Schwerelos von Katie Khan

Schwerelos von Katie Khan

Erschienen als Taschenbuch
im Heyne Verlag
insgesamt  416Seiten
Preis: 14,99 €
ISBN: 978-3-453-3183-4
Kategorie: Science Fiction, Liebe

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Die Astronauten Carys und Max schweben aufgrund eines unglücklichen Zwischenfalls einsam im Weltraum. Sie können ihre Raumstation nicht mehr erreichen und die Luftvorräte können sie nur noch etwa neunzig Minuten am Leben erhalten. Während die beiden verzweifelt versuchen, sich aus ihrer misslichen Lage zu retten, reden sie miteinander und erinnern sich an die Zeiten, als sie sich kennengelernt und ineinander verliebt haben. Mit unaufhaltsamer Grausamkeit verstreichen dabei die Minuten, die ihnen noch bleiben, und das unausweichliche Ende rückt immer näher …

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Man sieht das Cover, am liest den Titel und den Klappentext und denkt sofort, dass es sich hier um einen „Klon“ des Films „Gravity“ handelt. Auch während der ersten Seiten bekommt man den Gedanken nicht los, dass sich die Autorin in erster Linie an dem genannten Film mit Sandra Bullock und George Clooney in den Hauptrollen orientiert. Aber man wird eines besseren belehrt, denn Kathie Khan geht letztendlich einen ganz anderen Weg und nimmt lediglich eine ähnliche Ausgangssituation für ihren Roman. Bei „Schwerelos“ handelt es sich um eines der eher seltenen Bücher, die ich in das Genre „Science Fiction-Liebesroman“ stecken würde. Khan geht das Ganze wirklich sehr geschickt an, so dass man sich bereits nach der ersten „Rückblende“ in das Leben der beiden Protagonisten nur noch sehr schwer von den Seiten lösen kann.

„Schwerelos“ wirkt wie eine Mischung aus Science Fiction, Liebesroman und All-Age-Abenteuer á la „Die Tribute von Panem“, um nur ein Beispiel zu nennen. Das Buch kann sich aus meiner Sicht nicht wirklich entscheiden, ob es sich um einen Erwachsenen- oder Jugendroman handelt, was ich persönlich aber gar nicht schlimm finde. Denn wichtig ist, was drin steht und wie atmosphärisch der Plot auf mich wirkte. Wie gesagt, ich konnte mich wirklich sehr schwer von Carys und Max lösen, während ihre Lebensgeschichte erzählt wurde und sie im Weltraum um ihr Überleben kämpften. Kurzweiliger könnte man die Story gar nicht erzählen, wie es Katie Khan getan hat. Die Seiten fliegen nur so dahin, obwohl es sich im Grunde genommen „nur“ um eine einfache Liebesgeschichte handelt, die in ein SF-Gewand verpackt wurde. Dennoch funktioniert sie. Aber es ist nicht so, dass sich Khan einfach nur mit einer Geschichte über eine Liebe zufrieden gibt. Im letzten Drittel nimmt der Roman noch einmal so richtig Fahrt auf, in dem er sich verschiedener Ebenen bedient und tatsächlich noch echte Science Fiction-Elemente einbindet.

Gerade das Ende macht den ohnehin an manchen Stellen philosophisch angehauchten Roman in meinen Augen zu etwas besonderem. Man beginnt an manchen Stellen über sein eigenes (Liebes-)Leben nachzudenken und fiebert mit den Protagonisten mit. Katie Khan hat am Ende wunderschöne „Wendungen“ und Gedanken in ihren Roman verbaut, die auf manchen Leser kitschig wirken könnten, aber genaugenommen einfach nur darstellen, was „echte Liebe“ wirklich bedeutet. Mir hat die Entwicklung in diese Richtung sehr gut gefallen und das echte Ende verursacht in mir immer noch Traurigkeit, aber auch irgendwie Hoffnung. Katie Khan hat einen schönen und gut lesbaren Liebesroman geschrieben, der eine Science Fiction-Situation zum Ausgangspunkt hat. Ich hätte gut und gerne das doppelte an Seiten verschlingen können, um den beiden noch länger beizuwohnen, denn der flüssige Schreibstil und die philosophischen Überlegungen haben mich schlichtweg von der ersten Seite an gepackt. Ich bin schon jetzt gespannt, was als nächstes von dieser Autorin kommt, denn mit ihrem Debüt hat sie eines auf jeden Fall schon einmal bewiesen: Mut zum Anderssein, in dem man eine „kitschige“ Liebesgeschichte in ein SF-Gewand packt. Und das Konzept funktioniert einwandfrei. Interessant ist, dass die SF-Anteile, die zwar nur selten vorkommen, sehr detailliert und gut recherchiert sind und dem Roman dadurch eine tolle Glaubhaftigkeit verleihen. Ich mag diese Geschichte sehr.

