Ein notwendiges Übel von Abir Mukherjee

Ein notwendiges Uebel von Abir Mukherjee

Erschienen als Taschenbuch
im Heyne Verlag
insgesamt 494 Seiten
Preis: 9,99 €
ISBN: 978-3-453-43920-7
Kategorie: Krimi, historischer Roman

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Ein Jahr nach seiner Ankunft in Britisch-Indien und seinem ersten Fall wird der Sam Wyndham erneut mit einer Mission betraut: Der Thronfolger von Sambalpur ist ermordet worden und die Regierung hat großes Interesse an der Ergreifung des Täters. Sam und sein indischer Freund und Sergeant Surrender-not reisen ins Reich des ermordeten Maharadschas und decken mühsam die Hintergründe des Mordes im undurchschaubaren Machtgefüge von Sambalpur auf …

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Sam Wyndham kehrt zurück. Und, man möchte es kaum glauben, sogar noch besser als im ersten Teil „Ein angesehener Mann“ der Reihe.  Erneut entführt Mukherjee seine Leser in ein fremdes Land und beeindruckt durch seine hervorragenden Kenntnisse, was die Eigenheiten dieses Landes und jener Zeit betrifft. Der zweite Teil der Sam Wyndham-Reihe macht, genauso wie der erste, schlichtweg süchtig und man muss sich zwingen, das Buch aus der Hand zu legen. Zu den wirklich beindruckenden Hintergrundinformationen gesellt sich ein flüssiger, hochwertiger und äußerst angenehmer Schreibstil, der sein übriges dazu tut, dass an immer weiterlesen möchte Mukherjee besitzt außerdem einen ungewöhnlichen Humor, der einem immer wieder zum Schmunzeln bringt. „Ein notwendiges Übel“ ist Historienroman, Krimi und Thriller in einem. An manchen Stellen schimmert sogar ein ganz klein wenig eine zarte Liebesgeschichte hervor.

Und auch hier zeigt sich der Ermittler Sam Wyndham von seiner herrlich erfrischenden Seite, in dem er nämlich absolut nicht dem gängigen Klischee eines Ermittlers entspricht, sondern Schwächen zeigt. Auch die Ausflüge in „seine“ Opiumwelt finden hier im zweiten Teil genauso Beachtung wie schon im ersten. Doch trotz der unkonventionellen Beschreibung der beiden Ermittler liest sich Abir Mukherjees zweites Buch an vielen Stellen wie ein klassischer Krimi im Stil von Agatha Christie. Der verzwickte Plot lässt einen miträtseln und selbst Überlegungen anstellen. Mukherjee hat die Handlung sehr geschickt aufgebaut und lenkt den Leser immer wieder in eine andere Richtung, so dass in keiner (Lese-) Minute Langeweile aufkommt. Man wird von der Handlung wirklich mitgerissen, so rasant geht sie voran.
Vor allem auch aus handwerklicher Sicht lässt Abir Mukherjee keine Wünsche offen. Er beschreibt souverän die Geschehnisse und macht dies auch so bildhaft, dass man meint, unmittelbar dabei zu sein.

Auch als Laie sind die politischen Rangeleien und Verstrickungen einigermaßen gut erklärt, dass man ihnen zumindest folgen kann. Und selbst wenn man als Leser an solchen Intrigen nicht interessiert ist, richtet Mukherjee sein Augenmerk dazwischen immer wieder auf andere Dinge, so dass man niemals genervt das Buch zur Seite legt. Das liegt aber auch an der nahezu perfekten Ausdrucksweise des Autors, der einen sämtliche Dinge, die langatmig sein könnten, vergessen lässt. Die historischen und/oder politischen Aspekte sind jedoch gegenüber der Krimihandlung sehr ausgewogen gehalten und wirken dadurch weder konstruiert noch explizit ausufernd. Genau genommen ist es genau die richtige Mischung, die Mukherjee hier anwendet: Auf der einen Seite unterhält er den Leser, der „nur“ unterhalten werden will, auf der anderen Seite informiert auch diejenigen Leser, die neben der Unterhaltung auch ein Stück Geschichte miterleben wollen. Auch hier möchte ich gern das Wort „perfekt“ verwenden.
Als Fan bleibt mir nur zu hoffen, dass Abir Mukherjee mit seiner Sam Wyndham-Reihe weitermacht – oder zumindest seine schriftstellerische Tätigkeit nicht einstellt. 😉

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Fazit: Fast besser als der Vorgänger. Witzig, spannend, informativ und äußerst stimmungsvoll.

© 2018 Wolfgang Brunner für Buchwelten

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Die Einkreisung von Caleb Carr

Die Einkreisung von Caleb Carr

Erschienen als Taschenbuch
im Heyne Verlag
insgesamt 734 Seiten
Preis: 9,99 €
ISBN: 978-3-453-50398-4
Kategorie: Thriller, Krimi

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Im New York des Jahres 1896 ermitteln Polizeichef Theodore Roosevelt und der Wissenschaftler Dr. Kreisler zusammen mit dem Zeitungsreporter John Moore und der Polizeisekretärin Sara Howard in einem grauenvollen Mordfall. Es handelt sich dabei um eine Mordserie, die die Stadt erschüttert. Mittels eines detaillierten Psychogramms des Mörders gelingt es Dr. Kreisler, den Kreis der Verdächtigen Schritt für Schritt  einzuengen und dem Serienkiller immer näher zu kommen.

