Der Kult von Marlon James

Der Kult von Marlon James

Erschienen als gebundene Ausgabe
im Heyne Verlag
insgesamt 286 Seiten
Preis: 22,00 €
ISBN: 978-3-453-67718-0
Kategorie: Horror, Drama, Thriller

.

In einem kleinen Dorf namens Gibbeah taucht eines Tages ein schwarz gekleideter Unbekannter auf, der sich „Apostel York“ nennt und dem bis dato dort predigenden Hector Bligh den Posten streitig macht. Bligh ist ein versoffener alter Mann, der von York ohne Mühen  von der Kanzel gestoßen wird. Denn York ist charismatisch und schlägt die Dorfbewohner sofort in seinen Bann. Schon bald entbrennt ein erbitterter Kampf sowohl um die Seelen der Bewohner als auch um die religiöse Macht über das Dorf.

.

Zu Anfang sei angemerkt, dass es sich bei „Der Kult“ nicht um ein neues Buch handelt, sondern um den Debütroman von Marlon James, der bereits 2009 unter dem Titel „Tod und Teufel in Gibbeah“ erschienen ist.
Man muss sich schon auf Marlon James‘ Schreibstil einlassen können, um das Buch zu genießen (und vielleicht auch verstehen) zu können. Und obwohl des Öfteren derbe Ausdrücke benutzt werden, wirkt der Roman dennoch auf hohem literarischem Niveau verfasst. James‘ benutzt eine sehr außergewöhnliche Bildsprache, die sich dem Leser oftmals erst im Nachhinein offenbart. Es sind atmosphärisch dichte, filmreife Bilder, die der Autor mit seiner unkonventionellen Ausdrucksweise im Kopf des Lesers heraufbeschwört. Jede Menge Zitate aus der Bibel werden geschickt in die Handlung mit eingeflochten und lassen dabei ein etwas zweifelhaftes Bild auf Religionen und deren fanatischen Anhänger entstehen. Marlon James packt den Leser von Anfang an und lässt ihn einfach nicht mehr los. Man gerät als Leser ähnlich wie die Protagonisten in einen Strudel aus Sex und Gewalt, dem man sich nicht mehr entziehen kann (und irgendwie auch nicht möchte), denn zu stimmungsvoll sind die Beschreibungen der Ereignisse.

Alkohol, sündhafte sexuelle Ausschweifungen und fanatische Schwarzmalerei führen zu einem Kampf zwischen Gut und Böse, zwischen Moderne und mittelalterlich erscheinender Vergangenheit. Mit spärlichen, aber hundertprozentig treffsicheren Worten lässt Marlon James eine Welt vor den Augen des Lesers entstehen, vor der man sich fürchtet, aber gleichermaßen auch vollkommen in  Bann gezogen wird. Gerade die fast schon vulgären, sexuellen Beschreibungen, die an Dantes „Göttliche Komödie“ oder apokalyptische Bilder von Hieronymus Bosch erinnern, sind es, die den besonderen Reiz dieses Romans ausmachen. „Der Kult“ wirkt in der Tat apokalyptisch und dystopisch, aussichtslos und deprimierend. Viele Szenen und Bilder wirken so lange nach, das sie sich dem Leser erst nach Genuss der Lektüre, erschließen. Beeindruckend schildert James, wie sich eine ganze Stadt von den Predigten eines einzigen Mannes beeinflussen lässt. Die Bewohner verhalten sich teilweise wie Marionetten oder Lemminge, die sich einzig auf die Stimme ihres „Apostels“ verlassen. Marlon James zeigt gekonnt auf, wie einfach es für einen einzigen Mann ist, Menschen derart zu beeinflussen, dass sie ihm letztendlich hörig sind.

Viele sündhafte Ausschweifungen und menschliche Abgründe werden in „Der Kult“ beschrieben: Sodomie, Pädophilie, Ehebruch oder Untreue.  An manchen Stellen werden Marlon James‘ Beschreibung fast schon pornographisch, aber sie könnten nicht passender sein, denn sie arbeiten auf einen unglaublich intensiven Kampf zwischen Gut und Böse hin. Und erneut kommen einem beim Lesen Vergleiche mit Dante und Bosch in den Sinn. „Der Kult“ ist ein beeindruckender Roman über beängstigenden religiösen Fanatismus, sexuelle Entgleisungen und den Auswirkungen einer Massenhysterie in exzessive Gewalt. Die Geschichte ist ein Gleichnis über die Zerstörung einer Gesellschaft durch die Machtergreifung eines verblendeten Aufhetzers, der die Grenzen zwischen Wahrheit und Lüge (Gott und Teufel) verwischen lässt. Oft gleitet Marlon James ins Surreale ab und begibt sich damit auf literarische Pfade, die sonst nur der Regisseur David Lynch auf filmischem Weg betritt. Die Auseinandersetzung der beiden Priester, die das Gute und Böse im Menschen verkörpern (?) ist episch, aber auch mystisch und brennt sich szenenweise unaufhaltsam ins Gehirn ein. Den Roman einem Genre zuzuordnen fällt sehr schwer, denn zu vieles wurde vom Autor darin verpackt, um einer geraden, einfachen Linie zu folgen.
„Der Kult“ ist Kult.

.

Fazit: Kultverdächtig, episch und beeindruckend.

© 2018 Wolfgang Brunner für Buchwelten

Advertisements

Artemis von Andy Weir

Artemis von Andy Weir

Erschienen als Taschenbuch
im Heyne Verlag
insgesamt 432 Seiten
Preis: 15,00 €
ISBN: 978-3-453-27167-8
Kategorie: Science Fiction

.

Jazz Bashara lebt in Artemis, der ersten Stadt auf dem Mond. Das Leben dort ist verdammt teuer, wenn man nicht gerade Millionär ist. So bleibt Jazz nichts anderes übrig, als Zigaretten und andere, auf dem Mond verbotene Luxusgüter, für die reichen zu schmuggeln, um ein halbwegs vernünftiges Leben auf dem Mond führen zu können. Eines Tages bekommt sie einen äußerst lukrativen, aber auch enorm illegalen Auftrag, angeboten. Jazz nimmt den Auftrag an. Doch die Sache stellt sich plötzlich ganz anders dar als angenommen und von einem Moment auf den anderen steckt Jazz inmitten einer gefährlichen Verschwörung, durch die sogar das Schicksal von ganz Artemis gefährdet ist.

.