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Fazit: Ein philosophischer Liebesroman im Science Fiction-Gewand. Faszinierendes Lesevergnügen.

© 2018 Wolfgang Brunner für Buchwelten

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Mein dunkles Herz von Jorge Galán

Mein dunkles Herz von Jorge Galan

Erschienen als Taschenbuch
im Penguin Verlag
insgesamt 222 Seiten
Preis: 10,00 €
ISBN: 978-3-328-10100-0
Kategorie: Drama, Liebe, Belletristik

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Magdalena erzählt ihrem Enkel ihre Lebensgeschichte. Die ihrer Familie, die ihrer großen Liebe und die eines ganzen Jahrhunderts. Es sind Geschichten, die verzaubern und begreifen lassen, was Liebe, Leben und Tod wirklich bedeuten.

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Die Geschichte eines Lebens, verpackt in wunderschöne Sätze und mit einem durchgehenden Hauch von Melancholie. „Mein dunkles Herz“ ist ein Märchen voller Wunder und Mythen, Liebe und Leben und erinnert tatsächlich ein wenig an die Meisterwerke des grandiosen Gabriel Garcia Marquez. Es sind die kleinen Dinge des Lebens, die Jorge Galán hervorhebt und uns, die Leser, zum Nachdenken bringt. Kurzweilig, und exakt auf den Punkt gebracht, schildert er die Geschichten verschiedener Menschen, die teilweise einem Märchen gleichen. Und wenn man dann dabei über sein eigenes Leben nachdenkt, entdeckt man bisweilen bei seinem eigenen Lebenslauf Anzeichen von Märchen. Galán hat unendlich viele Lebensweisheiten in seinem Roman versteckt, die einen mitreißen und bewegen. Erstaunlich dabei ist, dass der Plot sich auf lediglich etwas mehr als zweihundert Seiten erstreckt, aber letztendlich bedeutend mehr Inhalt vorweisen kann, als so mancher 1000-Seiten-Schmöker. „Mein dunkles Herz“ ist ein Kleinod, das sich lohnt, mehrmals gelesen zu werden. Hilfreich ist, wenn man gewissen mythischen (und esoterischen) Anklängen nicht abgeneigt ist, denn dadurch intensiviert sich das Leseerlebnis ungemein.

„Mein dunkles Herz“ wirkte auf mich wie eine Mischung aus dem bereits erwähnten Gabriel Garcia Marquez und einem John Iriving-Roman. Der Autor beherrscht eine präzise Sprache, mit der er innerhalb eines einzigen Satzes sehr viel auszudrücken vermag. Auf den ersten Blick wirkt die Geschichte vielleicht ein wenig wirr durch die verschiedenen Personen, aber verläuft das Leben nicht genau so? Lässt man dieses „Durcheinander“ auf sich wirken, bekommt man ein stimmiges Bild eines Lebens geliefert, das, obgleich fiktiv und erfunden ist, in vielen Aspekten einem realen Leben gleicht. „Mein dunkles Herz“ ist nicht „nur“ eine Liebesgeschichte, sondern auch eine Wundertüte voller mystischer Rätsel und melancholischer Aphorismen. Es ist nicht leicht, das dünne Büchlein zu lesen, denn zu viel ist in wenigen Worten darin verpackt, als dass man es in einem Rutsch durchlesen sollte. Man sollte sich auf jeden Fall Zeit dafür lassen und sich auf teils schwermütige Beschreibungen einstellen. Dennoch vermittelt Jorge Galáns Familiendrama nicht nur triste Melancholie, sondern auch Hoffnung auf ein glückliches Leben, das man führen sollte. Der Roman regt eben einfach zum Nachdenken an.

