Scar von Jack Ketchum und Lucky McKee

Erschienen als Taschenbuch
im Heyne-Verlag
insgesamt 334 Seiten
Preis: 14,99 €
ISBN: 978-3-453-67717-3
Kategorie: Thriller, Drama

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Delia ist schon in jungen Jahren ein kleiner Filmstar. Ihre Eltern, vor allem die Mutter, schert sich nicht viel um die Kindheit ihrer Tochter, sondern hat nur Reichtum, das sie mit ihr verdient, im Kopf. Die beste Freundin von Delia ist ihr Hund Caity. Als Delia nach einem Unfall entstellt wird, gibt die Familie nicht auf, sie weiter zu vermarkten und mit ihr Geld zu machen. Doch keiner von ihnen ahnt, wie tief die Freundschaft zwischen dem Mädchen und ihrem Hund in Wirklichkeit ist.

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Es ist immer wieder erstaunlich, wie wandelbar manche Autoren sind. Jack Ketchum zeigt in Zusammenarbeit mit Co-Autor Lucky McKee (mit dem er auch bereits auch den letzten Teil seiner „Beute“-Trilogie mit dem Titel „Beuterausch“verfasst hat), dass Horror auch anders funktioniert. „Scar“ ist kein Jugendbuch, aber auch kein richtiges Erwachsenenbuch, sondern bewegt sich irgendwo dazwischen, daher für mich auch nicht nachvollziehbar, warum der Roman in der Edition „Heyne Hardcore“ erschienen ist. Genausowenig wie ich wieder einmal nicht begreife, warum der im Original betiltete „The Secret Life Of Souls“ in einen „deutschen“ Titel „Scar“ umbenannt wurde. Wer kein Englisch versteht, weiß auch nicht, was „Scar“ bedeutet. Aber gut, diese Dinge haben mit dem Roman an sich nichts zu tun, stoßen mir nur immer wieder sauer auf, weil wir uns ja schließlich in Deutschland befinden und Romantitel „Das geheime Leben der Seelen“ oder „Die Narbe“ doch auch gut klingen und von den Deutschen verstanden werden.

Zurück zum Buch: „Scar“ schlägt einen sehr ruhigen, aber nichtsdestoweniger unheimlich spannenden Weg ein, der das zerrüttete Leben einer Familie, die Einsamkeit einer Kinder-Schauspielerin und eine tiefe Verbundenheit zwischen Mensch und Tier erzählt. Mit kurzen Sätzen wird eine Story erzählt, die man neugierig verfolgt. Es ist eigentlich ein Drama, das Ketchum und McKee da in einem Thrillergewand mit Horroransätzen präsentiert. Und das funktioniert außerordentlich gut. Der Roman ist in drei Teile eingeteilt, die verschiedene Entwicklungen im Berufs- und Geschäftsleben des schauspielernden Kindes behandeln. In einer Mischung aus sozialkritischen Anspielungen auf die heutige Medienbranche und einem (zwar nicht sehr tiefgehenden, aber dennoch unmissverständlichen) Familienzerfalls, wird eine Geschichte geschildert, die zum Nachdenken anregt. Denn letztendlich wird ein menschliches Leben (und noch dazu ein Kind der eigenen Familie) schlichtweg nur dazu benutzt, um eigene finanzielle Bedürfnisse zu stillen. Allein das ist schon realer Horror pur. Aber Ketchum und McKee lassen es sich nicht nehmen und streuen noch ein wenig Grusel und Mystery in ihren Plot, um in einem dramatischen und effektvollen Finale zu enden, das einem Stephen King würdig ist. Obwohl sich die Geschichte in eine esoterische Richtung bewegt, wirken die Ereignisse niemals gekünstelt, sondern auf faszinierende Weise dennoch glaubwürdig.

Wer Jack Ketchums Klassiker wie „Evil“ oder eben die „Beute“-Trilogie kennt, könnte von „Scar“ leicht enttäuscht werden, denn hier wird eindeutig ein anderer, weitaus weniger brutale Weg eingeschlagen, der aber auf andere Weise zu schockieren vermag. Manches Mal fühlte ich mich an „Blutrot“ erinnert, das für mich immer noch neben „Evil“ eines der besten Bücher von Jack Ketchum darstellt.
Die Dialoge in „Scar“ wirken oft filmreif, was wahrscheinlich daran liegt, dass Co-Autor Lucky McKee neben seiner Autorentätigkeit auch noch Drehbuchschreiber und auch Regisseur („May“, „The Woman“) ist.  Gerade diese lebendigen Dialoge machen neben den kurzen, knackigen Kapiteln „Scar“ zu einem Pageturner, den man schwer aus der Hand legen möchte. Ich fühlte mich auf jeden Fall richtig wohl in der Handlung und Delia, ihr Bruder Robbie und natürlich die Hündin Caity sind mir in der kurzen Lesezeit ans Herz gewachsen. Aber auch die Antipathie gegenüber den Eltern wurde treffend geschildert. Mal ein etwas anderer Jack Ketchum.

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Fazit: Eine andere Seite von Jack Ketchum. Ruhiges Familiendrama mit Mystery-Einlagen und einem gelungenen, etwas härteren Finale.

