Scar von Jack Ketchum und Lucky McKee

Erschienen als Taschenbuch
im Heyne-Verlag
insgesamt 334 Seiten
Preis: 14,99 €
ISBN: 978-3-453-67717-3
Kategorie: Thriller, Drama

.

Delia ist schon in jungen Jahren ein kleiner Filmstar. Ihre Eltern, vor allem die Mutter, schert sich nicht viel um die Kindheit ihrer Tochter, sondern hat nur Reichtum, das sie mit ihr verdient, im Kopf. Die beste Freundin von Delia ist ihr Hund Caity. Als Delia nach einem Unfall entstellt wird, gibt die Familie nicht auf, sie weiter zu vermarkten und mit ihr Geld zu machen. Doch keiner von ihnen ahnt, wie tief die Freundschaft zwischen dem Mädchen und ihrem Hund in Wirklichkeit ist.

.

Es ist immer wieder erstaunlich, wie wandelbar manche Autoren sind. Jack Ketchum zeigt in Zusammenarbeit mit Co-Autor Lucky McKee (mit dem er auch bereits auch den letzten Teil seiner „Beute“-Trilogie mit dem Titel „Beuterausch“verfasst hat), dass Horror auch anders funktioniert. „Scar“ ist kein Jugendbuch, aber auch kein richtiges Erwachsenenbuch, sondern bewegt sich irgendwo dazwischen, daher für mich auch nicht nachvollziehbar, warum der Roman in der Edition „Heyne Hardcore“ erschienen ist. Genausowenig wie ich wieder einmal nicht begreife, warum der im Original betiltete „The Secret Life Of Souls“ in einen „deutschen“ Titel „Scar“ umbenannt wurde. Wer kein Englisch versteht, weiß auch nicht, was „Scar“ bedeutet. Aber gut, diese Dinge haben mit dem Roman an sich nichts zu tun, stoßen mir nur immer wieder sauer auf, weil wir uns ja schließlich in Deutschland befinden und Romantitel „Das geheime Leben der Seelen“ oder „Die Narbe“ doch auch gut klingen und von den Deutschen verstanden werden.

Zurück zum Buch: „Scar“ schlägt einen sehr ruhigen, aber nichtsdestoweniger unheimlich spannenden Weg ein, der das zerrüttete Leben einer Familie, die Einsamkeit einer Kinder-Schauspielerin und eine tiefe Verbundenheit zwischen Mensch und Tier erzählt. Mit kurzen Sätzen wird eine Story erzählt, die man neugierig verfolgt. Es ist eigentlich ein Drama, das Ketchum und McKee da in einem Thrillergewand mit Horroransätzen präsentiert. Und das funktioniert außerordentlich gut. Der Roman ist in drei Teile eingeteilt, die verschiedene Entwicklungen im Berufs- und Geschäftsleben des schauspielernden Kindes behandeln. In einer Mischung aus sozialkritischen Anspielungen auf die heutige Medienbranche und einem (zwar nicht sehr tiefgehenden, aber dennoch unmissverständlichen) Familienzerfalls, wird eine Geschichte geschildert, die zum Nachdenken anregt. Denn letztendlich wird ein menschliches Leben (und noch dazu ein Kind der eigenen Familie) schlichtweg nur dazu benutzt, um eigene finanzielle Bedürfnisse zu stillen. Allein das ist schon realer Horror pur. Aber Ketchum und McKee lassen es sich nicht nehmen und streuen noch ein wenig Grusel und Mystery in ihren Plot, um in einem dramatischen und effektvollen Finale zu enden, das einem Stephen King würdig ist. Obwohl sich die Geschichte in eine esoterische Richtung bewegt, wirken die Ereignisse niemals gekünstelt, sondern auf faszinierende Weise dennoch glaubwürdig.

