Hex von Thomas Olde Heuvelt

Erschienen als Taschenbuch
im Heyne Verlag
insgesamt 429 Seiten
Preis: 12,99 €
ISBN: 978-3-453-31906-6
Kategorie: Thriller, Horror

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Nach außen hin ist Black Spring ein nettes, kleines und idyllisches Städtchen, umgeben von Wäldern und purer Natur, gäbe es nicht Katherine, eine dreihundert Jahre alte Hexe, die den Bewohnern hin und wieder einen kleinen Schrecken einjagt. Der Stadtrat von Black Spring will diesen „Makel“ nicht an die Öffentlichkeit bringen und hat deswegen strenge Regeln aufgestellt, an die sich jeder Einwohner halten muss: kein Internet und kein Besuch von außerhalb. Doch die Teenager des Ortes sehen die Sache anders und machen sich einen Spaß daraus, die Hexe zu ärgern. Eines Tages stellen sie ein Video der Hexe ins Internet. Und postwendend bricht das Chaos in Black Spring aus …

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Wenn man die ersten Seiten von Thomas Olde Heuvelts „Hex“ zu lesen beginnt, fragt man sich, ob man etwa bereits am Anfang eines Buches schon unaufmerksam war und etwas überlesen hat, denn die Geschichte beginnt vollkommen abgedreht und wirr. Es dauert tatsächlich eine Weile, bis einem ein Licht aufgeht und dann … hat es einen aber auch schon gepackt. „Hex“ ist innovativ und originell, abgedreht und verrückt. Als hätte David Lynch zusammen mit Lars von Trier und Stephen King ein Buch geschrieben. Permanent hatte ich beim Lesen im Kopf, dass sich diese Story absolut für eine Verfilmung eignen würde. Der Sog, den Heuvelt mit seinem hochwertigen und extrem bildhaften Schreibstil entstehen lässt, nimmt einen ab einem gewissen Zeitpunkt derart gefangen, dass man das Buch einfach nicht mehr aus der Hand legen mag und auch kann. Eine wilde Mischung aus gruseligen, japanischen Horrorfilmen, abgefahrenen Ideen und einer Portion Humor machen „Hex“ zu einem echten Erlebnis, wie man es in letzter Zeit, zumindest im Horrorgenre, selten zu lesen bekommen hat.

Manche Szenen wirken im ersten Moment sogar amüsant und witzig, bevor man darüber nachdenkt, wie man sich selbst in dieser Situation fühlen würde. Und nach genaueren Überlegungen spürt man plötzlich die unheimliche Atmosphäre der Geschehnisse, fühlt sich unbehaglich bei dem Gedanken, was passiert.  Denn so harmlos die Szenarien im ersten Moment wirken, die der niederländische Autor da beschreibt, so mystisch und vor allem unheimlich werden sie, wenn man sich darauf einlässt. „Hex“ kommt eher ruhig daher und arbeitet mit der gespenstischen Atmosphäre des Ortes und den seltsamen Verhaltensweisen der Einwohner. Wenn man sich in deren Situation versetzt, spürt man das Grauen und die Bedrohung, fiebert mit ihnen mit und beginnt, sich vor der Hexenerscheinung, die vollkommen ohne Vorwarnung an den verschiedensten Stellen des Ortes aus dem Nichts auftaucht, tatsächlich zu fürchten. Es ist eine besondere Art von Horror, die Heuvelt dem Leser da beschert und man muss sich unbedingt darauf einlassen können, um die Tragweite der Ereignisse zu erfassen. Schleichend entwickelt sich das anfangs eher harmlos wirkende Grauen in einen blutigen und apokalyptischen Alptraum, den der Autor in teilweise außergewöhnlichen und philosophischen Sätzen schildert.

„Hex“ ist in sich von Anfang bis Ende aus meiner Sicht stimmig. Da passt einfach alles: Von den Charakterzeichnungen über die Entwicklung des Plots bis hin zu einem dystopischen, apokalyptischen Ende, das filmreif ist. Sprachlich auf hohem Niveau nimmt Heuvelt den Leser auf einen Horrortrip mit, den man vor allem aufgrund seiner erfrischenden Originalität und dem innovativen Plot nicht so schnell vergißt. Ich langweilte mich keine Sekunde und konnte gar nicht genug davon kriegen, wie sich die Einwohner mit ihrem Hexenproblem auseinandersetzten. Schön war auch, dass der Autor die heutigen technischen Errungenschaften wie Internet und Handy-Apps in eine an sich altmodische Gruselgeschichte einbaute. Und das Finale übertraf meine Erwartungen vollends. Nie hätte ich mit diesen düsteren, apokalyptischen Auswirkungen gerechnet, die sich über das Dorf legten und visionären Bilder eines Hieronymus Bosch glichen. Ich kann das Buch wirklich jedem Horrorfan, der Wert auf Atmosphäre und eine ideenreiche Geschichte legt, empfehlen. Und, wie gesagt, selbst die witzigen Einschübe zwischendurch beherbergen bei genauerem Hinsehen ein unheimliches Grauen in sich, dem man sich nicht entziehen kann. Interessierte Leser sollten sich auf jeden Fall das Nachwort zu Gemüte führen, denn dort erfährt man nämlich interessante Details zur Entstehung und Entwicklung des Romans. Für mich ist „Hex“ eine absolut erfreuliche Neuentdeckung im Bereich Horrorliteratur. Ich bin schon sehr gespannt, was Thomas Olde Heuvelt als nächstes abliefern wird.

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Fazit: Abgedreht, innovativ und extrem gruselig. Als hätte Stephen King zusammen mit David Lynch und Lars von Trier einen Roman geschrieben.

© 2017 Wolfgang Brunner für Buchwelten

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Gwendys Wunschkasten von Stephen King und Richard Chizmar

Erschienen als gebundene Ausgabe
im Heyne Verlag
insgesamt 125 Seiten
Preis: 10,00 €
ISBN: 978-3-453-43925-2
Kategorie: Drama, Thriller, Horror, Belletristik

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Ein vollkommen in schwarz gekleideter Mann namens Farris schenkt der zwölfjährigen Gwendy einen kleinen Kasten mit lauter Schaltern und Hebeln. Auf die Schnelle bekommt Gwendy gesagt, was der Kasten machen kann und was sie mit ihm nicht machen soll. Dann ist Farris verschwunden und Gwendy versucht natürlich herauszufinden, was die Hebel und Knöpfe an dem geheimnisvollen Kasten alles bewirken. Es passieren schöne Dinge, aber auch unschöne und der Kasten beginnt, Gwendys Leben komplett zu verändern.

