Die Medusa Chroniken von Stephen Baxter & Alastair Reynolds

Erschienen als Taschenbuch
im Heyne-Verlag
insgesamt 590 Seiten
Preis: 14,99 €
ISBN: 978-3-453-31784-0
Kategorie: Science Fiction

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Bei einem Unfall verliert Commander Howard Falcon beinahe sein Leben. Nur durch hoch entwickelte Technologien und außergewöhnlicher Maßnahmen kann er gerettet werden. Aber der größte Teil seines menschlichen Körpers muss maschinellen Teilen weichen, so dass sich Falcon zu einer menschlichen Maschine entwickelt. Im Laufe von Jahrhunderten wird er immer mehr zu einer intelligenten Maschine, während er dennoch seine Menschlichkeit behält. Als Künstliche Intelligenzen die Macht an sich reißen wollen, begibt sich Falcon als Vermittler auf eine gefährliche, aber auch faszinierende Reise zum Jupiter.

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Als großer Stephen Baxter-Fan war ich natürlich neugierig, wie eine Zusammenarbeit zwischen ihm und einem weiteren meiner Lieblingsautoren, nämlich Alastair Reynolds, wohl funktionieren würde. Das Ergebnis kann sich absolut sehen lassen und entführt den Leser in, von beiden Autoren gewohnt, visionäre Welten. An manchen Stellen erkennt man eindeutig Baxters Handschrift, an anderen Stellen liest man Reynolds‘ heraus, aber insgesamt verschmelzen die beiden Schreibstile der beiden Autoren  zu einem außergewöhnlichen Ganzen.
Inspiriert von Arthur C. Clarkes Kurzgeschichte „Ein Treffen mit Medusa“, die übrigens im Buch als Anhang enthalten ist, führen Baxter und Reynolds die Geschichte (und vor allem den Geist der Geschichte im Sinne von Clarke) so perfekt weiter, das es eine wahre Freude ist.

Anfangs ist es ein wenig gewöhnungsbedürftig, wenn man Jahrhunderte immer nur in kurzen Geschichten erlebt. Lässt man sich auf dieses Spiel allerdings ein, bekommt man im Laufe des Romans ein unglaublich intensives Bild von Falcons Leben und den Geschehnissen, die in diesen Zeitspannen in der Welt(politik) passiert sind. Es erscheint wie ein Puzzle, bei dem man erst am Ende ein gesamtes Bild zu sehen bekommt. Erst am Ende begreift man, welch einem ereignisreichen Leben und epischen Entwicklungen der Menschheitsgeschichte man beigewohnt hat. Mit visionären Ideen zeigen die beiden Starautoren realistisch, wie unsere Zukunft aussehen könnte. Es ist atemberaubend, wie perfekt sich die Einzelgeschichten aus dem Leben des Protagonisten am Ende zu einem Gesamten zusammenfügen, das einen dermaßen mitreißt, das man die Welt und die Zeit um sich herum vergisst.