Wer Jack Ketchums Klassiker wie „Evil“ oder eben die „Beute“-Trilogie kennt, könnte von „Scar“ leicht enttäuscht werden, denn hier wird eindeutig ein anderer, weitaus weniger brutale Weg eingeschlagen, der aber auf andere Weise zu schockieren vermag. Manches Mal fühlte ich mich an „Blutrot“ erinnert, das für mich immer noch neben „Evil“ eines der besten Bücher von Jack Ketchum darstellt.
Die Dialoge in „Scar“ wirken oft filmreif, was wahrscheinlich daran liegt, dass Co-Autor Lucky McKee neben seiner Autorentätigkeit auch noch Drehbuchschreiber und auch Regisseur („May“, „The Woman“) ist.  Gerade diese lebendigen Dialoge machen neben den kurzen, knackigen Kapiteln „Scar“ zu einem Pageturner, den man schwer aus der Hand legen möchte. Ich fühlte mich auf jeden Fall richtig wohl in der Handlung und Delia, ihr Bruder Robbie und natürlich die Hündin Caity sind mir in der kurzen Lesezeit ans Herz gewachsen. Aber auch die Antipathie gegenüber den Eltern wurde treffend geschildert. Mal ein etwas anderer Jack Ketchum.

.

Fazit: Eine andere Seite von Jack Ketchum. Ruhiges Familiendrama mit Mystery-Einlagen und einem gelungenen, etwas härteren Finale.

© 2017 Wolfgang Brunner für Buchwelten

Grappa greift durch von Gabriella Wollenhaupt

.

Grappa greift durchErschienen als Taschenbuch
im Grafit Verlag
insgesamt 220 Seiten
Preis:  9,99  €
ISBN: 978-3-89425-468-1
Kategorie: Krimi

.

Mitten in der Nacht wird Maria Grappa telefonisch von ihrer Lieblingsbäckerin Frau Schmitz aus dem Bett geworfen. Sie hat eine unheimliche Entdeckung gemacht. Auf einem Spielplatz in ihrer Zechensiedlung sitzt eine Muslima und schaukelt ihr totes Kind.

Offensichtlich ist es keines natürlichen Tod gestorben und Grappa beginnt sofort zu recherchieren. Sie knüpft Kontakte und versucht Hintergründe zu erfahren. Doch erstens schweigt die unter Schock stehende Mutter beharrlich und zweitens legt Grappas Chef ihr schonungslos einen Maulkorb an. Denn er wird von Stadtoberen und dem Integrationsrat unter Druck gesetzt. Als Grund wird der religiöse Frieden genannt.

Doch Grappa wäre nicht Grappa, würde sie nicht rebellieren und diesen Maulkorb einfach so hinnehmen. Und dann wird die muslimische Mutter des toten Kinder Opfer eines Selbstmordattentäters ….

***


Einige Grappa-Romane habe ich mittlerweile gelesen (lange nicht alle, die die Autorin vorgelegt hat) und ich mag sie einfach. Diese toughe Reporterin mit ihrem speziellen Biss und schwarzem Humor, ihrer Neugier, der zielstrebigen und furchtlosen Art. Grappa ist direkt, frech und vorlaut, sie macht sich aber dennoch eine Menge Gedanken und ist ein herzensguter Mensch. Die Romane von Gabriella Wollenhaupt sind einfach knackig, rasant, machen Spaß und bieten einfach kurzweiligen Lesespaß.

Ich finde es hochinteressant, wie Gabriella Wollenhaupt es in diesem Band geschafft hat, die Eigenschaften ihrer Protagonistin und auch die der Nebencharaktere mit diesem leider brandaktuellen und hochbrisanten Thema in Einklang zu bringen. Sie hat hier eine perfekt gelungene Gratwanderung geschafft, die mich beeindruckt hat.

Mein Fazit: Ein (leider) topaktuelles und brisantes Thema wird hier in der typischen Grappa-Manier behandelt. Die Gratwanderung zwischen Dramatik, Gefahr und kurzweiligem Lesevergnügen hat mich vollkommen überzeugt.

.

© Buchwelten 2016

Hilflos von Barbara Gowdy

hilflos

Erschienen als gebundene Ausgabe
bei Kunstmann
insgesamt 336 Seiten
Preis: 19,90 €
ISBN: 978-3-88897-462-5
Kategorie: Drama, Thriller

.

