Kontrolle von Robert Charles Wilson

Erschienen als Taschenbuch
im Heyne Verlag
insgesamt 398 Seiten
Preis: 9,99 €
ISBN: 978-3-453-31658-4
Kategorie: Science Fiction

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Cassie wohnt in einer Gegenwart, die wir nicht kennen: Seit 100 Jahren lebt die Menschheit in Frieden, den Vietnamkrieg und das Attentat am 11. September 2001 auf das World Trade Center zum Beispiel gab es nie. Doch eines Tages kommt Cassie hinter das Geheimnis dieses Weltfriedens, denn eine außerirdische Macht kontrolliert die Entwicklung der Erde. Zusammen mit ihrem Bruder Thomas, ihrer Tante Nerissa und ein paar Freunden versucht sie, das Rätsel zu entschlüsseln und entdeckt, dass das Wohl aller Menschen auf dem Spiel steht.

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Robert Charles Wilson Erzählstil ist immer wieder faszinierend. Einfach und absolut flüssig nimmt der Autor, der mit seiner SPIN-Trilogie weltweiten Erfolg feierte, in seinem Roman „Kontrolle“ den Leser mit auf eine lange Reise. „Kontrolle“ erscheint oftmals wie ein literarischer Roadmovie durch die Welt. Gerade durch die jugendlichen Protagonisten wird die Story zu einem erfrischenden Science Fiction-Abenteuer, das einen von der ersten Seite an in den Bann zieht. Zumindest mir ging es so, dass ich mich der rasanten Geschichte nicht entziehen konnte und immer weiter lesen wollte. Wilson erklärt den Plot sehr gut und kann auch mit ein paar überraschenden Wendungen aufwarten, die den Leser definitiv bei Laune halten.

Wer allerdings einen Roman im Stil von Wilsons Spin-Trilogie oder „Quarantäne“ erwartet, könnte unter Umständen enttäuscht sein. Denn wie bereits in „Netzwerk“ entfernt sich Wilson vom Weltall und widmet sich zukunftsorientierten Themen, die auf der Erde stattfinden. Aber auch das kann gute Science Fiction sein. Viele mögen aber diese Entwicklung an Robert Charles Wilson nicht, ich hingegen empfinde es als willkommene Abwechslung im Schaffen des Autors. Sicherlich besitzt „Kontrolle“ keine Hightech-Hintergründe oder einen bis ins letzte Detail wissenschaftlich durchdachten Plot, aber das kennt man doch aus der Science Fiction. Wichtiger ist doch, mit welchen Fragen sich der Autor beschäftigt und diese dann in seine Handlung verbaut. Aus dieser Sicht hat mir „Kontrolle“ gefallen, denn es beinhaltet eine mögliche, parasitäre Inbesitznahme der Erde, die durchaus glaubwürdig geschildert wird. Mir hat sich während des gesamten Buches niemals die Frage gestellt, ob das tatsächlich auch so möglich wäre oder nicht. „Kontrolle“ war für mich ein Roman, der mich schlichtweg unterhalten soll, was er auch getan hat.

Sicherlich waren die Charaktere nicht besonders tiefgründig, aber ich konnte zumindest mit ihnen mitfiebern und ihr Handeln nachvollziehen. Wilson folgt mit „Kontrolle“ dem klassischen Plot eines Roadmovie: Feind in Sicht, Flucht über das Land. Gefährten trennen sich und finden wieder zueinander.
Dennoch fühlte ich auf keiner Seite jemals Langeweile aufkommen, wie ich es so oft in anderen Rezensionen gelesen habe. Die Geschichte war durchweg schlüssig und baute auch einen konstanten Spannungsbogen auf, der mit einem, aus meiner Sicht wieder zu stark übertriebenem Finale, endete. Ich weiß nicht, warum es mir in letzter Zeit so oft passiert, dass ich die Enden mancher Romane als zu aufgesetzt finde, weil sie mit aller Macht spektakulär sein wollen. Liegt es an den momentanen Kinofilmen, die versuchen, sich selbst immer bombastischer zu übertrumpfen? Ich hätte ein ruhigeres Ende bedeutend besser empfunden wie Explosionen. Aber gut, das ist nun einmal Geschmackssache und wird dem ein oder anderen besser gefallen als die bis dahin dahinplätschernde Flucht vor den außerirdischen Lebensformen.

Wer allerdings solcherart Handlungsgerüste (eine Radiosphäre, die den gesamten Erdball umhüllt und aus einer Schwarmintelligenz  besteht, die die Menschheit manipuliert) auf jeder Seite hinterfragt, wird mit „Kontrolle“ definitiv keine Freude haben. Zu vieles wirkt nämlich bei näherer Untersuchung als zu unausgegoren oder gar unlogisch. Doch eine Hinterfragung stand, zumindest bei mir, irgendwie nie zur Debatte, weil ich mich einfach auf den Plot eingelassen habe und die Geschichte auf mich wirken ließ. Und, wie gesagt, auch wenn es sich um kein Weltraumabenteuer handelt, so hinterließ „Kontrolle“ von Robert Charles Wilson bei mir dennoch den Eindruck, einfach einen guten und unterhaltsamen SF-Roman gelesen zu haben. Mehr habe ich nicht erwartet …

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Fazit: Interessanter Ausgangsplot, der in ein Abenteuer führt, das an einen Roadmovie erinnert. Kurzweilig und unterhaltsam.

© 2017 Wolfgang Brunner für Buchwelten

Die neunte Stadt von J. Patrick Black

Erschienen als Taschenbuch
bei Heyne
insgesamt 792 Seiten
Preis: 16,99 €
ISBN: 978-3-453-31788-8
Kategorie: Science Fiction

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Vor unzähligen Jahren wurde die Erde von kriegerischen Aliens angegriffen. Die Menschen verteidigen sich mittels einer geheimnisvollen Begabung, die sie erstaunlicherweise durch die Außerirdischen bekamen. Es handelt sich dabei um eine geistige Kraft, die es ihnen ermöglicht, auf einer höheren Ebene gegen die Feinde zu kämpfen. Als die entscheidende Schlacht bevorsteht, sind es nur ein paar junge Heldinnen und Helden, die das Schicksal der gesamten Menschheit in die Hände nehmen.

