Fahrräder für Utrecht von Jochen Baier

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Erschienen als Klappenbroschur
im LangenMüller Verlag
insgesamt  336 Seiten
Preis: 24,00 €
ISBN: 978-3-7844-3422-3
Kategorie: Roman

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Am Sterbebett erfährt Hauke von seinem Opa Heinrich, dass dieser während des Krieges in Utrecht stationiert und dort für die Beschlagnahmung und Registrierung der Fahrräder von Juden verantwortlich war.

Außerdem offenbart Opa Heinrich ihm, dass er ein uneheliches Kind mit einer Niederländerin hat, mit Linda, die er im Krieg einfach hat sitzen lassen.

Hauke ist nach dem Tod seiner Eltern bei seinen Großeltern aufgewachsen und empfindet eine tiefe Bindung zu ihnen. Seinen Großvater liebte er über alles, darum kommt ihm der Gedanke der Wiedergutmachung. Ob es wohl möglich ist, eine Aktion zu starten, die den Holländern ihre Fahrräder zurückbringt? Gemeinsam mit seinen zwei engsten Freunden beginnt er zu planen und versucht eine Fahrradtour von Kettwig nach Utrecht in den Niederlanden zu organisieren.

Eine Reise die nicht nur auf Zuspruch trifft und die eine ganze Reihe an Höhen und Tiefen mit sich bringt. Ob am Ende alles gut wird … ?

***

Zunächst einmal mögen die Holländer ja gar nicht, wenn sie Holländer genannt werden. Wenn dann bitte Niederländer ☺. Ich selbst habe sehr viel Verwandtschaft in den Niederlanden. Bei mir war es aber andersrum: Meine Oma aus Köln hat schon weit vor dem Krieg einen Niederländer geheiratet, was uns übrigen Nachkommen ausnahmslos die niederländische Staatsangehörigkeit beschert hat. Und natürlich war ich als Kind immer viel in den Niederlanden, um die Verwandtschaft besuchen. Von den angeblichen bösen Witzen den Deutschen gegenüber in Bezug auf die Fietsen habe ich allerdings noch nie etwas gehört.

Der Schreibstil ist sehr locker und eher umgangssprachlich gehalten. Der Autor Jochen Baier, mein Baujahr, liefert hier aber einen lockeren Road/Ruhr-Movie ab, der Spaß macht, aber natürlich auch zum Nachdenken anregt. Mit der deutschen Nazivergangenheit konfrontiert zu werden, löst bei uns immer noch Beklemmungen aus, das ist auch bei diesem Roman so.

Viele Meinungen kommen zu Tage, viele Ansichten von beiden Seiten. Aus Sicht der Niederländer und aus Sicht der Juden. Die Verlassenen kommen zu Wort und die, die verlassen. Auf der Reise nach Utrecht lernen wir eine Menge Menschen kennen und die machen echt Spaß. Egal, ob ihre Geschichten traurig sind oder nicht.

Manchmal war es mir allerdings einfach alles zu sehr Klischee, zuviel genau das, was noch mit rein musste in die Handlung. Eine türkische Kindergartenfreundin, die ja eigentlich deutsch ist (zum Thema Multi-Kulti), der langjährige Kumpel, die alte Dame, die Jüdin ist, die Schiffer aus der Ruhrorter Hafenspelunke, die soviel Herz haben (In Ruhrort gibt es übrigens kein Lokal namens Schimmi’s ☺, das weiß ich, weil ich lange dort gewohnt habe).

Aber unterm Strich ist es egal, ich habe einfach drüber weg gelesen und versucht, aus dem Buch zu ziehen, was es liefern soll: nämlich Unterhaltung mit einem guten Schuss zum Nachdenken anregend.

Ich hatte Freude bei der Lektüre. Und den Fietsen Dans, den musste ich doch glatt bei Youtube suchen ….

© Buchwelten 2018

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Am Fluss der Sterne von Guy Gavriel Kay

Fluss

Erschienen als Taschenbuch
im Fischer Tor Verlag
insgesamt 720 Seiten
Preis: 16,99 €
ISBN: 978-3-596-03572-4
Kategorie: Fantasy

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In Kitai herrscht Krieg.
Ren Daiyan fühlt seit seiner Geburt, dass er dazu auserkoren ist, Kitai wieder zu neuer Macht zu verhelfen. Er wird zum Geächteten, bis er schließlich zu, Führer einer mächtigen Armee aufsteigt, um dem Land Frieden zu bescheren. Doch nicht alles verläuft nach Plan, wie Daiyan es sich vorgestellt hat.

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Es fällt beileibe nicht leicht, Zugang zu Kays neuem Roman zu finden. Zu viele gleich klingende Namen erschweren den Einstieg, der noch durch eine Unmenge an Fremdwörtern und Begebenheiten überlastet wirkt und dem ein oder anderen Leser von „Normalkost“ das Weiterlesen verleiden könnte. „Am Fluss der Sterne“ ist definitiv kein Fantasyroman, wie man ihn kennt. Es handelt sich hier vielmehr fast schon um einen historisch angehauchten Roman, der zwar in einer erfundenen Welt spielt, aber ansonsten wie eine Geschichte aus der Vergangenheit Chinas wirkt. Vieles erscheint dem Leser (zumindest verhielt es sich bei mir so) anfangs sehr verwirrend und überfrachtet, so dass man der Handlung sehr schwer folgen kann, zumal man hin und wieder schon ein paar Personen, die sich, wie schon erwähnt, namentlich gleichen, verwechseln kann.  Aber durchhalten lohnt sich, denn Kay entwirft ein sehr glaubwürdiges Weltbild, in dem man sich schließlich irgendwann doch zurecht findet.

