Die Überfahrt von Mats Strandberg

Erschienen als Taschenbuch
im Fischer Tor Verlag
insgesamt 505 Seiten
Preis: 14,99 €
ISBN: 978-3-59629599-9
Kategorie: Horror

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Es sollte eine Überfahrt wie jede andere sein. Die Baltic Charisma kreuzt zwischen Stockholm und der finnischen Südküste. Unter den Passagieren befinden sich Singles, die das Abenteuer für eine Nacht suchen, ein homosexuelles Paar, aber auch ein ehemaliger Schlagerstar, der sein Selbstbewusstsein mit Auftritten in der Bar der Fähre aufrechterhalten will oder eine ganz normale Familie. Niemand schenkt der Frau, die zusammen mit ihrem Sohn, die Fähre betritt, Aufmerksamkeit. Doch dann bricht plötzlich ein uraltes Grauen über die Menschen auf der Fähre aus. Schon bald kämpft jeder um sein Überleben, denn grausige Kreaturen nehmen von dem Schiff Besitz …

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Der Verlag wirbt mit einem Zitat der überregional schwedischen Tageszeitung „Dagens Nyheter“, die Mats Strandberg als „schwedischen Stephen King“ bezeichnet. Ein größeres Lob hätte sich der sympathische Schwede nicht wünschen können, der bereits mit seiner „Engelsfors“-Trilogie, die er zusammen mit  Sara B. Elfgren verfasste, einen beachtlichen Erfolg verzeichnen konnte. Mit „Die Überfahrt“ gelang ihm nun allerdings ein echter Pageturner, der es wahrlich in sich hat. Strandberg baut die Spannung langsam auf, was mir außerordentlich gut gefallen hat. Ich gestehe sogar, dass mich gerade die ruhige Einführungsphase, in der alle Protagonisten vorgestellt wurden, richtiggehend begeistert hat. Entgegen vieler Meinungen, die Charaktere wären nicht gut ausgearbeitet, behaupte ich hier schlichtweg das Gegenteil. Zumindest die Hauptprotagonisten sind sehr nachvollziehbar in ihren Beweggründen und Handlungen konzipiert. Ich für meinen Teil konnte mich mit dreien der Hauptfiguren absolut identifizieren und habe auch mit ihnen gelitten und gebangt.

Mats Strandberg schreibt aber aus meiner Sicht nicht wie Stephen King, sondern besitzt einen eigenen Stil, der absolut unterhaltsam und flüssig zu lesen ist. Die Ideen wirken manchmal „geklaut“, was aber überhaupt nichts ausmacht, denn Strandberg verwebt sie geschickt in seine eigene Handlung und vor allem in seine eigene, sehr dichte Atmosphäre. Der klaustrophobische Handlungsort tut das seine dazu, um eine perfekte Mischung aus Abenteuer- und Horrorgeschichte zu zaubern. Letztere ist dann auch noch gehörig mit Splattereinwürfen gespickt, die die bedrohliche Situation noch unterstreichen. Vom Tempo her könnte ich mir Strandbergs Horrorszenario sehr gut in einer Verfilmung von Altmeister John Carpenter vorstellen. Der Plot wirkt ohnehin filmreif auf mich, denn wenn man sich durch die bildhaft beschriebenen, teils ausweglosen Situationen liest, bekommt man ein Kopfkino allererster Klasse geboten. Strandberg beherrscht es neben seiner flüssigen Schreibweise auch hervorragend, Dialoge und Gedankenmonologe zu verfassen.  