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Eines vorweg: Man sollte diesem Buch auf jeden Fall eine Chance geben, denn es dauert tatsächlich etwa 200 Seiten, bis sich die Story einem so richtig erschließt. Der Klappentext trifft zwar die Geschichte auf den Punkt, aber erst nach gut einem Drittel des Romans erreicht man die Stelle, an der die Aliens und der Krieg zwischen ihnen und der Menschheit zum Tragen kommt. Ich will damit sagen, dass man die ersten 200 Seiten einfach durchhalten sollte, denn dann nimmt „Die neunte Stadt“ so richtig Fahrt auf und wird (zumindest weitestgehend) zu jenem Science Fiction-Epos, das man anhand der Inhaltsangabe erwartet hat.
Leider verhält es sich genauso bei den Charakteren. Auch hier musste erst eine Weile verstreichen, bis ich mich mit den verschiedenartigen Protagonisten „anfreunden“ konnte. Doch genug gemeckert: „Die neunte Stadt“ sprüht oftmals vor tollen Ideen, die einfach unglaublich Spaß machen. In der zweiten Hälfte kommt, wie gesagt, auch der Krieg zwischen der Menschheit und den Aliens zur Geltung und macht die Anfangsschwierigkeiten wett. Vor allem das mittlere Drittel des Romans ist das aus meiner Sicht interessanteste. Denn dort wird von den Kampfmaschinen der Menschen erzählt, die eine geistige Verbindung mit ihren Bedienern eingehen. So manches Mal hat mich das an Guillermo del Torros fantastischen SF-Film „Pacific Rim“ erinnert. Es war eine wirkliche Freude, diesen Mittelteil zu lesen.

Im letzten Drittel widmet sich Black dann dem eigentlichen Kriegsgeschehen und lässt die Leser hautnah an verschiedenartigen Auseinandersetzungen teilnehmen. Der Autor schildert diese Kriegsattacken sehr detailliert und bildhaft, dennoch hatte ich an manchen Stellen den Überblick verloren, wo genau sich diese Scharmützel abspielten: auf dem Boden oder im All. Diese Aufteilung in drei „Bücher“ lässt das Gesamtwerk letztendlich auch irgendwie „unfertig“ oder unausgereift wirken. Was wie eine Fantasy-Saga auf anderen Welten anfängt, wird in der Schilderung von Kampfvorbereitungen fortgeführt, um schließlich in einem epischen Krieg im Weltall zu enden. Der Plot hätte auf jeden Fall mehr Wirkung gehabt, wären diese drei Teile von Anfang an miteinander verschmolzen worden. So aber wirkt die Story durchkonstruiert und wie eine Abarbeitung vorgefertigter Plots. Fast könnte man meinen, es handle sich um drei Romane, die alle zufällig im gleichen Universum und zur gleichen Zeit spielen. Was für den ein oder anderen ebenfalls als störend empfunden werden könnte, ist die Schilderung ALLER Protagonisten in der Ich-Form. Das wirkt an manchen Stellen verwirrend, was wiederum zum Resultat hat, dass man sich mit den Protagonisten nicht besonders gut identifizieren kann, weil ja alle „Ich“ sind. Aber ich will den Roman keineswegs schlecht machen, denn das ist er definitiv nicht. Aber er hätte eben durchaus besser werden können. Blacks Schreibstil ist angenehm und sehr flüssig zu lesen. An manchen Stellen kommen sehr schöne philosophische Gedanken zum Tragen, die das Werk eindringlicher wirken lassen.

Insgesamt hat J. Patrick Black einen durchaus annehmbaren, erfrischenden Science Fiction-Roman mit seinem Debütroman abgeliefert. Sein bildhafter Schreibstil lässt den Leser unmittelbar in die Handlung eintauchen und auch im Kopfkino fantastische Bilder entstehen. Nach einem eher trägen, aber nicht unbedingt uninteressanten Einstieg im ersten Drittel wird man mit einem fast schon filmreifen Mittelteil belohnt, der auf eine fulminante Weiterentwicklung hoffen lässt. Anfangs klappt das auch noch ganz gut mit den dramatischen und durchaus einfallsreichen Kriegsschilderungen, doch leider beginnen diese sich diese oftmals in die Länge gezogenen Szenen irgendwann zu langweilen, so dass man wirklich das Ende des Buches  fast schon herbeisehnt. Insgesamt 200 Seiten weniger hätten dem Buch wahrscheinlich gut getan. Nichtsdestotrotz spannende und gut geschriebene Unterhaltung, die an manchen Stellen auch episch und bombastisch wirkt.

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Fazit: Alien-Invasion mit epischen Ausmaßen, aber leider auch einigen Schwächen.

© 2017 Wolfgang Brunner für Buchwelten

Die Rote Wand von David Pfeifer

Erschienen als Taschenbuch
bei Heyne
insgesamt 288 Seiten
Preis: 9,99 €
ISBN: 978-3-453-43876-7
Kategorie: Belletristik, Historie

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Im ersten Weltkrieg spielen sich auch Kämpfe in den Dolomiten ab, um die Grenze zwischen Nord- und Südeuropa zu verteidigen. Um ihrem Vater zu folgen, der in den Krieg gezogen ist, verkleidet sich ein Mädchen als Junge und folgt ihm. Schon bald befindet sie sich mitten unter Männern und inmitten blutiger, lebensbedrohlicher Kämpfe.

