf den Weg von Illinois nach Kalifornien. Sie erhoffen sich ein glücklicheres Leben und eine bessere Zukunft. Doch schon bald müssen sie feststellen, dass die Reise durch die Weiten der Prärie weitaus gefährlicher ist, als sie annahmen. Hinzu kommt, dass es nicht nur die Natur ist, die ihnen zu schaffen macht, sondern es lauert eine noch weitaus schlimmere Gefahr auf den Treck unter der Leitung von George Donner.

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Schon beim Klappentext und nach den ersten Seiten weiß man, wohin diese Reise führt. „The Hunger – Die letzte Reise“ von Alma Katsu erinnert tatsächlich in vielerlei Hinsicht an Dan Simmons‘ grandioses Epos „Terror“. Das mag zum einen an der ähnlichen Ausgangssituation liegen (eine Gruppe von Menschen findet sich in einer nahezu ausweglosen Situation wieder und muss mit allen Mitteln ums Überleben kämpfen), zum anderen aber auch an der durchgehend fast schon depressiven Atmosphäre, die sich über die gesamte Geschichte wie ein Leichentuch legt. Man spürt die Angst und Panik, leidet und hofft mit den Menschen und kann sich der trostlosen Stimmung nicht entziehen, weil sie extrem authentisch und bildhaft von der Autorin dargestellt wird. „The Hunger – Die letzte Reise“ wird definitiv auch jene Leserschaft begeistern, die bereits Simmons‘ „Terror“ zu ihrem persönlichen Meisterwerk auserkoren haben.

Alma Katsus Schreibstil ähnelt dem von Dan Simmons, ist aber weitaus weniger detaillierter und „einfacher“, wodurch der Plot um einiges gerafft wird. Das mag den ein oder anderen Leser ansprechen, andere werden gerade dieses epische Element vermissen. Katsus Roman ist dadurch weitaus schneller und weniger langatmig zu lesen, was vielen Lesern entgegenkommen wird. Ich persönlich fand die Länge des Romans durchaus angenehm und weder zu lang noch zu kurz, wenngleich ich das bedeutend längere Werk „Terror“ durchaus genossen habe. Aber ich habe auch „The Hunger – Die letzte Reise“ mit jeder Seite genossen. Die Charaktere wurden sehr glaubhaft und lebensnah beschrieben, so dass man ihre Gedankengänge absolut nachvollziehen konnte. Auch wenn Alma Katsus Werk nicht den gleichen Zauber wie „Terror“ besitzt, so geht die Autorin einen konsequenten Weg, der betroffen macht und an einigen Stellen auch schockiert. Niemals wird aber die Atmosphäre mit reißerischen Szenen gestört (oder gar kaputt gemacht), sondern selbst die schockierenden Momente werden in einer ruhigen Weise geschildert. Man spürt die Kälte und Angst, aber auch die Verzweiflung der Protagonisten und ist oftmals hautnah bei den Geschehnissen dabei. Katsu lässt ihre Leser auch einen Blick in die Vergangenheit mancher Protagonisten  werfen, was der ganzen Geschichte einen nostalgischen Touch gibt, der einen über das Leben nachdenken lässt.

Alma Katsu hat zwar einen historischen Roman geschrieben, kratzt aber letztendlich nur an den wahren Begebenheiten. Sie nimmt eher die wahre Ausgangssituation, um sie in einen gruseligen Roman zu verwandeln. Ich meine das nicht negativ, aber als ich im Nachwort über die Ereignisse des Donner-Trecks gelesen habe, hätte ich mir im Roman tatsächlich etwas mehr Historie gewünscht. Alma Katus hat der wahren Geschichte einen mystischen Touch gegeben (ähnlich wie Dan Simmons in „Terror“ und „Drood“), löst aber das Rätsel nicht wirklich auf. Das wiederum empfand ich als Pluspunkt des Romans, den es bleibt nach dem Lesen unweigerlich ein bedrückendes Gefühl im Magen zurück, weil man darüber nachdenkt, was denn damals wirklich passiert ist. Insgesamt hat mich „The Hunger – Die letzte Reise“ absolut gut unterhalten und ich habe mich in der tollen Stimmung sehr wohl gefühlt, hätte mir aber einfach ein wenig mehr historische Details gewünscht. Die Mischung aus historischem Drama und mystischem Gruselhorror funktioniert auf alle Fälle hervorragend und auch dieses Buch wird, wie schon „Terror“, in meinem Gedächtnis haften bleiben.

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Fazit: Absolut gelungene Mischung aus historischem Drama und mystischem Gruselhorror. Für Fans von Dan Simmons‘ „Terror“ ein Muss.

© 2018 Wolfgang Brunner für Buchwelten

Der Kult von Marlon James

Der Kult von Marlon James

Erschienen als gebundene Ausgabe
im Heyne Verlag
insgesamt 286 Seiten
Preis: 22,00 €
ISBN: 978-3-453-67718-0
Kategorie: Horror, Drama, Thriller

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In einem kleinen Dorf namens Gibbeah taucht eines Tages ein schwarz gekleideter Unbekannter auf, der sich „Apostel York“ nennt und dem bis dato dort predigenden Hector Bligh den Posten streitig macht. Bligh ist ein versoffener alter Mann, der von York ohne Mühen  von der Kanzel gestoßen wird. Denn York ist charismatisch und schlägt die Dorfbewohner sofort in seinen Bann. Schon bald entbrennt ein erbitterter Kampf sowohl um die Seelen der Bewohner als auch um die religiöse Macht über das Dorf.

