Der Kult von Marlon James

Der Kult von Marlon James

Erschienen als gebundene Ausgabe
im Heyne Verlag
insgesamt 286 Seiten
Preis: 22,00 €
ISBN: 978-3-453-67718-0
Kategorie: Horror, Drama, Thriller

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In einem kleinen Dorf namens Gibbeah taucht eines Tages ein schwarz gekleideter Unbekannter auf, der sich „Apostel York“ nennt und dem bis dato dort predigenden Hector Bligh den Posten streitig macht. Bligh ist ein versoffener alter Mann, der von York ohne Mühen  von der Kanzel gestoßen wird. Denn York ist charismatisch und schlägt die Dorfbewohner sofort in seinen Bann. Schon bald entbrennt ein erbitterter Kampf sowohl um die Seelen der Bewohner als auch um die religiöse Macht über das Dorf.

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Zu Anfang sei angemerkt, dass es sich bei „Der Kult“ nicht um ein neues Buch handelt, sondern um den Debütroman von Marlon James, der bereits 2009 unter dem Titel „Tod und Teufel in Gibbeah“ erschienen ist.
Man muss sich schon auf Marlon James‘ Schreibstil einlassen können, um das Buch zu genießen (und vielleicht auch verstehen) zu können. Und obwohl des Öfteren derbe Ausdrücke benutzt werden, wirkt der Roman dennoch auf hohem literarischem Niveau verfasst. James‘ benutzt eine sehr außergewöhnliche Bildsprache, die sich dem Leser oftmals erst im Nachhinein offenbart. Es sind atmosphärisch dichte, filmreife Bilder, die der Autor mit seiner unkonventionellen Ausdrucksweise im Kopf des Lesers heraufbeschwört. Jede Menge Zitate aus der Bibel werden geschickt in die Handlung mit eingeflochten und lassen dabei ein etwas zweifelhaftes Bild auf Religionen und deren fanatischen Anhänger entstehen. Marlon James packt den Leser von Anfang an und lässt ihn einfach nicht mehr los. Man gerät als Leser ähnlich wie die Protagonisten in einen Strudel aus Sex und Gewalt, dem man sich nicht mehr entziehen kann (und irgendwie auch nicht möchte), denn zu stimmungsvoll sind die Beschreibungen der Ereignisse.

Alkohol, sündhafte sexuelle Ausschweifungen und fanatische Schwarzmalerei führen zu einem Kampf zwischen Gut und Böse, zwischen Moderne und mittelalterlich erscheinender Vergangenheit. Mit spärlichen, aber hundertprozentig treffsicheren Worten lässt Marlon James eine Welt vor den Augen des Lesers entstehen, vor der man sich fürchtet, aber gleichermaßen auch vollkommen in  Bann gezogen wird. Gerade die fast schon vulgären, sexuellen Beschreibungen, die an Dantes „Göttliche Komödie“ oder apokalyptische Bilder von Hieronymus Bosch erinnern, sind es, die den besonderen Reiz dieses Romans ausmachen. „Der Kult“ wirkt in der Tat apokalyptisch und dystopisch, aussichtslos und deprimierend. Viele Szenen und Bilder wirken so lange nach, das sie sich dem Leser erst nach Genuss der Lektüre, erschließen. Beeindruckend schildert James, wie sich eine ganze Stadt von den Predigten eines einzigen Mannes beeinflussen lässt. Die Bewohner verhalten sich teilweise wie Marionetten oder Lemminge, die sich einzig auf die Stimme ihres „Apostels“ verlassen. Marlon James zeigt gekonnt auf, wie einfach es für einen einzigen Mann ist, Menschen derart zu beeinflussen, dass sie ihm letztendlich hörig sind.

Viele sündhafte Ausschweifungen und menschliche Abgründe werden in „Der Kult“ beschrieben: Sodomie, Pädophilie, Ehebruch oder Untreue.  An manchen Stellen werden Marlon James‘ Beschreibung fast schon pornographisch, aber sie könnten nicht passender sein, denn sie arbeiten auf einen unglaublich intensiven Kampf zwischen Gut und Böse hin. Und erneut kommen einem beim Lesen Vergleiche mit Dante und Bosch in den Sinn. „Der Kult“ ist ein beeindruckender Roman über beängstigenden religiösen Fanatismus, sexuelle Entgleisungen und den Auswirkungen einer Massenhysterie in exzessive Gewalt. Die Geschichte ist ein Gleichnis über die Zerstörung einer Gesellschaft durch die Machtergreifung eines verblendeten Aufhetzers, der die Grenzen zwischen Wahrheit und Lüge (Gott und Teufel) verwischen lässt. Oft gleitet Marlon James ins Surreale ab und begibt sich damit auf literarische Pfade, die sonst nur der Regisseur David Lynch auf filmischem Weg betritt. Die Auseinandersetzung der beiden Priester, die das Gute und Böse im Menschen verkörpern (?) ist episch, aber auch mystisch und brennt sich szenenweise unaufhaltsam ins Gehirn ein. Den Roman einem Genre zuzuordnen fällt sehr schwer, denn zu vieles wurde vom Autor darin verpackt, um einer geraden, einfachen Linie zu folgen.
„Der Kult“ ist Kult.

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Fazit: Kultverdächtig, episch und beeindruckend.

© 2018 Wolfgang Brunner für Buchwelten

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Killt Grappa! von Gabriella Wollenhaupt

Killt Grappa!
Erschienen als Taschenbuch 1996
im Grafit Verlag
insgesamt 212 Seiten
Preis: 7,99 € Ebook (neu nur noch als Ebook verfügbar)
ISBN: 978-3-89425-066-9
Kategorie: Krimi

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Maria Grappa, Journalistin und Polizeireporterin, berichtet – natürlich – wieder als eine der ersten, als der bekannte Bierstädter Schönheitschirurg Dr. Oktavio Grid Opfer eines brutalen Mordes wird. Er wird tot im heimischen Ehebett aufgefunden und wurde auf fieseste Weise abgeschlachtet.

Die Ehefrau des Toten gesteht den Mord relativ schnell. Ein Racheakt einer gedemütigten Ehefrau? Ganz so sieht die Sache aus. Doch Grappa sieht die Sache ganz und gar nicht so einfach und klar. Zu unkompliziert scheint sich der Fall aufgelöst zu haben.

