Fireman von Joe Hill

Erschienen als Taschenbuch
bei Heyne
insgesamt 958 Seiten
Preis: 17,99 €
ISBN: 978-3-453-31834-2
Kategorie: Dystopie, Science Fiction

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Eine Seuche namens „Dragonscale“ droht, die gesamte Menschheit zu vernichten. Anfangs bemerken die Infizierten eine seltsame Hautkrankheit, die wie Tätowierungen gleichen. Doch schon wenig später entzünden sich die von der Krankheit Befallenen selbst und verbrennen. Das Ende der Welt scheint angebrochen zu sein. Harper Grayson ist Krankenschwester und wird ebenfalls von dem Virus befallen. Sie findet Schutz in einer Gemeinschaft, die die Feuerkrankheit zumindest soweit in den Griff bekommen haben, dass sie sich nicht selbst entzünden. Dort lernt Harper den sogenannten „Fireman“ kennen, ein Mann, der innerhalb kürzester Zeit zu einer Legende geworden ist, weil er „Dragonscale“ vollkommen unter Kontrolle halten kann. Ist jener „Fireman“ die letzte Hoffnung der Menschheit?

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Als Stephen King-Anhänger und auch ebensolcher seines sehr talentierten Sohnes war ich natürlich unheimlich gespannt darauf, was Joe Hill nach „Christmasland“ und seinem hervorragenden Debüt „Blind“ abgeliefert hat. Ich bin gespalten, was das Dystopie-Epos angeht, das gebe ich unumwunden zu, denn „Fireman“ hat durchaus einige beeindruckende Höhen, aber leider auch einige anstrengende Längen.
Der Beginn des Plots ist allerdings filmreif und man kann nach den ersten Seiten kaum abwarten, wie das Ende der Menschheit bei Joe Hill ablaufen wird. Allerdings wird man leider aus dieser grundsoliden, absolut stimmungsvollen Endzeitatmosphäre herausgerissen, als Harper auf die Gemeinschaft stößt. In einer Mischung aus „Walking Dead“, „Postman“ und „Tribute von Panem“, gewürzt mit einem Schuss „The Road“ von Cormac McCarthy, erzählt Joe Hill im Prinzip den (Leidens-)Weg einer Frau, nämlich Harper Grayson. Hill versteckt viele Anspielungen auf seine eigenen Romane, die seines Vaters und auch weitere Bestseller, die wohl jede Leseratte kennen dürfte, aber er geht eindeutig seinen eigenen Weg.

Dennoch funktioniert „Fireman“ trotz seines bombastischen Ausmaßes und der wirklich tollen Ausgangssituation nur bedingt. Vielleicht liegt es sogar am Umfang des Werkes, das bei vielen Lesern oftmals Langeweile aufkommen lässt. Ich genoss die Geschichte, mir war sie auch niemals zu langatmig, wenn ich ehrlich bin, aber trotzdem zündete der Funke, der am Anfang verbreitet wurde, im Verlauf der Geschichte nicht. Schade, denn das Ausgangsszenario hätte, wie gesagt, Potential zu einem epischen Dystopie-Road-Movie ausgebaut werden können. Hill übt Gesellschaftskritik (was keinesfalls schlecht ist), aber er konzentriert sich zu sehr auf die Vorfälle, die in der Gemeinschaft passieren (und das erinnert in der Tat an einige Folgen von „Walking Dead“ – vielleicht auch beabsichtigt). Aber hätte Hill mehr Augenmerk auf die Welt gerichtet, die dem Untergang geweiht ist, und seine Protagonisten durch diese Hölle geschickt, wäre bestimmt ein weitaus beeindruckenderes Werk entstanden. Aber Joe Hill hat einen anderen Weg gewählt und sich, wie gesagt, auf das Leben in einer Gemeinschaft konzentriert, die sich in Sicherheit wähnt.

Die Charaktere sind durchaus glaubwürdig und mit Seele ausgearbeitet. Joe Hill bewegt sich mit seinem Schreibstil oftmals auf hohem Niveau, gerät aber an einigen Stellen auch ins Umgangssprachliche, so dass ich mir ein paar Mal gedacht habe, das Buch wäre von zwei Autoren geschrieben worden. Auch wirkten manche Ereignisse ein wenig zu weit hergeholt und an der Grenze zur Unglaubwürdigkeit.
Doch trotz all meiner Kritikpunkte ist Joe Hill aus meiner Sicht eine beeindruckende Endzeitvision gelungen, die vor allem durch seine bildhafte Sprache zu einem Kopfkino-Blockbuster wird. Im Nachwort wird erwähnt, dass die Filmrechte bereits verkauft sind. Ich könnte mir ohne weiteres vorstellen, dass im Falle von „Fireman“ die Filmumsetzung durchaus ansprechender ausfallen könnte als die Buchvorlage. „Fireman“ ist für die große Leinwand gemacht und könnte von der Atmosphäre her wie seinerzeit die Buchadaption von David Brins „Postman“ von Kevin Costner wirken.