Die Charakterzeichnungen in diesem Roman sind sehr gelungen und vermitteln auf jeden Fall gewisse Tiefen, die aber durchaus noch eigenständige Interpretationen des Lesers zulassen. Die Beschreibungen der Welt Kitai ist so detailliert und glaubwürdig beschrieben, dass man des öfteren vergisst, einen Fantasy-Roman zu lesen und meint, es handele sich um einen historischen Roman nach wahren Begebenheiten. Kay entwirft eine authentische Welt, in der man sich heimisch fühlt, wenn man die Anfangsschwierigkeiten überwunden hat. Es zieht sich eine melancholische Grundstimmung durch den gesamten Roman, die süchtig macht und der man sich schlecht entziehen kann. Hinzu kommt der sehr gehobene, niveauvolle Schreibstil des Autors, der dieses Gesamtbild noch unterstreicht. An manchen Stellen setzt der Autor allerdings meiner Empfindung nach voraus, dass man die Gepflogenheiten der chinesischen Kulturen besser kennt, als es tatsächlich ist. Denn einerseits zu detailverliebt, andererseits aber irgendwie zu selbstverständlich geht Kay an gewisse kulturelle Gepflogenheiten heran, als wären sie für uns Europäer so ohne weiteres zu verstehen. Das macht die Protagonisten an manchen Stellen etwas unnahbar (zumindest für uns Europäer) und lässt sie fremd wirken.

„Am Fluss der Sterne“ ist dennoch ein episches Werk, das hervorragend zu unterhalten vermag, sich aber eher auf sehr ruhige Weise fortbewegt und entwickelt. Wer klassische Fantasy im Stil von „Der Herr der Ringe“ und Konsorten erwartet, wird hier aufgrund der Parallelen mit unserer realen Welt eher enttäuscht werden, denn Kays Kitai ist definitiv nicht Mittelerde oder ein anderer ähnlicher Kontinent. Wer sich darauf einstellt, dass er eher ein klassischer Abenteuerroman mit historischen Verweisen zur wirklichen Welt geboten bekommt, wird mit einem bombastischen Szenario und authentischen Akteuren belohnt. „Am Fluss der Sterne“ bietet Abenteuer, Kriege (die allerdings nicht ausufernd beschrieben, sondern nur kurz geschildert werden), eine unkitschige Liebesgeschichte, Intrigen und jede Menge Politik und Strategie. Wer knackige, kurzweilige Fantasy mag, wird hier Schwierigkeiten haben und den größten Teil dieses Romans langatmig und auch langweilig finden. Alle anderen, die eine gut recherchierte und hervorragend geschriebene Geschichte mögen, werden sich dem Sog dieses Buches nicht entziehen können. Vor allem China-Begeisterte werden ihr helle Freude  an diesem Roman haben.
Ich persönlich fand mich anfangs, wie schon oben erwähnt, nicht wirklich in dieser Welt und aufgrund der vielen gleich klingenden Personen- und Ortsnamen überhaupt nicht zurecht. Doch das Durchhalten hat sich definitiv gelohnt. Also wenn es jemandem genauso ergehen sollte: Nicht verzagen und weitermachen … der Knoten platzt. 😉

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Fazit: Nach Anfangsschwierigkeiten wird man mit einem epischen, historischen und äußerst bildhaft verfassten Fantasyroman belohnt.

© 2018 Wolfgang Brunner für Buchwelten

Das Dunkel der Sterne von Peter F. Hamilton

haMILTON

Erschienen als Taschenbuch
bei Piper
insgesamt 928 Seiten
Preis:  20,00  €
ISBN: 978-3-492-70392-5
Kategorie: Science Fiction

Der Planet Bienvenido konnte zwar endlich aus der Leere ins Universum zurückkehren; doch er ist Millionen Lichtjahre vom Commenwealth entfernt. Die Bewohner kämpfen immer noch gegen die Faller.  Doch plötzlich erscheint eine mysteriöse Gestalt auf, die sich „Kriegerengel“ nennt und den Menschen Hilfe anbietet.

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Der zweite Roman aus der „Chronik der Faller“ setzt unbedingt voraus, dass man den ersten Teil kennt, denn die komplexe Handlung wird fortgeführt. Ohne Vorwissen gerät der dicke Schmöker schnell zu einem äußerst unübersichtlichen Plot, dem man schon bald nicht mehr folgen kann. Wer aber noch ungefähr weiß, was sich im ersten Teil abgespielt hat, darf erfreut in das „neue“ Universum von Peter F. Hamilton zurückkehren.  Man muss allerdings diese Art von (Science Fiction-) Bücher mögen, denn es verlangt auch einem eingeschworenen Fan an gewissen Stellen Durchhaltevermögen ab. Hamilton geht in die Länge, wo er nur kann (außer hier am Ende) und fordert vom Leser Aufmerksamkeit und Konzentration, denn nur zu schnell kann man nämlich die Übersicht bei der Komplexität der Handlung verlieren. „Das Dunkel der Sterne“ wirkt durch die Antagonisten, die „Faller“, herrlich unverbraucht und erfrischend, die mir in dem vorliegenden zweiten Teil sogar noch besser als im ersten gefallen haben.

Peter F. Hamilton schreibt Space Operas, wie sie sich der eingefleischte Science Fiction-Fan wünscht. Da ist wirklich alles dabei, von politischen Intrigen über Weltraumschlachten und Aliens bis hin zu polizeilichen Ermittlungen und Verschwörungen. Hamilton erschafft eine bis ins letzte Detail glaubwürdige Zukunftswelt. Das mittlere Drittel dieses zweiten Teils hat mir besonders gut gefallen. Hier treffen die verschiedenen Handlungsstränge aufeinander, vermischen sich und ergeben plötzlich einen Sinn. Das war hervorragend gemacht und hat mich eher an einen „alten“ Abenteuerroman als an eine moderne Science Fiction-Geschichte erinnert. In diesem Abschnitt des sehr umfangreichen Romans kam eine sehr angenehme Atmosphäre auf,  wegen der ich unentwegt weiterlesen wollte. Gegen Ende hin wird Hamilton dann wieder etwas langatmiger und widmet sich ausgiebigen Beschreibungen von zum Beispiel technischen Details, die für den ein oder anderen (ungeduldigen) Leser etwas ermüdende Auswirkungen haben könnten. Da ich die anderen Commonwealth-Romane (noch nicht) kenne, könnte ich mir durchaus vorstellen, dass sich mit diesem Wissen hier auch noch ein komplett anderes Gesamtbild ergeben könnte. Aber der Lesegenuss funktioniert auch ohne die vorhergehenden Romane aus dem Commonwealth-Zyklus, „Der Abgrund jenseits der Träume“ einmal ausgenommen.