© 2017 Wolfgang Brunner für Buchwelten

Das zweite Schiff (Rho Agenda 1) von Richard Phillips

Erschienen als Taschenbuch
im Piper Verlag
432 Seiten
12,99 €
ISBN: 978-3-492-26991-9

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Im Jahr 1948 kann das amerikanische Militär in New Mexico ein abgestürztes, außerirdisches Raumschiff bergen. Über Jahrzehnte hält die Regierung diesen spektakulären Fund geheim. Bis eines Tages drei Jugendliche durch Zufall ein zweites Raumschiff entdecken und damit ein bedrohliche Hetzjagd ins Rollen bringen …

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Schon nach den ersten Seiten wird klar, dass man es bei „Rho Agenda“ mit einem klassischen Science Fiction-Roman zu tun bekommt, der technische Hard-SF mit jugendlichem Abenteuerroman verbindet. Das Konzept geht auf und man wird sofort von der bildhaft geschilderten Handlung mitgerissen. Wie bei einem typischen SF-Film aus den 80er-Jahren begleitet der Leser drei jugendliche Freunde, die durch Zufall einen spektakulären Fund machen und zuerst unschlüssig sind, wie sie sich verhalten sollen. Phillips braucht eine Weile, um dem Leser die Protagonisten nahe zu bringen, vor allem denkt man anfangs, es handelt sich vielmehr um Erwachsene als um Jugendliche. Aber das ändert sich schon bald.

Dem Verlag (und auch dem Buch) wird wohl des Öfteren vorgeworfen, es handle sich um eine Mogelpackung, da der Verlag den Roman als Buch für Erwachsene anpreist. „Bei „Das zweite Schiff“, übrigens dem ersten Teil eines Zyklus, handelt es sich in der Tat um einen Genremix aus Teenager-Abenteuer, Mystery und Science Fiction. Aber was ist so schlimm daran, dass Jugendliche die Hauptperson spielen? Und als typisches Jugendbuch würde ich dieses Werk auch nicht unbedingt bezeichnen, denn an manchen Stellen wird es schon auch einmal brutal und blutig. Ich für meinen Teil habe diese Geschichte wirklich sehr genossen, zumal sie ich, wie schon oben erwähnt, an SF-Filme wie „Explorers“, „Zathura“ oder die Serie „Roswell“ erinnert hat.
Richard Phillips‘ Schreibstil ist sehr flüssig zu lesen und hält, bis auf einige umgangssprachliche Ausrutscher (die allerdings auch an der Übersetzung liegen könnten), ein durchwegs ansprechendes Niveau.

Sicherlich strotzt der Plot nur so von klischeehaften Bildern der Guten und der Bösen. UFOs, FBI, Serienkiller und drei Jugendliche, die alles in den Griff kriegen, das hat schon was von Enid Blytons „Fünf Freunde“ oder Alfred Hitchcocks „Die drei ???“. Aber auch so etwas hat seine Existenzberechtigung und ist noch um Längen besser wie so manch genauso klischeebehafteter Action-Blockbuster des heutigen Kinos. Richard Phillips hat mit diesem ersten Abenteuer einen soliden Grundstein für die weitere Geschichte gelegt und, wenngleich die Charaktere nicht immer optimal ausgearbeitet wirkten, so habe ich sie auf gewisse Art und Weise ins Herz geschlossen und bin wirklich sehr gespannt, wie es weitergeht. Wir haben es bei diesem Roman also mit einer zwar seichten, aber durchaus funktionierenden Unterhaltung zu tun, die zudem auch noch spannend und sehr bildhaft erzählt wird. Ich hatte einen Riesenspaß mit dem ersten Teil der „Rho Agenda“-Serie und freue mich schon auf Teil 2 und 3. Bleibt nur zu hoffen, dass der Verlag die weiteren Bände, von denen im Original bereits zwei weitere erschienen sind, ebenfalls publiziert.

Für Science Fiction- und Abenteuerfans kann ich „Das zweite Schiff“ trotz klitzekleiner Makel nur empfehlen.

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Fazit: Äußerst spannender und absolut unterhaltsamer Science Fiction-Roman mit sympathischen, jugendlichen Protagonisten und dem charmanten Flair von 80er Jahren-Filmen.

© 2017 Wolfgang Brunner für Buchwelten

Harry Potter und das verwunschene Kind von J.K. Rowling, John Tiffany und Jack Thorne

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Erschienen als gebundene Ausgabe
bei Carlsen
insgesamt 336 Seiten
Preis: 19,90 €
ISBN: 978-3-551-55900-5
Kategorie: Jugendbuch, Abenteuer, Fantasy

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Der berühmte Harry Potter ist mittlerweile Vater zweier Söhne und versucht, seine Vergangenheit zu vergessen. Doch ausgerechnet einer seiner Söhne, Albus, erfährt, dass sich das Böse aus der Vergangenheit wieder versucht zu erheben. Zusammen mit Draco Malfoys Sohn Scorpius versucht Albus das Unheil abzuwenden und gerät dabei in einen gefährlichen Strudel aus Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft.

