Jagdtrip von Jack Ketchum

Erschienen als Taschenbuch
im Heyne-Verlag
insgesamt 364 Seiten
Preis: 9,99 €
ISBN: 978-3-453-67706-7
Kategorie: Thriller

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Lee Moravian ist Vietnam-Veteran. Durch den Krieg hat er ein Trauma, wird von quälenden Erinnerungen heimgesucht und ist sofort auf Abwehrstellung, wenn eine Auseinandersetzung droht. Aus diesem Grund zieht er es vor, alleine in einer Hütte im Wald zu leben, denn er weiß, was er anrichten kann, wenn es mit ihm durchgeht.
Als eine Gruppe Camper in sein Revier eindringen, kann Lee nicht lange zurückhalten, was tief in ihm schlummert. Denn er sieht nicht die realen Menschen,  die in „seinem“ Wald sind, sondern Vietnamesen, die ihm nach dem Leben trachten. Lee beginnt, sich gegen die Eindringlinge zu wehren.

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Jack Ketchums Romane gelten als blutig, brutal und schonungslos. Seine Kannibalen-Reihe wurde sogar als pornographisch bezeichnet, was ich nicht wirklich nachvollziehen kann, aber na gut. Nichtsdestotrotz sind Ketchums Romane tatsächlich beängstigend und wirken vor allem so brutal, weil sie sehr nahe an der Wirklichkeit sind.
Manch einer von Ketchums Fans wird „Jagdtrip“ daher eher als ruhig und nicht blutig (hart) genug ansehen. Doch hinter der einfachen Story verbirgt sich mehr als man denkt. Ketchum hat einen einsamen, verängstigten und dennoch kaltblütigen „Rambo“ erschaffen, der an seiner Vergangenheit so sehr zu nagen hat, dass er die Realität fast vergisst.

Auf gewisse Art und Weise einfühlsam erzählt Ketchum Lees Geschichte, wie er sich in einer Welt außerhalb des Vietnamkrieges fühlt und welche (Verfolgungs-) Ängste ihn plagen. Sicherlich ist „Jagdtrip“ ein etwas anderer Ketchum, wie übrigens „Scar“ auch, aber er funktioniert einwandfrei. Jack Ketchums Schreibstil ist knapp, aber präzise. Man ist mittendrin im Geschehen und das macht dieses Buch auch, zumindest war es bei mir so, zu einem echten Pageturner. Die Story ist simpel und im Prinzip auch vorhersehbar. Aber das macht gar nichts, denn die Atmosphäre und die Charakterzeichnungen zählen in diesem Fall.  Auch wenn es nicht Jack Ketchums bestes Buch ist, so wird aber das schwierige Thema von Vietnam-Veteranen mit Kriegstrauma sehr gut und, wie oben schon erwähnt, auch sehr einfühlsam und glaubwürdig behandelt.

Gerade weil Jack Ketchum mit diesem Roman beweist, dass er nicht nur blutige, brutale Horrorgeschichten schreiben kann, sondern auch einen Thriller mit Drama-Touch, macht mir diesen Roman sympathisch. Das Ende geht dann zwar sehr schnell, aber nicht unbedingt zu schnell und wirkt in seiner Konsequenz, die mich übrigens ein wenig an das Lebensende von Ernest Hemingway erinnerte, nach. Vielleicht handelt es sich bei dieser Anspielung auf Hemingway sogar um Absicht. 😉
Der Plot zeigt auf jeden Fall, wie brutal und unsinnig Krieg ist und vor allem, was er später aus den Menschen macht, die sich gezwungenermaßen daran beteiligen mussten. Nicht nur die Soldaten selbst, sondern auch ihre Ehen zerbrechen an den Kriegen. Mir persönlich hat dieses Kriegsdrama wirklich gut gefallen und zeigt vor allem durch den stimmungsvollen Handlungsort (der Wald) eine nachhaltige Wirkung. Ketchum zeigt in etwa ähnlicher Weise Kritik am Vietnamkrieg wie Filme á la „Jacob’s Ladder“ oder „Geboren am 04. Juli“.
Jack Ketchums „Jagdtrip“ konnte mich auf jeden Fall durch seine klare und wirkungsvolle Sprache und die tiefergehenden Charakterzeichnungen der Protagonisten überzeugen.
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Fazit: Eindringlich in seiner Aussage, spannend geschrieben und erschütternd in der Konsequenz.

