Hex von Thomas Olde Heuvelt

Erschienen als Taschenbuch
im Heyne Verlag
insgesamt 429 Seiten
Preis: 12,99 €
ISBN: 978-3-453-31906-6
Kategorie: Thriller, Horror

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Nach außen hin ist Black Spring ein nettes, kleines und idyllisches Städtchen, umgeben von Wäldern und purer Natur, gäbe es nicht Katherine, eine dreihundert Jahre alte Hexe, die den Bewohnern hin und wieder einen kleinen Schrecken einjagt. Der Stadtrat von Black Spring will diesen „Makel“ nicht an die Öffentlichkeit bringen und hat deswegen strenge Regeln aufgestellt, an die sich jeder Einwohner halten muss: kein Internet und kein Besuch von außerhalb. Doch die Teenager des Ortes sehen die Sache anders und machen sich einen Spaß daraus, die Hexe zu ärgern. Eines Tages stellen sie ein Video der Hexe ins Internet. Und postwendend bricht das Chaos in Black Spring aus …

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Wenn man die ersten Seiten von Thomas Olde Heuvelts „Hex“ zu lesen beginnt, fragt man sich, ob man etwa bereits am Anfang eines Buches schon unaufmerksam war und etwas überlesen hat, denn die Geschichte beginnt vollkommen abgedreht und wirr. Es dauert tatsächlich eine Weile, bis einem ein Licht aufgeht und dann … hat es einen aber auch schon gepackt. „Hex“ ist innovativ und originell, abgedreht und verrückt. Als hätte David Lynch zusammen mit Lars von Trier und Stephen King ein Buch geschrieben. Permanent hatte ich beim Lesen im Kopf, dass sich diese Story absolut für eine Verfilmung eignen würde. Der Sog, den Heuvelt mit seinem hochwertigen und extrem bildhaften Schreibstil entstehen lässt, nimmt einen ab einem gewissen Zeitpunkt derart gefangen, dass man das Buch einfach nicht mehr aus der Hand legen mag und auch kann. Eine wilde Mischung aus gruseligen, japanischen Horrorfilmen, abgefahrenen Ideen und einer Portion Humor machen „Hex“ zu einem echten Erlebnis, wie man es in letzter Zeit, zumindest im Horrorgenre, selten zu lesen bekommen hat.

Manche Szenen wirken im ersten Moment sogar amüsant und witzig, bevor man darüber nachdenkt, wie man sich selbst in dieser Situation fühlen würde. Und nach genaueren Überlegungen spürt man plötzlich die unheimliche Atmosphäre der Geschehnisse, fühlt sich unbehaglich bei dem Gedanken, was passiert.  Denn so harmlos die Szenarien im ersten Moment wirken, die der niederländische Autor da beschreibt, so mystisch und vor allem unheimlich werden sie, wenn man sich darauf einlässt. „Hex“ kommt eher ruhig daher und arbeitet mit der gespenstischen Atmosphäre des Ortes und den seltsamen Verhaltensweisen der Einwohner. Wenn man sich in deren Situation versetzt, spürt man das Grauen und die Bedrohung, fiebert mit ihnen mit und beginnt, sich vor der Hexenerscheinung, die vollkommen ohne Vorwarnung an den verschiedensten Stellen des Ortes aus dem Nichts auftaucht, tatsächlich zu fürchten. Es ist eine besondere Art von Horror, die Heuvelt dem Leser da beschert und man muss sich unbedingt darauf einlassen können, um die Tragweite der Ereignisse zu erfassen. Schleichend entwickelt sich das anfangs eher harmlos wirkende Grauen in einen blutigen und apokalyptischen Alptraum, den der Autor in teilweise außergewöhnlichen und philosophischen Sätzen schildert.

