Wenn alle Katzen von der Welt verschwänden von Genki Kawamura

Wenn alle Katzen von der Welt verschwaenden von Genki Kawamura

Erschienen als gebundene Ausgabe
im C. Bertelsmann Verlag
insgesamt 190 Seiten
Preis: 18,00 €
ISBN: 978-3-570-10335-7
Kategorie: Belletristik

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Ein junger Briefträger erfährt, dass er aufgrund einer Krankheit nicht mehr lange zu leben hat. Am Abend desselben Tages bekommt er von einem geheimnisvollen Fremden Besuch, der sich als der Teufel herausstellt. Er will einen Pakt mit dem Kranken eingehen und bietet ihm für jede Sache, die der Sterbenskranke aus der Welt verschwinden lässt, einen weiteren Tag an, an dem er am Leben bleibt. Und so verschwinden Telefone, Filme und weitere Dinge, damit der Briefträger einen weiteren Tag lebt. Doch wie weit geht man, um am Leben zu bleiben? Welche Dinge braucht man zum Leben?

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Die Ausgangssituation zieht einen sofort in den Bann. Was wäre wenn …? Und das im Angesicht des bevorstehenden Todes? Wer hat nicht schon einmal darüber nachgedacht, wie es ist, wenn es soweit ist, und was man alles tun würde, um noch ein paar Tage am Leben zu bleiben? Kawamura nimmt ein beängstigendes Szenario als Ausgangspunkt, um dem Leser die Augen zu öffnen. Grundlegende Fragen des Lebens (und Sterbens) werden innerhalb einer flüssig erzählten Geschichte behandelt und lassen einen oftmals mitten im Satz innehalten und über das eigene Leben nachsinnieren. Kawamura besitzt einen sehr einfachen Schreibstil, der den Leser dennoch auf gewisse Art und Weise mitten ins Herz trifft. Man muss sich allerdings darauf einlassen können und die nicht sentimentale Ausdrucksart verstehen und an sich heran lassen. Es steckt nämlich sehr viel in den Worten, aber auch zwischen den Zeilen.

„Wenn alle Katzen von der Welt verschwänden“ ist ein dünnes Buch, das man zwar sehr schnell weglesen kann, das aber definitiv nachwirkt und zum nochmaligen Lesen einlädt. Macht man sich einmal bewusst, wie man selbst in solch einer Situation reagieren würde, öffnet das Buch eine erschreckende Sichtweise auf einen selbst und das eigene Leben. Was ist wirklich wichtig in unserer Welt? Womit wird man glücklich und worin besteht der eigentliche Sinn des Lebens? All diese Dinge hält uns Kawamura wie einen Spiegel vor und fordert uns indirekt auf, sich damit auseinanderzusetzen. Sofern man dies nicht schon einmal getan hat, eröffnen sich völlig neue Perspektiven, wie man das Leben genießen könnte und vor allem auch tun sollte. Materielles ist ebenso vergänglich wie das Leben, aber bringt es uns im Leben weiter? Macht es das Leben wirklich sinnvoller?  Ohne erhobenen Zeigefinger nimmt uns der Autor mit auf eine Reise ins Ich. Und viele werden sich und ihre eigenen Gedanken in den Worten und Überlegungen wiederfinden.

Genki Kawamura hat eine Parabel erschaffen, die einerseits auf poetische Weise das Thema Leben und Tod behandelt, andererseits aber auch niemals den Humor vergisst. Gerade diese Kombination ist es, die dieses Buch ausmacht, denn wir werden zwar mit einem ernsten und unangenehmen Thema konfrontiert, sehen aber immer wieder auch einen Hoffnungsschimmer am Horizont. Gerade das Ende, das anscheinend vielen Lesern nicht zugesagt hat, bringt, zumindest aus meiner Sicht, deutlich zutage, was im Leben wirklich wichtig ist und um was wir uns kümmern sollten, solange noch Zeit dafür ist.
„Wenn alle Katzen von der Erde verschwänden“ ist kein Buch für Zwischendurch. Man muss und sollte sich damit beschäftigen, auch nachdem man es gelesen hat. Denn die Botschaft könnte, gerade in unserer heutigen, oberflächlichen Zeit, nicht dringender und passender sein. Ein Buch zum Nachdenken und Träumen. Und wer die Aussage versteht, wird sein Leben ändern. Wer bereits nach diesen Prämissen lebt, wird sich selbst erkennen und zufrieden sein. 😉

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Fazit: Eine Parabel mit einer wichtigen Botschaft, die zum Nachdenken anregt.

© 2018 Wolfgang Brunner für Buchwelten

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Arthur und die Farben des Lebens von Jean-Gabriel Causse

Arthur und die Farben des Lebens von Jean-Gabriel Causse

Erschienen als Taschenbuch
im C. Bertelsmann Verlag
insgesamt 288 Seiten
Preis: 20,00 €
ISBN: 978-3-570-10346-3
Kategorie: Belletristik

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Ganz plötzlich verschwinden sämtliche Farben auf der Erde. Die Menschen sehen alles nur noch in tristem Schwarz-Weiß. Arthur, Mitarbeiter einer in Konkurs gegangenen Buntstiftfabrik, versucht zusammen mit Charlotte, seiner blinden Nachbarin und Wissenschaftlerin, der Menschheit die Farben wieder zurückzugeben. Unterstützung finden sie durch Charlottes Tochter Louise, die Zeichnungen anfertigt, die erstaunlicherweise  die Welt wieder farbig machen.