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Man hat irgendwie darauf gehofft, aber eigentlich nicht wirklich damit gerechnet, dass Harry Potters Abenteuer weitergehen. Und nun ist es tatsächlich soweit.
Rowling geht einen überaus interessanten und aus meiner Sicht ungemein geschickten Weg, die Serie wieder aufleben zu lassen: Sie hat nämlich keinen Roman geschrieben, sondern ein Theaterstück verfasst. Wer jetzt denkt, dass macht die ganze Stimmung und die Reihe kaputt, der hat sich gründlich getäuscht. Denn was die Autorin zusammen mit John Tiffany und Jack Thorne auf die Beine gestellt hat, ist ein unglaublich tolles, spannendes und vor allem ideenreiches Abenteuer geworden, das auf faszinierende Art eine eigene Geschichte erzählt, aber dennoch auch in gewisser Art und Weise Prequel und Sequel der „Ursprungsgeschichte“ in einem ist. Das ist absolut genial überlegt und in Szene gesetzt worden.

Wer sich das erste Mal einer Geschichte in Form eines Theaterstücks widmet, könnte anfangs Schwierigkeiten damit haben. Mir hat es nicht viel ausgemacht, weil ich auch schon mal das ein oder andere Drehbuch oder eben auch Theaterstück lese. Wenn man sich dann aber erst einmal darauf eingelassen hat, wird man mit einem mitreißenden Plot belohnt, der einem durch den knappen Schreibstil  und die vielen Dialoge jede der Szenen bildlich vor Augen entstehen lässt. Ich konnte mich wirklich sehr schwer von der Geschichte losreißen und war immer wieder erstaunt, und das an nicht wenigen Stellen, wie geschickt alte Bekannte in die Story eingebaut wurden, von denen man gar nicht mehr geglaubt hat, sie jemals wieder zu treffen.
Es gibt unglaublich viele Wendungen und Überraschungen, so dass man nur so von Szene zu Szene hüpft, um zu erfahren, wie es weitergeht. Mir persönlich hat diese Art einer „Fortsetzung“ absolut gut gefallen und ich bin schon sehr gespannt, wie das Ganze dann letztendlich auf der Bühne, für die es ja schließlich geschrieben wurde, aussehen wird.

Romanleser werden „Harry Potter und das verwunschene Kind“ nicht mögen, ebenso wie die unflexible Generation an Lesern, die in ihrem Leben nicht viel mehr als die Potter-Reihe gelesen haben. Kulturell aufgeschlossene LeserInnen werden an diesem neuen Stil ihre Freude haben, da bin ich ziemlich sicher. Rowling hat frischen Wind in die Potter-Reihe gebracht, die neugierige Fans auf alle Fälle mit ihrer Geschichte befriedigt, denn wir erfahren tatsächlich, wie es einem erwachsenen Harry Potter ergeht, wenngleich das Hauptaugenmerk eher auf die Nachkommen von Potter und Malfoy gerichtet ist. Was aber auch völlig in Ordnung ist.
Für mich war das achte Abenteuer der Reihe eine außergewöhnliche Reise, die zurück in eine der erfolgreichsten Buchserien aller Zeiten führt. Ich bin begeistert und habe jede Szene absolut genossen.

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Fazit: Für den ein oder anderen mag das fürs Theater verfasste Skript befremdlich erscheinen. Ich mochte diese außergewöhnliche Art und bin absolut begeistert vom Ideenreichtum der achten Geschichte.

© 2016 Wolfgang Brunner für Buchwelten

Tripods – Die dreibeinigen Herrscher von John Christopher

Tripods

Erschienen als Broschur
im Piper Verlag
insgesamt 736 Seiten
Preis:  20,00  €
ISBN: 978-3-492-70349-9
Kategorie: Science Fiction, Jugendbuch, All Age

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Sie sind plötzlich da: die Tripods! Riesig, dreibeinige Maschinen aus dem All, die sich die gesamte Menschheit mit Hilfe von Kappen gefügig machen wollen, die ihre Träger zu willenlosen Marionetten machen. Will wehrt sich gegen diese Maßnahme und findet Verbündete, die sich ebenfalls nicht der Herrschaft der Außerirdischen beugen wollen. Gemeinsam versuchen sie, die Tripods zu bekämpfen …

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Schon nach den ersten Seiten wusste ich, dass es sich bei dem Tripods-Zyklus von John Christopher um einen Vorläufer der heutigen, sogenannten All Age-Romane und beliebten Dystopien handelt. Christopher schreibt zwar für Jugendliche, das merkt man an dem meistens sehr einfachen Schreibstil, vermag aber mit seinem Endzeit-Szenario auch Erwachsene zu faszinieren. Es macht wirklich Spaß, den Hauptprotagonisten Will und seine Freunde bei der Rettung der Welt zu begleiten.
Die Alien-Invasion, die beschrieben wird, ruft oftmals Bilder aus H.G. Wells „Krieg der Welten“ in Erinnerung, wirkt aber an keiner Stelle nachgemacht. Es ist die Ausgangssituation, in die der Leser hineingeworfen wird, die an Wells SF-Klassiker denken lässt.