Da ist er also, der mit Spannung erwartete Nachfolgeroman von „Der Marsianer“, der in Rekordzeit zum Mega-Erfolg wurde und von Regisseur Ridley Scott kongenial in Szene gesetzt wurde. Meine Erwartungshaltung war, ehrlich gesagt, recht hoch, weil ich mir nicht vorstellen konnte, dass Andy Weir etwas ähnlich stimmungsvolles wie sein Debüt entwerfen könnte, aber ich habe mich glücklicherweise getäuscht. „Artemis“ steht dem „Marsianer“ genau genommen in nichts nach. Schon nach den ersten Seiten fühlt man eine ähnliche Atmosphäre wie in Weirs Erstlingswerk. Es ist schon wirklich erstaunlich, mit welcher Leichtigkeit der Autor seine Leser in eine fremde Welt entführen kann, so dass man glaubt, diese fast schon selbst zu kennen. Dieses Mal ist diese fremde Welt der Mond, auf dem wir die Protagonistin hautnah bei ihren Abenteuern begleiten. Weir schafft es mit seinem flüssigen Schreibstil von Anfang an, den Leser in seinen Bann zu ziehen.

Wie schon bei „Der Marsianer“ hatte ich des öfteren während der Lektüre von „Artemis“ ein Schmunzeln auf den Lippen. Ich liebe den trockenen Humor von Andy Weir, der seine Protagonisten so sympathisch und menschlich macht. Gerade die Mischung aus wissenschaftlich fundierten Beschreibungen und den überaus menschlichen Reaktionen und Verhaltensweisen der Personen macht Andy Weirs Büchern zu etwas besonderem. Manchmal fühlte ich mich bei „Artemis“ ein bisschen an den alten Sean Connery-Film „Outland“ erinnert, in dem sich die Handlung auf dem Jupitermond Io abspielt. Das Alltagsgeschehen gleicht dort dem in „Artemis“ und ich sah bei vielen Szenen einen Film vor mir, wie es auch schon bei „Der Marsianer“ passiert ist. Andy Weirs Beschreibungen sind schlichtweg filmreif. Am besten hat mir die erste Hälfte des Buches gefallen, in dem die Atmosphäre auf dem Mond perfekt beschrieben wurde, so dass ich mir wünschte, auch einmal dort eine gewisse Zeit verbringen zu können.

In der zweiten Hälfte des Buches entwickelt sich die Handlung immer mehr zu einem spannenden Agenten-Abenteuer, das mir zwar gefallen hat, aber die ruhige Grundstimmung, die der Roman anfangs noch besaß, ein wenig kaputt machte. Dieser Kritikpunkt ist allerdings Jammern auf hohem Niveau, denn „Artemis“ liest sich genauso flott wie sein Vorgänger und unterhält bestens. Andy Weirs Romane sind für mich genau die Art Science Fiction, die ich als Kind immer gern gelesen habe und heute immer noch gerne lese. Unkompliziert, realistisch, humorvoll und spannend. Man kann in „Artemis“ versinken und die Zeit vergessen, wenn man sich darauf einlässt. Ich denke, dass sich auch hier eine Verfilmung förmlich aufdrängt, denn, wie oben schon erwähnt, wir der Plot von einer unglaublich intensiven Stimmung beherrscht, der man sich schwer entziehen kann. „Artemis“ war für mich wieder einer der Romane, die ich, hätte ich genügend Zeit und Ruhe, in einem Rutsch hätte weglesen können. Bücher wie „Artemis“ haben es leider immer etwas schwer, wenn sie als Nachfolgeroman eines Erfolges erscheinen. Den Erwartungsdruck hat Andy Weit aber meiner Meinung nach perfekt gemeistert, in dem er seinem Stil absolut treu blieb und keinen Abklatsch von „Der Marsianer“ abgeliefert hat, sondern eine eigenständige, neue Geschichte, die aber von der Atmosphäre her dennoch an sein Debüt heranreicht. Mehr habe ich nicht erwartet. Ich freue mich schon jetzt auf das neue Werk von Andy Weir.

.

Fazit: Atmosphärisch dicht, humorvoll und spannend. Science Fiction, wie sie sein soll.

© 2018 Wolfgang Brunner für Buchwelten

Midnight, Texas – Geisterstunde von Charlaine Harris

Midnight Texas – Geisterstunde von Charlaine Harris

Erschienen als Taschenbuch
im Heyne Verlag
insgesamt 432 Seiten
Preis: 9,99 €
ISBN: 978-3-453-31915-8
Kategorie: Thriller, Horror

.

Der Hellseher Manfred hat in Dallas einen Auftrag bekommen. Dabei trifft er auf die schöne Olivia, die ebenfalls aus seiner neuen Heimatstadt Midnight stammt. Kurze Zeit später wird ein Ehepaar tot aufgefunden, mit dem sich Olivia noch wenige Augenblick vorher amüsierte. Und dann kommt auch noch Manfreds Kundin zu Tode. Als die Polizei Manfred immer mehr unangenehme Fragen stellt und die Presse ihn in Midnight aufsucht, zweifelt der Hellseher an seiner Entscheidung, nach Midnight gezogen zu sein. Und dann taucht auch noch ein Junge in der Stadt auf, der zehnmal so schnell altert, wie es normale Menschen tun. Manfred ist mehr denn je sicher, dass in Midnight irgendetwas nicht mit rechten Dingen zugeht.

.

Der zweite Teil von Charlaine Harris‘ neuer Romanreihe schließt nahtlos an den ersten Teil an. Es dauert nicht lange und man fühlt sich wieder „daheim“ und wohl in der Gesellschaft all jener Menschen und „Gestalten““, die sich in Midnight aufhalten. Harris‘ verlegt den Handlungsstrang erst einmal nach Dallas und verlässt Midnight. Aber der Roman ist dennoch eine Rückkehr in diese geheimnisvolle und verrückte Welt, die immer noch an manchen Stellen ein wenig an die „True Blood“-Reihe erinnert.  Irgendwie kam es mir dieses Mal aber vor, als lege die Autorin mehr Wert auf Thriller- und Krimi-Elemente, was aber nicht weiter stört. Im zweiten Teil erfährt der Leser nun etwas mehr über die geheimnisvolle Olivia, was den Plot an sich erfrischt. Dennoch geraten die anderen Bewohner des mysteriösen Städtchens Midnight nicht in den Hintergrund, sondern sind permanent mit dabei. Harris baut neue Personen mit in die Handlung, nimmt Veränderungen (Neuerungen) am Stadtbild vor und lässt dadurch niemals Langeweile aufkommen. „Midnight, Texas – Geisterstunde“ liest sich ungemein flott und kurzweilig. Das liegt in erster Linie an dem sehr flüssigen Schreibstil, der die Seiten nur so dahinfliegen lässt, zum anderen aber auch an der sympathischen Beschreibung der Protagonisten und deren Handlungen.