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Zu Anfang sei angemerkt, dass es sich bei „Der Kult“ nicht um ein neues Buch handelt, sondern um den Debütroman von Marlon James, der bereits 2009 unter dem Titel „Tod und Teufel in Gibbeah“ erschienen ist.
Man muss sich schon auf Marlon James‘ Schreibstil einlassen können, um das Buch zu genießen (und vielleicht auch verstehen) zu können. Und obwohl des Öfteren derbe Ausdrücke benutzt werden, wirkt der Roman dennoch auf hohem literarischem Niveau verfasst. James‘ benutzt eine sehr außergewöhnliche Bildsprache, die sich dem Leser oftmals erst im Nachhinein offenbart. Es sind atmosphärisch dichte, filmreife Bilder, die der Autor mit seiner unkonventionellen Ausdrucksweise im Kopf des Lesers heraufbeschwört. Jede Menge Zitate aus der Bibel werden geschickt in die Handlung mit eingeflochten und lassen dabei ein etwas zweifelhaftes Bild auf Religionen und deren fanatischen Anhänger entstehen. Marlon James packt den Leser von Anfang an und lässt ihn einfach nicht mehr los. Man gerät als Leser ähnlich wie die Protagonisten in einen Strudel aus Sex und Gewalt, dem man sich nicht mehr entziehen kann (und irgendwie auch nicht möchte), denn zu stimmungsvoll sind die Beschreibungen der Ereignisse.

Alkohol, sündhafte sexuelle Ausschweifungen und fanatische Schwarzmalerei führen zu einem Kampf zwischen Gut und Böse, zwischen Moderne und mittelalterlich erscheinender Vergangenheit. Mit spärlichen, aber hundertprozentig treffsicheren Worten lässt Marlon James eine Welt vor den Augen des Lesers entstehen, vor der man sich fürchtet, aber gleichermaßen auch vollkommen in  Bann gezogen wird. Gerade die fast schon vulgären, sexuellen Beschreibungen, die an Dantes „Göttliche Komödie“ oder apokalyptische Bilder von Hieronymus Bosch erinnern, sind es, die den besonderen Reiz dieses Romans ausmachen. „Der Kult“ wirkt in der Tat apokalyptisch und dystopisch, aussichtslos und deprimierend. Viele Szenen und Bilder wirken so lange nach, das sie sich dem Leser erst nach Genuss der Lektüre, erschließen. Beeindruckend schildert James, wie sich eine ganze Stadt von den Predigten eines einzigen Mannes beeinflussen lässt. Die Bewohner verhalten sich teilweise wie Marionetten oder Lemminge, die sich einzig auf die Stimme ihres „Apostels“ verlassen. Marlon James zeigt gekonnt auf, wie einfach es für einen einzigen Mann ist, Menschen derart zu beeinflussen, dass sie ihm letztendlich hörig sind.

Viele sündhafte Ausschweifungen und menschliche Abgründe werden in „Der Kult“ beschrieben: Sodomie, Pädophilie, Ehebruch oder Untreue.  An manchen Stellen werden Marlon James‘ Beschreibung fast schon pornographisch, aber sie könnten nicht passender sein, denn sie arbeiten auf einen unglaublich intensiven Kampf zwischen Gut und Böse hin. Und erneut kommen einem beim Lesen Vergleiche mit Dante und Bosch in den Sinn. „Der Kult“ ist ein beeindruckender Roman über beängstigenden religiösen Fanatismus, sexuelle Entgleisungen und den Auswirkungen einer Massenhysterie in exzessive Gewalt. Die Geschichte ist ein Gleichnis über die Zerstörung einer Gesellschaft durch die Machtergreifung eines verblendeten Aufhetzers, der die Grenzen zwischen Wahrheit und Lüge (Gott und Teufel) verwischen lässt. Oft gleitet Marlon James ins Surreale ab und begibt sich damit auf literarische Pfade, die sonst nur der Regisseur David Lynch auf filmischem Weg betritt. Die Auseinandersetzung der beiden Priester, die das Gute und Böse im Menschen verkörpern (?) ist episch, aber auch mystisch und brennt sich szenenweise unaufhaltsam ins Gehirn ein. Den Roman einem Genre zuzuordnen fällt sehr schwer, denn zu vieles wurde vom Autor darin verpackt, um einer geraden, einfachen Linie zu folgen.
„Der Kult“ ist Kult.

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Fazit: Kultverdächtig, episch und beeindruckend.

© 2018 Wolfgang Brunner für Buchwelten

Wenn alle Katzen von der Welt verschwänden von Genki Kawamura

Wenn alle Katzen von der Welt verschwaenden von Genki Kawamura

Erschienen als gebundene Ausgabe
im C. Bertelsmann Verlag
insgesamt 190 Seiten
Preis: 18,00 €
ISBN: 978-3-570-10335-7
Kategorie: Belletristik

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Ein junger Briefträger erfährt, dass er aufgrund einer Krankheit nicht mehr lange zu leben hat. Am Abend desselben Tages bekommt er von einem geheimnisvollen Fremden Besuch, der sich als der Teufel herausstellt. Er will einen Pakt mit dem Kranken eingehen und bietet ihm für jede Sache, die der Sterbenskranke aus der Welt verschwinden lässt, einen weiteren Tag an, an dem er am Leben bleibt. Und so verschwinden Telefone, Filme und weitere Dinge, damit der Briefträger einen weiteren Tag lebt. Doch wie weit geht man, um am Leben zu bleiben? Welche Dinge braucht man zum Leben?

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Die Ausgangssituation zieht einen sofort in den Bann. Was wäre wenn …? Und das im Angesicht des bevorstehenden Todes? Wer hat nicht schon einmal darüber nachgedacht, wie es ist, wenn es soweit ist, und was man alles tun würde, um noch ein paar Tage am Leben zu bleiben? Kawamura nimmt ein beängstigendes Szenario als Ausgangspunkt, um dem Leser die Augen zu öffnen. Grundlegende Fragen des Lebens (und Sterbens) werden innerhalb einer flüssig erzählten Geschichte behandelt und lassen einen oftmals mitten im Satz innehalten und über das eigene Leben nachsinnieren. Kawamura besitzt einen sehr einfachen Schreibstil, der den Leser dennoch auf gewisse Art und Weise mitten ins Herz trifft. Man muss sich allerdings darauf einlassen können und die nicht sentimentale Ausdrucksart verstehen und an sich heran lassen. Es steckt nämlich sehr viel in den Worten, aber auch zwischen den Zeilen.