Die Charakterzeichnungen fand ich ebenfalls sehr gelungen, allen voran der „normale“ Florian. Die Szenen, in denen er sich um ein schnell heranwachsendes Baby kümmert, sind einfach nur göttlich und machen dermaßen viel Spaß, dass man sich am Ende wünscht, es hätte noch länger gedauert. Aber auch die anderen Personen agieren glaubwürdig und wachsen einem ans Herz, oder auch nicht. „Die Chronik der Faller“ ist episch angelegt und umfasst einen riesigen Zeitraum, der unendlich viele Möglichkeiten und eigene Gedankengänge zulässt. Denn obwohl Hamilton sehr vieles genau erklärt, rotieren die Gedanken des Lesers (zumindest ging es mir so) permanent und bilden erstaunlicherweise irgendwie zusätzliche Details in dem ganzen Universum. Was ich damit sagen will, ist, dass Hamilton es bei mir geschafft hat, dass ich seine erschaffene Welt über seine Erklärungen hinaus in meiner Vorstellung weiter ausgebaut habe. Erwähnen möchte ich noch unbedingt die Verfolgungsszene mit den Polarbären, die so bildhaft beschrieben wurde, dass ich förmlich einen Film vor meinem inneren Auge sah. Dieses Geschehen wirkte sehr beeindruckend auf mich und ich denke, dass ich es nicht so schnell vergessen werdew. Peter F. Hamiltons Abschlussband der „Faller-Chronik“ schließt nahtlos an den ersten Band an. Beide Bücher ergeben ein Science Fiction-Abenteuer der Extraklasse, dessen Gesamteindruck im Nachhinein noch mehr nachwirkt als während des Lesens. So muss gute Science Fiction sein.

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Fazit: Würdige Fortsetzung von „Die Träume jenseits des Abgrunds“. Genialer Science Fiction-Pageturner.

© 2017 Wolfgang Brunner für Buchwelten

München von Robert Harris

Erschienen als gebundene Ausgabe
im Heyne Verlag
insgesamt 432 Seiten
Preis: 22,00 €
ISBN: 978-3-453-27143-2
Kategorie: Thriller, Historischer Roman, Drama

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Im September 1938 treffen sich Hitler, Chamberlain, Mussolini und Daladier zu einer kurzfristig einberufenen Konferenz in München. Es geht um die Einnahme von Teilen der Tschechoslowakei durch die Deutschen, aber auch um den Weltfrieden. An der Seite des britischen Premierministers Chamberlain nimmt Hugh Legat aus dem Außenministerium an der Reise nach München teil. In München trifft Legat auf Paul von Hartmann aus dem Auswärtigen Amt in Berlin, mit dem ihn eine Freundschaft aus alten Zeiten verbindet. Legat erfährt, dass von Hartmann einer geheimen Widerstandsgruppe gegen Hitler angehört und sieht sich schon bald in einer Zwickmühle, als ihm Papiere ausgehändigt werden, die einen drohenden Weltkrieg prophezeien.

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Wow, was für ein Buch! Schon nach den ersten Seiten konnte ich mich nicht mehr von der Geschichte losreißen. Und das, obwohl ich ein an Politik völlig uninteressierter Mensch bin, der logischerweise auch solcherart Bücher eigentlich gar nicht gerne liest. Aber Robert Harris hat mich schon mit vielen seiner anderen Bücher überzeugen können, und so war ich natürlich gespannt, wie er diese geschichtliche Episode, die noch dazu in meiner Heimatstadt München spielt, zu Papier gebracht hat. „München“ ist schlichtweg atemberaubend grandios geworden und vermittelt die damalige Stimmung aus meiner Sicht (ich war ja glücklicherweise nicht dabei 😉 ) sehr gut und stimmig. Harris schreibt sehr einfach, aber auch niveauvoll, so dass man von der Story vollkommen gefangen genommen wird.

Robert Harris schildert die historischen Ereignisse dermaßen kurzweilig, dass man locker doppelt so viele Seiten hätte lesen können. Die Vermischung aus historisch belegten Geschehnissen und erfundenen, fiktiven Begebenheiten ist dem Autor absolut gut und vor allem glaubwürdig gelungen. Die Hintergründe sind aufs sorgfältigste recherchiert und Harris versteht es meisterhaft, die teils trockenen, geschichtlichen Zusammenhänge, die zu dieser Konferenz geführt haben, zu einem enorm spannenden Erlebnis zu verarbeiten, dass noch lange im Gedächtnis haften bleibt. Man bekommt während des Lesens wirklich den Eindruck, die Protagonisten (ob fiktiv oder real) persönlich zu kennen, so geschickt schildert Harris diese Persönlichkeiten. Und beim ersten Erscheinen Adolf Hitlers hält man unweigerlich die Luft an, so eindringlich (und irgendwie auch bedrohlich) wurde sein Auftreten beschrieben. „München“ wirkte auf mich unglaublich intensiv und bedrohlich in seiner teils aussichtslosen Atmosphäre. Die Verhandlungen und Überlegungen der Politiker sind durchweg verständlich erklärt und machen dieses Buch auch für einen Menschen wie mich, der sich absolut nicht für Politik interessiert, zu einem wirklich atemberaubenden Abenteuer.