Die Fortführung des Plots ist Harris auf jeden Fall gelungen und sie konnte mich mit den Entwicklungen in Midnight überzeugen. Hin und wieder haben sich ein paar Mängel eingeschlichen, was die Konstruktion der Geschichte betrifft, denn manche Dinge wirkten auf mich etwas an den Haaren herbeigezogen und schlichtweg zu einfach gelöst. Aber das mag nur für mich zutreffen und wird den ein oder anderen bestimmt nicht stören (oder gar auffallen 😉 ).
„Midnight, Texas – Geisterstunde“ erscheint mir wie eine wilde Mischung aus Thriller und Krimi mit Mystery- und Horrorelementen. Charlaine Harris bleibt sich somit ihrem Stil treu, in dem sie sämtliche Konventionen einfach über den Haufen wirft und schreibt, was sie sich denkt. Das macht diese Serie genauso erfrischend und abgedreht, wie es bereits „True Blood“ getan hat. Fans werden also wieder Freude an diesem Roman haben. Ich hatte während des Lesens permanent im Hinterkopf, dass die Bücher verfilmt wurden, so dass ich tatsächlich bewegte Bilder vor meinem inneren Auge hatte. Dabei handelte es sich aber nicht um das sogenannte Kopfkino, das ich bei jedem Buch habe, sondern ich sah eine Verfilmung vor mir. Ich denke auch, dass die Filme sogar mehr Wirkung zeigen, als es die Bücher schaffen, denn die Handlung von „Midnight, Texas“ ist optimal für den Bildschirm geeignet.

Aber auch im zweiten Teil der Reihe hatte ich Schwierigkeiten, mir die Protagonisten als junge Leute vorzustellen. Ich sah unentwegt Frauen und Männer in mittlerem Alter vor mir. Das liegt mit Sicherheit daran, dass ihnen bestimmte Verhaltensweisen zugeschrieben werden, die in meinen Augen nicht auf junge Leute zutreffen. Ich kann es nicht näher erklären, aber ich sehe die Protagonisten durch die Bank in einem anderen (höheren) Alter. Gegen Ende hin entwickelt sich der Roman dann wieder in die Richtung, die man erwartet hat: Fremdartige, mystische Wesen, die sich in unseren Alltag einschleichen. Die Entwicklung erinnerte mich dann schon wieder viel mehr an „True Blood“ und hat mir sehr gut gefallen. Auch das kann ich mir als Serie absolut gut vorstellen.
„Midnight, Texas“ ist trotz vieler Parallelen zu „True Blood“ dennoch irgendwie anders. Besonders gefallen hat mir noch, dass Harris Anspielungen auf ihre anderen Buchreihen („True Blood“ wurde schon genannt, aber auch die Buchreihe um Lily Bard) eingebaut hat. Das lässt Erinnerungen wach werden und trägt vielleicht sogar dazu bei, „Midnight, Texas“ besser zu machen, als es eigentlich ist. Denn eines ist für mich (leider) gewiss: „Midnight, Texas“ wirkt an manchen Stellen ein wenig uninspiriert und unausgegoren. Ich will damit nicht sagen, dass mir die neue Serie nicht gefällt, ganz und gar nicht, aber „True Blood“ war definitiv stimmungsvoller und vor allem innovativer, was den abgedrehten Genremix betrifft. Auf alle Fälle schafft es die Autorin, mich auf den dritten Teil mit dem Titel „Nachtschicht“ neugierig zu machen. 🙂
Und auf die Verfilmung bin ich ebenfalls sehr, sehr gespannt.

.

Fazit: Gelungener zweiter Teil der Mystery-Horror-Serie, der anfangs eher in Richtung Krimi geht.

© 2018 Wolfgang Brunner für Buchwelten

Forderung von John Grisham

Forderung von John Grisham

Erschienen als gebundene Ausgabe
im Heyne Verlag
insgesamt 432 Seiten
Preis: 24,00 €
ISBN: 978-3-453-27034-3
Kategorie: Thriller, Belletristik

.

Um ihr Studium zu finanzieren, haben Zola, Todd und Mark einen Kredit aufgenommen. Doch gegen Ende ihres Studiums, kurz vor Abschluss, wird ihnen klar, dass sie die horrenden Kreditsummen niemals zurückzahlen können, denn die Arbeitssituation stellt sich völlig anders dar, als ihnen seinerzeit versprochen wurde. Sie suchen nach einem Ausweg … und finden einen. Dieser ist aber weitaus gefährlicher, als sie ahnten.

.

Und schon wieder hat Grisham zugeschlagen. Es ist noch nicht lange her, dass wir in Deutschland seinen Thriller „Das Original“ zu lesen bekommen hatten, und schon folgt „Forderung“. Im ersten Moment fühlt man sich versucht, zu denken, Grisham schleudere seine Bücher mittlerweile im Halbjahrestakt auf den Markt, so dass die Handlung beziehunsgweise der Schreibstil darunter leide. Ich für meinen Geschmack fühle mich nach wie vor von Grisham absolut gut unterhalten und finde immer noch den „alten“ Schriftsteller, den man von seinen Erstlingswerken „Die Firma“ oder „Die Akte“ kennt. Grisham hat sich, wie viele seiner Schriftstellerkollegen schlichtweg weiter entwickelt und versucht, sich in seinen Romanen immer wieder ein wenig neu zu definieren. Dies gelingt ihm auch mit „Forderung“ wieder absolut. Ähnlich wie seine beiden letzten Vorgänger „Bestechung“ und „Das Original“ entwickelt Grisham eine interessante Grundidee, die er dann im Verlauf des weiteren Buches ausbaut und konsequent durchdacht zu Ende führt. Mit Sicherheit mangelt es dem ein oder anderen Leser an Innovationen, was nicht ganz von der Hand zu weisen ist. Grisham geht wirklich mit seinen Büchern einen einfachen Weg, der letztendlich (trotz einer schriftstellerischen Entwicklung) dennoch immer nach einem bestimmten Schema abläuft. Doch ich finde das überhaupt nicht schlimm, denn Pageturner werden es trotzdem alle seine Romane. Auch bei „Forderung“ konnte ich mich nicht mehr von der Handlung losreißen, wollte unbedingt wissen, wie es weitergeht, und habe teilweise gar nicht bemerkt, wie die Seiten nur so dahinfolgen. Was will man von einem guten Buch mehr erwarten?