Manchmal hätte ich mir schon einen etwas hochwertigeren Schreibstil gewünscht, denn gerade die Kontaktaufnahme mit den Aliens im zweiten Band hätte dadurch durchaus einen höheren Reiz gehabt. Aber nichtsdestotrotz stach der zweite Teil des Zyklus in meinen Augen aus den anderen Bänden heraus, weil er beim Leser fast schon menschliche Gefühle für die „Feinde“ aufkommen ließ. Das hat mir außerordentlich gut gefallen.
Die Story wird flott vorangetrieben und nie langweilig. Christopher hat einen astreinen Abenteuer-Roman geschrieben, der Jugendliche vor fünfzig Jahren wahrscheinlich um einiges mehr begeistert hat wie heute. Die ersten drei Bände wurden in den Jahren 1966 und 1967 geschrieben und waren eigentlich eine Auftragsarbeit, was man aber an keiner Stelle herausliest. Über zwanzig Jahre später hat Christopher dann eine Vorgeschichte geschrieben, die sich hervorragend in das bestehende Bild der Trilogie einfügt.

„Die Tripods“ sind unterhaltsam und verbreiten eine sehr schöne Abenteueratmosphäre, in der man sich als Leser sofort wohlfühlt. Auch schafft das Buch, dass man sich wieder an seine eigene Kindheit voller knisternder Spannung und Abenteuer zurückerinnert.
Interessant ist, dass sich Christopher nie auf spektakuläre Kampfszenen einlässt, sondern den Plot geradlinig und ohne große Schnörkel erzählt. Das mag für den ein oder anderen Leser langweilig wirken, für mich gab es aber ein stimmiges und vor allem authenthisches Bild einer Welt, wie sie nach einer solchen Invasion durch Außerirdische durchaus aussehen könnte. Christophers Epos ist nicht nur reine Science Fiction, sondern auch ein typisches „altes“ Abenteuerbuch aus einer Zeit, in der Kinder und Jugendliche noch auf Bilder in ihrer Fantasie angewiesen waren und nicht alles durch Spezialeffekte in Kinofilmen vorgesetzt bekamen.
Sciencer Fiction Fans meines Alters (Jahrgang 1964) werden einige Anleihen von damaligen SF-Filmen erkennen (wie schon erwähnt „Kampf der Welten“, aber auch zum Beispiel „Logan’s Run“), aber das erhöht das Vergnügen für ältere Leser ungemein, denn auch hier fühlt man sich in der Zeit zurückversetzt.
Insgesamt ist John Christophers Alien-Invasion ein absolut unterhaltsames Lesevergnügen, das ohne Verluste die vielen Jahre seit ihrem Entstehen überstanden hat. Umso erfreulicher, dass der Piper Verlag nun eine Gesamtausgabe, in der Trilogie und Vorgeschichte vereint sind, auf den Markt gebracht hat.

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Fazit: Vorläufer der heute beliebten All Age-Romane und Dystopie-Szenarien. In einfachem Schreibstil wird eine geradlinige Abenteuergeschichte für Jugendliche und Erwachsene erzählt, die absolut unterhält.

© 2016 Wolfgang Brunner für Buchwelten

Die Rückkehr der Titanic von Thomas Brezina

titanic

Erschienen als gebundene Ausgabe
bei Schneider Buch
insgesamt 128 Seiten
Preis: 8,80 €
ISBN: 978-3-505-10862-4
Kategorie: Kinderbuch

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Es heißt, dass die Titanic jedes Jahr am Tag der Katastrophe wieder auftaucht, um genau wieder so zu versinken wie im Jahr 1914. Profesor Katz macht sich mit Jup, Vicky und Nick aus dem Grusel-Club auf den Weg, um den Gerüchten auf den Grund zu gehen.

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Thomas Brezina schafft von Anfang an eine spannende Atmosphäre, die nicht nur Kinder und Jugendliche sondern bestimmt auch Erwachsene ansprechen dürfte. Der Tauchgang zur Titanic ist, obwohl sehr einfach beschrieben, unglaublich nervenaufreibend und man fühlt sich tatsächlich, als wäre man dabei. Gerade der Einstieg in die gruselige Geschichte ist Brezina wirklich gut gelungen. Und dann wird man zusammen mit den jugendlichen Ermittlern des Grusel-Clubs auf das Wrack der Titanic entführt, wo sich unzählige Geister tummeln. Durch die mitgelieferte Spuk-Lupe wird der Leser aktiv in die Handlung mit einbezogen, was einen wirklich tollen Effekt hat.

Das Grusel-Club-Team muss unheimliche Abenteuer auf dem Wrack bestehen und die Spannung steigt konstant. Nebenbei erfährt man einiges über das legendäre Schiff und seinen dramatischen Untergang. Die Mischung aus realen Geschehnissen und erfundenen Gruselszenen funktioniert richtig gut. Und immer wieder fühlt man sich als Leser so richtig mittendrin. Für mich als Erwachsenen und Titanic-Fan war dieses Büchlein wie eine Rückkehr ins Kindesalter: Abenteuer und Spannung mit einem Schuss Wissen.

