Treibsand – Was es heißt ein Mensch zu sein – von Henning Mankell

TreibsandErschienen als gebundene Ausgabe
im Zsolnay Verlag
384 Seiten
24,90 €
ISBN: 978-3-552-05736-4

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Henning Mankell schreibt über sein Leben. Er erzählt von seiner Kindheit, Lebensstraßen, Ängste, Sorgen und Hoffnungen. Es geht ums Mensch sein, Erinnerungen, und der Treibsand der Angst seine Krebserkrankung zu entkommen.

Zitat Henning Mankell: „… ein Buch darüber, wie die Menschheit gelebt hat und lebt und wie ich mein eigenes Leben gelebt habe …“

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Henning Mankell. Wahrscheinlich zu allererst durch seine bekannteste Romanfigur Kurt Wallander, die sogar Krimis verfilmt wurden.

Geschrieben hat er aber viel mehr. Einige Afrika-Romane und viele verschiedene Kinderbücher (die meine Kinder zum Teil sogar als Schullektüre durchgenommen haben). Aber eigentlich hat Henning Mankell Theaterstücke geschrieben und Krieg Theaterregisseur. Er hat auch Theater geleitet.

Aber wer war Henning Mankell eigentlich? Wurde er erlebt, war er da, wie geht er mit seiner Krankheit um?

The Wall of the Church of the Henning Mankell erzählt, wie und warum er zB die Figur Kurt Wallander erdacht hat, woher er die Inspirationen für seine (teilweise auch sehr brutalen und heftigen) Krimis genommen hat, der wird enttäuscht werden. Irgendwann um Seite 360 ​​rum erwähnt Henning Mankell mal Kurt Wallander, im Zusammenhang einer schwedischen Insel, die er besucht hat. Das war es in dieser Beziehung aber auch.

Dennoch hat Henning Mankell sehr viel erzählt. Natürlich auch über seine Kindheit, diese Erinnerungen haben ihn begleitet und beschäftigt, nachdem er am 08. Januar 2014 erfuhr, dass er an Krebs erkrankt ist.

Aber auch grundsätzliche Fragen haben ihn beschäftigt. Wie gehen wir mit unserer Welt um? War hinterlassen wir den Generationen sterben in 1.000 Jahren auf der Erde leben? Nur Atommüll, vor dem wir warnen oder den wir einfach vertuschen?

Das Buch war traurig, natürlich, denn wir alle wissen, dass Henning Mankell kurz nach der Veröffentlichung des Romans am 5. Oktober 2015 von seiner Krebserkrankung erlag. Aber ich habe auch sehr viel gelernt. Unter anderem viel Historisches, von dem ich wirklich nie hatte.

Ein Beispiel, das auch kein Spoiler ist:

Die Kadaver-Synode im Jahre 897. Hier hat (wirklich!) Papst Stephan VI den bereits seit 9 Monaten verstorbenen Papst Formosus aus seinem Sarkophag holen lassen. Erlaubt ihn in seinem volles Ornat kleiden und setzt ihn auf die Anklagebank, um ihn zu verurteilen und ihm nach seinem Tode rückwirkend das Pontifikat zu entziehen. Dazu gibt es ein Gemälde des Malers Jean-Paul Laurens, das im Buch abgebildet ist (schaut mal im Internet nach).

Mir hat das Buch viel gegeben. Natürlich regt es zum Denken an, es macht traurig und melancholisch, denn auf jeder Seite konfrontiert uns Henning Mankell mit unserer Sterblichkeit, die wir alle so gerne verdrängen. Das klappt bei der Lektüre jedoch Nicht wirklich.

Ein schöner Abschied von einem ganz großen Mann aus Schweden. Mach’s gut Henning Mankell. Ich wünsche Dir, dass Du nicht zu lange tot bist.

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© Marion Brunner für Buchwelten 2017

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Dark Matter – Der Zeitenläufer von Blake Crouch

Erschienen als Taschenbuch
im Goldmann-Verlag
insgesamt 415 Seiten
Preis: 16,00 €
ISBN: 978-3-442-20512-7
Kategorie: Thriller

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Jason Dessen führt ein glückliches Leben, als er eines Abends von einem Unbekannten entführt und unter Drogen gesetzt wird. Als er wieder aufwacht, scheint er in einer vollkommen anderen Welt zu sein, in der nichts mehr so ist, wie es war. Jason braucht eine Weile, bis er feststellt, dass er in einem Paralleluniversum gelandet ist, in dem er seine Frau und seinen Sohn nicht mehr in seiner Nähe hat. Verzweifelt begibt sich Jason auf die Suche nach seiner wahren Identität und seinem Leben, das er noch vor wenigen Augenblicken geführt hat.

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Crouchs Schreibstil ist vom ersten Moment an fesselnd. Mit seiner knappen Erzählweise schafft es der Autor, den Leser sofort in seinen Bann zu ziehen. Man kann das Buch wirklich schlecht aus der Hand legen, so spannend und interessant ist es geschrieben. „Der Zeitenläufer“ ist Wissenschaftsthriller, Science Fiction-Roman und Liebesgeschichte in einem. Ein faszinierendes Spiel, das vom Leben, von der Liebe und den menschlichen Entscheidungen handelt und zum Nachdenken über das eigene Leben anregt. Crouch ist eine äußerst raffinierte Geschichte gelungen, mit der er die komplizierte Vielwelten-Theorie schlüssig und nachvollziehbar ausbaut. Jede Entscheidung in unserem Leben öffnet eine neue Tür in eine Zukunft, die bei einer anderen Entscheidung immer anders ausfallen wird. Das klingt alles sehr wissenschaftlich und unbegreiflich, aber Crouch schafft es, diese unterschiedlichen Identitäten in verschiedenen Parallelwelten, so zu erklären, dass man der Handlung folgen kann.

