Judas Goat / Midnight Solitaire von Greg F. Gifune

 

 

Erschienen als Taschenbuch
im Luzifer Verlag
insgesamt 420 Seiten
Preis:  13,95  €
ISBN: 978-3-95835-332-9
Kategorie: Mystery, Thriller, Horror

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Zwei Kurzromane / Novellen in einem Band.

JUDAS GOAT: Lenny Cates hat seine Jugendfreundin Sheena seit über zwanzig Jahren nicht mehr gesehen. Umso überraschender ist es für ihn, als sie ihm nach ihrem Tod ein Anwesen vererbt. Als Lenny das Haus aufsucht, wird er mit seiner Vergangenheit konfrontiert, in der auch Sheena eine wichtige Rolle spielt.

MIDNIGHT SOLITAIRE: Vier Fremde suchen während eines heftigen Schneesturms Unterschlupf in einem Motel. Schon bald müssen sie feststellen, dass ein verrückter Killer ihnen nach dem Leben trachtet. Und einer der Gruppe kennt den Mörder, denn er ist schon seit Jahren hinter ihm her …

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Zwei Kurzromane in einem Band von einem meiner Lieblingsschriftsteller Greg F. Gifune. Das ist ja fast wie Weihnachten. 😉
Ich habe mit „Judas Goat“ begonnen, weil mich da schlichtweg die Inhaltsangabe mehr angesprochen hat. Und ich lag richtig: „Judas Goat“ ist, zumindest für mich, die bessere Geschichte. Aber der Reihe nach:
Gifunes Schreibstil ist wie gewohnt, sehr hochwertig. Und auch in diesem etwas kürzeren Roman versprüht der Autor zwischen all seinen mystischen und gruseligen Momenten jede Menge Melancholie, wie man es von ihm kennt. Es ist immer wieder ein Genuss, Gifunes Protagonisten dabei zu begleiten, wenn sie in ihre Vergangenheit zurückkehren und diese bewältigen (wollen). Gifune hat in „Judas Goat“ sein altbewährtes Konzept angewandt, das zwar an manch anderen seiner Romane erinnert, aber keineswegs langweilig wirkt und einen „Schon mal gewesen“-Effekt erzielt. Die Story ist sehr atmosphärisch aufgebaut und zieht den Leser sofort in ihren Bann. Ich habe das einsame und abgelegene Anwesen deutlich vor meinem inneren Auge gesehen und war dadurch hautnah in der Geschichte mit dabei. Genau solche Storys wie „Judas Goat“ sind es, die mich zu einem absoluten Fan von Greg F. Gifune machten. Er hat mich wieder einmal alles andere als enttäuscht.

Kommen wir nun zur zweiten Geschichte mit dem Titel „Midnight Solitaire“, die natürlich wieder für Gifune typische Elemente enthält, aber sich von „Judas Goat“ dennoch ein wenig unterscheidet. Während in der zuerst von mir besprochenen Story eher wenig Action passiert, verhält es sich bei „Midnight Solitaire“ schon ein wenig anders. Der Plot hat mich desöfteren an einen typischen Slasherfilm der 80er Jahre erinnert, in dem sich ein paar Protagonisten einem gefährlichen Killer gegenüberstehen und um ihr Überleben kämpfen müssen. Hier wendet Gifune eindeutig mehr Action an und erzählt sehr rasant ein Belagerungsszenario in einem einsamen Motel. Doch auch hier kommen Elemente vor, die mir an Gifune so sehr gefallen und in denen er Lebensweisheiten beschreibt, die man entweder selbst bereits kennt oder über die man sich dann zumindest Gedanken macht. Die Geschichte ist allerdings ein wenig vorhersehbar, zumindest was die Handlungsweise der Protagonisten betrifft. Hier könnte man durchaus sagen, dass man das alles entweder schon mal gelesen oder in einem Film gesehen hat. Aber Gifune verleiht der Geschichte dennoch einen ganz eigenen Touch, der im Gedächtnis des Lesers haften bleibt und ihn nicht unbefriedigt zurücklässt. Gifunes ruhigere Geschichten sprechen mich persönlich aber eindeutig mehr an, nur mal so nebenbei. 😉

Beide Novellen unterstreichen wieder einmal das Können von Greg F. Gifune und fügen sich in das Schaffenswerk des Autors nahtlos ein. Atmosphärischer und melancholischer kann man Mystery-Horror-Thriller nicht schreiben. Greg F. Gifune muss man einfach lesen. Es „menschelt“ in seinen Geschichten so sehr, dass man süchtig danach wird.

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Fazit: Zwei atmosphärische und melancholische Novellen von einem Meister seines Fachs.

© 2018 Wolfgang Brunner für Buchwelten

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Äquator von Antonin Varenne

Aequator von Antonin Varenne

Erschienen als gebundene Ausgabe
im C. Bertelsmann Verlag
insgesamt 426 Seiten
Preis: 20,00 €
ISBN: 978-3-570-10340-1
Kategorie: Belletristik, Abenteuer

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Pete Ferguson ist auf der Flucht. Er wird als Dieb, Brandstifter, Deserteur und Mörder gejagt. Als er bei einer Gruppe von Bisonjägern von einem Ort namens Äquator erfährt, macht er sich auf den Weg dorthin. Denn dort soll angeblich alles besser sein, dort sollen Träume wahr werden und, wenn alles gut geht, Ferguson von seinen inneren Dämonen befreit werden. Pete Ferguson macht sich auf den Weg durch die Weiten des amerikanischen Westens über Guatemala bis hin zu den dichten Urwäldern Brasiliens.