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Man wird bereits auf den ersten Seiten durch den herrlich erfrischenden, knappen Schreibstil Causses in eine magische Welt entführt. In einer Mischung aus realitätsnahem Drama und mystischem Märchen erzählt der Autor eine philosophische Geschichte, die zum Nachdenken anregt und auch zum Träumen einlädt. Gerade durch die unkomplizierte Erzählweise und die kurzgehaltenen Kapitel liest man sich in Windeseile durch den Plot und übersieht so manche Ungereimtheit mit einem Lächeln auf den Lippen, weil es einfach nur schön ist, was man da serviert bekommt. Manchmal fühlt man sich von der Ausgangssituation und den im Text versteckten philosophischen Andeutungen an ein Buch des genialen Michael Ende erinnert, der mit ähnlicher Leichtigkeit an solche weltbewegende Themen heranging und seine Leser damit zum Nachdenken aufforderte. „Arthur und die Farben des Lebens“ ist literarische Medizin gegen schlechte Laune, bei der man getrost auch eine Überdosis einnehmen kann.
Auch das Cover könnte den „Geist“ der Geschichte nicht besser treffen. Man ertappt sich dabei, dass man zwischendurch immer wieder mal seinen Blick auf das einerseits schlichte und andererseits sehr aussagekräftige Umschlagmotiv richtet.

Es erscheint wie ein kleines Wunder, das den Leser beim Lesen dieses Buches erfasst. Denn Causse schreibt weder detailliert noch hochliterarisch – und dennoch entsteht eine Verbindung zwischen den geschriebenen Wörtern und dem Leser, die ins Herz eindringt und es erfasst. Ich kann gar nicht erklären, wie dieser Sog entsteht. Fakt ist, dass er schlichtweg da ist und man sich ihm (erfreulicherweise) nicht entziehen kann. Der Roman ist witzig, melancholisch, einfallsreich, außergewöhnlich und manchmal sogar einfach nur abgedreht. Diese Mischung ist es wahrscheinlich auch, die den ungewöhnlichen Reiz dieses Romans ausmacht, den man locker innerhalb eines Tages „weglesen“ kann. Man fühlt sich wohl dabei, wenn man die Protagonisten auf ihrer Lebensreise begleitet. Und obwohl vieles, wie oben schon erwähnt, teilweise mit sehr einfachen Worten beschrieben wird, versteckt sich darin eine gewisse Tiefe, von der man unweigerlich ergriffen wird.

Aber „Arthur und die Farben der Welt“ steckt nicht nur voller schöner Ideen, sondern hat auch ein paar Ecken und Kanten. Da wären zum einen die im ersten Absatz bereits erwähnten Ungereimtheiten, die man zwar (gerne) überliest, die dem Plot aber leider Logikfehler verschaffen, die der tollen Ausgangsidee einen Wermutstropfen verleihen. Auch wenn das Buch eine nachhaltige Wirkung auf den Leser hat, beschäftigt sich dieser dennoch auch mit der leicht fehlerhaften Konstruktion desselben. Manches wirkt zu konstruiert und verschafft der an sich schönen Stimmung einen leichten Dämpfer. Desweiteren bin ich persönlich auch der Meinung, dass hundert oder hundertfünfzig Seiten mehr zum einen den Charakterzeichnungen und zum anderen den fabelhaften Ideen mehr Tiefe und Raum zum Entwickeln verliehen hätten und dadurch der gesamten Handlung die Chance gegeben hätten, sich besser zu entfalten. Man liest auf jeden Fall aus den Erklärungen und Abhandlungen über das Phänomen „Farbe“ heraus, dass der Autor sich intensiv mit dem Thema beschäftigt hat. In der Autorenbeschreibung erfährt man dann auch, dass sich Causse als Farbberater von u.a. Jill Sander betätigt und bereits ein Sachbuch über Farben verfasst hat. „Arthur und die Farben des Lebens“ mischt geschickt die Zutaten eines Romans mit denen eines informativen Sachbuchs, was mir persönlich sehr gut gefallen hat. Es scheint wohl auch bereits eine Verfilmung anvisiert, von der ich mir vorstellen könnte, dass sie unter Umständen sogar besser funktionieren könnte als der Roman, denn eine triste farblose Welt auf der Kinoleinwand zurück in ein farben- und lebensfrohes Umfeld zurückzuverwandeln hat mit Sicherheit einen großen optischen Reiz.
Doch genug der Jammerei: „Arthur und die Farben des Lebens“ ist trotz seiner geringen Schwächen ein außergewöhnliches, unbedingt lesenswertes Buch über das Menschsein, die Liebe und die Hoffnung. Ich denke, ich werde es auch noch einmal in die Hand nehmen.

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Fazit: „Arthur und die Farben des Lebens“ ist literarische Medizin gegen schlechte Laune, bei der man getrost auch eine Überdosis einnehmen kann.

© 2018 Wolfgang Brunner für Buchwelten

Carl Tohrberg von Ferdinand von Schirach

Carl Tohrberg von Ferdinand Schirach

Erschienen als Taschenbuch
im btb Verlag 
insgesamt 64 Seiten
Preis: 8,00 €
ISBN: 978-3-442-71574-9
Kategorie: Belletristik, Gegenwartsliteratur

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Drei Geschichten, die es in sich haben: Da gibt es den Bäcker, der eine ganz besondere Torte backt. Es geht um das Leben des Amtsrichters Seybold und den Versicherungsangestellten Carl Tohrberg. Geschichten, die alles beinhalten, was das Leben zu bieten hat: Liebe, Eifersucht, Einsamkeit, Glück und noch vieles mehr …

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Es ist der absolute Wahnsinn, was Ferdinand von Schirach in sechzig Seiten verpackt. Es sind drei Schicksale, die einen richtig packen und fesseln. Und das, obwohl teilweise ganze Leben in nur wenigen Sätzen beschrieben werden. Schirach schreibt minimalistisch und beschreibt dennoch Dinge, mit denen andere Autoren ganze Romane füllen. „Carl Tohrberg“ ist beeindruckend in seiner fast schon epischen Bandbreite, obwohl Schlichtheit an erster Stelle in dieser Storysammlung steht. Schirach hat einen präzisen Schreibstil, mit dem er in nur wenigen Worten lange Zeitspannen auszudrücken vermag. Man fühlt sich in vielen Dingen direkt angesprochen und vermeint, den Protagonisten persönlich zu kennen, so ehrlich und authentisch ist deren Charakterzeichnung und die Gedankengänge. Es macht unglaublich Spaß, diese kurzen Geschichten zu lesen und die Perfektion der Sprache und Ausdrucksweise Ferdinand von Schirachs zu genießen.