Es gibt viele Wendungen in diesem außergewöhnlichen Roman. Durch die dialoglastige Schreib und sehr flüssige Erzählweise wirkt das Buch fast so, als würde man einen Film sehen. Die ersten hundertfünfzig bis zweihundert Seiten verströmen eine unheimlich tolle Atmosphäre, bevor sich der Plot dann in einen rasanten Thriller verändert. An manchen Stellen denkt man, Crouch würde sich in seiner konstruierten Handlung verzetteln, aber er schafft es immer wieder, dem Ganzen eine gewisse Logik zu verleihen, über die man dennoch nachdenken muss. Die Geschichte wird in der Gegenwartsform erzählt, was beim Leser den Effekt hervorruft, unmittelbar mit dabei zu sein. Auch wenn mir persönlich die Entwicklung in der zweiten Hälfte des Buches nicht mehr so zugesagt hat, wie der Anfang des Romans, so kann man von Blake Crouchs Buch durchaus von einem absolut empfehlenswerten Pageturner sprechen. Ab der Mitte wird der Plot zu einem Abenteuer, das mich manchmal an die „Matrix“-Filme erinnert hat. Das Thema Parallelwelten und Multiversum hätte man weitaus unspektakulärer und nicht so reißerisch angehen können, dann wäre ein weitaus beeindruckenderes Bild entstanden. So aber geht die Geschichte einen oft vorhersehbaren Weg mit klar definierten Unterscheidungen zwischen Gut und Böse. Ich will damit sagen, dass es eigentlich zu viel war, was da auf den Leser einprasselt. Weniger hätte auf mich eine bessere und, wie schon erwähnt, beeindruckendere Wirkung gehabt.

Am Ende wirkt die Geschichte lange nicht mehr so glaubhaft wie zu Beginn. Crouch lässt den Roman gegen Ende hin leider immer mehr zu einem literarischen Popkornkino mutieren und nimmt ihm damit auch die hervorragende Atmosphäre, die er am Anfang geschaffen hat. Dennoch ist „Der Zeitenläufer“ ein origineller Roman mit sehr guten Ansätzen, der als Film (die Filmrechte sind schon verkauft) mit Sicherheit auftrumpfen kann. Warum das Buch allerdings im Deutschen „Dark Matter“ heißt und im Original „Black Matter“ erschließt sich mir wieder einmal nicht. Wenn der Titel schon englisch-deutsch sein soll, warum hat man dann nicht gleich den Originaltitel verwendet?
Zu erwähnen ist auf jeden Fall noch das wirklich wunderschöne und genial gemachte Cover, das sich mattglänzenden auf innovative Weise um das „ganze“ Buch legt. Das ist schon ein echter Hingucker im Bücherregal.

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Fazit: Starker Anfang und durchschnittliches Ende. Dennoch ein Buch, das man in einem Atemzug weglesen kann.

© 2017 Wolfgang Brunner für Buchwelten

Vollendet – Der Aufstand von Neal Shusterman (Teil II)

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Vollendet
Erschienen als Hardcover
bei S. Fischer Verlage
insgesamt  Seiten
Preis: 16,99 €
ISBN: ISBN: 978-3-7373-6718-9
Kategorie: Young Adult

Nachdem der Admiral die Führung des Friedhofs an Connor abgegeben hat, muss dieser sich täglich beweisen. Risa, die nach dem Unglück im Camp im Rollstuhl sitzt, versucht ihm zu helfen wo sie kann. Sie leitet die Sanitätsabteilung, dennoch fürchtet sie ständig Connor eher eine Last zu sein.

Lev versucht ein neues Leben zu beginnen, wird in ein Haus ehemaliger Zehntopfer gebracht und durch die Leiter dort als eine Art Gott hochgejubelt. Als ehemaliges Zehntopfer und DER Klatscher, der nicht geklatscht hat, betet ihn dort jeder regelrecht an. Damit kommt Lev allerdings gar nicht zurecht. Als dort das Mädchen Miracolina auftaucht, findet Lev endlich eine Ansprechpartnerin, die ihm gefällt. Allerdings hat er es nicht leicht, sich ihr überhaupt zu nähern. Denn Miracolina ist mit ihrer Rettung kurz vor dem Zehntopfergang gar nicht einverstanden und reagiert aggressiv und wütend.

Als ein gestorchter Junge namens Starkey kurz vor der Umwandlung durch Connor und seine Leute gerettet und zum Friedhof gebracht wird, ist für ihn sofort klar, dass er ganz langsam, still und heimlich Connor den Rang ablaufen will. Er sieht sich als den neuen Anführer des Friedhofs und wird alles tun, dieses Ziel zu erreichen …..

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Der zweite Teil der Vollendet-Reihe schließt nahtlos an den ersten Teil an und der Leser trifft alle bekannten Personen wieder und lernt neue kennen. Ich hatte keine Probleme, mich wieder in die Handlung einzufinden und die Stimmung hat mich gleich wieder in ihren Bann gezogen.

Der Spannungsbogen ist gut gesponnen und durch die verschiedenen Handlungsorte wird die Geschichte nicht langatmig oder zäh.

Mir hat die Erschaffung einer weiteren, sehr besonderen Person, absolut gefallen, auf die ich aber gar nicht näher eingehen möchte, denn dass würde einen Teil der Handlung verraten, der die Geschichte wirklich bereichert. Das Problem, was ist richtig, was ist falsch, was ist ethisch tragbar und was nicht, all dies kommt durch diese Figur sehr gut heraus und sorgt für Brisanz.

Neal Shusterman hat mit seiner Vollendet-Reihe ja eine sehr gute Grundidee umgesetzt, nämlich: Ein Mensch darf rückwirkend bis zu seinem 16 Lebensjahr abgetrieben werden. Das bedeutet, Eltern können z.B. schwierige pubertierende Teenager loswerden, indem sie sie umwandeln lassen. Das bedeutet, der Körper des Umzuwandelnden wird zerlegt und sämtliche Teile werden transplantiert und somit am Leben erhalten. Doch die große Frage ist ja: Was passiert mit der Seele?

Wenn das Leser meiner Rezension neugierig gemacht hat, können sie gerne die Rezension zum ersten Teil einmal lesen und dann vielleicht entscheiden, ob sie Lust haben, sich der Reihe mal zu widmen?