John Grisham schreibt gewohnt flüssig, so dass man über ein paar Ungereimtheiten und/oder teils leicht unglaubwürdige Geschehnisse hinwegsieht, weil man einfach gar keine Zeit hat, großartig darüber nachzudenken. 😉
„Forderung“ reiht sich aus meiner Sicht in die süchtig machenden Werke des Autors nahtlos ein und stellt ein sehr unterhaltsames Lesevergnügen dar. Grisham erfindet das Rad des Justiz-Thrillers nicht neu, aber das kann man wahrscheinlich aufgrund der Vielzahl an Veröffentlichungen in diesem Genre gar nicht mehr. Geschickt verwebt er aber Insider-Informationen und erfundene Teile zu einem insgesamt und im Großen und Ganzen glaubwürdigen Szenario, das Hand und Fuß hat. Der aufmerksame Leser wird aber letztendlich immer irgendetwas finden, bei dem er was zu meckern hat, das kann kein Schriftsteller verhindern. Erstaunlich ist wieder einmal, dass, obwohl nicht sonderlich viel passiert, der Plot dermaßen rasant an einem vorbeizieht, dass man sich am Ende fragt, wo die über 400 Seiten geblieben sind.

Grisham lässt bei seinen Charakterzeichnungen viel Spielraum für den Leser, soll heißen, die Personen wirken bei genauerem Hinsehen etwas blass und/oder leblos. Trotzdem hatte ich während des Lesens ein Bild vor Augen und konnte die Personen auch ohne weiteres auseinanderhalten. Wie oben schon erwähnt, lässt man sich auf den rasanten Plot und den hohen Unterhaltungswert dieses Romans ein, darf (zumindest aus meiner Sicht) die Personenbeschreibung ohne weiteres in den Hintergrund geraten, denn ein wenig Vorstellungsvermögen dürften die Leser schon haben, um nicht jede Gesichtsfalte oder Charaktereigenschaft der Protagonisten beschrieben zu bekommen. Mich hat dieses Manko nicht gestört, zumal mir die Personen näher kamen als bei manch einem Werk, wo explizit die detaillierte Vorgeschichte der Person erläutert wurde. Grisham füllt seine Charaktere durch den schnellen Handlungsablauf unweigerlich mit Leben und das reicht mir im Thriller-Genre alleweil, zumal wir es hier auch nicht mit einer psychologisch tiefergehenden Handlung zu tun haben.
Von mir daher eine ganz klare Leseempfehlung für Freunde von rasanten Thrillern mit juristischem Hintergrund.

.

Fazit: Rasanter Thriller im Justizumfeld mit Pageturner-Garantie.

© 2018 Wolfgang Brunner für Buchwelten

Das Ende von Richard Laymon

Das Ende von Richard Laymon

Erschienen als Taschenbuch
im Heyne Verlag
insgesamt 320 Seiten
Preis: 9,99 €
ISBN: 978-3-453-67714-2
Kategorie: Thriller, Horror

.

An der sogenannten „Schleife“, einer Flussbiegung, wird die kopflose Leiche einer Frau gefunden. Rusty Hodges, Sheriff von Sierra County, und Deputy Mary Hodges machen sich auf die Suche nach dem Mörder, der noch immer sein Unwesen zu treiben scheint …

.

Wenn man den Klappentext zu dieser deutschen Erstausgabe eines Romans von Richard Laymon aus dem Jahr 1999 liest, erwartet man definitiv ein Horror-Slasher-Roman. Aber leider (oder glücklicherweise?) ist dem nicht so. Ich für meinen Teil war freudig überrascht, als ich bemerkte, welche Richtung „Das Ende“ einnahm, denn ich muss gestehen, dass ich Laymons in Deutschland bisher unveröffentlichten Werke immer mehr mochte wie seine harten und blutigen Horrorstorys. „Das Ende“ ist unspektakulär und bei weitem nicht so übertrieben blutig wie manch anderes Werk Laymons, aber dafür umso mehr atmosphärisch. Es sind anscheinend immer die unscheinbareren und nicht dem Massengeschmack entsprechenden Romane von Richard Laymon, die mich persönlich mehr ansprechen. Wie gesagt, so verhält es sich auch mit diesem Buch. Eines muss jedoch gesagt werden: Klappentext und Titel des Buches haben absolut nichts mit der vorliegenden Geschichte zu tun.

„Das Ende“ reiht sich wie viele der letzten Veröffentlichungen eher in die Rubrik „ruhiger Laymon“ ein. Es ist weniger Horror, der den Leser hier erwartet, sondern ein handfester Thriller, der im von Laymon gewohnt flüssigen Schreibstil verfasst wurde, so dass man den Roman kaum aus der Hand legen kann (und auch wird) und förmlich durch die Handlung fliegt, bis man auch schon ans temporeiche Finale gelangt. Laymons Charaktere sind nicht wirklich gut ausgearbeitet, was mir persönlich aber den Spaß am Plot keinesfalls verwehrt. Die Personen sind austauschbar, könnten in jedem anderen Roman von Richard Laymon die Hauptrolle spielen und besitzen wenig Tiefe und Persönlichkeit. Aber für die rasante Handlung reicht es allemal und Laymon wollte wohl schlichtweg seine Geschichte erzählen und keine Charakterstudien abliefern. Die kurzen Kapitel tun ihr übriges dazu, um die Story voranzutreiben. Romane von Richard Laymon sind keine literarischen Höhenflüge, sondern einfach nur spannende Geschichten, die, ähnlich wie eine Achterbahnfahrt, grandios unterhalten und einen mitreißen. Und genauso verhält es sich mit „Das Ende“. Ein kurzweiliges, spannendes und atmosphärisches Kleinod einfacher Unterhaltungsbelletristik. Laymon hält sich hier definitiv zurück, was Splatter- und/oder Sexszenen angeht und steigt dadurch in meiner Achtung, denn hier zeigt er, dass er auch anders kann und auch eine geradlinige Geschichte erzählen kann, die für den einen oder anderen vielleicht langweilig wirken mag, auf mich aber einen sehr „heimeligen“ Thrillercharakter besitzt, der mich in seinen Bann gezogen hat.

Es wäre kein Laymon, wenn nicht auch Brüste und sexuelle Anspielungen vorkommen würden. Dennoch zügelte sich der Autor, wie gerade erwähnt, bei „Das Ende“ und konzentrierte sich eher auf die Thrillerelemente. Immer wieder interessant ist, dass es Laymon schafft, selbst durch seinen einfachen Schreibstil eine Art Film vor dem inneren Auge des Lesers ablaufen zu lassen. Dies ist auch hier wieder der Fall. Am Ende der Lektüre meint man, man hätte das Ganze als Film auf der Leinwand gesehen. Der typische Laymon-Flair zieht sich, obwohl es sich eben nicht um einen Horrorroman handelt, durch das ganze Buch und es macht unglaublich Spaß, den Ermittlungen des Sheriffs und des Deputys zu folgen. Am Ende kann Laymon auch noch mit ein paar Wendungen und Überraschungen auftrumpfen, die aber Thriller-Leser der heutigen Zeit eher weniger hinter dem Ofen hervorlocken können. Aber man darf auch nicht vergessen, dass der vorliegende Roman fast schon zwanzig Jahre „auf dem Buckel“ hat. Ich für meinen Teil habe „Das Ende“ auf jeder Seite genossen und freue mich schon, wenn Heyne die Publikation von Laymons älteren Werke fortsetzt.