„Wenn alle Katzen von der Welt verschwänden“ ist ein dünnes Buch, das man zwar sehr schnell weglesen kann, das aber definitiv nachwirkt und zum nochmaligen Lesen einlädt. Macht man sich einmal bewusst, wie man selbst in solch einer Situation reagieren würde, öffnet das Buch eine erschreckende Sichtweise auf einen selbst und das eigene Leben. Was ist wirklich wichtig in unserer Welt? Womit wird man glücklich und worin besteht der eigentliche Sinn des Lebens? All diese Dinge hält uns Kawamura wie einen Spiegel vor und fordert uns indirekt auf, sich damit auseinanderzusetzen. Sofern man dies nicht schon einmal getan hat, eröffnen sich völlig neue Perspektiven, wie man das Leben genießen könnte und vor allem auch tun sollte. Materielles ist ebenso vergänglich wie das Leben, aber bringt es uns im Leben weiter? Macht es das Leben wirklich sinnvoller?  Ohne erhobenen Zeigefinger nimmt uns der Autor mit auf eine Reise ins Ich. Und viele werden sich und ihre eigenen Gedanken in den Worten und Überlegungen wiederfinden.

Genki Kawamura hat eine Parabel erschaffen, die einerseits auf poetische Weise das Thema Leben und Tod behandelt, andererseits aber auch niemals den Humor vergisst. Gerade diese Kombination ist es, die dieses Buch ausmacht, denn wir werden zwar mit einem ernsten und unangenehmen Thema konfrontiert, sehen aber immer wieder auch einen Hoffnungsschimmer am Horizont. Gerade das Ende, das anscheinend vielen Lesern nicht zugesagt hat, bringt, zumindest aus meiner Sicht, deutlich zutage, was im Leben wirklich wichtig ist und um was wir uns kümmern sollten, solange noch Zeit dafür ist.
„Wenn alle Katzen von der Erde verschwänden“ ist kein Buch für Zwischendurch. Man muss und sollte sich damit beschäftigen, auch nachdem man es gelesen hat. Denn die Botschaft könnte, gerade in unserer heutigen, oberflächlichen Zeit, nicht dringender und passender sein. Ein Buch zum Nachdenken und Träumen. Und wer die Aussage versteht, wird sein Leben ändern. Wer bereits nach diesen Prämissen lebt, wird sich selbst erkennen und zufrieden sein. 😉

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Fazit: Eine Parabel mit einer wichtigen Botschaft, die zum Nachdenken anregt.

© 2018 Wolfgang Brunner für Buchwelten

Montana von Smith Henderson

Montana von Smith Henderson

Erschienen als Taschenbuch
im btb Verlag
insgesamt 608 Seiten
Preis: 12,00 €
ISBN: 978-3-442-71594-7
Kategorie: Drama, Belletristik, Gegenwartsliteratur

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Pete Snow ist Sozialarbeiter und kümmert sich um Kinder, die in den abgeschiedenen Tälern und Wäldern ein aussichtsloses und tristes Leben führen. Mit einer Hingabe sondergleichen widmet sich Snow diesen Schicksalen, obwohl er tief in seinem Inneren mit einer ähnlichen Vergangenheit zu kämpfen hat …

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Das Bild auf dem Cover vermittelt perfekt die Atmosphäre des Romans. Man spürt die dort abgebildete Einsamkeit und Trostlosigkeit auf nahezu jeder Seite dieses wunderbaren Buches, das einen nicht mehr loslässt. Zumindest mir erging es so, nachdem ich die ersten Seiten gelesen habe und mich sofort „wohl“ fühlte. Henderson beschreibt die Situationen und die Gedankenwelt seines Protagonisten unglaublich authentisch und nachvollziehbar, so dass es mir keinerlei Probleme bereitet hat, mich auf dieses stimmungsvolle, dramatische Abenteuer kompromisslos einzulassen. Die Szenen, in denen es um die reine Sozialarbeit ging, haben mich so manches Mal an die tollen Beschreibungen in „Ein plötzlicher Todesfall“ von J.K. Rowling erinnert, so intensiv und mitreißend waren die Lebensumstände und Schicksale geschildert. Die Figur des Pete Snow wurde sehr detailliert geschildert, so dass ich wirklich manchmal meinte, eine Geschichte nach wahren Begebenheiten zu lesen. Auf dem Cover wird damit geworben, dass das Buch wie ein Song von Tom Waits sei. Dem kann ich nur zustimmen, es ist wirklich so.

Ein Vergleich mit James Lee Burke ist nicht weit hergeholt, wenn man sich den Plot am Ende des Buches noch einmal in Erinnerung ruft. Vieles erinnert tatsächlich an den Erschaffer des Südstaaten-Polizisten Dave Robicheaux. Doch Henderson geht auch einen eigenen Weg, der mir persönlich absolut gut gefallen hat. Vor allem möchte ich eine Tatsache herausheben, die mich wirklich gefesselt hat: Henderson bewegt sich weitab von gängigen Klischees, was solcherart Romane oftmals ausmacht. Da wird nichts schön geredet respektive geschrieben, sondern der Leser wird frontal mit den oftmals unschönen Schicksalen der Protagonisten konfrontiert. Es fehlt jegliches Happy End im Plot, der die düstere und triste Stimmung von Anfang bis Ende unerschütterlich durchzieht und ohne Kompromisse dabei bleibt. Aber genau das war es, was mich an „Montana“ so derart fasziniert hat, dass ich das Buch kaum aus der Hand legen konnte. Ich wollte unbedingt wissen, wie es mit Pete und seinen Sozialfällen weitergeht, wie sich deren und auch sein persönliches Schicksal entwickelt und wohin der Weg führt. Hendersons Debütroman ist ein großartiges, episches Buch, sofern man sich auf die Trostlosigkeit einlassen kann.