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Varennes Geschichte um einen Mann, der sich ein Ziel setzt und alles daran setzt, dieses zu erreichen, mag dem ein oder anderen Leser nicht hundertprozentig zusagen. Das liegt vor allem am außergewöhnlichen Schreibstil und der nicht immer massentauglichen Erzählstruktur, die der Autor in seinem neuesten Werk präsentiert. Vieles wirkt im ersten Moment sperrig und emotionslos, offenbart sich aber dem Leser, wenn er es nach ein paar Seiten geschafft hat, sich auf dieses literarische Ausnahme-Experiment einzulassen. Denn Antonin Varenne hat es zum Beispiel bei mir hervorragend geschafft, mich vollkommen in eine andere Zeit (und Welt) zu entführen, aus der ich mich oftmals überhaupt nicht mehr entfernen wollte. Vieles an den Handlungsweisen des Protagonisten erscheint ein wenig wirr, aber wenn man einmal darüber nachdenkt, wie man sich selbst in solchen Situationen verhält (verhalten würde) ergibt das Ganze durchaus Sinn.

„Äquator“ ist ein ruhiges Buch. Keine Action und keine großartige Schießereien. Es wird einfach nur eine Geschichte erzählt, die es aber in sich hat. Es handelt sich um einen Abenteuerroman, der eher auf die klassische Art (ähnlich wie zum Beispiel Karl May) Länder und Sitten anschaulich macht und dadurch eben ein gewisses Abenteuergefühl aufkommen lässt. Ich fühlte mich wirklich hervorragend unterhalten und empfand an keiner einzigen Stelle im Buch Langatmigkeit geschweige denn Langeweile. Varenne schreibt sehr bildhaft, wenngleich sein Schreibstil, wie bereits erwähnt, für den ein oder anderen gewöhnungsbedürftig sein könnte. Seine Dialoge sind filmreif, erscheinen einem während des Lesens wie die Worte aus einem Drehbuch. Vielleicht ist es auch diese Tatsache, die einen mitten im Geschehen sein lässt. Varenne spielt auch immer wieder auf sein Buch „Die sieben Leben des Arthur Bowman“ an, das ich (noch) nicht kenne. Auf jeden Fall stieg bei mir das Interesse an diesem Vorgänger, das wohl eine Art Vorgeschichte zum vorliegenden Roman darstellt. „Äquator“ ist ein Buch, für das man sich Zeit nehmen sollte, denn es steckt bei weitem mehr in den Sätzen, als man auf den ersten Blick wahrnimmt. Manchmal ist es fast schon poetisch und philosophisch, was Varenne da zu Papier gebracht hat.

Ein weiterer erwähnenswerter Punkt ist das grandiose Cover des Romans. Auch wenn es nicht zum Verdienst des Autors gehört, muss ich sagen, dass es ein fantastisches Bild ist, dass der Verlag da ausgesucht hat. Die Einsamkeit des Protagonisten, die im Roman immer wieder dargestellt wird, findet hier eine perfekte bildhafte Ausdrucksweise. ich kann gar nicht sagen, wie oft ich mir während des Lesens dieses unglaublich ausdrucksstarke Umschlagsbild angesehen habe. Zusammen mit der Geschichte prägt sich dieser Roman, zumindest verhält es sich bei mir so, im Gehirn ein und hinterlässt ein beeindruckendes Gesamtbild. Auch wenn ich mir hin und wieder eine noch detailliertere Beschreibung der Vorgänge und eine tiefergehende Charakterisierung des Protagonisten gewünscht hatte, zählt für mich „Äquator“ zu einem fast schon nostalgischen Abenteuerroman, wie es sie heutzutage nur noch selten gibt. Durch diesen Roman bin ich auf jeden Fall neugierig, was Antonin Varenne noch so geschrieben hat und werde mich Schritt für Schritt durch sein Werk lesen.

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Fazit: Ein ruhiger, melancholischer Abenteuerroman im klassischen Stil. Wer Action erwartet, wird enttäuscht, Freunde ruhigerer Momente werden begeistert sein.

© 2018 Wolfgang Brunner für Buchwelten

Porträt einer Ehe von Robin Black

Portraet einer Ehe von Robin Black

Erschienen als Taschenbuch
im btb Verlag
insgesamt 320 Seiten
Preis: 10,00 €
ISBN: 978-3-442-71589-3
Kategorie: Drama, Belletristik, Gegenwartsliteratur

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Gus ist Malerin, ihr Ehemann Owen Schriftsteller. Sie führen ein glückliches Leben und lieben einander. Doch es gibt auch Zeiten, in denen nicht alles so rosig ist, wie sie es sich wünschen. Und dennoch kämpfen sie auch in diesen Zeiten um ihre Liebe und geben sich nicht auf. Sie suchen die Einsamkeit, die für sie traute Zweisamkeit bedeutet, und ziehen aufs Land. Als sie eine neue Nachbarin bekommen, die das Haus in ihrer Nähe bezieht, gerät Gus‘ und Owens Ehe erneut ins Wanken …

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Zuerst einmal möchte ich bemerken, dass der deutsche Titel „Porträt einer Ehe“ nicht ganz auf die Handlung des Romans zutrifft. Auch wenn es (auch) um die Ehe zwischen Gus und wen geht, so richtet sich das Hauptaugenmerk in erster Linie auf das Leben der Ich-Erzählerin Gus. Der Originaltitel „Life Drawing“ („Lebenszeichnung“) trifft da schon eher den Nagel auf den Kopf. Es könnte also unter Umständen durchaus sein, dass, wer sich von dem deutschen Titel täuschen lässt, einen Plot bekommt, den er so nicht erwartet hat. Aber es geht natürlich auch um die Ehe und deren unendliche Facetten. Schon auf den ersten Seiten bekam ich feuchte Augen, als ich den melancholischen Rückblick einer Frau las, die sich Gedanken über ihr eigenes Leben und das Miteinander mit ihrem Partner macht. Es sind unglaublich intensive Worte, die in die Handlung einführen und schon von Anfang an klar machen, was einen erwartet: ein gefühlvoller, nostalgischer und melancholischer Rückblick auf ein Leben.