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„Gwendys Wunschkasten“ ist nichts Ganzes und nichts Halbes. Was zwar keineswegs heißen soll, dass die kurze Geschichte nicht gut ist, aber es wäre durchaus mehr drin gewesen als die knapp hundertdreißig Seiten. Der Plot liest sich wie eine Kurzgeschichte, die eigentlich ein Roman hätte werden sollen. Zu viel Potential liegt in der Geschichte, so dass sie jetzt nur grob gesponnen als kleines Kind das Licht der Literaturwelt erblickt, obwohl sie eigentlich das Leben als erwachsener Roman verdient hätte. Stephen King kehrt mit seinem Co-Autor Richard Chizmar, der eigentlich Verleger und Herausgeber von Anthologien ist und nur selten Kurzgeschichten selbst schreibt, in das Universum von Castle Rock zurück. Sieben Romane und  acht Kurzgeschichten sind es, die den sogenannten Castle Rock-Zyklus umfassen. (Romane: The Dead Zone, Cujo, Stark, Needful Things, Das Spiel, Sara und Love. Kurzgeschichten: Die Leiche (Stand By Me), Zeitraffer, Nona, Onkel Ottos Lastwagen, Mrs. Todds Abkürzung, Es wächst einem über den Kopf, Sunset, Premium Harmony (nur im Internet bisher veröffentlicht)). Sämtliche dieser Romane und Kurzgeschichten sind allerdings in sich abgeschlossen, so wie nun auch „Gwendys Wunschkasten.“

Keine Frage: Die Atmosphäre, die in dieser Geschichte herrscht, ist sehr schön und stimmig. Allerdings könnte dieser Plot auch in jeder anderen Stadt spielen, denn Castle Rock wird nicht wirklich oft erwähnt oder spielt eine nennenswert große Rolle. Dennoch kann der eingeschworene King-Fan einige Anspielungen, wie zum Beispiel auch an „Es“ entdecken, wenn er nur aufmerksam genug liest. Es ist eine liebevoll konstruierte Geschichte, die, wie gesagt, bedeutend mehr hätte hergeben können und man fragt sich unweigerlich, warum das nicht geschehen ist. So ein klein wenig denkt man auch an „Needful Things“, wenn man zusammen mit dem Mädchen an dem geheimnisvollen Wunschkasten herumdrückt. Es macht Spaß, den Weg von Gwendy mitzuverfolgen und einige Querverweise auf andere Werke Kings zu entdecken, doch das Vergnügen ist nicht von langer Dauer. Man fliegt, wie man es von King gewohnt ist, durch das Buch und findet sich nach weniger als zwei Stunden mit dem Ende konfrontiert, obwohl man schlichtweg mehr erwartet hätte. Vielleicht war es nur eine Idee von Stephen King, die er zwar nicht weiter ausbauen, aber auch nicht komplett verwerfen wollte. Zumindest macht es den Anschein, wenn man das verschenkte Potential näher betrachtet.

Aber genug auf hohem Niveau gejammert. „Gwendys Wunschkasten“ ist ein Büchlein, das in keiner King-Sammlung fehlen darf, weil es eben ein King ist (auch wenn er sich einen Co-Autor mit an Bord geholt hat). Man mag den Preis für so ein dünnes Buch überteuert finden, aber eines muss man dem Heyne-Verlag lassen. Man hat sich nämlich wirklich sehr viel Mühe mit dem gebundenen (!) kleinen Büchlein gegeben, das optisch wirklich was hermacht und aus meiner Sicht den Preis absolut gerechtfertigt. Der Einband wirkt leicht gummiert und verschafft dem Ganzen einen leicht edlen Eindruck. Ich persönlich finde den Preis durchaus angebracht.
Wie gesagt, ein wenig mehr Seiten hätten dem Werk gut getan und ich bin sicher, dass sich daraus sogar ein wirklich epischer Plot hätte entwickeln können. So aber wird die Geschichte von Gwendy eher oberflächlich erzählt und der Leser muss sich in Gedanken praktisch selbst „weiterhelfen“.
Insgesamt regt der kurze Ausflug nach Castle Rock aber definitiv zum Nachdenken an und bekommt wohl im Kopf des Leser bedeutend mehr Gewicht, als im ersten Moment auf den wenigen Seiten.

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Fazit: Lesenswerte Kurzgeschichte mit interessantem Plot, die leider durch ihre Kürze leidet und großes Potential verschenkt.

© 2017 Wolfgang Brunner für Buchwelten

Breakthrough von Michael Grumley

Erschienen als Taschenbuch
im Heyne Verlag
381 Seiten
12,99 €
ISBN: 978-3-453-31875-5

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Kurz nachdem ein U-Boot der US-Marine spurlos in der Karibik verschwindet, wird die Meeresbiologin Alison Shaw um Hilfe gebeten. Sie kann nämlich mit Delfinen kommunizieren und die Regierung verspricht sich mit dem Einsazu dieser Tiere einen Erfolg, um das Verschwinden aufzuklären. Doch die beiden Delfine finden in den Tiefen des Meeres nicht das verschollene U-Boot, sondern etwas ganz anderes, das zur Gefahr für die gesamte Menschheit werden könnte.

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Schon der Einstieg vermittelt ein unglaublich intensives Abenteuergefühl, dem man sich nicht entziehen kann. Unzählige Filme kommen mir in den Sinn, die ähnlich wirken: „Indiana Jones“, „Deep Blue Sea“, „Der weiße Hai“, „Arachnophobia“ und und und …
Michael Grumley vermischt geschickt wissenschaftliche Details mit einer spannenden Handlung und schildert die Geschehnisse in einer solch bildhaften Sprache, dass man ein perfektes Kopfkino während des Lesens geliefert bekommt. „Breakthrough“ wirkt, als hätten Michael Crichton, Dan Brown, Lincoln Child und Douglas Preston gemeinsam ein Buch verfasst, das Matthew Reilly und James Rollins redigiert hätten. Es ist die grandiose Mischung aus Wissenschaft, Abenteuer und Science Fiction, die den ersten Teil einer Serie zu einem wahren Pageturner machen. Gerade die ersten beiden Drittel ziehen am Leser in einer wahnsinnigen Geschwindigkeit vorbei, die einem kaum Atem holen lässt. Erst im letzten Drittel wirken einige Vorfälle ein wenig übertrieben, was aber dem Spaß an der Story dennoch keinen Abbruch tut.