Mein Fazit: Ein sehr gut gelungener Teil II der Vollendet-Trilogie, der die Geschichte weitererzählt und sie um weitere Figuren bereichert, die sicher im dritten und letzten Band eine große Rolle spielen. Ich freue mich darauf!

Buchtrailer zu Vollendet – Der Aufstand

Trailer zum Making of des Hörbuchs:

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© Buchwelten 2015

Dunkle Reflexionen von Samuel R. Delany

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Erschienen als Taschenbuch
im Golkonda Verlag
insgesamt 300 Seiten
Preis: 16,90 €
ISBN: 978-3-942396-29-5
Kategorie: Zeitgenössische Literatur

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Der Schriftsteller Arnold Hawley erinnert sich an sein Leben: an seine Homosexualität, sein Schreiben und seine Existenz als Schwarzer.

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Als großer Delany-Fan war ich ganz begeistert, als ich erfuhr, dass der Berliner Golkonda-Verlag bis jetzt in Deutschland unveröffentlichte Romane publiziert. „Dunkle Reflexionen“ entstand im Jahr 2007 in New York und ist das beeindruckende Porträt eines Mannes, der im Alter über sich und sein Leben sinniert.
Ich bin mir ziemlich sicher, dass sich in diesem wunderbaren, poetischen und vor allem ehrlichen Roman jede Menge autobiografische Ereignisse tummeln. Ich sah auf jeden Fall im Erzähler immer wieder Delany vor mir und erlebte seine Schilderungen förmlich mit. Das ist auch das Faszinierende an Samuel R. Delanys Romanen. Sie vermitteln Lebenserfahrungen, als hätte man sie selbst erlebt. Durch seinen Schreibstil taucht man in die Welt des Protagonisten ein und nimmt in manchen Momenten seine Stelle ein, als wäre man selbst die Hauptfigur in der Geschichte. Delany ist in dieser Hinsicht ein wahrer Zauberer und literarischer Marionettenspieler.

„Dunkle Reflexionen“ wäre kein Delany, wenn nicht auch explizit geschilderte Sexszenen in der Handlung vorkommen. Diese, ich möchte sie eigentlich gar nicht so nennen, pornografischen Darstellungen kommen mir nie erzwungen und provokativ vor, sondern fügen sich einerseits geschickt in die Handlung ein, werden aber andererseits auch auf eine „schöne“ Art beschrieben, die fast schon wieder poetisch ist. Es ist schwer zu erklären, wie Delany diese Gratwanderung zwischen hartem Porno und wunderschöner Erotik meistert. Eines ist sicher: er kann es.
Und auch das macht seine Romane aus und so besonders, denn sie sind dadurch mutig, ehrlich und kompromisslos lebendig.

„Dunkle Reflexionen“ erzählt von den Ängsten eines alternden Mannes, aber auch von den kleinen und etwas größeren Erfolgen in seinem Leben. Der Roman beschreibt Entscheidungen, die manchmal gut und manchmal weniger gut waren, dringt in die Gedanken eines einsamen Menschen ein, der mit sich hadert und dennoch niemals aufgibt. Kurz: das Buch ist ein Erlebnis. Man muss sich lediglich darauf einlassen.

Delanys Werk ist außergewöhnlich und trägt immer die Handschrift eines ungewöhnlichen Menschen, der sichtlich sein Leben liebt und sich auch damit beschäftigt. Seine Romane sind Lebenserfahrungen und ich möchte keine seiner Geschichten missen.

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Fazit: Eine Lebensgeschichte, die Ängste und Hoffnungen vermittelt. Und am Ende meint man gar, man hätte all diese Dinge irgendwie selbst erfahren. Delany ist einfach wunderbar.

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© 2015 Wolfgang Brunner für Buchwelten

Lisa von Thomas Glavinic

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Erschienen als gebundene Ausgabe
bei Hanser
insgesamt 208 Seiten
Preis: 17,90 €
ISBN:  978-3-446-23636-3
Kategorie: Zeitgenössische Literatur

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Ein Mann schließt sich zusammen mit seinem Sohn in einem einsamen Landhaus ein, weil er denkt, Lisa, eine international gesuchte Massenörderin, wäre hinter ihm her. Nur über eine eigene Internet-Radio-Sendung hält er Kontakt zur Außenwelt und erzählt seinen Zuhörern in einsamen Tagen und Nächten von sich, seinem Leben und anderen alltäglichen und nicht so alltäglichen Dingen.

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Thomas Glavinic schafft es immer wieder, einen schon nach den ersten Seiten seiner Bücher unweigerlich in den Bann zu ziehen. Vorausgesetzt ist natürlich, man lässt sich sowohl auf Handlung wie auch Glavinics auß0ergewöhnlichen Schreibstil ein. Tut man das, wird man mit einem Feuerwerk an Ideen belohnt. Da gehtb es um Alltägliches und Belangloses, aber auch um essentielle Dinge, die ich fast schon Lebensweisheiten nennen mag. Glavinic hat’s einfach drauf, wenn es darum geht, Dinge auf den Punkt zu bringen.

Anders als in seinem fantastischen Roman „Die Arbeit der Nacht“ geht es in Lisa manchmal auch amüsant und lustig zur Sache, was dem qualitativen Inhalt aber keineswegs schadet. Man liest sich durch den Monolog des Protagonisten fast schon wie durch einen Zeitraffer-Rückblick des eigenen Lebens, erkennt sich oftmals selbst in den Episoden, die erzählt werden oder denkt sich zumindest, man hätte sie in etwa so erlebt. Es macht ungemein Spaß, dem „Gequatsche“ zu folgen und alltägliche Probleme serviert zu bekommen, die so elegant und gekonnt erklärt werden, dass es schon fast unheimlich wirkt. „Lisa“ ist ein Theaterstück, ein Kammerspiel und ein Einblick in ein Leben, wie es jeder von uns führen könnte. Nichtssagend und dennoch überquellend mit Weisheiten, wirkt „Lisa“ auch noch Tage nach der Lektüre irgendwie nach. Glavinic eben!