.

Fazit: Laymon goes Thriller. Richard Laymon zeigt wieder einmal, dass er auch anders kann.

© 2018 Wolfgang Brunner für Buchwelten

Die Dämonenkriege von Michael Hamannt

Die Daemonenkriege von Michael Hamannt

Erschienen als Taschenbuch
im Heyne Verlag
insgesamt  752 Seiten
Preis: 14,99 €
ISBN: 978-3-453-31838-0
Kategorie: Fantasy

.

Vor tausend Jahren wurden sie von Magiern in eine Gegenwelt verbannt: die Dämonen. Doch nun kehren sie zurück und bedrohen die Menschheit erneut. Ein Dämonenjäger, ein Prinz, eine Halbdämonin und eine Assassine stellen sich dem Kampf und setzen alles daran, die Menschen zu retten und die Dämonen wieder zu vertreiben …

.

Schon nach den ersten Seiten wusste ich, dass mir „Die Dämonenkriege“ von Michael Hamannt gefallen würde. Es war zum einen der Schreibstil, der mich sofort überzeugt hatte, aber auch die feinfühlige Art, wie der Plot aufgebaut wurde. Hamannt geht nicht gleich aufs Ganze, sondern führt den Leser auf Tolkien’sche Art in seine Welt ein und stellt die Protagonisten der Reihe nach vor. Das empfand ich als ungeheuer angenehm, wenn man als Leser eine Person nach der anderen ausführlich präsentiert bekommt, bevor sie sich zu einer Gemeinschaft vereinigen und sich auf einen epischen Kampf vorbereiten. Sicherlich erinnert das an manchen Stellen an den großen Wegbereiter der Fantasy J.R.R. Tolkien, wirkt aber niemals so plump und inspirationsarm kopiert wie einst „Eragon“, sondern vermittelt im Gegenteil einen sehr eigenständigen Ideen-Pool, aus dem der Autor mit vollen Händen schöpft. Man merkt Hamannt den Spaß an, den er beim Schreiben und Ausdenken seiner Welt gehabt hat und den er mit seinen Worten hervorragend auf den Leser übertragen kann. Stimmungsvoll, ruhig, aber auch episch wie J.R.R. Tolkien, Tad Williams und David Eddings konstruiert Hamannt vor den Augen des Lesers eine sorgfältig ausgearbeitete, glaubwürdige Welt und lässt sie von Seite zu Seite an Details wachsen.

Michael Hamannt zieht seine Leser in den Bann und lässt sie nicht mehr los. Geschickt verbindet er politische Intrigen und Machtrangeleien a la „Game Of Thrones“ mit epischer Fantasy und löst im Leser ein Suchtgefühl aus, das in jeder freien Minute zum Griff nach dem Buch verleitet. Besser kann man Fantasy fast nicht schreiben. Erfreulicherweise lässt Hamannt auch die Finger von Zwergen, Orks und Elfen, die man mittlerweile schon zur Genüge kennt und oftmals gar nicht mehr lesen mag, und richtet sein Augenmerk auf eine vollkommen andere Spezies, nämlich die Dämonen. Genau diese Mischung aus High Fantasy und leichten Horrorelementen macht „Die Dämonenkriege“ in meinen Augen zu einem besonderen Buch in der Vielfalt der Fantasy-Literatur. Hamannt bringt frischen Wind in das Genre und bedient dennoch die klassischen Elemente der Fantasy, was seinen Roman zu einem wunderbaren Genremix macht, der unglaublich Spaß macht.

Was ich ebenfalls sehr erfrischend empfand, war die sehr authentische Sprache bei den Dialogen der Protagonisten. Da fallen auch schon mal umgangssprachliche Ausdrücke, die aber wirklich perfekt zu den Charakteren und Situationen passen und dem Ganzen nochmals eine sympathische Glaubwürdigkeit verpassen. Der Schreibstil des Autors ist sehr niveauvoll und gehoben und wird lediglich durch die erwähnten saloppen wörtlichen Reden aufgelockert, was ich als unwahrscheinlich angenehm und ermunternd empfand. Von Längen kann aufgrund der Dicke des Buches absolut keine Rede sein. Michael Hamannt packt den Leser und zerrt ihn förmlich durch die Vielzahl an Seiten bis zum fulminanten Ende, das die Erwartungshaltung auf die Fortsetzung in die Höhe schraubt. Es ist ein Pageturner, den Michael Hamannt da vorgelegt hat und der Freunde epischer und (absolut im positiven Sinne gemeinten) langatmiger High Fantasy begeistern wird.
Auch mit den Charakterzeichnungen der Protagonisten kam ich hervorragend zurecht und die Personen wuchsen mir alle im Verlaufe der Geschichte immer mehr ans Herz. Durch den bildhaften Schreibstil habe ich oft die Welt um mich herum vergessen und befand mich zusammen mit den Helden in den Schwebenden  Reichen. Hamannt hat eine sehr stimmige Welt und eine atmosphärische, düstere Handlung erschaffen, die mich wirklich begeistert hat.

.

Fazit: Düster, innovativ und stimmungsvoll. Epische High Fantasy, die absolut gefällt.

© 2018 Wolfgang Brunner für Buchwelten

In der Tiefe von Michael Grumley

In der Tiefe von Michael Grumley

Erschienen als Taschenbuch
im Heyne Verlag
insgesamt  496 Seiten
Preis: 12,99 €
ISBN: 978-3-453-31885-5
Kategorie: Thriller, Science Fiction

.

In Südamerika taucht eines Tages ein russisches U-Boot auf, das es eigentlich gar nicht geben dürfte. Sonderermittler John Clay macht sich auf den Weg nach Brasilien, um das mysteriöse Phänomen zu untersuchen. Währenddessen kann die Meeresbiologin Alison Shaw in Bezug auf ihre Kommunikation mit Delfinen immer größere Erfolge verzeichnen. Die Beziehung zwischen Shaw und Clay baut sich immer mehr auf, als Clay eine Entdeckung macht, die die Welt für immer verändern könnte. Durch einen Zufall wird Alison plötzlich in den Fall mit einbezogen …

.