Joe Hill beschreibt stimmungsvolle  Bilder. Am Anfang schreibt er über die Liebe zu einem Menschen. Diese Beschreibung, gerade auch noch von einem Mann geschrieben, ist wunderschön und wahr. Und eben genau solche Beschreibungen, hochwertige literarische Sätze, fehlten mir dann oftmals im Verlaufe des weiteren Buches. Das hätte Joe Hill bestimmt besser gekonnt. „Fireman“ ist ein über 900 Seiten starkes Mammutwerk, das letztendlich aber dann doch keines ist. Im Nachhinein denkt man nämlich, der Plot hätte auf nur 400 Seiten stattgefunden. Dennoch möchte ich das Leseerlebnis nicht missen, denn „Fireman“ hat wirklich auch viele gute Seiten.

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Fazit: Groß angelegte Endzeitvision, die durchaus auch auf halb so vielen Seiten funktioniert hätte. Wer es ausführlich mag, wird „Fireman“ genießen, Ungeduldige könnten Probleme damit haben.

©2017 Wolfgang Brunner für Buchwelten

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Der Abgrund jenseits der Träume von Peter F. Hamilton

Hamilton

Erschienen als Taschenbuch
bei Piper
insgesamt 810 Seiten
Preis:  17,99  €
ISBN: 978-3-45392-70391-8
Kategorie: Science Fiction

Ein mysteriöses, gewaltiges Gebilde, das von den Wissenschaftlern „Die Leere“ genannt wird, hält ein ganzes Universum unter Kontrolle. Sogenannte Faller, Aliens, greifen die Zivilisation immer wieder an. Nigel Sheldon begibt sich mittels Wurmloch-Technologie auf einen Planeten namens Bienvenido, um dem Geheimnis der Leere auf den Grund zu kommen. Was er entdeckt, sprengt nicht nur seine Vorstellungskraft, sondern auch die der ganzen Menschheit …

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Hamiltons Bücher sind nicht unbedingt einfach. Aber wenn man sich auf die Visionen des Science Fiction-Autors einlassen kann, wird man mit einer vollkommen ausgeklügelten Welt belohnt, bei der alles bis ins kleinste Detail stimmig und glaubhaft wirkt. Hamilton mag es episch und so wird die Geschichte nicht mit wenigen Worten erzählt, sondern ausschweifend. Wer da ungeduldig wird, könnte bei „Der Abgrund jenseits der Träume“ Schwierigkeiten haben, denn Hamilton lässt sich über viele Dinge aus, die scheinbar Nebensache sind. Hamilton kehrt mit diesem Roman zurück in sein erfolgreiches Commonwealth-Universum.

Gleich zu Anfang wirft er uns allerdings in ein filmreifes Szenario, das an „Event Horizon“, „2001“, „2010“ und „Interstellar“ erinnert. Hamilton nimmt seine Leser mit zu ungewöhnlichen, sphärischen Schauplätzen und entwirft in den ersten Seiten eine astreine Science Fiction-Weltraum-Atmosphäre. Leider (zumindest empfand ich das so) verlegte sich der Schauplatz dann auf den Planeten Bienvenido, wo es verhältnismäßig unspektakulär zugeht. Nichtsdestotrotz schaffte es Peter F. Hamilton mit seinem Roman, der übrigens der erste Teil der „Chronik der Faller“ ist, mich in seinen Bann zu ziehen. Obwohl es plötzlich nicht mehr um Raumschiffe, Weltall und geheimnisvolle Objekte, sondern um so simple Dinge wie Revolution geht, kann man das Buch schwer aus der Hand legen. Das liegt mit Sicherheit an der tollen Charakterisierung der Protagonisten, aber auch an dem episch angelegten Plot, bei dem man im Hinterkopf immer genau weiß, dass noch etwas Großes und Spektakuläres passieren wird. Und das tut es dann auch am Ende.

Hamilton entwirft eine Welt, die absolut authentisch wirkt. Die politische Lage und deren Auswirkungen könnten besser nicht beschrieben sein und, wie oben bereits erwähnt, wer sich darauf einlassen kann, wird mit einer spannenden und glaubwürdigen Geschichte belohnt. Doch trotz all dieser „seichten“ gesellschaftskritischen Töne vergißt Hamilton nie, was wirkliche Science Fiction ist. Wie Ian Banks, Stephen Baxter oder der deutsche Andreas Brandhorst geht Hamilton über gedankliche Grenzen hinweg und sprengt die Vorstellungskraft des Lesers mit seinen innovativen Ideen. Und das macht unglaublichen Spaß und beeindruckt.
Peter F. Hamiltons Schreibstil ist hochwertig und gut lesbar. Man ist mitten im Geschehen und kann die Überlegungen und Handlungen seiner Protagonisten durchwegs nachvollziehen. Das Ende ist wirklich episch und atemberaubend und ich bin sehr gespannt, wie Hamilton die Geschichte um die Faller weiterspinnt. Seine innovativen Ideen versprechen auf jeden Fall eine bombastische Fortführung.

