Overworld von Dan Wells

overworld

Erschienen als Taschenbuch
im Piper Verlag
insgesamt  430 Seiten
Preis: 13,00 €
ISBN: 978-3-492-28022-8
Kategorie: Science Fiction, Fantasy

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„Overworld“ ist das beliebteste Virtual-Reality-Spiel der Welt. Marisa Carneseca, die wir schon aus „Bluescreen“ kennen, bekommt zusammen mit ihren Freunden eine Einladung, um an einem Overworld-Turnier teilzunehmen. Sollte Marisas Team gewinnen, könnte sie ihre Familie endlich finanziell unterstützen. Doch schon bald wird Marisa klar, dass sich hinter „Overworld“ nicht nur ein Spiel versteckt, sondern eine profitgierige Machenschaft, die die Existenz mittelständischer Menschen, wie Marisas Eltern, bedroht  …

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„Overworld“ setzt Abenteuer von Marisa Carneseca und ihren Freunden nahtlos fort. Auch wenn man zwischen dem ersten Teil „Bluescreen“ als Leser viele Monate hat verstreichen lassen, so findet man doch sehr schnell wieder Zugang zu den Jugendlichen und dem Stadtteil Mirador. Dinge, die man vergessen hat, werden kurz von Dan Wells angesprochen und sofort hat man den Anschluss wieder. Wells hat sehr geschickt die Abenteuer des ersten Teils eingebaut, ohne dessen Handlung nochmals zu wiederholen. Aber davon abgesehen, könnte man „Overworld“ auch durchaus als eigenständigen, unabhängigen Roman lesen und würde die Zusammenhänge dennoch verstehen.
Dan Wells hat mit seinen Mirador-Romanen eine wirklich beeindruckende Zukunftsvision erschaffen, die wirklichkeitsnäher nicht sein könnte. Auf erschreckende Weise stellt man während des Lesens fest, dass die geschilderte Zukunft in manchen Dingen näher ist, als man denkt. Die Ansätze (Internetzugang wird zum Beispiel als Lebensgrundlage bezeichnet) jener Zukunftswelt sind dystopisch und real zugleich.

Im vorliegenden zweiten Teil des Mirador-Zyklus richtet Dan Wells sein Hauptaugenmerk auf Videospiele und wird so manch einen Leser an Tad Williams‘ fantastische „Otherland“-Reihe erinnern. Doch Wells geht einen anderen Weg, der nicht minder spannend und faszinierend ist. Was mir vor allem (wieder, wie schon im ersten Teil) gefallen hat, waren die Aktionen der Teenager untereinander. Die Sticheleien und Beleidigungen sind sehr authentisch und witzig dargestellt und zaubern einem während des Lesens oftmals ein Lächeln auf die Lippen. Dieses Lebensgefühl, das Jugendliche bei Videospielen, Internetforen und Chatrooms spüren, wird sehr gut und glaubhaft beschrieben, auch wie sie miteinander sprechen. Die Dialoge sind flüssig und Wells‘ Schreibstil gewohnt hochwertig, aber leicht lesbar, so dass der Roman sehr schnell gelesen werden kann. Dass man sich sehr schwer von der Handlung trennen und das Buch zur Seite legen kann, liegt auch daran, dass Dan Wells sehr kurzweilig und fesselnd schreibt und den Leser förmlich selbst in die Handlung mit eintauchen lässt. Das konnte er schon bei seinen „Serienkiller“-Büchern, aber bei den Mirador-Romanen wirkte es zumindest auf mich noch spannender.

„Overworld“ mutet manchmal wie ein Film an, manchmal aber auch wie ein Videospiel. wobei Dan Wells gut und gerne mehr von dem eigentlichen Game hätte beschreiben können. In diesem Fall kann Tad Williams eindeutig mehr auftrumpfen. Nichtsdestotrotz fliegt man nur so durch die Seiten, um zu erfahren, wie es den Mädchen ergeht. Und auch wenn man, wie ich, kein Gamer ist und nicht über entsprechendes Wissen verfügt, kann man den Spielverläufen und den Fachausdrücken ohne weiteres folgen, denn die meisten Dinge werden innerhalb des Romans erklärt und am Ende des Buches ist auch noch ein Glossar abgedruckt, mittels dem man sich schlau machen kann. Mir persönlich hat dieser zweite Teil „Overworld“ ein klein wenig besser gefallen als „Bluescreen“, was mich vermuten lässt, dass Dan Wells selbst tiefer in seine Charaktere und Szenarien eingedrungen ist. Dies wiederum lässt meine Erwartungshaltung gegenüber dem dritten Teil höher steigen, wobei ich allerdings auch ziemlich sicher bin, dass Dan Wells diese Erwartungen erfüllen wird. „Overworld“ ist ein absolut unterhaltsames Science Fiction-Abenteuer mit sozialkritischem Anteil, in dem auf wirtschaftliche Auswirkungen des Internets eingegangen wird. Gerade diese Mischung aus intelligenter Zukkunftsvision und spannendem Actionabenteuer funktioniert hervorragend und wird Fans des ersten Teils uneingeschränkt gefallen.