Obwohl Schirach eine auf den ersten Blick äußerst nüchtern wirkende Sprache anwendet, zeichnet sich (zumindest war das bei mir so) zwischen den Zeilen eine enorme Emotionalität ab, die einen packt und nicht mehr loslässt. Trotz der Kürze ist man mittendrin in der Geschichte und fühlt sich danach, als hätte man ein mindestens hundert Seiten dickes Buch gelesen. Es sind menschliche Schicksale, die der Autor beeindruckend beschreibt und die einen betroffen machen und zum Nachdenken anregen. Ich fühlte ich berührt und konnte von den Protagonisten nach der Lektüre nicht mehr loslassen, dachte über ihr Handeln nach und fühlte mich ihnen nahe und verbunden. Im Gegensatz zu seinen anderen, etwas „reißerischen“ Werken beschreibt Schirach hier melancholische und traurige Schicksale, die trotz der einfachen Sprache mitten ins Herz treffen, wenn man es denn zulässt. Man liest die drei Geschichten sehr schnell, denkt aber weitaus länger darüber nach, um sie zu verarbeiten.

Ferdinand von Schirach macht mit seinem Schreibstil und seinen Ideen süchtig. Er legt eine Beobachtungsgabe von alltäglichen Dingen an den Tag, die manchmal fast schon unheimlich wirken. Nicht jeder Autor beherrscht es so perfekt, Geschichten mit wenigen Worten zu erzählen, die dann letztendlich auch noch (nach)wirken wie ein langer Roman. Das Buch beziehungsweise Büchlein umfasst lediglich 60 Seiten und ist sehr schnell durchgelesen. Da stellt sich unweigerlich die Frage nach dem Preis-/Leistungsverhältnis. Aber wer geniale Literatur in Hochkultur erleben möchte, sollte sich „Carl Tohrberg“ nicht entgehen lassen, denn es handelt sich dabei zwar um ein dünnes Buch, dessen Inhalt aber dem eines 300-Seiten-Werkes gleicht. Schnelle (Lese)Kost, die man sich immer wieder mal zwischendurch gönnen sollte, denn hier steckt Leben pur drin. Schirach schafft es auch mit Kurzgeschichten, seine Leser zu fesseln, zu begeistern und zu faszinieren. Man wünscht sich zwar, diese Art von Stories mögen niemals aufhören, ist aber andererseits mit der Tiefe, die in den Geschichten steckt, fast schon überfordert, wenn man sie auch in ihrer kompletten Genialität verstehen will. Ich bin schlichtweg erneut, wie von allen Werken Schirachs, begeistert und schwer beeindruckt.

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Fazit: Geniale Kurzgeschichten, die trotz ihres Minimalismus dennoch die Ausdrucksstärke eines ganzen Romans besitzen.

© 2018 Wolfgang Brunner für Buchwelten

Wenn der Wind singt / Pinball 1973 von Haruki Murakami

Wenn der Wind singt Pinball 1973 von Haruki Murakami

Erschienen als Taschenbuch
im btb Verlag
insgesamt 266 Seiten
Preis: 10,00 €
ISBN: 978-3-442-71593-0
Kategorie: Belletristik, Gegenwartsliteratur

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Ein einundzwanzigjähriger Student erzählt aus seinem Leben, schildert seine ersten Schreibversuche und sinniert über sein eigenes Leben und das seiner Freunde nach. Zusammen mit seinem Freund namens Ratte erleben die Jungen ihre ersten Freundinnen und begeben sich auf die Suche nach dem Sinn des Lebens.

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Endlich sind sie nun auch in Deutschland erschienen: Die beiden ersten (Kurz-)Romane von Haruki Murakami. Schon in diesen Geschichten erkennt man, welch Potential in Murakami steckt, wenngleich den Storys irgendwie noch der richtige „Drive“ fehlt. Aber das finde ich gar nicht weiter schlimm, denn man erkennt, wie gesagt, definitiv Murakami in den Sätzen und kann sich schwer von den Erlebnissen des Protagonisten trennen. Beide Kurzromane in diesem Buch erinnern mich von ihrer Aussage und Stimmung her sehr an Werke von Samuel R. Delany, den ich ebenfalls sehr schätze. Murakamis Erstlinge sind melancholisch und teils deprimierend und regen zum Nachdenken an. Die Romane mögen auf den ein oder anderen verwirrend wirken, weil sie keinem konsequenten roten Faden, und somit einer nachvollziehbaren Handlung, folgen, aber genau das macht diese Erzählungen aus. Sie schildern das Leben und oftmals wohl das Leben des Autors zur damaligen Zeit. „Wenn der Wind sing“ und „Pinball 1973“ wirken auf mich wie ein autobiografischer Schreibversuch, der komplett gelungen ist.

Man sollte nicht außer acht lassen, dass es sich bei diesen Romanen um Erstlimgswerke handelt, bei denen der Autor (sogar nach eigener Aussage) gar nicht wirklich gewusst hat, was er eigentlich schreiben wollte. Behält man diese „Aussage“ im Hinterkopf, so wird man mit zwei wunderbaren, ehrlichen Geschichten belohnt, die das Leben geschrieben hat. Da steckt alles drin: Von Freude, Liebe über Ängste, Einsamkeit, Hoffnungen bis hin zum Tod behandelt Murakami die gesamte Palette des Lebens. Der Schreibstil ähnelt schon sehr dem „neuen, professionellen“ Murakami, der bereits hier einen eigenen Stil entwickelt und den Leser in eine faszinierende, verwirrende und verstörende Welt a lá David Lynch entführt. Die beiden hier vorliegenden Romane bilden den Anfang der sogenannten „Trilogie der Ratte“, die in „Wilde Schafsjagd“ ihr Ende findet und noch einmal eine Fortsetzung in „Tanz mit dem Schafsmann“ fand. Sieht man das Gesamtbild aller drei Romane, so eröffnet sich einem ein wunderbares, atmosphärisch dichtes Weltbild eines einsamen Mannes. Gerade die „ausgereifte Unausgereiftheit“ dieser Erstlingswerke macht kleine Kunstwerke aus diesen Romanen. Wenn man sich darauf einlassen kann, so spürt man förmlich die Emotionen des Protagonisten während des Lesens.