Bedrückender Nebeneffekt dieses historischen Romans ist die Reflektierung der aktuellen politischen Situation, die sich wohl heutzutage genauso schleichend wie in der Vergangenheit in die Köpfe einiger Menschen festsetzt. „München“ besitzt einen unglaublichen Sog, der zum einen am wunderbar flüssigen und angenehmen Schreibstil Robert Harris‘ liegt und zum anderen am für mich äußerst kurzweiligen Plot, den manch anderer aber bestimmt langatmig empfinden wird. Aus meiner Sicht war kein Satz zu viel. Im Gegenteil, wie oben schon erwähnt, hätte ich die Protagonisten und die politischen Überlegungen noch gerne ein paar hundert Seiten mehr genossen. Robert Harris lässt seine Geschichte auf knapp vierhundert Seiten an lediglich vier Tagen spielen. Gerade diese knappe Zeitspanne stellt einen enorm intensiven Handlungsstrang zu, der wie ein Film wirkt. Durch die präzisen Beschreibungen der Örtlichkeiten fällt es nicht schwer, sich in dem Roman zu verlieren und einfach mittendrin zu sein. Robert Harris hat es also tatsächlich mit diesem Roman erneut geschafft, mich für ein politisches Thema zu interessieren und sogar zu begeistern. „München“ hat mich schlichtweg süchtig gemacht.

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Fazit: Spannend, realistisch und unglaublich unterhaltsam. Höchster Suchtfaktor!

© 2017 Wolfgang Brunner für Buchwelten

Das Ende der Menschheit von Stephen Baxter

Erschienen als Taschenbuch
im Heyne Verlag
588 Seiten
16,99 €
ISBN: 978-3-453-31845-8

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Vierzehn Jahre sind vergangen, seit die Erde von den Marsianern angegriffen wurde. Die Menschheit wiegt sich in Sicherheit, nur der Schriftsteller und Kriegsveteran Walter Jenkins rechnet mit einer erneuten Invasion vom Mars. Leider behält er recht. Doch dieses Mal scheint der Angriff der Außerirdischen weitaus geplanter zu verlaufen, als beim ersten Mal.

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Als großer Fan des Originalromans von H.G. Wells und auch Stephen Baxter war ich natürlich gespannt, wie die Fortsetzung des Kultromans ausfallen würde. Baxter scheint ja selbst ein großer Anhänger von H.G. Wells zu sein, denn bereits 1995 wagte er sich an eine Fortsetzung eines Werkes desselbigen heran: „Zeitschiffe“, die Weiterführung der „Zeitmaschine“.
Entgegen anderer Meinungen bin ich alles andere als enttäuscht über „Das Ende der Menschheit“, wenngleich Baxters „Zeitschiffe“ meiner Erinnerung nach bedeutend besser gelungen ist. Stephen Baxter hat aber auch in diesem Fall von Anfang an die Grundstimmung des originalen Romans eingefangen und setzt die Geschichte durchaus plausibel und vor allem sehr unterhaltsam fort. Der Leser trifft auf Personen, die er noch aus dem ersten Teil kennt und fühlt sich (zumindest ging es mir so) sofort wieder wohl in der Handlung. Baxter macht aus dem zweiten Angriff der Marsianer ein bombastisches Event, das ich mir schon während des Lesens permanent als Kinofilm vorstellen konnte. Da werden alte Versatzstücke von H.G. Wells mit neuen, erfrischenden Ideen vermischt, dass es eine wahre Freude ist. Baxter lässt sich mit seinem Schreibstil auf den von H.G. Wells ein und vermittelt daher eine ähnliche Stimmung wie im  Original.

Der ein oder andere wird die militärischen Vorgehensweisen ermüdend und langweilig finden, ich konnte die Handlungsweisen durchaus nachvollziehen und fand sie insgesamt auch recht spannend. Sicherlich wurde Baxter an einigen Stellen etwas ausschweifend und ging vielleicht zu sehr ins Detail, was für mich aber immer noch im vertretbaren Rahmen und vor allem stimmig war. Gerade die oftmals dokumentarische Art und Weise, in der Baxter die zweite Attacke der Marsbewohner schildert, hat mich persönlich gefesselt und auch begeistert. Denn genau diese Erzählweise brachte eine tolle Atmosphäre in den Plot, die dadurch nicht spektakulär sondern eher ruhig und zurückhaltend auf mich wirkte. Stephen Baxter versucht niemals, an das Original heranzukommen, sondern erzählt auf geradezu schlichte Weise, wie die Geschichte hätte weitergehen können. An manchen Stellen interpretiert er unaufdringlich Dinge aus der Originalgeschichte auf seine eigene Art und Weise, was ich aber nie als unangenehm empfunden habe. Einziger Kritikpunkt auf politischer Ebene war für mich die oftmals sehr negative Darstellung der Deutschen, die mir an manchen Stellen ein wenig bitter aufgestoßen ist. Ansonsten wirkte der Plot von „Das Ende der Menschheit“ für mich stimmig konstruiert und zum größten Teil im Sinne von H.G. Wells weitergeführt. Sicherlich bricht immer wieder mal Baxters eigener Stil durch, wie könnte es auch anders sein, aber er hält sich schon sehr zurück, um die Stimmung des Originals wiederzugeben.

„Das Ende der Menschheit“ ist mit Sicherheit nicht Stephen Baxters bestes Buch. Dazu musste er sich wohl einfach zu sehr zurückhalten, um nicht in seinen für ihn typischen „Weltraum-Bombast“ zu verfallen. Baxter ist es aus meiner Sicht gelungen, eine würdige Hommage an Wells‘ Klassiker zu verfassen, obwohl er sich des Öfteren in unwichtigen Details verliert. Mir persönlich hat es dennoch gefallen. Vor allem die geschickte Einbindung bekannter Personen aus dem ersten Teil und die wirklich gut konstruierte andere Entwicklung der Weltgeschichte, hervorgerufen durch den ersten Angriff der Marsianer, werteten diese Fortsetzung für mich auf. Das Ende rief bei vielen wohl Verärgerung hervor, was ich gar nicht nachvollziehen kann. Baxter wollte einfach etwas Neues erschaffen, was ihm auch gelungen ist. Und so absurd, wie viele Leser meinen, kam das Finale bei mir keineswegs an. Man sollte sich darauf einlassen, denn „Das Ende der Menschheit“ hat durchaus einige Höhepunkte und vor allem eine sehr schöne Atmosphäre, die, wie bereits erwähnt, an H.G. Wells Kultklassiker erinnert. Für mich war die Fortsetzung eine schöne Hommage an das Original, vermischt mit den gewohnten Innovationen eines Stephen Baxter, der aus meiner Sicht niemals die Intention hatte, das Original zu toppen, sondern einfach nur fortsetzen wollte. Ich fand es gut. 🙂

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Fazit: Gelungene, gut konstruierte Fortsetzung, die die Atmosphäre des Originals wiedergibt.