Gemeinsam mit Kommissar Nikolaus Kodil, den Grappa auch ein kleines bisschen näher kennt, und dem Fotografen „Turkey“ bohrt sie tiefer und landet in einem Knoten aus Schönheitschirurgie, Satanismus, Rache und Körpertherapie …

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Ich lese ja bekanntlich sehr gerne die „Grappa“-Romane, weil sie immer rasant, bissig und voll von (oft schwarzem) Humor sind. Grappa ist so eine „Marke“ für sich. Die Journalistin mit der lockeren Klappe, die immer schlagfertig, aber auch ein ganz kluges Mädchen ist, die Männer, gutes Essen und guten Wein mag und für eine gute Story so ziemlich jeden – auch gefährlichen Weg – einschlägt.

Ich habe mich sehr gefreut, als mein Mann mir 2 der älteren Roman geschenkt hat. Hier ist der 7. Band, der geschrieben und veröffentlicht wurde. Grappa war damals charakteristisch schon genauso drauf wie heute. Die Vorgesetzten und die Kollegen sind noch andere, die Fotografen scheinen im „Bierstädter Tageblatt“ auch mal öfter zu wechseln. Die Bäckersfrau heißt noch Scholz, statt Schulz, scheint mir aber irgendwie schon dieselbe zu sein … und der Grafit-Verlag hat noch auf rein weißem Papier gedruckt.

Die Handlung ist auch hier wieder sehr spannend, rasant und auch nicht immer leichte Kost. Denn es geht auch schon einmal heftig zur Sache. Aber Gabriella Wollenhaupt hat hier ja ein unheimliches Händchen, diese schrecklichen Themen in eben dieser herrlichen „Grappa-Manier“ zu schreiben. So ist es auch hier mit den Themen Satanismus, Opferung, Kindesmisshandlung und schwarzen Messen. Immer wieder bringt die Autorin den Leser runter mit ihren entweder klassischen Grappa-Sprüchen oder einfach einem guten Essen oder einem ruhigen, ernsten Gespräch. Denn auch das kann diese vielseitige Protagonistin sehr gut.

Und sorry, eventueller Spoiler: Aber als Grappa in der Schwarzen Messe spioniert und mit „Hadschi Alef Omar“ antwortet, da habe ich mich fast nass gemacht vor Lachen. Das war so eine geniale Situationskomik, einfach spitzenmässig.

Mir gefallen auch die älteren „Grappa“-Romane sehr gut, sodass ich sie mir nach und nach alle noch zulegen werde. Derzeit lese ich einen weiteren Roman aus der Reihe, diesmal aus dem Jahre 2002. Ich bin also etwas gesprungen. Ich werde natürlich berichten ☺

Der Grafit Verlag verlegt diesen Roman (leider) nur noch als Ebook. Ich selbst bin ja gar kein Freund eben solcher und ich habe auch keinen Reader. Aber für solch – Zitat #joachimkörber – „Komplettistenraubtiere“, gibt es sehr schöne Plattformen, auf denen man gelesene Bücher für kleines Geld in tollem Zustand ergattern kann (z.B. rebuy) und natürlich nicht zu vergessen die vielen Buchmärkte, die immer wieder stattfinden.

© Marion Brunner_Buchwelten 2018

The Fourth Monkey von J.D. Barker

The Fourth MonkeyGeboren um zu toeten von JD Barker

Erschienen als Taschenbuch
im blanvalet Verlag
insgesamt 540 Seiten
Preis: 14,99 €
ISBN: 978-3-7645-0624-7
Kategorie: Thriller, Krimi

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Schon seit Jahren jagt Sam Porter den 4MK, den „Fourth Monkey Killer“. Nun hat der Täter erneut zugeschlagen. Porter gerät wieder in einen Strudel aus Leid und Gewalt und bekommt die Chance, das Tagebuch des Killers zu lesen. Und dieses Mal vermischt sich sogar seine eigene Vergangenheit mit der grausamen Gegenwart.

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Man taucht schon nach den ersten Seiten in eine Welt ein, die man aus Filmen wie „Sieben“, „The Cell“, „Das Schweigen der Lämmer“ oder „Der Zodiac-Killer“ kennt: Düster und erschreckend. J.D. Barker ist mit seinem Thriller ein Pageturner allererster Güte gelungen. Geschickt wechselt er kapitelweise zwischen den Ermittlungstätigkeiten und den Tagebucheinträgen des Killers, so dass man das Buch schlichtweg nicht mehr aus der Hand legen möchte und teilweise auch nicht kann.
Barkers Schreibstil ist so flüssig zu lesen, dass man Seite um Seite liest und die Zeit um einen herum vergisst. Besser kann man einen Thriller nicht schreiben.
Der Autor beschreibt manche Szenen sehr blutig und brutal, gleitet aber nie in niveaulose Splatterorgien ab, sondern hält immer Bezug zu einer möglichen Realität. „The Fourth Monkey“ ist brutal, aber auch einfühlsam in seiner Beschreibung, wenn es um die Kindheit des Täters geht. Sehr beeindruckend wird hier auf die Psyche des Täters eingegangen und eine „Vorgeschichte“ erzählt, die es in sich hat.

J.D. Barker schreibt, als sähe man einen Film (und die Filmrechte sind auch schon tatsächlich verkauft). Stimmungsvolle Bilder begleiten den Leser durch den kompletten Roman und man sieht jeden einzelnen Handlungsort vor dem inneren Auge, so detailliert sind die Beschreibungen. Auch die Charakterzeichnungen sind Barker sehr gut gelungen und man fühlt sich, zumindest den meisten Protagonisten, verbunden. Gerade mit Sam Porter kann man hervorragend „mitleiden“ und „mitfiebern“, denn seine Gedankengänge sind sehr glaubwürdig und menschlich dargestellt. Was ebenfalls sehr authentisch gewirkt hat, waren die Überlegungen und Gefühle der Opfer, bei denen man die Angst und das Grauen beim Lesen gespürt hat. Auf psychologischer Ebene sehr geschickt gemacht, versetzen diese Passagen den Leser in die Opferrolle und lassen den brutalen Täter noch erschreckender erscheinen. Der Thriller ist gewiss nichts für Menschen mit schwachen Nerven und zartem Gemüt, auch wenn ich davon überzeugt bin, dass auch diese Leser sich dem Bann dieses Romans nicht entziehen könnten. Denn, wie oben schon erwähnt, J.D. Barker begeht eine sehr geschickte Gratwanderung, in dem er auch viele „ruhige“ Szenen in seinen Roman verbaut und der Geschichte dadurch zum einen eine höhe Glaubwürdigkeit verleiht und zum anderen dem Leser immer wieder eine kleine Verschnaufpause verschafft.