Die Abenteuer der Meeresbiologin Alison Shaw und des Ermittlers John Clay, die beide bereits im ersten Teil der Breakthrough-Reihe von Michael Grumley mitspielten, gehen weiter. Der Einstieg in die Geschichte wirkt für diejenigen, die den ersten Teil „Breakthrough“ kennen, etwas unbeholfen, da die Geschichte irgendwie zwar fortgeführt wird, aber nie so richtig Bezug auf die Ereignisse des ersten Teils genommen wird. Wahrscheinlich wollte Grumley zwar die Abenteuer der beiden Protagonisten fortführen, mit „In die Tiefe“ aber auch einen eigenständigen Roman abliefern,der es Lesern, die den ersten Teil nicht kennen, noch gestattet, in den Plot mit einzusteigen. Das funktioniert auch,  aber gegen Ende hin versteht man dann doch wieder nur die Zusammenhänge, wenn man den erwähnten ersten Teil kennt. „In der Tiefe“ funktioniert daher für mich nicht als eigenständige Handlung, sondern schildert zwar ein eigenständiges Abenteuer der beiden Protagonisten, setzt aber das Wissen der Geschehnisse in „Breakthrough“ voraus. Daher hätte Grumley durchaus darauf verzichten können, Neuleser mit seinem zweiten Roman zu gewinnen, sondern hätte die Handlung weit enger an die Vorkommnisse des Einstiegsromans legen können. Aber genug gemeckert … 😉

Der Plot beginnt genauso abenteuerlich wie „Breakthrough“ und man befindet sich im Nu wieder in der gleichen Stimmung. Grumleys Schreibweise ist nach wie vor ungemein flüssig und locker zu lesen, so dass auf keiner Seite Langeweile aufkommt und man sofort in der Geschichte drinsteckt. Ab und zu fühlte sich die Handlung etwas unausgegoren und unschlüssig an, weil zu viele Wendungen und Entwicklungen passieren, die in die ursprüngliche Geschichte gar nicht so recht hineinpassen wollen. Letztendlich löst sich zwar alles am Ende auf und man kann die Zusammenhänge durchaus verstehen, aber etwas weniger an „Handlung“ hätte in diesem Falle gereicht. Der Plot wirkt manchmal zu konstruiert, als dass er flüssig auf den Leser wirkt. Dennoch kann man sich schlecht von diesem Buch losreißen, weil es, wie bereits der erste Teil, einfach nur unglaublich spannend und unterhaltend geschrieben ist.

Die Idee ist ohne Zweifel gut und es ist wieder alles sehr bildhaft beschrieben, so dass man einen Film vor seinem inneren Auge sieht. Ich hätte mir allerdings manchmal gewünscht, Grumley hätte sich mehr auf einen einzelnen Handlungsstrang konzentriert und nicht versucht, so viel wie möglich in seine Geschichte zu verpacken. Wie gesagt, es wird zwar alles mehr oder weniger am Ende aufgelöst und miteinander verknüpft, aber es wirkt unausgegoren. Und das ist schade, denn mit „Breakthrough“ hat Michael Grumley einen Einstiegsroman verfasst, der an die besten Zeiten von James Rollins und Matthew Reilly erinnert hat. Dieses Niveau konnte er nun mit „In der Tiefe“ leider nicht mehr halten, auch wenn das Buch immer noch perfekt unterhält. Hervorzuheben sind definitiv wieder die Stellen, in denen über die Kommunikation mit Tieren geschrieben wird. Alleine diese faszinierenden Ideen sind es wert, dass man „In der Tiefe“ lesen sollte. Michael Grumley hat erneut einen spannenden und kurzweiligen Wissenschafts-Thriller abgeliefert, der jedoch handlungstechnisch hinter dem ersten Teil zurückbleibt. Dennoch wird dadurch meine Freude auf den dritten Teil nicht getrübt, wenngleich die ersten Meinungen darüber nicht besonders gut klingen. Ich bilde mir auf jeden Fall mein eigenes Bild und sehe der Fortführung zuversichtlich entgegen.
Mein Tipp: Vor „In der Tiefe“ unbedingt „Breakthrough“ lesen, damit sich die Handlung wirklich voll entfalten kann und die Zusammenhänge so wirken können wie vom Autor geplant.

.

Fazit: Spannend und unterhaltend wie der erste Teil, allerdings handlungstechnisch ein Rückschritt.

© 2018 Wolfgang Brunner für Buchwelten

Die Gabe von Naomi Alderman


Die Gabe von Naomi AldermanErschienen als Taschenbuch
im Heyne Verlag
insgesamt  464 Seiten
Preis: 16,99 €
ISBN: 978-3-453-31911-0
Kategorie: Beletristik, Science Fiction

.

Wie aus dem Nichts tragen Frauen auf der ganzen Welt plötzlich „die Gabe“ in sich: durch stromähnliche Entladungen sind sie in der Lage, anderen Menschen Schmerzen zuzufügen, die sogar tödlich enden können. Im Laufe der Jahre verändert sich die weltpolitische Lage immer mehr zugunsten der Frauen, die in vielen Belangen die Oberhand gewinnen, bis die Männer schließlich zum „schwachen Geschlecht“ werden. Doch welche Gefahren verbergen sich hinter einer von resoluten und machthungrigen geführten Weltherrschaft durch Frauen?

.

Was wäre, wenn …?
Tja, was wäre, wenn unsere Welt anders aussehen würde, in dem die Frauen das starke Geschlecht wären und die Männer so behandeln (und unterdrücken) würden, wie es momentan in einigen Ländern dieser Welt passiert? Naomi Alderman wirft den Leser allerdings nicht ohne Vorwarnung in dieses äußerst interessante Szenario, sondern führt ihn langsam darauf zu. Die Umwälzungen treten langsam zutage und man wird Zeuge, wie sich Frauen und Männer (und dadurch die ganze Gesellschaft und das Weltbild) verändern. Man fühlt sich aufgrund der Thematik tatsächlich des Öfteren an Werke von Margaret Atherwood oder Ursula K. LeGuin erinnert, aber Naomi Alderman geht ihren eigen, sehr prägnanten Weg, den man nur zu gerne als Leser mit beschreitet. Aldermans Roman ist eine Mischung aus Drama, Science Fiction und Dystopie, die erschreckt, verwirrt und teilweise sogar verstört. Das umgewandelte Weltbild, in der die Männer von den Frauen unterjocht werden, regt zum Nachdenken an, welches Geschlecht wohl das „bessere“ für das Wohlergehen der Menschheit darstellt.