Mats Strandberg erschuf eine Geschichte, die von der Stimmung her an Filme wie „Alien“, „Shining“, den ersten „Resident Evil“-Teil oder auch „Rec“ erinnert. Das Grauen kommt an einen Ort, an dem es kein Entkommen gibt. Genau so verhält es sich auch bei „Die Überfahrt“, wo ein bunt zusammengewürfelter Haufen sich gegen eine Invasion von bösen Dämonen verteidigen muss. Aber der Plot wirkt niemals kopiert. Großes Plus sind die aus dem Leben gegriffenen Charaktere, die so authentisch wirken, als gäbe es sie wirklich. Und wenn sich dann ihre Geschichten in der zweiten Hälfte des Romans immer mehr verbinden, möchte man das Buch schlichtweg nicht mehr aus der Hand legen. Strandbergs Geschöpfe sollen eine Art Vampir sein, die noch am ehesten an die Kreaturen aus „30 Days Of Night“ erinnern. Aber irgendwie denkt man im Laufe des Romans auch immer wieder an Zombies. Und so hat der Autor wohl seinen ganz eigenen Vampirmythos „erfunden“, der im Gedächtnis haften bleibt. Vor allem auch die Gedanken, die er seinen „Monstern“ auf den Leib schreibt, sind innovativ.

Manch einer wird die Brutalität in diesem Buch zu heftig finden. Ich persönlich fand genau diese Mischung aus einfühlsamen, ruhigen Passagen und harten Splattereinlagen optimal. „Die Überfahrt“ ist nicht zu brutal, sondern zeigt einfach nur, wie blutig die Kreaturen unter den Passagieren wüten. Hätte Strandberg einen Gang zurückgeschraubt, wäre das Szenario für mich nicht mehr glaubwürdig gewesen. So aber wird man aus den teils melancholischen Gedankengängen der Protagonisten mit einer schockierenden Härte herausgerissen und in einen Alptraum aus Blut und Gedärmen gezerrt. Gerade diese Mischung machte „Die Überfahrt“ für mich zu einem echten Highlight und ich konnte es oftmals gar nicht erwarten, auf die Baltic Charisma zurückzukehren, um zu erfahren, wie es den Passagieren geht. Für mich ist Mats Strandbergs Horrorroman eine erfreuliche Neuentdeckung, die mich auf jeden Fall auf ein weiteres Werk des Autors neugierig macht. Ach ja, und wie gesagt: Ich würde mir eine Verfilmung wünschen. 😉

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Fazit:  Spannender und atmosphärisch dichter Horrorroman mit blutigen Splattereinlagen. Anfangs ruhig baut sich die Spannung konstant bis zum fulminanten Ende auf.

© 2017 Wolfgang Brunner für Buchwelten

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Grauer Teufel von Graham Masterton

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Erschienen als Taschenbuch
bei Festa-Verlag
insgesamt 416 Seiten
Preis: € 13,95
ISBN: 978-3-86552-409-6
Kategorie: Horror

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Ein unsichtbarer Killer geht in der Stadt um und hält die Polizei in Atem. Decker Martin nimmt die Ermittlungen auf und findet Spuren, die in die Vergangenheit führen. Die Opfer scheinen eine Verbindung zu den Wirren des Bürgerkrieges vor 150 Jahren zu haben und Martin entdeckt bald, dass auch eine afrikanische Religion eine Rolle zu spielen scheint, ebenso wie seine eigene Person …

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Graham Masterton schreibt qualitativ unterschiedliche Romane. „Grauer Teufel“ gehört wieder zu jenen, die mich literarisch zwar nur bedingt überzeugen, aber dafür ziemlich grandios unterhalten haben. Mastertons Mystery-Krimi erinnerte mich in den ersten beiden Dritteln stark an die harten Thriller von Michael Slade (ebenfalls im Festa-Verlag erschienen). Der Hauptprotagonist ist sympathisch und man begleitet ihn gerne bei seinen Ermittlungen. Die anfangs unheimlichen Szenen mit dem unsichtbaren Killer waren sehr spannend und gruselig beschrieben. Das hat mir ausnehmend gut gefallen. Dass sich die Handlung dann aber eher in religiöse Kreise beziehungsweise Woodoo-Rituale begeben hat, war meiner Meinung nach ein nicht so guter Schachzug. Aber na gut, da sind die Geschmäcker einfach verschieden. Mir hätte es besser gefallen, wenn es mehr bei Mystery und Horror geblieben wäre.
Aber nichtsdestotrotz hat Masterton eine sehr spannende Geschichte abgeliefert, die erst gegen Ende hin immer umgangssprachlicher und daher unglaubwürdiger wirkt.