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Es dauert nicht lange und man ist mittendrin im Geschehen. Vor allem in der grandios geschilderten, damaligen Zeit, in der dieser extrem spannende Psychothriller spielt. Caleb Carr gelingt es mühelos, die Stimmung des ausgehenden neunzehnten Jahrhunderts einzufangen und man fühlt sich bereits nach wenigen Seiten heimisch im alten New York mit all seinen zwielichtigen Stadtteilen und unheimlichen Gassen. Es ist wirklich atemberaubend detailgetreu geschildert, wie die Ermittlungen vorangehen und mit welcher Hingabe sich die Protagonisten ihrer Aufgabe widmen. An manchen Stellen dachte ich, es handle sich bei „Die Einkreisung“ um einen Roman des hervorragenden Dan Simmons, der bei seinen letzten Büchern in ähnlicher Weise historische Tatsachen mit fiktiven Elementen vermischte („Terror“, „Drood“ oder „Der Berg“). Carr hat einen dermaßen flüssigen Schreibstil, dass man über seine teils langatmig ausufernden Beschreibungen mit einer Leichtigkeit hinweg liest und dabei noch unglaublichen Spaß hat.

Ich sah durchgehend die Ermittlungsarbeiten und die Ereignisse als Film vor meinem inneren Auge, was eindeutig für die bildhafte Schreibweise des Autors spricht. Und nun ist dieser großartige Roman auch als Serie verfilmt worden, da kann man nur gespannt sein, wie die Umsetzung gelang. „Die Einkreisung“, im Original „The Alienist“, ist ein unglaublich stimmungsvoller Roman, der von den Beschreibungen der alten Zeit lebt und den damit verbundenen, erschwerten Ermittlungsarbeiten. Die Vorgehensweise der Detektive und die psychologischen Überlegungen des Wissenschaftlers machen unglaublich Spaß und sind in jedem Satz absolut nachvollziehbar. Es mag sein, dass sich der Plot gegen Ende hin tatsächlich etwas in die Länge zieht, wie von vielen Lesern kritisiert, aber gerade das „Sich Zeit lassen“ im Finale rundet für mich die komplette Geschichte ab und bringt keinen abrupten Cut, wie das leider bei vielen Büchern dieser Art der Fall ist. Caleb Carr beschreibt in seinem Roman die Ursprünge des Profilings, wie wir es heute kennen. Die Sisyphusarbeit, mit der man sich zur damaligen Zeit an die Auflösung eines solch spektakulären Falls machte, ist sehr authentisch beschrieben.

Caleb Carrs Psychogramm eines Mörders und die damit verbundenen Ermittlungsarbeiten ist für mich ein absolutes Genre-Highlight, das ich nicht so schnell vergessen werde. Gerade die ausführlichen Beschreibungen, die vielen als Längen vorkommen, machen die Atmosphäre des Romans aus. Es ist ein Fall zum Mitdenken, der den Leser hier erwartet. Einige Szenen können durchaus als brutal und blutig bezeichnet werden, aber das Hauptaugenmerk richtet Caleb Carr definitiv auf die psychologische Seite eines solchen Täters. Das Buch ist durchgehend enorm stimmungsvoll, was zur Folge hat, dass man sich auf jeder Seite absolut ins Jahr 1896 zurückversetzt fühlt. Die Protagonisten erinnerten mich an manchen Stellen ein wenig an Arthur Conan Doyles Helden Holmes und Watson,  so dass auch hier eine gewisse Nostalgiekomponente erreicht wird, die sich durch den ganzen Roman zieht. Carr erweckt auf hohem literarischen Niveau eine vergangene Epoche wieder zum Leben und lässt den Leser an einem faszinierenden Kriminalfall in atmosphärischer Kulisse teilhaben. „Die Einkreisung“ ist ein ruhiges Buch, das weitestgehend auf temporeiche Action verzichtet und sich mehr auf die Protagonisten und deren Ermittlungsarbeiten konzentriert. Gerade diese Ruhe macht Caleb Carrs Roman für mich zu einem beeindruckenden, bildgewaltigen Ausnahmebuch unter den unzähligen Thriller, die blutrünstige Morde in den Vordergrund stellen. Obwohl „Die Einkreisung“ erst aus dem Jahr 1994 stammt, erscheint das Buch einem wie der Inbegriff des Serienkiller-Romans, was wahrscheinlich an der außergewöhnlich guten Schilderung der alten Zeit liegt, die dem Leser vorspiegelt, es würde sich auch um einen entsprechend „alten“ Roman handeln.
„Die Einkreisung“ sollte man unbedingt gelesen haben. Ich bin schon sehr auf die Serienumsetzung gespannt.

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Fazit:  Ruhiger, atmosphärisch dichter Thriller um einen Serienkiller, der in einer beeindruckend geschilderten Vergangenheit spielt.

© 2018 Wolfgang Brunner für Buchwelten

Yasemins Kiosk – Zwei Kaffee und eine Leiche – von Christiane Antons

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Erschienen als Taschenbuch
im Grafit Verlag
insgesamt  192 Seiten
Preis: 11,00 €
ISBN 978-3-89425-582-4
Kategorie: Krimi
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Nina Gruber, Polizistin, derzeit außer Dienst, bezieht eine Wohnung in einem schönen Mehrfamilienhaus in Bielefeld, nachdem sie bei ihrer Mutter geflüchtet ist. Sie war bei ihrer kranken Mutter wieder eingezogen, damit sie sich um diese kümmern kann, was jedoch in der Praxis einfach nicht funktioniert. Isso!