Die Beschreibungen, wenn sich der Protagonist aufgrund seiner privaten Probleme immer mehr in den Alkohol flüchtet, aber dennoch nie seine Arbeit dabei aus den Augen verliert und den hilfsbedürftigen Kindern konsequent zur Seite steht. Auch wenn es ihm selbst nicht gut geht, opfert er sich selbstlos auf, um den Opfern zu helfen. Das ist so grandios ge- und beschrieben, dass es noch lange nachwirkt, nachdem man das Buch zur Seite gelegt hat. „Montana“ ist ein beeindruckendes Debüt, das voller Emotionen steckt und auf eindringliche Weise beschreibt, wie ein Mensch auf der seinen Seite mit seinem eigenen Leben nicht fertig wird und auf der anderen Seite Menschen hilft, die in einer ähnlichen Lage stecken. Ich habe während des Lesens den Geruch des Waldes in der Nase gehabt, spürte die Kälte der Landschaft und fühlte die Hilflosigkeit, aber auch die Stärke des Protagonisten. Ich bin wirklich sehr gespannt, was uns Smith Henderson als nächstes beschert, denn seine fast schon epische Aussagekraft in „Montana“ setzt den Maßstab sehr hoch. Und erstaunlicherweise schafft er es in seinem Erstlingswerk trotz aller Schwarzseherei zwischen den Zeilen immer wieder einen Hoffnungsschimmer aufflackern zu lassen, der den Leser letztendlich auf gewisse Art und Weise dann doch noch zufrieden und mit einem guten Gefühl wieder zurück in die Realität entlässt. Absolute Leseempfehlung.

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Fazit: Emotional und episch. Ein Roman, der eindringlich menschliche Schicksale schildert und den Leser dabei mitreißt.

© 2018 Wolfgang Brunner für Buchwelten

Porträt einer Ehe von Robin Black

Portraet einer Ehe von Robin Black

Erschienen als Taschenbuch
im btb Verlag
insgesamt 320 Seiten
Preis: 10,00 €
ISBN: 978-3-442-71589-3
Kategorie: Drama, Belletristik, Gegenwartsliteratur

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Gus ist Malerin, ihr Ehemann Owen Schriftsteller. Sie führen ein glückliches Leben und lieben einander. Doch es gibt auch Zeiten, in denen nicht alles so rosig ist, wie sie es sich wünschen. Und dennoch kämpfen sie auch in diesen Zeiten um ihre Liebe und geben sich nicht auf. Sie suchen die Einsamkeit, die für sie traute Zweisamkeit bedeutet, und ziehen aufs Land. Als sie eine neue Nachbarin bekommen, die das Haus in ihrer Nähe bezieht, gerät Gus‘ und Owens Ehe erneut ins Wanken …

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Zuerst einmal möchte ich bemerken, dass der deutsche Titel „Porträt einer Ehe“ nicht ganz auf die Handlung des Romans zutrifft. Auch wenn es (auch) um die Ehe zwischen Gus und wen geht, so richtet sich das Hauptaugenmerk in erster Linie auf das Leben der Ich-Erzählerin Gus. Der Originaltitel „Life Drawing“ („Lebenszeichnung“) trifft da schon eher den Nagel auf den Kopf. Es könnte also unter Umständen durchaus sein, dass, wer sich von dem deutschen Titel täuschen lässt, einen Plot bekommt, den er so nicht erwartet hat. Aber es geht natürlich auch um die Ehe und deren unendliche Facetten. Schon auf den ersten Seiten bekam ich feuchte Augen, als ich den melancholischen Rückblick einer Frau las, die sich Gedanken über ihr eigenes Leben und das Miteinander mit ihrem Partner macht. Es sind unglaublich intensive Worte, die in die Handlung einführen und schon von Anfang an klar machen, was einen erwartet: ein gefühlvoller, nostalgischer und melancholischer Rückblick auf ein Leben.

„Porträt einer Ehe“ behandelt im Endeffekt nur einen kurzen Abschnitt aus dem gemeinsamen Leben des Ehepaares. Aber es wird immer wieder erzählt, wie es einmal war und wie es sein könnte. Die Stimme der Ich-Erzählerin richtet sich absolut an den Leser und lässt ihn unmittelbar an der Gedankenwelt der Protagonistin teilnehmen. Der Leser durchlebt ihre Hoffnungen, ihre Ängste und Zweifel, aber auch ihre unendliche Liebe ihrem Ehemann gegenüber. In vielen Momenten dachte ich, Gus würde in meinem Kopf direkt zu mir sprechen, so authentisch waren ihre Worte. Ich sah das Farmhaus vor meinen Augen, nahm an den Gesprächen des Ehepaares teil, als säße ich direkt neben ihnen und konnte die Emotionen während des Lesens spüren. Wie in Fluss gleitet die Geschichte vor dem inneren Auge des Lesers vorbei, reißt ihn dabei mit und lässt ihn nicht mehr los. Eine Flut von Lebenserfahrungen liegen in Blacks poetischer Sprache, in denen man sich oft selbst wiederfindet.