Toll finde ich, dass die jugendlichen Leser dazu aufgefordert werden, mitzudenken. Durch die Fragen, die im Text gestellt werden, lesen die Kinder mit Sicherheit die Geschichte aufmerksamer. Brezina ist ein enorm spannendes und gruseliges Buch für Kinder, aber auch Erwachsene, gelungen. Titanic-Fans werden ihre wahre Freude am fiktiven Tauchgang zum Wrack haben.

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Fazit: Spannender Tauchgang zum Wrack der Titanic. Brezinas Buch ist für Kinder, Jugendliche und Erwachsene geeignet.

© 2015 Wolfgang Brunner für Buchwelten

Grimm von Christoph Marzi

Grimm

Erschienen als gebundene Ausgabe
im Heyne Verlag
insgesamt 560 Seiten
Preis: 17,99 €
ISBN: 978-3-453-26661-2
Kategorie: Jugendbuch
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Als Vesper Golds Vater stirbt, erfährt das junge Mädchen, dass die Welt nicht so ist, wie sie scheint. Ihr Vater vererbt ihr einen geheimnisvollen Schlüssel, hinter dem plötzlich ein Unbekannter her ist. Der Tod des Vaters erscheint Vesper auch immer mysteriöser, je mehr sie davon erfährt. Und dann fallen plötzlich alle Kinder weltweit in einen minutenlangen Schlaf und Wölfe streifen durch die Stadt. Märchenfiguren, die als erfunden galten, scheinen zur Realität geworden zu sein. Zusammen mit dem Studenten Leander macht sich Vesper auf den Weg, das Geheimnis der zum Leben erwachten Märchen zu lüften.

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Der Einstieg in Marzis Märchenwelt ist gelungen und macht so richtig Spaß auf das, was da noch kommen möge. Vespers jugendliche Charakterzeichnung ist absolut gelungen und zaubert einem so manches Mal ein Schmunzeln in die Mundwinkel.
Auch wie die Märchenwelt immer mehr in die Realität eindringt, hat Marzi sehr geschickt und spannend gemacht. Der teils sehr gehobene Schreibstil wird immer wieder durch saloppe Sprüche, die aber aus dem Mund der Protagonistin kommen und daher absolut in Ordnung sind, abgelöst, was zur Folge hat, dass man durch das Buch nur so fliegt. Es ist sehr kurzweilig und baut die Spannung schön gleichmäßig vom Anfang bis zum Ende auf. Hin und wieder gab es ein paar Szenen, die mir persönlich nicht so zugesagt haben, weil sie dann doch zu übertrieben auf mich wirkten, aber die verloren sich in der Vielfalt der gelungenen Teile.

Ein paar Ideen finde ich großartig und sehr überzeugend. Wenn es dann aber wiederum um eine Vereinigung geht, die bereits seit etlichen Jahrhunderten Jagd auf Märchenfiguren macht, dann war mir das doch ein wenig zu weit hergeholt und hat mir dann eher nicht so gefallen. Dennoch hat mir „Grimm“ trotz der genannten Kritikpunkte sehr gut gefallen, weil der Roman, wie oben schon erwähnt, meist in einem sehr schönen Schreibstil verfasst wurde und im Prinzip auch eine sehr nachvollziehbare Handlung aufweist.

Marzi hätte noch bedeutend mehr bekannte und unbekannte Märchen einbauen können, das hätte den Reiz des Buches mit Sicherheit erhöht. So aber beschränkte er sich nur auf ein paar ausgewählte, die aber jedermann kennen dürfte. Besonders hat mir eine Begegnung zwischen Vesper und einem eingesperrten, sogenannten „Goldspinner“ gefallen. Diese Szene fand ich äußerst amüsant und gelungen, denn, auch wenn der Name des kleinen Männchens nicht genannt wird, weiß man sofort, um wen es sich handelt. Aus diesem Grund hätten mir mehr solcher Einlagen gefallen.

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Fazit: Unterhaltsam und spannend entführt Marzi den Leser in eine Märchenwelt, die in unsere reale Welt eindringt. Deutsche Jugend-Fantasy, die absolut Spaß macht und in einem sehr gehobenen Schreibstil verfasst ist.

© 2015 Wolfgang Brunner für Buchwelten

Die Entdeckung des Hugo Cabret von Brian Selznick

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Erschienen als Broschur
im cbj Verlag
insgesamt 544 Seiten
Preis: 12,95 €
ISBN: 978-3-570-22118-1
Kategorie: Jugendbuch

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Hugo Cabret lebt nach dem Tod seines Vaters verborgen in den Gemäuern des Pariser Bahnhofs. Eigentlich hätte der Onkel auf den Waisenjungen aufpassen sollen, doch auch der stirbt und so hütet Hugo seine geheime Existenz und wartet alle Uhren des Bahnhofs, um den Anschein zu erwecken, sein Onkel, dem eigentlich die Aufgabe oblag, auf die Bahnhofsuhren aufzupassen, wäre noch am Leben. In seiner Freizeit versucht Hugo an einem geheimnisvollen Schreibautomaten, einem mechanischen Mann, zu basteln, an dem schon bereits sein Vater gearbeitet hatte. Hugo denkt, wenn er den Apparat zum Laufen bekommt, bekommt er vielleicht eine geheime Botschaft seines verstorbenen Vaters. Und dann wird Hugo plötzlich von einem Mädchen entdeckt. Gemeinsam finden sie auf einmal heraus, dass der Automat, der Vater des Mädchens und ein geheimnisvolles Notizbuch, das Hugo von seinem Vater bekommen hatte, miteinander zusammenhängen und einen Weg zu einem Geheimnis weisen, das in der Vergangenheit liegt …