© 2017 Wolfgang Brunner für Buchwelten

Ulldart – Die komplette Saga 1 von Markus Heitz

Erschienen als Taschenbuch
im Piper Verlag
1424 Seiten
20,00 €
ISBN: 978-3-492-28131-7

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Kurz vor seinem Tod äußert ein Mönch eine schreckliche Prophezeiung, in der es heißt, dass die Dunkle Zeit auf den Kontinent Ulldart zurückkehren wird. Lodrik, Sohn des Herrschers von Tarpol, ist Bestandteil dieser Weissagung, ohne dass er anfangs davon weiß. Im Alter von 15 Jahren wird er zusamen mit seinem Vertrauten Stoiko und seinem Leibwächter Waljakov von seinem Vater in die Provinz Granburg geschickt, wo er der neue Gouverneur werden und Erfahrungen in der Politik sammeln soll. Schon bald muss sich Lodrik gegen Verschwörungen, Intrigen und Betrug behaupten. Doch dann mehren sich die Zeichen, dass sich die Prophezeiung erfüllt. Als Lodrik nach dem Tod seines Vaters ins Königreich Tarpol zurückkehrt um die Herrschaft zu übernehmen, gerät Ulldart aus den Fugen. Ein Krieg zwischen den Völkern scheint plötzlich unausweichlich …

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Es dauert nicht lange, bis man sich in Markus Heitz‘ Mammutwerk, das gleichzeitig sein Romandebüt war. heimelig fühlt. Heitz schafft wunderbare Charaktere, die einem, egal ob gut oder böse, ans Herz wachsen. Zudem beschreibt der Autor seine Welt so detailliert und glaubhaft, dass man tatsächlich manchmal vergisst, dass es sich um einen Fantasyroman handelt. „Ulldart – Die komplette Saga 1“ ist ein High Fantasy-Abenteuer, wie es besser nicht sein könnte. Der erste Sammelband dieser Reihe aus dem Piper Verlag umfasst die ersten drei Bände „Schatten über Ulldart“, „Der Orden der Schwerter“ und „Das Zeichen des Dunklen Gottes“. Besonders gut gefallen hat mir, das Markus Heitz sich Zeit lässt und ganz gelassen an die bombastische Handlung herangeht. Mit jedem Band steigert er die Geschehnisse und baut eine unglaublich intensive Stimmung auf, die tatsächlich an Tolkien aber auch an Tad Williams erinnert. Heitz kann ausnehmend gut schreiben und gerade der extrem flüssige Schreibstil lässt die über 1.400 Seiten nur so dahinfliegen.

Heitz schafft es hervorragend, den Leser mit seinen Protagonisten mitleiden, -fiebern und -intrigieren zu lassen. Trotz der oftmals scheinbar wirren Entwicklungen verliert man niemals den Überblick über die Vorfälle und kann der Handlung folgen. Die Intrigen, die sich um Lodrik manifestieren, sind absolut gut durchdacht und haben zur Folge, dass man das Buch, obwohl es ziemlich schwer und unhandlich ist 😉 ) kaum aus der Hand legen will. Die Ulldart-Saga hat eindeutig enormes Suchtpotential und man mag es kaum glauben, dass es sich bei diesem Mammutwerk um Markus Heitz‘ Debüt handelt. Der Schreibstil bewegt sich, wie schon erwähnt, auf hohem Niveau und die bildhaften Beschreibungen lassen  aus dem Buch in den Gedanken des Lesers ein phantastisches Kopfkino entstehen. Erwähnenswert ist vielleicht auch, dass immer wieder ein klein wenig Humor angewandt wird, der aber nie aufdringlich oder gar peinlich wirkt, sondern sich optimal in die Story einfügt. Auch für Menschen wie mich, die eigentlich politische Machtrangeleien nicht so gerne lesen, ist „Ulldart“ uneingeschränkt empfehlenswert. Das liegt einfach daran, dass Heitz, wie eben auch Tad Williams, den Leser nicht mit unnötigen Details langweilt, sondern mit seinen Erklärungen genau auf den Punkt kommt, so dass man die Sachlage verstehen „muss“.

Die ersten drei Bände, und ich gehe stark davon aus, dass es sich bei den Folgebänden genauso verhält, gehen nahtlos ineinander über, so dass man keine eigenständigen Geschichten innerhalb eines Universums zu lesen bekommt, sondern eine durchgehende Storyline. Das macht „Ulldart“ zu einem epischen Werk, wenn man davon ausgeht, dass es sich insgesamt um neun Bände handelt. Die Entwicklung der Protagonisten ist durchwegs nachvollziehbar, wenngleich mir Lodrik ab einem gewissen Punkt nicht mehr als jugendlich vorkam, sondern eher wie ein heranreifender Mann. Beeindruckt war ich davon, wie sich der Spannungsgbogen während der drei Bücher konstant in die Höhe schraubt und die Geschichte immer epischer und bombastischer wird. Das hat schon eine Wirkung, der man sich nicht entziehen kann. Wie ein Strudel wird man von der Geschichte erfasst. „Ulldart“ erinnert mich ein bisschen an „Shadowmarch“ von Tad Williams oder entfernt sogar an „Game Of Thrones“.
Doch Markus Heitz hat einen eigenen Stil und eine eigene Geschichte zu erzählen. Ich freue mich schon sehr darauf, wenn es endlich wieder weitergeht und ich zu Lodrik und seinen Freunden nach Ulldart zurückkehren darf.

