Fräulein Wolf und die Ehrenmänner von Gabriella Wollenhaupt & Friedemann Grenz

Erschienen als Taschenbuch
im Grafit Verlag
insgesamt 288 Seiten
Preis: 13,00
ISBN 978-3-89425-781-1
Kategorie: Historischer Kriminalroman
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Sicherheitshalber sei vor eventuellen „Spoilern“ gewarnt

Im Jahre 1930 kommt Leonore „Leo“ Wolf aus Wien nach Berlin, um dort als Reporterin für den Sozialdemokratischen Pressedienst zu schreiben. Relativ kurz nach Arbeitsantritt wird im Wedding ein Uhrmacher ermordet. Doch der war kein unschuldiger alter Mann, sondern einer, der mit Mädchen Geld verdient hat. Er hat junge Mädchen aus seinem Viertel, dem Wedding, nackt und teils in eindeutigen Posen fotografiert und diese Fotografien verkauft. Er hat auch gerne mal das ein oder andere Mädel vermittelt, wo sie den Herren gefällig sein mussten. Angeklagt des Mordes werden die 16-jährige Luise „Lieschen“ Neumann, ihr Verlobter und ein weiterer Freund.

Leo übernimmt die Berichterstattung zum Prozess und recherchiert fleißig im Umfeld der Angeklagten und des Opfers. Dabei erfährt sie, dass auch Nazis zum Kundenstamm des Uhrmachers gehörten und durch ihre Artikel macht sie sich diese zu Feinden. Zumal Leo auch noch Jüdin ist, was den braunen Herren übel aufstößt. Doch Leo lässt sich nicht ängstigen und macht ihre Arbeit mit viel Mut und Einsatz weiter …

***

Ich bin ein großer Fan von Gabriella Wollenhaupt und war nach dem Ende der absolut umwerfenden Grappa-Reihe natürlich sehr froh, dass es doch wieder etwas Neues von ihr gibt. Diesen historischen Krimi hat sie wieder gemeinsam mit Ihrem Ehemann. Dr. Friedemann Kleist, ach nein, Dr. Friedemann Grenz ☺, geschrieben. Das haben sie ja schon einmal erfolgreich getan.

Ich wurde entführt ins Berlin im Jahre 1931, was wirklich toll und auch interessant war. Ich erlebte die Stadt der damaligen Zei.t Das Lebensgefühl und der Flair kamen sehr gut rüber. Für mich persönlich war es insoweit besonders, da ich vor kurzem erst die gesamte Serie „Ein Mann will nach oben“ gesehen habe, die auch in Berlin und zur damaligen Zeit spielt. Und wenn die Mädels aus dem Wedding ihr Berlinerisch gesprochen haben, hatte ick immer die „Rieke“ im Ohr.

Aber auch die schwierigen Umstände der damaligen Zeit, die Probleme, die die jüdischen Mitbürger seinerzeit schon mit und wegen der Nazis hatten, war sehr gut beschrieben. Da wurde z.B. der Polizeivizepräsident als „Isidor“ beschimpft und von Untergebenen beleidigt. Ich mag Bücher, die mich anregen, in der Geschichte nachzuschnüffeln und das hat auch dieser Roman geschafft.

Die Haupthandlung an sich beruht ja schon auf einer wahren Geschichte. Den Prozess um Lieschen Neumann gab es wirklich und unheimlich viele Charaktere im Roman sind reale Personen. Hierzu gibt es ein ausführliches Register im Anhang. Natürlich habe ich mir dann die Bilder dieser Menschen und auch alten Gebäude angesehen und noch einiges dazugelernt. Gut, die Seite von Berlin sagt, dass Dr. Bernhard Weiß, Leos Onkel, in London verstarb, währen die Autoren schreiben, er sei kurz vor seinem Tod nach Deutschland zurückgekehrt. Aber ich finde, dass der Roman sehr gut und gründlich recherchiert ist, wobei ich kein Historiker oder Geschichtsfachmann bin.

Der Schreibstil ist für mich schon sehr typisch „Wollenhaupt“, was mir unheimlich Freude gemacht hat. Allein die Überschriften der Kapitel, die in flotten Stichworten immer den Inhalt des Kapitels umschreiben, sind Grappa-Stil und einfach toll. Dann geht es weiter mit den Artikeln, die die Protagonistin Leo verfasst und publiziert. Auch diese „Schreibe“ ist schon sehr Grappa-ähnlich, auch wenn die Zeit und natürlich die Sprache eine andere sind. Der Kern ist unbedingt erkennbar. Dann die Hauptfigur: Leo ist jung, hat einen dunklen Bob-Haarschnitt, ist eher zart. Aber auch sie ist, wie Grappa, sehr gebildet, schlagfertig, mutig, wortgewandt, humorvoll, und wissbegierig. Sie ist liebevoll, romantisch, dennoch tough und auch stur. Sie isst, wenn sie Hunger hat, worauf sie Lust hat und achtet nicht bei jedem Bissen auf ihre Figur.