„Porträt einer Ehe“ behandelt im Endeffekt nur einen kurzen Abschnitt aus dem gemeinsamen Leben des Ehepaares. Aber es wird immer wieder erzählt, wie es einmal war und wie es sein könnte. Die Stimme der Ich-Erzählerin richtet sich absolut an den Leser und lässt ihn unmittelbar an der Gedankenwelt der Protagonistin teilnehmen. Der Leser durchlebt ihre Hoffnungen, ihre Ängste und Zweifel, aber auch ihre unendliche Liebe ihrem Ehemann gegenüber. In vielen Momenten dachte ich, Gus würde in meinem Kopf direkt zu mir sprechen, so authentisch waren ihre Worte. Ich sah das Farmhaus vor meinen Augen, nahm an den Gesprächen des Ehepaares teil, als säße ich direkt neben ihnen und konnte die Emotionen während des Lesens spüren. Wie in Fluss gleitet die Geschichte vor dem inneren Auge des Lesers vorbei, reißt ihn dabei mit und lässt ihn nicht mehr los. Eine Flut von Lebenserfahrungen liegen in Blacks poetischer Sprache, in denen man sich oft selbst wiederfindet.

Robin Blacks Roman ist eine Erfahrung, die man nicht mehr missen möchte und bei der man sich denkt, man möchte im Alter ebenso gegenüber seinem Partner verfahren. Die gegenseitige Ehrlichkeit, die Rücksichtnahme, aber auch die unfreiwilligen Geheimnisse, die beide für sich behalten … das alles ist so glaubwürdig und nachvollziehbar, das diese Wahrheit fast schon wehtut. Ich konnte mich schwer aus dem faszinierenden Sog dieses Buches losreißen, der mich bereits, wie gesagt, schon nach den ersten Seiten erfasst hat. Black schildert präzise, was in liebenden Menschen vor sich geht. Sie beschönigt nichts, zeigt aber auch auf, wie solch eine „perfekte“ Liebe funktionieren könnte. „Porträt einer Ehe“ ist ein wunderschönes Buch, das emotional berührt (sofern man sich darauf einlassen kann) und auf beeindruckend poetische, fast schon philosophische Art und Weise die Liebe zweier Menschen darstellt, wie sich in Wirklichkeit abläuft. Es gibt nicht immer nur Höhen, sondern leider auch so manches Tief, das man aber zu zweit ohne weiteres meistern kann, sofern man dazu bereit ist. Genau diese Botschaft vermittelt Robin Blacks Liebesroman, der in wunderschönen Gedankengängen und mit traurigen, melancholischen Momenten beleuchtet, was tief in uns allen drin ist: Die Hoffnung, einen Menschen zu finden, den man mit all seinen Stärken und Schwächen lieben kann. Ich bin begeistert von diesem Romandebüt.

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Fazit: Melancholisches, trauriges und ehrliches Porträt einer großen, starken Liebe.

© 2018 Wolfgang Brunner für Buchwelten

Strafe von Ferdinand von Schirach

Strafe von Ferdinand Schirach

Erschienen als gebundene Ausgabe
im Luchterhand Verlag 
insgesamt 189 Seiten
Preis: 18,00 €
ISBN: 978-3-630-87538-5
Kategorie: Belletristik, Gegenwartsliteratur

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12 Geschichten über das Thema „Strafe“, ob gerecht oder ungerecht.

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Und erneut schafft es Ferdinand von Schirach auf grandiose Weise, menschliche Schicksale eindrucksvoll in nur wenige Zeilen zu packen, so dass man oftmals meint, einen ganzen Roman gelesen zu haben. Von Schirach bleibt seinem Stil treu und zieht seine Leser in gewohnter Manier in seinen Bann. In fast jeder Geschichte fühlt man sich angesprochen und vermeint, Dinge aus seinem eigenen Leben zu entdecken, die einem entweder selbst widerfahren sind oder über die man zumindest schon einmal nachgedacht hat. Der Autor hält uns oftmals einen Spiegel vors Gesicht, in dem wir uns auf unvermeidliche Art und Weise selbst erkennen. Wie kein anderer beherrscht von Schirach einen epischen Minimalismus, dem man sich schlichtweg nicht entziehen kann. Trotz des kühl und distanziert wirkenden Schreibstils findet man in den kurzen Geschichten eine Fülle an Emotionen, die einen direkt ins Herz trifft und berührt. Wie in fast allen seinen Geschichten handeln auch diese von der Einsamkeit der Protagonisten und von ihren Gedanken über den Sinn des Lebens. Von Schirach bringt all dies innerhalb kürzester Zeit auf den Punkt und schafft so manches Mal bessere Charaktere, als man sie in dicken Schmökern vorfindet.