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Fazit: Ganz klare Leseempfehlung für Freunde niveauvoller High Fantasy. Einfühlsam, durchdacht, spannend und extrem kurzweilig.

© 2017 Wolfgang Brunner für Buchwelten

Die Rote Wand von David Pfeifer

Erschienen als Taschenbuch
bei Heyne
insgesamt 288 Seiten
Preis: 9,99 €
ISBN: 978-3-453-43876-7
Kategorie: Belletristik, Historie

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Im ersten Weltkrieg spielen sich auch Kämpfe in den Dolomiten ab, um die Grenze zwischen Nord- und Südeuropa zu verteidigen. Um ihrem Vater zu folgen, der in den Krieg gezogen ist, verkleidet sich ein Mädchen als Junge und folgt ihm. Schon bald befindet sie sich mitten unter Männern und inmitten blutiger, lebensbedrohlicher Kämpfe.

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Es dauert eine Weile, bis man sich an den journalistischen Schreibstil des Autors gewöhnt hat. Emotionslos wird in einer schnörkellosen Sprache eine Geschichte erzählt, die in „echter“ Romanform wahrscheinlich um einiges mehr berührt hätte. So aber verfolgt man die Protagonistin auf ihrer Odyssee durch eine Männer- und Bergwelt, ohne gefühlsmäßig wirklichen Anteil daran zu nehmen. Wie gesagt, man gewöhnt sich an den Schreibstil. Durch Pfeifers Beschreibungen ist man auch zweifelsohne oftmals mittendrin im Geschehen und man spürt manchmal auch die Rauheit der Berge und die Brutalität des Krieges, bekommt dies alles aber aus einem sehr großen Abstand serviert. Pfeifer bleibt fast immer auf einer sachlichen Ebene.

Nichtsdestotrotz ist David Pfeifer ein beeindruckendes Werk gelungen, das seine ganze Wirkung erst entfaltet, wenn man das Buch zu Ende gelesen hat. Vielleicht zeigt sich hier, dass der sachlich gehaltene Erzählstil doch irgendwie ein Kopfkino im Leser verursacht, das die Erlebnisse erst im Nachhinein zum Leben erwachen. Aber ich hätte mir einfach gewünscht, dass die eisige Umgebung, die gefahrvollen Klettereien, die kriegerischen Auseinandersetzungen und auch die melancholischen Gedanken des Mädchens effektvoller dargestellt werden. Wenn ich „Die Rote Wand“ zum Beispiel mit Dan Simmons‘ „Der Berg“ vergleiche, dann zieht Pfeifers Geschichte eindeutig den kürzeren, weil eben zu belanglos erzählt.

Insgesamt muss ich leider feststellen, dass „Die Rote Wand“ keinerlei Emotionen bei mir ausgelöst hat. Die Story an sich, nach einer wahren Geschichte, ist spannend und genial. Bei der Aufbereitung des Stoffes wäre allerdings weitaus mehr Potential da gewesen, als Pfeifer genutzt hat. Lesenswert ist das Buch aber allemal, da es sich eben durch einen zwar gewöhnungsbedürftigen, aber auch außergewöhnlichen Schreibstil auszeichnet, der mich so manches Mal an Andrea Maria Schenkel („Tannöd“) erinnerte. Schenkel schafft es aber durch ihre knappen und präzisen Beschreibungen zu fesseln, was man von Pfeifer eben leider nicht behaupten kann.
Recherchiert ist das Buch hervorragend und ganz am Ende beim Epilog, das muss ich zugeben, sprang ein emotionaler Funken auf mich über. 😉

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Fazit: Perfekt recherchiert, aber leider etwas emotionslos umgesetzt. Da wäre weitaus mehr Potential verfügbar gewesen.

© Wolfgang Brunner für Buchwelten

Jagdtrip von Jack Ketchum

Erschienen als Taschenbuch
im Heyne-Verlag
insgesamt 364 Seiten
Preis: 9,99 €
ISBN: 978-3-453-67706-7
Kategorie: Thriller

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Lee Moravian ist Vietnam-Veteran. Durch den Krieg hat er ein Trauma, wird von quälenden Erinnerungen heimgesucht und ist sofort auf Abwehrstellung, wenn eine Auseinandersetzung droht. Aus diesem Grund zieht er es vor, alleine in einer Hütte im Wald zu leben, denn er weiß, was er anrichten kann, wenn es mit ihm durchgeht.
Als eine Gruppe Camper in sein Revier eindringen, kann Lee nicht lange zurückhalten, was tief in ihm schlummert. Denn er sieht nicht die realen Menschen,  die in „seinem“ Wald sind, sondern Vietnamesen, die ihm nach dem Leben trachten. Lee beginnt, sich gegen die Eindringlinge zu wehren.

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Jack Ketchums Romane gelten als blutig, brutal und schonungslos. Seine Kannibalen-Reihe wurde sogar als pornographisch bezeichnet, was ich nicht wirklich nachvollziehen kann, aber na gut. Nichtsdestotrotz sind Ketchums Romane tatsächlich beängstigend und wirken vor allem so brutal, weil sie sehr nahe an der Wirklichkeit sind.
Manch einer von Ketchums Fans wird „Jagdtrip“ daher eher als ruhig und nicht blutig (hart) genug ansehen. Doch hinter der einfachen Story verbirgt sich mehr als man denkt. Ketchum hat einen einsamen, verängstigten und dennoch kaltblütigen „Rambo“ erschaffen, der an seiner Vergangenheit so sehr zu nagen hat, dass er die Realität fast vergisst.