Also, Parallelen sind definitiv da und ich wüsste schon gerne, welchen Teil Friedemann Grenz geschrieben hat. Vielleicht den politischen oder geschichtlichen?

Wie dem auch sei. Ich hatte ein großartiges Lesevergnügen und eine wunderbare Zeit zusammen mit Leo Wolf in Berlin und ich würde mich riesig freuen, wenn es weiteres über und mit ihr zu lesen gibt. Zumal auch Leo ihren „Friedemann“ gefunden hat, eine weitere kleine Parallele ….

© Marion Brunner_Buchwelten 2021

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Billy Summers von Stephen King

Billy Summers von Stephen King
Erschienen gebundene Ausgabe mit Leseband
im HEYNE Verlag
Preis: 26,00 €
720 Seiten
ISBN: 9978-3-453-27359-7
Kategorie: Roman

Achtung – ggf. spoilere ich doch ein wenig …

Billy Summers, ehemaliger Scharfschütze der US-Marines, nimmt einen letzten Auftrag an, bevor er sich zur Ruhe setzen will. Sein „Boss“ Nick vermittelt ihm den Auftrag, der einige Vorbereitungszeit benötigt, da das Zielobjekt erst in noch nicht absehbarer Zeit aus dem Gefängnis überführt wird, und zwar zu dem Gericht, wo auch der Job ausgeführt werden soll.

Was Nick nicht weiß ist, dass Billy Summers den „Einfältigen“ nur mimt. Billy ist viel schlauer als angenommen, absolut gebildet und sehr belesen. Doch da dies gefährlich werden kann, lässt er das nicht durchblicken.

Für diesen letzten Job zieht Billy vorübergehend in ein Haus in einem beschaulichen Vorort ein, er erhält ein Büro, in dem er als angeblicher Schriftsteller David Lockridge an seinem nächsten Roman arbeitet. Worüber er natürlich mit niemandem sprechen darf.

Tatsächlich aber ist das Büro der Platz, von dem aus der Job erledigt wird. Dort wird er sein Gewehr platzieren, wenn die Zielperson vor Gericht vorgeführt wird und den Polizeiwagen verlässt.

Nun, Billy, alias David Lockridge, nutzt die Zeit im Büro und beginnt tatsächlich zu schreiben. Er schreibt sein Leben auf, im Stil des Einfältigen, um die Tarnung aufrechtzuerhalten, denn Nick hat den Laptop garantiert angezapft. Und wie es so oft der Fall ist, verselbstständigen sich die Dinge. Billy, alias David, schließt eine private Freundschaft mit seinen Nachbarn und auch mit den Kollegen im Bürogebäude. Und als der Tag näher rückt, an dem der Job erledigt werden soll, naht der Abschied.

Was Nick nicht weiß ist, dass Billy, der Einfältige, sich eine weitere Existenz, von der niemand weiß, aufgebaut hat. Nämlich die Existenz der Person, die er sein wird, wenn der letzte Auftrag erledigt ist. Denn auch wenn er Nick seit vielen Jahren kennt und für ihn Jobs übernommen hat, so traut er ihm keineswegs.

Nach dem Auftrag taucht Billy unter, da er sich zum eigenen Schutz nicht an den vorgeschrieben Fluchtplan gehalten hat. Er hat unter seinem Decknamen eine Souterrain-Wohnung angemietet, wo er ausharrt. Dort bekommt er eines Abends mit, wie eine Gruppe Männer einen leblosen Frauenkörper am Rinnstein ablegen und davonfahren. Billy kann die Frau nicht dort liegen lassen und holt sie in die Wohnung. Er rettet ihr das Leben und päppelt sie sowohl körperlich, also auch seelisch wieder auf. Hierzu nutzt er kleine, aber überaus hilfreiche Tricks aus seiner Zeit bei der Army, beispielsweise um Panikattacken zu bekämpfen.

Die beiden freunden sich an, Billy Summers, der Sniper in seinen 40ern und die junge Frau Alice, das Vergewaltigungsopfer ….

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Ja, eigentlich habe ich schon viel zu viel von der Handlung verraten, andererseits aber auch nicht, weil die Geschichte so vielseitig und intensiv ist.

Man liest vielleicht heraus, dass ich absolut begeistert bin, von dieser eigentlich doch sehr ruhigen Geschichte. Dennoch hat sie viele Spannungsmomente und sie hat mich absolut in ihren Bann gezogen. Ich hätte gerne noch einige hundert Seiten mehr mit Billy, Alice und Bucky verbracht.