Die Opfer und Täter in diesen Geschichten erfahren Strafe(n), die nicht immer gerecht sind, aber dennoch eine nachvollziehbare Logik vorweisen. Von Schirach beherrscht sein Handwerk perfekt und zeigt Situationen auf, die jedem von uns passieren könnten oder auf die ein oder andere Weise vielleicht sogar passiert sind oder noch passieren werden. Es ist pures Leben, das aus den Storys sprudelt, und die sich nachhaltig ins Gedächtnis fressen, wie es auch schon bei der Geschichtensammlung „Carl Tohrberg“ der Fall war. Es mag den einen oder anderen Leser geben, der den knappen und schnörkellosen Schreibstil als zu schlicht und einfach abtut und dadurch der Intelligenz, die hinter fast jedem der Sätze steckt, keine Chance gibt. Wer es allerdings vermag, zwischen den Zeilen zu lesen, wird mit unglaublichen „Lebensweisheiten“ belohnt, die zum Nachdenken über das eigene Leben anregen. Die Seite der Justiz, die genau genommen im Vordergrund der Geschichten steht, wird von den Charakteren und deren Tragödien in den Hintergrund gerückt, so dass von Schirach es tatsächlich schafft, aus Kriminalfällen menschliche Dramen zu erschaffen. Fast möchte man bei den Geschichten von Ferdinand von Schirach das Wort „philosophische Justiz“ erfinden, um den Storys gerecht zu werden, die sich in diesem Buch befinden.

Ferdinand von Schirach behandelt menschliche Abgründe auf eine hypnotische Weise, die die Handlungsweise der Protagonisten für den Leser absolut nachvollziehbar macht. Es ist reine Poesie, mit der hier von Mord und Totschlag berichtet wird, und über den teils brutalen Vorgängen legt sich ein Schleier aus Nostalgie und Melancholie, der die Tat(en) verklärt wirken lässt, als wären sie lediglich ein Traum, dem man beim Lesen beiwohnt. Überhaupt wirken die Kurzgeschichten wie Träume, die auf wenigen Seiten die Zeitspanne eines (fast) ganzen Lebens umfassen. Es ist immer wieder erstaunlich und überraschend, wie detailgetreu und komplex von Schirach seine Personen präzisiert, obwohl er dies nur auf wenigen Seiten tut. Und auch wenn man schon ein paar Bücher des Autors gelesen hat, wird man von manchen Entwicklungen dennoch überrascht, weil man so nicht damit gerechnet hat. Von Schirach erfindet das (sein) Rad nicht neu, dafür hat er schon zu viele Bücher gleicher Art auf den Markt gebracht, aber entgegen vieler Kritiker hält er sein Niveau definitiv konstant aufrecht und bleibt seiner Linie treu. Für mich gehört Ferdinand von Schirach zu den ganz großen deutschen Schriftstellern, deren Bücher schon bei ihrem Erscheinen Klassiker sind. Mich begeistert der philosophierende Jurist nach wie vor.

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Fazit: In gewohnter Qualität schildert von Schirach menschliche Schicksale, die einen mitten ins Herz treffen.

© 2018 Wolfgang Brunner für Buchwelten

Schwerelos von Katie Khan

Schwerelos von Katie Khan

Erschienen als Taschenbuch
im Heyne Verlag
insgesamt  416Seiten
Preis: 14,99 €
ISBN: 978-3-453-3183-4
Kategorie: Science Fiction, Liebe

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Die Astronauten Carys und Max schweben aufgrund eines unglücklichen Zwischenfalls einsam im Weltraum. Sie können ihre Raumstation nicht mehr erreichen und die Luftvorräte können sie nur noch etwa neunzig Minuten am Leben erhalten. Während die beiden verzweifelt versuchen, sich aus ihrer misslichen Lage zu retten, reden sie miteinander und erinnern sich an die Zeiten, als sie sich kennengelernt und ineinander verliebt haben. Mit unaufhaltsamer Grausamkeit verstreichen dabei die Minuten, die ihnen noch bleiben, und das unausweichliche Ende rückt immer näher …

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Man sieht das Cover, am liest den Titel und den Klappentext und denkt sofort, dass es sich hier um einen „Klon“ des Films „Gravity“ handelt. Auch während der ersten Seiten bekommt man den Gedanken nicht los, dass sich die Autorin in erster Linie an dem genannten Film mit Sandra Bullock und George Clooney in den Hauptrollen orientiert. Aber man wird eines besseren belehrt, denn Kathie Khan geht letztendlich einen ganz anderen Weg und nimmt lediglich eine ähnliche Ausgangssituation für ihren Roman. Bei „Schwerelos“ handelt es sich um eines der eher seltenen Bücher, die ich in das Genre „Science Fiction-Liebesroman“ stecken würde. Khan geht das Ganze wirklich sehr geschickt an, so dass man sich bereits nach der ersten „Rückblende“ in das Leben der beiden Protagonisten nur noch sehr schwer von den Seiten lösen kann.

„Schwerelos“ wirkt wie eine Mischung aus Science Fiction, Liebesroman und All-Age-Abenteuer á la „Die Tribute von Panem“, um nur ein Beispiel zu nennen. Das Buch kann sich aus meiner Sicht nicht wirklich entscheiden, ob es sich um einen Erwachsenen- oder Jugendroman handelt, was ich persönlich aber gar nicht schlimm finde. Denn wichtig ist, was drin steht und wie atmosphärisch der Plot auf mich wirkte. Wie gesagt, ich konnte mich wirklich sehr schwer von Carys und Max lösen, während ihre Lebensgeschichte erzählt wurde und sie im Weltraum um ihr Überleben kämpften. Kurzweiliger könnte man die Story gar nicht erzählen, wie es Katie Khan getan hat. Die Seiten fliegen nur so dahin, obwohl es sich im Grunde genommen „nur“ um eine einfache Liebesgeschichte handelt, die in ein SF-Gewand verpackt wurde. Dennoch funktioniert sie. Aber es ist nicht so, dass sich Khan einfach nur mit einer Geschichte über eine Liebe zufrieden gibt. Im letzten Drittel nimmt der Roman noch einmal so richtig Fahrt auf, in dem er sich verschiedener Ebenen bedient und tatsächlich noch echte Science Fiction-Elemente einbindet.