Man kommt ins Grübeln, wenn man genauer darüber nachdenkt, was der Autor uns da präsentiert. Nicht alles, was im Internet steht und zu sehen ist, entspricht der Wahrheit. Realität und Fiktion vermischen sich in unserer Zeit immer mehr und das Individuum Mensch glaubt öfter als es denkt, an reine Lügen. Ob Lisa gesellschaftskritisch oder nur als mahnender Zeigefinger gedacht ist, vermag ich nicht wirklich zu sagen. Letztendlich ist es beides und noch viel mehr. Wie immer in Glavinics Büchern sind viele Dinge zwischen den Zeilen versteckt.

Wer Bücher zum (Nach-)Denken mag, ist bei Thomas Glavinic gut aufgehoben.

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Fazit: Lustig, traurig, dramatisch, melancholisch. Ein Monolog über ein Leben oder gar das Leben! Glavinic ist ein Meister seines Fachs.

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© 2015 Wolfgang Brunner für Buchwelten

White Horse von Alex Adams (4/5)

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Erschienen als
Klappenbroschur
im PIPER Verlag
448 Seiten
Preis: 16,99 €
ISBN: 978-3-4927-0252-2
Kategorie: Endzeitdrama/Fantasy

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Zoe ist Putzfrau – oder auch Reinigungskraft – bei einem großen Medizinkonzern. Sie schrubbt die Böden, kümmert sich um die Versuchstiere und mag ihren Job. Zoe ist bei weitem nicht dumm, sondern hat diese Arbeit nur angenommen um sich bei einem sicheren Einkommen in Ruhe Gedanken zu machen, ob und was sie evtl. später einmal studieren möchte.

Außerdem ist Zoe aber auch eine geliebte Tochter, Schwester und sie hat Freunde in ihrer Umgebung. Einen kleinen Sicherheitswahn hat sie auch. Ihre Wohnung ist durch extreme Alarmsysteme gesichert, die gut ausgeklügelt sind. So ein bisschen wie Fort Knox.

Um so erstaunlicher ist, dass eines Tages mitten in ihrem Wohnzimmer ein seltsames Gefäß auf dem Boden steht. Einfach so. Nichts ist gestohlen, nichts ist zerstört worden. Da steht nun plötzlich dieses versiegelte Teil zwischen Sofa und Fernseher auf dem Teppich.

Zoe ist verwirrt und neugierig, macht aber keine Anstalten, sich das Gefäß näher anzusehen.

Stattdessen sucht sie sich einen Therapeuten. Sie möchte über dieses aufgetauchte Problem mit einem Fachmann sprechen, ist jedoch nicht ganz ehrlich. Sie sagt bereits in ihrer erster Sitzung, dass sie von diesem Gefäß träumt und dieser Traum sie nicht loslässt.

Die Sitzungen tun Zoe gut, sie baut ein angenehmes Verhältnis zu dem Therapeuten auf, das Gefäß rührt sie dennoch nicht an. Sie lebt weiterhin ihren Alltag, geht zur Arbeit, trifft ihre Freunde und Nachbarn.

Doch dann beginnen sich die Dinge zu ändern: Die Menschen in ihrer Umgebung werden krank, ein üblicher Brech-Durchfall befällt sie und noch etwas ist seltsam. Sämtliche Katzen, die im Appartementblock leben, verschwinden.

Zoe fragt sich, was passiert ist und ob evtl. dieses unscheinbare aber störende Gefäß in Ihrer Wohnung damit zu tun hat?

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Zunächst war ich ein wenig skeptisch, das gebe ich zu. Der Text auf dem Buchrücken hat an Inhalt nicht viel hergegeben, aber dennoch neugierig gemacht. Mir war klar, dass mich in etwa ein Endzeitdrama erwartet und das trifft auch zu.

Die Kapitel springen immer zwischen „Damals“ (vor der Katastrophe) und „Jetzt“ (die Zeit, in der Zoe um ihr Überleben kämpft). Das gestaltet das Lesen als sehr kurzweilig und rasant. Wobei diese beiden Zeitspannen innerhalb des Romans immer mehr zusammenrücken.

Der Schreibstil war gut, stellenweise sehr gehoben, ausführlich und bildhaft. Hier eine kleine Textstelle (S.330)

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Flammen lecken über einen Lastwagen auf der anderen Seite des Lagers, küssen das Metall mit der Zärtlichkeit eines Liebhabers. Höher und höher züngeln sie, bis die Nacht explodiert. Das Licht hinterlässt grelle Flecken auf meiner Netzhaut, als sich der Feuerball entfaltet, eine Blume, deren Blütenblätter sich aufspreizen, weiter … immer weiter … und dann zurücksinken an den Ort ihrer Entstehung.“

Eine Stelle, die hängengeblieben ist, denn die gefiel mir sehr gut.

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Natürlich sind die Erwartungen bei Aussagen auf dem Buchrücken, die u.a. mit Stephen King vergleichen, entsprechend hoch. Hier muss ich sagen, an die Stimmung von Kings „The Stand“ kommt das Buch für mich nicht ran.

Hierzu wurde ich bis zuletzt mit der Protagonistin nicht wirklich warm, auch wenn sie sympathisch war und ein herzensguter Mensch, der letzte Kick kam für mich nicht ganz rüber.

Für mich hat sich die Story aber ab der Hälfte verbessert, die Auflösung des Ganzen und auch das Ende sind Geschmackssache. Ich fand den Schluss an sich nicht so brillant. Aber das empfindet nun mal jeder Leser anders. Es gibt auch viele geniale Kings – um bei dem Vergleich zu bleiben – die ein eher schwaches Ende haben.

Trotzdem hat mir der Roman gut gefallen und ich habe Zoe gerne begleitet auf ihrem schweren Weg. Eine düstere Stimmung kommt sehr wohl auf schlimmerweise kann so eine Katastrophe in unserer heutigen Zeit sicherlich wirklich – in ähnlicher Weise – eintreffen.