Grumleys Protagonisten sind sehr glaubwürdig konstruiert und, wenngleich sie nicht immer eine durchgehende Tiefe besitzen, wachsen sie einem doch ans Herz. Vor allem die Meeresbiologin hat es mir persönlich angetan mit ihrer ehrlichen und authentischen Art. „Breakthrough“ widmet sich anfangs der Kommunikation mit Delfinen, was sehr interessant und spannend geschrieben ist, bevor es sich in eine völlig andere Richtung bewegt, als man zu Anfang angenommen hat. Auch diese Entwicklung, bei der auf dem Meeresgrund etwas Fantastisches entdeckt wird, hat mich vollkommen gefangen genommen. Der Plot bietet sich absolut für eine Verfilmung an, bei der ich in erster Linie tatsächlich an Roland Emmerich als Regisseur denke, denn, wie in seinen Filmen, werden in diesem Buch Naturkatastrophen überzogen und, von militärischer Seite aus, extrem pathetisch geschildert. Da hat man bei manchen Entscheidungen, die von Politikern und Militaristen gefällt werden, ein wenig Probleme. Aber so ist das nun mal mit amerikanischen Thrillern dieser Art, das kennt man auch aus anderen Beispielen. Sicherlich setzt Grumley auch typisch klischeehafte Zutaten in sein Werk ein, die mir persönlich dann eher nicht so gefallen haben, aber den Gesamteindruck dennoch nicht zerstören.

Michael Grumleys Schreibstil ist sehr flüssig zu lesen, was zur Folge hat, dass man durch die Geschichte fliegt, als seien es nur halb so viele Seiten. Man fiebert unweigerlich mit, wenn die Delfine ins Spiel kommen und hält den Atem an, wenn plötzlich gigantische Flutwellen ins Spiel kommen, die man in dieser Form nicht erwartet hat. Grumley lässt seine Story an verschiedenen Schauplätzen spielen und erzeugt auch hiermit ein filmreifes Ergebnis. Man darf gespannt sein, wie sich die Geschichte um die Meeresbiologin Alison Shaw und ihre „sprechenden“ Delfine weiterentwickelt. Einen mehr als soliden, ausbaufähigen  Grundstein hat Michael Grumley auf jeden Fall gelegt. Und die im ersten Teil noch immer nicht durchschaubare Handlung lässt einen mit hoher Erwartung an den zweiten Teil mit dem Titel „In der Tiefe“ zurück, der übrigens im Februar im Heyne Verlag erscheinen soll. Grumley baut auch eine Botschaft in seinen Roman ein, die der Menschheit wieder einmal vor Augen hält, besser auf ihren Planeten aufzupassen. Dieser Aspekt ist sehr gut und nachvollziehbar in die Science Fiction-Handlung eingebaut und macht auf seine Weiterführung in den Folgebänden (derzeit gibt es wohl vier Teile) neugierig. Insgesamt ist Michael Grumley ein echter Pageturner gelungen, der an die obengenannten Autoren erinnert und diese in manchen Passagen sogar übertrifft. Grumley sollte man sich als Liebhaber von Wissenschafts-Thrillern und Science Fiction-Abenteuern merken.

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Fazit: Rasanter und hochspannender Wissenschafts-Thriller mit einem filmreifen Plot. Absolut empfehlenswert.

© 2017 Wolfgang Brunner für Buchwelten

Zeitmaschinen gehen anders von David Gerrold

Erschienen als Taschenbuch
im Heyne Verlag
insgesamt 174 Seiten
Preis: 9,99 €
ISBN: 978-3-453-31866-3
Kategorie: Science Fiction

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Daniel Eakins erbt von seinem Onkel lediglich ein seltsames Paket. Als er es öffnet, findet er einen Gürtel darin, der mit mysteriösen Zeichen versehen ist, die darauf hindeuten, dass es sich um eine Art Zeitmaschine handelt. Daniel probiert den Gürtel neugierig aus und landet tatsächlich in einer anderen Zeit. Schon bald stellt er fest, dass er Geschehnisse in der Vergangenheit zu seinem Vorteil manipulieren kann. Es dauert aber nicht lange, bis er sich selbst begegnet. Und das nicht nur einmal …

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„Zeitmaschinen gehen anders“ beginnt relativ unspektakulär, was aber nicht heißt, dass das Buch keinen guten Einstieg hat. Mit einer unglaublichen Leichtigkeit nähert sich David Gerrold dem Thema Zeitreisen und vor allem den damit zusammenhängenden Paradoxa. Was anfangs sogar noch teilweise witzig erscheint, entwickelt sich im Verlauf der Handlung zu einem wahrlich erschreckenden Szenario und einer spannenden und philosophischen Reise in unser Ich. Es ist schon erstaunlich, wie wenig Seiten Gerrold benötigt, um ein derart komplexes Zeitreise-Abenteuer zu beschreiben. Aber er meistert diese Aufgabe mit Bravour und erschafft durch seine präzisen und emotionalen Schilderungen aus dem Stand einen Kultroman für mich. Die Seiten fliegen nur so dahin, wenn man sich auf die paradoxe Geschichte des Protagonisten einlassen kann. Man wird süchtig nach den Entscheidungen, die der anfangs noch unbedarfte Zeitreisende treffen muss, und seinen dazugehörigen Überlegungen.

David Gerrolds Roman ist im Heyne Verlag im Rahmen der Reihe „Meisterwerke der Science Fiction“ erschienen und man kann getrost behaupten, dass es sich bei dieser Perle von Buch auch um genau ein solches handelt. Der gehobene, aber dennoch oft auch sehr einfache Schreibstil lässt den in die Jahre gekommenen Leser unweigerlich in die Stimmung „älterer“ SF-Romane versinken, die in dieser Art (leider) heutzutage nicht mehr oft geschrieben werden. Es liegt tatsächlich ein wenig Nostalgie zwischen den Zeilen. Dennoch steckt Gerrold, der diesen Roman Anfang der 70er Jahre verfasst hat, eine beachtliche Recherche in sein Projekt, wenn er von Zeitsträngen und Paralleluniversen spricht. Die oftmals wirren Schilderungen können bei genauerer Betrachtung durchaus eine gewisse Logik vorweisen, die den Leser auch an der ein oder anderen Stelle zum Nachdenken bringt. „Zeitmaschinen gehen anders“ nimmt die Ausgangssituation von H.G. Wells‘ Klassiker zum Anlass und spinnt die Idee in eine vollkommen andere Richtung weiter. Auch wenn der Protagonist ein paar Dinge ändert, wie in Wells‘ Roman, so wendet sich Gerrold schon bald anderen, menschlicheren Dingen zu, die dieses Buch zu einem sehr interessanten und bedeutenden Werk machen. Es geht in erster Linie um den Menschen und  wie sich sein Wesen durch Zeitsprünge verändern könnte.