Jorge Galáns Schreibstil ist sehr gehoben und macht den Roman zu einem literarischen Kleinod, das ich mit Sicherheit noch öfters in die Hand nehmen werde, um darin zu blättern. Ich bin nämlich vollkommen davon überzeugt, dass sich bei einem erneuten Lesen noch andere Perspektiven in der Handlung und auch den Aussagen öffnen werden. „Mein dunkles Herz“ wirkt trotz seiner Kürze nach und lässt einen einfach nicht mehr los. Durch die bildhaften Beschreibungen hat man die Erzählerin vor Augen, als sähe man einen Film, und folgt der Familie durch das Jahrhundert, als wäre man direkt dabei. Durch den Einsatz der „mystischen Gabe“ der Protagonistin wirkt der Plot niemals langweilig, sondern verleiht ihm sogar einen außergewöhnlichen Reiz, der, zumindest für mich, die wunderschöne, geheimnisvolle Geschichte abrundete.  „Mein dunkles Herz“ wird den ein oder anderen Leser eventuell etwas ratlos zurücklassen, weil die Handlung nicht ganz rund wirken könnte. Man muss sich darauf einlassen können und vieles selbst in die Geschichte hineininterpretieren, damit das Ganze funktioniert. Galán fordert, ob beabsichtigt oder nicht, den Leser auf, mitzumachen und sein eigenes Leben in den geschriebenen Worten zu finden. Wer das kann, wird mit einem magischen Buch belohnt, dass eine Hommage an das Leben und die Liebe darstellt und dennoch die Unausweichlichkeit des Todes nicht auslässt.

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Fazit: Mystisch und voller Lebensweisheiten. Ein literarisches Kleinod.

 

© 2017 Wolfgang Brunner für Buchwelten

Die erfundene Geliebte von Didier Decoin

geliebte

Erschienen als Taschenbuch
im Droemer Knaur Verlag
insgesamt 303 Seiten
Preis: — € / vergriffen
ISBN: 978-3426600252
Kategorie: Drama, Liebesroman

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Im Jahr 1912 gewinnt der Werftarbeiter Horty bei einem Sportwettbewerb die Teilnahme am Stapellauf der Titanic. Dort trifft er auf das schöne Zimmermädchen Marie, in die er sich hoffnungslos verliebt, und die am nächsten Tag auf der Titanic ihre Arbeitsstelle antritt. Sie verbringen einen Abend gemeinsam in einem Hotelzimmer. Obwohl nichts zwischen ihnen passiert ist, erfindet Horty eine feurige Liebesgeschichte, die er in seiner Stammkneipe jeden Abend zum Besten gibt. Hortys Liebesromanze wird über die Grenzen seiner Heimat bekannt und bald geht er mit seiner erfundenen Geschichte auf Tour. Als dann die Titanic sinkt, gewinnt seine Liebesgeschichte eine völlig neue Bedeutung …

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Didier Decoins Geschichte ist ein Gesellschaftsroman, der den Leser ins Zeitalter des beginnenden Zwanzigsten Jahrhunderts entführt. Ausschlaggebend für mich, den Roman zu kaufen, war die Tatsache, dass in dem Roman der Stapellauf und Untergang der Titanic eine Rolle spielt. Als Titanic-Begeisterter kam ich also nicht umhin, dieses Buch zu lesen.

Decoin hat eine wirklich schöne Liebesgeschichte erfunden, in die sich das historische Ereignis des Titanic-Unglücks hervorragend einfügt. Ohne aufdringlich zu wirken, erzählt der Autor, was er über das gigantische Schiff recherchiert hat, richtet aber sein Hauptaugenmerk auf seine Protagonisten. Die Mischung aus historischer Richtigkeit und erfundener Fiktion ist Decoin absolut gut gelungen und es war nicht nur die fast permanente „Anwesenheit“ der Titanic, die mich begeisterte, sondern auch die tragische Liebesgeschichte, die darum herumgesponnen wurde.