Auf gewisse Art und Weise einfühlsam erzählt Ketchum Lees Geschichte, wie er sich in einer Welt außerhalb des Vietnamkrieges fühlt und welche (Verfolgungs-) Ängste ihn plagen. Sicherlich ist „Jagdtrip“ ein etwas anderer Ketchum, wie übrigens „Scar“ auch, aber er funktioniert einwandfrei. Jack Ketchums Schreibstil ist knapp, aber präzise. Man ist mittendrin im Geschehen und das macht dieses Buch auch, zumindest war es bei mir so, zu einem echten Pageturner. Die Story ist simpel und im Prinzip auch vorhersehbar. Aber das macht gar nichts, denn die Atmosphäre und die Charakterzeichnungen zählen in diesem Fall.  Auch wenn es nicht Jack Ketchums bestes Buch ist, so wird aber das schwierige Thema von Vietnam-Veteranen mit Kriegstrauma sehr gut und, wie oben schon erwähnt, auch sehr einfühlsam und glaubwürdig behandelt.

Gerade weil Jack Ketchum mit diesem Roman beweist, dass er nicht nur blutige, brutale Horrorgeschichten schreiben kann, sondern auch einen Thriller mit Drama-Touch, macht mir diesen Roman sympathisch. Das Ende geht dann zwar sehr schnell, aber nicht unbedingt zu schnell und wirkt in seiner Konsequenz, die mich übrigens ein wenig an das Lebensende von Ernest Hemingway erinnerte, nach. Vielleicht handelt es sich bei dieser Anspielung auf Hemingway sogar um Absicht. 😉
Der Plot zeigt auf jeden Fall, wie brutal und unsinnig Krieg ist und vor allem, was er später aus den Menschen macht, die sich gezwungenermaßen daran beteiligen mussten. Nicht nur die Soldaten selbst, sondern auch ihre Ehen zerbrechen an den Kriegen. Mir persönlich hat dieses Kriegsdrama wirklich gut gefallen und zeigt vor allem durch den stimmungsvollen Handlungsort (der Wald) eine nachhaltige Wirkung. Ketchum zeigt in etwa ähnlicher Weise Kritik am Vietnamkrieg wie Filme á la „Jacob’s Ladder“ oder „Geboren am 04. Juli“.
Jack Ketchums „Jagdtrip“ konnte mich auf jeden Fall durch seine klare und wirkungsvolle Sprache und die tiefergehenden Charakterzeichnungen der Protagonisten überzeugen.
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Fazit: Eindringlich in seiner Aussage, spannend geschrieben und erschütternd in der Konsequenz.

© 2017 Wolfgang Brunner für Buchwelten

Erntemond von Rudolf Marko

erntemond

Erschienen als Taschenbuch
bei S. Fischer Verlag846 Seiten
Preis:  26,99  €
ISBN: 978-3-596-31262-7
Kategorie: Belletristik, Dystopie
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Chas Meary reist nach Megumaage, ein Land am nördlichen Ende der Welt. Dort lebte einst seine früh verstorbene Frau und Chas erhofft sich, ihr noch einmal nahe zu sein, wenn er ihre Vergangenheit kennt. Ein Jahr lang lebt und arbeitet er in der abgeschiedenen Siedlung und lernt die Menschen dort kennen und lieben. Schon nach kurzer Zeit bemerkt er, dass die wichtigen Dinge im Leben nicht in der zivilisierten Welt der Großstädte, sondern in der Natur und im Spirituellen existieren.

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Es beginnt alles wie ein ruhiger Abenteuerroman, der einen sofort in den Bann zieht. Rudolf Markos Sprache und Schreibstil ist unglaublich intensiv, faszinierend und bildhaft. Es dauert nicht lange und man identifiziert sich mit dem Ich-Erzähler, erlebt all die Geschehnisse hautnah mit und lernt die unterschiedlichsten Personen des Ortes kennen. „Erntemond“ liest sich in der ersten Hälfte wie ein nostalgischer Rückblick in eine Vergangenheit, in der alles noch gut und schön war, und in der sich die Menschen aufs Wesentliche in ihrem Leben konzentrierten: Glück, Liebe, Arbeit und Zufriedenheit.
Markos Buch ist, wenn man sich darauf einlassen kann, wie ein Sog, der einen ergreift und nicht mehr loslässt. Man „lebt“ förmlich in jener fast heilen Welt, in der aber schreckliche Dinge geschehen. Der Schreibstil des Autors lässt keine Wünsche offen, erinnerte mich in seinen oftmals sehr detailgetreuen Beschreibungen an Diana Gabaldons Highlandsaga.

In der zweiten Hälfte des Romans wird es dann immer mystischer und auch dystopischer. Es stellt sich heraus, dass Marko seine Leser an der Nase herumgeführt hat.  Schleichend nimmt die Geschichte eine unerwartete Wendung an, die sämtliche vorangegangenen Geschehnisse plötzlich in einem anderen Licht erscheinen lässt. Ich habe noch nie solch einen genialen Genremix gelesen, der eine quasi Science Fiction-Geschichte in Form eines wunderschönen Heimat-, Abenteuer- und Liebesromans erzählt. Hinzu kommt, dass Marko noch einen Schuss Mystery in die Handlung einbaut, der das Gesamtwerk zu einem philosophischen Ausflug in die Menschlichkeit macht.

Man fühlt sich daheim, wenn man dem Protagonisten und seinen neuen Freunden bei seinen alltäglichen Arbeiten und den außergewöhnlichen Gesprächen beiwohnt. Man besinnt sich während des Lesens auf sein eigenes Leben und die Wertigkeit von materiellen Dingen, geht in sich und denkt darüber nach, sein Leben nicht mit Unwichtigem zu verschwenden. Rudolf Marko ist ein unglaublich intensives, hypnotisierendes und nachdenkliches Porträt eines Mannes und unserer Zivilisation gelungen, das nachhaltig im Gedächtnis bleibt und einem erscheint, als hätte man alles am eigenen Leib erfahren. Kaum hat man das Buch wieder aufgeschlagen, verlässt man die Realität und kehrt in eine Welt zurück, von der man sich so manches Mal wünschen würde, sie wäre unsere Wirklichkeit.
Rudolf Marko hat mich mit seinem Debüt-Roman vollkommen überzeugt und dadurch einen neuen Fan gewonnen, der die weiteren Romane des Autors auf jeden Fall lesen wird.