Ninas Vermieterin Doro ist herzensgut, hat jedoch auch so ihre Probleme. Dann gibt es da noch Yasemin Nowak, astreine Deutsch-Türkin, die den Kiosk im Erdgeschoss betreibt, nebenbei ein bisschen Haare schneidet, Männer datet und ein absolut lebenslustiger Wirbelwind ist. Wäre da nicht der Stalker, der versucht Yasemin das Leben schwerzumachen.

Und als Nina und Yasemin beim Entsorgen des Altpapiers eine Leiche im Altpapiercontainer finden, kennt Yasemin den Toten auch noch. Die Polizei ist damit recht schnell fertig, unsere drei Frauen aber noch lange nicht ….

 

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Dieser Roman ist das Debüt der Autorin Christiane Antons, und hat mir einfach nur von vorne bis hinten Spaß gemacht. Ich hatte darauf gehofft, dass mich hier eine locker-leichte Krimihandlung erwartet, die mich durch die Seiten fliegen lässt und einfach einige entspannte, recht unkomplizierte Lesestunden beschert.

Das hat der relativ kurze Krimi sehr gut geschafft. Die Autorin hat hier sehr sympathische Figuren erschaffen, die mit Herz und „Schnauze“ unterwegs sind, sich nichts gefallen lassen und wirklich mutig sind. Der Verlag wirbt damit, dass es keinen Ermittler gibt, jedoch eine Leiche am Anfang und eine Lösung des Falles am Schluss. Nun, ein bisschen geschummelt ist das ja schon, denn Nina Gruber ist ja eigentlich schon Polizistin. Zwar derzeit nicht im Einsatz, dennoch hat sie natürlich ihre Erfahrungen in petto und ihre Vitamin-B(eziehungen) nutzt sie auch schamlos aus.

Ein bisschen hatte ich das Gefühl, dass ich einen „Grappa“- Roman von Gabriella Wollenhaupt lese. Der Stil ist doch sehr ähnlich. Ein weibliches Rauhbein, dass ist die dortige Hauptprotagonistin ja auch. Vielleicht kennt und mag die Autorin selbst die „Grappa“ gerne und hat sich ein bisschen inspirieren lassen.

Der Stil ist auf jeden Fall locker und sehr flüssig. Ja, es geht auch mal umgangssprachlich zur Sache, was jedoch in Dialogen völlig in Ordnung und auch lebensecht ist. Der Plot ist gut überlegt und auch wenn es jetzt nicht die Überraschung gab am Ende, waren die Fäden schon gut gesponnen.

Mein Fazit: Ein flotter, spritziger Krimi, der mit tollen weiblichen Figuren als Protagonistinnen echt Freude macht. Empfehle ich gerne weiter.

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© Buchwelten 2018

P.S. Als kleine Anekdote am Rande: Als ich das Cover von der Verlagsseite runterspeicherte nannte sich die Datei ‚Antons….Kiosk…‘. Ich habe bei #grafit nachgefragt, ob denn der Kiosk ursprünglich einem Anton statt einer Yasemin gehören sollte? Nein, das Antons beziehe sich auf die Autorin 😊. Okay, soweit zu denken hatte ich dann nicht geschafft *peinlich*

Quazi von Sergej Lukianenko


Quazi von Sergej Lukianenko

Erschienen als Taschenbuch
im Heyne Verlag
insgesamt  414 Seiten
Preis: 14,99 €
ISBN: 978-3-453-453-31852-6
Kategorie: Science Fiction

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Zehn Jahre ist es her, dass eine Seuche ausgebrochen ist und die Menschheit in ein tristes Dasein geworfen hat. Seit dieser Zeit gibt es sogenannte Aufständische, von denen sich einige auserwählte in Quazis, lebende Tote respektive Zombies, verwandeln. Quazis und Menschen versuchen eine Symbiose einzugehen, denn die Auferstandenen sind im Grunde genommen gutmütig. Der Moskauer Polzist Denis Simonow bekommt einen dieser Quazi als neuen Partner zugeteilt. Es dauert nicht lange, und Denis muss feststellen, dass die Quazis etwas planen, um die Menschheit zu unterjochen.

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Lukianenko ist schon seit einiger Zeit der populärste Schriftsteller aus Russland und wenn man seine visionären Romane liest, weiß man auch genau, warum das so ist. Nach seinen Erfolgen mit diversen Reihen (die bekannteste dürfte die legendäre „Wächter“-Reihe sein) widmet sich der Russe einem neuen Kapitel. Der vorliegende Roman mit dem Titel „Quazi“ scheint der erste eines neuen Zyklus zu sein, in dem es um Menschen und wiederauferstandene Tote, sogenannte Quazis, geht. Diese Quazis sind aber nicht die menschenfressenden Monster, wie wir sie aus diversen Zombiefilmen oder Serien wie „The Walking Dead“ kennen, sondern eigentlich Menschen wie Du und ich. Nur eben tot – und quasi unsterblich, weil sie eben schon tot sind. Lukianenko nähert sich dem Thema sehr vorsichtig und schafft es dadurch, dem Szenario eine hohe Glaubwürdigkeit zu verleihen. Seine Untoten sind so menschlich wie seinerzeit der fast schon liebenswerte „Bub“ in George A. Romeros „Day Of The Dead“.