Und so komme ich auch zum für mich wichtigsten und beeindruckendsten Aspekt des Romans. David Gerrold lässt seinen Protagonisten während seiner Zeitreisen „auf sich selbst los“. Daniel trifft sich nämlich selbst in verschiedenen Altersstufen und Geschlechtern. Ab einem gewissen Punkt entwickelt sich „Zeitmaschinen gehen anders“ zu einem philosophischen Feuerwerk über die Frage, ob man sich selbst lieben kann (sowohl im Geiste wie auch körperlich). Alleine letzteres schildert Gerrold auf so eindrucksvolle Art und Weise, dass es mir noch jetzt, während ich diese Zeilen schreibe, eine Gänsehaut verschafft. Selbstliebe, Homosexualität, körperliche und geistige Liebe zu und mit sich selbst … Fragen, die sich jeder schon einmal gestellt hat und die vielleicht unbewusst in allen von uns schlummern, werden hier auf eine derart grandiose Weise behandelt, dass ich bewegt und überwältigt meinen imaginären Hut vor David Gerrold ziehe. Auf fast schon revolutionäre und progressive Weise wird hier einem Menschen (und somit auch dem Leser) ein Spiegel vorgehalten, in dem man sich selbst betrachtet und in sein Inneres sieht. Selbst Leben und Tod werden auf eine atemberaubende Art und Weise reflektiert, so dass man sich der Faszination dieser Gedanken schlichtweg nicht entziehen kann. „Zeitmaschinen gehen anders“ ist im wahrsten Sinne des Wortes ein Meisterwerk der Science Fiction und aufgrund seines geringen Umfangs ein grandioses Beispiel, dass nicht nur dicke Bücher eine enorme Tiefgründigkeit vorweisen können. David Gerrold hat einen philosophischen Zeitreisetrip geschrieben, den man so schnell nicht mehr vergisst.

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Fazit: Beeindruckende und extrem philosophische Zeitreise, die im Gedächtnis haften bleibt.

© 2017 Wolfgang Brunner für Buchwelten

Die Kinder von Wulf Dorn

Erschienen als Broschur
im Heyne Verlag
insgesamt 320 Seiten
Preis: 16,99 €
ISBN: 978-3-453-27094-7
Kategorie: Thriller

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Mitten auf einer einsamen Bergstraße wird eine völlig verstörte Frau aus einem Unfallfahrzeug geborgen. Ihr Name lautet Laura Schrader und im Kofferraum des Unglückswagens findet man die Leiche eines Kindes. Als der Polizeipsychologe Robert Winter mit dem Opfer spricht, erfährt er von einer grausigen Wahrheit, die er zuerst nicht glauben will. Doch Laura Schrader ist nicht, wie von allen vermutet wird, verrückt, sondern schildert eine Wahrheit, die erschreckender nicht sein kann.

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Wulf Dorn schafft es schon auf den ersten Seiten, den Leser in seinen Bann zu ziehen. Dieses Mal entführt Dorn den Leser in ein Psycho-Abenteuer, das es bei genauerem Nachdenken wirklich in sich hat. Wenngleich der Plot an manchen Stellen vorhersehbar wirkt, so schafft Dorn doch immer wieder eine interessante Wendung, mit der man nicht rechnet. Die Geschichte wirkt von vorne bis hinten durchkonzipiert und hätte an manchen Stellen vielleicht ein wenig Spontanität verdient, um sie glaubwürdiger und vor allem unvorhergesehener zu machen. Dennoch ist „Die Kinder“ ein rasantes und geheimnisvolles Rätsel, das einen mitreißt und nicht mehr loslässt. Als ich die ersten Seiten gelesen habe, dachte ich allerdings zuerst, die Geschichte nähme einen völlig anderen Verlauf, als es letztendlich dann geschah.

Wulf Dorn lässt die Hauptgeschichte von seiner Protagonistin Laura Schrader erzählen. Dieser geschickte Schachzug ist es auch, der den gesamten Roman mit einer unglaublich intensiven Stimmung ausstattet. Sicherlich passieren durch genau diese Erzählweise kleine Logikfehler, denn der Rückblick (eigentlich ja von Laura erzählt) beinhaltet plötzlich auch Geschehnisse, an denen Laura gar nicht beteiligt war.  Aber da sollte man einfach darüber hinwegsehen, um sich die tolle Atmosphäre nicht selbst kaputt zu machen.
Der Auftritt der „bösen“ Kindern hat mich desöfteren an Stephen Kings „Kinder des Zorns“ („Children Of The Corn“) und „Das Dorf der Verdammten“ („Village Of The Damned“) erinnert, aber Dorn geht auf alle Fälle einen eigenen Weg, der eben lediglich ein paar Bilder der genannten Filme / Geschichten in Kopf des Lesers erscheinen lässt. Wulf Dorn übt in seinem neuen Roman eine Art Gesellschaftskritik aus, die auf den ersten Blick nicht ganz so überzeugend wirkt, wie sie sollte. Aber hat man das Buch erst einmal aus der Hand gelegt und denkt in Ruhe noch einmal über das Ganze nach, so kommt die Botschaft durchaus an. Wulf Dorn verpackt sie schlichtweg in einen unterhaltsamen und spannenden Roman und verzichtet auf Besserwisserei. Er weist lediglich auf Missstände wie Kindesmissbrauch und Verantwortungslosigkeit gegenüber unserer Umwelt hin.