Schreibtechnisch bewegen sich „Die Medusa Chroniken“ auf sehr hohem Niveau und beide Autoren schaffen es, unglaublich erscheinende Begebenheiten absolut glaubwürdig darzustellen. Durch den sozusagen unsterblichen Maschinen-Menschen Howard Falcon haben die beiden einen Protagonisten erschaffen, mit dem zusammen der Leser Zeitzeuge einer über siebenhundert Jahre dauernden Entwicklung auf der Erde und im Weltraum wird. Der Aufbau des Romans ist grandios, wenn man am Ende nochmal auf die Ereignisse zurückblickt und den Plot Revue passieren lässt.
Atemlos macht einen aber das Finale, das wohl hauptsächlich aus der Feder (oder zumindest aus dem Kopf) von Stephen Baxter stammt, denn wie in so vielen von Baxters Science Fiction-Visionen, überschreitet auch hier der Protagonist die Grenzen menschlichen Vorstellungsvermögens. Das Ende der Geschichte gleicht einer Achterbahnfahrt, die man mit angehaltenem Atem verschlingt und sich dabei immer wieder fragt, wie jemand auf solch genialen Ideen kommen kann. „Die Medusa Chroniken“ bleiben im Gedächtnis haften. Sie führen eine preisgekrönte Kurzgeschichte von Arthur C. Clarke kultverdächtig fort und erschaffen ein Kopfkino der Extraklasse.
Wer allerdings Weltraumschlachten und Alien-Invasionen erwartet, wird wohl enttäuscht sein, denn die Herren Baxter und Reynolds haben einen melancholischen, nichtsdestoweniger epischen, Blick auf die Zukunft der Menschheit und das lange Leben eines im Grunde genommen einsamen Mannes entworfen. Für mich ein Meisterwerk, das mich oft auch an die grandiosen Romane des deutschen Schriftstellers Andreas Brandhorst erinnert hat.

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Fazit: Ruhig und melancholisch mit einem atemberaubenden, visionären Ende. Ein Meisterwerk zweier Meister!

© 2017 Wolfgang Brunner für Buchwelten

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Das Schiff von Andreas Brandhorst

Schiff

Erschienen als Taschenbuch
bei Piper
insgesamt 544 Seiten
Preis:  14,99  €
ISBN: 978-3-492-70358-1
Kategorie: Science Fiction

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Die Maschinen haben die Herrschaft über die Erde inne und verfolgen Spuren im ganzen All, um die Hinterlasssenschaften der Muriah, einer untergegangenen Hochkultur der Milchstraße, aufzuspüren. Dabei werden die intelligenten Maschinen von sogenannten Mindtalkern, sterblichen Menschen, unterstützt, die per Gedankenkraft durchs All reisen können. Die Mindtalker Adam und Rebecca  sind sicher, dass sie von den Maschinen betrogen werden und versuchen während ihrer Missionen die Verschwörung aufzudecken. Dabei stoßen sie auf eine weitaus größere Bedrohung für die Menschen als die, die von den Maschinen ausgeht …

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Wie macht der Mann das nur?
Diese Frage stelle ich mir bei jedem Buch von Andreas Brandhorst, das ich lese, mehrmals. So auch bei „Das Schiff“.
Immer wieder meint man, nichts zu verstehen und dennoch versteht man irgendwie alles. Das ist eine Kunst, die nur wenige Schriftsteller in dieser Art beherrschen. Brandhorst gehört eindeutig dazu.
Er nimmt uns in seinem neuesten Roman, wie bei vielen seiner Science Fiction-Geschichten, mit auf eine unglaubliche Reise durch Universen, die so manches Mal fast unsere Vorstellungskraft übersteigt. Und dieses Mal streut Andreas Brandhorst auch noch absolut tolle philosophische Gedanken ein, die sich mit dem Leben und Sterben respektive Unsterblichkeit beschäftigen. Spannung und Tiefgang halten sich in diesem Roman die Waage und man kann das Buch schwerlich aus der Hand legen.
Ein wenig düster, aber dennoch nicht deprimierend, zeichnet der Autor das Bild einer Welt, in der der Mensch von Maschinen beherrscht wird. Die glaubwürdigen Charaktere wachsen einem ans Herz und man teilt ihre Ängste, Hoffnungen und Sehnsüchte.