Kleine Anmerkung am Rande, die mir seitens des Verlages nicht gefällt: Nirgends wird der Originaltitel des Romans erwähnt. Das hinterlässt bei mir wieder den faden Beigeschmack, dass man das Werk irgendwann einmal unter einem anderen deutschen Titel nochmals auf den Markt wirft und einige Leser zu einem Doppelkauf verleitet. Allerdings muss man auch erwähnen, dass der Originaltitel (The Abyss Beyond Dreams) tatsächlich wortwörtlich übersetzt wurde. Da kennt man ja auch schon andere Knaller im deutschen Verlagswesen. Übersetzung also Spitze, aber die „Verheimlichung“ des Originaltitels sollte man zukünftig vermeiden.

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Fazit: Episch entwirft Peter F. Hamilton in gewohnt guter Qualität ein neues Kapitel in seinem Commonwealth-Universum. Gute Charaktere und eine innovative Handlung machen „Der Abgrund jenseits der Träume“ zu einem atemberaubenden Science Fiction-Abenteuer.

© 2015 Wolfgang Brunner für Buchwelten

Die unsichtbare Brücke von Julie Orringer

brücke
Erschienen als gebundene Ausgabe
im Verlag Kiepenheuer & Witsch
insgesamt 832 Seiten
Preis: 24,90 €
ISBN: 978-3-462-04300-6

Im Jahre 1837 macht sich der junge Ungar Andras Lévi auf den Weg nach Paris, um Architektur zu studieren. Schon bald lernt er die attraktive und etwas ältere Claire Morgenstern kennen, in die er sich unsterblich verliebt. Das Leben könnte nicht schöner für Andras sein, bis dann der  Krieg ausbricht und die Zukunft der Liebenden zunichte macht. Doch sie geben nicht auf und halten aneinander fest. Selbst schwerste Prüfungen vermögen ihre Liebe nicht zu zerstören, selbst ein dunkles Geheimnis aus Claires Vergangenheit wirft Andras nicht aus der Bahn. Doch keiner der beiden hat mit der brutalen Härte des Krieges gerechnet …

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Orringers Familiendrama hat mich mit seinen epischen Ausmaßen vollkommen überzeugt. Zum einen grandios recherchiert, zum anderen dermaßen gefühlvoll und einfühlsam geschrieben, dass man sich schwerlich von der Geschichte losreißen kann. Wie sich sowohl die Liebesgeschichte als auch die Entstehung des Zweiten Weltkriegs langsam entwickeln ist schon ein Meisterwerk. Oft fühlte ich mich an Thomas Manns „Buddenbrooks“, Leopold Ahlsen fantastische Familiengeschichte „Die Wiesingers“ oder auch „Ein Mann will nach oben“ von Hans Fallada erinnert. Doch Orringer geht einen vollkommen eigenständigen Weg. Mit ihrem wunderschönen Schreibstil nimmt sie den Leser schon nach wenigen Seiten mit auf eine unvergessliche Reise, die sich unbarmherzig ins Gedächtnis brennt. Es sind sowohl die verträumt zarten Liebesszenen, die einen nicht mehr loslassen, als auch die brutalen und ungerechten Passagen des Krieges, die aber immer sehr zurückhaltend und niemals aufdringlich schockierend beschrieben werden.

Orringer überlässt geschickt dem Leser das Grauen, das sie nicht beschreibt, das aber sehr wohl zwischen den Zeilen steht. Das ist grandios und lässt mich sofort wieder ins Schwärmen geraten. Die Tragödie wechselt beeindruckend zwischen unendlich großer Zufriedenheit der Protagonisten zu düsteren Kriegsschauplätzen, die einem Gänsehaut verursachen. Man spürt die Hoffnung der Personen, als sei es eine wahre Geschichte (und wenn ich das Nachwort richtig verstehe, ist an diesem Roman auch ein klein wenig Familiengeschichte der Autorin verbaut). Das Buch hat mir enorm gut gefallen und mich stark beeindruckt. Am Ende erging es mir ähnlich wie bei Tad Williams‘ „Otherland“-Saga oder Tolkiens „Der Herr der Ringe“: ich war einfach nur traurig, all die Personen und Schauplätze aus der Vergangenheit verlassen zu müssen. Zu gerne hätte ich noch mehr Zeit mit Andras und Claire verbracht …

Aber leider enden auch gute, dicke Bücher irgendwann einmal. Ich hoffe wirklich, dass Julie Orringer bald ein neues Buch auf den Markt bringt, denn dann ist es defintiv meins. 🙂

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Fazit: Episch und emotional, hoffnungsvoll und beklemmend. Eine unmögliche Liebe, die den Wirren und Schrecken des Zweiten Weltkriegs standhalten muss. Für Liebhaber von Familendramen unbedingte Leseempfehlung!

© 2015 Wolfgang Brunner für Buchwelten