„Die Kinder“ beginnt wie ein Thriller oder Krimi und entwickelt sich im Verlauf des Buches zu einem Mystery-Horror-Plot, der durchaus auch zu gruseln vermag. Gewürzt mit ein paar esoterischen Zutaten liest sich die Geschichte, obwohl übersinnlich und mysteriös, dennoch auch irgendwie glaubwürdig und auch bis zu einem gewissen Maß nachvollziehbar. Aber ich bin auch der Meinung, dass gerade solcherart Handlungen, wie Wulf Dorn sie sich hier ausgedacht hat, nicht immer unbedingt zu hundert Prozent Hand und Fuß haben müssen. Es ist ja schließlich ein Mystery-Thriller. Der flüssige Schreibstil lässt ein absolut schnelles Leseerlebnis zu.
Sicherlich hätte man der Handlung und auch den Charakteren jeweils ein wenig mehr Tiefgang verleihen können, aber ich bin nicht sicher, ob dies der Geschichte auch wirklich gut getan hätte und nicht die absolut kurzweilige Rasanz dadurch verloren gegangen wäre. Wulf Dorn beschreitet mit „Die Kinder“ einen neuen Weg, als er es mit seinen bisherigen Werken getan hat. Ich persönlich mag auch diese Art, zeigt sie doch, dass Wulf Dorn nicht einfach nur statisch seine Erfolge wiederholt, sondern auch Vielfältigkeit zeigt.
Und auch wenn nicht alles hundertprozentig „rund“ wirkt, so beschert einem „Die Kinder“ ein wunderbares, spannendes und kurzweiliges Lesevergnügen.

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Fazit: Spannend und atmosphärisch erzählter Mystery-Thriller mit einer sozialkritischen Botschaft.

© 2017 Wolfgang Brunner für Buchwelten

Murder Park von Jonas Winner

Erschienen als Taschenbuch
im Heyne Verlag
insgesamt 414 Seiten
Preis: 9,99 €
ISBN: 978-3-453-42176-9
Kategorie: Thriller

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„Zodiac Island“ war vor 20 Jahren ein sehr beliebter und erfolgreicher Freizeitpark. Doch dann werden drei Frauen ermordet und der Park schließt. Jetzt wird eine neue Vergnügungsstätte geplant, in der es um genau jenen Serienkiller geht. Die Verantwortlichen wollen mit den Ängsten der Besucher spielen und geben dem Abenteuerpark den Namen „Murder Park“. Paul Greenblatt, dessen Mutter vor zwanzig Jahren dem Mörder zum Opfer gefallen ist, und elf weitere Personen sollen für ein Wochenende die Anlage, die sich auf einer einsamen Insel befindet, testen.
Es dauert nicht lange und der erste Mord geschieht. Gefangen auf der Insel, denn die Fähre legt erst nach drei Tagen wieder an, beginnen die Testpersonen sich gegenseitig zu misstrauen. Jeder könnte das nächste Opfer sein.
Paul Greenblatt muss sich zudem noch seiner Vergangenheit stellen, denn alles deutet darauf hin, dass die Morde nach dem gleichen Schema verlaufen wie vor zwanzig Jahren.

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Schon nach den ersten Seiten spürt man, dass da eine sehr atmosphärische Geschichte auf einen zukommt. Winner vermittelt ein Feeling, wie man es sonst nur bei Filmen kennt. Mich erinnerte der Einstieg an „Jurasssic Park“ oder auch „Shutter Island“. Die Stimmung gleicht manchmal letzterem, wobei Winner das wirklich Bedrückende, wie es Dennis Lehane in seinem Kultbuch geschafft hat, nicht ganz so hin bekommt. Dennoch wird man in ein Szenario hineingeworfen, wie es besser nicht sein könnte. Brutale Morde, rätselhafte Geschehnisse und eine atemberaubende Kulisse machen „Murder Park“ zu einem stimmigen, kurzweiligen und spannenden Lesevergnügen.
Man merkt, dass Jonas Wimmer auch Drehbücher verfasst und sich mit der Thematik des Films beschäftigt, denn der Plot verlangt geradezu nach einer Verfilmung. Vor allem der Schauplatz wird derart bildlich beschrieben, dass man tatsächlich desöfteren denkt, man sieht einen Film.

Winner charakterisiert die zwölf Protagonisten geschickt, in dem er zwischen den Kapiteln Interviews einschiebt, die ein wenig Licht auf die Vergangenheit der jeweiligen Personen werfen. Man lernt die Hintergründe kennen, wie die Person mit dem alten „Zodiac Island“ und dem neuen „Murder Park“ in Verbindung stehen. Durch die relativ kurz gehaltenen Kapitel fliegt man förmlich durch die Handlung, weil man an jedem Kapitelende wissen will, wie es weitergeht. „Murder Park“ ist eine Mischung aus Krimi und Thriller mit ein wenig mystischem Einschlag. Was mir vor allem außerordentlich gut gefallen hat, war die Person des Paul Greenblatt. Winner spielt mit dem Leser, lässt ihn an den wirren Gedankengängen des Mannes teilhaben, der nicht nur um sein Leben kämpft, sondern auch seine eigene Vergangenheit bewältigen muss. Das wird sehr glaubhaft geschildert. Vor allem Winners sehr flüssiger Schreibstil lässt sich sehr angenehm lesen. An manchen Stellen hatte ich persönlich, gerade am Anfang, Schwierigkeiten, die vielen Personen auseinander zu halten. Aber das gibt sich im Laufe des Romans.

Was mir persönlich ein wenig gefehlt hat, war die Beschreibung des Parks an sich. Da hätte ich mir einfach gewünscht, dass mehr von den Attraktionen und Ideen, die diesen „Murder Park“ ausmachen sollen, beschrieben werden. Da wird meiner Meinung nach zu wenig Augenmerk darauf gerichtet. Denn genau solche „Bilder“ hätten den Roman weitaus atmosphärischer wirken lassen, als er ohnehin schon ist.
Winner führt den Leser auf einige falsche Fährten. Oft meint man, den Plot zu durchschauen und wird dann wieder eines besseren belehrt. Auch wenn das Ende ein wenig konstruiert wirkt, so ist es doch auf jeden Fall überraschend und auch gut.
Das gegenseitige Misstrauen zwischen den Protagonisten wurde von Winner sehr gut rüber gebracht. Man ertappt sich selbst dabei, wie man verschiedenen Personen mal mehr und mal weniger glaubt und selbst miträtselt, wer hinter den Morden steckt.
Alles in allem ein wirklich spannender Thriller, der aber leider an manchen Stellen etwas übertrieben und konstruiert auf mich wirkte. Aber das ist wohl immer Geschmackssache und hat mir auch definitiv das Lesevergnügen nicht genommen. Wer solcherart Geschichten nicht hinterfragt, bekommt zweifelsohne einen spannenden und sehr bildhaften Thriller serviert. Wer Handlungen gerne hinterfragt, sollte einfach versuchen, sich auf den Plot einzulassen. Man wird nämlich trotz kleiner Schwächen mit sehr stimmungsvollen Bildern belohnt.