„The Fourth Monkey“ ist der Einstieg in eine Romanserie (der zweite Teil ist gerade in Arbeit) und man kann durchaus gespannt sein, wie sich der Plot weiterentwickelt, denn Barker hat Fäden gesponnen, die auf jeden Fall noch ausbaufähig sind. Und mit Sam Porter und seinem Team hat er eine sehr sympathische Ermittlergruppe geschaffen, der man gerne folgt. Hin und wieder wurden die Ermittlungserfolge und die Vorhaben des Teams im Buch aufgelistet, was mich als Leser unmittelbar dabei sein ließ. Hinzu kommen ein paar wirklich gelungene  und unerwartete Wendungen, die noch zusätzliche Spannung aufkommen ließen. Für mich stellt „The Fourth Monkey“ ein Highlight im Thrillergenre dar, denn gerade aufgrund seiner düsteren und stimmigen Atmosphäre, die sich durch den ganzen Roman zieht, hebt er sich auf gewisse Art und Weise von vielen anderen Thrillern ab. J.D. Barker erfindet das (Thriller-)Rad zwar nicht neu, aber er verpackt seinen Plot gekonnt in ein filmtaugliches, kleines Meisterwerk, das absolut fesselt und genial konstruiert ist. J.D. Barker legt die eigene Meßlatte sehr hoch und hat zudem noch ein tolles Ende geschrieben, das nicht unbedingt der „Norm“ von Thrillern und Krimis entspricht.

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Fazit: Spannend, blutig, brutal und düster. Ein Thriller-Highlight, das es in sich hat.

© 2018 Wolfgang Brunner für Buchwelten

Die Ernte des Bösen von Robert Galbraith

Die Ernte des Boesen von Robert Galbraith
Erschienen als gebundene Ausgabe (mit Leseband)
bei blanvalet
insgesamt 672 Seiten
Preis: 22,99 €
ISBN: 978-3-7645-0574-5
Kategorie: Kriminalroman

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Robin Ellacot bekommt auf ihrer Arbeitsstelle, der Detektei von Cormoran Strike, ein Paket zustellt, das schockierend und brutal ist. Es ist ein abgetrenntes Frauenbein. Natürlich ist auch Ihr Chef, Cormoran Strike, nicht begeistert. Ihm fallen jedoch auf Anhieb gleich drei Personen ein, denen er diese Art der Zustellung zutraut. Und alle drei sind sie gefährlich und zu derartigen Grausamkeiten fähig.

Die Polizei, mit der Strike in Kontakt steht, fixiert ihre Ermittlungen stur in eine Richtung. Cormoran ist aber der Meinung, dass man alle von ihm benannten Verdächtigen überprüfen sollte.


Darum geht Strike und Robin Ellacot, die ja seit langem mehr als seine einfache Sekretärin ist, neben ihren eigentlich Aufträgen selbständig ihren Ermittlungen nach. Immer tiefer dringen sie ein in die dunklen und gefährlichen Umfelder der drei Männer und dabei ziehen die zwei nicht nur den Unmut der Polizei auf sich, sondern bringen sich selbst auch mehr und mehr in missliche Umstände …

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Das ist der dritte Teil der Cormoran Strike-Reihe, den die Autorin J.K. Rowling unter dem Pseudonym Robert Galbraith veröffentlicht. Auch wenn ihre Tarnung ja relativ schnell aufgeflogen ist, schreibt sie nach wie vor unter dem männlichen Deckmantel weiter, den sie, wie sie selbst sagt, als „ihre persönliche Spielwiese“ bezeichnet.

Und wieder einmal kann ich nur sagen: Glückwunsch, sehr gut gemacht. Die beiden Charaktere Cormoran Strike und Robin Ellacot machen so unglaublichen Spaß, dass die knapp 700 Seiten mit einem Fingerschnipser durchgelesen sind. Galbraith hat hier zwei so unterschiedliche, liebenswerte und sich wunderbar ergänzende Figuren geschaffen. In ihrem dritten Teil gehen die beiden natürlich ganz anders miteinander um als im ersten Band. Sie sind sich nähergekommen, so gut das eben bei dem Brummbär Strike so geht und die Stimmung unter diesem Duo der besonderen Art ist einfach toll. Nein, nicht immer friedlich und lieb. Bei weitem nicht. Aber auf das Zwischenmenschliche möchte ich auch nicht näher eingehen, denn dass macht die Romane zum Großteil mit aus, darum einfach selbst lesen ☺. Und es gibt auch immer wieder neue und schräge Vögel als Nebenfiguren, die Galbraith sehr gut darzustellen vermag.

Die Handlung ist wunderbar verzwickt und gut erdacht und der Leser grübelt fleißig mit, kommt aber doch nicht drauf. Zu geschickt legt die Autorin hier ihre Spuren und Fäden aus. Und es ist wieder stellenweise heftig und unschön, also nicht immer was für zarte Nerven. Wobei die letzten Potters ja auch recht heftige Szenen zu bieten hatten. Dennoch, Leser, die es nicht gerne blutig und etwas heftiger mögen, sollen gewarnt sein.

Die Ermittlung des Mordes ist der eine Strang, der zweite sind natürlich die private Seiten der beiden Protagonisten, die außerhalb der Ermittlungsarbeit ihre eigenen Leben mit sämtlichen Problemen und Glücksmomenten zu bieten haben. Auch diese Teile der Geschichte machen Freude und sind sehr gut und auch emotional geschrieben.

Austoben konnte sich Robert Galbraith wieder im Hinblick auf „sein London“. Da kennt er sich aus und das merkt man an den deutlichen liebevollen und detaillierten Beschreibungen auch hier wieder.

Auch wenn die Romane hier in London spielen, habe ich immer irgendwie ein Stimmungsgefühl wie in den Mr. Mercedes Romanen von Stephen King. Ich kann nicht einmal genau erklären warum, doch es ist so. Leser die beides kennen, können mir ja mal sagen, ob es ihnen auch so ergeht.

Mein Fazit: Ein großartiger dritter Teil der Reihe um den Detektiv mit der Beinprothese und seiner rotblonden, schlagfertigen und liebenswerten Assistentin Robin Ellacot. Spannend, mitreißend und in einem tollen Stil wird der Leser auf knappen 700 Seiten in einem stimmungsvollen Krimi gefangen und erfährt zudem noch vieles über die Vergangenheiten der beiden Hauptpersonen. Daumen hoch!