Das Cover ist sehr gut gelungen. Ein verlassener Ort, mitten darin steht Zoe erschöpft im Regen. Die Farben sind dunkel und düster gehalten. Es passt sehr gut zur Geschichte und ist ansprechend.

Alex Adams ist übrigens eine Frau und dieser Roman ist ihr Debüt und „White Horse“ der Auftakt einer Trilogie.

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Mein Fazit: 4 von 5 Sternen für ein dunkles Endzeitdrama, in dem dennoch die Gefühle und Menschlichkeit eine große Rolle spielen, das rasant geschrieben und abwechslungsreich ist. Ein uralter Hintergrund dient als Ursprung der Story und die Umsetzung ist gelungen und nicht mal abwegig. Der Schluss für mich eher weniger überzeugend, aber sicherlich Ansichtssache.

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Ich danke dem PIPER Verlag für die Bereitstellung des Rezensionsexemplares.

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© Buchwelten 2012

Vollendet von Neil Shusterman (5/5)

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Erschienen als
gebundene Ausgabe
im sauerländer Verlag
432 Seiten
Preis: 16,99 €
ISBN:  978-3-411-80992-9
Kategorie: Jugendbuch

.Das Buch beginnt mit den Worten der „Charta des Lebens“. Verfasst nach dem zweiten Bürgerkrieg, dessen Ursache das Thema der Abtreibung war:

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Nach der Charta des Lebens ist das menschliche Leben von der Empfängnis bis zum dem Zeitpunkt, an dem ein Kind dreizehn Jahre alt wird, unantastbar .

Im Alter zwischen dreizehn und achtzehn Jahren können Eltern ein Kind „rückwirkend“ abtreiben.

… unter der Bedingung, dass das Leben des Kindes „streng genommen“ nicht endet. 

Der Vorgang, mit dem das Leben eines Kindes abgeschlossen wird, das Kind aber dennoch am Leben bleibt, wird Umwandlung genannt.

Die Umwandlung ist inzwischen eine gängige Praxis in der Gesellschaft.

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Sie sagen, die Umwandlung sei schmerzfrei und jeder Teil des Körpers lebt weiter. Aber was passiert mit deiner Seele? Wo geht sie hin? Wird sie auch aufgeteilt?

Connor, Risa und Lev sind drei absolut unterschiedliche Jugendliche, die eher zufällig auf einander treffen.
Connor ein nicht einfacher 16-jähriger soll umgewandelt werden, weil seine Eltern nicht mehr mit ihm zurechtkommen.
Risa ist ein „Mündel des Staates“ und im Waisenhaus aufgewachsen. Sie ist eine begnadete Klavierspielerin, doch die staatlichen Einrichtungen benötigen den Platz für die nächsten Waisenkinder.
Lev ist ein sogenanntes Zehntopfer. Das 10. Kind einer religiös-fanatischen Familie, dem von Geburt an eingepredigt wird, dass er einzig dafür existiert um als Opfer umgewandelt zu werden.

Die drei begeben sich gemeinsam auf die Flucht und die ist absolut nicht ungefährlich. Doch trotz aller Gefahren und Ängste denen sie ausgesetzt sind: Sie finden auf diesem Weg auch zu sich selbst. Ob ihnen das allerdings etwas nützt bleibt fraglich. Denn sollte man sie schnappen und sie umgewandelt werden, sind sie nicht mehr existent. Zumindest nicht „an einem Stück“ ….

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Die Kurzbeschreibung des Romans hat mich auf Anhieb absolut neugierig gemacht. Und dieses Buch hat meine Erwartungen absolut erfüllt. Ein spannendes, kurzweiliges und – vor allem – sehr hintergründiges Buch hat Neil Shustermann abgeliefert. Fragen wie: Wann ist ein Mensch ein Mensch? Ab wann beginnt die Seele zu existieren? Dürfen Erwachsene über das Leben eines Kindes entscheiden? werden behandelt.

Der Autor hat in seiner Handlung ein heftiges und umstrittenes Thema aufgegriffen. Wie er dies in die Handlung um die Jugendlichen eingebaut hat, hat mich vollkommen überzeugt.

Ängste, Hoffnung, Neid, Machthunger, dies und noch viel mehr Zwischenmenschliches hat er beschrieben und er hat seinen Protagonisten nicht nur vollkommen verschiedene, sondern auch reale und glaubhafte Charaktere gegeben.

Dieses Buch wurde mir von der ersten bis zur letzten Seite nicht langweilig, was wohl auch an dem kurzen, knappen Schreibstil liegt. Shustermann erzählt die Geschichte aus der Ich-Perspektive, wobei er immer zwischen seinen drei Hauptfiguren wechselt. Die Sätze sind kurz und leicht verständlich. Es gibt viele Dialoge, die – natürlich – auch ein einer umgangsprachlichen Weise formuliert sind. Doch sie wirken nicht flach oder gestelzt.
Es war sehr interessant, an den Meinungen, Einstellungen und tiefgründigen Gedanken der „Wandler“ teilzuhaben.

Und der Autor hat es gut hinbekommen, dass man den auftauchenden „Guten“ nicht so recht glauben und trauen will. Das Ende des Buches fand ich nicht enttäuschend, sondern gut gelungen.

Und mehr möchte ich an dieser Stelle einfach nicht erzählen. Denn auch wenn es sich hier um die Kategorie „Jugendbuch“ handelt, es ist ein All-Age Buch, wie man heute so schön sagt. Ein Buch mit einem ernsten Thema und tiefem Hintergrund, das lange nachwirkt.

Präsentiert wird der Roman in einer gebundenen Ausgabe mit einem klasse mattsilbernen Cover. Der Einband ist ein Hingucker. Die Kapitel sind recht kurz gefasst, die Seiten in lockeren Zeilenabständen verfasst und die Buchseiten sind sehr dick.
Das Buch ist im Endeffekt sicherlich kürzer als es auf den ersten Blick wirkt. Also, nicht von der Dicke des Buches abschrecken lassen!

