Im Turm von Josiah Bancroft

Im Turm von Josiah Bancroft

Erschienen als Taschenbuch
im Heyne Verlag
insgesamt 448 Seiten
Preis: 14,99 €
ISBN: 978-3-453-31950-9
Kategorie: Fantasy

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Der Lehrer Thomas Senlin wollte zusammen mit seiner Frau das Weltwunder, den Turm zu Babel, besuchen. Doch schon kurz nach ihrer Ankunft, wird das Paar getrennt. Senlin macht sich auf die Suche nach seiner verschwundenen Frau und muss feststellen, dass ihm nichts anderes übrigbleibt, als den Turm zu betreten. Im Inneren des gewaltigen Bauwerks erwarten ihn außergewöhnliche Welten, die sich mit jeder Etage verändern und neue Wunder hervorbringen. Mit jedem Stockwerk, das sich Senlin emporarbeitet, erwarten ihn neue Abenteuer. Und er hat keine Ahnung, wie hoch er gehen muss, um seine Frau zu finden, denn niemand weiß, wie hoch dieser Turm ist …

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„Im Turm“ fängt sehr stimmungsvoll an und lässt die Erwartungshaltung des Lesers schon nach den ersten Seiten in die Höhe schnellen. Bancroft schreibt sehr bildhaft und man ist sofort mittendrin im Geschehen. Alleine schon die Ausgangssituation, in die der Autor den Leser wirft, lässt Großes und Episches ahnen. Und in der Tat, je mehr Seiten man von diesem beeindruckenden Debüt liest, desto epischer wird die Geschichte – zumindest im Kopf des Lesers, denn leider versäumt Bancroft des öfteren, etwas genauer auf die verschiedenen Stockwerke / Welten einzugehen, so dass vieles dem Kopfkino des Lesers überlassen bleibt. Was eigentlich nicht schlimm ist, sondern für die Fähigkeiten des Autors spricht, wenn es sich so verhält. Aber bei manchen Begebenheiten hätte ich mir mehr Details gewünscht. Das tut aber dem Unterhaltungswert des Romans dennoch keinen Abbruch.

Manchmal fühlte ich mich tatsächlich an den Film „Snowpiercer“ erinnert, wo ein Zug durch eine apokalypische Welt rast und sich in jedem Waggon sozusagen eine eigene, kleine Welt befindet. „Im Turm“ arbeitet mit der gleichen Grundidee und entführt sowohl den Protagonisten wie auch den Leser in eine Fülle verschiedener Welten, die jeweils ein Stockwerk des gigantischen Bauwerks einnehmen. Da es sich um einen Debütroman handelt, muss auf jeden Fall der sehr angenehme und niveauvolle Schreibstil erwähnt werden, der alleine schon das Buch lesenswert macht. Hinzu kommen die außergewöhnliche Ideen, mit denen Bancroft aufwarten kann. „Im Turm“ ist der erste Teil einer Trilogie und man merkt während des Lesens, dass der Autor seine Handlung gemächlich (was nicht negativ zu werten ist) aufbaut. Der Roman hat eindeutig Potential nach oben und ich bin mir ziemlich sicher, dass Josiah Bancroft seinen Plot genau geplant hat, um mit jedem Band eine Steigerung in der Story zu schaffen.