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Fazit: Spannender und atmosphärischer Thriller, der zwar manchmal konstruiert wirkt, aber dennoch absoluten Unterhaltunsgwert besitzt.

© 2017 Wolfgang Brunner für Buchwelten

Kontrolle von Robert Charles Wilson

Erschienen als Taschenbuch
im Heyne Verlag
insgesamt 398 Seiten
Preis: 9,99 €
ISBN: 978-3-453-31658-4
Kategorie: Science Fiction

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Cassie wohnt in einer Gegenwart, die wir nicht kennen: Seit 100 Jahren lebt die Menschheit in Frieden, den Vietnamkrieg und das Attentat am 11. September 2001 auf das World Trade Center zum Beispiel gab es nie. Doch eines Tages kommt Cassie hinter das Geheimnis dieses Weltfriedens, denn eine außerirdische Macht kontrolliert die Entwicklung der Erde. Zusammen mit ihrem Bruder Thomas, ihrer Tante Nerissa und ein paar Freunden versucht sie, das Rätsel zu entschlüsseln und entdeckt, dass das Wohl aller Menschen auf dem Spiel steht.

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Robert Charles Wilson Erzählstil ist immer wieder faszinierend. Einfach und absolut flüssig nimmt der Autor, der mit seiner SPIN-Trilogie weltweiten Erfolg feierte, in seinem Roman „Kontrolle“ den Leser mit auf eine lange Reise. „Kontrolle“ erscheint oftmals wie ein literarischer Roadmovie durch die Welt. Gerade durch die jugendlichen Protagonisten wird die Story zu einem erfrischenden Science Fiction-Abenteuer, das einen von der ersten Seite an in den Bann zieht. Zumindest mir ging es so, dass ich mich der rasanten Geschichte nicht entziehen konnte und immer weiter lesen wollte. Wilson erklärt den Plot sehr gut und kann auch mit ein paar überraschenden Wendungen aufwarten, die den Leser definitiv bei Laune halten.

Wer allerdings einen Roman im Stil von Wilsons Spin-Trilogie oder „Quarantäne“ erwartet, könnte unter Umständen enttäuscht sein. Denn wie bereits in „Netzwerk“ entfernt sich Wilson vom Weltall und widmet sich zukunftsorientierten Themen, die auf der Erde stattfinden. Aber auch das kann gute Science Fiction sein. Viele mögen aber diese Entwicklung an Robert Charles Wilson nicht, ich hingegen empfinde es als willkommene Abwechslung im Schaffen des Autors. Sicherlich besitzt „Kontrolle“ keine Hightech-Hintergründe oder einen bis ins letzte Detail wissenschaftlich durchdachten Plot, aber das kennt man doch aus der Science Fiction. Wichtiger ist doch, mit welchen Fragen sich der Autor beschäftigt und diese dann in seine Handlung verbaut. Aus dieser Sicht hat mir „Kontrolle“ gefallen, denn es beinhaltet eine mögliche, parasitäre Inbesitznahme der Erde, die durchaus glaubwürdig geschildert wird. Mir hat sich während des gesamten Buches niemals die Frage gestellt, ob das tatsächlich auch so möglich wäre oder nicht. „Kontrolle“ war für mich ein Roman, der mich schlichtweg unterhalten soll, was er auch getan hat.

Sicherlich waren die Charaktere nicht besonders tiefgründig, aber ich konnte zumindest mit ihnen mitfiebern und ihr Handeln nachvollziehen. Wilson folgt mit „Kontrolle“ dem klassischen Plot eines Roadmovie: Feind in Sicht, Flucht über das Land. Gefährten trennen sich und finden wieder zueinander.
Dennoch fühlte ich auf keiner Seite jemals Langeweile aufkommen, wie ich es so oft in anderen Rezensionen gelesen habe. Die Geschichte war durchweg schlüssig und baute auch einen konstanten Spannungsbogen auf, der mit einem, aus meiner Sicht wieder zu stark übertriebenem Finale, endete. Ich weiß nicht, warum es mir in letzter Zeit so oft passiert, dass ich die Enden mancher Romane als zu aufgesetzt finde, weil sie mit aller Macht spektakulär sein wollen. Liegt es an den momentanen Kinofilmen, die versuchen, sich selbst immer bombastischer zu übertrumpfen? Ich hätte ein ruhigeres Ende bedeutend besser empfunden wie Explosionen. Aber gut, das ist nun einmal Geschmackssache und wird dem ein oder anderen besser gefallen als die bis dahin dahinplätschernde Flucht vor den außerirdischen Lebensformen.

Wer allerdings solcherart Handlungsgerüste (eine Radiosphäre, die den gesamten Erdball umhüllt und aus einer Schwarmintelligenz  besteht, die die Menschheit manipuliert) auf jeder Seite hinterfragt, wird mit „Kontrolle“ definitiv keine Freude haben. Zu vieles wirkt nämlich bei näherer Untersuchung als zu unausgegoren oder gar unlogisch. Doch eine Hinterfragung stand, zumindest bei mir, irgendwie nie zur Debatte, weil ich mich einfach auf den Plot eingelassen habe und die Geschichte auf mich wirken ließ. Und, wie gesagt, auch wenn es sich um kein Weltraumabenteuer handelt, so hinterließ „Kontrolle“ von Robert Charles Wilson bei mir dennoch den Eindruck, einfach einen guten und unterhaltsamen SF-Roman gelesen zu haben. Mehr habe ich nicht erwartet …

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Fazit: Interessanter Ausgangsplot, der in ein Abenteuer führt, das an einen Roadmovie erinnert. Kurzweilig und unterhaltsam.

© 2017 Wolfgang Brunner für Buchwelten

Die neunte Stadt von J. Patrick Black

Erschienen als Taschenbuch
bei Heyne
insgesamt 792 Seiten
Preis: 16,99 €
ISBN: 978-3-453-31788-8
Kategorie: Science Fiction

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Vor unzähligen Jahren wurde die Erde von kriegerischen Aliens angegriffen. Die Menschen verteidigen sich mittels einer geheimnisvollen Begabung, die sie erstaunlicherweise durch die Außerirdischen bekamen. Es handelt sich dabei um eine geistige Kraft, die es ihnen ermöglicht, auf einer höheren Ebene gegen die Feinde zu kämpfen. Als die entscheidende Schlacht bevorsteht, sind es nur ein paar junge Heldinnen und Helden, die das Schicksal der gesamten Menschheit in die Hände nehmen.