Gerade das Ende macht den ohnehin an manchen Stellen philosophisch angehauchten Roman in meinen Augen zu etwas besonderem. Man beginnt an manchen Stellen über sein eigenes (Liebes-)Leben nachzudenken und fiebert mit den Protagonisten mit. Katie Khan hat am Ende wunderschöne „Wendungen“ und Gedanken in ihren Roman verbaut, die auf manchen Leser kitschig wirken könnten, aber genaugenommen einfach nur darstellen, was „echte Liebe“ wirklich bedeutet. Mir hat die Entwicklung in diese Richtung sehr gut gefallen und das echte Ende verursacht in mir immer noch Traurigkeit, aber auch irgendwie Hoffnung. Katie Khan hat einen schönen und gut lesbaren Liebesroman geschrieben, der eine Science Fiction-Situation zum Ausgangspunkt hat. Ich hätte gut und gerne das doppelte an Seiten verschlingen können, um den beiden noch länger beizuwohnen, denn der flüssige Schreibstil und die philosophischen Überlegungen haben mich schlichtweg von der ersten Seite an gepackt. Ich bin schon jetzt gespannt, was als nächstes von dieser Autorin kommt, denn mit ihrem Debüt hat sie eines auf jeden Fall schon einmal bewiesen: Mut zum Anderssein, in dem man eine „kitschige“ Liebesgeschichte in ein SF-Gewand packt. Und das Konzept funktioniert einwandfrei. Interessant ist, dass die SF-Anteile, die zwar nur selten vorkommen, sehr detailliert und gut recherchiert sind und dem Roman dadurch eine tolle Glaubhaftigkeit verleihen. Ich mag diese Geschichte sehr.

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Fazit: Ein philosophischer Liebesroman im Science Fiction-Gewand. Faszinierendes Lesevergnügen.

© 2018 Wolfgang Brunner für Buchwelten

Acht Berge von Paolo Cognetti

Erschienen als gebundene Ausgabe
bei DVA
245 Seiten
20,00 €
ISBN: 978-3-421-04778-6

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Pietro und Bruno kennen sich seit Kindheitstagen und verbringen viel Zeit miteinander in den Bergen. Eines Tages verlässt Pietro die Bergwelt und zieht in eine Großtstadt, während Bruno in den Bergen bleibt. Im Laufe ihres Lebens begegnen sie sich immer wieder und frischen ihre Freundschaft auf. Auch Pietros Vater verbindet die beiden Männer und als dieser stirbt, treffen sie erneut aufeinander.

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Wenn man in Paolo Cognettis Roman zu lesen beginnt, versinkt man schon nach wenigen Minuten in eine wunderbare, andere Zeit, die die wenigsten Menschen der neueren Generation noch kennen. Ich darf mich glücklich schätzen, genau solch eine naturverbundene Kindheit, wie sie in „Acht Berge“ geschildert wird, noch genauso erlebt zu haben. Es ist absolut faszinierend, mit welcher Hingabe und Detailgenauigkeit Cognetti die Bergwelt schildert und sie dem Leser auf eine grandiose Art mitteilen kann, die ihn förmlich dabei sein lässt. Man riecht die Wälder und spürt die kühle Luft, hört das Plätschern des Gebirgsbaches und fühlt tief in sich drin das Gefühl der Freiheit und des Lebendigseins, wenn man sich in den Bergen aufhält. Es ist wirklich unglaublich, wie intensiv diese Empfindungen einen während des Lesens ergreifen. Die wunderschönen Landschaftsbeschreibungen gehen eine melancholische Symbiose mit der Schilderung einer außergewöhnlichen Männerfreundschaft ein, die einen dermaßen in den Bann zieht, so dass man das Buch gar nicht mehr aus der Hand legen mag. Es bleibt dem Leser selbstverständlich selbst überlassen, ob er in der Intensität dieser Freundschaft auch ein klein wenig homoerotische Gefühle hineininterpretieren möchte – ich für meinen Teil habe ein paar Andeutungen in dieser Richtung heraus gelesen.

Zu dieser lebenslangen Freundschaft zweier Männer gesellt sich noch ein sehr eindringliches Vater-Sohn-Verhältnis hinzu, das glaubwürdiger nicht sein könnte. Man spürt die zwei Seiten des Vaters, der, auf der einen Seite als „Stadtmensch“ unzufrieden und gereizt ist, und andererseits als „Bergmensch“ einen völlig neuen Charakter zeigt. Ich konnte mich an diesen Szenen, die sich in den Bergen zwischen Vater und Sohn abgespielt haben, gar nicht mehr satt lesen, zumal sie mich oft an mein eigenes Leben erinnert haben. In einer nostalgischen Art schildert Paolo Cognetti Bergbesteigungen, die sich im Nachhinein anfühlen, als wäre man tatsächlich selbst dabei gewesen. Bewegend und tiefgründig erzählt Cognetti in einer zwar einfachen, aber nichtsdestoweniger sehr stilvollen Art und Weise, um was es im Leben wirklich geht. Ruhig und besonnen kommt die Geschichte daher und wirkt schon während des Lesens sehr melancholisch. Und nach Genuss dieses wunderbaren Kleinods kommt diese ohnehin schon unglaublich intensive Atmosphäre mit einer Wucht in die Gedanken des Lesers zurück, dass man meint, man habe seine eigene Lebensgeschichte gerade gelesen. Man kann schwer beschreiben, was zwischen den Zeilen dieses Werkes steckt, wenn man vieles davon nicht selbst erlebt hat. Der Roman macht einen traurig, melancholisch, nostalgisch aber auch glücklich.