Brandhorst schafft es hervorragend, diese Endzeit-Stimmung einzufangen. Man sieht sich förmlich neben den Protagonisten auf windumwehten Gipfeln stehen und sieht zusammen mit ihnen über eine apokalyptische Landschaft. Dabei sinnt man über deren Leben, aber auch über das eigene, nach und wünscht sich, an jenem Ort im Buch zu sein, obwohl er im Grunde genommen eigentlich schrecklich ist.
Fast neige ich dazu, „Das Schiff“ als Brandhorsts bestes Buch zu bezeichnen. Sein Zukunftswelten sind visionär und vermitteln genau jenes Gefühl, das sich ein Science Fiction-Fan wünscht: unendliche Weiten, apokalyptische Szenarien und eine hochtechnisierte Zivilisation.
Man merkt, wie sehr Andreas Brandhorst selbst Science Fiction mag und liebevoll Bücher anderer Autoren und Filme in seine Handlung einfließen lässt, ohne je zu kopieren. Brandhorsts Universen sind eigenständig und angefüllt mit unendlich vielen, grandiosen Ideen. Andreas Brandhorst macht süchtig.

Der Autor setzt die Meßlatte für seine eigenen Bücher immer sehr hoch. Und dennoch wird man nie von seinen neuen Werken enttäuscht, sondern wie eh und jeh mitgerissen. Man kann sich Brandhorsts bildhaftem Schreibstil schwer entziehen. Ich kann nur wiederholen, dass sich Andreas Brandhorst für mich wie ein deutscher Iain Banks, Peter F. Hamilton oder Alastair Reynolds anfühlt. Visionäre Science Fiction-Romane, die den aufmerksamen Leser auf eine philosophische Ebene bringen, ohne die Spannung zu vernachlässigen. Brandhorst ist Abenteuerschreiber und Philosoph in einem.
Und wenn ich mir seine Entwicklung ansehe, so nähert er sich mit seinen letzten beiden Romanen „Ikarus“ und „Das Schiff“ immer mehr einem persönlichen Höhepunkt in seiner Karriere. Man darf gespannt sein (ich bin es sowieso), wohin uns sein neuer Roman „Omni“, der voraussichtlich noch dieses Jahr bei Piper erscheint, führt.

Andreas Brandhorst wird meiner Meinung nach mit jedem Roman noch besser, was an sich unglaublich ist, denn schon sein  Kantaki-Zyklus war phänomenal.

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Fazit: Visionär und philosophisch entführt Brandhorst den Leser in eine Zukunftswelt, die ihresgleichen sucht. Nach „Ikarus“ ein neues Meisterwerk.

© 2016 Wolfgang Brunner für Buchwelten

Ich danke dem Piper-Verlag für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplares.

Elysion von Thomas Elbel

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Erschienen als Taschenbuch
bei PIPER
insgesamt 480 Seiten
Preis: 9,99 €
ISBN: 978-3-492-26881-3
Katergorie: Dark-Future Thriller / Dystopie / Fantasy

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Die Zukunft. Ein heftiger Bürgerkrieg hat die Zivilisation komplett niedergestreckt und die Überlebenden in den Städten hausen in Ruinen. Strom und medizinische Versorgung gibt es nicht mehr. Gangs machen die Straßen unsicher, das Leben ist hart.

Auch die 17-jährige Cooper Kleinschmidt versucht, sich gemeinsam mit ihren gleichaltrigen Freunden Brent und Stacy durchzuschlagen. Sie ist eine Waise, Coopers Eltern wurden während des Bürgerkrieges vor ihren Augen umgebracht. Nun arbeitet sie mit ihrer „kleinen“ Familie einer der Gangs in der Stadt zu. Sie dealen mit der Droge Teer.

Die Wälder werden von den Malach beherrscht. Diese Wesen sind eine KI (künstliche Intelligenz), sie sehen in ihrem Erscheinungsbild Menschen ähnlich, nur dass sie keine Haut kleidet. Zum einen bewachen diese Kreaturen das ELYSION, zum anderen verschleppen sie aber auch Menschen dorthin, die sich in den Wäldern aufhalten. Das ELYSION ist eine Gemeinde, angeführt vom sog. Pontifex, der die Bewohner als selbsternannter Diktator streng führt und unterdrückt. Die Lebensbedingungen sind hart und die Bestrafungen grausam.