Es ist ein sehr außergewöhnlicher (und für manchen Leser und Lukianenko-Fan wohl auch gewöhnungsbedürftiger) Genre Mix aus Science Fiction, Dystopie, Horror und Krimi. Ich persönlich kam mit dieser Mischung hervorragend klar und war auch stellenweise von den grandiosen Ideen begeistert. Gerade die undurchsichtigen, aber auch gewissermaßen liebenswerten, Charaktere der Quazis, die um ihre Existenzberechtigung kämpfen, haben mir sehr gefallen. Eigentlich haben diese untoten Wesen keinerlei Gefühle mehr in sich, aber dennoch kann man die Quazis oftmals verstehen und meint auch hin und wieder, Emotionen in ihrem Handeln zu entdecken. Sergej Lukianenkos neuer Roman ist kein Geniestreich, wie es manch andere Geschichte aus seiner Feder ist, aber das Werk besitzt eine sehr eindringliche, dystopische Atmosphäre, die mir gut gefallen hat. In einigen Rezensionen wird die angeblich schlechte Übersetzung angeprangert, von der ich aber nichts gespürt habe. Sicherlich ist mir aufgefallen, dass die wiederauferstandenen Toten nicht „Wiederauferstandene“ sondern „Aufständische“ bezeichnet wurden, was absolut keinen Sinn ergibt. Aber wenn man diesen „Makel“ einfach hinnimmt, denn man weiß ja, was gemeint ist, kann man ohne weiteres damit leben und die Geschichte dennoch verstehen.

Man merkt dem Roman an, dass er von Lukianenko stammt, obwohl in seinen anderen Romanen weitaus mehr philosophische Aspekte vorhanden sind. Nichtsdestotrotz kommt aber auch bei „Quazi“ eine gewisse Tiefe zum Tragen, die schlichtweg anders gelagert ist als bei den „echten“ Science Fiction-Storys. Lukianenko widmet sich hier mehr einer möglichen Realität, die uns in Zukunft erwarten könnte, sollte der Mensch eines Tages dazu fähig sein, den Tod zu überwinden. Lukianenko verbindet aktuelle Lebensgefühle mit eventuell zukünftigen, spricht zwar politische und sozialkritische Punkte kurz an, vertieft sie aber nicht. „Quazi“ ist ein erfrischender Beitrag in der schon Jahre anhaltenden Zombie-Dystopie-Apokalypse-Welle, weil er das Thema anders angeht – menschlicher und auf andere Weise erschreckend, als es andere Bücher und Filme derzeit tun. Lukianenko sind mit Denis Simonow und dem Quazi Michail Bedrenez interessante Charaktere gelungen, die noch ausbaubar wären. Entsteht hier tatsächlich eine neue Reihe, kann man schon gespannt sein, wie sich die Charaktere und die Nebenhandlung (die private Geschichte des Ermittlers Denis Simonow) entwickelt. Da steckt auf jeden Fall noch eine Menge Potential im Plot.

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Fazit: Gelungener Zombie-Dystopie-Krimi-Mix, der einen erfrischenden Weg einschlägt.

© 2018 Wolfgang Brunner für Buchwelten

Grappa und die stille Glut von Gabriella Wollenhaupt

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Grappa und die stille Glut
Erschienen als Taschenbuch
im Grafit Verlag
insgesamt 224 Seiten
Preis: 9,99 €
ISBN: 978-3-89425-455-1
Kategorie: Krimi

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Sommerloch in Bierstadt. Das Tageblatt muss irgendwie die Seiten füllen, also wird u.a. eine Serie über Stalking-Opfer ins Leben gerufen und Grappa ist die richtige Journalistin hierfür. Es meldet sich ein Pfarrer, der sich hoffnungsvoll an Grappa wendet. Er wird von einer 72-jährigen Dame gestalkt. Was mit Blumen und selbstgebackenen Plätzchen begann, ufert nun in erotischen Schleiertänzen in seinem Vorgarten aus. Grappa rät dem armen Mann, sich an die Polizei zu wenden, doch da fühlt er sich nicht ernst genommen. Grappa beginnt (eher halbherzig) zu recherchieren und auf einen Anruf am späten Abend des Pfarrers reagiert sie nicht, auch wenn sie ihm ihre Karte gegeben hat. Sie hört am nächsten Morgen die Mailbox ab und versucht zurückzurufen. Doch da ist es bereits zu spät: Der Mann wurde grausamst ermordet in seinem Haus aufgefunden. Grappa, die leider auf die ermittlerischen internen Hinweise ihres Irgendwie-Lebensgefährten Friedemann Kleist verzichten muss, lässt nicht locker.

Nun verbeisst sich Grappa in die Nachforschungen und findet heraus, dass eine Spur des Pfarrers zurückführt auf eine Jugendgruppenreise, die vor zwanzig Jahren in ein Ferienlager geführt hat. Dort verschwand ein junges Mädchen, das in der Gruppe als Küchenhilfe arbeitete, spurlos. Der ermordete Pfarrer war damals als Betreuer dabei. Hat diese Spur etwas mit seiner Ermordung zu tun? Doch wie passt die alte Dame, die das Opfer gestalkt hat, in diese Vergangenheit? Wie Grappa herausfindet ist diese Stalkerin nämlich keinesfalls eine irre, ausgeflippte Alte, sondern eine Frau, deren Tochter vor 50 Jahren als kleines Mädchen verschwand. Grappa deckt immer mehr interessante Hintergründe auf und begibt sich nun vollends verbissen auf die Suche nach der Wahrheit ….