Recherchetechnisch hat sich der Autor ins Zeig gelegt, das merkt man. Auch wenn er sich einige Freiheiten erlaubt hat, wird die dargestellte religiöse Szene sehr glaubhaft geschildert. Das Fortschreiten der Ermittlungen bis hin zu der Erkenntnis, dass der Protagonist selbst in die Sache verwickelt ist, ging sehr geschickt und unterhaltsam vonstatten. „Grauer Teufel“ geht zwar anfangs in die Richtung des „alten Masterton“, entwickelt sich aber dann doch eher wieder zu einer Story, die vom „neuen Masterton“ stammt. Seine ersten Bücher waren eher Old School Horror von der unheimlichen Sorte, mittlerweile benutzt Masterton immer mehr Thriller- und Krimi-Elemente.

Graham Masterton erzählt seinen Horror-Krimi schnörkellos und ohne große Ansprüche, dafür versteht er es, den Leser sofort in seinen Bann zu ziehen. Wenn man einmal von den am Ende leider zu oft eingestreuten umgangssprachlichen Patzern absieht, legt „Englands Großmeister der Angst“ und der, laut San Francisco Chronicle, „würdige Erbe Edgar Allan Poes“ einen soliden Roman vor, der auf ganzer Linie unterhält und sorgfältig recherchiert wurde. Manchmal blutig und manchmal witzig: Diese Mischung funktioniert die meiste Zeit und sorgt für Abwechslung. Der Charakter Decker Martin wäre es durchaus wert, noch einmal in einem Roman von Graham Masterton aufzutreten.

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Fazit: Spannender Thriller mit Mystery-Elementen. Solider Roman mit historischem Hintergrund, der gegen Ende hin leider etwas nachlässt.

© 2015 Wolfgang Brunner für Buchwelten

Anna und die flüsternden Stimmen von Sabine Städing (4/5)

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Erschienen als
gebundene Ausgabe
bei Boje (Bastei Lübbe)
255 Seiten
Preis: 12,99 €
ISBN: 978-3-414-82114-0
Kategorie: Kinder ab 12 Jahre

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Die 15-jährige Anna kann sich vor „Freude“ auf den bevorstehenden Urlaub kaum halten. Könnten sich ihre Eltern finanziell locker einen Urlaub in teureren Gegenden wie Miami oder St. Tropez leisten, haben sie den Familienurlaub dieses Jahr in einem Kaff mit dem verlockenden Namen Qual gebucht. Ein Ferienhaus direkt am Meer mit Aussicht soll angeblich ihr Domizil sein, immerhin schon 90 Minuten von ihrem zu Hause in Hamburg entfernt. Tja, was die Entspannung der Familie angeht, da sind Annas Eltern nunmal sehr bescheiden. Sie sind der Ansicht, guten und angenehmen Urlaub kann man auch in der Heimat verbringen.

Als die Familie den Schlüssel für das Ferienhaus abholt und Anna dabei auf den verdammt gut aussehenden Tjark trifft, ist ihre ablehnende und miese Stimmung immerhin ein bisschen beschwichtigt. Dies behält sie allerdings für sich.

Den Run auf das beste Zimmer im Haus gewinnt Anna problemlos gegen ihren nervtötenden, 10-jährigen kleinen Bruder Joshua (Spitzname Joshi). Sie ergattert den Raum mit dem Ausblick auf das Meer und die verlassene ehemalige Lungenklinik, die sich auf dem Grundstück direkt neben dem „Strandkorb“ (ja, solch einen hübschen Namen trägt das Ferienhaus!) befindet.

Anna wird in diesem Urlaub ihren Segelschein machen und als sie am nächsten Tag ihren Segellehrer kennenlernt, macht ihr Herz einen kleinen Luftsprung. Da empfängt sie niemand anderer, als der hübsche gutaussehende Junge namens Tjark vom Vortag. Anna findet plötzlich, dass sie es in diesem Urlaub doch bei weitem schlechter hätte treffen können, auch wenn sie sich das gegenüber ihren Eltern natürlich nicht anmerken lässt.