Bei einem Stromausfall verschwindet die neunjährige Rachel spurlos. Die Mutter und Freunde helfen der Polizei bei der Suche, nichtsahnend, dass sich das Mädchen gar nicht einmal so weit entfernt von ihnen befindet. Rachel wurde von Ron und Nancy entführt, die sich nichts sehnlicher wünschen, als ein eigenes Kind. Und Ron verspürt manchmal eine wahnsinnige Sehnsucht und Liebe gegenüber dem Mädchen, dass er sie nicht mehr hergeben möchte …

*

Barbara Gowdy hat ein intensives Drama geschrieben, das sehr mitnimmt und emotional aufwühlt. Alleine die Tatsache, dass Gowdy versucht, eine Kindesentführung aus Sicht des Entführers, der Entführten und der betroffenen Mutter zu schildern, macht diesen Roman lesenswert. Denn die Autorin schafft es tatsächlich, jede Seite „verständlich“  und nachvollziehbar zu machen. Auf sehr ruhige Art wird eine Geschichte erzählt, die im Grunde genommen nur von einer Sache erzählt, nämlich der Macht der Liebe. Es ist eine Gratwanderung, die Gowdy hier entlang geht, ohne dabei auf eine Seite abzustürzen.
So schrecklich die Thematik auch ist, so einfühlsam und empathisch wird die Geschichte erzählt, dass sie so manches Mal sogar den Schrecken vergessen lässt und Hoffnung auf eine bessere Welt aussät. Immer wieder hofft man, dass der Entführer seinen Gelüsten nicht nachgibt. Wie diese innere Zerrissenheit des Mannes beschrieben wird, ist schon sehr realistisch und sensibel.

Eindringlich, nachvollziehbar und tiefgründig beschreibt Gowdy, was in einem Mann vorgeht, der Liebe und Begehren zu einem Mädchen nicht ganz unterscheiden kann. Andererseits spürt man die Verzweiflung der Mutter und die Anspannung, die solch ein Vorfall im Freundeskreis auslöst. Die Unsicherheit des entführten Mädchens wird so grandios in Szene gesetzt , als erhielte man tatsächlich Einblick in die Gefühlswelt eines solchen Opfers.
Barbara Gowdy hat sich in ihrem sechsten Roman einem schwierigen Thema gewidmet und hat dies aus meiner Sicht mit Bravour gemeistert. Ich konnte mich schwer von der Geschichte losreißen. Das Ende hat mich nachdenklich gemacht.
Gowdy versucht, sich in die Psychologie eines solchen Straftäters einzudenken und ich finde, das ist ihr sehr gut gelungen. Ihr geht es in ihrem Roman weniger um eine effektgeladene Krimigeschichte, als vielmehr um ein Psychogramm von Entführer und Entführter.
Wer sich auf das Thema einlassen kann, wird mit einer spannenden, aber dennoch sehr ruhigen Geschichte belohnt, die es in sich hat.

.

Fazit: Einfühlsam und ruhig erzählt Barbara Gowdy die Geschichte einer Kindesentführung und versucht dabei, die Psychologie des Täters zu durchleuchten.

© 2015 Wolfgang Brunner für Buchwelten

Das geheime Prinzip der Liebe von Hélène Grémillon (4/5)

.


Erschienen als
gebundene Ausgabe
bei Hoffmann und Campe
256 Seiten
Preis: 19,99 €
ISBN:  978-3-455-40096-0

.

Der Roman erzählt die Geschichte von Camille, einer Verlegerin in Paris im Jahre 1975. Gerade ist ihre Mutter bei einem Autounfall gestorben, was sie sehr traurig macht, denn sie hatte ein sehr inniges Verhältnis zu ihr. Außerdem ist Camille schwanger und diese Zeit hätte sie natürlich gerne mit ihrer geliebten Maman geteilt.

Zwischen den vielen Kondolenzschreiben, die Camille erhält – und grösstenteils nicht einmal durchliest – findet sich ein Brief, der sich von den anderen direkt abhebt. Es ist ein langer Brief, ohne Anrede und unterzeichnet von einem gewissen Louis, einem Mann den Camille überhaupt nicht kennt.

Er erzählt ihr seine Lebensgeschichte, beginnend in frühester Kindheit, wie er im kleinen Ort N. das Mädchen Annie kennenlernt, die ihn in seinem Herzen sein gesamtes weiteres Leben begleiten soll. Camille ist gleichzeitig gefesselt, verwirrt und sehr neugierig was es mit dem Schreiben auf sich hat. Hat dies einer ihrer Autoren geschrieben um sich einen Scherz zu erlauben? Oder ist es die Anfrage für einen neuen Roman von jemandem, der sich nur durch eine ausgefallene Art und Weise, sein Manuskript einzureichen, Erfolg verspricht?