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Mein Fazit: 5 von 5 Sternen für diesen (Jugend)Roman der die ernsten Thema Leben, Tod, Abtreibung und einiges mehr aufgreift. Dies verpackt in einer spannenden, flotten Handlung mit guten Ideen und interessanten Schauplätzen (auch reale!). Für mich absolut lesenswert und sehr zu empfehlen!

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Ich danke Amazon Vine für die Bereitstellung des Rezensionsexemplares.

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Und wer noch mehr erfahren  möchte:

Ein sehenswerter Trailer zum Buch —> *** KLICK ***

Gastrezension zu „Kim Schepper und die Kinder von Marubor“ von Wolfgang Brunner (5/5)

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Anläßlich seiner Lesung am Welttag des Buches in einer weiterführenden Schule in Hamminkeln hat der Autor Wolfgang Brunner den Schülerinnen und Schülern einige Exemplare seines Romanes geschenkt.

Nach und nach treffen nun die ersten Reaktionen der LeserInnen ein, die sich (wie ich finde sehr gut) im erstmaligen Verfassen einer Rezension versuchen:

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Vorläufiges Cover der Zweitauflage, entworfen von Mathias V. Beckmann
Eine vollständig überarbeite
Zweitauflage wird
noch in diesem Sommer im
Candela Verlag
erscheinen
(Vorbestellungen sind bereits beim Verlag möglich)

ISBN: 978-3-942635-24-0

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Zu Anfang des Buches steigt man sofort in die Geschichte ein. Die Hauptperson Kim Schepper, ein dreizehnjähriges Mädchen, hat vor wenigen Tagen ihren Bruder bei einem Autounfall verloren und ist auf seiner Beerdigung. Sie hat ihr Schicksal noch gar nicht wirklich realisiert, da lädt ein Klassenkamerad von ihrem Bruder Tom sie zu einem Treffen auf dem Friedhof um Mitternacht ein. Kim ist erst misstrauisch und verunsichert, doch sie geht trotzdem zu dem Treffen.

Sie erfährt, dass ihr Bruder nicht tot, sondern „gering lebend“ ist, wie es die Kinder von Marubor nennen. Die machtgierige Firma „Kirkos Marubor“ hat den Kindern ein Serum verabreicht, bei dem sie die Phasen des Sterbens erforschen wollten. Doch als bei den Forschungsarbeiten etwas schief läuft, müssen die Kinder durch inszenierte Unfälle „beseitigt“ werden. Die Firma weiß nicht, dass die Kinder nicht wirklich tot sind, sie sind nur dem Tod näher als dem Leben. Kim erlebt viele Abenteuer in der Heimat der Kinder unter dem Friedhof, in der Forschungsstation und auf der Leuchtturminsel.

Zudem macht Kim einige schlaue Entdeckungen, welche den Kindern weiterhelfen auf schrecklichen Geheimnisse der Forschungsarbeiten zu stoßen. Ihr Eifer bei der Sache und die Begeisterung sind wirklich beeindruckend.

 

Mir persönlich hat die Geschichte sehr gut gefallen. Die Geschwister gehen alle sehr liebevoll miteinander um und ihre Liebe zueinander ist sehr stark. Am meisten beeindruckt haben mich die Stellen, bei denen die Kinder das „Aufhocken“ probieren. Das gering lebende Geschwisterkind setzt sich dabei auf den Rücken des anderen Geschwisterkindes. Diese Situation wurde so wunderschön beschrieben, dass man gleich sehnsüchtig wird auch so etwas zu erleben. Auch erwähnenswert ist die Kaugummi kauende Fledermaus Betty. Diese Idee ist wirklich außergewöhnlich. Die Kinder sind zusammen eine Einheit, die stark ist und einen unglaublichen Willen hat, den Menschen zu helfen.

Das merkt man auch gut an der Freundschaft die sie alle füreinander empfinden und sich gegenseitig Mut machen.

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Es ist eine schöne, rührende Geschichte über die unglaublich starke Geschwisterliebe die über alle Grenzen hinausreicht, aber sie soll auch zum Nachdenken anregen, wie W. Brunner in seinem Nachwort erwähnt. Sie zeigt, dass die heutigen Menschen viel zu viel Wert auf materielle Dinge legen und die Liebe, Familie, Geborgenheit und Freundschaft völlig vergessen. Da die Geschichte lebendig und gut verständlich geschrieben wurde eignet sie sich für Kinder, Jugendliche und Erwachsende. Sie ist absolut lesenswert und unbedingt weiterzuempfehlen!

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Diese Gastrezension wurde geschrieben von Lucie T., einer Schülerin der 10. Klasse aus Hamminkeln im Mai 2012.

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Die Rezensentin hat für den Roman 5 von 5 Sternen vergeben. .

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© Buchwelten 2012

Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand von Jonas Jonasson (4,5 von 5)

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Erschienen als
Paperback/Klappenbroschur bei
carl’s books (randomhouse)
416 Seiten
Preis: 14,99 €
ISBN: 978-3-570-58501-6

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Der Roman erzählt die Geschichte des 100-jährigen Allan Karlsson. Er lebt in einem Altersheim in Malmköpping/Schweden und ist für sein stolzes Alter nicht nur erstaunlich rüstig und klar im Kopf, er hat es zudem noch faustdick hinter den Ohren. Er denkt gar nicht daran seinen Ehrentag mit den gesamten Bewohnern des Heims, der nervtötenden und ihm sämtliches Vergnügen raubenden Schwester Alice, dem Bürgermeister und der Presse zu verbringen.

Ohne genauer nachzudenken steigt er aus dem Fenster seines Zimmers und marschiert in Richtung Busbahnhof. Leider hat er vergessen Schuhe und einen Hut anzuziehen, er ist in Pantoffeln aus dem Fenster geklettert (war ja auch eine spontane Idee), Geld hat er aber immerhin dabei. In seinem Portemonnaie hat er einige Hunderter. Somit geht er schnurstracks auf den Fahrkahrtenverkäufer zu und fragt, wie weit er mit einem 50 Kronen Schein fahren kann. Denn er hat ja kein bestimmtes Ziel, er will einfach nur weg, weit fort von diesem langweiligen Altersheim, das ihn womöglich noch in den Tod treibt. Zu sterben hat Allan nämlich eigentlich noch gar keine Lust.