© Marion Brunner_Buchwelten 2017

Rezension zu  Teil 1 – „Der Ruf des Kuckucks“

Rezension zu Teil 2 – „Der Seidenspinner“ 

Der Todesmeister von Thomas Elbel

Der Todesmeister von Thomas Elbel
Erschienen als Taschenbuch
bei blanvalet
insgesamt 512 Seiten
Preis: 9,99 €
ISBN: 978-3-7341-0414-5
Kategorie: Thriller

Er fängt sie. Er filmt sie. Er foltert sie. Er ist der Meister des Todes.

An der Berliner Oberbaumbrücke wird die grausam zugerichtete Leiche eines jungen Mädchens aus dem Wasser geholt. Lange kann sie nicht im Wasser gewesen sein, dafür ist die Leiche noch zu „frisch“. Und das Mädchen ist nicht irgendein Mädchen. Sie ist die Nichte des Berliner Justizsenators. Die Ermittlungen führen ins Internet, wo grausame Foltervideos auftauchen, die zeigen, dass das Mädchen nicht das einzige Opfer sein kann.

Viktor (von) Puppe, auf eigenen Wunsch frisch versetzt vom LKA ins Kriminalkommissariat, wird sofort in die Ermittlungsarbeit mit einbezogen. Gemeinsam mit seinen Kollegen ermittelt er auf Hochtouren, doch von weiter oben werden die Kommissare ausgebremst. Da soll wohl das ein oder andere gar nicht aufgedeckt werden ….


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Vor ziemlich exakt 6 Jahren habe ich meine erste Rezension zum Debütroman von Thomas Elbel geschrieben. ASYLON war als Erstling in der Science Fiction angesiedelt und bei Piper erschienen. Auch der Nachfolger ELYSION erschien noch dort. Danach wollte man ihn bei Piper wohl nicht mehr. Warum? SciFi verkauft sich nicht? Die Zielgruppe fehlt? Keine Ahnung, ist auch Quatsch aber egal. Denn Thomas Elbel hat deshalb nicht aufgehört zu schreiben. Seinen dritten Roman MEGAPOLIS hat er dann als Selfpublisher auf den Markt gebracht. Ich habe sie alle gelesen und rezensiert und ich mochte Elbels Schreibe immer gern. Auch wenn sie ab und an im Sprachgebrauch nicht so mein Fall war.

Nun hat er hier seinen ersten Thriller, wohl auf dringendes Anraten seines Agenten, geliefert und bei blanvalet ein neues Zuhause gefunden.

Ich habe eine zwar lektorierte, aber unkorrigierte, Fassung als Leseexemplar bekommen und ich hoffe nur, dass die unzähligen, teilweise sehr amüsanten Fehler noch alle vom Korrektorat gefunden und verbessert werden. ☺

Die Handlung ist sehr gut erdacht, der Spannungsfaden gut und straff gespannt und auch wenn es heftig und grausam ist, richtig gut! Leider ist unsere Welt so schrecklich und alles das gibt es im wahren Leben (leider) mittlerweile viel zu oft. Ich kam dem Täter nicht auf die Spur, obwohl ich natürlich kräftig mitgegrübelt und ermittelt habe. Der Schauplatz Berlin ist natürlich toll und die Beschreibungen sehr gut. Man merkt schon auch, dass der Autor dort lebt, und das gern.

Achtung – Eventuelle Spoilergefahr!:

Was mir nicht so gut gefallen hat, ist die teilweise wieder sehr überzogene, flapsige und extrem umgangssprachliche Sprache einiger Figuren. Es soll alles so unbedingt lustig, modern, cool und multikulti sein, dass es mir zuviel ist. (Ich meine nicht die Jugendsprache der entsprechenden Figuren, sondern die Sprache der erwachsenen Protagonisten).

Da ist auf der einen Seiten der gut erzogene Viktor (von) Puppe, der (natürlich) eine düstere Vergangenheit hat. Der trifft bei der Polizei auf zwei Kollegen, die beide unterschiedlicher, ausländischer Herkunft sind. Wenn der männliche Part den Mund aufmacht, kommen nur dumme und saucoole Sprüche heraus. Der weibliche Part ist eine alleinerziehende Türkin, die die Männer „gefressen“ hat und wenn sie dann auch noch deutsch und zu hilfsbereit sind, geht ihr ständig die Hutschnur hoch.

Dann gibt es natürlich noch den bösen Chef, der immer kurz angebunden und streng ist, obwohl er ja angeblich ganz anders ist. Auch die Rolle der schönen Nymphomanin ist vergeben. Hier wurden für meinen Geschmack zu viele Klischees zwingend zwischen zwei Buchdeckel gepackt. Und das schmälert meine Begeisterung unterm Strich dann auch um einen Stern.

Insgesamt aber dennoch ein sehr gelungener Thriller, der spannend und rasant ist. Wie bereits erwähnt, stellenweise grausam und brutal, also nichts für zartbesaitete Leser. Lieber Thomas Elbel, der Genrewechsel ist gelungen ;-). Mehr davon.

© Marion Brunner_Buchwelten 2017

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Das Auge von Richard Laymon

Erschienen als Taschenbuch
im Heyne Verlag
insgesamt 352 Seiten
Preis: 9,99 €
ISBN: 978-3-453-67703-6
Kategorie: Thriller, Krimi

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Melanie hat immer wieder Visionen, in denen sie schreckliche Ereignisse vorherzusehen scheint. Dieses Mal ist sie nicht sicher, ob ihrem Vater oder ihrer Schwester etwas zustößt oder bereits zugestoßen ist. Zusammen mit ihrem Freund Brodie fährt sie zu ihrem Elternhaus, um festzustellen, dass ihr Vater bei einem Autounfall schwer verletzt worden ist. Doch auch ihre Schwester Pen fühlt sich nicht in Sicherheit, weil sie immer wieder von einem Unbekannten telefonisch sexuell belästigt wird. Melanie vermutet, dass hinter dem Unfall ihre Stiefmutter Joyce steckt und stellt auf eigene Faust Ermittlungen an.

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Immer noch macht der Heyne-Verlag uns Laymon-Fans eine große Freude und bringt nach und nach nun auch die älteren Werke des Kultautors im Heyne Hardcore Programm auf den Markt. So jetzt auch geschehen mit „Das Auge“, einem Thriller, der im Original bereits 1992 erschienen ist. Und auch wenn die meisten Fans von Laymon immer wieder behaupten, dass nur seine ersten, ins Deutsche übersetzten Romane wirklich gut sind, so empfinde ich das vollkommen anders. Die Werke, die nun auf den Markt kommen, runden das Gesamtbild dieses Mannes für mich viel mehr ab und zeigen, dass Laymon auch in der Lage war, relativ ruhige Geschichten zu erzählen, die nicht nur übertrieben brutal und sexbeladen sind. Das hat er bereits mit dem vor kurzem erschienenen „Das Ufer“ bewiesen, bei dem es sich ebenfalls um eine eher gemäßigte Story handelt. Ich für meinen Teil muss sagen, dass mir auch diese Art von Laymon-Romanen sehr gut gefällt.