„Im Turm“ mit Tolkiens „Der Hobbit“ zu vergleichen finde ich etwas unpassend. Außer dem Abenteuercharakter der Geschichte haben die beiden Handlungen herzlich wenig zu tun. Bancrofts Debüt spielt in einem völlig anderen Universum, das in vielen Belangen sogar unserer Realität gleicht und definitiv nicht an eine „Mittelerde“-Stimmung heranreicht. Aber das ist es auch, was den Fantasyroman in meinen Augen so außergewöhnlich macht, denn Bancroft geht einen eigenen, neuen Weg. Er hat zwar einen Fantasyroman geschrieben, aber dennoch in einigen Belangen Bezüge zu unserer wirklichen Welt geschaffen. Wie anfangs schon erwähnt, denke (und hoffe) ich, dass in dem manchmal zäh wirkenden Aufbau Absicht steckt, um in den Folgebänden das verfügbare Potential dieser Story weiter auszuschöpfen. „Im Turm“ wird ein Roman sein, der erst nach dem Lesen seine volle Wirkung im Gehirn bei manchen Lesern entfalten wird, weil die Bilder einfach hängenbleiben. Ich fand den Einstieg der Trilogie auf jeden Fall sehr erfrischend und freue mich schon auf die letzten Teile. Man spürt schon ein leichtes, erwartungsvolles Kitzeln im Bauch, wenn man die Karte des Turms im Buch ansieht und sich vorstellt, was in den weiteren Stockwerken noch alles auf den Protagonisten zukommt. Das Cover ist absolut toll gelungen und ein echter Hingucker. Schade finde ich, dass (wieder einmal, wie leider mittlerweile im Verlagswesen üblich) keinerlei Hinweis vermerkt ist, dass es sich um keinen eigenständigen, abgeschlossenen Roman handelt, sondern um den ersten Teil einer Trilogie. Wahrscheinlich will man damit erreichen, dass das Buch schon jetzt gekauft wird und die Leser nicht so lange warten, bis der komplette Zyklus erschienen ist (was für mich schon auch nachvollziehbar wäre). Aber ein Hinweis wäre dennoch schön gewesen, damit der Leser weiß, auf was er sich da einlässt.

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Fazit: Beeindruckendes und noch ausbaufähiges Erstlingswerk, das den Beginn eines großen Abenteuers darstellt.

© 2018 Wolfgang Brunner für Buchwelten

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Die Stadt der Träumenden Bücher – Band 2: Die Katakomben (Graphic Novel) von Walter Moers und Florian Biege

Die Stadt der Traeumenden Buecher Comic von Walter Moers

Erschienen als gebundene Ausgabe
im Knaus Verlag
insgesamt 122 Seiten
Preis: 25,00 €
ISBN: 978-3-8135-0502-3
Kategorie: Graphic Novel, Fantasy

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Das Abenteuer geht weiter und Hildegunst von Mythennetz trifft in den unterirdischen Katakomben von Buchhaim auf den legendären Schattenkönig. Zusammen fliehen sie vor den Buchjägern, die noch immer hinter Hildegunst her sind.

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Man mag es gar nicht glauben, wenn man den zweiten Teil der grandiosen Umsetzung von Walter Moers‘ „Die Stadt der Träumenden Bücher“ in eine Graphic Novel aufschlägt, aber es ist wahr: Der Folgeband ist noch aufwändiger und hypnotischer. Es ist wirklich unglaublich, wie Walter Moers‘ Texte und Florian Bieges Bilder den Leser in Sekundenschnelle in ihren Bann ziehen und ein Kopfkino auslösen, das es in sich hat. Erstaunlicherweise wird einem während des Lesens die Phantasie gar nicht genommen, weil man Bilder serviert bekommt, sondern das genaue Gegenteil tritt ein: Man saugt die Bilder und die Texte in sich auf, verwebt sie in Gedanken miteinander und sieht einen Film vor sich. Moers, Biege und das ganze Team, das hinter diesem Projekt steht, haben fantastische Arbeit geleistet und dem Roman eine würdige Umsetzung in ein farbenprächtiges Graphic Novel-Abenteuer verschafft, die man als Fan (und solche, die es noch werden wollen) nicht mehr vermissen möchte. „Die Katakomben“ sind zusammen mit dem Vorgänger „Buchhaim“ zu einem festen Bestandteil des Moers-Universum geworden.

Auch hier fällt die liebevoll gestaltete Ausstattung schon auf der ersten Seite ins Auge und man verweilt immer wieder ein paar Augenblicke bei den künstlerischen Bildern von Florian Biege, bevor man umblättert. Diese Version der „Stadt der Träumenden Bücher“ ist eine Hommage an die Welt der Bücher, der Leser und Schriftsteller, wie sie schöner und ehrlicher nicht sein könnte. Man wird süchtig nach der Kombination aus hochwertigen Texten und Bildern, wenn man sich in das „gekürzte“ Abenteuer des Originalromans fallen lassen und genießen kann. Auf geniale Weise wird die Geschichte des Hildegunst von Mythennetz „neu“ erzählt. Bei den größeren Bildern erscheinen die Protagonisten manches Mal nicht nur einmal, sondern öfter, so dass wirklich der Eindruck eines echten Films entsteht, den man liest. Es ist wie eine Art Daumenkino, dass den Leser mitreißt, gefangen nimmt und nicht mehr loslässt. Der Detailreichtum erschien mir in diesem zweiten Band sogar noch besser als im ersten, was aber durchaus auch an der dramatischen Entwicklung der Story liegen kann. Und auch hier kann man getrost behaupten, dass die vorgenommenen Kürzungen, die natürlich aufgrund des starken Romanumfangs sein mussten, nicht ins Gewicht fallen und von der Sogkraft der „Inszenierung“ schlichtweg verschluckt werden.