Während Allan in der Bahnhofshalle steht, kommt ein „schmächtiger junger Mann mit langen, fettigen blonden Haaren, struppigem Bart und einer Jeansjacke mt der Aufschrift Never Again auf dem Rücken“ auf ihn zu und bittet ihn um einen Gefallen: Er muss dringend zur Toilette und der wuchtige Trolly-Koffer passt leider nicht mit in die sanitären Anlagen. Er fragt Allan, ob er nicht einen Moment den Koffer im Auge halten kann, damit er in Ruhe zur Toilette gehen kann.

Natürlich kann er das. Er kann sogar noch mehr. Er kann die zweite spontane Entscheidung des Tages treffen und einfach mit dem Koffer aus dem Bahnhofsgebäude spazieren (sind ja Rollen dran!) und in den nächsten Bus steigen. Allan weiß selber nicht, warum er einfach den Koffer stiehlt. Ihm war einfach danach? Hat er ein Abenteuer gewittert? Vielleicht, denn genau das kommt nach diesen zwei spontanen Handlungen auf ihn zu.

Ein Abenteuer voller Gefahren aber auch großer Freuden. Denn Allan lernt auf seine alten Tage noch neue Menschen kennen, begeht Morde (nur aus Notwehr!), knüpft Freundschaften, bringt seine erhebliche Lebenserfahrung in das Geschehen ein und hat einfach nur jede Menge Spaß und Lebensfreude …

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Relativ schnell nachdem ich mit dem Lesen begonnen hatte, musste ich schon mehrmals laut lachen. Dies hat sich das ganze Buch hindurch gezogen.

Dieser Roman ist einfach nur locker, flockig und leicht geschrieben und macht richtig Spaß. Ein komischer Zufall oder Umstand jagt den nächsten und der Protagonist Allan gelangt von einer dramatischen Situation in die nächste. Erstaunlich wie es ihm immer wieder gelingt, sich ihm stellende Probleme auf seine ganz besondere Art und Weise zu lösen und in diesem ganzen Chaos das Leben in vollen Zügen zu geniessen.

Ich möchte den sehr angenehmen Schreibstil vielleicht mit einer Mischung aus John Irving und Martin Suter vergleichen. Das mag ein wenig hinken, doch die Leser die den trockenen oder schwarzen Humor dieser Schriftsteller kennen und mögen, wissen was ich sagen möchte.

Der Roman beginnt mit dem Ausstieg aus dem Fenster und erzählt dann das nachfolgende Abenteuer, das Allan erlebt. Wir begleiten ihn etwa sechs Wochen in seinem Leben „nach dem Altersheim“ und das Ende verrate ich natürlich nicht. Es ist anders als ich es erwartet habe und das war gut so!

Die Erzählung wechselt aber auch immer wieder in Rückblenden in die Vergangenheit. Beginnend mit der Kindheit Allans, erfahren wir alles über sein Leben, seine Erlebnisse und das waren wirklich viele.

Langweilig wurde es mir nie, lediglich die o.g. Erinnerung waren mir ab und an ein bisschen zuviel des Guten. Zu überzogen und weit hergeholt. Es kann nicht sein, dass eine Person in so ziemlich jedes geschichtliche Ereignis persönlich verwickelt war. Das war für mich der Grund einen halben Punkt in Abzug zu bringen. Denn da hätte ein bisschen weniger es auch getan um ein ereignisreiches Leben zu erzählen.

Dennoch hat dies dem Lesevergnügen keinen Abbruch getan. Wer gerne humorvolles liest, bei dem es trotzdem auch mal zur Sache gehen kann, der ist hier sehr gut aufgehoben.

Der Roman von Jonas Jonasson erzählt keinesfalls die langweilige Lebensgeschichte eines senilen Tattergreises, sondern ist absolut flott, modern und zu oft urkomisch.

Auf der Verlagsseite habe ich die Bezeichnung „Schelmenroman“ gelesen und das trifft auf den Protagonisten absolut zu. Aber auch die sehr gut dargestellten Nebencharaktere haben mehr als den Schalk in den Augen.

Das Cover ist ein Paperback und in schönen Farben präsentiert. Hellblau und Braun wirken auf mich schlicht und ansprechend. Der abgebildete Elefant mit dem Kofferanhänger trifft die Geschichte sehr gut. Ja, den Elefanten gibt es wirklich und er ist eine „sie“ und heißt Sonja.

Die Schriftart ist relativ klein gehalten, doch die Kapitel sind nicht so extrem lang, dass mir die Augen müde wurden.

Übersetzt wurde der Roman aus dem schwedischen von Wibke Kuhn, die sehr gute Arbeit geleistet hat (sie hat u.a. auch die  Stieg Larsson Trilogie übersetzt). Ein deutsche Übersetzung steht und fällt mit den Übersetzern und den Humor so gut ins Deutsche zu übersetzen war sicherlich eine Herausforderung.

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Mein Fazit: 4,5 von 5 Sternen für diesen humorvollen, rasanten und absolut kurzweiligen Roman, made in Schweden.

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Dieser Roman ist das Debüt des Autors Jonas Jonasson und ich freue mich bereits auf sein zweites Werk.

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Auf der Verlagsseite gibt es noch interessante Zusatzinformationen über die Reise, die Allan im Laufe seines Lebens unternommen hat —>  Hier

Ich danke Ada Mitsou für ihren schönen Beitrag über diesen Roman, wodurch ich erst darauf neugierig wurde und ich danke Wolfgang Brunner für das wunderbare Geburtstaggeschenk (wo ich ihn die letzten Tage davor dann auch noch erheblichem Stress ausgesetzt habe 🙂 ).