Die Ausgangssituation beziehungsweise der Plot von „Die Gabe“ ist schlichtweg genial und atemberaubend. Und auch wenn alles nur erfunden ist, hinterlässt die Geschichte unglaublichen Eindruck beim Leser, den man nicht mehr so schnell vergisst. Und obwohl alles relativ unspektakulär daherkommt (oder vielleicht sogar deswegen) wirkte „Die Gabe“ fast schon bahnbrechend auf mich, weil es extremst realistisch schildert, wie sich die Welt nach so einem Szenario entwickeln könnte. Naomi Alderman hebt aber nie den mahnenden Zeigefinger, in dem sie Männer „schlecht“ macht, sondern dreht den Spieß unserer Wirklichkeit einfach um und öffnet uns damit die Augen. Denn schon bald erkennt man, dass auch die Herrschaft unter Frauen nicht unbedingt das Gelbe vom Ei ist.
Naomi Alderman verleiht ihren Charakteren zwar eine gewisse Tiefe, die aber immer noch Platz für eigene Fantasien Platz lässt und die Protagonisten dadurch im Kopf des Lesers ein Eigenleben entwickeln lässt, das auch noch für die Vorstellungen des Lesers Raum lässt. Das hat mir persönlich sehr gut gefallen, dürfte aber den wenigsten so konkret auffallen. 😉

Aufgrund des oft sehr trocken gehaltenen Schreibstils (was aber übrigens keinesfalls schlecht ist) wirkt der Roman sehr authentisch, fast wie eine historisch-geschichtliche Sachbuchschilderung in Romanform. Hinzu kommen die vereinzelt im Text verstreuten Illustrationen, die angebliche Funde aus einer weit zurückliegenden Zeit darstellen und die Glaubwürdigkeit, sofern man sich darauf einlassen kann, noch zusätzlich unterstreichen. „Die Gabe“ ist aus meiner Sicht ein sehr wichtiges Buch, das man gelesen haben sollte, um die Welt, in der wir leben, verstehen zu können. Denn unsere Realität könnte durchaus anders, aber keineswegs besser, ablaufen. Alleine diese Gedankengänge, die durch Aldermans Werk während des Lesens zum Vorschein kommen, lohnen die Lektüre. „Die Gabe“ wirkt nach, beschäftigt einen noch eine lange Zeit, weil man sich unweigerlich mit der Thematik auseinandersetzen muss (und will). Es ist schon wirklich erstaunlich, was Worte in einem Menschen auslösen können – und im Falle von Naomi Aldermans teils kalter Ausdrucksweise versteckt sich ein weitaus niveauvollerer, genialer Schreibstil, als man zuerst vermuten möchte. Denn genau dieser emotionale Abstand, der in den schrecklichen und angsteinflößenden Schilderungen steckt, birgt eine enorm ausdrucksstarke Nachwirkung. Ich kann für das Buch nur eine uneingeschränkte Leseempfehlung aussprechen.

.

Fazit: Beeindruckend und angsteinflößend. Ein Roman, über den man noch lange nach der Lektüre nachdenkt.

© 2018 Wolfgang Brunner für Buchwelten

Rache von Alastair Reynolds

Rache von Alastair Reynolds

Erschienen als Taschenbuch
im Heyne Verlag
insgesamt  558 Seiten
Preis: 10,99 €
ISBN: 978-3-453-453-31895-3
Kategorie: Science Fiction

.

Als sich ihr Vater dermaßen hoch verschuldet, sehen die beiden Zwillinge Adrana und Arafura keine andere Möglichkeit, ihm zu helfen, und heuern ohne seine Erlaubnis auf einem Raumfrachter an, um zu Geld zu kommen. Der Kapitän des Raumschiffes ist ein Pirat, der verborgene Schätze und wertvolle Artefakte auf fernab gelegenen Planeten birgt und sie verkauft. Die Schatzjagden verlaufen so lange gut, bis Bosa Sennen, eine erbarmungslose Piratin, auftaucht und ihnen die geborgenen Schätze stehlen will. Doch es steckt viel mehr hinter Sennen als nur eine brutale Tyrannin. Als sie Arafuras Schwester Adrana entführt, hat Arafura nur noch eines im Sinn: Rache.

.

Mit „Rache“ beweist Alastair Reynolds erneut, dass er einer der besten Autoren im Science Fiction-Bereich gehört. Reynolds bedient sich anfangs mit Stilmitteln des klassischen Abenteuerromans. Und in diesem Falle auch des Piratenromans. Die Protagonistin, die übrigens unverständlicherweise im Klappentext mit keinem Wort erwähnt wird, entwickelt sich vom scheuen, unbedarften Mädchen zur toughen und skrupellosen Frau. Auch hier geht Reynolds den klassischen Weg eines Entwicklungsromans. Doch dies ist keineswegs langweilig oder wirkt nach Schema F geschrieben, sondern macht unheimlich Spaß. Alastair Reynolds hat mit „Rache“ nicht unbedingt ein bombastisches Space-Epos abgeliefert, sondern einen geradlinig erzählten Abenteuerroman, der in der Zukunft und zum größten Teil im Weltraum handelt. Sicherlich wird der Leser mit der ein oder anderen innovativen Idee beglückt, aber im Grunde genommen wird hier eine moderne Piratengeschichte erzählt, die in der Zukunft spielt. Reynolds entwirft in diesem Roman ein atemberaubendes Szenario, das aber niemals in den Vordergrund tritt, sondern als selbstverständlich behandelt wird. Das Hauptaugenmerk liegt auf der Protagonistin und ihren (Rache)motiven.

Bei vielen SF-Romanen dieser Art, in der neue, erfundene Welten beschrieben werden, dauert es immer eine Weile, bis man sich im Plot zurecht gefunden hat. Nicht so bei „Rache“. Hier funktioniert die ganze „Umgebung“ sofort und man fühlt sich in diesem Universum sofort zu Hause und heimelig. Ich konnte das Buch wirklich sehr schlecht zur Seite legen, weil mich die Handlung von der ersten Seite an gefangen nahm und nicht mehr losließ. Genau so wünsche ich mir einen guten Science Fiction-Roman. Reynolds hält sich in diesem Werk mit technischen Details weitgehend zurück und konzentriert sich in erster Linie auf die Hauptgeschichte. Die Charaktere sind, zumindest aus meiner Sicht, gut ausgearbeitet und lassen immer noch genügend Spielraum für eigene Interpretationen. An manchen Stellen mutet der Roman wie ein klassischer SF-Abenteuerroman aus der Vergangenheit an, der nicht nur für Erwachsene, sondern auch für ein jüngeres Publikum geschrieben wurde, sieht man von den vereinzelt brutalen Szenen einmal ab. Aber das schadet dem Werk keinesfalls, denn es liest sich dadurch sehr flüssig und angenehm.