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Dies ist bereits der 25. Grappa-Roman, den die 1952 geborene Autorin Gabriella Wollenhaupt aus der Feder zaubert. Zaubert darum, weil sich diese Krimis so lesen, als flössen die Ideen nur so aus ihr heraus. Ich selbst lese mit diesem Roman erst den dritten Roman dieser Reihe und irgendwie gefiel er mir bislang am besten. Komischerweise fehlt eine wichtige, mir auch sehr sympathische Figur, da Dr. Friedemann Kleist sich eben derzeit im Ausland anderen beruflichen Herausforderungen widmet. Dennoch, die Handlung finde ich diesmal nicht nur locker, flockig, rasant und humorvoll. Der Plot ist sehr verwoben und verzwickt, liefert viele neue Wendungen und somit dem Leser eine richtig gute kriminalistische Handlung. Nicht, dass die Vorgänger das nicht täten. Nur, dass ich diese Story wirklich gut gelungen finde. Grappa lernt Menschen kennen, lebend oder tot, blickt hinter die Fassade, schaut „in“ die Charaktere und forscht tief. Hierbei kommen wirklich interessante, traurige und natürlich auch schlimme Dinge zu Tage.

Wollenhaupt hat mit ihrer Journalistin eine wirklich gute Figur geschaffen. Eine Frau wie du und ich, mit Schwächen und Stärken. Sie ist locker, schlagfertig, direkt, humorvoll aber auch nachdenklich und ganz und gar nicht oberflächlich. Die Dialoge zwischen ihr und z.B. dem Fotografen Wayne und auch der Bäckerin (die ja irgendwie auch eine Freundin ist) Frau Schmitz, machen einfach nur Spaß. Nicht zu vergessen die kleine Nebenhandlung um Mäggi Wurbel-Simonis nach dem Kenia-Urlaub (sehr gut!).

Nachdem ich mich zuvor über vier Wochen durch einen Roman gekaut habe, hatte ich absolutes Lesevergnügen mit dem neuen Grappa. Ich bin nur so durch die Seiten geflogen und war viel zu schnell durch.

Mein Fazit: Knappe 200 Seiten kriminelles Lesevergnügen, dass nicht nur humorvoll, flott und rasant ist, sondern ebenso anspruchsvoll, hintergründig und gut ausgeklügelt. Für mich bisher der beste „Grappa“. Darum gebe ich diesmal auch gerne eine volle 5 – Sterne Punktzahl!

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Ich danke dem Grafit-Verlag für die Bereitstellung des Rezensionsexemplars.

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Wer Lust hat meine weiteren Rezensionen zu den Romanen von Gabriella Wollenhaupt zu lesen, der kann ja HIER mal schauen!

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© Buchwelten 2015

Mord im Viertel von Cord Buch

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Mord im Viertel
Erschienen als Taschenbuch
im Verlag edition oberkassel
insgesamt ca. 200 Seiten
Preis: 11,99 €
ISBN 978-3-943121-63-6
Kategorie: Krimi

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Nele arbeitet als freie Journalistin, ist schon um die 50 Jahre alt und führt ein eher untypisches Leben. Sie teilt Ihre Wohnung mit Tjark, den man wohl als ihren festen Freund bezeichnen kann, hat aber auch immer mal Liebhaber, denn sie hat die Lebenseinstellung, dass man die Liebe und die Menschen nehmen soll, wie sie kommen und sich nicht nur für eine Person aufsparen kann/muss/soll. Tjark teilt diese Lebenseinstellung und so führen sie eine Beziehung, die sich derzeit auf Grund von Tjarks Beruf leider aktiv auf das Wochenende beschränkt.

Ihr Sohn Cairo ist schon 20 Jahre alt und führt sein eigenes Leben. Als dieser eines Abends im Zusammenhang mit den Protesten gegen eine geplante Luxussanierung im Viertel Neles ehemaligen Freund von vor 30 Jahren anschleppt, staunen beide nicht schlecht. Nele ist sicher, dass Joes (das ist der Name des Ex) Erscheinen in Verbindung mit der Widerstandsbewegung steht, denn Joe war vor einigen Jahrzehnten sehr radikal und dies war mitunter ein Grund zur Trennung.

Nele vermutet politische Hintergründe in der geplanten Sanierung und plötzlich geschieht der erste Mord: Der Immobilienhai, mit dem Nele eigentlich zum Interview verabredet war, wird kurz vor dem Termin erschossen aufgefunden. Nele bekommt bei ihren Recherchen unerwartete Unterstützung des Computerfachmanns Ben, der in ihrem Zeitungsprojekt für die Wartung der Rechner verantwortlich ist. Er offenbart sich als gewandter Hacker und ist Nele nur zu gerne behilflich. Zumal er sich auch körperlich von ihr angezogen fühlt.

Nach einem Brandanschlag auf den Infostand des Sanierungsprojektes, gerät ihr Sohn Cairo unter Verdacht. Und nachdem ein weiterer Mord in Neles nahem Umfeld geschieht, zieht auch sie das Interesse der ermittelnden Beamten immer mehr auf sich. In was ist Nele da nur hineingeschlittert? Hat das plötzliche Auftauchen von Joe damit zu tun? Nele weiss, dass sie nicht aufhören darf zu recherchieren. Sie muss erfahren wer und welche Gründe hinter den brutalen Morden stecken …

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Mord im Viertel ist der Debütroman von Cord Buch und den möchte ich doch als gelungen bezeichnen. Er schreibt in einem sehr guten, gehobenen Schreibstil, der mich sehr angesprochen hat. Hier gibt es einige Ausnahmen, auf die ich später noch einmal eingehen werde.