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Brian Selznick hat mit seinem Buch „Die Entdeckung des Hugo Cabret“ ein Experiment gewagt, das ein voller Erfolg für den Leser geworden ist. Selznick erzählt seine Geschichte nicht nur mit Worten sondern auch mit einer Vielzahl von Bildern. Diese Mischung aus Roman und Daumenkino verleiht dem Leser eine völlig neue Erfahrung in der Literatur. Man liest und sieht zwischendurch Passagen der Story sozusagen als Kinofilm. Es ist einfach wunderbar, in diese Geschichte einzutauchen.

In einem zwar einfachen, aber keinesfalls minderwertigen, Schreibstil lässt uns Selznick an der Gefühlswelt seines jungen Protagonisten teilhaben und entführt den Leser in eine Welt, in der das Kino noch etwas Außergewöhnliches und Visionäres war, das die Träume der Menschen zu bewegten Bildern machte. Melancholisch, aber niemals traurig, verschleppt uns Selznick in eine magische Welt, die wir durch seinen Text und die hervorragenden Bilder durch die Augen eines Kindes sehen. Was der Autor zwischen zwei Buchdeckeln versteckt hat, ist grandios und beeindruckend, lässt uns zu staunenden Kindern werden, die in einer eigenen Welt leben und dennoch an der der Erwachsenen teilhaben wollen.

Gerade die Einfachheit der Geschichte ist es wohl, die einen nachhaltig beeindruckt und nachdenklich beziehungsweise auf gewisse Art und Weise glücklich macht. „Die Entdeckung des Hugo Cabret“ ist ein durch und durch gelungenes literarisches und künstlerisches Projekt geworden, das mit Sicherheit Kinder und Erwachsene gleichermaßen zu begeistern vermag. Altmodisch und gleichzeitig innovativ legt Selznick ein Buch vor, das zum Klassiker werden könnte (und hoffentlich auch wird!).

Ich werde mir auf jeden Fall noch weitere Bücher dieses Autors  und Künstlers zulegen.

Vielleicht noch eine kleine Anmerkung zur Verfilmung des Buches durch Martin Scorsese: Besser hätte man die Vision und den Geist des Buches nicht umsetzen können. Scorsese hat auch mit seinem Film ein Meisterwerk geschaffen.

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Fazit: Innovativ und in seiner bildlichen Ausdrucksweise (Sprache und Zeichnungen vermischen sich in einer einzigartigen Weise zu einer Handlung) einzigartig. Kinder, Jugendliche und Erwachsene werden dieses Buch auf verschiedene Weisen lieben. „Die Entdeckung des Hugo Cabret“ ist ein Roman, der im Gedächtnis haften bleibt, als hätte man einen Kinofilm gesehen. Volle Punktzahl!

© 2015  Wolfgang Brunner für Buchwelten

Die Auserwählten (Maze Runner) – Trilogie von James Dashner

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Erschienen als Broschur
(alle drei Teile im Schuber)
im Chicken House Verlag (Carlsen)
1520 Seiten
29,99 €
ISBN: 978-3-551-52068-5

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Thomas erwacht in einem Aufzug, der ihn inmitten von einer Gruppe Jugendlicher bringt, die sich in einem überdimensionalen Labyrinth befinden. Über Jahre hinweg suchen die Kinder bereits nach einem Ausweg. Immer wieder blitzen Erinnerungen in ihren Gedanken auf, in denen sie eine Welt sehen, auf der die Menschen durch eine schreckliche Krankheit nahezu ausgestorben sind. Bald schon sind die Jugendlichen davon überzeugt, Teil eines Plans zu sein, der die Menschheit vor dem endgültigen Untergang bewahren soll.

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Durch den Trailer zur Kinoverflmung des ersten Teils „Maze Runner“ bin ich auf diese Jugendbuch-Reihe gestossen. Nachdem ich in der Regel zuerst immer das Buch / die Bücher lese, bevor ich mir einen Film ansehe, habe ich mir den Schuber mit allen drei Teilen der Buchreihe von James Dashner gekauft.
Anfangs war ich auch noch richtiggehend von der Story begeistert, was mir aber im Laufe der Folgebände immer mehr abhanden kam. Aber der Reihe nach:

Was mir an der Trilogie gefallen hat: Der erste Teil :), der Plot an sich (also die Grundidee) und die Darstellung der von einer Krankheit heimgesuchten Erde.