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Eines vorweg: Man sollte diesem Buch auf jeden Fall eine Chance geben, denn es dauert tatsächlich etwa 200 Seiten, bis sich die Story einem so richtig erschließt. Der Klappentext trifft zwar die Geschichte auf den Punkt, aber erst nach gut einem Drittel des Romans erreicht man die Stelle, an der die Aliens und der Krieg zwischen ihnen und der Menschheit zum Tragen kommt. Ich will damit sagen, dass man die ersten 200 Seiten einfach durchhalten sollte, denn dann nimmt „Die neunte Stadt“ so richtig Fahrt auf und wird (zumindest weitestgehend) zu jenem Science Fiction-Epos, das man anhand der Inhaltsangabe erwartet hat.
Leider verhält es sich genauso bei den Charakteren. Auch hier musste erst eine Weile verstreichen, bis ich mich mit den verschiedenartigen Protagonisten „anfreunden“ konnte. Doch genug gemeckert: „Die neunte Stadt“ sprüht oftmals vor tollen Ideen, die einfach unglaublich Spaß machen. In der zweiten Hälfte kommt, wie gesagt, auch der Krieg zwischen der Menschheit und den Aliens zur Geltung und macht die Anfangsschwierigkeiten wett. Vor allem das mittlere Drittel des Romans ist das aus meiner Sicht interessanteste. Denn dort wird von den Kampfmaschinen der Menschen erzählt, die eine geistige Verbindung mit ihren Bedienern eingehen. So manches Mal hat mich das an Guillermo del Torros fantastischen SF-Film „Pacific Rim“ erinnert. Es war eine wirkliche Freude, diesen Mittelteil zu lesen.

Im letzten Drittel widmet sich Black dann dem eigentlichen Kriegsgeschehen und lässt die Leser hautnah an verschiedenartigen Auseinandersetzungen teilnehmen. Der Autor schildert diese Kriegsattacken sehr detailliert und bildhaft, dennoch hatte ich an manchen Stellen den Überblick verloren, wo genau sich diese Scharmützel abspielten: auf dem Boden oder im All. Diese Aufteilung in drei „Bücher“ lässt das Gesamtwerk letztendlich auch irgendwie „unfertig“ oder unausgereift wirken. Was wie eine Fantasy-Saga auf anderen Welten anfängt, wird in der Schilderung von Kampfvorbereitungen fortgeführt, um schließlich in einem epischen Krieg im Weltall zu enden. Der Plot hätte auf jeden Fall mehr Wirkung gehabt, wären diese drei Teile von Anfang an miteinander verschmolzen worden. So aber wirkt die Story durchkonstruiert und wie eine Abarbeitung vorgefertigter Plots. Fast könnte man meinen, es handle sich um drei Romane, die alle zufällig im gleichen Universum und zur gleichen Zeit spielen. Was für den ein oder anderen ebenfalls als störend empfunden werden könnte, ist die Schilderung ALLER Protagonisten in der Ich-Form. Das wirkt an manchen Stellen verwirrend, was wiederum zum Resultat hat, dass man sich mit den Protagonisten nicht besonders gut identifizieren kann, weil ja alle „Ich“ sind. Aber ich will den Roman keineswegs schlecht machen, denn das ist er definitiv nicht. Aber er hätte eben durchaus besser werden können. Blacks Schreibstil ist angenehm und sehr flüssig zu lesen. An manchen Stellen kommen sehr schöne philosophische Gedanken zum Tragen, die das Werk eindringlicher wirken lassen.

Insgesamt hat J. Patrick Black einen durchaus annehmbaren, erfrischenden Science Fiction-Roman mit seinem Debütroman abgeliefert. Sein bildhafter Schreibstil lässt den Leser unmittelbar in die Handlung eintauchen und auch im Kopfkino fantastische Bilder entstehen. Nach einem eher trägen, aber nicht unbedingt uninteressanten Einstieg im ersten Drittel wird man mit einem fast schon filmreifen Mittelteil belohnt, der auf eine fulminante Weiterentwicklung hoffen lässt. Anfangs klappt das auch noch ganz gut mit den dramatischen und durchaus einfallsreichen Kriegsschilderungen, doch leider beginnen diese sich diese oftmals in die Länge gezogenen Szenen irgendwann zu langweilen, so dass man wirklich das Ende des Buches  fast schon herbeisehnt. Insgesamt 200 Seiten weniger hätten dem Buch wahrscheinlich gut getan. Nichtsdestotrotz spannende und gut geschriebene Unterhaltung, die an manchen Stellen auch episch und bombastisch wirkt.

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Fazit: Alien-Invasion mit epischen Ausmaßen, aber leider auch einigen Schwächen.

© 2017 Wolfgang Brunner für Buchwelten

Die Rote Wand von David Pfeifer

Erschienen als Taschenbuch
bei Heyne
insgesamt 288 Seiten
Preis: 9,99 €
ISBN: 978-3-453-43876-7
Kategorie: Belletristik, Historie

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Im ersten Weltkrieg spielen sich auch Kämpfe in den Dolomiten ab, um die Grenze zwischen Nord- und Südeuropa zu verteidigen. Um ihrem Vater zu folgen, der in den Krieg gezogen ist, verkleidet sich ein Mädchen als Junge und folgt ihm. Schon bald befindet sie sich mitten unter Männern und inmitten blutiger, lebensbedrohlicher Kämpfe.

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Es dauert eine Weile, bis man sich an den journalistischen Schreibstil des Autors gewöhnt hat. Emotionslos wird in einer schnörkellosen Sprache eine Geschichte erzählt, die in „echter“ Romanform wahrscheinlich um einiges mehr berührt hätte. So aber verfolgt man die Protagonistin auf ihrer Odyssee durch eine Männer- und Bergwelt, ohne gefühlsmäßig wirklichen Anteil daran zu nehmen. Wie gesagt, man gewöhnt sich an den Schreibstil. Durch Pfeifers Beschreibungen ist man auch zweifelsohne oftmals mittendrin im Geschehen und man spürt manchmal auch die Rauheit der Berge und die Brutalität des Krieges, bekommt dies alles aber aus einem sehr großen Abstand serviert. Pfeifer bleibt fast immer auf einer sachlichen Ebene.