Er beginnt jedes Kapitel mit einer Traumsequenz und gerade diese Sätze haben mich sehr angesprochen. Die Handlung ist gut und schlüssig und erinnert mich mit ihrem doch politischen Hintergrund ein bisschen an die Horst Eckert Romane. Das Interessante für mich war, dass – obwohl hier ein Krimi vorliegt – die Ermittler und Kommissare eine absolute Nebenrolle spielen. Sie tauchen immer mal wieder auf, die wichtigen Charaktere des Buches sind diese allerdings in keinem Fall. Die sind Nele und ihre Freunde, Liebhaber und Bekannten.

Ob mir Nele so richtig ans Herz gewachsen ist, kann ich nicht wirklich beurteilen. Sie lebt sicherlich ein absolut unkonventionelles Leben, was auch gut ist und ihr gegönnt sei. Allerdings ist mir ihr Denken und Handeln sehr oft lediglich vom Sex gesteuert oder verblendet. Und diese Stellen haben mir teilweise dann auch nicht gefallen. Ich mag gerne erotische Szenen lesen, jedoch ist mir hier der Schreibstil in manchen Passagen schon in die pornografische Beschreibung abgerutscht, die mich persönlich überhaupt nicht anspricht. Gegen Ende des Romans hat sich dies dann etwas relativiert und da war mir Nele dann auch sympathischer.

Der Autor nennt die Großstadt in der sein Roman spielt, nie wirklich beim Namen. Wegen der Nähe zum Meer habe ich mir gedacht, dass es sich um Hamburg handelt. Der Spannungsbogen war gut aufgebaut. Ich habe für mich recht früh abgesehen, wer der Mörder war, dass muss aber ja nicht bei jedem so sein.

Was mich ein wenig stört ist, dass der Verlag den Roman in einer absolut kleinen Schrift abgedruckt hat, was das Lesen doch recht anstrengend macht. Mir hätte eine etwas grössere Schrift und ein lockerer Seitenaufbau viel besser gefallen, auch wenn der Roman dadurch mehr Seite vorgewiesen hätte.

Mein Fazit: 4 von 5 Sternen für einen Hamburger Szenekrimi, der in einem sehr guten Schreibstil die Themen Politik, Protest, Geldmacherei, Sex, Beziehung und einiges mehr zwischen zwei Buchdeckeln bietet. Es ist immer wieder interessant, welche Schätzchen sich in kleineren Nischenverlagen finden.

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Ich danke der edition oberkassel für die Bereitstellung des Rezensionsexemplars.

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© Buchwelten 2014

Schwarzlicht von Horst Eckert

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Erschienen als gebundene Ausgabe
im Wunderlich Verlag
insgesamt 384 Seiten
Preis:  19,95 €
ISBN:  978-3-8052-5057-3
Kategorie: Thriller

erscheint am: 20. September 2013

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Vincent Veih, der sportliche Ermittler, wird vorübergehend zum Leiter des KK11 befördert, da Ela Bach relativ kurzfristig ihren Posten verlässt, um sich beruflich zu verändern.

Veih bekommt es gleich mit einem hochgradig heiklen Fall zu tun: Knapp eine Woche vor der Wahl wird der Ministerpräsident von NRW tot in einem Pool aufgefunden. Der Pool liegt in einem Edelpenthouse eines sehr einflussreichen Bürgers. Offensichtlich pflegten die beiden Männer eine recht enge Freundschaft.

Auf den ersten Blick deutet alles auf einen Unfall hin. Es scheint, als hätte der Ministerpräsident nach zuviel Alkoholkonsum die Kontrolle verloren, sei ausgerutscht und dann in den Pool gefallen.

Doch wenn alles so einfach wäre, dann bräuchte es keine hartnäckigen Ermittler. Veih ist so ein Mensch, auch wenn er von allen Seiten Steine in den Weg geworfen bekommt.

Veih hat es allein wegen seines familiären Hintergrundes nicht einfach in seinem Job. Seine Mutter ist eine ehemalige RAF-Terroristin, die nach einer langer Haftstrafe wieder auf freiem Fuß ist und nun anderweitig von sich reden macht. Sein Großvater war im zweiten Weltkrieg aktiv an der Ermordung von Juden beteiligt.

Die Wahl rückt immer näher, Vorgesetzte, Parteiangehörige, die Regierung selbst, alle wollen das lästige Thema um den Tod des Ministerpräsidenten schnell vom Tisch haben. Doch Veih lässt sich nicht einfach ausbooten und kaltstellen, er ermittelt auf seinen eigenen Wegen weiter und zwar solange, bis er den Tod um den Ministerpräsidenten aufgedeckt hat. Dabei stößt er auch eine Reihe interessanter und aufschlussreicher Verbindungen, mit denen er so nicht gerechnet hat ….

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Der erste Eckert, der im neuen Verlag Wunderlich/Rowohlt erschienen ist. Das Buch wird als gebundene Ausgabe mit Leseband (!) präsentiert und ist schlicht und einfach in schwarz gehalten, bedruckt mit einem unreisserischen Schriftzug, auf einem dezenten Cover. Mir gefällt die Optik gut, es gleicht sich auch gut den anderen Romanen des Autors an, die nun bekanntlich vorher im grafit Verlag erschienen sind. Die Schlichtheit ist ähnlich, nur dass der knallgelbe grafit-Kasten nicht mehr da ist. Das Buch passt sich jedenfals seinen Vorgängern im Bücherregal gut an. 