Im ausführlichen Vorwort erklärt Haruki Murakami, wie die beiden Werke entstanden sind, und erzählt von seiner Vergangenheit. Alleine durch diese vorangestellten einführenden Worte, erlangen die darauf folgenden Texte eine vollkommen andere Bedeutung und lassen im Kopf des Lesers immer wieder Murakami an die Stelle des Protagonisten treten. Aus dieser Sicht gewinnen „Wenn der Wind singt“ und „Pinball 1973“ für mich eine sehr private und persönliche Bedeutung im Gesamtwerk des zurückgezogen lebenden und publikumsscheuen Ausnahme-Schriftstellers, die mich auf gewisse Art und Weise an seinem (wennauch zurückliegenden) Leben teilnehmen lässt. Ich persönlich fühlte mich durch diese beiden Bücher dem Menschen Murakami (und somit auch seinen reiferen, ausgefeilteren Werken) sehr nahe. Auf jeden Fall muss man diese Art von Schreibstil mögen, um genießen zu können. Das Fehlen jeglicher Action beziehunsgweise eines „Höhepunktes“ wird die Kurzromane vielen Lesern langweilig erscheinen lassen, Murakami-Anhänger müssen dieses Buch einfach lesen, um den Autor und seine anderen Werke besser verstehen zu können.

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Fazit: Melancholische Kurzromane, die das Gesamtwerk Murakamis in einem anderen Licht erscheinen lassen.

© 2018 Wolfgang Brunner für Buchwelten

Dass man durch Belgien muss auf dem Weg zum Glück von Judith Kuckart

Dass man durch Belgien muss auf dem Weg zum Glueck von Judith Kuckart

Erschienen als Taschenbuch
im btb Verlag
insgesamt 220 Seiten
Preis: 10,00 €
ISBN: 978-3-442-71555-8
Kategorie: Belletristik, Gegenwartsliteratur

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Unterschiedliche Menschen mit unterschiedlichen Geschichten aus ihrem Leben verbinden sich am Ende miteinander und erzählen, was das Leben wirklich bedeutet: Liebe und Tod, Glück und Unglück, Sehnsucht und Hoffnung. Und letztendlich gehört alles Zusammen und bildet eine Einheit, die sich Leben nennt.

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Man muss ich auf den Schreibstil und die Aussagen von Judith Kuckart einlassen, sonst entfaltet die Geschichtensammlung am Ende seine Wirkung nicht. Philosophisch und elegisch, aber auch hart und brutal schildert die Autorin verschiedene Schicksale und Lebensabschnitte von Personen, die auf den ersten Blick scheinbar nichts miteinander zu tun haben. Es verstecken sich unendlich viele wahre Worte und Lebensweisheiten in den Sätzen, die unaufmerksame (und/oder ungeduldige) Leser schon einmal überfordern könnten. Die Geschichten fordern einen geradezu auf, während des Lesens auch einmal inne zu halten und sich Gedanken über das eigene Leben zu machen. Oft bekam ich einen Stich, wenn ich mich in einem der Sätze selbst wiederfand und zugeben musste, dass ich oft selbst so denke. Kuckart erwischt den Leser zum Beispiel eiskalt, wenn sie von wahrer Liebe spricht und einen dann an den Gedankengängen der Figur teilhaben lässt, um zu bemerken, dass die Liebe, die man nach außen hin zeigt, nicht immer die gleiche Liebe ist, die man in sich drin fühlt.

Die Geschichten sind oft traurig und melancholisch, aber genauso oft erotisch oder brutal. Sie zeigen eben da Leben, wie es ist: unberechen- und wunderbar. „Dass man durch Belgien muss auf dem Weg zum Glück“ ist eine Herausforderung an den Leser, denn die Storys sind nicht chronologisch, so dass man immer wieder Menschen begegnet, die man aus einer anderen Geschichte bereits kennt oder eben noch kennenlernen wird. Und obwohl die Autorin ihre Personen nur skizziert und niemals bei der Charakterbeschreibung richtig in die Tiefe geht, fühlt man mit den Protagonisten, sympathisiert mit ihnen und geht eine Beziehung mit ihnen ein. Oft sind es nur flüchtige Gedanken, die Kuckart zu Papier bringt und die einen von einer Sekunde auf die andere ans eigene Leben denken lassen. Man findet sich in vielen Dingen wieder und begreift, dass man,  wie die Protagonisten, in manchen Dingen sein Ziel erreicht hat und in anderen Dingen eben noch nicht. Das Leben ist ein ewiger Weg, der nicht unbedingt über Belgien führen muss, um glücklich zu werden. 😉 Judith Kuckart schreibt gegen den Mainstream, bewegt sich auf anderen Ebenen, die nicht der Unterhaltung sondern der Lebenserfahrung dienen.