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Es dauert eine Weile, bis man sich an den journalistischen Schreibstil des Autors gewöhnt hat. Emotionslos wird in einer schnörkellosen Sprache eine Geschichte erzählt, die in „echter“ Romanform wahrscheinlich um einiges mehr berührt hätte. So aber verfolgt man die Protagonistin auf ihrer Odyssee durch eine Männer- und Bergwelt, ohne gefühlsmäßig wirklichen Anteil daran zu nehmen. Wie gesagt, man gewöhnt sich an den Schreibstil. Durch Pfeifers Beschreibungen ist man auch zweifelsohne oftmals mittendrin im Geschehen und man spürt manchmal auch die Rauheit der Berge und die Brutalität des Krieges, bekommt dies alles aber aus einem sehr großen Abstand serviert. Pfeifer bleibt fast immer auf einer sachlichen Ebene.

Nichtsdestotrotz ist David Pfeifer ein beeindruckendes Werk gelungen, das seine ganze Wirkung erst entfaltet, wenn man das Buch zu Ende gelesen hat. Vielleicht zeigt sich hier, dass der sachlich gehaltene Erzählstil doch irgendwie ein Kopfkino im Leser verursacht, das die Erlebnisse erst im Nachhinein zum Leben erwachen. Aber ich hätte mir einfach gewünscht, dass die eisige Umgebung, die gefahrvollen Klettereien, die kriegerischen Auseinandersetzungen und auch die melancholischen Gedanken des Mädchens effektvoller dargestellt werden. Wenn ich „Die Rote Wand“ zum Beispiel mit Dan Simmons‘ „Der Berg“ vergleiche, dann zieht Pfeifers Geschichte eindeutig den kürzeren, weil eben zu belanglos erzählt.

Insgesamt muss ich leider feststellen, dass „Die Rote Wand“ keinerlei Emotionen bei mir ausgelöst hat. Die Story an sich, nach einer wahren Geschichte, ist spannend und genial. Bei der Aufbereitung des Stoffes wäre allerdings weitaus mehr Potential da gewesen, als Pfeifer genutzt hat. Lesenswert ist das Buch aber allemal, da es sich eben durch einen zwar gewöhnungsbedürftigen, aber auch außergewöhnlichen Schreibstil auszeichnet, der mich so manches Mal an Andrea Maria Schenkel („Tannöd“) erinnerte. Schenkel schafft es aber durch ihre knappen und präzisen Beschreibungen zu fesseln, was man von Pfeifer eben leider nicht behaupten kann.
Recherchiert ist das Buch hervorragend und ganz am Ende beim Epilog, das muss ich zugeben, sprang ein emotionaler Funken auf mich über. 😉

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Fazit: Perfekt recherchiert, aber leider etwas emotionslos umgesetzt. Da wäre weitaus mehr Potential verfügbar gewesen.

© Wolfgang Brunner für Buchwelten

Bestechung von John Grisham

Erschienen als gebundene Ausgabe
bei Heyne
insgesamt 448 Seiten
Preis: 22,99 €
ISBN: 978-3-453-27033-6
Kategorie: Thriller

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Lacy Stoltz ist Mitarbeiterin bei der Rechtsschutzbehörde und übernimmt den Fall der Richterin Claudia McDover, die sich angeblich bestechen lässt. Ein Informant gibt immer mehr Details preis und will offensichtlich die Richterin zu Fall bringen. Schon bald stellt sich auch heraus, dass an der Sache etwas Wahres ist und eine Menge Geld auf ungesetzliche Art und Weise den Besitzer wechselt. Welche Rolle spielt das Kasino in einem Indianerreservat? Und während Stoltz zusammen mit ihrem Partner immer mehr von der Wahrheit über die Richterin erfährt, enwickeln sich die Untersuchungen  zu einem gefährlichen Spiel mit einem unberechenbaren Gegner …

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John Grisham ist einfach ein unglaublicher Erzähler. Auch in seinem neuen Justiz-Thriller „Bestechung“ schildert er packend eine komplexe Handlung, in die man sehr schnell eintaucht und von der man auch gefangen wird. Einigen Lesern wird der Anfang zu schleppend und unspektakulär erscheinen, wobei es gerade dieses Stilmittel ist, das eine gewisse Art von Sog entstehen lässt, dem man sich nicht so leicht entziehen kann. Die Geschichte beginnt ruhig und ohne großen Bombast. Doch kaum hat man sich mit den Personen vertraut gemacht und wiegt sich durch die gemächliche Erzählweise (ist natürlich im positiven Sinne gemeint) in Sicherheit, schlägt Grisham zu. Mit einer absolut unerwarteten und schockierenden Wendung  nimmt „Bestechung“ dann auch so richtig Fahrt auf und wird zu einem spannenden Ermittlungs-Thriller, der hervorragend unterhält.

Was mir an den Büchern von John Grisham schon immer gefallen hat, wird auch hier von ihm wieder angewandt. Ein Fall steht im Vordergrund und im Hintergrund werden interessante Informationen eingebaut. In diesem Falle geht es um ein Indianerreservat und die damit verbundenen eigenständigen Gesetze. Grisham ist ein wahrer Meister, wenn es darum geht, solch komplizierten Vorgänge verständlich zu erklären. Das macht er auch in den meisten seiner anderen (Justiz-)Bücher und so auch im vorliegenden. Dieses Indianer-Thema fand ich sehr faszinierend und informativ.

Die Charaktere machten aus meiner Sicht keine Entwicklung durch, was ich aber nicht als störend empfand. Ich konnte mich mit den Protagonisten, egal ob Haupt- oder Nebenfigur, durchaus identifizieren und freundete mich mit den Guten sogar an. Ganz leise rieselte eine Liebesgeschichte mit in den Thriller hinein, die aber nicht weiter ausgeführt und lediglich immer wieder angedeutet wurde. Auch das empfand ich absolut in Ordnung, weil es vom Hauptplot in keiner Weise ablenkte. Grisham beherrscht es einfach, Geschichten erzählen. Er hat sicherlich bessere Werke abgeliefert, bewegt sich aber mit „Bestechung“ immer noch auf gewohnt hohem Niveau. Wie schon oben erwähnt, handelt es sich um einen komplexen Fall, bei dem man an manchen Stellen meint, man würde jetzt bald den Überblick verlieren. Aber Grisham schafft es mit seinen detaillierten Beschreibungen immer wieder, dass man alles versteht. Und auch wenn seine Plots prinzipiell immer nach dem gleichen Muster ablaufen, so wirken sie jedes Mal aufs Neue faszinierend, unterhaltsam und eben durchdacht.