Bereits in der ersten Nacht kann Anna nicht schlafen. Sie hört Geräusche, die sich anhören als würde das Haus um sie herum atmen. Und … sind da nicht flüsternde Stimmen in ihrem Zimmer? Als Anna aufsteht und aus dem Fenster blickt sieht sie dort einen alten, ausgezehrten Mann stehen, der sie zu sich ranwinkt. Sicherlich hat Anna einerseits Angst, doch andererseits ist umgehend ihre Neugier und Abenteuerlust geweckt. Was geht dort in Qual vor sich? Spukt es dort? Wer sind diese flüsternden Stimmen und wer dieser fiese, alte Mann? Anna beschließt der Sache auf den Grund zu gehen.

Zum Glück ist sie nicht allein, Tjark ist an ihrer Seite. Doch ehe sich die beiden versehen, befinden sie sich auch schon in Gefahr ….

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Sabine Städing hat hier einen guten, rasanten und auch spannenden Gruselroman für Kinder ab 12 Jahren, die lt. Verlagsseite die Zielgruppe ist, geschaffen.

Sie schreibt in einem einfachen, flotten und recht umgangssprachlichen Schreibstil, der nicht besonders gehoben aber dennoch angenehm und gut lesbar ist.

In der Handlung hat sie alles verarbeitet, was ein gutes Kinder- oder Teenagerbuch ausmacht. Es gibt eine Menge Grusel, die erste Liebe spielt eine Rolle, Stress mit kleineren Geschwistern und nervige Eltern.

Die Stimmung in den Gruselmomenten hat die Autorin sehr gut rübergebracht und die Charaktere waren sympathisch und gut ausgearbeitet.

Die Romanhandlung ist sehr modern gestaltet, Internet und Smartphones gehören heutzutage bei Teenagern nun einmal zum Alltag. Dennoch stöbern Anna und Tjark auch in staubigen Kirchenbüchern und Stadtarchiven um einem uralten Fluch auf die Spur zu kommen. 

Allerdings ist dieser Roman für mich eben ein klassisches Jugend- oder Kinderbuch und passt nicht in die Rubrik All-Age. Dafür ist die Handlung dann doch zu „einfach“ gehalten und nicht vergleichbar mit anspruchsvolleren Werken von  Autoren wie z.B. Wulf DornW. BrunnerZoran Drvenkar, Ralf Isau, oder auch Neil Shustermann.

Die Autorin lässt ihre Protagonistin aus der Ich-Perspektive erzählen, schreibt jedoch in der Gegenwart. Das Ende hat mich nicht enttäuscht, war aber dennoch absehbar.

Das Buch präsentiert der Verlag in einer gebundenen Ausgabe, mit einem hübschen, sehr ansprechenden Cover. Gehalten in verschiedenen rauchigen Blautönen zeigt es ein altes schmiedeeisernes Tor und eine Pusteblume. Wobei ich letztere nicht unbedingt mit der Handlung verbinden kann, gefällt mir der Buchdeckel sehr gut.

Der Klappentext ist sehr ausführlich und auch übersichtlich gehalten. Die Kapitel sind in einer angenehmen Länge gehalten, sodass auch die Kinder/Jugendlichen keine endlosen Buchseiten vor sich haben, was einige junge LeserInnen ja eher abschreckt.

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Mein Fazit: 4 von 5 Sternen für ein gutes Kinder- und Jugendbuch, dass der Zielgruppe mit einer gruseligen Geschichte und einem Hauch Liebe spannende und fesselnde Lesemomente verschafft. Geschrieben in einem guten Stil, der vom Anspruch allerdings nicht so hoch anzusiedeln ist, wie die All-Age Romane der Autoren Dorn, Drvenkar u.a.

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Ich danke Amazon Vine für die Bereitstellung des Rezensionsexemplars. 

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