© 2017 Wolfgang Brunner für Buchwelten

Scar von Jack Ketchum und Lucky McKee

Erschienen als Taschenbuch
im Heyne-Verlag
insgesamt 334 Seiten
Preis: 14,99 €
ISBN: 978-3-453-67717-3
Kategorie: Thriller, Drama

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Delia ist schon in jungen Jahren ein kleiner Filmstar. Ihre Eltern, vor allem die Mutter, schert sich nicht viel um die Kindheit ihrer Tochter, sondern hat nur Reichtum, das sie mit ihr verdient, im Kopf. Die beste Freundin von Delia ist ihr Hund Caity. Als Delia nach einem Unfall entstellt wird, gibt die Familie nicht auf, sie weiter zu vermarkten und mit ihr Geld zu machen. Doch keiner von ihnen ahnt, wie tief die Freundschaft zwischen dem Mädchen und ihrem Hund in Wirklichkeit ist.

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Es ist immer wieder erstaunlich, wie wandelbar manche Autoren sind. Jack Ketchum zeigt in Zusammenarbeit mit Co-Autor Lucky McKee (mit dem er auch bereits auch den letzten Teil seiner „Beute“-Trilogie mit dem Titel „Beuterausch“verfasst hat), dass Horror auch anders funktioniert. „Scar“ ist kein Jugendbuch, aber auch kein richtiges Erwachsenenbuch, sondern bewegt sich irgendwo dazwischen, daher für mich auch nicht nachvollziehbar, warum der Roman in der Edition „Heyne Hardcore“ erschienen ist. Genausowenig wie ich wieder einmal nicht begreife, warum der im Original betiltete „The Secret Life Of Souls“ in einen „deutschen“ Titel „Scar“ umbenannt wurde. Wer kein Englisch versteht, weiß auch nicht, was „Scar“ bedeutet. Aber gut, diese Dinge haben mit dem Roman an sich nichts zu tun, stoßen mir nur immer wieder sauer auf, weil wir uns ja schließlich in Deutschland befinden und Romantitel „Das geheime Leben der Seelen“ oder „Die Narbe“ doch auch gut klingen und von den Deutschen verstanden werden.

Zurück zum Buch: „Scar“ schlägt einen sehr ruhigen, aber nichtsdestoweniger unheimlich spannenden Weg ein, der das zerrüttete Leben einer Familie, die Einsamkeit einer Kinder-Schauspielerin und eine tiefe Verbundenheit zwischen Mensch und Tier erzählt. Mit kurzen Sätzen wird eine Story erzählt, die man neugierig verfolgt. Es ist eigentlich ein Drama, das Ketchum und McKee da in einem Thrillergewand mit Horroransätzen präsentiert. Und das funktioniert außerordentlich gut. Der Roman ist in drei Teile eingeteilt, die verschiedene Entwicklungen im Berufs- und Geschäftsleben des schauspielernden Kindes behandeln. In einer Mischung aus sozialkritischen Anspielungen auf die heutige Medienbranche und einem (zwar nicht sehr tiefgehenden, aber dennoch unmissverständlichen) Familienzerfalls, wird eine Geschichte geschildert, die zum Nachdenken anregt. Denn letztendlich wird ein menschliches Leben (und noch dazu ein Kind der eigenen Familie) schlichtweg nur dazu benutzt, um eigene finanzielle Bedürfnisse zu stillen. Allein das ist schon realer Horror pur. Aber Ketchum und McKee lassen es sich nicht nehmen und streuen noch ein wenig Grusel und Mystery in ihren Plot, um in einem dramatischen und effektvollen Finale zu enden, das einem Stephen King würdig ist. Obwohl sich die Geschichte in eine esoterische Richtung bewegt, wirken die Ereignisse niemals gekünstelt, sondern auf faszinierende Weise dennoch glaubwürdig.

Wer Jack Ketchums Klassiker wie „Evil“ oder eben die „Beute“-Trilogie kennt, könnte von „Scar“ leicht enttäuscht werden, denn hier wird eindeutig ein anderer, weitaus weniger brutale Weg eingeschlagen, der aber auf andere Weise zu schockieren vermag. Manches Mal fühlte ich mich an „Blutrot“ erinnert, das für mich immer noch neben „Evil“ eines der besten Bücher von Jack Ketchum darstellt.
Die Dialoge in „Scar“ wirken oft filmreif, was wahrscheinlich daran liegt, dass Co-Autor Lucky McKee neben seiner Autorentätigkeit auch noch Drehbuchschreiber und auch Regisseur („May“, „The Woman“) ist.  Gerade diese lebendigen Dialoge machen neben den kurzen, knackigen Kapiteln „Scar“ zu einem Pageturner, den man schwer aus der Hand legen möchte. Ich fühlte mich auf jeden Fall richtig wohl in der Handlung und Delia, ihr Bruder Robbie und natürlich die Hündin Caity sind mir in der kurzen Lesezeit ans Herz gewachsen. Aber auch die Antipathie gegenüber den Eltern wurde treffend geschildert. Mal ein etwas anderer Jack Ketchum.

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Fazit: Eine andere Seite von Jack Ketchum. Ruhiges Familiendrama mit Mystery-Einlagen und einem gelungenen, etwas härteren Finale.

© 2017 Wolfgang Brunner für Buchwelten