Robin Blacks Roman ist eine Erfahrung, die man nicht mehr missen möchte und bei der man sich denkt, man möchte im Alter ebenso gegenüber seinem Partner verfahren. Die gegenseitige Ehrlichkeit, die Rücksichtnahme, aber auch die unfreiwilligen Geheimnisse, die beide für sich behalten … das alles ist so glaubwürdig und nachvollziehbar, das diese Wahrheit fast schon wehtut. Ich konnte mich schwer aus dem faszinierenden Sog dieses Buches losreißen, der mich bereits, wie gesagt, schon nach den ersten Seiten erfasst hat. Black schildert präzise, was in liebenden Menschen vor sich geht. Sie beschönigt nichts, zeigt aber auch auf, wie solch eine „perfekte“ Liebe funktionieren könnte. „Porträt einer Ehe“ ist ein wunderschönes Buch, das emotional berührt (sofern man sich darauf einlassen kann) und auf beeindruckend poetische, fast schon philosophische Art und Weise die Liebe zweier Menschen darstellt, wie sich in Wirklichkeit abläuft. Es gibt nicht immer nur Höhen, sondern leider auch so manches Tief, das man aber zu zweit ohne weiteres meistern kann, sofern man dazu bereit ist. Genau diese Botschaft vermittelt Robin Blacks Liebesroman, der in wunderschönen Gedankengängen und mit traurigen, melancholischen Momenten beleuchtet, was tief in uns allen drin ist: Die Hoffnung, einen Menschen zu finden, den man mit all seinen Stärken und Schwächen lieben kann. Ich bin begeistert von diesem Romandebüt.

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Fazit: Melancholisches, trauriges und ehrliches Porträt einer großen, starken Liebe.

© 2018 Wolfgang Brunner für Buchwelten

Shamrock Alley von Ronald Malfi

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Erschienen als Taschenbuch
im Luzifer Verlag
insgesamt 480 Seiten
Preis: 13,95 €
ISBN: 978-3-95835-273-5
Kategorie: Thriller

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Secret Service Agent John Mavio schleust sich undercover in ein Syndikat von Unterwelt-Bossen ein. Er will eine der größten Falschgeldoperationen in der Geschichte der USA aufdecken. Doch mit jedem Schritt in diese Welt aus Gewalt und Verbrechen entfernt er sich immer mehr von seinem wirklichen Leben. Er vernachlässigt seine schwangere Frau und seinen unheilbar kranken Vater, bis er an einen Punkt gelangt, an dem er sich entscheiden muss …

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„Shamrock Alley“ von Ronald Malfi ist ein Buch, das man bereits nach den ersten Seiten nicht mehr aus der Hand legen möchte. Malfi hat mich schon mit seinem „The Ascent“ schwer begeistert, geht aber mit diesem Roman von seinem schriftstellerischen Können her noch eine Stufe höher. Der Mafia-Thriller, in dem es um einen Secret Service Agenten geht, der eine Falschgeldoperation stoppen will, zählt für mich zu jenen Romane, die sich Pageturner „schimpfen“ und denen man sich einfach nicht mehr entziehen kann, sobald man mit ihnen begonnen hat. Malfis Schreibstil ist phänomenal und derart flüssig zu lesen, dass es schon fast unheimlich ist. Hinzu kommt, dass Malfi sehr schöne Beschreibungen und Metaphern verwendet, die zum einen Spaß machen und zum anderen auch sehr bildhaft die Menschen, Schauplätze und Situationen beschreiben, so dass man meint, man wäre mittendrin im Geschehen.

„Shamrock Alley“ ist ein intensiver Roman, was unter Umständen auch daran liegt, dass Malfi seine Geschichte um wahre Begebenheiten herum ausgearbeitet hat. Pate für den Protagonisten stand Malfis Vater, der tatsächlich beim Secret Service war und anscheinend ähnliche Ereignisse erlebt hat. Die Geschichte(n) im Hintergrund des Plots, in denen es einmal um die Familie der Hauptperson und dann noch um den kranken Vater geht, wirken so authentisch und echt, dass man an manchen Stellen zu Tränen gerührt ist. Diese Nebenhandlung erinnerte mich oftmals an Henning Mankells Wallander-Reihe, wo auch eine Vater-Sohn-Beziehung im Hintergrund ablief und der Haupthandlung manchmal fast den Rang ablief. „Shamrock Alley“ wirkt auf mich vollkommen rund. Zum einen ist da die actionlastige Agentenstory, zum anderen nimmt der Leser am Privatleben des Protagonisten in einer sehr intimen und emotionalen Weise teil, die mitten ins Herz trifft. Diese (gesunde) Mischung ist es auch letztendlich, die „Shamrock Alley“ zu einem kleinen literarischen Wunder macht. Die knackige Erzählweise tut ihr übriges dazu, um immer noch ein Kapitel zu lesen, weil man einfach wissen will, wie es weitergeht.

Selbst wer mit Mafia- und Streetgang-Geschichten nichts anfangen kann, wird sich dem Bann und Sog dieses Buches schwer entziehen können. Denn Ronald Malfi beschreibt die Geschehnisse mit einer Leichtigkeit, dass man sogar vergessen könnte, dass einen die Story im Grunde genommen gar nicht interessiert. Durch beeindruckend realistische Dialoge merkt man das Umblättern der Seiten nicht, so faszinierend ist Malfis Erzählstil. Es ist bedauerlich, dass Ronald Malfi hierzulande nicht einem breiteren Publikum bekannt ist, zeugen seine Romane doch von hoher literarischer Qualität und vor allem erzählerische Dichte, wie man sie selten findet. Er beherrscht es mühelos, einen Bogen zwischen spannenden Actionsequenzen und herzzerreißenden, melancholischen Augenblicken zu spannen, so dass man wirklich meint, man treffe die Protagonisten persönlich. Gerade in diesem Falle ist die Geschichte des Protagonisten (ob teilweise erfunden oder komplett der Realität entnommen ist vollkommen egal) so tiefgehend und ergreifend, dass es fast schon schmerzt. Malfi beschreibt die Gefühlswelt seiner Figuren eindrucksvoll und glaubwürdig. „Shamrock Alley“ ist Kopfkino á la Sergio Leone mit Hauptdarstellern, die einen literarischen Oscar verdient hätten – genauso wie Ronald Malfi selbst, der sich mit diesem Roman nahezu selbst übertroffen hat. Mit diesem Werk hat er es auf jeden Fall bei mir geschafft, dass ich mir sämtliche in Deutschland erschienenen Bücher von ihm besorgen werde. Und er hat seinem Vater damit ein beeindruckendes Denkmal gesetzt.