Die Umsetzung des Schattenkönigs hat mich umgehauen. Diese Figur ist derart gelungen, dass man sofort wieder den Roman lesen möchte, um genau dieses Bild des Schattenkönigs jetzt vor Augen zu haben. Ich bin absolut begeistert. Und sobald Hildegunst und der Schattenkönig gemeinsam unterwegs sind, entwickelt sich die Graphic Novel zu einem unwiderstehlichen Pageturner, bei dem man hofft, er möge niemals zu Ende gehen (wie das bei Büchern von Walter Moers eigentlich immer der Fall ist). Ich habe mich in dieses (und das Vorgängerbuch) richtiggehend verliebt und weiß schon jetzt, dass ich desöfteren darin herumblättern werde, um die Stimmung wieder aufleben zu lassen.
Interessant ist der Anhang im Buch, der die aufwändige Gestaltung und Umsetzung zumindest ansatzweise schildert. Ich glaube, man kann sich nicht einmal ansatzweise vorstellen, welche langwierige Arbeiten in diesem Projekt stecken, das seinesgleichen sucht und den Kaufpreis sogar vergleichsweise niedrig erscheinen lässt. Für Walter Moers-Fans sowieso unumgänglich, sollten auch Neueinsteiger, die sich für das Zamonien- und Moers-Universum interessieren, trotz des hoch wirkenden Preises einen Blick riskieren. Es lohnt sich definitiv, diese unvergessliche Bild- und Textreise anzutreten. Wünschenswert wäre eine derartige Umsetzung anderer Moers-Romane, allen voran „Die 13 1/2 Leben des Käpt’n Blaubär“, was aber aufgrund des kolossalen Aufwandes wohl nur Wunschdenken bleiben wird.
Auf jeden Fall Glückwünsch und ein Dankeschön an die Herren Moers und Biege für dieses grandiose Projekt.

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Fazit:  Noch bombastischer und detaillierter als Band 1. Ein in Erfüllung gegangener Traum für Moers-Fans.

© 2018 Wolfgang Brunner für Buchwelten

Die Stadt der Träumenden Bücher – Band 1: Buchhaim (Graphic Novel) von Walter Moers und Florian Biege

Die Stadt der Traeumenden Buecher Comic von Walter Moers

Erschienen als gebundene Ausgabe
im Knaus Verlag
insgesamt 110 Seiten
Preis: 25,00 €
ISBN: 978-3-8135-0501-6
Kategorie: Graphic Novel, Fantasy

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Hildegunst von Mythennetz macht sich nach dem Tod seines Dichterpaten auf den Weg nach Buchhaim. Der Verstorbene hat Hildegunst nämlich ein Manuskript hinterlassen, das alles, was Hildegunst bisher gelesen hatte, in den Schatten stellt. Er macht sich auf den Weg nach Buchhaim, der Stadt der Träumenden Bücher, um herauszufinden, wer jenes geheimnisvolle Manuskript verfasst hat. Doch es warten weitaus mehr Mysterien in dieser Stadt auf ihn, als er dachte.

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Wer die Romane von Walter Moers kennt, weiß, zumindest im Ansatz, was ihn bei diesem exzellenten Graphic Novel erwartet: ein ideenreicher Plot und jede Menge Spaß. Wer den gleichnamigen Roman bereits kennt, wird von der kongenialen Umsetzung in diesen stark verkürzten Graphic Novel begeistert sein, wer die Vorlage noch nicht kennt, wird nach Lektüre dieses Werkes förmlich danach lechzen. 😉
Walter Moers ist zusammen mit Florian Biege ein Meisterwerk gelungen. Die literarische Vorlage bot sich schließlich geradezu an, in einen „literarischen Comic“ verwandelt zu werden. Schon nach den ersten Seiten taucht man in die fantastische Welt von Walter Moers und seinen Figuren nebst Ideen ein und kann sich dem Wort- und Bilderrausch, den dieser Graphic Novel bietet, einfach nicht mehr entziehen.