Besonders beeindruckend empfand ich das Fehlen sämtlicher technischer Errungenschaften der Neuzeit. Der Leser wird mit der Natur und dem Leben konfrontiert und nicht mit Smartphones, Computern und anderen elektronischen (unnützen) Gerätschaften. „Acht Berge“ zeigt das wirkliche Leben, wie es sein sollte und wahrscheinlich niemals wieder sein wird, sofern man sich nicht tatsächlich in eine Berghütte zurückzieht. Cognetti legt sein Augenmerk auf menschliche Emotionen und die Verbundenheit zur Natur, lässt den Leser zumindest für einen kurzen Moment vergessen, in welcher Welt wir wirklich leben. „Acht Berge“ ist ein stiller, ruhiger Ausflug in eine noch heile Welt. Natürlich passieren in dieser „heilen“ Welt auch unangenehme Dinge und die Stille, in der sich die Protagonisten bewegen, ist bestimmt nicht jedermanns Sache. Aber Natur und Freundschaft in solch tiefer Innigkeit zu erleben (oder in diesem Falle zumindest einmal zu lesen) ist Balsam für die Seele. Für mich eines der ganz großen Bücher des Jahres 2017, das, obwohl es verständlich für jeden geschrieben ist, erstaunlicherweise eine philosophische Tiefe in und auch zwischen den Zeilen hervorbringt, die einfach nur beeindruckt und bewegt.
Es fehlen einem manchmal die geeigneten Worte, um dieses kleine, große Werk entsprechend zu beschreiben, so dass es der Geschichte auch gerecht wird. Ich für meinen Teil bin absolut begeistert und bin sicher, dieses Büchlein noch mindestens ein zweites Mal zu lesen.

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Fazit:  Stiller, bewegender, stimmungsvoller und philosophischer Roman über eine innige Männerfreundschaft und ein trauriges Vater-Sohn-Verhältnis.

© 2017 Wolfgang Brunner für Buchwelten

House Of Rain von Greg F. Gifune

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Erschienen als Taschenbuch
im Luzifer Verlag
insgesamt 128 Seiten
Preis:  9,99  €
ISBN: 978-3-95835-103-5
Kategorie: Mystery, Thriller, Horror

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Gordon Cole ist altgeworden. Und er ist einsam. Als es zu regnen beginnt, durchstreift er die Stadt und versucht, seine Vergangenheit zu bewältigen. Den Tod seiner Frau, die Begegnung mit einer mysteriösen, weiblichen Kneipenbekanntschaft und andere dunkle Geheimnisse …

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Es macht immer wieder unglaublichen Spaß, Gifunes melancholische und düstere Geschichten zu lesen. So ist es auch bei dieser Novelle um einen alternden Mann, der sich seiner Vergangenheit stellen muss und dies auch tut. Das Szenario, in dem Gifune seine Geschichte spielen lässt, erinnert an einen Film noir der 40er und 50er Jahre. Eine verregnete Stadt mit nassen Straßen und ein Protagonist, der sich pessimistisch seiner Vergangenheit stellt. Und dennoch schafft es Gifune immer wieder, in seinen tristen Welten Hoffnungen zu verströmen.
Der hochwertige Schreibstil lässt sich wunderbar lesen und nimmt einen vom ersten Satz an gefangen. Gifunes Geheimnis sind seine nicht immer geradlinigen Plots, die den Leser schon desöfteren dazu zwingen, ein wenig nachzudenken und selbst zu interpretieren.
Gifune macht das Horror- und Mysterygenre massentauglich, entführt seine Leser auf hypnotische Weise in das Innere eines Menschen und lässt einen an den Überlegungen, Sehnsüchten und Hoffnungen teilhaben.

Poetisch und verträumt wird die traurige Geschichte eines gebrochenen Mannes erzählt und man kann sich ohne weiteres in das Seelenleben des Protagonisten hineinversetzen und mit ihm fühlen. Es sind keine Zombies und Monster, die hier schockieren, sondern die Gedanken und Verhaltensweisen eines Menschen. Man fliegt durch die Story, fiebert mit und will unbedingt wissen, wie es weitergeht. Emotional und aufwühlend führt uns Gifune durch eine düstere, aussichtslos wirkende Welt, in der viele Fragen unbeantwortet bleiben und darauf warten, vom Leser selbst gelöst und interpretiert zu werden. Gifunes Bücher haben eine unnachahmliche Atmosphäre, die teils deprimiert und beklemmend wirkt, andererseits aber auch eine gewisse Lebenserfahrung verströmt, der man sich nicht entziehen kann. Jeder Leser, der sich auf diese Art von Geschichte einlassen kann, wird einen Nutzen daraus ziehen.