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Fazit: Grandiose Story mit hervorragend ausgearbeiteten Charakteren. Spannend, emotional, melancholisch und nostalgisch. Unbedingte Leseempfehlung.

© 2018 Wolfgang Brunner für Buchwelten

Der Feigling von Andreas März

feigling

Erschienen als Taschenbuch
im Redrum Verlag
insgesamt  336 Seiten
Preis: 14,99 €
ISBN: 978-3-95957035-0
Kategorie: Drama, Thriller

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In Turtle’s Sand, einer kleine, vergessenen Stadt,  kennt jeder jeden.
Jason muss wegen einer Schlägerei ins Gefängnis, woraufhin sein vierzehnjähriger Sohn Tommy vorübergehend zu seinem Onkel nach Turtle’s Sand zieht. Obwohl Tommy hier geboren ist, hat er es absolut nicht leicht, sich gegen die Jugendlichen des Ortes zu behaupten, zumal die Geschichte von seinem Vater schnell ans Tageslicht kommt.
Als der Vater dann auch noch stirbt und am Sterbebett von seinem Sohn verlangt, niemals Gewalt gegenüber anderen an den Tag zu legen, um nicht ebenfalls eines Tages im Gefängnis zu landen, macht dieser Eid Tommys Überlebenskampf in Turtle’s Sand auch nicht gerade leichter. Denn er gilt ohnehin schon als Feigling und als die Jugendlichen von dem Schwur erfahren, den Tommy gegenüber seinem sterbenden Vater geleistet hat, scheint er das perfekte Opfer für die Jugendgang von Turtle’s Sand zu sein.

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Andreas März baut seine Geschichte geschickt auf, in dem er die Geschehnisse rückblickend von einem Ich-Erzähler, dem Onkel von Tommy, schildern lässt. Das lässt schon auf den ersten Seiten eine unglaublich tolle Stimmung entstehen, die sich dann durch das ganze weitere Buch fortsetzt. März‘ Drama ist eine Mischung aus Drama mit kleinem Westerntouch und einem Coming Of Age-Roman im Stile von Stephen Kings „Stand By Me“, Greg F. Gifunes „Sag Onkel“ oder auch Brett McBeans „Der Schmerz des Erwachens“. Andreas März besitzt einen sehr angenehm zu lesenden, flüssigen Schreibstil, der einen von der ersten Minute an in den Bann zieht und nicht mehr loslässt. Es sind keine hochkomplizierten und hochliterarischen Sätze, die einen erwarten, sondern eine geradlinige Erzählweise, die absolut funktioniert. Der Leser begleitet den Protagonisten in schweren, aber auch glücklichen Zeiten und nimmt am Erwachsenwerden teil. Andreas März hat mit Tommy einen tollen Charakter erschaffen. Ebenso wuchs mir der Ich-Erzähler sehr ans Herz, obwohl er eigentlich nur eine Nebenrolle spielt.

„Der Feigling“ wird teilweise sehr emotional erzählt, wirkt aber niemals überzogen oder gar kitschig. Es dauert nicht lange und man meint, man lese eine Geschichte nach wahren Begebenheiten, so eindringlich beschreibt März das Gefühlsleben des Protagonisten mit all seinen Hoffnungen und Unsicherheiten. Was mich persönlich sehr angesprochen hat, waren die nicht detailliert beschriebenen Gewaltszenen, da das Kopfkino des Lesers gefordert wurde und jeder in diese Ereignisse seine eigene persönliche Hölle hineininterpretieren konnte. Kopfkino hat so manches Mal eine weitaus größere Wirkung als detaillierte, eklige Beschreibungen. So auch bei „Der Feigling“, wo sich das Grauen zwischen den Zeilen abspielt, also eben in den Köpfen der Leser. Andreas März‘ Coming Of Age-Drama ist sehr ruhig geschrieben und wirkt trotz seiner Grausamkeiten wie ein verklärter Blick in eine Vergangenheit, die man , in diesem Falle der erzählende Onkel und auch Tommy, im Nachhinein mit einer rosaroten Brille sieht.

„Der Feigling“ ist melancholisch, nostalgisch, hart, brutal und emotional. Andreas März hat unglaubliches Talent, die Handlungsorte und Personen zu beschreiben. Erstaunlich dabei ist, dass, obwohl der Autor nie explizit ins Detail geht und nie übertrieben ausführlich in seinen Darstellungen, der Leser alles klar und deutlich vor Augen hat, als sähe er einen Film. Sämtliche Handlungen der Protagonisten, seien es nun die Guten oder die Bösen, sind nachvollziehbar und glaubwürdig, was dem Plot zusätzliche Authentizität verleiht. März hat mit seinem Roman ein beeindruckendes Werk abgeliefert, das im Gehirn haften bleibt. Man fühlt sich wohl in Turtle’s Sand, fühlt mit den Protagonisten und leidet mit dem Hauptcharakter – mehr bedarf es nicht, um „Der Feigling“ als gutes Buch bezeichnen zu können.
Am Ende des Romans wartet auf den Leser noch eine Bonus-Kurzgeschichte des Autors, die es in sich hat. „Das Schweigen der Einhörner“ wurde nicht umsonst mit dem Planet Award 2017 als „Kurzgeschichte des Jahres“ ausgezeichnet. Auch hier beweist Andreas März, dass er in kurzen Sätzen eine Stimmung (und Handlung) aufbauen kann, die sich wie der Plot eines ganzen Romans ins Gehirn des Lesers brennt. Ich freue mich schon auf das nächste Werk von Andreas März.