Es ist ein sehr guter Text, den Kuckart hier abgeliefert hat. Während man das Buch liest, verbindet man aufgrund diverser Hinweise in Gedanken die einzelnen Geschichten.  Es ist wie ein Puzzle, in dem man immer wieder plötzlich ein fehlendes Teil findet und an die richtige Stelle setzen kann. Und am Ende erscheint ein Gesamtbild im Kopf des Lesers, das für den einen mit Sicherheit ein A-ha-Effekt, für manch anderen eine Enttäuschung sein wird. „Dass man durch Blegien muss auf dem Weg zum Glück“ ist kein Allerweltsbuch für ein Allerweltspublikum. Man muss diesem Buch „gewachsen“ sein, um es verstehen zu können. Man muss sich auf die Wunder und Grausamkeiten des Lebens, die dort beschrieben werden, einlassen. Muss sich dem Sog der ruhigen, schlichten Worten hingeben und seine eigenen Überlegungen und Bilder dabei mitspielen lassen. Wer das kann, darf sich an einem ganz besonderes Buch freuen, das viele Überraschungen bereithält. „Dass man durch Belgien muss auf dem Weg zum Glück“ ist das erste Buch von Judith Kuckart für mich. Und ich muss sagen, die Autorin hat mich mit ihrem Schreibstil und ihrer Gedankenwelt vollkommen überzeugt. Ich bin sicher, dass ich noch weitere Bücher von ihr lesen werde.

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Fazit: Ein wunderbares Kleinod über das Leben, die Liebe, den Tod und alles was dazwischen liegt.

© 2017 Wolfgang Brunner für Buchwelten

Die italienischen Schuhe von Henning Mankell

Die italienischen SchuheErschienen als gebundene Ausgabe
im Zsolnay Verlag
insgesamt 368 Seiten
Preis: 24,00 €
ISBN: 978-3-552-05794-4
Kategorie: Drama, Liebe, Belletristik

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Der ehemalige Chirurg Fredrik Welin lebt einsam und fast allein auf einer kleinen Insel in den Schären. Die Insel gehörte einst seinen Großeltern und dort fristet er genügsam und eigenbrötlerisch seinem Dasein. Er bewohnt ein gemütliches, geräumiges aber einfaches Haus, er besitzt ein Boot, das er eigentlich seit Jahren in Schuss bringen möchte, wozu er sich aber nie aufraffen kann.

Einzig ein alter Hund, eine ebenso alte Katze und ein Ameisenhaufen im Wohnzimmer sind seine Mitbewohner, wobei er die Ameisen eigentlich eher sich selbst überlässt, da er den Raum sowieso nicht nutzt.

66 Jahre ist Welin alt und vor vielen Jahren ist ihm „die große Katastrophe“ passiert und seitdem lebt er so zurückgezogen. Einer der wenigen menschlichen Kontakte, die er hat, sind die Besuche des Postboten Jansson. Der kommt ab und an vorbei, teilt ihm mit, dass er keine Post hat und schildert Welin regelmäßig ein anderes Wehwehchen, dass er dann untersuchen soll.

So gehen die Tage dahin und Welin ist weder glücklich oder unzufrieden. Es ist wie es ist. Doch eines Tages im Winter, da ändert sich alles. Denn da schaut Welin raus aufs Eis und sieht dort jemanden stehen. Mit einem Rollator. Die alte Dame ist Harriet, die Frau, die er vor langer Zeit einmal sehr liebte und die er verließ.

Nun steht sie nach 40 Jahren da und will von Fredrik, dass er ein altes Versprechen einlöst, da sie sterbenskrank ist. Natürlich erinnert er sich an dieses Versprechen und selbstverständlich hält er sich daran.

Also machen die beiden sich auf den Weg, auf eine winterliche Reise, sein Wort einzulösen und auf einen Streifzug in die Vergangenheit …

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Henning Mankell hat hier einen sehr ruhigen, stimmungsvollen und gefühlvollen Roman geschrieben. Er erzählt von den Fehlern und Macken der Menschen, vom Älterwerden und Einsam sein, vom wieder zum Leben erwachen und vom Sterben.

Auf dieser Reise erfährt der Leser natürlich, was die „große Katastrophe“ im Leben des Chirurgen war, wir treffen aber auch auf die unterschiedlichsten Menschen, die irgendwie mit dem Leben des Protagonisten verbunden sind. Und diese Reise hat mir ein absolutes Lesevergnügen bereitet. Nicht nur, weil ich durch das verschneite Schweden gereist bin und auch laue Sommerabende erlebt habe, nein, Fredrik Welin ist in seiner rauen, einfachen und immer kurz angebunden Weise ein herzensguter und liebevoller Mensch. Wenn man ihn gemeinsam mit Harriet erlebt, dann ist es, als begleite man ein altes Ehepaar und das Miteinander der beiden ist einfach herrlich.

Interessant war es für mich auch deshalb, da ich erst vor kurzem den biografischen Roman „Treibsand“ von Henning Mankell gelesen habe und nun bemerkte, dass er doch einiges von sich selbst hat einfließen lassen in seine Handlung. Ja, er hat sogar eine eigene Aussage wörtlich einer Figur in den Mund gelegt.

Und auch wenn der Roman sehr ruhig erzählt ist, so vergeht er doch wie im Fluge, denn es gibt eine Menge Ereignisse, die alles andere als langweilig sind.

Ich war traurig, als die Geschichte zu Ende war und ich die Schären verlassen musste, habe ich die Menschen doch alle sehr ins Herz geschlossen. Nun, ich habe Glück. Denn posthum ist nun eine Fortsetzung erschienen: „Die schwedischen Gummistiefel“. Die Geschichte wird weitererzählt. Das freut mich sehr und ich bin sehr gespannt wie es weitergeht. Denn geendet hat der Roman mit einem sehr offenen Ende ….


Fazit: Es lohnt sich immer wieder, Bücher aus dem Regal zu nehmen, die nicht auf der (aktuellen) Bestsellerliste stehen oder einen „Spiegel“ Aufkleber haben. Der oben beschriebene Roman ist schon älter, der Autor inzwischen verstorben und eigentlich eher durch seine Wallander-Reihe bekannt geworden. Aber diesen stillen und stimmungsvollen und keinesfalls langweiligen Roman empfehle ich nur gerne.