Der Text auf der Rückseite besteht nur aus einigen Schlagwörtern, die sehr neugierig machen. Erst im Klappentext des Schutzumschlages gibt es eine kurze Inhaltsangabe im fließenden Text.

Die Handlung war wieder einmal von Anfang an sehr fesselnd und ich bin nur so durch den Roman geflogen. Ich habe eine Reihe alter Bekannter getroffen, die Schauplätze sind Eckert Fans auch bekannt (z.B. die Festung).

Mir hat der Charakter des neuen Ermittlers gut gefallen, ein Mensch, der mit dunklen familiären Hintergründen lebt und es auf Grund dessen nicht unbedingt einfach hat. Er ist dennoch ein offener und ehrlicher Mensch, der mir sympathisch war. Kein Großkotz, kein arroganter Schnösel, einfach ein Mensch, der versucht eine gute Arbeit zu machen und sehr menschlich wirkt.

Ich fand diesen neuen Eckert weniger politisch anstrengend als die vorherigen Bücher, die Handlung ist nicht so hochkompliziert, dass man bei jeder Zeile hochkonzentriert sein muss. Man kann die Lesestunden entspannt genießen, ist dennoch gefesselt und behält jederzeit den Überblick, auch wenn der Autor sehr viele verschiedene Themen aufgegriffen hat und die Handlungsstränge vielseitig sind.

Mein Fazit: 5 von 5 Sternen für den neuen Roman von Horst Eckert. Eine spannende Handlung in bekannter Umgebung, bestückt mit guten, interessanten und vielschichtigen Charakteren. Für mich war es ein fesselndes, kurzweiliges Lesevergnügen.

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Ich danke dem Wunderlich/Rowohlt Verlag für die Bereitstellung des Rezensionsexemplars.

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© Buchwelten 2013

Messerscharf von Silvia Kaffke (4,5 von 5)

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Erschienen als
Taschenbuch
bei rororo
304 Seiten
Preis: 8,99 €
ISBN:  978-3-499-25679-0

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Barbara Pross ist ein perfektes Beispiel für Menschen, die von ganz oben nach ganz unten abstürzen.

Sie war eine sehr erfolgsbesaitete BKA Ermittlerin, die als (in den Staaten geschulte) Profilerin in vielen Mordermittlungen absolut erfolgreich und von Kollegen und Vorgesetzten für ihren Instinkt und ihre Fähigkeiten sehr geschätzt war.

Doch die letzte Ermittlung hat sie zu einem seelischen Wrack gemacht, hat sie gefühlsmäßig zu sehr mitgenommen und sie hat sich für ein Jahr beurlauben lassen, in der Hoffnung sich zu erholen und wieder zu sich selbst zu finden.

Doch ihr Plan geht nicht auf. Sie lässt sich gehen und ihre Wohnung verwahrlost zusehends. Dreckige Wäsche, nicht gespültes Geschirr und Barbara Pross kann sich nicht aufraffen irgendetwas an ihrer Situation zu ändern.

Das einzige was ihr noch zu gefallen scheint ist, draußen zu sein. Sie lebt in Frankfurt und es zieht sie immer wieder hinaus in die Strassen und vor allem zum Bahnhof, wo sie sitzt und die Menschen beobachtet: Obdachlose, Drogenabhängige und Stricher.

Als sie wieder einmal am Hauptbahnhof rumhängt fällt ihr Blick zufällig auf eine Zeitung und die Schlagzeile „Mord in Düsseldorf“ zieht sie an. Einer spontanen Eingebung folgend kauft sie sich eine Zugfahrkarte nach Düsseldorf. Sie hat nichts dabei, nur die Klamotten die sie am Leibe trägt und ihr Portemonnaie mit ein wenig Geld darin.

In Düsseldorf angekommen weiß Barbara nun nicht, was sie eigentlich dort soll und natürlich auch nicht wo sie hin soll. Sie trifft die Obdachlose Doris, einst sorgende Mutter von zwei Kindern, die nun dem Suff erlegen ein Pennerdasein lebt. Doris nimmt Barbara mit in ihre Unterkunft. Sie ist sehr stolz darauf und Barbara darf niemandem davon erzählen. Nun, Barbara kennt sich in Düsseldorf nicht aus und es gibt auch niemanden dem sie etwas verraten könnte. Doris führt Barbara nach einem etwa einstündigen Fußmarsch in den Keller eines alten Bürogebäudes. Dort liegen Pappkartons auf dem Boden und es gibt Decken. Zumindest ist es trocken und halbwegs warm und da Barbara todmüde ist, schläft sie auch schnell ein. Als sie am nächsten Morgen aufwacht ist Doris verschwunden und ihr Portemonnaie dummerweise ebenfalls. Fein säuberlich aus der aufgetrennten hinteren Jeanstasche entwendet.

Barbara macht sich wieder auf den Weg und streift ziellos durch die Strassen, bis sie von einem plötzlichen Regenschauer überrascht wird. Nass bis auf die Knochen betritt sie eine Düsseldorfer Kneipe um sich aufzuwärmen. Der Zehnmarkschein reicht gerade noch für ein, zwei Tassen heißen Tee.