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Fazit: Melancholisch, nostalgisch, hart, brutal und emotional. Ein absolut lesenswertes Coming Of Age-Drama.

© 2018 Wolfgang Brunner für Buchwelten

Marie von Steven Uhly

Marie von Steven Uhly

Erschienen als Taschenbuch
im btb Verlag
insgesamt 272 Seiten
Preis: 10,00 €
ISBN: 978-3-442-71552-7
Kategorie: Drama, Belletristik, Gegenwartsliteratur

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Die Familie der kleinen Chiara gerät mitsamt ihrem Bruder und ihrer Schwester immer mehr aus den Fugen. Die Eltern sind getrennt und eine dunkle Geschichte aus der Vergangenheit wird von allen totgeschwiegen. Chiara nimmt in Gedanken einen anderen Namen an und nennt sich Marie, weil sie sich mit dieser Identität einfach besser fühlt. Als ihre Mutter einen Unfall hat, kommt Chiara dem Geheimnis aus der Vergangenheit immer näher …

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Dieser Roman ist ein einfühlsames Familiendrama, das sämtliche Probleme aus verschiedenen Sichtweisen beleuchtet. Unter anderem geht es auch um häusliche Gewalt und Kindesmisshandlung, die aber nie explizit geschildert wird. Uhly meistert die Gratwanderung zwischen schockierenden Ereignissen und liebevollen Begebenheiten grandios. In einem sehr flüssigen, unkonventionellen Schreibstil nimmt der Autor seine Leser mit auf eine außergewöhnliche Reise, in der Hass, Misstrauen, Gewalt, Angst, aber auch Hoffnung und Liebe eine große Rolle spielen. Steven Uhly packt den Leser von der ersten Seite an, nimmt ihn gefangen und lässt ihn schlichtweg nicht mehr los. Man spürt die Emotionen der Kinder, nimmt aber auch an der Unsicherheit der Mutter großen Anteil und beginnt schon bald, die Zusammenhänge zu verstehen, die zu der misslichen Lage, in der sich alle befinden, geführt haben. „Marie“ berührt tief, zeigt aber auch ganz deutlich, dass es immer wieder einen Hoffnungsschimmer geben kann. Faszinierend empfand ich persönlich, dass man sowohl die Kinder (verständlich, denn sie sind schließlich „hilflose“ Kinder) verstehen konnte, aber auch die Eltern, vorzugsweise die Mutter. Der Leser begleitet das Schicksal der getrennt lebenden Elternparteien genauso intensiv wie das Leid und die Gedankengänge der Kinder. Steven Uhly ist ein bewegendes Porträt einer Familie gelungen, das unzählige Male in der Wirklichkeit um uns herum geschieht. Durch sein Einfühlungsvermögen in die Gedankenwelt beider Parteien (Kinder und Erwachsene) liefert der Autor einen umfassenden, schockierenden Einblick in das Schicksal von Scheidungskindern, die im Umfeld teilweise unfähiger Erwachsener aufwachsen (müssen).

Die Unfähigkeit der Mutter, ihre Selbstsucht und die immer wieder auftretende Hilflosigkeit gegenüber alltäglichen Dingen, wird so gekonnt beschrieb, dass sie absolut nachvollziehbar (aber keineswegs verständlich) sind. Das Buch erscheint einem in Nachhinein wie ein Traum des Mädchens Chiara, das sich hinter einer anderen Identität versteckt, um ihre Vergangenheit damit zu bewältigen und/oder auch zu verdrängen. Virtuos wirft Uhly den Leser in die Verhältnisse der kaputten Familie hinein und zwingt ihn, bei den inneren und äußeren Kämpfen seiner Protagonisten zuzusehen, zuzuhören und mitzufühlen. Und dennoch schwebt das zarte Band der Liebe fortwährend durch die grauenvollen Schilderungen, als könne nichts und niemand diese Himmelsgewalt aufhalten, am allerwenigsten in den Gedanken von Kindern. „Marie“ trifft mitten ins Herz.

Steven Uhlys neuer Roman ist die Fortsetzung seines Erfolges „Glückskind“, den man aber nicht zu kennen braucht, um der „neuen“ Handlung, der Fortführung der Geschichte, folgen zu können. „Marie“ kann ohne weiteres als eigenständiges Werk behandelt werden und besitzt auch ohne irgendwelche Vorkenntnisse einen gewaltigen Tiefgang. Es ist eine große Tragödie, der man beiwohnt, und die man schmerzlich mitverfolgt, ohne davon lassen zu können. „Marie“ ist ein Pageturner, den man nicht aus der Hand legen kann, weil man schlichtweg mitfiebert, wie es den Kindern ergeht. Und, wie oben schon erwähnt, versteckt sich aber zwischen den Zeilen so viel Hoffnung und Liebe, dass die Geschichte letztendlich doch wieder irgendwie gut tut. „Marie“ ist grausam und poetisch, deprimierend und zuversichtlich zu gleichen Teilen. Der Roman ist eine Geschichte aus dem wirklichen Leben, die zum Nachdenken anregt. Vor allem, wenn man selbst Kinder hat, bekommt der Roman eine noch intensivere Wirkung als er ohnehin schon hat. Uhly ist ein bewegendes Meisterwerk gelungen, das noch lange nachwirkt und durch seinen eigenwilligen, präzisen und emotionalen Schreibstil beeindruckt.

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Fazit: Einfühlsam, traurig, bewegend, emotional, deprimierend und dennoch hoffnungsvoll. Eine beeindruckende Familientragödie.