Was mir an der Trilogie nicht gefallen hat: Der Spannungsbogen fiel leider mit jedem Teil der Trilogie ab. Die oft kindischen, fast schon babyhaften, Ausdrücke und Gespräche der Jugendlichen, die eigentlich zu den schlauesten Kindern der Menschheit gehören sollen. Der sehr einfache Schreibstil. Eine viel zu oft verwendete Umgangssprache, die äußerst störend zu den teils spannenden Szenen passte. Die Logikfehler. Die Auflösung.

Während der erste Teil „Im Labyrinth“ noch weitestgehend spannend und vor allem mystisch war, weil man wirklich nicht wusste, um was es überhaupt geht, fielen Teil 2 und 3 dann immer mehr ab und wurden sogar -zumindest für mich- langweilig. Sicherlich waren ein paar gute Beschreibungen dabei, z.B. wie die Erde nach so einer Epidemie aussehen könnte. Aber die Grundhandlung, die sich Dashner ausgedacht hatte, wurde gegen Ende hin immer unlogischer, langweiliger und konstruierter. Was besonders störend auf mich wirkte, war die oben bereits erwähnte kindliche Sprache, in der sich die Jugendlichen miteinander unterhielten. Vor allem dann, wenn solche Dialoge von blutspritzenden, brutalen Zombieangriffen abgelöst wurden und aus einem Kinderbuch (diese Sprache war für mich eines Jugendbuches nicht würdig) einen Splatter-Horror machten. Das passte irgendwie nicht zusammen und machte die Stimmung total kaputt. Entweder Kinder-, Jugend- oder Erwachsenenroman. Alles zusammen funktioniert nicht, Herr Dashner.

Dass ich alle drei Teile bis zu Ende gelesen habe, heißt aber auch, dass die Trilogie jetzt so schlecht auch nicht war. Aber ein zweites Mal werde ich die Bücher definitiv nicht lesen, dazu war mir der Plot dann doch zu konstruiert und unglaubwürdig. Als Film wird die Handlung wahrscheinlich „funzen“, denn visuell kann man die Atmosphäre der Bücher durchaus ansprechend in Szene setzen, da bin ich überzeugt.
Alles in allem bedient sich Dashner irgendwie an Filmen wie „Cube“, „Saw“, „Battle Royal“ oder eben Büchern wie zum Beispiel „Die Tribute von Panem“ von Suzanne Collins, die sich aber auch so ein paar Dinge von „Battle Royal“ abgeschaut hat. 😉

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Fazit: Für abenteuerlustige und nicht anspruchsvolle Kids, die kein Problem mit etwas härteren und blutigeren Sequenzen haben (aber wer von den Kindern heutzutage hat damit Probleme?), mag die „Maze Runner“-Trilogie wohl seine Reize haben. Für das anspruchsvollere Publikum sind die Bücher aber dann wohl eher nicht geeignet. Da haben mir die Jugendbücher „Die Tribute von Panem“ oder die „Biss“-Reihe bedeutend besser gefallen, vor allem die letztgenannte. Alleine schon vom Schreibstil lässt sich Dashners Trilogie leider mit keiner der genannten vergleichen.

© 2014 Wolfgang Brunner für Buchwelten

Das Schicksal ist ein mieser Verräter von John Green

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Erschienen als
Taschenbuch bei
dtv
336 Seiten
Preis: 9,95  €
ISBN: 978-3-423-625838

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Hazel Grace und Augustus sind krebskrank. Sie lernen sich in einer Selbsthilfegruppe kennen und verbringen immer mehr Zeit miteinander, bis sie sich ineinander verlieben. Sie beschließen, zusammen nach Amsterdam zu fahren, um Hazels Lieblingsschriftsteller zu treffen. Obwohl sie eine schöne Zeit verbringen, begleitet sie die schreckliche, tödliche Krankheit auf Schritt und Tritt.

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John Greens neuester Roman hat mir zwar gefallen, mich aber nicht in jeder Hinsicht überzeugt. Aber eines nach dem anderen.
Mit welcher Leichtigkeit Green das Thema Krebs behandelt, ist schon bewundernswert. Zu Anfang macht es auch unglaublichen „Spaß“, die Geschichte um Hazel und Augustus zu verfolgen. Der Sarkasmus, mit dem die beiden ihrer tödlichen Krankheit begegnen, ist wie eine Gratwanderung zwischen Traurigkeit und Witz. Das ist es auch, was bewegt und mitfühlen lässt, denn zwischen diesen gesprochenen Worten hört man oft die Verzweiflung, Angst und Hoffnungslosigkeit heraus.
Was mit persönlich irgendwann dann aber zuviel wurde, denn ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass man als krebskranker Teenager Tag für Tag sarkastisch sein kann und die tödliche Krankheit nur mit Humor bekämpft. Green packt meines Erachtens zu viel in seine Protagonisten und lässt sie irgendwann fast schon unglaubwürdig erscheinen. Zumindest ging es mir so. Gegen Ende des Romans konnte ich mich mit den Beiden plötzlich nicht mehr so richtig identifizieren. Das Aufeinandertreffen mit dem Schriftsteller war auch etwas übertrieben dargestellt, das hat mich nicht wirklich angesprochen, denn es wirkte auf mich sehr konstruiert und unrealistisch.