Die billige Anmache eines Typen in ihrem Alter blockt sie ab, doch als der ruhige, ernste Mann einige Tische weiter ihr eine heiße Gulaschsuppe anbietet sagt sie nicht nein. Warum nicht? Sie weiß es nicht, der seltsame Mann, mit seiner stillen, ruhigen aber dennoch aufmerksamen und beobachtenden Art ist ihr sympathisch. Irgendetwas hat er an sich, dass ihr ein gutes, geborgenes Gefühl vermittelt.

Während des Gespräches in der Kneipe stellt er sich ihr als Thomas Hielmann vor. Als er ihr anbietet mit zu ihr nach Hause zu gehen und dort zu übernachten, weil er ein Gästezimmer, Gästebett und vor allem eine heiße Dusche anzubieten hat, geht sie mit ihm. Warum tut sie das, sie weiß das in der Stadt ein Frauenmörder zugeschlagen hat und eigentlich müsste ihr Ermittlerinstinkt Alarm schlagen, doch das tut er nicht ….

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Ich habe bislang ein Buch von Silvia Kaffke gelesen und das war ihr historischer Ruhrort-Krimi „Im roten Licht des Mondes“ und der hatte mir so gut gefallen, dass ich nun den Debütroman der Autorin zur Hand genommen habe.

Und auch wenn einige böse Zungen behaupten mögen, es handle sich hierbei auch um einen historischen Krimi (es wird in DM bezahlt und es gibt keine Handys) bin ich der Meinung, dass dieses Werk die Neuauflage verdient hat und dennoch absolut zeitgemäß ist.

Es wird zwar noch auf die herkömmliche Art ermittelt, z.B. mit kopierten Ermittlungsakten aber es gibt sehr wohl schon einen Laptop, auch wenn der noch mit einem Modem im Internet unterwegs ist . Es ist mir während des Lesens nicht aufgefallen, das die mordernen technischen Hilfsmittel nicht vorhanden sind.

Mir gefällt der Schreibstil der Autorin, der zwar einfach aber dennoch gut ausgearbeitet ist. Sie schafft es ihre Figuren lebensecht und greifbar zu charakterisieren. Da meine ich natürlich zuerst einmal die Protagonistin Barbara, deren Absturz und Leben als verwahrloste Ex-Ermittlerin gut beschrieben ist. Die Gedanken, Gefühle von Barbara und die Entwicklung ihrer Beziehung zu Thomas Hielmann hat Silvia Kaffke gut beschrieben. Ihre Sehnsucht nach Geborgenheit, nach einem wieder geregelten Leben und der Rückkehr in ihren Job. Auch wenn dies eher unbeabsichtigt geschieht, stellt sich heraus, dass Barbara ohne ihre Arbeit doch nicht leben kann und die Idee der Beurlaubung nicht so gut war, wie sie es dachte.

Die Figur des Thomas Hielmann, der als zwielichtiger Mann mittleren Alters auftaucht und es sich angewöhnt hat, hilfsbedürftige Frauen mit nach Hause zu nehmen und ihnen eine gewisse Zeit ein ruhiges, angenehmes Leben bietet hat mir ebenso sehr gut gefallen. Die Hintergründe für sein Handeln, seine stille, unaufdringliche, angenehme aber exzentrische Art hat die Autorin auch sehr gut dargelegt.

Nebenfiguren waren auch nicht oberflächlich oder zu wenig beschrieben, sondern wurden ihren Rollen in der Handlung absolut gerecht. Ich kann nicht von einer absoluten, knisternden, dramatischen Spannung sprechen, eher gab es das gesamte Buch hindurch eine ruhige, angenehme Stimmung. Auch wenn es natürlich einmal dramatische Szenen gab, doch diese haben mich während des Lesens nicht außer Atem gebracht. Vielmehr war mein Leser-Ermittler-Hirn wieder in vollem Einsatz und das hat wiederum großen Spaß gemacht. Bin ich auf der richtigen Fährte? Oder ist diese Lösung zu einfach? Habe ich etwas übersehen? Wenn ich mitgrüble und rätsle und in Lesepausen davon erzähle ist das ein Zeichen, dass mir ein Buch gefällt.

Für mich war es zusätzlich noch schon Teile der Orte zu kenne, ähnlich wie bei den Roman von Horst Eckert. Ich kenne den Kalkumer Wald zwischen Ratingen und Kaiserswerth und auch die Bezeichnung „Mörsenbroicher Ei“ kennt nicht jeder.

Eine Figur im Roman hat Düsseldorfer Platt gesprochen und ich finde, es ist der Autorin gut gelungen. Hier hat sie sicherlich ein wenig recherchiert. Es war sicherlich ein bisschen anstrengend zu lesen, das Düsseldorfer Platt ist schon recht extrem aber es wirkte nicht künstlich oder völlig doof, wie ich es in einem anderen Roman bei vermeintlichem norddeutschen Platt einmal gelesen hatte.

Das Cover des neu aufgelegten Taschenbuches ist relativ schlicht aber ansprechend und es ist nicht in weiß-rot gehalten, was mir gut gefällt.

Und die Figur Barbara Pross und ihre Arbeitsweise haben mir so gut gefallen, dass ich mir ihre weiteren Fälle bereits besorgt habe.

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Mein Fazit: 4,5 von 5 Sternen für diesen Debüt Krimi aus den 90er Jahren, der trotz seiner fehlenden technischen Mittel und forensischen Beschreibungen dennoch Spaß gemacht hat und eher von den Protagonisten lebt, die nicht die typischen Ermittler sind.

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Ich danke dem Rowohlt Verlag (rororo) für die Bereitstellung des Rezensionsexemplars.

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