Kein einziges Mal kam Langeweile auf, denn die dichte Atmosphäre um den tragischen Helden Horty nahm mich in Besitz und ich wollte wissen, wie es mit ihm weitergeht beziehungsweise endet. Und da wäre ich dann auch schon beim einzigen klitzekleinen Manko des Romans: Das Ende war ab einer gewissen Zeit einfach absehbar. Aber das war an sich gar nicht weiter schlimm, denn im Grunde genommen habe ich es eigentlich ja auch erwartet und wäre enttäuscht gewesen, wenn es nicht so passiert wäre.

Für Titanic-Fans absolut empfehlenswert, wenngleich sich die Geschichte des Ozeanriesen im Hintergrund abspielt. Dennoch ist die Titanic irgendwie immer allgegenwärtig. Und die außergewöhnliche Liebesgeschichte, die man dazu serviert bekommt, ist auch nicht ohne.

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Fazit: Außergewöhnliche Liebesgeschichte vor dem Hintergrund des Titanicstapellaufs und -unglücks. Schöne Darstellung jener Epoche.

© 2015 Wolfgang Brunner für Buchwelten

Geschichte eines Verschwindens von Hisham Matar

Geschichte

Erschienen als gebundene Ausgabe
im Luchterhand Verlag
insgesamt 192 Seiten
Preis: 19,99 €
ISBN: 978-3-630-87245-2
Kategorie: Drama, Zeitgenössische Literatur

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Der zwölfjährige Nuri el-Alfi lebt nach dem Tod seiner Mutter zusammen mit seinem Vater weiterhin in Kairo. Immer wieder machen sie gemeinsam Urlaub in einem Hotel in Alexandria, wo sie eines Tages die junge Mona kennen und lieben lernen. Beide verlieben sich auf unterschiedliche Weise in die gleiche Frau. Das Schicksal führt den Vater mit Mona zusammen und alles scheint in geordneten Bahnen zu verlaufen. Bis eines Tages Nuris Vater, der gegen die Regierung arbeitet, entführt wird und unauffindbar ist.

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Der vorliegende Roman war letztendlich etwas völlig anderes, als ich erwartet hatte. Ich dachte, dass bedeutend mehr Augenmerk auf die politische Situation gerichtet wird, wurde aber schon nach den ersten Seiten angenehem überrascht. Es ist eher eine Geschichte im Stil von Philip Roth oder John Irving, die einem da in einem wunderbaren (ohne weiteres mit den beiden genannten Autoren vergleichbaren) Schreibstil präsentiert wird.
Man leidet mit dem jungen Protagonsiten, hofft und träumt mit ihm und fühlt sich an seine eigene Kindheit, in der alles noch verklärt schön, aber dennoch voller Komplikationen war, erinnert. Matar schildert die Welt aus der Sicht eines heranwachsenden Jungen, der sich in der Entwicklungsphase zwischen Knabe und Mann befindet und nicht so recht weiß, wo er hingehört.

Wie oben schon erwähnt, ist Matars Schreibstil zwischen Irving und Roth anzusiedeln, und auch seine Erzählweise kommt der von beiden sehr nahe. Eine Mischung aus melancholischen Kindheitserinnerungen und elegischen Rückblenden in ein Leben, das man auch selbst einmal geführt hat, berührt den Leser und schafft es, ihn vollkommen in seinen Bann zu ziehen.

Der für mich bis zu diesem Werk unbekannte Hisham Matar hat mich vollkommen überzeugt und sein Erstling „Im Land der Männer“ ist bereits bestellt und an mich unterwegs.
Matar ist als Kind selbst Opfer politischer Verfolgungen gewesen, dennoch stellt er diese Tatsache nie in den Vordergrund,  sondern lässt uns in erster Linie am Gefühlsleben seiner Protagonisten teilnehmen. Genau das ist es auch, was mich an diesem Buch so beeindruckt hat. Die Politik, auch wenn sie eine wichtige Rolle in der Handlung spielt, ist „Beiwerk“. in Matars Buch geht es vordergründig um die Menschen und ihre Ängste und Hoffnungen.

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Fazit: Einfühlsam und melancholisch erzählt der lybische Autor Matar die herzergreifende Geschichte eines Jungen, dessen erste Liebe, den Verlust des Vaters und den schwierigen Übergang vom Kind zum Mann. Volle Punktzahl.