„Hex“ ist in sich von Anfang bis Ende aus meiner Sicht stimmig. Da passt einfach alles: Von den Charakterzeichnungen über die Entwicklung des Plots bis hin zu einem dystopischen, apokalyptischen Ende, das filmreif ist. Sprachlich auf hohem Niveau nimmt Heuvelt den Leser auf einen Horrortrip mit, den man vor allem aufgrund seiner erfrischenden Originalität und dem innovativen Plot nicht so schnell vergißt. Ich langweilte mich keine Sekunde und konnte gar nicht genug davon kriegen, wie sich die Einwohner mit ihrem Hexenproblem auseinandersetzten. Schön war auch, dass der Autor die heutigen technischen Errungenschaften wie Internet und Handy-Apps in eine an sich altmodische Gruselgeschichte einbaute. Und das Finale übertraf meine Erwartungen vollends. Nie hätte ich mit diesen düsteren, apokalyptischen Auswirkungen gerechnet, die sich über das Dorf legten und visionären Bilder eines Hieronymus Bosch glichen. Ich kann das Buch wirklich jedem Horrorfan, der Wert auf Atmosphäre und eine ideenreiche Geschichte legt, empfehlen. Und, wie gesagt, selbst die witzigen Einschübe zwischendurch beherbergen bei genauerem Hinsehen ein unheimliches Grauen in sich, dem man sich nicht entziehen kann. Interessierte Leser sollten sich auf jeden Fall das Nachwort zu Gemüte führen, denn dort erfährt man nämlich interessante Details zur Entstehung und Entwicklung des Romans. Für mich ist „Hex“ eine absolut erfreuliche Neuentdeckung im Bereich Horrorliteratur. Ich bin schon sehr gespannt, was Thomas Olde Heuvelt als nächstes abliefern wird.

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Fazit: Abgedreht, innovativ und extrem gruselig. Als hätte Stephen King zusammen mit David Lynch und Lars von Trier einen Roman geschrieben.

© 2017 Wolfgang Brunner für Buchwelten

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Das Fünfzig-Jahr-Schwert von Mark Z. Danielewsky

Erschienen als Taschenbuch
im btb Verlag
insgesamt 288 Seiten
Preis: 15,00 €
ISBN: 978-3-4427-1438-4
Kategorie: Belletristik, Gegenwartsliteratur

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Die Näherin Chintana folgt einer Einladung von Mose Dettledown zu einer Halloween-Party. Dort trifft sie auf Belinda, die ihr einst den Mann ausgespannt hat. Fünf Waisenkinder und deren Sozialbetreuerin sind ebenfalls zu Gast. Und dann beginnt ein geheimnisvoller Geschichtenerzähler von seinem Leben und einem mysteriösen Schwert zu erzählen, dass gefährlicher nicht sein könnte und alle Anwesenden auf erschreckende Weise mit einbezieht.

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Der US-amerikanische Schriftsteller Mark Z. Danielewsky polnischer Abstammung ist zweifelsohne ein Ausnahmetalent und Kultautor. Egal, ob man seine Bücher mag oder versteht, Fakt ist, dass Danielewsky Sprache beherrscht. Und wie.
In jedem seiner Werke bediente sich der Schriftsteller mehr als außergewöhnlicher Ausdrucksformen, um seine Geschichten auf unglaublich intensive Weise zu erzählen. Es ist absolut nicht leicht, Zugang zu Danielewskys Protagonisten und Gedankengängen zu bekommen und nur, wer sich zum einen darauf einlassen kann und zum anderen genügend Geduld aufbringt, die teils wirren, aber dennoch präzisen, Schilderungen zu verstehen, wird mit einem bombastischen Leseerlebnis belohnt, das einem buchstäblich den Atem raubt.
Es dauert ein Weilchen, bis man die Struktur seines neuen Buches erfasst. Die verschiedenen Erzähler (Chintana, Belinda, die Waisenkinder …) werden lediglich durch unterschiedlich farbige Anführungszeichen gekennzeichnet und, selbst wenn nur wenige Worte auf einer Seite stehen, muss man höllisch aufpassen, damit man die gesamte Komplexität dieses Romans begreift.