Für mich liefert Greg F. Gifune wieder einmal den Beweis, dass Horror absolut salonfähig sein kann und mehr bedeutet, als bluttriefende Splatterorgien. Für mich einer der besten, atmosphärischsten Schriftsteller, der aus meiner Sicht fast schon ein eigenes Genre kreiert hat: Melancholie-Horror! 🙂
Gifune arbeitet auf wenigen Seiten ein ganzes Leben mit seinen Höhen und Tiefen auf, dringt in den Kopf eines Trauernden ein, der sich überlegt, was das Leben ihm geboten  hat und ihm im Alter noch bieten kann. „House Of Rain“ ist ein kleines Meisterwerk, das man sich öfter zu Gemüte führen kann. Dunkler, poetischer, mystischer Horror. Bleibt nur zu hoffen, dass der Luzifer Verlag weiterhin das Veröffentlichen von Gifunes Werken ins Deutsche weiterführt, der Festa Verlag hat es ja leider eingestellt.  Gifune muss man gelesen haben und seine Geschichten machen süchtig. Ich kann gar nicht sagen, welches seiner Bücher mein Lieblingsbuch ist. Jedes ist für sich eine Perle, die man nicht mehr so schnell vergisst.

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Fazit: Wundervoll poetisch und emotional werden die Gedankengänge eines trauernden, alten Mannes erzählt, der nach dem Sinn des Lebens im ALter sucht. Grandios.

© 2016 Wolfgang Brunner für Buchwelten

Die Frau des Zeitreisenden von Audrey Niffenegger

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Erschienen als Taschenbuch
im Fischer Verlag
insgesamt 543 Seiten
Preis: 9,95 €
ISBN: 978-3-596-16390-8
Kategorie: Drama, Liebesroman

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Durch einen Gendefekt ist Henry dazu verdammt, von der Gegenwart in die Zukunft und Vergangenheit zu reisen. Er lernt Clare kennen und lieben, muss sich aber immer wieder eine Zeitlang von ihr verabschieden, wenn er zwischen den Zeiten umhergeschleudert wird. Das Liebespaar trifft sich immer wieder, sei es in der Vergangenheit, der Gegenwart oder der Zukunft. Auch als sie in der Gegenwart heiraten, wird Henry seine Zeitreisen nicht los. Und Clare wartet geduldig in ihrer Zeit, bis er wieder zurückkommt …

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Niffeneggers bezaubernde, aber teils verwirrende Liebesgeschichte, lässt sich schwer aus der Hand legen. Liebe und Zeitreise sind Zutaten, die eine dramatische Entwicklungen erahnen lassen. Und genauso verhält es sich auch, wenn Henry chaotisch durch die Zeiten hüpft, um seine Liebe Clare in verschiedenen Altersstufen zu treffen. Mal amüsant, mal traurig und melancholisch und oft auch anzüglich erzählt die Autorin in einem schönen Schreibstil von einer Liebe, die über alle Zeiten hinweg andauert.
Dieses Konzept hat mich anfangs argwöhnisch gemacht, besteht doch für die Autorin die Gefahr, in die Falle der widersprüchlichen und unlogischen Paradoxen zu tappen. Und, was soll ich sagen? Sie tappt natürlich hinein und zieht in ihrer Geschichte einen Rattenschwanz von Logik-Fehlern hinter sich her. Aber … Niffenegger nimmt diese „Fehler“ einfach als gegeben hin und ignoriert sie, schreibt munter weiter und lässt dadurch den Leser ebenfalls vergessen, was möglich sein kann und was nicht. Der Protagonist trifft sich zum Beispiel immer wieder selbst. Und das macht einen so unglaublichen Spaß, dass man gerne das dazugehörige Paradoxon zur Seite schiebt und die Treffen der beiden Ichs einfach nur genießt.

Die Mischung aus Humor, nicht wirklich kitschiger Liebesgeschichte und einem Schuss Science Fiction funktioniert und hat mich sofort in ihren Bann gezogen. Gerade die Einfachheit der Geschichte ist es, die mir gefallen hat, denn es passiert nichts Weltbewegendes während der Jahrzehnte währenden Treffen in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Der Leser nimmt einfach nur am Leben zweier Menschen teil, die sich lieben.

Die Charaktere hätten durchaus noch besser ausgearbeitet werden können, denn an manchen Stellen kommen sie einem dann doch relativ leer voll. Aber das macht Niffenegger in ihrem herzerweichenden und hochemotionalen Ende wieder wett. Da kamen schon ein paar Tränchen, als ich die letzten Seiten des Buches las. Das war einfach nur wunderschön, traurig und melancholisch – einfach Klasse.
Wer wissen will, wie mir die Verfilmung gefallen hat, kann das auf „Film-Besprechungen“ nachlesen —> KLICK MICH!

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Fazit: Niffenegger setzte sich über die gängigen Paradoxen von Zeitreise-Romanen hinweg und zaubert eine emotionale und unterhaltsame Liebesgeschichte mit Kultcharakter.

© 2015 Wolfgang Brunner für Buchwelten

 

Wenn Engel fallen von Tracy Chevalier

engel fallen

Erschienen als gebundene Ausgabe
bei List
insgesamt 384 Seiten
Preis: ? € – vergriffen
ISBN: 3-471-77253-7
Kategorie: Historischer Roman

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Maude und Lavinia werden beste Freundinnen, als sie sich auf dem Friedhof bei den nebeneinanderliegenden Familiengräbern begegnen. Die Eltern der Mädchen sind nicht sehr begeistert von der Freundschaft, noch dazu, wo sich die beiden Mädchen mit dem Sohn des Friedhofswärters anfreunden. Als dann Maudes Mutter aus ihren gesellschaftlichen Zwängen ausbricht, eine Affähre beginnt und sich mit Frauenrechtlerinnen anfreundet, beginnen die Fassaden beider Familien plötzlich zu bröckeln. Ihre Wege und Schiscksale verflechten sich immer mehr …

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Tracy Chevaliers historisches Familiendrama wird von einer melancholischen Grundstimmung getragen, die sich durch den ganzen Roman zieht. Man taucht bereits in den ersten Seiten in die Geschichte ein und fühlt sich selbst, als wäre man mit den beiden Mädchen befreundet. Chevalier beschreibt herrlich, wie sich die Freundschaft der beiden entwickelt, obwohl deren Familien nicht wirklich begeistert davon sind.