Im vorliegenden Buch beschränkt sich Richard Laymon auf drei Haupt- und drei Nebencharaktere. Jeder, der schon einmal ein Buch von Laymon gelesen hat, weiß, dass sich seine Charaktere eher im unteren Mittelmaß bewegen und niemals eine tiefgründige Basis haben, sondern im Gegenteil meist treudoof-naiv wirken. Aber vielleicht ist es genau dieser Umstand, der die Bücher des Amerikaners zu kultigen und  kultverdächtigen Pageturnern macht, die immer wieder an die Plots ähnlich funktionierender Horrorfilme aus den 80er Jahren erinnern. Die Protagonisten verhalten sich unentwegt „dämlich“ und machen Dinge in gefährlichen Situationen, die kein durchschnittlich intelligenter Mensch machen würde, und denken permanent an Sex. Sind nicht dies genau die Zutaten jener oben erwähnen Horrofilme, die meist oft ebenfalls Kultstatus genießen wie Laymons Bücher? Worauf ich hinaus will, ist folgendes: Richard Laymon schreibt kurz und knackig und fesselt den Leser durch seine unkomplizierten Handlungen, die durch die bildhaften Beschreibungen wie Filme anmuten. Gerade der saloppe Schreibstil und die immer wiederkehrenden Sexmomente in seinen Büchern machen Laymons Geschichten immer wieder zu einem unglaublich kurzweiligen Leseerlebnis.

Die Qualität von Richard Laymons Büchern schwankt immer wieder mal. Wenn ich zum Beispiel an die abstruse, an den Haaren herbeigezogene Handlung von „Der Pfahl“ denke, muss ich fast schon darüber lachen. Dennoch zeigen seine Bücher immer wieder die gleiche Wirkung, egal ob sie „schlecht“ oder „gut“ sind: Man fühlt sich trotz allen Logikfehlern und den bereits erwähnten naiven Handlungsweisen der Protagonisten unglaublich gut unterhalten und an „Heftchenromane“ wie seinerzeit „John Sinclair“ oder „Gespenster-Krimi“ erinnert. Genauso verhält es sich auch bei „Das Auge“, wobei hier eindeutig mehr Augenmerk auf Thriller- und Krimi-, als auf Horrorelemente gerichtet wurde. Laymon ist wahrlich kein großer Literat, aber ein ganz passabler und manchmal sogar begnadeter Geschichtenerzähler. Seine Storys bleiben einfach im Gedächtnis haften und das alleine zeigt, dass er schreiben kann. Laymon verwendet in seinen Büchern immer wieder viel wörtliche Rede, wodurch das Buch im Nachhinein (aber auch schon während des Lesens) immer wie ein Film wirkt. Schön ist auch, dass gegen Ende des Romans eine Wendung beziehungsweise sogar zwei Wendungen kommen, die man eigentlich in dieser Art nicht so erwartet hätte.
Für mich wieder eine „Neuentdeckung“ im Laymon-Universum, die mich überzeugt hat und wieder eine etwas andere Seite des Autors darstellt, die mir uneingeschränkt gefällt.
Eine kurze Anmerkung noch, die zwar nichts mit dem Werk an sich zu tun hat, aber an das Lektorat des Heyne-Verlages gerichtet ist: „seid“ und „seit“ zu verwechseln ist für das Lektorat eines großen Verlagshauses kein Aushängeschild. 😦 So geschehen auf Seite 331, Zeile 7: „Melanie… seid eure Mutter tot ist, haben meine jüngere Tochter und ich so unsere Probleme miteinander gehabt.“

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Fazit: Kurzweilige, ruhige, aber dennoch sehr spannende Geschichte um Visionen, einen perversen Telefonanrufer und verbotene Liebe. Eine Familiengeschichte mit Thriller-, Horror- Sexelementen.

© 2017 Wolfgang Brunner für Buchwelten

Liliths Töchter, Adams Sohne von Georg Adamah

Erschienen als Taschenbuch
bei Redrum Books
insgesamt 372 Seiten
Preis: 14,97 €
ISBN: 978-3-959-57030-5
Kategorie: Belletristik, Thriller, Drama

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Georg verlässt seine Frau, um eine Affäre mit Susanna fortzusetzen. Seine Ehe war ohnehin auf dem Weg zum Scheitern, so dass Georg ein neues, schöneres Leben in Angriff nehmen wollte. Doch schon bald wird er von Susanna verlassen. Auf der Suche nach Liebe nimmt er viele Liebes- und Sexaffären in Kauf, obwohl er im Grunde genommen von Susanna nie loslassen kann.

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Schon nach dem Prolog wusste ich, dass Georg Adamahs „Liliths Töchter, Adams Söhne“ ein Buch für mich ist. Alleine die stilistischen Mittel, die Adamah in seinem Roman anwendet, packten mich vom ersten Moment an. Ich kann gar nicht erklären, warum ich seine wilden, im ersten Moment kompliziert wirkenden, Schachtelsätze so faszinierend fand. Dieser Schreibstil ist innovativ, progressiv und einfach nur genial. Dadurch wird man im Verlaufe der Geschichte immer mehr zum Protagonisten und durchlebt seine Ängste, Hoffnungen und Leidenschaften. Man ist irgendwie hautnah dabei, wenn „Dschordsch“ sich Gedanken über die Frauen in seinem Leben macht. Alleine die Idee, die Gedankengänge des Protagonisten in die Schachtelsätze mit einzubauen, erinnerte mich an einen meiner Lieblingsschriftsteller, nämlich Samuel R. Delany. Man spürt, wie Georg hin und her gerissen und von seinen Gefühlen erdrückt wird.