Einzig den Epilog empfand ich langatmig und zu dokumentarisch geschildert. Das Ganze las sich dann fast wie ein Sachbuch über historische Ereignisse in der Juristenwelt. Auch wenn es den ein oder anderen Handlungsfaden wieder aufgriff und zu einem Ende brachte, so hätte man das durchaus „unterhaltsamer“ verfassen können als mit einer Aneinanderreihung von Begegenheiten. Dennoch, mit solch einem Wermutstropfen kann ich leben, denn der Unterhaltungswert von „Bestechung“ ist aus meiner Sicht absolut hoch und führt Grishams Erfolgskonzept konsequent fort. Ich freue mich schon sehr auf den im Oktober 2017 erscheinenden Roman „Das Original“.

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Fazit: Spannend und authentisch geschildert. Ein gewohnt guter Grisham eben.

© 2017 Wolfgang Brunner für Buchwelten

Junktown von Matthias Oden

Erschienen als Taschenbuch
bei Heyne
insgesamt 400 Seiten
Preis: 12,99 €
ISBN: 978-3-453-31821-2
Kategorie: Science Fiction, Krimi

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In einer Welt, in der der Konsum von Drogen gesetzlich vorgeschrieben ist, wird Inspektor Solomon Cain in Junktown zu einem Mord-Tatort gerufen. Das Opfer ist ein höheres Maschinenwesen mit Gefühlen, eine sogenannte Gebärmutter, die für den Staat Geburten austrägt. Während Cains Ermittlungen stellt sich heraus, dass es nicht nur ein „einfacher“ Mord war, sondern eine Tat, die sich aus Vertuschungen zu einem sensationellen Skandal entwickelt. Bald ist Cain ein einsamer Kämpfer gegen einen mächtigen Gegner …

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Zugegebenermaßen dauerte es etwas, bis ich mich in den Debütroman von Matthias Oden eingefunden hatte. Obwohl sein Schreibstil klar und flüssig ist, musste ich mich dennoch irgendwie daran gewöhnen und mich mit ihm vertraut machen. Jede Menge Fremdbegriffe, mit denen man zuerst einmal nichts anfangen kann, werden einem auf jeder Seite präsentiert und verunsichern etwas. Da mag der ein oder andere ungeduldige Leser vielleicht sogar resigniert aufgeben, weil er zu wenig von dem Ganzen versteht. Doch wenn man die ersten Seiten hinter sich gelassen hat, wird man mit einem tollen, ideenreichen Krimi-Plot in Science Fiction-Atmosphäre belohnt. Odens Roman wirkt wie eine Mischung aus Philip K. Dicks „Blade Runner“ , George Orwells „1984“ und einem Schuss Film Noir. Eine wirklich außergewöhnliche und stimmungsvolle Atmosphäre zieht sich durch den kompletten Roman und verleitet oft zum Weiterlesen, obwohl man schon längst hätte aufhören wollen.

Am faszinierendsten an „Junktown“ fand ich allerdings den originellen und unersättlichen Einfallsreichtum, der sich auf fast jeder Seite eröffnet. Alleine die Ideen zu erfassen gleicht einem unglaublichen Abenteuer, das Oden dann noch geschickt in eine äußerst glaubwürdige und nachvollziehbare Handlung verwebt. Die Maschinenwesen erinnerten mich, wie gesagt, ein wenig an „Blade Runner“, aber Matthias Oden geht definitiv einen eigenen Weg und erschafft eine Zukunftsvision, in der man sich verlieren kann, wenn man sich darauf einlässt beziehungsweise einlassen kann.  „Junktown“ ist auch definitiv politisch, vieles ist offensichtlich, anderes zwischen der Zeilen versteckt. Wer sich mit Politik auskennt, wird einiges entdecken. Erfreulicherweise ist aber die Geschichte auch  für diejenigen Leser, die sich nicht besonders für Politik interessieren, absolut spannend und nachvollziehbar.

Mathias Oden hat eine zukünftige Welt entworfen, die gar nicht so sehr abwegig wirkt. Drogenkonsum als Pflicht mag unwahrscheinlich klingen, aber durch solch eine Vorgehensweise hätte die Regierung absolute Kontrolle über ihre Bürger. Das wäre doch selbst für die heutigen Politiker mehr als erstrebenswert, oder? Es macht einfach unglaublich Spaß, den Ermittlungen des Inspektors zu folgen und sich in dem detailliert entworfenen Weltbild einer Zukunft zurechtzufinden. Der Plot hätte durchaus noch ein wenig mehr Gesellschaftskritik vertragen, aber letztendlich hätte der Autor dann den Kreis einer interessierten Leserschaft massiv eingeschränkt. So verträgt sich ein spannender Plot aber mit sarkastischen, politischen Beanstandungen hervorragend.