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© Buchwelten 2017

Mein dunkles Herz von Jorge Galán

Mein dunkles Herz von Jorge Galan

Erschienen als Taschenbuch
im Penguin Verlag
insgesamt 222 Seiten
Preis: 10,00 €
ISBN: 978-3-328-10100-0
Kategorie: Drama, Liebe, Belletristik

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Magdalena erzählt ihrem Enkel ihre Lebensgeschichte. Die ihrer Familie, die ihrer großen Liebe und die eines ganzen Jahrhunderts. Es sind Geschichten, die verzaubern und begreifen lassen, was Liebe, Leben und Tod wirklich bedeuten.

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Die Geschichte eines Lebens, verpackt in wunderschöne Sätze und mit einem durchgehenden Hauch von Melancholie. „Mein dunkles Herz“ ist ein Märchen voller Wunder und Mythen, Liebe und Leben und erinnert tatsächlich ein wenig an die Meisterwerke des grandiosen Gabriel Garcia Marquez. Es sind die kleinen Dinge des Lebens, die Jorge Galán hervorhebt und uns, die Leser, zum Nachdenken bringt. Kurzweilig, und exakt auf den Punkt gebracht, schildert er die Geschichten verschiedener Menschen, die teilweise einem Märchen gleichen. Und wenn man dann dabei über sein eigenes Leben nachdenkt, entdeckt man bisweilen bei seinem eigenen Lebenslauf Anzeichen von Märchen. Galán hat unendlich viele Lebensweisheiten in seinem Roman versteckt, die einen mitreißen und bewegen. Erstaunlich dabei ist, dass der Plot sich auf lediglich etwas mehr als zweihundert Seiten erstreckt, aber letztendlich bedeutend mehr Inhalt vorweisen kann, als so mancher 1000-Seiten-Schmöker. „Mein dunkles Herz“ ist ein Kleinod, das sich lohnt, mehrmals gelesen zu werden. Hilfreich ist, wenn man gewissen mythischen (und esoterischen) Anklängen nicht abgeneigt ist, denn dadurch intensiviert sich das Leseerlebnis ungemein.

„Mein dunkles Herz“ wirkte auf mich wie eine Mischung aus dem bereits erwähnten Gabriel Garcia Marquez und einem John Iriving-Roman. Der Autor beherrscht eine präzise Sprache, mit der er innerhalb eines einzigen Satzes sehr viel auszudrücken vermag. Auf den ersten Blick wirkt die Geschichte vielleicht ein wenig wirr durch die verschiedenen Personen, aber verläuft das Leben nicht genau so? Lässt man dieses „Durcheinander“ auf sich wirken, bekommt man ein stimmiges Bild eines Lebens geliefert, das, obgleich fiktiv und erfunden ist, in vielen Aspekten einem realen Leben gleicht. „Mein dunkles Herz“ ist nicht „nur“ eine Liebesgeschichte, sondern auch eine Wundertüte voller mystischer Rätsel und melancholischer Aphorismen. Es ist nicht leicht, das dünne Büchlein zu lesen, denn zu viel ist in wenigen Worten darin verpackt, als dass man es in einem Rutsch durchlesen sollte. Man sollte sich auf jeden Fall Zeit dafür lassen und sich auf teils schwermütige Beschreibungen einstellen. Dennoch vermittelt Jorge Galáns Familiendrama nicht nur triste Melancholie, sondern auch Hoffnung auf ein glückliches Leben, das man führen sollte. Der Roman regt eben einfach zum Nachdenken an.

Jorge Galáns Schreibstil ist sehr gehoben und macht den Roman zu einem literarischen Kleinod, das ich mit Sicherheit noch öfters in die Hand nehmen werde, um darin zu blättern. Ich bin nämlich vollkommen davon überzeugt, dass sich bei einem erneuten Lesen noch andere Perspektiven in der Handlung und auch den Aussagen öffnen werden. „Mein dunkles Herz“ wirkt trotz seiner Kürze nach und lässt einen einfach nicht mehr los. Durch die bildhaften Beschreibungen hat man die Erzählerin vor Augen, als sähe man einen Film, und folgt der Familie durch das Jahrhundert, als wäre man direkt dabei. Durch den Einsatz der „mystischen Gabe“ der Protagonistin wirkt der Plot niemals langweilig, sondern verleiht ihm sogar einen außergewöhnlichen Reiz, der, zumindest für mich, die wunderschöne, geheimnisvolle Geschichte abrundete.  „Mein dunkles Herz“ wird den ein oder anderen Leser eventuell etwas ratlos zurücklassen, weil die Handlung nicht ganz rund wirken könnte. Man muss sich darauf einlassen können und vieles selbst in die Geschichte hineininterpretieren, damit das Ganze funktioniert. Galán fordert, ob beabsichtigt oder nicht, den Leser auf, mitzumachen und sein eigenes Leben in den geschriebenen Worten zu finden. Wer das kann, wird mit einem magischen Buch belohnt, dass eine Hommage an das Leben und die Liebe darstellt und dennoch die Unausweichlichkeit des Todes nicht auslässt.

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Fazit: Mystisch und voller Lebensweisheiten. Ein literarisches Kleinod.

 

© 2017 Wolfgang Brunner für Buchwelten

Treibsand – Was es heißt ein Mensch zu sein – von Henning Mankell

TreibsandErschienen als gebundene Ausgabe
im Zsolnay Verlag
384 Seiten
24,90 €
ISBN: 978-3-552-05736-4

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Henning Mankell schreibt über sein Leben. Er erzählt von seiner Kindheit, Lebensstraßen, Ängste, Sorgen und Hoffnungen. Es geht ums Mensch sein, Erinnerungen, und der Treibsand der Angst seine Krebserkrankung zu entkommen.

Zitat Henning Mankell: „… ein Buch darüber, wie die Menschheit gelebt hat und lebt und wie ich mein eigenes Leben gelebt habe …“

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Henning Mankell. Wahrscheinlich zu allererst durch seine bekannteste Romanfigur Kurt Wallander, die sogar Krimis verfilmt wurden.