Georg Adamah kann sehr gut schreiben und schafft es hervorragend, die Gefühlswelt eines Mannes zu schildern. Auch wenn es immer wieder um Oralsex geht (was ich persönlich etwas übertrieben fand, aber nicht unbedingt störend), so entlarvt Adamah doch im Verlauf der Geschichte gewisse Grundzüge des männlichen Denkens 😉
An manchen Stellen musste ich wirklich schmunzeln, wenn ich den Gedankengängen des „abservierten“, gekränkten Liebhabers folgte. Es wirkte so herrlich echt und realistisch, unverfälscht und ehrlich. Adamah würfelt die Emotionen des Protagonisten wild durcheinander. Mal leidenschaftlich, mal traurig, mal depressiv, mal zügellos … alles ist dabei. Und erfreulicherweise sind die „harten“ Sexszenen niemals übertrieben dargestellt, sondern bewegen sich immer auf einem gewissen Niveau, was eindeutig an der bildlichen Sprache des Autors liegt. Selbst eklige Szenen werden mit wunderbaren Umschreibungen „entschärft“ und wirken an keiner Stelle vulgär. Das ist ein sehr großer Pluspunkt dieses Buches, der zwar unter anderem teils extremen Sex behandelt, diesen aber niemals in einen provozierenden Vordergrund stellt, um durch Ekelmomente zu schocken. Adamah hält sich dabei immer an glaubwürdig wirkende Beschreibungen.

Gerade durch die sehr emotionale, eindringliche Beschreibung, wie sich ein Mann fühlt beziehungsweise fühlen kann, wenn er einsam und auf der Suche nach einer Partnerin ist, machten diesen Roman für mich zu einem unwiderstehlichen Pageturner, den ich in jeder freien Minute weiterlesen musste. Adamah hat ein realistisches Märchen geschrieben, das voller Poesie und kleinen Wahrheiten steckt, die im Leben eines Liebespaares geschehen. Doch es werden auch die traurigen, hinterhältigen Seiten einer solchen Beziehung dargestellt. Alles ist nachvollziehbar. Und egal, welche Szene Adamah gerade beschreibt, zwischen den Zeilen liest man Melancholie heraus, die unser aller Leben bestimmt (auch das von Frauen). Das ist dem Autor wirklich grandios gelungen.

Obwohl Adamahs außergewöhnlicher Schreibstil durch die langen Sätze kompliziert erscheinen mag, so lässt er sich dennoch absolut flüssig lesen und hinterlässt am Ende ein unvergessliches Gesamtbild im Gehirn des Lesers. „Liliths Töchter, Adams Söhne“ ist wie eine Achterbahnfahrt durch die Gefühlswelt eines Mannes. Fast möchte man das Buch als „Californication“ zwischen zwei Buchdeckeln bezeichnen, denn auch hier geschieht vieles (wie in der genannten Serie übrigens auch) nicht nur immer oberflächlich unter der Gürtellinie, sondern zeigt im Endeffekt die dramatische Tragödie eines einzelnen Menschen, der an der Liebe und dem damit verbundenen Sex zerbricht.
Ich hoffe nur, dass Georg Adamah bereits an einem neuen Roman arbeitet, denn in mir hat er definitiv einen neuen Anhänger gefunden.

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Fazit: „Californication“ in Buchform. Realistisch, wütend, traurig, erotisch, eklig, melancholisch und beeindruckend – reales Leben eines nach Liebe Suchenden eben.

© 2017 Wolfgang Brunner für Buchwelten

Das Ufer von Richard Laymon

Das Ufer von Richard Laymon

Erschienen als Taschenbuch
im Heyne-Verlag
insgesamt 590 Seiten
Preis: 9,99 €
ISBN: 978-3-453-67647-3
Kategorie: Thriller, Horror

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Deana lebt mit ihrer Mutter Leigh in der idyllischen Kleinstadt Tiburon. Alles ist beschaulich und harmonisch, bis zu dem Zeitpunkt, als ein brutaler Serienkiller auftaucht. Und plötzlich erinnert sich Leigh an ihre eigene Jugend, die ebenso düster und gefährlich war. Gegenwart und Vergangenheit vermischen sich. Es scheint, als wäre Leighs Vergangenheit noch lange nicht zu Ende erzählt, denn auch dort trieb ein grausamer Serienkiller sein Unwesen.

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Es gibt Bücher von Richard Laymon, die entwickeln eine eher trashige Atmosphäre, und es gibt Werke von ihm, die erzählen eine etwas ruhigere Geschichte mit Horror-Elementen. „Das Ufer“ gehört eindeutig zur letzten Kategorie, was aber nicht bedeutet, dass es weniger spannend ist als die Splatter-Achterbahnfahrten, die Laymon verfassen kann. „Das Ufer“ ist die Geschichte eines Teenagers (eigentlich sind es zwei Teenager, denn die Geschichte der Mutter als Teenager nimmt auch einen sehr großen Teil des Buches ein) und hat mich so manches Mal an den Plot und die Stimmung von „Halloween“ des fantastischen Regisseurs John Carpenter erinnert. Wie bei allen Werken von Richard Laymon kann man das Buch sehr schwer aus der Hand legen. Obwohl der Schreibstil des leider viel zu früh verstorbenen Autors nicht hochwertig genannt werden kann, fasziniert er dennoch (oder gerade deswegen) aufgrund seiner klaren, deutlichen und eben einfachen Sprache. Die Gedanken der Protagonisten sind realitätsnah und lassen den Leser dadurch das Geschehen hautnah miterleben. Zumindest mir geht es bei Laymons Büchern eigentlich immer so, dass ich bereits nach wenigen Seiten die oftmals umgangssprachliche Einfachheit schlichtweg genieße, weil sie zu der Story einfach passt.

„Das Ufer“ ist ein typischer Laymon, aber irgendwie dann doch wieder nicht.  Mir persönlich hat aber gerade die ruhigere Gangart zugesagt und vor allem haben hier die „schlüpfrigen“ Szenen nie gestört, was bei den anderen Büchern manchmal der Fall ist. Auch die Brutalität wirkt niemals aufgesetzt und übertrieben, sondern lockert die an sich melancholisch erzählte Geschichte immer wieder auf. Gerade die Rückblenden in die Vergangenheit der Mutter haben es mir bei „Das Ufer“ angetan. Dieser Handlungsstrang übte eine unwiderstehliche Faszination auf mich aus, die mich wiederum an Laymons „Das Treffen“ oder „Die Show“ erinnerte. Die Charaktere wirken zwar oftmals flach und oberflächlich, vermitteln aber dennoch das Gefühl, man würde sie kennen. Das liegt vor allem an den bereits oben erwähnten Gedankengängen, die Laymon beschreibt.