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Fazit: Spannender, intelligenter zweiter Teil der Mirador-Saga, der hervorragend unterhält.

© 2018 Wolfgang Brunner für Buchwelten

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Verfolgung von David Lagercrantz

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Verfolgung von David LagercrantzErschienen als gebundene Ausgabe
bei Heyne
480 Seiten
22,99 €
ISBN: 978-3-453-27099-2

Lisbeth Salander sitzt im Frauengefängnis Flodberga eine kurze Haftstrafe ab. In diesem besonderen Hochsicherheitsgefängnis sitzt Lisbeth jedoch eher zu ihrer eigenen Sicherheit ein. Sie wurde erst kürzlich dorthin verlegt. In Flodberga sitzt ebenso die gemeingefährliche Benito ein. Benito hat die Macht im Sicherheitstrakt und sogar die Wächter schauen eher weg, als dass sie versuchen, deren Einfluss zu unterbinden. Lisbeth versucht sich von Benito fernzuhalten. Doch Benito und ihre Gang drangsalieren und quälen Lisbeths Zellennachbarin Faria Kazi. Das geht Lisbeth mehr als gegen den Strich. Es macht sie so wütend, dass sie dazwischen geht.

Als Holger Palmgren, Lisbeths jahrelanger Vormund und Beistand, Lisbeth in der Haftanstalt unter den allergrößten körperlichen Mühen besucht, hat er brisante Informationen dabei, die Lisbeths Kindheit betreffen. Sie wurde bekanntlich durch die Behörden und auch Ärzte missbraucht und Palmgren hat hier etwas zu Tage gebracht, dass Lisbeths Neugier und ihren Jagdinstinkt weckt.

Sie bittet Mikael Blomkvist, der sie jeden Freitag in Flodberga besucht, darum, sie bei der Recherche zu unterstützen. Sie enthält ihm bewusst einige Infos vor, da sie weiß, dass Mikael „Kalle“ Blomkvist am allerbesten wühlen und suchen kann, wenn er unvoreingenommen an eine Sache herangeht.

Die Recherche dreht sich um Leo Mannheimer. Er ist ein Finanzanalyst, der aus gehobenen Verhältnissen stammt. Lisbeth hat keinerlei Idee, was er mit ihr zu tun haben soll und die Bedrohung durch Benito und ihre Bagage wird auch immer größer …

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Verfolgung ist der 5. Band der Millenium-Reihe von Stieg Larsson, und der 2. Band, der von David Lagercrantz geschrieben wurde. Nachdem Stieg Larsson verstorben war, wurde David Lagercrantz von Larssons Familie erwählt, dessen Werk weiterzuführen. Und wie ich es schon in meiner Rezension zu „Verschwörung“ geschrieben habe, macht er das sehr gut.

Wenn man es nicht weiß, erkennt man kaum einen Unterschied im Schreibstil. Lagercrantz vermag genauso gut die Protagonisten zu zeichnen und agieren zu lassen, wie Larsson. Man merkt keine Änderung in deren Charaktereigenschaften. Er schafft es, genau so eine verzwickte und zunächst undurchschaubare Handlung zu spinnen, dass dem Leser ein sehr spannendes Lesevergnügen beschert wird. Teilweise war es mir von den medizinischen und anderen Fachbegriffen ein wenig kompliziert, doch ich habe diese Teile einfach hingenommen und dennoch alles verstanden.

Lagercrantz erzählt diesen 5. Teil in verschiedenen Handlungssträngen und wechselt (innerhalb der sehr langen Kapitel) natürlich immer mit einem gemeinen Cliffhanger. Zwischenzeitlich springt er sogar in die Vergangenheit, was den Plot noch spannender und auch abwechslungsreicher gestaltet.

Mir hat es großen Spaß gemacht, endlich wieder ein wenig Zeit mit Lisbeth Salander, Mikael Blomkvist und auch anderen bekannten Figuren der Millenium-Reihe zu verbringen. Sie wachsen einem doch ans Herz und da David Lagercrantz dem Vermächtnis von Stieg Larsson sehr gerecht wird, hoffe ich sehr, dass es weitergeht mit den spannenden Geschichten aus Schweden.