Was Moers‘ Bücher im Kopfkino des Lesers anrichten, macht dieses Buch auf andere Weise. Wie in einem Film begleitet der Leser den Protagonisten Hildegunst von Mythennetz auf seiner Reise nach Buchhaim und die Texte werden durch die wirklich grandiosen Bilder von Florian Biegel zu einer wahren Augenweide. Erstaunlicherweise stellt man fest (sofern man den Roman vorher gelesen hat), dass sich die persönlichen Vorstellungen der Geschehnisse sehr oft in  Biegels Zeichnungen wiederspiegeln und sich mit den eigenen Bildern decken, die man beim Lesen des Romans in Gedanken sah. Diese illustrierte Version von „Die Stadt der Träumenden Bücher“ ist ein Traum für alle Buchliebhaber im Allgemeinen und Walter Moers-Fans im Besonderen. Mit vielen Details versehen, kann man in den Bildern von Florian Biegel vielfache Anspielungen auf das Zamonien-Universum entdecken, die eigentlich gar nichts mit der Romanvorlage zu tun haben, sondern auf andere Moers-Bücher, die  in Zamonien angesiedelt sind, hinweisen. Dieser Graphic Novel-Umsetzung ist ein textlicher und visueller ein Augenschmaus sondergleichen, den man sich auf keinen Fall entgehen lassen sollte. Selbst wer bei dem relativ hoch wirkenden Preis zögern sollte, wird sich schnell eines besseren belehren lassen, wenn er das Buch erst einmal aufgeschlagen hat und in die fantastische Welt eintauchen kann.

Man mag es gar nicht so richtig glauben, dass es sich bei dieser Umsetzung von einem seitenstarken Roman in einen eher kurzen Graphic Novel dennoch um ein bildgewaltiges und episches Werk handelt. Aber Walter Moers und Florian Biegel haben es eindeutig geschafft, der Geschichte eine beeindruckende neue Seite hinzuzufügen, die selbst Kenner der Romanvorlage noch überraschen und überwältigen werden. Man vergisst die Zeit und auch die Umgebung, wenn man in diesem wunderbaren Buch liest, staunt und sich darin verliert.
Das Buch ist wirklich jeden Cent wert, vor allem fühlt man sich schon einen Tag, nachdem man das Abenteuer zu Ende gelesen hat, wieder „genötigt“ nochmals die Seiten durchzublättern und die Ereignisse in Text- und Bildform Revue passieren zu lassen. Die Ausstattung dieses Buches lässt wirklich keine Wünsche offen. Von einem festen, edel glänzenden Papier über den robusten Einband bis hin zu einer Panorama-Klapptafel am Ende des Buches hat man permanent das Gefühl, einen Bücherschatz in den Händen zu halten.
Die Graphic Novel-Umsetzung von „Die Stadt der Träumenden Bücher“ ist also aus meiner Sicht uneingeschränkt und ohne Makel perfekt gelungen und lässt das Herz des Fans bereits jetzt schon höher schlagen, wenn er nur an die kommende Veröffentlichung des zweiten Teils mit dem Untertitel „Die Katakomben“ denkt, in dem die Geschichte weitererzählt wird.

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Fazit: Bombastisch, bildgewaltig, episch und in der Kürze noch beeindruckend auf den Punkt gebracht.

© 2017 Wolfgang Brunner für Buchwelten

Zeitkurier von Wesley Chu

Erschienen als Taschenbuch
im Heyne Verlag
insgesamt 490 Seiten
Preis: 14,99 €
ISBN: 978-3-453-31733-8
Kategorie: Science Fiction

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Zeitkurier James Griffin-Mars hat die Aufgabe, Ressourcen und Antworten auf die Frage zu finden, warum die Welt sich in eine verseuchte Wildnis verwandelt hat. Höchste Priorität bei diesen Einsätzen ist die Einhaltung bestimmter Zeitgesetze, damit keine Zerwürfnisse im Zeitstrang entstehen. James ist einer der besten, bis er eines Tages einen fatalen Fehler begeht und eine Frau aus der Vergangenheit in die Gegenwart mitnimmt. Doch schon bald beginnt James zu zweifeln, ob es denn tatsächlich ein so großer Fehler war, obwohl er vom Staat gejagt wird.