Wie schon erwähnt, handelt es sich bei „Erntemond“ um eines der außergewöhnlichsten Bücher, die ich kenne. Das liegt höchstwahrscheinlich zum einen an dem undurchsichtigen Genre, in dem es angesiedelt ist, und zum anderen an der wunderbaren Sprache, mit der es erzählt wird. Nostalgischer Heimatroman mit Abenteuerflair und einigen Tropfen Mystik á la „Twin Peaks“. „Erntemond“ macht süchtig.

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Fazit: Unglaublich stimmungsvolles, melancholisches Abenteuer in einer Zukunft, die mehr denn je den Ursprüngen der Menschheit gleicht. Vorsicht: Suchtgefahr!

© 2017 Wolfgang Brunner für Buchwelten

Das Lachen und der Tod von Pieter Webeling

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Erschienen als gebundene Ausgabe
im Blessing Verlag
insgesamt 320 Seiten
Preis: 19,99 €
ISBN: 978-3-89667-464-7
Kategorie: Allgemeine Belletristik (Drama)

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Der niederländische Komiker Ernst Hoffmann ist Halbjude und wird in ein in Polen liegendes Vernichtungslager deportiert. Doch er ist und bleibt Komiker und so kann er sich weder auf dem Bahnsteig vor der Abfahrt in einem Viehwaggon beherrschen (Frage an einen SS-Offizier, ob es sich denn hier um den 1. Klasse Viehwaggon handelt), noch im Verlauf der „Reise“ (um ein aufkommendes Gerangel innerhalb des Waggons zu unterbinden, steigt Hoffmann auf zwei Koffer und improvisiert eine Vorstellung) und später innerhalb des Lagers.

Während der Fahrt trifft Ernst auf die schöne Helena, in die er sich auf den ersten Blick verliebt, auch wenn sie sich nie zuvor gesehen haben. Sie versprechen sich gegenseitig, einander nie zu vergessen.

Nach der Ankunft im KZ beginnt sofort die Selektion von Frauen, Kindern, Männern. Ernst wird einem Arbeitskommando zugeteilt, hat also insofern Glück, dass er nicht sofort „duschen“ muss.

Der Lageralltag ist grausam, brutal und der Tod ist allgegenwärtig. Die Gedanken an die schöne Helena sind der einzige Hoffnungsschimmer, der Ernst bleibt. Über den Barackenältesten Schlomo erfährt er, dass seine Helena noch lebt und um sporadischen, schriftlichen Kontakt zu ihr halten zu können, trifft er eine Abmachung mit Schlomo: Jeden Tag einen Lacher. Er tritt abends als Komiker in der Baracke auf, bringt seine Mitinsassen zum Lachen, damit sie nicht dem Wahnsinn verfallen oder in Hoffnungslosigkeit ertrinken.

Als der Lagerkommandant davon erfährt, schlägt er Hoffmann vor, vor der SS als Komiker aufzutreten. Nicht nur er selber soll dadurch bevorzugt behandelt werden, auch seiner Helena soll der Alltag im Lager erleichtert und angenehmer gestaltet werden. Ernst Hoffmann weigert sich, wird sogar dem Todeskommando zugewiesen, der Gruppe Lagerinsassen, die für die Vergasung der Neuankömmlinge zuständig ist. Hoffmann soll die Menschen durch seine Komik beruhigen, zum lachen bringen, im Klartext: in die Irre führen.

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Der Autor Pieter Webeling hat hier eine Geschichte zu Papier gebracht, die sich liest, wie eine Autobiographie und nicht wie ein Roman. Er hat so genau recherchiert dass der Leser meint, der Autor selbst sei der Ich-Erzähler, der seine Geschichte wiedergibt. Die Gratwanderung zwischen Humor, Komik, Grausamkeit, Elend und Tod ist Webeling sehr gut gelungen. Dieses Thema ist eine schwere Kost und auch nach so vielen Jahrzehnten verliert es nichts von seiner Heftigkeit und seinen Gräueln.

Der Roman beschreibt das Überleben und den Tod innerhalb des KZs, die Leiden, Qualen durch Prügel, Hunger, Krankheit, jedoch ebenso den Hauch von Hoffnung und Freundschaft und ja, auch den Humor, der die Menschen vor dem Durchdrehen und Aufgeben bewahrt. Ich war absolut gefesselt von dieser Geschichte und habe während des Lesens die verschiedensten Gefühle durchlebt.

Webeling beginnt seinen Roman nach dem Krieg, mit dem ersten Auftritt seines Protagonisten in seinem Amsterdamer Theater. Somit weiß der Leser gleich zu Beginn, dass zumindest der Komiker es geschafft hat. Dann springt er zurück und erzählt die Ereignisse, die zwischen dem letzten und ersten Auftritt auf der Bühne liegen. Der Autor nimmt kein Blatt vor den Mund, schönt nichts und niemanden, beschreibt das Leben der Lagerinsassen so detailliert, dass es dem Leser erschreckend klar vor Augen steht.

Der Roman wird als gebundene Ausgabe präsentiert und von einem schlichten Cover geziert, dass treffender nicht sein kann und auch der Handlung entspricht: ein Mann in einer KZ-Pyjamahose, kombiniert mit einem Frack, Zylinder und Stock, wie Charlie Chaplin es trug. Auch der Titel könnte nicht passender sein: Das Lachen und der Tod trifft es haargenau. Der Titel wurde übrigens wörtlich aus dem niederländischen übernommen.

Mein Fazit: 5 von 5 Sternen für ein fantastisch, schreckliches Buch, dass die Gratwanderung zwischen Grausamkeit und Komik eindeutig geschafft hat. Es schockiert, macht traurig, bringt zum weinen, jedoch auch zum schmunzeln und lässt es sogar zu, dass sich der Leser während der Lektüre freuen kann. 

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