© 2015 Wolfgang Brunner für Buchwelten

Die Wahrheit über den Fall Harry Quebert von Joël Dicker

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Erschienen als gebundene Ausgabe
im PIPER Verlag
insgesamt 736 Seiten
Preis: 22,99 €
ISBN: 978-3-492-05600-7
Kategorie: Internationale Belletristik

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Marcus Goldman, ein junger Schriftsteller, der mit seinem Romandebüt blitzartig die Bestsellerlisten erobert hat, lebt auf großem Fuß und genießt seinen Ruhm.

Als sein Verlag ihn jedoch immer mehr drängt, den vertraglich festgelegten nächsten Roman vorzulegen, kann Goldman es nicht mehr ignorieren. Er hat eine Schreibblockade. Er kann nichts mehr schreiben, ihm fällt nichts ein, er ist der Verzweiflung nahe.

Marcus Goldman sieht nur noch einen Ausweg: Er ruft seinen alten Professor und Mentor Harry Quebert an. Seit seinem Erfolg hat er sich nicht mehr bei ihm gemeldet, doch sein väterlicher Freund ist alles andere als nachtragend. Harry, selber ein hochgelobter und berühmter Schriftsteller, lädt Marcus ein, ihn nach langer Zeit wieder in seinem Strandhaus in Aurora zu besuchen. Zu Studienzeiten war dies Marcus‘ zweites zu Hause und er nimmt die Einladung erleichtert an.

Doch plötzlich überschlagen sich die Ereignisse: In Harrys Garten wird die skelettierte Leiche der vor 33 Jahren im Alter von 15 Jahren verschwundenen Nola gefunden. Neben ihr findet sich eine Ledertasche, in der das Originalmanuskript von genau dem Roman auftaucht, der Harry Quebert berühmt und erfolgreich gemacht hat.

Harry bestreitet etwas mit dem Tod der jungen Frau zu tun zu haben, gibt aber zu, dass sich die beiden geliebt haben, sie sogar eine heimliche Beziehung zueinander gepflegt haben. Harry Quebert gerät unter Mordverdacht, wird in Untersuchungshaft gebracht und die Bewohner des Örtchens Aurora wollen nichts mehr von ihm wissen.

Einzig Marcus Goldman ist von der Unschuld seines alten und einzigen Freundes überzeugt. Er ist sich sicher, dass der damals 34-jährige, die 15-jährige Nola niemals getötet haben kann. Und so beginnt er auf eigene Faust Ermittlungen anzustellen und rührt damit urplötzlich die so beschaulich anscheinende Gemeinde Aurora heftig auf.

Durch Drohbriefe und Anschläge wird versucht, Marcus an seinen Nachforschungen zu hindern, doch der lässt sich nicht schrecken. Er bohrt, fragt, forscht und ermittelt weiter. Und nicht nur das. Er beschließt genau dies zum Thema seines neuen Romans zu machen: Die Wahrheit über den Fall Harry Quebert …

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Dies ist der zweite Roman des Autors Joël Dicker und ich habe ihn mir einfach nur ausgesucht, weil mich die Inhaltsangabe neugierig gemacht hat. Dass der Roman schon mehr oder weniger in aller Munde war, war mir neu. Mit ca. 730 Seiten, die zumal recht klein beschrieben sind, ist der Roman aber nicht annähernd langatmig, sondern fesselnd von der ersten bis zur letzten Zeile.

Der Autor schreibt in einem sehr hochwertigen, angenehmen, gut lesbaren Schreibstil, der den Leser in der Geschichte verweilen und teilhaben lässt.

Die Figuren, und hier meine ich nicht nur die Hauptprotagonisten, sind sehr charakterstark und greifbar ausgearbeitet. Nicht nur Harry und Marcus sind mir im Laufe der Handlung sehr ans Herz gewachsen, sondern z.B. auch der Polizist Gahalowood, der Marcus Goldman zunächst mehr als abwertend mit Schriftsteller tituliert hat, jedoch nach und nach sogar ein freundschaftliches Verhältnis zu ihm aufbaut, auch wenn dessen Ermittlungen auf eigene Faust, den Polizisten in Bedrängnisse bringen.