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Der Einstieg in seine Zeitreise-Geschichte ist Wesley Chu außerordentlich gut gelungen. Vor allem merkt man sofort, dass sich hier jemand dieser Thematik auf eine andere Weise als bisher annähert. Sicherlich definiert Wu die Zeitreisen, und alles, was damit zusammenhängt, nicht neu. Aber es sind Ansätze vorhanden, die mittelschwere Begeisterung bei mir ausgelöst hat. In erster Linie haben mich die Erklärungen, was die Logik solcher Zeitreisen mit sich bringt, angenehm überrascht. Vieles wirkt in diesem Roman nicht ganz so verwirrend und unlogisch wie es oft bei Zeitreise-Romanen der Fall ist. Welsey Chu hat hier ein ganz eigenes Universum entworfen, das mir außerordentlich gut gefallen hat. Die stimmungsvollen Bilder, die uns der aus Taiwan stammende Autor sehr detailliert schenkt, bleiben im Gedächtnis haften und sind an einigen Stellen filmreif ausgearbeitet.

Wesley Chu hat seinen Protagonisten allesamt glaubwürdige Charaktere verschafft, denen man gerne in ihren Handlungen folgt. Leider schafft es Chu aber nicht, den spektakulären Einstieg in seine Story bis zum Schluss aufrecht zu erhalten. Der Plot driftet in eine Weltrettungsmission ab, was zwar nicht unbedingt schlecht ist, aber die anfangs herrschende, tolle und dystopische Stimmung irgendwie zunichte macht. Die Zeitreisen sind zwar immer präsent, geraten aber handlungstechnisch irgendwie immer mehr in den Hintergrund. Da hätte ich mir durchaus mehr detaillierte Schilderungen gewünscht, die in der Vergangenheit spielen. Dennoch ist Wesley Chu ein wirklich außergewöhnlicher Zeitreise-Roman gelungen, der sehr viele schöne und stimmungsvolle Momente hat. Bis zu einem gewissen Punkt konnte ich das Buch schwer aus der Hand legen, weil es in bester Pageturner-Manier geschrieben war und man wirklich unbedingt wissen wollte, wie es weitergeht. Dann kam aber ein Punkt, an dem die Handlung eine Wendung nahm, die mir zwar gefallen hat, die aber die Erwartungen an den Roman, die durch die ersten zweihundert Seiten entstanden waren, nicht erfüllen konnte. Wie gesagt, das heißt nicht, dass das Buch plötzlich schlecht wurde, aber der Plot entwickelte sich anders, als ich es erwartet hätte.

Durch den offenen Schluss leicht verwirrt, entdeckte ich dann bei Recherchen im Internet, dass es sich bei „Zeitkurier“ um den ersten Band einer geplanten Trilogie handelt. Band 2 ist bereits fertiggestellt und der abschließende dritte Band muss wohl erst noch geschrieben werden. Wenn man „Zeitkurier“ nun unter dem Aspekt sieht, dass sich damit eine eventuell epischere Geschichte erst einmal aufgebaut hat, gewinnt besagte Entwicklung, die mich wie oben erwähnt, ein wenig gestört hat, eine ganz neue Bedeutung und lässt auf eine große Geschichte im Gesamten hoffen.
Wesley Chu hat auf jeden Fall einen sehr schönen und flüssigen Schreibstil, der angenehm und schnell zu lesen ist. Leicht komplizierte Vorgänge werden von ihm problemlos so beschrieben, dass man sie versteht. „Zeitkurier“ ist eine Mischung aus Dystopie, Science Fiction und sozialkritischer Menschheitsgeschichte, die absolut zu begeistern vermag. Vor allem der Hauptcharakter James Griffin-Mars wird sehr interessant dargestellt. Faszinierend war für mich die Schilderungen, wenn sich bei ihm Vergangenheit und Gegenwart einer Halluzination gleich vermischten. Das ergab ein sehr stimmiges und stimmungsvolles Bild in meinem Kopfkino.
Die Liebesgeschichte, die letztendlich eigentlich gar keine ist, wirkt sehr hölzern und zwanghaft konzipiert, um den Vorgaben eines erfolgreichen Plots zu entsprechen. Ich persönlich hätte es besser gefunden, wenn sich der Autor nicht für einen Mittelweg, sondern für eine geradlinige Richtung entschieden hätte: entweder eine richtige Liebesgeschichte oder komplett darauf verzichten. Momentan ist es weder das eine noch das andere. Aber das kann sich ja noch im Verlaufe der beiden  Folgebände ändern. Bleibt nur zu hoffen, dass die Trilogie komplett im Heyne Verlag erscheint und nicht, wie leider bei vielen anderen Serien, aufgrund ausbleibenden Erfolgs einfach eingestellt wird und zahllose, neugierige Fans enttäuscht zurücklässt.