Leider gibt es wieder kein Nachwort, was ich erneut vermisse. Mich würde es beispielsweise sehr interessieren, ob dieser Band 5 aus Notizen und/oder Textfragmenten von Stieg Larsson erschaffen wurde, oder ob David Lagercrantz die gesamte Idee und Handlung selbst geliefert hat.

Fazit: Ein spannender, fesselnder und hochkarätiger Thriller in bester Stieg Larsson Manier. Salander und Blomkvist sind erneut in Bestform.

© Marion Brunner für Buchwelten 2017

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Lisa von Thomas Glavinic

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Erschienen als gebundene Ausgabe
bei Hanser
insgesamt 208 Seiten
Preis: 17,90 €
ISBN:  978-3-446-23636-3
Kategorie: Zeitgenössische Literatur

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Ein Mann schließt sich zusammen mit seinem Sohn in einem einsamen Landhaus ein, weil er denkt, Lisa, eine international gesuchte Massenörderin, wäre hinter ihm her. Nur über eine eigene Internet-Radio-Sendung hält er Kontakt zur Außenwelt und erzählt seinen Zuhörern in einsamen Tagen und Nächten von sich, seinem Leben und anderen alltäglichen und nicht so alltäglichen Dingen.

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Thomas Glavinic schafft es immer wieder, einen schon nach den ersten Seiten seiner Bücher unweigerlich in den Bann zu ziehen. Vorausgesetzt ist natürlich, man lässt sich sowohl auf Handlung wie auch Glavinics auß0ergewöhnlichen Schreibstil ein. Tut man das, wird man mit einem Feuerwerk an Ideen belohnt. Da gehtb es um Alltägliches und Belangloses, aber auch um essentielle Dinge, die ich fast schon Lebensweisheiten nennen mag. Glavinic hat’s einfach drauf, wenn es darum geht, Dinge auf den Punkt zu bringen.

Anders als in seinem fantastischen Roman „Die Arbeit der Nacht“ geht es in Lisa manchmal auch amüsant und lustig zur Sache, was dem qualitativen Inhalt aber keineswegs schadet. Man liest sich durch den Monolog des Protagonisten fast schon wie durch einen Zeitraffer-Rückblick des eigenen Lebens, erkennt sich oftmals selbst in den Episoden, die erzählt werden oder denkt sich zumindest, man hätte sie in etwa so erlebt. Es macht ungemein Spaß, dem „Gequatsche“ zu folgen und alltägliche Probleme serviert zu bekommen, die so elegant und gekonnt erklärt werden, dass es schon fast unheimlich wirkt. „Lisa“ ist ein Theaterstück, ein Kammerspiel und ein Einblick in ein Leben, wie es jeder von uns führen könnte. Nichtssagend und dennoch überquellend mit Weisheiten, wirkt „Lisa“ auch noch Tage nach der Lektüre irgendwie nach. Glavinic eben!

Man kommt ins Grübeln, wenn man genauer darüber nachdenkt, was der Autor uns da präsentiert. Nicht alles, was im Internet steht und zu sehen ist, entspricht der Wahrheit. Realität und Fiktion vermischen sich in unserer Zeit immer mehr und das Individuum Mensch glaubt öfter als es denkt, an reine Lügen. Ob Lisa gesellschaftskritisch oder nur als mahnender Zeigefinger gedacht ist, vermag ich nicht wirklich zu sagen. Letztendlich ist es beides und noch viel mehr. Wie immer in Glavinics Büchern sind viele Dinge zwischen den Zeilen versteckt.

Wer Bücher zum (Nach-)Denken mag, ist bei Thomas Glavinic gut aufgehoben.

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Fazit: Lustig, traurig, dramatisch, melancholisch. Ein Monolog über ein Leben oder gar das Leben! Glavinic ist ein Meister seines Fachs.

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© 2015 Wolfgang Brunner für Buchwelten

Boy Nobody von Allen Zadoff

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Erschienen als gebundene Ausgabe
im Bloomoom Verlag
insgesamt 336 Seiten
Preis: 16,99 €
ISBN: 978-3-8458-0005-9
Kategorie: Jugendbuch

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Ein Teenager, 16 Jahre alt, genannt Boy Nobody, ist ein Soldat, zumindest nennt er sich selbst so. Das macht es für ihn einfacher. Im Alter von 12 Jahren haben sie ihn in ihr „Programm“ aufgenommen. Ihm blieb keine andere Wahl. Doch, der Tod. Nach einer intensiven Ausbildung ist er einer der besten. Er erledigt seine Aufträge sicher, fehlerfrei, schnell und unauffällig.