Was dem Autor auch absolut gut gelungen ist, ist die Charakterzeichnung und die Gefühlswelt einer Mensch-Maschine. Neben der Krimihandlung webt Oden auch eine Liebesgeschichte mit ein, die mir persönlich absolut gefallen hat, so dass ich mir in der Tat mehr davon gewünscht hätte. Zum einen hat dieser Beziehungsstrang die Handlung ein wenig aufgelockert, zum anderen hat er der erfundenen Zukunftswelt auch die nötige Authentizität verliehen, denn Sex mit Maschinen könnte in einer nicht mehr allzu fernen Zukunft tatsächlich zur Realität werden.
Viele der außergewöhnlichen Ideen werden nur mit einem einzigen Satz angesprochen und regen den Leser dazu an, darüber nachzudenken, was sich denn  dahinter verbirgt. Für den ein oder anderen mag das zu wenig sein, für mich brachten genau diese Stellen  meine Fantasie und mein Kopfkino zum Einsatz. Da wird nicht lange erklärt, sondern zum Beispiel einfach nur der Begriff „Spermabad“ in den Raum geworfen und der Leser kann sich selbst ein Bild davon machen, wie so eine Institution aussieht. Ich finde, man muss nicht alles vorgesetzt und detailliert beschrieben haben, sondern kann auch mal selbst seine Fantasie spielen lassen. In dieser Hinsicht hat Matthias Oden es aus meiner Sicht richtig gemacht.

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Fazit: Matthias Oden entwirft mit „Junktown“ ein fast trostloses Zukunftsbild. Düster, dreckig und innovativ wird ein spektakulärer Mordfall beschrieben, dessen Atmosphäre im Kopf haften bleibt.

© 2017 Wolfgang Brunner für Buchwelten

Der Raum von Peter Clines

Der Raum von Peter Clines

Erschienen als Taschenbuch
im Heyne-Verlag
insgesamt 590 Seiten
Preis: 9,99 €
ISBN: 978-3-453-31642-3
Kategorie: Thriller, Science Fiction

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Als Nate Tucker in seine neue Wohnung einzieht, bemerkt er schon nach wenigen Tagen, dass etwas nicht stimmt: Türen lassen sich nicht öffnen und seltsame grüne Kakerlaken befinden sich in der Küche. Als er dann die Wohnungen von seinen Nachbarn zu sehen bekommt, stellt er fest, dass deren Ausmaße überhaupt nicht zum gesamten Haus passen. Schon bald beginnt ein unheimlicher Albtraum, bei dem es um die Rettung der gesamten Menschheit geht …

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Wie schon bei „Der Spalt“ liefert Clines einen hervorragenden und sehr stimmungsvollen Einstieg in seine Geschichte. Man fühlt sich als Leser sofort wohl mit dem Protagonisten und begleitet diesen neugierig durch seine neue Wohnung und das dazugehörige Haus. Es wirkt alles mysteriös und erinnert desöfteren an den grandiosen Roman „Das Haus“ von Mark Z. Danielewski. Aber auch an „Sliver“ von Ira Levin.
Man fiebert mit und kann kaum erwarten, wie es weitergeht, obwohl gar nicht so sonderlich viel passiert. Aber gerade diese ruhige Atmosphäre, mit der Peter Clines beginnt, macht den besonderen Reiz solcher Geschichten aus, denen man sich schwer entziehen kann. Alles wirkt glaubhaft und realistisch, obwohl alles dennoch von einem permanenten Hauch mystischer Rätsel umwoben ist. Als sich dann die Hausbewohner kennen lernen, sieht man die Treffen und Gespräche, die auf dem Hausdach stattfinden, wie einen Film vor sich. Wie gesagt, der Anfang des Romans ist absolut gelungen.

Doch leider passiert bei „Der Raum“ genau das gleiche wie bei „Der Spalt“: In der zweiten Hälfte entwickelt sich der Plot zu einem übertriebenen Action-Kracher, der die vorhergehende Handlung mit einem Schlag unglaubwürdig wirken lässt. Das liegt aber keinesfalls an der gelungenen Hommage an einen der Altmeister der Horrorliteratur, H.P. Lovecraft, sondern eher am übertrieben aufgesetzten Spannungsbogen, der wohl wieder einmal alles bisher dagewesene übertreffen soll. Hätte Clines den ruhigen Weg, wie in der ersten Hälfte des Buches, weiter eingeschlagen, wäre ein fantastischer Mystery-Thriller zustande gekommen, der noch dazu eine wirklich gute Idee im Lovecraft’schen Sinne vorweisen kann. So aber quält man sich eher durch die actiongeladenen Spannungssequenzen der zweiten Hälfte und möchte nur noch erfahren, wie es ausgeht. Wie gesagt, der Plot an sich ist wirklich gut und ideenreich, aber die Umsetzung funktioniert leider nur in der ersten Hälfte. Schade, denn das hätte durchaus ein kultiger Pageturner werden können.

Der Schreibstil ist gut und flüssig zu lesen, wobei auch hier auffällt, dass sich in der zweiten Hälfte bedeutend mehr umgangssprachliche „Ausrutscher“ und platte Witze verbergen als im ersten Teil. Das Ende wirkt wie der Film „Zathura“, nur bei weitem nicht so überzeugend. Zu viele Versatzstücke aus anderen Büchern oder Filmen kommen beim Finale zum Tragen und erdrücken den Kern der ursprünglichen Geschichte. „Der Raum“ ist gute, stimmungsvolle Unterhaltung in der ersten Hälfte und klamaukartiges Action-Feuerwerk in der zweiten Hälfte. Die vielen versteckten oder auch offensichtlichen Anspielungen auf H.P. Lovecraft und andere Bücher/Filme machen ungemein Spaß. Aber diese erfrischenden Einschübe hat Clines bereits auch in „Der Spalt“ praktiziert.
Peter Clines wird seine Anhänger finden, davon bin ich überzeugt, denn schreiben kann er, aber mich hat er mit dem Ende noch mehr enttäuscht wie bei „Der Spalt“. Dennoch ist ihm ein sehr rasanter und spannender Roman gelungen, der mich, wie schon bei „Der Spalt“, auf ein neues Werk neugierig macht, denn gute und fantastische Ideen hat Clines allemal.

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Fazit: Anfangs stimmungsvoll und überzeugend, endet der Plot leider in einem übertriebenen Action-Feuerwerk. Dennoch lesenswerter Mystery-Thriller.