Nichtsdestotrotz ist David Pfeifer ein beeindruckendes Werk gelungen, das seine ganze Wirkung erst entfaltet, wenn man das Buch zu Ende gelesen hat. Vielleicht zeigt sich hier, dass der sachlich gehaltene Erzählstil doch irgendwie ein Kopfkino im Leser verursacht, das die Erlebnisse erst im Nachhinein zum Leben erwachen. Aber ich hätte mir einfach gewünscht, dass die eisige Umgebung, die gefahrvollen Klettereien, die kriegerischen Auseinandersetzungen und auch die melancholischen Gedanken des Mädchens effektvoller dargestellt werden. Wenn ich „Die Rote Wand“ zum Beispiel mit Dan Simmons‘ „Der Berg“ vergleiche, dann zieht Pfeifers Geschichte eindeutig den kürzeren, weil eben zu belanglos erzählt.

Insgesamt muss ich leider feststellen, dass „Die Rote Wand“ keinerlei Emotionen bei mir ausgelöst hat. Die Story an sich, nach einer wahren Geschichte, ist spannend und genial. Bei der Aufbereitung des Stoffes wäre allerdings weitaus mehr Potential da gewesen, als Pfeifer genutzt hat. Lesenswert ist das Buch aber allemal, da es sich eben durch einen zwar gewöhnungsbedürftigen, aber auch außergewöhnlichen Schreibstil auszeichnet, der mich so manches Mal an Andrea Maria Schenkel („Tannöd“) erinnerte. Schenkel schafft es aber durch ihre knappen und präzisen Beschreibungen zu fesseln, was man von Pfeifer eben leider nicht behaupten kann.
Recherchiert ist das Buch hervorragend und ganz am Ende beim Epilog, das muss ich zugeben, sprang ein emotionaler Funken auf mich über. 😉

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Fazit: Perfekt recherchiert, aber leider etwas emotionslos umgesetzt. Da wäre weitaus mehr Potential verfügbar gewesen.

© Wolfgang Brunner für Buchwelten

Bestechung von John Grisham

Erschienen als gebundene Ausgabe
bei Heyne
insgesamt 448 Seiten
Preis: 22,99 €
ISBN: 978-3-453-27033-6
Kategorie: Thriller

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Lacy Stoltz ist Mitarbeiterin bei der Rechtsschutzbehörde und übernimmt den Fall der Richterin Claudia McDover, die sich angeblich bestechen lässt. Ein Informant gibt immer mehr Details preis und will offensichtlich die Richterin zu Fall bringen. Schon bald stellt sich auch heraus, dass an der Sache etwas Wahres ist und eine Menge Geld auf ungesetzliche Art und Weise den Besitzer wechselt. Welche Rolle spielt das Kasino in einem Indianerreservat? Und während Stoltz zusammen mit ihrem Partner immer mehr von der Wahrheit über die Richterin erfährt, enwickeln sich die Untersuchungen  zu einem gefährlichen Spiel mit einem unberechenbaren Gegner …

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John Grisham ist einfach ein unglaublicher Erzähler. Auch in seinem neuen Justiz-Thriller „Bestechung“ schildert er packend eine komplexe Handlung, in die man sehr schnell eintaucht und von der man auch gefangen wird. Einigen Lesern wird der Anfang zu schleppend und unspektakulär erscheinen, wobei es gerade dieses Stilmittel ist, das eine gewisse Art von Sog entstehen lässt, dem man sich nicht so leicht entziehen kann. Die Geschichte beginnt ruhig und ohne großen Bombast. Doch kaum hat man sich mit den Personen vertraut gemacht und wiegt sich durch die gemächliche Erzählweise (ist natürlich im positiven Sinne gemeint) in Sicherheit, schlägt Grisham zu. Mit einer absolut unerwarteten und schockierenden Wendung  nimmt „Bestechung“ dann auch so richtig Fahrt auf und wird zu einem spannenden Ermittlungs-Thriller, der hervorragend unterhält.

Was mir an den Büchern von John Grisham schon immer gefallen hat, wird auch hier von ihm wieder angewandt. Ein Fall steht im Vordergrund und im Hintergrund werden interessante Informationen eingebaut. In diesem Falle geht es um ein Indianerreservat und die damit verbundenen eigenständigen Gesetze. Grisham ist ein wahrer Meister, wenn es darum geht, solch komplizierten Vorgänge verständlich zu erklären. Das macht er auch in den meisten seiner anderen (Justiz-)Bücher und so auch im vorliegenden. Dieses Indianer-Thema fand ich sehr faszinierend und informativ.

Die Charaktere machten aus meiner Sicht keine Entwicklung durch, was ich aber nicht als störend empfand. Ich konnte mich mit den Protagonisten, egal ob Haupt- oder Nebenfigur, durchaus identifizieren und freundete mich mit den Guten sogar an. Ganz leise rieselte eine Liebesgeschichte mit in den Thriller hinein, die aber nicht weiter ausgeführt und lediglich immer wieder angedeutet wurde. Auch das empfand ich absolut in Ordnung, weil es vom Hauptplot in keiner Weise ablenkte. Grisham beherrscht es einfach, Geschichten erzählen. Er hat sicherlich bessere Werke abgeliefert, bewegt sich aber mit „Bestechung“ immer noch auf gewohnt hohem Niveau. Wie schon oben erwähnt, handelt es sich um einen komplexen Fall, bei dem man an manchen Stellen meint, man würde jetzt bald den Überblick verlieren. Aber Grisham schafft es mit seinen detaillierten Beschreibungen immer wieder, dass man alles versteht. Und auch wenn seine Plots prinzipiell immer nach dem gleichen Muster ablaufen, so wirken sie jedes Mal aufs Neue faszinierend, unterhaltsam und eben durchdacht.

Einzig den Epilog empfand ich langatmig und zu dokumentarisch geschildert. Das Ganze las sich dann fast wie ein Sachbuch über historische Ereignisse in der Juristenwelt. Auch wenn es den ein oder anderen Handlungsfaden wieder aufgriff und zu einem Ende brachte, so hätte man das durchaus „unterhaltsamer“ verfassen können als mit einer Aneinanderreihung von Begegenheiten. Dennoch, mit solch einem Wermutstropfen kann ich leben, denn der Unterhaltungswert von „Bestechung“ ist aus meiner Sicht absolut hoch und führt Grishams Erfolgskonzept konsequent fort. Ich freue mich schon sehr auf den im Oktober 2017 erscheinenden Roman „Das Original“.

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Fazit: Spannend und authentisch geschildert. Ein gewohnt guter Grisham eben.

© 2017 Wolfgang Brunner für Buchwelten