Interessant fand ich das Gefühl, das mich oftmals überkam und an Romane von Jules Verne denken ließ. Reynolds hat es tatsächlich geschafft und in seinen modernen Roman einen „alten“ Flair mit einfließen zu lassen, der fast schon ein wenig nostalgisch wirkte, was ich außerordentlich angenehm empfand. Fast fühlt man sich als kleiner Junge (oder als kleines Mädchen), wenn man diese Art von Roman bereits in seiner Kindheit gelesen hat. „Rache“ ist kurzweilig und lässt, wie man es von Alastair Reynolds gewohnt ist, einen perfekten Film in Gedanken ablaufen. Ohne unnötige Schnörkel begleiten wir die sympathische Protagonistin auf ihrem konsequenten Weg und wohnen einem fesselnden Finale bei. „Rache“ hat mich begeistert und auch ohne Weltraumschlachten absolut in seinen Bann gezogen.

.

Fazit: Spannend und schnörkellos geschriebener Abenteuerroman in einem beeindruckenden Universum.

© 2018 Wolfgang Brunner für Buchwelten

Buchheim von Yves Buchheim (unter Mitwirkung von Franz Kotteder)

Buchheim von Yves Buchheim

Erschienen als gebundene Ausgabe
im Heyne Verlag
insgesamt  368 Seiten
Preis: 24,00 €
ISBN: 978-3-453-453-20197-2
Kategorie: Biografie

.

Yves Buchheim, der einzige Sohn des berühmten Lothar-Günther Buchheim, erzählt die Lebensgeschichte seines Vaters, aber auch seine eigene und die seiner Familie.

.

Yves Buchheim gelang hier in Zusammenarbeit mit Franz Kotteder, einem Reporter und Redakteur der Süddeutschen Zeitung, eine unglaubliche intensive und, zumindest aus meiner Sicht, sehr emotionale Biografie des Schriftstellers, Malers und Kunstsammler Lothar-Günther Buchheim. Wohl jeder kennt seinen Kriegsroman „Das Boot“. Und wenn nicht als Buch, dann zumindest als Film von Wolfgang Petersen. Yves Buchheim schildert eindrucksvoll und enorm kurzweilig nicht nur das Leben seines Vaters, sondern auch das seiner Mutter. Der Leser bekommt Einblick in die Familiengeschichte der Buchheims und begleitet den Sohn (Yves Buchheim) auf (s)einer Reise in die Vergangenheit, die einiges zutage bringt, was man bis dato von Lothar-Günther Buchheim eher nicht wusste. Die Biografie des bekannten, und nach außen hin oft sympathisch wirkenden Buchheim, liest sich spannend und unterhaltend wie ein Roman, von dem man sich (zumindest erging es mir so) nicht mehr losreißen kann. Vor allem die „Vorgeschichte“ der Familie und des Menschen Lothar-Günther Buchheim, bis er mit „Das Boot“ Weltruhm erlangte, ist unglaublich interessant und beeindruckend. Yves rechnet mit dem Vater, der im Grunde genommen niemals richtiger Vater war und wohl auch nicht sein konnte, zwar ab und erschüttert den „Mythos Buchheim“, baut aber im selben Moment irgendwie eine andere Art von Mythos wieder auf, in dem er den Menschen schildert, wie ihn die Öffentlichkeit nur selten erlebte. „Buchheim“ liest sich wie die Aufarbeitung einer „verunglückten“ Vater-Sohn.-Beziehung.

Ich habe sämtliche Romane von L.-G. Buchheim gelesen und war sehr beeindruckt von seiner ruhigen und auch väterlich wirkenden Art, die er zum Beispiel in Interviews zum besten gab. Liest man die Biografie, die sein Sohn verfasst hat, so sieht man einen anderen Menschen hinter der öffentlich zur Schau gestellten Maske, die aber dennoch auch sehr interessante Facetten zeigt. Buchheim wird in diesem Buch als Mensch gezeigt, so wie er war: selbstverliebt, aggressiv und, wenn ich das zwischen den Zeilen richtig gelesen habe, immer auf der Suche nach Liebe, die er selbst nicht imstande war, zu geben. Die tragische Familiengeschichte (und somit auch L.-G. Buchheims eigene Lebensgeschichte) lässt wahrscheinlich nur erahnen, was in diesem Menschen vorging, wenn er seine Wutausbrüche nicht unter Kontrolle bekam. Wenn ich mir die Schilderungen von Yves Buchheim so durch den Kopf gehen lasse, erscheint mir sein Vater wie eine verlorene Seele, die nach Liebe und Anerkennung gestrebt hat und „ausrastete“, wenn diese Unternehmungen nicht von Erfolg gekrönt waren.

„Buchheim“ ist ein ehrliches Buch. Ein schonungsloser Bericht über einen schonungslosen Menschen, der „über Leichen“ ging, um das zu erreichen, was er erreichen wollte. Sicherlich wirft diese Biografie ein völlig anderes Bild auf den „rauen Seebären“, der die Schrecken des Krieges erlebt und in seinen Büchern verarbeitet hat, als man es bis dato hatte. Und Sohn Yves ist in vielerlei Hinsicht wirklich bemitleidenswert, wenn man die Schilderungen seiner Kindheit liest und erfährt, wie sein Vater mit ihm umgegangen (beziehungsweise nicht umgegangen) ist. Aber Yves sucht auch nach guten Eigenschaften seines Erzeugers und vermittelt somit ein Bild von ihm, das L.-G. Buchheim nicht gänzlich unsympathisch macht, sondern eher Mitleid heraufbeschwört. Aufsehenerregend finde ich die auf jeden Fall die Kunstwerke-Beschaffungsmethoden und die Steuerhinterziehungs-Machenschaften, die Buchheim ohne Skrupel durchgeführt hat. Aber so war wahrscheinlich auch die damalige Zeit (Nachkriegszeit) und die „Einstellung“ von Menschen, die den Krieg mit- und überlebt haben. Yves Buchheim hat mein Bild von Lothar-Günther Buchheim leicht, aber nicht vollständig zerstört, sondern mir wertvolle Puzzleteile geliefert, um den Menschen und dessen Handlungen teilweise nachvollziehen zu können. L.-G. Buchheim erscheint mir nach diesem Buch eher wie ein im Grunde genommen sehr einsamer Mann, der auf der verzweifelten Suche nach Emotionen war, derer er selbst nicht fähig war und der seine Kriegserlebnisse nicht verarbeiten und dadurch keine zwischenmenschlichen Beziehungen  führen konnte. Yves Buchheim und Franz Kotteder ist eine sehr informative und eindringliche Biografie gelungen, die aus meiner Sicht gut und gerne die doppelte Seitenanzahl hätte haben können. Ich werde „Buchheim“ definitiv noch ein zweites Mal lesen.

.

Fazit: Informative, aufsehenerregende, intensive und emotionale Biografie von Lothar-Günther Buchheim. Unbedingte Leseempfehlung.

© 2018 Wolfgang Brunner für Buchwelten