Der Schreibstil der Autorin ist sehr angenehm und bildhaft. Da sieht man dann schon so manches Mal einen echten Film vor seinem inneren Auge, wenn sich die Mädchen auf dem Friedhof treffen. Fast schon nostalgisch erzählt Chevalier die ergreifende Geschichte um eine Mädchenfreundschaft und das Erwachsenenwerden und vermittelt den Eindruck, als wäre sie selbst in jener Zeit mit dabei gewesen. Die düstere Atmosphäre, die diese Geschichte verströmt, und das dramatische Ende hat mich so manches Mal an Ricky Moodys Drama „Der Eissturm“ denken lassen. Einfühlsam und wunderbar leise nimmt uns die Autorin mit auf eine Reise in ein London des angehenden zwanzigsten Jahrhunderts, in der noch andere Probleme als heutzutage von den Menschen zu bewältigen waren.

Tracy Chaveliers Milieustudie geht einem nahe. Man freut sich mit den Protagonisten, leidet und trauert aber auch mit ihnen. Die Tragödie, die hinter den Familiengeschichten steckt, ist vollkommen glaubhaft und nachvollziehbar und es gibt keine Handlungen seitens der Personen, die konstruiert wirken.
Was mir besonders gut gefallen hat, war, dass sämtliche Situationen aus verschiedenen Blickwinkeln geschildert wurde. Jeder Protagonist hatte ein eigenes Kapitel und erzählte seine Version der Geschehnisse. Das war für mich unglaublich glaubwürdig und abwechslungsreich. Ich konnte mich tatsächlich in die Gedanken der verschiedenen Charaktere hineinversetzen. Und alle Kapitel ergaben dann am Ende ein Gesamtbild. Das fand ich persönlich hervorragend gemacht.

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Fazit: Melancholisch und leise wird eine Tragödie erzählt, die im London Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts spielt. Chevaliers bildhafter Schreibstil lässt den Leser tief in die Geschichte eintauchen. Absolute Empfehlung.

© 2015 Wolfgang Brunner für Buchwelten

Geschichte eines Verschwindens von Hisham Matar

Geschichte

Erschienen als gebundene Ausgabe
im Luchterhand Verlag
insgesamt 192 Seiten
Preis: 19,99 €
ISBN: 978-3-630-87245-2
Kategorie: Drama, Zeitgenössische Literatur

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Der zwölfjährige Nuri el-Alfi lebt nach dem Tod seiner Mutter zusammen mit seinem Vater weiterhin in Kairo. Immer wieder machen sie gemeinsam Urlaub in einem Hotel in Alexandria, wo sie eines Tages die junge Mona kennen und lieben lernen. Beide verlieben sich auf unterschiedliche Weise in die gleiche Frau. Das Schicksal führt den Vater mit Mona zusammen und alles scheint in geordneten Bahnen zu verlaufen. Bis eines Tages Nuris Vater, der gegen die Regierung arbeitet, entführt wird und unauffindbar ist.

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Der vorliegende Roman war letztendlich etwas völlig anderes, als ich erwartet hatte. Ich dachte, dass bedeutend mehr Augenmerk auf die politische Situation gerichtet wird, wurde aber schon nach den ersten Seiten angenehem überrascht. Es ist eher eine Geschichte im Stil von Philip Roth oder John Irving, die einem da in einem wunderbaren (ohne weiteres mit den beiden genannten Autoren vergleichbaren) Schreibstil präsentiert wird.
Man leidet mit dem jungen Protagonsiten, hofft und träumt mit ihm und fühlt sich an seine eigene Kindheit, in der alles noch verklärt schön, aber dennoch voller Komplikationen war, erinnert. Matar schildert die Welt aus der Sicht eines heranwachsenden Jungen, der sich in der Entwicklungsphase zwischen Knabe und Mann befindet und nicht so recht weiß, wo er hingehört.

Wie oben schon erwähnt, ist Matars Schreibstil zwischen Irving und Roth anzusiedeln, und auch seine Erzählweise kommt der von beiden sehr nahe. Eine Mischung aus melancholischen Kindheitserinnerungen und elegischen Rückblenden in ein Leben, das man auch selbst einmal geführt hat, berührt den Leser und schafft es, ihn vollkommen in seinen Bann zu ziehen.

Der für mich bis zu diesem Werk unbekannte Hisham Matar hat mich vollkommen überzeugt und sein Erstling „Im Land der Männer“ ist bereits bestellt und an mich unterwegs.
Matar ist als Kind selbst Opfer politischer Verfolgungen gewesen, dennoch stellt er diese Tatsache nie in den Vordergrund,  sondern lässt uns in erster Linie am Gefühlsleben seiner Protagonisten teilnehmen. Genau das ist es auch, was mich an diesem Buch so beeindruckt hat. Die Politik, auch wenn sie eine wichtige Rolle in der Handlung spielt, ist „Beiwerk“. in Matars Buch geht es vordergründig um die Menschen und ihre Ängste und Hoffnungen.

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Fazit: Einfühlsam und melancholisch erzählt der lybische Autor Matar die herzergreifende Geschichte eines Jungen, dessen erste Liebe, den Verlust des Vaters und den schwierigen Übergang vom Kind zum Mann. Volle Punktzahl.

© 2015 Wolfgang Brunner für Buchwelten