Geschrieben hat er aber viel mehr. Einige Afrika-Romane und viele verschiedene Kinderbücher (die meine Kinder zum Teil sogar als Schullektüre durchgenommen haben). Aber eigentlich hat Henning Mankell Theaterstücke geschrieben und Krieg Theaterregisseur. Er hat auch Theater geleitet.

Aber wer war Henning Mankell eigentlich? Wurde er erlebt, war er da, wie geht er mit seiner Krankheit um?

The Wall of the Church of the Henning Mankell erzählt, wie und warum er zB die Figur Kurt Wallander erdacht hat, woher er die Inspirationen für seine (teilweise auch sehr brutalen und heftigen) Krimis genommen hat, der wird enttäuscht werden. Irgendwann um Seite 360 ​​rum erwähnt Henning Mankell mal Kurt Wallander, im Zusammenhang einer schwedischen Insel, die er besucht hat. Das war es in dieser Beziehung aber auch.

Dennoch hat Henning Mankell sehr viel erzählt. Natürlich auch über seine Kindheit, diese Erinnerungen haben ihn begleitet und beschäftigt, nachdem er am 08. Januar 2014 erfuhr, dass er an Krebs erkrankt ist.

Aber auch grundsätzliche Fragen haben ihn beschäftigt. Wie gehen wir mit unserer Welt um? War hinterlassen wir den Generationen sterben in 1.000 Jahren auf der Erde leben? Nur Atommüll, vor dem wir warnen oder den wir einfach vertuschen?

Das Buch war traurig, natürlich, denn wir alle wissen, dass Henning Mankell kurz nach der Veröffentlichung des Romans am 5. Oktober 2015 von seiner Krebserkrankung erlag. Aber ich habe auch sehr viel gelernt. Unter anderem viel Historisches, von dem ich wirklich nie hatte.

Ein Beispiel, das auch kein Spoiler ist:

Die Kadaver-Synode im Jahre 897. Hier hat (wirklich!) Papst Stephan VI den bereits seit 9 Monaten verstorbenen Papst Formosus aus seinem Sarkophag holen lassen. Erlaubt ihn in seinem volles Ornat kleiden und setzt ihn auf die Anklagebank, um ihn zu verurteilen und ihm nach seinem Tode rückwirkend das Pontifikat zu entziehen. Dazu gibt es ein Gemälde des Malers Jean-Paul Laurens, das im Buch abgebildet ist (schaut mal im Internet nach).

Mir hat das Buch viel gegeben. Natürlich regt es zum Denken an, es macht traurig und melancholisch, denn auf jeder Seite konfrontiert uns Henning Mankell mit unserer Sterblichkeit, die wir alle so gerne verdrängen. Das klappt bei der Lektüre jedoch Nicht wirklich.

Ein schöner Abschied von einem ganz großen Mann aus Schweden. Mach’s gut Henning Mankell. Ich wünsche Dir, dass Du nicht zu lange tot bist.

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© Marion Brunner für Buchwelten 2017

Dark Matter – Der Zeitenläufer von Blake Crouch

Erschienen als Taschenbuch
im Goldmann-Verlag
insgesamt 415 Seiten
Preis: 16,00 €
ISBN: 978-3-442-20512-7
Kategorie: Thriller

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Jason Dessen führt ein glückliches Leben, als er eines Abends von einem Unbekannten entführt und unter Drogen gesetzt wird. Als er wieder aufwacht, scheint er in einer vollkommen anderen Welt zu sein, in der nichts mehr so ist, wie es war. Jason braucht eine Weile, bis er feststellt, dass er in einem Paralleluniversum gelandet ist, in dem er seine Frau und seinen Sohn nicht mehr in seiner Nähe hat. Verzweifelt begibt sich Jason auf die Suche nach seiner wahren Identität und seinem Leben, das er noch vor wenigen Augenblicken geführt hat.

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Crouchs Schreibstil ist vom ersten Moment an fesselnd. Mit seiner knappen Erzählweise schafft es der Autor, den Leser sofort in seinen Bann zu ziehen. Man kann das Buch wirklich schlecht aus der Hand legen, so spannend und interessant ist es geschrieben. „Der Zeitenläufer“ ist Wissenschaftsthriller, Science Fiction-Roman und Liebesgeschichte in einem. Ein faszinierendes Spiel, das vom Leben, von der Liebe und den menschlichen Entscheidungen handelt und zum Nachdenken über das eigene Leben anregt. Crouch ist eine äußerst raffinierte Geschichte gelungen, mit der er die komplizierte Vielwelten-Theorie schlüssig und nachvollziehbar ausbaut. Jede Entscheidung in unserem Leben öffnet eine neue Tür in eine Zukunft, die bei einer anderen Entscheidung immer anders ausfallen wird. Das klingt alles sehr wissenschaftlich und unbegreiflich, aber Crouch schafft es, diese unterschiedlichen Identitäten in verschiedenen Parallelwelten, so zu erklären, dass man der Handlung folgen kann.