Wie in fast jedem Buch von Richard Laymon sind alle Frauen schlank, haben große Brüste und sind ständig geil. Aber auch die Männer haben ordentlich was in der Hose und fühlen sich von ziemlich jeder Frau angezogen. Dieses stereotype Trash-Klischee erfüllt auch „Das Ufer“ und reiht sich, zumindest in dieser Hinsicht, nahtlos in die anderen Werke des Autors ein. Ich mochte die Story und bin dem Heyne-Verlag dankbar, dass er sich auch der unbekannteren Geschichten Laymons annimmt. Da „Das Ufer“ im Orginal posthum veröffentlicht wurde, könnte man aufgrund einiger Details auf den Gedanken kommen, dass es sich lediglich um ein unfertiges Manuskript gehandelt haben könnte, dass ein Ghostwriter fertiggeschrieben hat. Nichtsdestotrotz vervollständigt „Das Ufer“ die Laymon-Sammlung und verschafft einem ein paar angenehme, unterhaltsame Lesestunden. Durch den wunderbar flüssigen Schreibstil und den kurzen Kapiteln entwickelt sich auch dieser Roman zu einem Pageturner, wie man es von Richard Laymon einfach gewohnt ist. Über das Ende kann man streiten. Einige überraschende (wenngleich manchmal voraussehende) Wendungen bietet das Buch. Und wenn man dann noch über die mehr als an den Haaren herbeigezogenen „Zufälle“ nicht weiter nachdenkt, die zum Finale führen, bekommt man eine wirklich unterhaltsame Story geboten.

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Fazit: Ein ruhiger Horror-Thriller, der an die Slasher-Filme der 80er-Jahre erinnert. Typisch Laymon, aber irgendwie doch wieder untypisch. Für Fans aber sowieso ein Muss.

© 2017 Wolfgang Brunner für Buchwelten

Schicksal von Michael Schröder

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Schicksal
Erschienen als Taschenbuch
bei Create Space / Amazon
insgesamt 496 Seiten
Preis:  13,90  €
ISBN: 978-1516971916
Kategorie: Drama / Belletristik

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Vincent Randani ist ein Journalist (kein Reporter!), der sich durch seine gut recherchierten und gehaltvollen Geschichten einen Namen gemacht hat. Nun möchte er die Geschichte der bekannten Stararchitektin Cora Schwarz erzählen, doch an die kommt seit Monaten keiner ran. Schwarz liegt, perfekt von der Außenwelt abgeschottet, in einer Klinik. Viele seiner „Kollegen“ haben es bereits versucht, zu ihr vorzudringen und ihr eine Story zu entlocken. Randani schafft es. Durch einen eigentlich relativ simplen Schachzug gelingt es ihm, mit ihr zu sprechen und sie sogar davon zu überzeugen, dass sie ihm das gewünschte Interview gibt.

Randani besucht Cora Schwarz nun täglich und sie beginnt ihm ihre Geschichte zu erzählen. Und das von Anfang an. Cora fesselt Randani mit ihren Erzählungen, beginnend in ihrer Kindheit, und zwischen den beiden entwickelt sich so etwas wie eine Freundschaft. Für Randani ist dies genauso aufregend, spannend, wie auch verwirrend. Denn eigentlich hatte er etwas völlig anderes erwartet und auch geplant …..


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Dies ist mein dritter Roman des Autors Michael Schröder. Der erste „Jeder Tag endet mit dem Tod“ ist im Epidu-Verlag erschienen. Der zweite Roman, den ich von ihm las war „131 Briefe“, erschienen im Titus-Verlag, der diesem hier vorgelegten Werk entfernt ähnelt. Diesen Roman hat Schröder nun als Self-Publisher im Amazon Verlag Create Space veröffentlicht. Was habe ich kürzlich gelesen: Create Space sagt „Ja“, wenn andere Verlage „Nein“ sagen. Ich kenne einige Autoren, die mittlerweile diesen Weg der Veröffentlichung wählen. Und die Print-Ausgaben von Create Space können sich sehr wohl sehen lassen. Schröder hat als Einband die „matte“ Version gewählt, die durch das irgendwie gummierte Cover sehr gut in der Hand liegt. Die Ränder und Kapitelabschnitte sind sehr gut gelungen. Lediglich einige Zeilen wurden durch den Blocksatz etwas gezerrt und es sind doch einige Rechtschreibfehler vorhanden. Aber das tut der Qualität der Handlung und des Lesevergnügens absolut keinen Abbruch.

Schröder erzählt in einem guten und sehr flüssigen Stil die Geschichte einer Kindheit. Sie handelt von Freundschaft, Mut, Abenteuern, Zivilcourage und Aufopferung. Da der Autor und ich offensichtlich in etwa gleich alt sind, habe ich mich direkt in meiner eigenen Kindheit wiedergefunden. Draußen auf Spielplätzen, mit dem Rad wilde Ausflüge unternehmend und gemeinsam mit der „Bande“ einfach unterwegs sein, Spaß haben und auch mal Blödsinn machen. Dies ist der erste Strang der Handlung, der zweite spielt meist im Krankenzimmer, in dem die erwachsene Cora gemeinsam mit Randani sitzt.

Schröder hat mich mit seiner Geschichte sehr gefesselt und ich habe mich jeden Tag gefreut, weiterzulesen und wieder auf Cora und ihre Freunde zu treffen, wieder bei ihnen zu sein und zu erfahren: was geschah dann? Ich möchte nicht zu sehr ins Detail gehen, denn das würde unweigerlich zu Spoilern führen und das wäre zu schade. Denn die Wendungen, die die Geschichte bis ganz zum Schluss mit sich bringt, sind überraschend und nicht absehbar. Eines kann ich verraten. Es dauert sehr lange, bis der Leser erfährt, warum Cora Schwarz sich überhaupt in diesem Krankenhaus befindet. Was hat sie? Welche Krankheit ist die Ursache? War es überhaupt eine Krankheit? Eine gute Idee, die Michael Schröder auch wirklich gut umgesetzt hat.

Seine Protagonisten sind sehr gut dargestellt und wachsen einem allesamt sehr ans Herz. Ich habe mich mit ihnen gefreut und mit ihnen gelitten. Für sie gehofft und um sie gebangt. So soll es sein, nicht wahr?

Zwei kleine Anmerkungen habe ich jedoch noch ☺ In unserer Kindheit in den 70ern haben wir, zumindest hier in NRW, (noch) nicht „abgefahren“ und/oder „Alter“ gesagt. Da war es eher „astrein“ und „Blödmann“. Und zweitens habe ich manchmal das Gefühl gehabt, dass hier das Schicksal eines Protagonisten einfach zu überfrachtet dargestellt wurde. Klar, schlimme Dinge passieren, dem einen mehr und dem anderen weniger. Dies war hier jedoch manchmal so extrem, dass es beinahe unglaubwürdig wirkte. .