© 2017 Wolfgang Brunner für Buchwelten

Opferweg (Odd Thomas 7) von Dean Koontz

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Erschienen als Taschenbuch
im HEYNE Verlag
384 Seiten
Preis:  9,99  €
ISBN: 978-3-453-43828-6
Kategorie: Unterhaltung, Horror
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Odd Thomas kehrt zurück nach Hause. Pico Mundo ist laut seiner eigenen Aussage, dass Ende seiner Reise. Seine geliebte Stormy hat er lange verloren und eigentlich will Odd ihr schon lange folgen um endlich wieder bei ihr zu sein. Denn Stormy hat immer gesagt: Das Leben, das wir kennen ist nur eine 1. Stufe: das Ausbildungslager. Danach geht’s erst richtig los.

Odd, guter Grillkoch und lieber Junge der er immer war undist, hatte aber immer andere, wichtigere Dinge zu erledigen, sodass das Wiedersehen mit Stormy warten musste. Über viele Jahre hinweg, haben wir Odd begleitet, nun scheint der finale Kampf gegen seine Feinde in seiner Heimatstadt mitten in der Wüste stattzufinden ….

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*** Achtung – Eventuelle Spoilergefahr !!! ***

Zunächst treffen wir eine Reihe alter Freunde aus Oddies Heimatstadt wieder. Natürlich Chief Porter, aber unbedingt zu erwähnen ist Oddies zweiter Ersatzvater und Mentor: der schräge Schriftsteller Mr. Ozzie Boone.

Im Original heißt der finale Band schlicht und einfach „Saint Odd“ und ich finde den Titel absolut passend. Dean Koontz selbst sagte, dass es für ihn einfach keinen anderen Titel hätte geben können. Aber hier bei uns muss ja immer alles übersetzt werden, sogar wenn es vom Englischen ins Englische ist.

Schön ist es natürlich, nach Pico Mundo zurückzukehren, es gab da Momente in anderen Bänden, da habe ich das vermisst. Bodachs lassen hier im letzten Teil jedoch lange auf sich warten, und auch die netten Geister von Elvis oder Frank Sinatra sind nicht mehr dabei. Alles Dinge, die die ersten Bände ausgemacht haben. Spannend fand ich diesen letzten Teil dennoch, auch wenn er eher ruhiger daher kommt. Mir persönlich ist das düstere und undurchdringliche der alten Teile ein wenig abhanden gekommen. Mir ist zu oft einfach nur von „den Kultanhängern“ die Rede. Das nimmt der Story für mich ein bisschen das Mystische. Aber gut gemacht hat Dean Koontz den letzten Teil der Reihe schon Jedoch kam mir das wirkliche Finale, DAS worauf alle Fans seit dem ersten Band gehofft und gewartet haben, leider zu kurz. Es war schön geschrieben, ja, doch ich hätte mir hier einen Packen Seiten mehr gewünscht. Ich fand es nicht gebührend genug behandelt und ein bisschen zu schnell runtergeschrieben. Ich weiß, viele Schriftsteller wollen irgendwann einfach nur noch fertig werden, endlich den Schluss runterschreiben, der sie solange in ihrem Kopf beschäftigt.
Dennoch ist der Schluss der Geschichte an sich sehr schön geworden. Bye bye Odd, schade, dass es nun vorbei ist.

Liebe Leser: Wenn ihr noch keinen Roman der Odd Thomas Reihe gelesen habt, dann lasst euch nicht von den heuschreckenartigen Viechern auf den Covern irreleiten oder verunsichern. Die haben absolut gar nichts mit den Romanen zu tun. Es gab eine Zeit, da hatten alle Dean Koontz Romane diese Viecher auf den Covern. Das war wohl gerade chic und in, keine Ahnung.

Was mir zu guter Letzt noch einfällt: Danke HEYNE, dass ihr Band 1 – 5 zunächst als gebundene Ausgabe und danach als Taschenbuch veröffentlicht habt. Warum ging das bei Teil 6 und 7 nicht mehr? Warum wurden die nur noch direkt als Taschenbuch auf den Markt gebracht? Oder müssen die Leser dankbar sein, dass sie überhaupt noch eine Printausgabe bekommen? Nun habe ich eine Buchreihe im Regal, die mit schönen, gebundenen Büchern beginnt und dann zerrissen wird und mit 2 Taschenbüchern endet. Für Leser, die schöne Buchregale schätzen und lieben, geht sowas leider gar nicht.

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Die Reihenfolge der Serie (Links führen auf die Verlagsseite):

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© Marion Brunner – Buchwelten 2017

Mind Control von Stephen King (Bill Hodges Serie III)

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Mind Control von Stephen King

Erschienen als gebundene Ausgabe
bei HEYNE
Originaltitel: End of Watch
insgesamt 528 Seiten
Preis:  22,99  €
ISBN: 978-3-453-27086-2
Kategorie: Krimi / Thriller
Übersetzer: Bernhard Kleinschmidt
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Brady Hartsfield, bekannt als der Mercedes Killer sitzt/liegt als „Matschbirne“ in einer Klinik für Neurotraumalogie, auch genannt „die Schüssel“, und fristet ein elendes Dasein. Denken zumindest alle, ist aber nicht so, denn Brady ist abgrundtief böse und das Böse in ihm gibt nicht auf. Sein Körper ist ein Wrack, doch Brady findet andere Mittel und Wege seine Macht- und Rachegelüste zu nutzen und umzusetzen.

In der Stadt geschehen plötzlich vermehrt ungeklärte Selbstmorde. Besondere Umstände bringen den ermittelnden Polizisten dazu, seinen Ex-Partner William Kermit (auch genannt Bill) Hodges zu kontaktieren. Denn der hat eine Ahnung, und bringt diese Geschehnisse mit niemand anderem als Brady Hartsfield in Verbindung …

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Wer die ersten zwei Bände der Mr. Mercedes Reihe gelesen hat, der kennt Brady Hartsfield und der weiß, dass dieser Typ einfach nur ein mieses, böses Etwas ist. Und Stephen King findet hier einen absolut guten, spannenden und gut ausgeklügelten Abschluss seiner Reihe. Wir treffen auf alte Bekannte wie Jerome und Holly Gibney, mit der Bill nach dem ersten Band das Büro „Finders Keepers“ gegründet hat. Diese Charaktere wiederzutreffen und sie zu begleiten macht großen Spaß. Holly hat sich prächtig entwickelt (zumindest für ihre Verhältnisse) und ich habe mich mit ihnen allen sehr wohl gefühlt.