Mark Z. Danielewsky fordert seine Leser heraus, bricht mit sämtlichen Konventionen und lässt das Mainstream-Publikum schonungslos verlieren. „Das Fünfzig-Jahr-Schwert“ ist, wie seine beiden Vorgänger „Das Haus“ und „Only Revolution“ ein literarisches Feuerwerk, das sowohl textlich als auch typographisch eine Herausforderung darstellt, die, egal ob man das Buch in seiner Gesamtheit versteht oder nicht, schlichtweg beeindruckt. Wer mit so wenigen Worten ein derart bombastisches, episches Bild im Kopf des Lesers entstehen lassen kann, kann eigentlich nur als Genie bezeichnet werden. Michael Ende hätte seine wahre Freude an diesen tiefgründigen Wortspielereien und der ausgeklügelten Textakrobatik gehabt, war er doch der Meinung, jeder Autor sollte sich intensiv mit Sprache beschäftigen. Mark Z. Danielewsky tut das auf jeden Fall. Text und Bild verbinden sich zu einer verspielten, philosophischen Reise, der man sich nicht entziehen kann. Danielewsky bringt Dinge auf den Punkt, die andere nicht mit seitenlangen Beschreibungen derart exakt hinbekommen. Es ist schon fast unheimlich, wie flüssig sich das Ganze liest, obwohl in und zwischen den Zeilen ganze Geschichten versteckt sind.

Das Schöne ist, dass Danielewsky dem Leser nicht nur eine Geschichte, oder Geschichten, vorsetzt, sondern ihn auch noch aktiv mit daran beteiligt. Die Gedanken fahren während des Lesens Karussell, man  schweift ab, verliert sich in eigenen Interpretationen und beginnt zu träumen. Ein einziger Satz Danielewskys öffnet Dimensionen. Und so kann man jedem, der dieses Buch sein eigen nennt, empfehlen, das Werk mindestens zweimal zu lesen. Man begreift immer mehr, taucht immer intensiver in die Gedankenwelt des Autors ein und beginnt irgendwann zu verstehen …
Danielewsky ist für mich das literarische Pendant zu David Lynch, der mit seinen Filmen ebenfalls so viel zu sagen vermag, obwohl man es nie direkt sieht.
Mark Z. Danielewsky orientiert sich an manchen Stellen am großartigen Lewis Caroll oder James Joyce, denn er jongliert mit Worten und erfindet dabei neue Wortverbindungen wie zum Beispiel „akzepatiert“ oder „februarfahl“.

„Das Fünfzig-Jahr-Schwert“ ist definitiv kein Buch für zwischendurch. Es ist ein Roman, der sich dem Leser auch nicht unbedingt nach einmaligem Lesen erschließt. Es ist ein Buch, mit dem man zusammen lebt, das einen lange Zeit begleitet, wie es auch „Das Haus“ und „Only Revolution“ tun. Danielewskys Romane sind Kultbücher, die enorm lange nachwirken und zeigen, wie gewaltig Sprache sein kann. Und sie zeigen durch ihre aufwändige und künstlerisch anspruchsvolle Art und Weise, dass das Printbuch noch lange nicht ausgestorben ist. Danielewskys Bücher könnten als ebook niemals solch eine Sogwirkung erzeugen, wie sie das in gebundener, greifbarer Form tun. Danielewsky spielt mit unterschiedlichen Erzählebenen wie kein anderer und zählt für mich neben Samuel R. Delany, J.J. Abrams und Reif Larsen zu einem der innovativsten und progressivsten Schriftstellern aller Zeiten.

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Fazit: Ein minimalistisches und dennoch episch-bombastisches Meisterwerk sprachlicher Kunst.