Nichtsdestotrotz hat John Green einen teils ergreifenden, teils amüsanten und bedingt dramatischen Liebesroman geschrieben, der unterhält und auch oft nachdenklich macht. „Das Schicksal ist ein mieser Verräter“ ist Jugendbuch und Erwachsenenroman gleichermaßen. Mit einem sehr einfachen Schreibstil wird hier eine skurrile Geschichte erzählt, die mich anfangs begeistert und zum Ende hin eher „kalt“ gelassen hat. Hazel und Augustus als eines der bewegendsten Liebespaaare der Literatur zu bezeichnen (Natascha Geier, NDR Kulturjournal), finde ich übertrieben und nicht zutreffend. Sicherlich weint und lacht man mit den Beiden und spürt ihre Ängste und Hoffnungen, aber den Hype um das Buch kann ich nicht wirklich nachvollziehen. Da gibt es bedeutend bessere Bücher …
Deshalb wundert mich auch, dass das Buch mit so vielen Literaturpreisen ausgezeichnet wurde.

Gespannt bin ich jetzt noch auf die Verfilmung.

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Fazit: Anfangs ansprechendes, gegen Ende hin immer unrealistischeres Drama um zwei krebskranke Teenager, die sich ineinander verlieben und gemeinsam die ihnen noch zur Verfügung stehende Zeit verbringen. Mit einem einfachen Schreibstil schildert John Green in seinem hochgelobten Jugendbuch, wie zwei Jugendliche ihre tödliche Krankheit überwiegend mit Sarkasmus bekämpfen. Hat mich nicht wirklich überzeugt.

© 2014 Wolfgang Brunner für Buchwelten

Der Ozean am Ende der Straße von Neil Gaiman

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Erschienen als
Taschenbuch im
Eichborn Verlag
238 Seiten
Preis: 18,00 €
ISBN: 978-38479-0579-0

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Als ein Mann anlässlich einer Beerdigung in seinen Heimatort zurückkehrt, erinnert er sich plötzlich an seine Kindheit und an Lettie Hampstock, ein Mädchen, das immer behauptete, der Tümpel am Ende der Straße wäre ein Ozean. Sie meinte, man könne durch ihn in eine andere Welt gelangen, aus der sie selbst und ihre Familie vor langer Zeit gekommen waren. Immer deutlicher werden die Erinnerungen des Mannes, als er die Vergangenheit wie in einem Film vor seinem inneren Auge Revue passieren lässt.

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Neil Gaimann schafft es immer wieder, den Leser zu überraschen. Er macht Unmögliches möglich und erzählt Geschichten, die, obwohl absurd, dennoch vollkommen glaubhaft erscheinen, als wären sie tatsächlich passiert.

Was auf den „nur“ 238 Seiten verpackt ist,  ist schon erstaunlich. Gaiman nimmt uns mit auf die Reise in eine Kindheit, von der wir wohl alle Teile davon erlebt haben. Aus der Sicht eines Siebenjährigen werden Dramen und Probleme, aber auch fantasievolle Illusionen und Kinderstreiche erzählt, die einem so manches Mal den Atem rauben, weil man sich sogar manchmal selbst darin entdeckt. Gaiman schildert eine Welt, wie sie nur Kinder sehen und erleben können, und das macht er mit einer Bravour, die nur wenigen Schriftstellern vergönnt ist.

Man gerät unweigerlich in diesen Sog, der einen nicht mehr loslässt und man versinkt, wie die Kinder, in einer Welt, von der man am Ende nicht mehr sicher ist, ob sie wahr oder nur in den Gedanken der Kinder existiert. Gaiman behandelt mit seinen poetischen Kleinod Kindheitsängste, aber auch Hoffnung, Liebe und Spaß. Die Gratwanderung zwischen Realität und fiktiver (?) Welt ist derart geschickt gemacht, dass man als Leser nicht merkt, wann genau man diese Grenze überschritten hat.

Es fällt schwer, diesen Roman einem Genre zuzuordnen. Und genau das ist auch ein Punkt, der mir persönlich gefällt. Gaiman schreibt, was er schreiben will und passt sich nicht dem gängigen Schubladendenken an. „Der Ozean am Ende der Straße“ ist Fantasy, Drama, Lebenserfahrungsgeschichte und Jugendbuch in einem. Die Geschichte ist zauberhaft verspielt, zeigt aber auch so manches Mal brutalen Realismus. Insgesamt vermischt sich das Gesamtwerk zu einem unglaublich berührenden Bericht aus längst vergangenen Kindheitstagen, die trotz „schlimmer“ Erinnerungen letztendlich eine „gute Zeit“ wiederspiegelt, der wir wohl alle ein wenig nachtrauern. Neil Gaiman lässt uns mit seinem neuen Roman wieder einmal für eine kurze Zeit zu Kindern werden.

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Fazit: Einfühlsam und zauberhaft verspielt, entfaltet Neil Gaiman in seinem neuen Roman eine Kindheitserinnerung, die schmerzt und glücklich macht. Philosophisch und poetisch, melancholisch und schaurig, erschreckend und magisch.

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© 2014 Wolfgang Brunner für Buchwelten