Stephen King flechtet in seine Handlung sehr gut die neumodischen Phänomene wie den großen Einfluss sozialer Netzwerke (in dem Fall bei Teenagern) und die gefährlich hypnotisierende und abhängig machende Wirkung von Smartphones und Computerspielen ein. Wie oben herauszulesen ist, spielt auch das Thema Suizidgefahr und Gedankenbeeinflussung eine große Rolle. Diese Themen hat Stephen King sehr überzeugend und erschreckend deutlich hervorgebracht. Für mich war dieser abschließende Teil irgendwie eine typische X-Akte :-). Mehr mag ich an dieser Stelle nicht verraten. Aber ich würde jedem Neugierigen empfehlen, alle drei Teil zu lesen, denn die Handlung ist komplex und baut aufeinander auf.

Das Ende des Romans ist gut gelungen und für mich (leider) passend. Nicht enttäuschend und zu schnell herbeigeführt, wie es der Autor in seinen früheren Werken leider oft geliefert hat. Aber dies ist beim „neuen“ King mittlerweile grundsätzlich viel besser geworden.

Das einzige was mich wirklich stört und nervt, ist, warum ein Verlag einen englischen/amerikanischen Originaltitel in einen nicht deutschen Titel übersetzt. Absolut blöd und unsinnig. Ich gebe zu, dass der „deutsche“ Titel „Mind Control“ ziemlich gut zur Handlung passt, wobei er meiner Meinung nach schon zu viel preisgibt. Aber Stephen King, besser gesagt in diesem Fall seine Frau Tabitha, hat im Original den Titel „End of Watch“ gewählt. Und dabei werden sich die beiden garantiert etwas gedacht haben. Mich jedenfalls hat er zum nachdenken angeregt, wie das wohl konkret gemeint ist.

Aber dass Verlage Originaltitel aus dem englischen für unseren Markt in einen englischen Titel „übersetzen“ ist ja leider nichts Neues. Ich kann und muss das nicht verstehen. Dann kann man doch einfach den Originaltitel beibehalten, denn die Leser, die kein Englisch sprechen, müssen sowieso ein Wörterbuch (haha) zu Rate ziehen.

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Fazit: Ein gelungener, würdiger, absolut fesselnder Abschluss der Bill Hodges Reihe, der mit einem Schluss die Reihe beendet, der der gesamten Handlung absolut gerecht wird. Achtet auf die roten, flitzenden Fische … oder nein, lieber nicht ….

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© Buchwelten 2016

Verschwörung von David Lagercrantz nach Stieg Larsson (Millenium IV)

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Verschwörung
Erschienen als gebundene Ausgabe
bei HEYNE
insgesamt 608 Seiten
Preis: 22,99 €
ISBN: 978-3-453-26962-0
Kategorie: Thriller

.Kurz nach seiner Rückkehr aus den Vereinigten Staaten wird der bekannte schwedische Mathematiker, Informatiker und führende Experte für künstliche Intelligenz, Frans Balder, ermordet. Unmittelbar vor seinem Tod hat Balder Kontakt zum Journalisten Mikael Blomkvist aufgenommen. Denn Balder hatte hochbrisante Informationen, die er an die Öffentlichkeit bringen wollte. Blomkvist soll nicht mehr erfahren, um was es sich handelt, denn er kommt zu spät.

Aber als Mikael herausbekommt, dass auch seine alte Freundin und Weggefährtin Lisbeth Salander Kontakt zu Balder hatte, ist seine Neugier natürlich erst Recht geweckt. Er beginnt zu recherchieren und stößt auf Balders ehemaligen Arbeitgeber, einen Softwareriesen, der irgendwie mit der NSA verknüpft zu sein scheint. Und genau hier scheint Lisbeth eine Rolle zu spielen.

Mikael geht den ersten Schritt und schreibt eine Notiz, nur eine kurze, in Lisbeths Kasten ….

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Natürlich waren alle Fans der Millenium-Reihe von Stieg Larsson nicht nur hocherfreut, als sie hörten, dass die Reihe fortgesetzt wird, sie waren auch extrem neugierig, ob der Nachfolger den Anforderungen und Erwartungen gerecht wird.

David Lagercrantz heißt er, der Autor, der von Larssons Familie ausgewählt wurde, sein Erbe weiterzuführen. Ich selbst habe noch nie etwas von ihm gehört, geschrieben hat er allerdings schon einiges. Darunter auch mehrere Biographien.

Was soll ich groß drumherumreden? Lagercrantz hat eine absolut würdige Geschichte geliefert, die mich total überzeugt hat. Er hat die wichtigen, uns so ans Herz gewachsenen Figuren von Blomkvist, Salander, Berger, Palmgren und vielen anderen so gut „gezeichnet“, dass mir als Leserin nicht auffiel, dass den Stift nicht mehr Stieg Larsson geführt hat. Es war ein tolles Wiedersehen und ich war gefesselt vom Anfang bis zum Schluss.

Die Story geht teilweise sehr tief in die Mathematik, Informatik und auch Physik. Aber auch wenn ich der ein oder anderen Gleichung nicht folgen konnte, so hatte ich nie ein Verständnisproblem. Die Handlung ist verzwickt, verworren, verschworen – wie der Name sagt – und geht wie der dritte Teil der Reihe sehr ins Detail.