Fazit: Mich hat der Roman um den Journalisten Randani und Cora Schwarz sehr gefesselt. Ich hatte große Freude an der Reise in (m)eine Kindheit und gebe gerne eine Leseempfehlung für diesen kurzweiligen Roman um das Schicksal eines – oder eher mehrerer – Leben.

© Buchwelten 2015

Splitterfasernackt von Lilly Lindner

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Erschienen als Klappenbroschur
bei Droemer
insgesamt 400 Seiten
Preis: 9,99 €
ISBN: 978-3-426-22606-3
Kategorie: Autobiographie

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Im Alter von 6 Jahren wird Lilly Lindner das erste Mal von Ihrem Nachbarn missbraucht. Ihren Eltern gegenüber schweigt sie, sie würden ihr doch nicht glauben. Nehmen sie ihre Tochter doch sowieso nicht wahr.

Als der Mann eines Tages wegzieht, hat er Lilly mehrmals geschunden und ihre Seele ist zerstört. Lilly beginnt zu hungern, denn sie ist sicher, wenn sie nur wenig genug wiegt, dann bleibt fast nichts mehr von ihr übrig.

Nach einigen Heimaufenthalten und einer Weile in einer psychiatrischen Klinik, in die Lilly sich auf eigenen Wunsch hat einweisen lassen, zieht Lilly mit 17 Jahren in eine eigene Wohnung. Sie hungert weiter, essen kann sie längst nicht mehr. Und wenn sie doch einmal ein wenig isst, dann zwingen Ana und Mia in ihrem Kopf sie dazu, das wenige gleich wieder zu erbrechen. Denn leicht geht doch alles viel leichter …

Lilly entschließt sich in einem Berliner Edelbordell zu arbeiten, weil sie denkt, dass ihr Körper ihr schon so lange nicht mehr gehört. Vielleicht schafft sie es so, wieder zu sich selbst zu finden?

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„Die Geschichte einer gestohlenen Kindheit und eines im Innersten verletzten Mädchens“.

Ein provozierendes Buch von ungeheurer sprachlicher Wucht“, so sagt es der Klappentext. Solche reißerischen Sätze werden oft in Kurzbeschreibungen verwendet, um die Leser zum Kauf zu animieren. Nun, provozierend würde ich diese wirkliche Geschichte nicht nennen, eher erschütternd. Jedoch ist die „sprachliche Wucht“ wirklich gegeben.

Ich bin zufällig auf dieses Buch gestoßen, als ich in der Buchhandlung gestöbert habe. Ich habe noch nie eine Autobiographie gelesen, schon gar keine eines Missbrauchsopfers. Warum habe ich das Buch gekauft? Ich kann es nicht beantworten. Vielleicht war das nette liebliche Gesicht Lillys auf dem Cover der Grund. Oder auch, weil ich beruflich leider öfters mit solchen schlimmen Fällen konfrontiert werde?

Es wird nicht möglich sein, mit einer Rezension diesem Buch so voller Grausamkeit und doch soviel Gefühl gerecht zu werden. Wir erleben als Leser die schlimmste seelische Pein, die Lilly durchlebt, aber auch Momente voll tiefer Freundschaft durch die wenigen Menschen an Lillys Seite, die sie akzeptieren, wie sie ist und natürlich versuchen, ihr zu helfen.

Es ist gleichzeitig seltsam und absolut verständlich wenn Lilly schreibt, dass sie sich gerade im Bordell bei den anderen Mädchen geborgen fühlt. Dass dies die erste Familie ist, die sie kennenlernt. Die Art, wie Lilly über ihre Erlebnisse dort schreibt, ist überhaupt nicht abstoßend.

Ich habe bei der Lektüre des Buches nicht einen Moment das Gefühl gehabt, dass die Autorin durch die Veröffentlichung versucht aus dem erlebten Leid Geld zu machen. Lilly Lindner hat dieses Buch geschrieben, um zu überleben. Dies war ihre einzige Möglichkeit mit dem Geschehenen annähernd umzugehen. Nackt, klar und glaubhaft bringt sie ihre Gedanken zu Papier.

Lilly Linder wurde im Laufe ihrer „Karriere“ oft gesagt, dass sie zuviel Grips für dieses Gewerbe habe, dass sie zu intelligent sei. Das ist sie. Der Leser bekommt ihre Intelligenz mit jedem Wort zu spüren, ihr sprachlicher Ausdruck ist sehr gut.

Hier möchte ich eine kleine Textstelle zitieren:

Ich erzähle … vom Schreiben und davon, wie es sich anfühlt, umgeben von rauschenden Wörtern vor einem Laptop gefangen zu sein, und zu schreiben und zu schreiben ohne aufzublicken, ohne zu merken, wie die Zeit dahinrast, wie es dunkel wird und dunkler, und dann wieder hell. Wie es ist, wenn nichts anderes auf der Welt einem so wichtig erscheint, wie die richtigen Worte zu finden, um ein Gefühl zu malen, ein Bild zu schreiben, einen Ausdruck so laut oder leise zu formulieren, dass er genauso zwischen den Zeilen hervortritt, dass er dort gehört wird wo er bleiben möchte. Wie es ist, von Hoffnung zu erzählen, ohne dabei nach verflossenen Liebschaften zu klingen, einen Sonnenuntergang nicht mit den Worten Orange und Rot zu beschreiben, eine Träne nicht einfach nur salzig sein zu lassen und einen Augenblick, der nie wieder kommen wird, so zu umfassen, dass man ihn immer sehen kann, auch wenn er gar nicht stattgefunden hat.“

Mich hat Lillys Geschichte emotional sehr berührt und ich konnte das Buch schwer aus der Hand legen, denn ich musste unbedingt wissen, ob sie es geschafft hat, Ana und Mia loszuwerden.

Als ich das Buch beendet hatte und dann bei Facebook ihre Fanseite fand, da wusste ich, dass Lilly Lindner noch da ist. Es gibt sie noch. Und das ist immerhin ein kleiner Sieg. Ich habe mich gefreut. Ob sie es letztendlich schaffen wird, ihre Seele zu heilen bleibt fraglich. Ich wünsche es dieser starken, schwachen jungen Frau von ganzem Herzen.

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Mein Fazit: 5 von 5 Sternen für eine wahre Geschichte, die eigentlich so erschütternd ist, dass man sie niemals positiv bewerten dürfte. Ich beziehe mich hier nicht auf das Erlebte der Autorin, sondern auf die erwähnte sprachliche Wucht, die absolut gegeben ist.