Er erschleicht sich das Vertrauen einer Person, meist aus dem Umfeld der Zielperson, dann räumt er das Objekt aus dem Weg. Ohne Spuren zu hinterlassen. Und schon ist er auch wieder weg. Vom „Programm“ in eine andere Stadt geschleust, mit einer neuen Identität ausgestattet, wartet er auf den nächsten Auftrag, den er von seinem „Vater“ oder der „Mutter“ über ein hochverschlüsseltes Smartphone als Eltern-Sohn-Sms getarnt oder per Email erhält.

Doch dieser Auftrag ist anders, kompliziert. Boy Nobody bekommt nur ein extrem knappes Zeitfenster gesteckt. 5 Tage. 5 Tage in denen er als neuer Schüler auftauchen, sich dem Zielobjekt nähern und es eliminieren muss. Normalerweise stehen im mehrere Wochen oder Monate zur Verfügung. 

Als sich die erste Möglichkeit zur Ausführung des Auftrages egibt, zögert er. Ein Fehler, was passiert mit ihm? Er zögert nie, zeigt keine Gefühle, doch nun … beginnt er sich zu verlieben ….

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Ich hatte das Buch in einer Zeit von 4,5 Lesestunden durch. Das lag wohl vor allem an den wirklich kurzen Kapiteln (mal 2,5, dann mal 4 oder mehr aber teilweise auch nur 1,5 Buchseiten), an der relativ großen Schrift und den recht luftig bedruckten Seiten.

Der Autor schreibt aus der Ich-Perspektive in der Vergangenheit. Mit diesem Schreibstil kam ich gut zurecht. Nicht so gut kam ich mit den sehr kurzen, knappen Sätzen klar. Das las sich für mich alles so zackig und teilweise zu abgehackt. Da der Protagonist sehr viel allein unterwegs ist oder nachdenkt, sind diese Szenen alle in dieser Art geschrieben. Als nach und nach mehr Gespräche und somit wörtliche Reden in die Handlung einflossen, habe ich mich wohler gefühlt, denn hier waren die Sätze (Gespräche) dann „normaler“, ausführlicher formuliert.

Ansonsten hat mir das Buch gut gefallen. Die Handlung war fesselnd, die Idee gefällt mir gut. Der Autor hat viel der modernen, technischen Finessen der heutigen Zeit verbaut. Z.B. verschlüsselte Apps auf I-Phones, versteckte Infos in gefakten Facebook-Profilen oder einfachen SMS, die aber völlig andere Inhalte bieten, als sie den Anschein haben.

Boy Nobody ist ein netter Kerl, der sehr nachdenklich ist und versucht die Hintergründe seiner Situation zu erforschen. Er ist bei weitem nicht so kalt wie er tut, dies ist seine Überlebenschance, hat er doch alles verloren, was ihm lieb und wichtig war.

Die Handlung liest sich teilweise wie ein High-School Roman, dann wieder wie ein knallharter Thriller, der auch politische Themen beinhaltet. Hier schreckt der Autor dann auch nicht vor heftigen Kampfszenen zurück, die er ausführlich beschreibt. Aber auch Themen wie Mobbing an der Schule und Zivilcourage werden behandelt, ebenso die verwirrenden Momente einer beginnenden ersten Liebe.

Das Buch wird vom Verlag in einer gebundenen Ausgabe präsentiert, die ein ansprechendes Cover umhüllt. Dunkle Farben, ein Fadenkreuz (okay, Thema verfehlt, Boy Nobody benutzt keine Waffen!) und im Hintergrund ist eine vage Skyline erkennbar. Aber auch unter dem Schutzumschlag kann sich das Buch sehen lassen. Knallrote Buchdeckel, der Rücken ist farbig bedruckt.

Der Roman ist ein erster Teil, in der hinteren Schutzklappe ist zu lesen, dass der Autor bereits an Teil 2 arbeitet. Wieviele Teile es insgesamt werden sollen, weiß ich aber noch nicht.

Mein Fazit: 4 von 5 Sternen für ein Jugendbuch mit Thriller Niveau, dass sich sehr flott und auch spannend liest. Der Autor verbindet viele Elemente in seiner Handlung, die mir gefallen haben. Ich persönlich konnte mich jedoch mit dem kurzen, knappen Schreibstil in den Erzählphasen nicht so wirklich anfreunden. Ich mag die Sätze lieber länger, verschachtelter und ausführlicher. Aber das ist bekanntlich alles Geschmackssache 🙂

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Ich danke Amazon für die Bereitstellun des Rezensionsexemplars..