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Fazit: Gelungener, ideenreicher Auftakt einer Zeitreise-Trilogie, die logisch gut durchkonzipiert wirkt.

© 2017 Wolfgang Brunner für Buchwelten

Die Karte meiner Träume von Reif Larsen

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Erschienen als Taschenbuch
bei S. Fischer
insgesamt 464 Seiten
Preis: 12,95 €
ISBN: 978-3-596-18444-6
Kategorie: Belletrstik

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Der zwölfjährige T.S. Spivet ist begeisterter Kartenzeichner. Er hält alles aber wirklich alles in Form von Karten, fest. Als er für eine Universität Zeichnungen von Insekten anfertigt, wird er eingeladen, dort zu arbeiten und Vorträge zu halten, denn man glaubt, er sei erwachsen. Spivet entscheidet sich in einer sternenklaren Augustnacht, auf eigene Faust zu dieser Universität zu fahren und erlebt dabei das größte Abenteuer seines Lebens.

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Reif Larsens Debüt ist wie eine Mischung aus Romanen von John Irving und Mark Danielewskys „Das Haus“. In einem sehr angenehmen Schreibstil entführt Larsen seine Leser in eine Welt, in der noch so ziemlich alles in Ordnung war. Sein kindlicher Protagonist ist naiv und erwachsen gleichzeitig. Diese Mischung macht den kleinen Helden sympathisch und man begleitet ihn gerne auf seiner Reise ins Erwachsenwerden.
Die handschriftlichen Zeichnungen, Notizen und Querverweise an den Rändern der Buchseiten vermitteln der Geschichte einen Hauch von Realität und man ertappt sich dabei, dass man sich auf die Einschübe ebenso freut wie auf die eigentliche Story.

„Die Karte meiner Träume“ eröffnet dem Leser, der sich auf diese Art der Geschichte einlassen kann, einen kleinen Kosmos, der vor Ideen und Emotionen sprüht. Aber nicht nur die ungewöhnliche Aufmachung des Romans macht den Reiz aus, sondern auch das Universum des kindlichen Helden, der die Welt mit anderen Augen sieht als die Erwachsenen. Auf faszinierende Weise ergänzen sich Haupttext und an die Seitenränder gekritzelte Notizen zu einem ganzen, zu einer märchenhaften Welt, in der aber auch Schuld und Zweifel eine große Rolle spielen. „Die Karte meiner Träume“ ist wie ein Road-Movie zwischen zwei Buchdeckeln, voller skurriler Einfälle und liebenswerter Charaktere. Ähnlich wie bei „Die Entdeckung des Hugo Cabret“ von Brian Selznick nimmt man am Leben eines Kindes teil und kann sich schwer dieser Welt entziehen.

Im Verlauf der Geschichte entwickelt sich die anfangs noch sehr authentische Story gegen Ende hin zu einem fast schon Fantasy-Plot. Ich persönlich fand diese Entwicklung nicht weiter schlimm, aber es gibt bestimmt manch einen Leser, der mit dieser Entwicklung unzufrieden ist, nimmt sie letztendlich der Gesamtgeschichte die Glaubwürdigkeit.
Larsen hat einen sympathischen Helden erschaffen, der trotz seines Mutes auch Ecken und Kanten hat und so manches Mal ein bisschen abgedreht wirkt. Durch die Skizzen und Gedanken, die einen durch den gesamten Roman begleiten, taucht man tief in die Welt des Protagonisten ein und lernt, so zu denken wie er. Der Leser begleitet den Jungen sozusagen hautnah auf seinem Weg zur Selbstfindung.

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Fazit: Auf zauberhafte, ideenreiche und ungewöhnliche Art und Weise wird die Geschichte eines Jungen auf dem Weg zum Erwachsenwerden geschildert. Larsens Debüt glänzt durch eine hervorragende Aufmachung und verrückte Charaktere. Wer das Außergewöhnliche in der Literatur liebt, sollte zugreifen.

© 2015 Wolfgang Brunner für Buchwelten