Es gibt viele Wendungen in diesem außergewöhnlichen Roman. Durch die dialoglastige Schreib und sehr flüssige Erzählweise wirkt das Buch fast so, als würde man einen Film sehen. Die ersten hundertfünfzig bis zweihundert Seiten verströmen eine unheimlich tolle Atmosphäre, bevor sich der Plot dann in einen rasanten Thriller verändert. An manchen Stellen denkt man, Crouch würde sich in seiner konstruierten Handlung verzetteln, aber er schafft es immer wieder, dem Ganzen eine gewisse Logik zu verleihen, über die man dennoch nachdenken muss. Die Geschichte wird in der Gegenwartsform erzählt, was beim Leser den Effekt hervorruft, unmittelbar mit dabei zu sein. Auch wenn mir persönlich die Entwicklung in der zweiten Hälfte des Buches nicht mehr so zugesagt hat, wie der Anfang des Romans, so kann man von Blake Crouchs Buch durchaus von einem absolut empfehlenswerten Pageturner sprechen. Ab der Mitte wird der Plot zu einem Abenteuer, das mich manchmal an die „Matrix“-Filme erinnert hat. Das Thema Parallelwelten und Multiversum hätte man weitaus unspektakulärer und nicht so reißerisch angehen können, dann wäre ein weitaus beeindruckenderes Bild entstanden. So aber geht die Geschichte einen oft vorhersehbaren Weg mit klar definierten Unterscheidungen zwischen Gut und Böse. Ich will damit sagen, dass es eigentlich zu viel war, was da auf den Leser einprasselt. Weniger hätte auf mich eine bessere und, wie schon erwähnt, beeindruckendere Wirkung gehabt.

Am Ende wirkt die Geschichte lange nicht mehr so glaubhaft wie zu Beginn. Crouch lässt den Roman gegen Ende hin leider immer mehr zu einem literarischen Popkornkino mutieren und nimmt ihm damit auch die hervorragende Atmosphäre, die er am Anfang geschaffen hat. Dennoch ist „Der Zeitenläufer“ ein origineller Roman mit sehr guten Ansätzen, der als Film (die Filmrechte sind schon verkauft) mit Sicherheit auftrumpfen kann. Warum das Buch allerdings im Deutschen „Dark Matter“ heißt und im Original „Black Matter“ erschließt sich mir wieder einmal nicht. Wenn der Titel schon englisch-deutsch sein soll, warum hat man dann nicht gleich den Originaltitel verwendet?
Zu erwähnen ist auf jeden Fall noch das wirklich wunderschöne und genial gemachte Cover, das sich mattglänzenden auf innovative Weise um das „ganze“ Buch legt. Das ist schon ein echter Hingucker im Bücherregal.

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Fazit: Starker Anfang und durchschnittliches Ende. Dennoch ein Buch, das man in einem Atemzug weglesen kann.

© 2017 Wolfgang Brunner für Buchwelten

Vollendet – Der Aufstand von Neal Shusterman (Teil II)

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Vollendet
Erschienen als Hardcover
bei S. Fischer Verlage
insgesamt  Seiten
Preis: 16,99 €
ISBN: ISBN: 978-3-7373-6718-9
Kategorie: Young Adult

Nachdem der Admiral die Führung des Friedhofs an Connor abgegeben hat, muss dieser sich täglich beweisen. Risa, die nach dem Unglück im Camp im Rollstuhl sitzt, versucht ihm zu helfen wo sie kann. Sie leitet die Sanitätsabteilung, dennoch fürchtet sie ständig Connor eher eine Last zu sein.

Lev versucht ein neues Leben zu beginnen, wird in ein Haus ehemaliger Zehntopfer gebracht und durch die Leiter dort als eine Art Gott hochgejubelt. Als ehemaliges Zehntopfer und DER Klatscher, der nicht geklatscht hat, betet ihn dort jeder regelrecht an. Damit kommt Lev allerdings gar nicht zurecht. Als dort das Mädchen Miracolina auftaucht, findet Lev endlich eine Ansprechpartnerin, die ihm gefällt. Allerdings hat er es nicht leicht, sich ihr überhaupt zu nähern. Denn Miracolina ist mit ihrer Rettung kurz vor dem Zehntopfergang gar nicht einverstanden und reagiert aggressiv und wütend.

Als ein gestorchter Junge namens Starkey kurz vor der Umwandlung durch Connor und seine Leute gerettet und zum Friedhof gebracht wird, ist für ihn sofort klar, dass er ganz langsam, still und heimlich Connor den Rang ablaufen will. Er sieht sich als den neuen Anführer des Friedhofs und wird alles tun, dieses Ziel zu erreichen …..

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Der zweite Teil der Vollendet-Reihe schließt nahtlos an den ersten Teil an und der Leser trifft alle bekannten Personen wieder und lernt neue kennen. Ich hatte keine Probleme, mich wieder in die Handlung einzufinden und die Stimmung hat mich gleich wieder in ihren Bann gezogen.

Der Spannungsbogen ist gut gesponnen und durch die verschiedenen Handlungsorte wird die Geschichte nicht langatmig oder zäh.

Mir hat die Erschaffung einer weiteren, sehr besonderen Person, absolut gefallen, auf die ich aber gar nicht näher eingehen möchte, denn dass würde einen Teil der Handlung verraten, der die Geschichte wirklich bereichert. Das Problem, was ist richtig, was ist falsch, was ist ethisch tragbar und was nicht, all dies kommt durch diese Figur sehr gut heraus und sorgt für Brisanz.

Neal Shusterman hat mit seiner Vollendet-Reihe ja eine sehr gute Grundidee umgesetzt, nämlich: Ein Mensch darf rückwirkend bis zu seinem 16 Lebensjahr abgetrieben werden. Das bedeutet, Eltern können z.B. schwierige pubertierende Teenager loswerden, indem sie sie umwandeln lassen. Das bedeutet, der Körper des Umzuwandelnden wird zerlegt und sämtliche Teile werden transplantiert und somit am Leben erhalten. Doch die große Frage ist ja: Was passiert mit der Seele?

Wenn das Leser meiner Rezension neugierig gemacht hat, können sie gerne die Rezension zum ersten Teil einmal lesen und dann vielleicht entscheiden, ob sie Lust haben, sich der Reihe mal zu widmen?

Mein Fazit: Ein sehr gut gelungener Teil II der Vollendet-Trilogie, der die Geschichte weitererzählt und sie um weitere Figuren bereichert, die sicher im dritten und letzten Band eine große Rolle spielen. Ich freue mich darauf!

Buchtrailer zu Vollendet – Der Aufstand

Trailer zum Making of des Hörbuchs:

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