© Buchwelten 2012

Das Haus am Zeilenweise-Platz – Anthologie verschiedener Autoren (5/5)

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Erschienen als
Taschenbuch
bei edidoppelpunkt
148 Seiten
Preis: 11,50 €
ISBN: 978-3937950983

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Das Haus am Zeilenweise-Platz erzählt die Geschichten der Bewohner dieses Mehrfamilienhauses in Buchstedt. Viele verschiedene Menschen leben in diesem Haus. Junge, Alte, Einsame, Familien, Alleinerziehende, Künstler …

Unten im Haus befindet der Kiosk der Familie Vodnjani, die hinter dem Laden außerdem eine Wohnung bewohnt. Sie sind Kroaten und seit vielen Jahren leben sie in diesem Haus und führen dort ihren kleinen Laden, der nicht nur die Bewohner des Zeilenweise-Hauses mit den angenehmen und wichtigen Dingen des Alltags versorgt, sondern der auch immer wieder ein Treffpunkt für die Menschen ist um ein nettes Gespräch unter „Freunden“ zu führen.

Jeder kennt jeden und irgendwie doch wieder nicht. Man lebt im gleichen Haus, sieht sich, grüsst sich, aber so wirklich weiss man nicht, was hinter den Wohnungstüren der Nachbarn geschieht. Das Haus am Zeilenweise-Platz lässt den Leser die Türen öffnen, in die Wohnungen hinein sehen und all diese verschiedenen Bewohner kennenlernen …

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Knapp zwei lange Jahre hat es gedauert, bis die Grundidee dieses Projektes endlich in Buchform vollendet wurde. Die mitwirkenden Autoren haben sich regelmässig im Zeilenweise-Forum besprochen und ausgetauscht. 12 Autoren haben an diesem Projekt mitgewirkt und gemeinsam haben sie diese grundverschiedenen 29 Geschichten geschaffen.

Die Autoren haben jeweils eine Geschichte (einige haben auch mehrere geschrieben) über eine Mietpartei des Hauses geschrieben. Alle Genres waren erlaubt und der Herausgeber Hartmut W. H. Köhler hat es geschafft diese unterschiedlichen Geschichten so zu verbinden, dass es nicht auffällt, das hier unterschiedliche Autoren geschrieben haben. Die Anthologie liest sich wie ein Roman und ist einfach „rund“.
Die Idee, dass Herr Köhler diese Zwischentexte als Rahmenhandlung einfügt, ist erst relativ spät entstanden und eingebunden worden.

Die Autoren schreiben Ihre Geschichten meist in der Vergangenheit. Herr Köhler lässt als Rahmenhandlung den Kioskbesitzer Vodnjani in der Gegenwart erzählen. Er kennt natürlich alle Mitbewohner des Hauses und weiß somit über jeden etwas zu erzählen.
Dann geht es in die Autoren“kapitel“ und die entsprechende Wohnungstüre öffnet sich.

Wir lernen alte Ehepaare kennen, die gemeinsam einsam sind, weil der Partner sich wegen Demenz meist in die eigene Welt zurückzieht. Wir lernen einen Maler kennen, der doch sehr erschrickt, als der Tod bei ihm vorbeischaut. Das Grauen ist bei einer alten Dame zu Besuch und genießt frisch gekochten Kakao.
Wir lernen eine lebensmüde, einsame alte Dame kennen, die urplötzlich ihre junge Nachbarin vor der Türe stehen hat, weil sie sich für etwas bedankt und sie schliessen Freundschaft. Eine alleinerziehende Mutter schockt ihren Internet zockenden Sohn mit einem Troll im Badezimmer, eine Frau tanzt eng umschlungen mit ihrem verstorbenen Mann …

Der Schluß war schön und traurig zugleich. Für mich war es sehr schade, alle diese unterschiedlichen Menschen verlassen zu müssen. Ich hätte gut und gerne nochmal die gleiche Anzahl an Geschichten lesen können.

Dieses Buch ist wirklich absolut empfehlenswert. Und auch wenn ich es jetzt lesen konnte, weil mein Lebensgefährte als Mitwirkender ein Exemplar erhalten hat, weiss ich, dass ich mindestens eines davon kaufen und als Geschenk bereiten werde!

Denn das beste kommt zum Schluss: Dieses Projekt dient ausschließlich einem guten Zweck. Sämtliche Erlöse aus dem Verkauf der Anthologie fließen an ein Kinderheim in Istrien. Dort werden sexuell misshandelte Kinder betreut. Alle Autoren verzichten auf ein Honorar um dieses Projekt zu unterstützen.

Mein Glückwunsch an alle mitwirkenden Autoren und an Herrn W. H. Köhler. Mit sehr viel Hingabe und auch Einsatz wurde hier ein Werk geschaffen, dass nicht nur Spass macht. Es macht auch nachdenklich, glücklich, traurig.

Es war nicht einfach dieses Projekt auf die Beine zu stellen. Lange hat es gedauert, bis endlich ein geeigneter Verlag gefunden war. Es hat sich gelohnt. Ein dickes Lob an die Mitglieder des Zeilenweise-Forums.

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Und nun kommen die Autoren, die an dieser Anthologie mit geschrieben haben – in alphabetischer Reihenfolge:

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Philipp Brobowski – http://www.philippbobrowski.de/

Wolfgang Brunner – http://wolfgangbrunner.de/

Heidi Gotti – http://www.gottiswelt.de/

Heike Hultsch – http://paradalis.wordpress.com/

Hartmut W. H. Köhler – http://www.feierabend-autor.de/

Germaine Paulus

Mario B. Kuhl (Pseudonym)

Michael Romahn – http://www.michael-romahn.de/

Miriam Schaffner – http://www.miriamsmirakel.ch/

Anett Steiner – http://anett-steiner.de/

Isa Theobald – http://absonderliches.wordpress.com/

Markus Walther – http://www.din-a4-story.de/

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Mein Fazit: Eine tolle Idee, wunderbar und mit viel Einsatz und Ausdauer umgesetzt. Ein schönes Cover, wunderbare Geschichten, eine hervorragend gelungene Rahmenhandlung und all das für einen guten Zweck: 5 von 5 Punkten.

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Buchwelten 2011