Der Autor arbeitet mit Zeitsprüngen, erzählt mal die Geschichte der Jetztzeit (2009), dann erzählt er Harrys und Nolas Geschichte im Jahre 1975. Und zwischendurch springt er dann noch in die Zeit, in der Marcus und Harry sich kennengelernt haben. Diese Erzählform trägt mit Sicherheit zusätzlich zur Kurzweiligkeit des Romans bei.

Dicker liefert hier einen Krimi, der das Leben einer Kleinstadt und die Verschworenheit derer Bewohner hervorragend darstellt und verbindet dies mit einer wunderschönen, zarten Liebesgeschichte zweier Personen, die sich nicht lieben dürfen.

Bis zum Ende der Geschichte liefert der Autor immer wieder neue Erkenntnisse und Wendungen, die mich als Leserin überrascht haben. Bis zur letzten Seite bleibt die Klärung des Falles spannend.

Gut gefielen mir auch die zwischen den Kapiteln gedruckten kurzen (Lehr)gespräche zwischen dem Erfolgsautor und seinem Zögling, in denen ich viele schöne Aussagen und Leitsätze gefunden habe. Und warum mich gerade die – ziemlich kurze – Danksagung sehr angesprochen, kann jeder nachvollziehen, der die Geschichte gelesen hat.

Mein Fazit: 5 von 5 Sternen für diesen Krimi, der außerdem eine Liebesgeschichte und auch viel Gesellschaftskritisches beinhaltet. Ein fesselnder Roman, toll geschrieben und voller Wendungen und geschickt gesponnener Fäden, die dennoch nicht verwirrend sind.

Harry Quebert“ kommt neben „Der Anschlag“ und „Doctor Sleep“ auf jeden Fall in meine Lesehighlights des letzten Jahres.

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© Buchwelten 2014

Der Anschlag von Stephen King

Erschienen in gebundener Ausgabe
bei Heyne
insgesamt 1.056 Seiten
Preis: 26,99 €
ISBN: 978-3-453-26754-1
Katergorie: Thriller

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Jake Epping kann nicht glauben, was sein Freund Al ihm erzählt: im Vorratsraum seines Diners befindet sich so etwas ähnliches wie ein Zeitloch, durch das man exakt am 09. September 1958 um 11.58 Uhr die Vergangenheit erreicht. Al ist von dem Plan besessen, das Attentat auf John F. Kennedy zu verhindern, um die Geschichte neu, und besser zu schreiben. Es gilt, etwas über 5 Jahre in der Vergangenheit zu leben, um an just diesen Zeitpunkt zu gelangen, an dem man in der Lage wäre, Lee Harvey Oswald, den vermutlichen Mörder JFKs, aus dem Weg zu räumen und den Mord am amerikanischen Präsidenten zu verhindern. Jede Zeitreise, egal wie lange sie in der Vergangenheit dauert, lässt nur etwa zwei Minuten in der Gegenwart verstreichen. Doch Al kann seinen Plan nicht mehr ausführen, denn er ist an Krebs erkrankt und wird zuenehmend schwächer. Er bittet Jake, seine Rolle zu übernehmen und für fünf Jahre in der Vergangenheit zu leben, um den Anschlag auf Kennedy zu vereiteln. Was hätte er denn schon großartig zu verlieren? Zwei Minuten der Gegenwart, mehr nicht.

Jake zögert, kann aber den Reiz des Möglichen nicht vergessen und lässt sich auf das Abenteuer ein. Dass er sich in einer Zeit, in der er selbst noch nicht einmal geboren ist, unsterblich in eine Frau verliebt konnte er nicht ahnen. Und dann gibt es da auch noch den sogenannten „Schmetterlingseffekt“, dem man nachsagt, dass die kleinste Veränderung riesige Auswirkungen auf die Zukunft haben kann.

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Als eingefleischter Stephen King Fan konnte ich es kaum erwarten, seinen neuen Roman zu lesen, hatte mich doch sein letzter ‚Schinken‘ „Die Arena“ zwar begeistert, aber leider nicht vollends überzeugt.