Im Abstand von eingen Wochen kommen immer neue Briefe von Louis und erzählen seine Lebens- und Liebesgeschichte zu Annie weiter. Schreibt wie Annie sich entschieden hat, für ihre Gönnerin Madame M. ein Kind für sie auszutragen, da sie selber unfruchtbar ist. Soviel hat Madame M. für Annie getan, ihre Malerei unterstützt und Annie selber will sowieso nie eigene Kinder. Er erzählt, wie Annie mit ihr nach Paris geht, seine grosse Liebe im Laufe der folgenden Kriegsjahre aus den Augen verliert und plötzlich wiederfindet.

Camille ertappt sich dabei, dass sie mittlerweile auf die Briefe des geheimnisvollen Louis wartet, weil sie wissen muss wie die Geschichte um Annie und ihn weitergeht. Ausserdem beschleicht sie eine Ahnung, dass sie selbst vielleicht ein Teil dieser vielen beschriebenen Seiten ist ….

.

***

.

Ich lese ja generell Romane quer durch alle Genres und daher auch immer mal wieder gerne eine schöne Liebesgeschichte, wenn sie denn nicht trieft vor lauter gespielter Emotionen … 

Bei diesem Roman hat mich zuallererst das Cover angesprochen, daher kann ich dann gleich mit dem Erscheinungsbild des Buches anfangen. Das Cover ist schwarz-weiss und nur durch den dunkelroten Regenschirm farbig aufgelockert. Das Kopfsteinpflaster, die Schuhe der alten Zeit und die nicht erkennbaren Personen unter dem Schirm: das hat mir auf Anhieb sehr gut gefallen und mich die Inhaltsangabe lesen lassen.
Die hat mich dann letztendlich überzeugt und meine Neugier war komplett geweckt, sodass ich das Buch bestellt habe.

Die Autorin hat eine ruhige, schöne Stimmung geschaffen, auch wenn die Umstände der Handlung oft auch sehr dramatisch waren. Der Schreibstil ist sehr angenehm und hat mich überzeugt. Sie hat die Gefühle ihrer Protagonisten erstaunlich gut in Worte fassen können. Hier meine ich nicht nur die Liebe, die natürlich auch eine grosse Rolle spielt, auch schlechte Gefühle und Eigenschaften wie Hass, Rachsucht, Wahnvorstellungen und extreme Verlustängste hat sie in ihrer Figur Madame M. fantastisch ausgearbeitet. Die Hintergründe für deren teilweise hinterlistiges, bösartiges Handeln und Lügen waren so verständlich und überzeugend, dass der Leser all dies sehr gut nachvollziehen konnte.

Die Handlung beginnt im Jahre 1975 nach dem Tod von Camilles Mutter. Die Passagen der Briefe von Louis bilden eigene Kapitel, die uns zurück in die Vergangenheit bringen. Hier spielt sich viel in dem kleinen malerischen Ort N. ab und da diese Kapitel sich wie Louis‘ eigene Berichte lesen, hatte ich das Gefühl in einem Tagebuch zu stöbern und fühlte mich in die damalige Zeit zurückversetzt.

Im letzten Drittel des Romans wird die Geschichte noch einmal erzählt, aber aus der Sicht einer anderen Person. Eigentlich ein einfaches Prinzip: Jede Geschichte hat zwei Seiten und das war absolut interessant umgesetzt.

Natürlich war das Ende oder die Lösung von Anfang an absehbar, doch die Autorin hat zum Schluß noch eine kleines Highligt eingebaut, das ihr gelungen war. Ich hatte es vermutet und es gefiel mir gut.

Was noch erwähnenswert ist: Die Haupthandlung der Jetztzeit um Camille ist komplett kursiv und die Passagen von Louis‘ Briefen und Berichten dann in normaler Schrift gedruckt. Anfangs fand es etwas gewöhnungsbedürftig, sind doch sonst eher die Rückblenden dann schriftbildlich vom restlichen Text abgehoben, doch nachher ging es gut.

.

Mein Fazit: 4 von 5 Sternen für eine ruhige Liebesgeschichte, die sich nicht auf eine Handlungszeit bezieht und Einblicke in das Gute und Böse der Menschen gibt. Eine angenehme Leseatmosphäre und eine Handlung in die man sich fallenlassen kann. Mir hat das Buch gefallen und ich werde gewiß weiteres von der Autorin lesen, wenn mir nach ruhiger Stimmung ist.

.

.

Ich danke Amazon und Hoffmann und Campe für die Bereitstellung des Rezensionsexemplares.

..

.

© Buchwelten 2012