© 2018 Wolfgang Brunner für Buchwelten

Ein angesehener Mann von Abir Mukherjee

Ein angesehener Mann von Abir Mukherjee

Erschienen als Taschenbuch
im Heyne Verlag
insgesamt 512 Seiten
Preis: 9,99 €
ISBN: 978-3-453-42173-8
Kategorie: Krimi, historischer Roman

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In Kalkutta wird ein bekannter Politiker, ein „angesehenen Mann“, ermordet. Der englische Ermittler Sam Wyndham, der gerade aus dem ersten Weltkrieg heimgekehrt ist und sich erst einmal an Kalkutta und seine Einwohner gewöhnen muss, soll den Fall übernehmen. Seine Nachforschungen führen ihn durch die geheimnisvolle Welt Kalkuttas, in der Machtkämpfe, Intrigen und Drogen eine große Rolle spielen.

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Abir Mukherjees Debütroman ist ein süchtig machender, sehr atmosphärischer Krimi, der im Kalkutta des Jahres 1919 spielt. Es ist der Beginn einer Krimireihe um den äußerst sympathischen Ermittler Sam Wyndham. Es dauerte keine zehn Seiten und ich war von der Beschreibung des alten Kalkutta dermaßen fasziniert, dass ich das Buch gar nicht mehr aus der Hand legen wollte. Unglaublich dicht und bildhaft beschreibt Mukherjee die fremde Umgebung und lässt den Leser die drückende Hitze und die Fremdartigkeit der Kultur hautnah miterleben. Oftmals erinnerte mich der sehr angenehme und flüssige Schreibstil des Autors an die Bücher von J.K. Rowling, die sie unter dem Pseudonym Robert Galbraith verfasst hat. Die Seiten fliegen nur so dahin und erstaunlicherweise wird es niemals langweilig, obwohl wirklich relativ wenig passiert. „Ein angesehener Mann“ ist beileibe kein actionreicher Roman, sondern ein sehr ruhiger Kriminalfall, der mehr auf den Handlungsort und seine Protagonisten, als auf den Fall selbst eingeht. Dennoch verbirgt sich dahinter ein wahrer Pageturner, der süchtig macht.

Mukherjee hat einen genialen Einstieg in seine Krimiserie abgeliefert, die mich nachhaltig beeindruckt. Unglaublich greifbar hat er eine vergangene Zeit aufleben lassen und den Mordfall sehr glaubwürdig in die historischen Begebenheiten eingebaut. Die Auflösung des Falls hat mich an einige Werke von Agatha Christie erinnert und ich denke, dass Fans dieser Autorin auch bei „Ein angesehener Mann“ ihre helle Freude haben. Eingebettet in einen Rahmen aus fremder Kultur und schonungsloser Politik lässt Mukherjee den Leser an einer anstrengenden Ermittlung teilhaben, die oftmals auf der Stelle zu stehen bleiben scheint. Aber genau diese (für manch einen wohl langweilige) Tatsache verleiht dem Plot eine unglaubliche Authentizität, die (mich zumindest) vollkommen begeistert. Allzu gerne hätte ich Sam Wyndham und seinen treuen Begleiter Surrender-not Banerjee noch ein paar Seiten länger begleitet, so wohl fühlte ich mich in der Umgebung. Sehr gut werden außerdem die politischen Verhältnisse der damaligen Zeit geschildert, so dass vieles absolut nachvollziehbar erscheint, selbst wenn man sich mit solcherart politischer Verstrickungen und Machtverhältnisse nicht auskennt. Interessanterweise sind diese Begebenheiten auch für Menschen wie mich, die sich für Politik überhaupt nicht interessieren, spannend und unterhaltsam, denn man bekommt einen sehr schönen (und eben informativen) Einblick in die damaligen Verhältnisse, der an keiner Stelle langatmig wirkt.

Der Protagonist Sam Wyndham wirkt von Anfang an sehr sympathisch, was vor allem daran liegt, dass er ganz „normal“ ist. Ein Mensch mit Stärken und Schwächen, kein Superermittler, sondern ein Mann, der oft ratlos ist und nicht mehr weiter weiß, aber nicht aufgibt. Der Mann an seiner Seite, Surrender-not Banerjee, kann genau so viele Sympathiepunkte vorweisen und stellt eine perfekte Ergänzung dar. Es macht großen Spaß, die beiden bei ihren Ermittlungen und Überlegungen zu begleiten. Erstaunlicherweise schafft es Munkherjee bis zum Ende, die Spannung aufrechtzuerhalten und mit seiner Auflösung am Ende zu überraschen. Gerade auf den letzten Seiten fügt der Autor sämtliche Fäden zu einem logischen Gerüst zusammen, das den Mordfall nachvollziehbar macht und auch noch ein paar Überraschungen bereit hält.
Für mich war „Ein angesehener Mann“ die Krimi-Überraschung des Jahres, die mit einem atmosphärisch dichten Schauplatz und einem sehr sympathischen Ermittler-Duo aufwartet. Ganz klare Leseempfehlung für Freunde von historischen Kriminalromanen und Fans von Agatha Christie und/oder Robert Galbraith. Ich freue mich schon sehr auf das zweite Abenteuer von Sam Wyndham, das voraussichtlich im Juli 2018 erscheinen wird und den Titel „Ein notwendiges Übel“ trägt.

Zu erwähnen ist vielleicht noch, dass das Cover ein echter Eyecatcher ist. Ich habe das sehr ansprechende Titeklbild während des Lesens desöfteren betrachtet und mich in dieser Welt noch mehr verlieren können. Erfreulicherweise wird das Design beim zweiten Band beibehalten, so dass man als Büchersammler Hoffnung hat, eines Tages eine schön gleich aussehende Sammlung von Sam Wyndham-Büchern im Regal stehen zu haben. 😉

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Fazit: Atmosphärisch dichter, historischer Krimi-Pageturner mit einem überaus sympathischen Ermittler-Duo. Macht süchtig!

© 2017 Wolfgang Brunner für Buchwelten