© 2017 Wolfgang Brunner für Buchwelten

Die Entdeckung des Hugo Cabret von Brian Selznick

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Erschienen als Broschur
im cbj Verlag
insgesamt 544 Seiten
Preis: 12,95 €
ISBN: 978-3-570-22118-1
Kategorie: Jugendbuch

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Hugo Cabret lebt nach dem Tod seines Vaters verborgen in den Gemäuern des Pariser Bahnhofs. Eigentlich hätte der Onkel auf den Waisenjungen aufpassen sollen, doch auch der stirbt und so hütet Hugo seine geheime Existenz und wartet alle Uhren des Bahnhofs, um den Anschein zu erwecken, sein Onkel, dem eigentlich die Aufgabe oblag, auf die Bahnhofsuhren aufzupassen, wäre noch am Leben. In seiner Freizeit versucht Hugo an einem geheimnisvollen Schreibautomaten, einem mechanischen Mann, zu basteln, an dem schon bereits sein Vater gearbeitet hatte. Hugo denkt, wenn er den Apparat zum Laufen bekommt, bekommt er vielleicht eine geheime Botschaft seines verstorbenen Vaters. Und dann wird Hugo plötzlich von einem Mädchen entdeckt. Gemeinsam finden sie auf einmal heraus, dass der Automat, der Vater des Mädchens und ein geheimnisvolles Notizbuch, das Hugo von seinem Vater bekommen hatte, miteinander zusammenhängen und einen Weg zu einem Geheimnis weisen, das in der Vergangenheit liegt …

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Brian Selznick hat mit seinem Buch „Die Entdeckung des Hugo Cabret“ ein Experiment gewagt, das ein voller Erfolg für den Leser geworden ist. Selznick erzählt seine Geschichte nicht nur mit Worten sondern auch mit einer Vielzahl von Bildern. Diese Mischung aus Roman und Daumenkino verleiht dem Leser eine völlig neue Erfahrung in der Literatur. Man liest und sieht zwischendurch Passagen der Story sozusagen als Kinofilm. Es ist einfach wunderbar, in diese Geschichte einzutauchen.

In einem zwar einfachen, aber keinesfalls minderwertigen, Schreibstil lässt uns Selznick an der Gefühlswelt seines jungen Protagonisten teilhaben und entführt den Leser in eine Welt, in der das Kino noch etwas Außergewöhnliches und Visionäres war, das die Träume der Menschen zu bewegten Bildern machte. Melancholisch, aber niemals traurig, verschleppt uns Selznick in eine magische Welt, die wir durch seinen Text und die hervorragenden Bilder durch die Augen eines Kindes sehen. Was der Autor zwischen zwei Buchdeckeln versteckt hat, ist grandios und beeindruckend, lässt uns zu staunenden Kindern werden, die in einer eigenen Welt leben und dennoch an der der Erwachsenen teilhaben wollen.

Gerade die Einfachheit der Geschichte ist es wohl, die einen nachhaltig beeindruckt und nachdenklich beziehungsweise auf gewisse Art und Weise glücklich macht. „Die Entdeckung des Hugo Cabret“ ist ein durch und durch gelungenes literarisches und künstlerisches Projekt geworden, das mit Sicherheit Kinder und Erwachsene gleichermaßen zu begeistern vermag. Altmodisch und gleichzeitig innovativ legt Selznick ein Buch vor, das zum Klassiker werden könnte (und hoffentlich auch wird!).

Ich werde mir auf jeden Fall noch weitere Bücher dieses Autors  und Künstlers zulegen.

Vielleicht noch eine kleine Anmerkung zur Verfilmung des Buches durch Martin Scorsese: Besser hätte man die Vision und den Geist des Buches nicht umsetzen können. Scorsese hat auch mit seinem Film ein Meisterwerk geschaffen.

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Fazit: Innovativ und in seiner bildlichen Ausdrucksweise (Sprache und Zeichnungen vermischen sich in einer einzigartigen Weise zu einer Handlung) einzigartig. Kinder, Jugendliche und Erwachsene werden dieses Buch auf verschiedene Weisen lieben. „Die Entdeckung des Hugo Cabret“ ist ein Roman, der im Gedächtnis haften bleibt, als hätte man einen Kinofilm gesehen. Volle Punktzahl!

© 2015  Wolfgang Brunner für Buchwelten