© Buchwelten 2013

Der Mann, der nichts vergessen konnte von Ralf Isau (4/5)

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Erschienen als
Taschenbuch
im PIPER Verlag
464 Seiten
Preis: 9,95 €
ISBN:  9783492267151
Kategorie: Thriller

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Tim Labin, gesegnet mit mehreren Doktortiteln und frisch gebackener Schachweltmeister ist der Mann, der nichts vergessen kann. Alles was er jemals gelesen, gesehen oder gehört hat, bleibt in seinem außergewöhnlichen Gehirn auf alle Ewigkeit abgespeichert.

Er liest Bücher mit einer Stärke von ca. 500 Seiten in etwa einer Stunde. Wobei der Ausdruck Lesen hier eigentlich falsch ist, er saugt sie auf, gierig nach Wissen.

Nur an eines kann sich Tim nicht mehr erinnern. An die Ereignisse jener Nacht, in der seine Eltern ums Leben kamen. Tim war damals gerade 9 Jahre alt und wurde in dieser Nacht schwer verletzt in ein Krankenhaus eingeliefert. Seither klafft diese dunkle Lücke in seinem Hirn und der ständige Drang nach neuem Wissen, ist nichts anderes, als sein Versuch diese Erinnerungen wieder zu finden.

Doch sein großes, umfängliches Wissen macht Tim lange nicht zu einem glücklichen, zufriedenen Mann. Er hat große Schwierigkeiten im Umgang mit Menschen. Er kann es nicht ertragen die Hand geschüttelt oder überhaupt von Menschen (auch zufällig) berührt zu werden. Wenn er in einer größeren Menschenmenge ist, gerät er in Panik. Tritt er eine Flugreise an, dann muss beispielsweise gewährleistet sein, dass in den Reihen vor, hinter und neben ihm kein weiterer Passagier sitzt.

Als die Historikerin und Computerspezialistin JJ mit einem Anliegen an Tim herantritt, nimmt er die Herausforderung nicht allein wegen seinem unstillbaren Durst nach Wissen an. Vom ersten Augenblick fühlt er sich zu JJ hingezogen, was für Tim ein völlig neues Gefühl ist und auf Grund seiner sozialen Schwierigkeiten auch kein kleines Problem für ihn darstellt.

JJ bittet Tim uralte verschlüsselte Dokumente zu enträtseln. Sie ist sicher, dass Tim, der Mann, der nichts vergessen kann genau der richtige Mann ist, der helfen kann. Dieser begibt sich gemeinsam mit JJ nach Cambridge, in die alte Bibliothek. Dort sind sie auf der Suche nach dem Text, der zur Verschlüsselung der alten Schriften gedient hat.

Tim macht sich voller Eifer an die Arbeit, natürlich auch um der schönen Historikerin zu imponieren. Doch auch wenn die beiden sich geschäftlich gut verstehen und JJ auch mit den diversen Macken Tims gut zurechtkommt: sie lässt den Mann nicht an sich heran. Wenn es ihr zu persönlich wird, dann blockt sie sofort ab. 

Doch Tim hat keine Eile, er liest sich durch die umfangreiche Bibliothek in Cambridge und dabei stößt er so nach und nach auch auf Wege, die zurück in seine eigene Vergangenheit führen.

Es gibt jedoch Personen, denen ist ebenso an der Entschlüsselung der alten Texte gelegen, jedoch wollen diese nicht, dass Tim zuviel erfährt. Ohne sich dessen bewusst zu sein, begibt sich Tim mit jedem Schritt, den er näher an die Entschlüsselung herankommt in größere Gefahr ….

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Dies war mein erster Thriller, den ich von Ralf Isau gelesen habe. Habe ich zu Beginn des Buches noch bei Facebook geschrieben, dass es sicherlich unblutiger wird, als mein vorheriges Buch von Chris Carter, so hat mich Ralf Isau prompt eines besseren belehrt.

Denn die erste Szene war gleich relativ blutig, denn das Buch startet genau mit der Nacht des Todes von Tims Eltern, an die er sich nicht mehr erinnern kann.

Ich muss sagen, Ralf Isau hat bewiesen, dass er auch außerhalb der Fantasy für Erwachsene und Jugendliche gute Ideen zu Papier bringen kann. Der Schreibstil ist gewohnt gehoben. Sicherlich geht es auch umgangssprachlich zu, was aber hauptsächlich in der Natur des von Isau erschaffenen, verkorksten Charakters des Protagonisten begründet ist. Denn durch seine sozialen Schwächen kontert er ständig recht schlagfertig in Gesprächsmomenten und nimmt kein Blatt vor den Mund.

Mit seinem Mann, der nichts vergessen kann, hat der Autor einen sehr sympathischen Charakter erschaffen und die Beschreibungen der Ursache für sein besonderes Gehirn, sind wie gewohnt gut recherchiert.