Schon die Thematik von „Der Anschlag“ machte mich neugierig, vermutete ich dahinter einmal eine etwas andere Geschichte des „Horror-Königs“. Und ich wurde keineswegs enttäuscht, sondern viel eher von der einfühlsamen Komplexität dieses Buches völlig überrumpelt. King hat nicht immer einen anspruchsvollen Schreibstil, man denke nur an seine manchmal arg übertriebenen Dialektdarstellungen oder an oft umgangssprachliche Äußerungen seiner Protagonisten (die zugegebenermaßen auch oft perfekt passen).

Ich würde „Der Anschlag“ als den größten Wurf Stephen Kings seit „The Green Mile“ bezeichnen. Schon am Anfang bemerkte ich den veränderten, gehobeneren Schreibstil Kings und war begeistert. Als sich dann aber die Handlung von einem „Zeitreise-Polit-Thriller“ in eine andere, nämlich völlig unkitschige, tief ergreifende Liebesgeschichte, entwickelte, begann ein Abenteuer, wie ich es von King nicht erwartet hätte.
Die Charaktere der Protagonisten besitzen einen Tiefgang und eine Glaubhaftigkeit, bei der man schon bald der festen Überzeugung ist, sie und vor allem all ihre Ängste und Hoffnungen tatsächlich zu kennen. 

Die unterschwellige Melancholie in manchen Szenarien nahm mich mit und berührte mich teilweise so stark, dass ich so manches Mal den Tränen nahe war.

Diese „Zwischen den Zeilen-Botschaft“ wird für mich allerdings erst nach mehrtägigem darüber Nachdenken immer noch stärker und ich merke, dass ich, während ich diese Rezension schreibe, Lust verspüre, das Buch in die Hand zu nehmen und zurück zu kehren in die Welt von Jake im Jahre 1958 ff.
So intensiv nimmt mich selten ein Buch in Besitz, hinterläßt es (jedenfalls bei mir) ein melancholisches Gefühl über all die verpassten Chancen seiner eigenen Vergangenheit und wie es wohl wäre, sie bei einem kurzen Ausflug zu korrigieren. 

King hat etwas geschafft, dass nur wenigen Büchern auf diese besondere Art und Weise zu eigen ist: Man möchte Tag und Nacht lesen, vergißt die Zeit um sich und ist IN DER GESCHICHTE.

Zuletzt passierte mir das bei Tad Williams (Otherland), Dan Simmons (Terror) und selbstverstädnlich J.R.R. Tolkien (Der Herr der Ringe).

Auch wenn „Der Anschlag“ nur eine ‚kleine‘ Geschichte ist und nicht episch-bombastisch wie zwei der obengenannten: die Größe liegt im Gefühl, dass dieser Roman hinterlässt. Wenn ich an bestimmte Stellen denke, bekomme ich eine Gänsehaut und wünsche mir, wieder dabei sein zu dürfen.

King hat es auch hervorragend geschafft, eine an den Haaren herbeigezogene Geschichte so glaubwürdig darzustellen, dass man über hanebüchene ‚Fehler‘ hinwegsieht, ohne darüber nachzudenken. Wie das Paradoxon von Zeitreisen erklärt wurde, klang (zumindest für mich) absolut logisch.

Man merkt, wie begeistert ich bin und ich kann jedem, der Stephen King, historische Geschichte und unkitschige, ehrliche Liebesgeschichten mag, das Buch nahelegen.

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Fazit: Ich kann schwer meine Begeisterung für dieses Werk von Stephen King zügeln. Obwohl die Handlung relativ ruhig ist, erwartet den Leser eine (in meinen Augen) spektakuläre und vor allem unvergessliche Zeitreise in die 50er und 60er Jahre. Und eine Liebesgeschichte, die es in sich hat: Jake und Saddie gehören für mich neben Scarlett und Rhett mit zu den beeindruckendsten Liebespaaren der Literatur.

Uneingeschränkte Leseempfehlung und für mich eines der besten Bücher der letzten zehn Jahre. 5 von 5 Sternen und ein Plus dazu! 🙂

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Ein Dank an Marion, der Betreiberin dieses tollen Blogs, für dieses wunderbare Geburtstagsgeschenk, das sie mir mit diesem Buch gemacht hat. ♥

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© Cryptanus für Buchwelten 2013