Cooper und ihre Freunde begeben sich regelmäßig in die Wälder. Denn aus den Malach wird genau die Droge gewonnen, welche die Jugendlichen benötigen, um zu überleben. Kommt eines dieser Wesen mit Starkstrom in Berührung, sterben sie. Das Einzige, das zurückbleibt, nachdem sich die Kreatur „verflüssigt“ hat, ist besagte, begehrte Substanz, die eine teerartige Konsistenz hat und nicht nur einen Rausch auslöst, sondern den Konsumenten zusätzlich besondere Fähigkeiten beschert.

Auf der jüngsten Jagd nach einem Malach kommt es zu einem Missgeschick. Es gelingt Cooper nicht, das Wesen zu töten. Stattdessen stößt sie heftig mit ihm zusammen und die Kreatur kann fliehen. Cooper trägt von dem Zwischenfall nicht nur eine Verletzung am Auge davon, sie hat plötzlich unregelmäßige Visionen, als sähe sie durch die Augen eines anderen. Die Augen eines Malach … ?

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Dies ist der zweite Roman des Autors Thomas Elbel. Nach seinem Debüt ASYLON bleibt er mit ELYSION dem Genre treu. Wieder hat er einen dystopischen Roman vorgelegt, eine Geschichte also, die sich in postapokalyptischer Umgebung abspielt. Dark-Future Thriller ist die Bezeichnung, mit welcher der Verlag die Handlung anbietet.

In der Tat ähnelt ELYSION dem Vorgänger, doch es handelt sich nicht um eine Fortsetzung, sondern um eine komplett neue, eigenständige Handlung mit neuen Charakteren. Ich persönlich finde diese Titelähnlichkeit nicht so gut, es wirkt auf mich leider eher einfallslos.

Der Schreibstil ist wieder einfach und relativ umgangssprachlich. Allerdings sind mir in ELYSION nicht mehr solch extremen Redewendungen aufgefallen, wie ich sie in meiner Rezension zu ASYLON bemängelt hatte.

Die Charaktere sind gut beschrieben, jedoch haben sie es nicht geschafft, mir im Laufe der Handlung so richtig ans Herz zu wachsen. Hier waren es die Nebenfiguren (u.a. die bösen) und sogar eines der Wesen, welche meine tiefere Zuneigung erhalten haben.

Der Teer, eben die Droge, mit der Cooper dealt hat mich ,sehr an die Serienkillerromane von Dan Wells erinnert. Denn auch dort sind die Rückstände, wenn der Protagonist einen Dämon überwältigt und ausgelöscht hat, exakt die gleiche Substanz.

Die Entwicklung der Handlung war für mich recht leicht absehbar. Ich wusste ohne große Anstrengung relativ früh, wie sich gewisse Verbindungen auflösen werden, was ich allerdings nicht als schlimm empfand. Fesselnd war die Handlung trotzdem und ich habe den Roman innerhalb einiger Tage weggelesen.

ELYSION ist im PIPER Verlag als Taschenbuch erschienen, die Aufmachung ist ähnlich des Erstlings, die Farbe des Titels und das Bild auf dem Cover haben sich jedoch geändert. Ich finde die Optik ansprechend, der Klappentext ist knapp und macht neugierig.

Die Kapitel sind in einer angenehmen Länge verfasst, was dazu verleitet, dass ein oder andere Kapitel mehr zu lesen als geplant. Was mir noch positiv auffiel ist, dass das Papier angenehm weich ist und sich gut anfühlt.

Mein Fazit: 3 von 5 Sternen für den zweiten Roman des Autors. Für mich kommt ELYSION nicht ganz an den Erstling heran. Dennoch eine Dystopie mit Fantasy und Science Fiction Elementen, die sich angenehm liest und fesselnde Lesestunden bietet.

 

Ich danke PIPER für die Bereitstellung des Rezensionsexemplars.

© Buchwelten 2013