Die Entwicklung der Handlung ist gut aufgebaut, die Handlungsorte wechseln und spannende, düstere Momente werden von ruhigeren Szenen abgelöst. Für mich war dieser Roman ein Abenteuerroman mit Thrillereinfluss.

Uralte Logenverbindungen, alte Dokumente, Gruften voller Geheimnisse, Beschreibungen wunderbarer Bibliotheken in Washington und Cambridge, aber auch Computer High-Tech & Internet, all dies hat dieser Roman zu bieten.

Ab und zu waren mir die Hintergründe und Verbindungen der Personen und die Sprünge durch die Zeiten und historischen Verknüpfungen zu verworren und überfrachtet. Wer hat was gegründet, wer kannte wen und hat wem, wann was zugeschustert. Es gab Momente, da kam ich da nicht ganz mit und mir war es einfach zuviel des Guten. Solche Verschwörungen, mit komplizierten Spionagecharakter sind nicht so mein Fall.


Dennoch hat mir der Roman Spaß gemacht und ich werde mit Sicherheit einen weiteren Isau-Thriller lesen. Denn ich finde es gut, wenn Autoren in verschiedenen Genres unterwegs sind und sich nicht festlegen lassen (wollen).

Auch wenn ich mich bereits jetzt auf die nächsten Fantasy und Jugendromane von Ralf Isau freue, für mich kann der Autor eindeutig auch spannendes und fesselndes schreiben.

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Mein Fazit: 4 von 5 Sternen für diesen Isau-Thriller. Fesselnd, spannend, interessant und abwechslungsreich. Für alle Leser, die gerne über Verschwörungen, Schatzsuche, kryptisches und Abenteuerrätsel lesen ist er absolut zu empfehlen. 

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© Buchwelten 2012

Judaswiege von Ben Berkeley (5/5)

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Erschienen als
Taschenbuch  bei
PIPER
448 Seiten
Preis: 9,99 €
ISBN:  978-3-492272-91-9

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Adrian von Bingen verbringt im Jahre 2004 die Flitterwochen mit seiner jungen Frau Jessica auf Maui, Hawaii. Von einem Schwimmausflug kehrt sie nicht zurück. Jessica ist spurlos verschwunden, lediglich ihr Geländewagen wird gefunden. Explodiert durch eine Autobombe. Ihre Leiche jedoch bleibt verschwunden.

Im Jahre 2011 tauchen plötzlich Fotos von Jessica im Internet auf. Sie zeigen unter anderem eine gefolterte aber noch lebende Jessica und dann die tote Frau. Adrian von Bingens Anwalt, Thibault Godfrey Stein, ein fast siebzigjähriger Haudegen und der beste seines Fachs, nimmt sich des Falls an und will den Mörder Jessicas finden. Dazu braucht er eine wichtige Person zur Hilfe. Die ehemalige FBI Agentin Klara „Sissi“ Swell. Sie ist vom Dienst suspendiert und arbeitet derzeit als Kellnerin in einem Diner. An ihrem Fuss befindet sich eine Fußfessel mit GPS Sender, da sie auf Bewährung frei ist. Klara Swell war berühmt-berüchtigt für ihre eigenwillige Art und Weise an Hinweise und Spuren für das FBI zu gelangen. Leider nicht auf legale Weise. Und letztendlich wurde sie verurteilt und auch ihr Ex-Partner in privater und geschäftlicher Hinsicht, der FBI Ermittler und Psychologe Sam Burke konnte ihre Haut nicht mehr retten. Sam fühlt sich schuldig und schreibt nach wie vor täglich Briefe an Klara, doch sie ist stinksauer auf ihn und will nichts mehr von ihm wissen.

Der Anwalt Stein schafft es Klara Swell für seine Dienste zu gewinnen und die Bewährungsstrafe auszusetzen. Durch die aufgetauchten Fotos ermittelt auch das FBI wieder an dem Fall „Jessica von Bingen“ und als dann weitere Morde geschehen und Filme darüber – als Pornographie getarnt – in gewissen Internetforen auftauchen ist es unvermeidlich, dass sich Sam und Klara über den Weg laufen.

Können die beiden sich arrangieren? Werden sie es gemeinsam schaffen den Serienmörder zu stellen? Den Killer, der über Jahre hinweg Frauen aus den verschiedensten Staaten Amerikas entführt und sie mit einer mittelalterlichen Methode foltert: der Judaswiege …

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Ich habe das Buch auf Grund des Klappentextes ausgesucht und muss gestehen, ich hatte ja schon ein bisschen „Muffe“, dass es mir zu krass wird. Ich wusste mit „Judaswiege“ nichts anzufangen und habe auch nicht vor Beginn des Buches im Internet recherchiert. Ich wollte mich dann doch einfach überraschen lassen.