Was mir besonders gut gefallen hat, kann ich eigentlich gar nicht schreiben, ohne zu viel zu verraten. Aber es gibt da eine ganz ganz wichtige Nebenrolle und eine altbekannte Lisbeth, diese Kombination ist einfach nur der Wahnsinn. Wir erfahren in diesem vierten Teil sehr viel über Lisbeths Vergangenheit, Kindheit und ein weiteres hochinteressantes Detail. Stichwort: WASP, auch dass fand ich ziemlich interessant.

Einige kleine Unterschiede zwischen Larsson und Lagercrantz habe ich bemerkt, die ich ruhig schildern darf, ohne zu spoilern 🙂 Larsson-typisch waren viele belegte Brote und dass seine Figuren nie ins Bett gingen, sondern „zwischen die Laken“ gekrochen sind. Das tun sie nicht mehr. Dafür lesen sie. Blomkvist liest zum Beispiel Elisabeth George Krimis und eine weitere Figur u.a. den Friedhof der Kuscheltiere von Stephen King. Das kannte ich von Larsson hingegen nicht.

Ein kleines bisschen traurig war ich darüber, dass der Autor kein Nachwort geschrieben hat. Mich hätte doch sehr interessiert, wie er sich gefühlt hat, als man ihn fragte, ob er die Millenium-Reihe weiterschreiben möchte. Sicher war das für ihn selbst auch etwas Besonderes. Aber hierfür hat der Verlag als Entschädigung ein Interview auf der Homepage, in dem Lagercrantz genau darüber spricht. Ich habe es unten eingestellt und es ist sehr interessant und zeigt einen sympathischen Autor.

Mein Fazit: Für mich ist dieser 4. Teil der Millenium-Reihe, der beste „Larsson“ seit dem ersten Teil „Verblendung“. Auch wenn dieser es nicht selbst geschrieben hat, so wird das Buch der Reihe absolut gerecht, fesselt, macht Spaß, lässt den Leser hoffen und fiebern und ganz wichtig: zurückkehren an die Seite von Lisbeth und Mikael. Agieren sie endlich wieder richtig gemeinsam? Tja, findet es heraus …..

Ein kurzes Interview mit dem sehr sympathischen Autor:

Weitere Infos über die Millenium-Reihe beim Verlag

Homepage des Autors – David Lagercrantz

Mehr Rezensionen auf Buchwelten zu Stieg Larsson

Und zum Abschied, da ich nicht weiss, ob und wann es weitergeht … für mich DAS Lisbeth Salander Lied:

© Buchwelten 2015

Grimm von Christoph Marzi

Grimm

Erschienen als gebundene Ausgabe
im Heyne Verlag
insgesamt 560 Seiten
Preis: 17,99 €
ISBN: 978-3-453-26661-2
Kategorie: Jugendbuch
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Als Vesper Golds Vater stirbt, erfährt das junge Mädchen, dass die Welt nicht so ist, wie sie scheint. Ihr Vater vererbt ihr einen geheimnisvollen Schlüssel, hinter dem plötzlich ein Unbekannter her ist. Der Tod des Vaters erscheint Vesper auch immer mysteriöser, je mehr sie davon erfährt. Und dann fallen plötzlich alle Kinder weltweit in einen minutenlangen Schlaf und Wölfe streifen durch die Stadt. Märchenfiguren, die als erfunden galten, scheinen zur Realität geworden zu sein. Zusammen mit dem Studenten Leander macht sich Vesper auf den Weg, das Geheimnis der zum Leben erwachten Märchen zu lüften.

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Der Einstieg in Marzis Märchenwelt ist gelungen und macht so richtig Spaß auf das, was da noch kommen möge. Vespers jugendliche Charakterzeichnung ist absolut gelungen und zaubert einem so manches Mal ein Schmunzeln in die Mundwinkel.
Auch wie die Märchenwelt immer mehr in die Realität eindringt, hat Marzi sehr geschickt und spannend gemacht. Der teils sehr gehobene Schreibstil wird immer wieder durch saloppe Sprüche, die aber aus dem Mund der Protagonistin kommen und daher absolut in Ordnung sind, abgelöst, was zur Folge hat, dass man durch das Buch nur so fliegt. Es ist sehr kurzweilig und baut die Spannung schön gleichmäßig vom Anfang bis zum Ende auf. Hin und wieder gab es ein paar Szenen, die mir persönlich nicht so zugesagt haben, weil sie dann doch zu übertrieben auf mich wirkten, aber die verloren sich in der Vielfalt der gelungenen Teile.

Ein paar Ideen finde ich großartig und sehr überzeugend. Wenn es dann aber wiederum um eine Vereinigung geht, die bereits seit etlichen Jahrhunderten Jagd auf Märchenfiguren macht, dann war mir das doch ein wenig zu weit hergeholt und hat mir dann eher nicht so gefallen. Dennoch hat mir „Grimm“ trotz der genannten Kritikpunkte sehr gut gefallen, weil der Roman, wie oben schon erwähnt, meist in einem sehr schönen Schreibstil verfasst wurde und im Prinzip auch eine sehr nachvollziehbare Handlung aufweist.

Marzi hätte noch bedeutend mehr bekannte und unbekannte Märchen einbauen können, das hätte den Reiz des Buches mit Sicherheit erhöht. So aber beschränkte er sich nur auf ein paar ausgewählte, die aber jedermann kennen dürfte. Besonders hat mir eine Begegnung zwischen Vesper und einem eingesperrten, sogenannten „Goldspinner“ gefallen. Diese Szene fand ich äußerst amüsant und gelungen, denn, auch wenn der Name des kleinen Männchens nicht genannt wird, weiß man sofort, um wen es sich handelt. Aus diesem Grund hätten mir mehr solcher Einlagen gefallen.

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Fazit: Unterhaltsam und spannend entführt Marzi den Leser in eine Märchenwelt, die in unsere reale Welt eindringt. Deutsche Jugend-Fantasy, die absolut Spaß macht und in einem sehr gehobenen Schreibstil verfasst ist.

© 2015 Wolfgang Brunner für Buchwelten