Der Thriller ist absolut spannend und fesselnd geschrieben. Ich hatte den Roman – trotz Urlaubsende – nach zwei Tagen durch. Sicher war es auch mal krass und schlimm, doch hauptsächlich lebt der Roman von der Spannung und den fantastischen Figuren. Die Methoden, die Psyche des Mörders zu verstehen und die daraus folgenden Ermittlungsmethoden waren sehr modern und fesselnd ausgeführt. Der Schreibstil ist angenehm und lässt sich flüssig lesen. Die rasanten und echt wirkenden Gespräche der Charaktere ließen mich komplett in der Handlung versinken und ich fühlte mich mitten drin.

Die Hauptcharaktere sind für mich eigentlich vier: Sam Burke – der Ermittler, Klara „Sissi“ Swell – die Einbrecherkönigin und superschlaue Ex Agentin, Anwalt Stein und seine Assistentin Pia Lindt. Alle vier sind grundverschieden und kommen sehr real rüber. Ben Berkeley hat sie wirklich gut ausgearbeitet und ich mochte sie gerne lesen. Aber auch die vielen Nebencharaktere wirken sehr gelungen und echt.

Die pedantische Psyche des Mörders mit der 3-Fach Persönlichkeit hat der Autor auch absolut tiefgründig und greifbar dargestellt. Man merkt hier, dass Ben Berkeley selber als psychologischer Berater für das FBI tätig war. Dies ist in seinen Roman eingeflossen und gerade das macht es hier wohl aus (ähnlich wie bei Chris Carter, der studierter Forensiker ist, was auch in seinen Roman spürbar ist).

Die Story macht in der ersten Phase immer wieder Zeitsprünge zwischen der Jetztzeit und den Jahren in denen die Morde/Entführungen geschehen. Gegen Ende handelt die Geschichte ausschließlich in der Gegenwart. Zu guter letzt möchte ich noch sagen: Sehr gelungener Schluss 🙂 .

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Wer gerne spannendes liest, der ist mit „Judaswiege“ gut bedient. Ich möchte den Roman nicht als klassischen Thriller einordnen, sondern eher als eine sehr gute Mischung aus Krimi/Thriller/Psychothriller.

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Das Buch ist als Taschenbuch veröffentlicht und das Cover ist absolut treffend und wirkt auch durch die geprägten Pfähle sehr gut. Die Kapitel haben eine angenehme Länge und -wie gesagt – ich bin durch das Buch gerast.

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Mein Fazit: Volle Punktzahl 5 von 5 für einen fesselnden, spannenden, sehr modernen Krimi/ Thriller mit sehr guten Figuren, klasse Wortwechseln und sehr interessanten Ermittlungsmethoden. Meine ganz klare Leseempfehlung!

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Wer mehr über den Autor erfahren möchte, den verweise ich auf seine Homepage —> benberkeley.com

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Ausserdem gibt es noch einen Buchtrailer, kurz und knapp aber gut:

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© Buchwelten 11.01.2012

Das Haus am Zeilenweise-Platz – Anthologie verschiedener Autoren (5/5)

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Erschienen als
Taschenbuch
bei edidoppelpunkt
148 Seiten
Preis: 11,50 €
ISBN: 978-3937950983

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Das Haus am Zeilenweise-Platz erzählt die Geschichten der Bewohner dieses Mehrfamilienhauses in Buchstedt. Viele verschiedene Menschen leben in diesem Haus. Junge, Alte, Einsame, Familien, Alleinerziehende, Künstler …

Unten im Haus befindet der Kiosk der Familie Vodnjani, die hinter dem Laden außerdem eine Wohnung bewohnt. Sie sind Kroaten und seit vielen Jahren leben sie in diesem Haus und führen dort ihren kleinen Laden, der nicht nur die Bewohner des Zeilenweise-Hauses mit den angenehmen und wichtigen Dingen des Alltags versorgt, sondern der auch immer wieder ein Treffpunkt für die Menschen ist um ein nettes Gespräch unter „Freunden“ zu führen.

Jeder kennt jeden und irgendwie doch wieder nicht. Man lebt im gleichen Haus, sieht sich, grüsst sich, aber so wirklich weiss man nicht, was hinter den Wohnungstüren der Nachbarn geschieht. Das Haus am Zeilenweise-Platz lässt den Leser die Türen öffnen, in die Wohnungen hinein sehen und all diese verschiedenen Bewohner kennenlernen …

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Knapp zwei lange Jahre hat es gedauert, bis die Grundidee dieses Projektes endlich in Buchform vollendet wurde. Die mitwirkenden Autoren haben sich regelmässig im Zeilenweise-Forum besprochen und ausgetauscht. 12 Autoren haben an diesem Projekt mitgewirkt und gemeinsam haben sie diese grundverschiedenen 29 Geschichten geschaffen.

Die Autoren haben jeweils eine Geschichte (einige haben auch mehrere geschrieben) über eine Mietpartei des Hauses geschrieben. Alle Genres waren erlaubt und der Herausgeber Hartmut W. H. Köhler hat es geschafft diese unterschiedlichen Geschichten so zu verbinden, dass es nicht auffällt, das hier unterschiedliche Autoren geschrieben haben. Die Anthologie liest sich wie ein Roman und ist einfach „rund“.
Die Idee, dass Herr Köhler diese Zwischentexte als Rahmenhandlung einfügt, ist erst relativ spät entstanden und eingebunden worden.

Die Autoren schreiben Ihre Geschichten meist in der Vergangenheit. Herr Köhler lässt als Rahmenhandlung den Kioskbesitzer Vodnjani in der Gegenwart erzählen. Er kennt natürlich alle Mitbewohner des Hauses und weiß somit über jeden etwas zu erzählen.
Dann geht es in die Autoren“kapitel“ und die entsprechende Wohnungstüre öffnet sich.

Wir lernen alte Ehepaare kennen, die gemeinsam einsam sind, weil der Partner sich wegen Demenz meist in die eigene Welt zurückzieht. Wir lernen einen Maler kennen, der doch sehr erschrickt, als der Tod bei ihm vorbeischaut. Das Grauen ist bei einer alten Dame zu Besuch und genießt frisch gekochten Kakao.
Wir lernen eine lebensmüde, einsame alte Dame kennen, die urplötzlich ihre junge Nachbarin vor der Türe stehen hat, weil sie sich für etwas bedankt und sie schliessen Freundschaft. Eine alleinerziehende Mutter schockt ihren Internet zockenden Sohn mit einem Troll im Badezimmer, eine Frau tanzt eng umschlungen mit ihrem verstorbenen Mann …

Der Schluß war schön und traurig zugleich. Für mich war es sehr schade, alle diese unterschiedlichen Menschen verlassen zu müssen. Ich hätte gut und gerne nochmal die gleiche Anzahl an Geschichten lesen können.

Dieses Buch ist wirklich absolut empfehlenswert. Und auch wenn ich es jetzt lesen konnte, weil mein Lebensgefährte als Mitwirkender ein Exemplar erhalten hat, weiss ich, dass ich mindestens eines davon kaufen und als Geschenk bereiten werde!

Denn das beste kommt zum Schluss: Dieses Projekt dient ausschließlich einem guten Zweck. Sämtliche Erlöse aus dem Verkauf der Anthologie fließen an ein Kinderheim in Istrien. Dort werden sexuell misshandelte Kinder betreut. Alle Autoren verzichten auf ein Honorar um dieses Projekt zu unterstützen.

Mein Glückwunsch an alle mitwirkenden Autoren und an Herrn W. H. Köhler. Mit sehr viel Hingabe und auch Einsatz wurde hier ein Werk geschaffen, dass nicht nur Spass macht. Es macht auch nachdenklich, glücklich, traurig.

Es war nicht einfach dieses Projekt auf die Beine zu stellen. Lange hat es gedauert, bis endlich ein geeigneter Verlag gefunden war. Es hat sich gelohnt. Ein dickes Lob an die Mitglieder des Zeilenweise-Forums.

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Und nun kommen die Autoren, die an dieser Anthologie mit geschrieben haben – in alphabetischer Reihenfolge:

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Philipp Brobowski – http://www.philippbobrowski.de/

Wolfgang Brunner – http://wolfgangbrunner.de/

Heidi Gotti – http://www.gottiswelt.de/

Heike Hultsch – http://paradalis.wordpress.com/

Hartmut W. H. Köhler – http://www.feierabend-autor.de/

Germaine Paulus

Mario B. Kuhl (Pseudonym)

Michael Romahn – http://www.michael-romahn.de/

Miriam Schaffner – http://www.miriamsmirakel.ch/

Anett Steiner – http://anett-steiner.de/

Isa Theobald – http://absonderliches.wordpress.com/

Markus Walther – http://www.din-a4-story.de/

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Mein Fazit: Eine tolle Idee, wunderbar und mit viel Einsatz und Ausdauer umgesetzt. Ein schönes Cover, wunderbare Geschichten, eine hervorragend gelungene Rahmenhandlung und all das für einen guten Zweck: 5 von 5 Punkten.

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Buchwelten 2011