Stephen King hat hier wieder einmal so wunderbare und vielschichtige Charaktere geschaffen und ihnen eine Geschichte gegeben, die einfach nur gut ist. Sein Protagonist hat genaugenommen sogar mehrere Charaktere, da er sich ja selbst oft anders gibt, und das sehr überzeugend.

Die Hintergründe der Geschichte sind sehr intensiv und gehen teils wirklich nah. Diese Geschichte ist absolut menschlich, egal ob im negativen oder positiven Sinne. Der Roman liest sich wie ein Film und wenn man nicht ganz gut aufpasst, dann führt der Autor einen auch ganz schnell mal hinters Licht.

Der Roman entstand inmitten der Covid-19-Pandemie und der Zeit der harten Lockdowns, und das hat Stephen King geschickt immer mal wieder in die Handlung einfließen lassen. Warum sollte diese doch krasse Zeit, mit extremen Einschnitten in unsere Leben in Romanen auch nicht existieren?

Ich mag den neuen King sehr gerne und auch hier hat er wieder einmal bewiesen, dass er es einfach kann. Ich hoffe, dass er des Schreibens noch lange nicht müde wird und uns noch viele wunderbare Geschichten erzählt.

Marion Brunner_ Buchwelten 2021

Der Polizist von John Grisham

Erschienen als gebundene Ausgabe
im Heyne Verlag
insgesamt 672 Seiten
Preis: 24,00 €
ISBN: 978-3-453-27315-3
Kategorie: Thriller, Belletristik

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Stu Kofer ist tagsüber Polizist und abends meist betrunken. Als er an einem Abend stockbetrunken nach Hause kommt und seine Freundin bewusstlos schlägt, schnappt sich sein Stiefsohn Drew die Dienstwaffe und erschießt den Betrunkenen aus Angst, er könne ihn und seine Schwester, wie schon öfter vorgekommen, verprügeln.
Der Mörder ist sechzehn Jahre alt, soll aber nach Erwachsenenrecht zum Tode verurteilt werden. Jake Brigance übernimmt den Fall und stellt bald fest, dass sich nicht nur das Leben von Drews Familie schlagartig ändert, sondern auch sein eigenes.

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Seit seinem Debüt „Die Jury“, in Deutschland 1992 erschienen, hat mich John Grisham mit seinen Geschichten in den Bann gezogen. Jedes seiner Bücher hat mich auf seine ganz eigene Weise berührt und angesprochen, sodass ich, entgegen der Meinung vieler anderer Leser, uneingeschränkt sagen kann, dass mich dieser Schriftsteller sowohl mit seinen alten als auch neueren Romanen immer wieder überzeugen konnte. Sicherlich unterschieden sich seine letzten Werke wie „Die Wächter“ oder“ Das Manuskript“, um nur die letzten beiden zu nennen, von seinen ersten Romanen. Aber das heißt noch lange nicht, dass sie sich qualitativ zum Schlechteren gewendet haben. Doch nun, mit seinem neuesten Werk „Der Polizist“ ist Grisham ein absoluter Volltreffer gelungen, der die Fans der alten Werke mit einem gewaltigen Schlag wieder gutmütig stimmen dürfte. Zum einen handelt es sich hier wieder um einen „echten“, atemberaubend inszenierten Kriminal- und Gerichtsfall, und zum anderen kehrt Jake Brigance, der Held aus „Die Jury“ und „Die Erbin“ wieder zurück und kämpft um Gerechtigkeit.

Es dauerte eine einzige Seite und ich war vollkommen von „Der Polizist“ begeistert. Grishams flüssiger Schreibstil macht das Szenario im Kopf des Lesers sofort filmreif, was dazu führt, dass man sich bereits nach wenigen Minuten bewusst wird, einen Pageturner in der Hand zu halten. Dieser Begriff trifft auf so ziemlich alle Bücher des Schriftstellers zu, aber mit dem vorliegenden Fall hat er sich teilweise selbst übertrumpft und lässt genau die Atmosphäre, die wahrscheinlich viele Anhänger der „alten“ Bücher vermissen, triumphal wieder auferstehen. Die Charakterzeichnungen, die Entwicklung der Handlung, die Wendungen … alles ist perfekt und so grandios geschrieben, dass man nach knapp 700 Seiten gerne noch einmal genau so viel lesen möchte. „Der Polizist“ wird in keinem einzigen Moment langatmig oder gar langweilig. Die verschiedenen Handlungsstränge greifen mühelos ineinander über und machen den Roman zu einem perfekten Werk, das mich noch Tage lang, nachdem ich es gelesen habe, in meinen Gedanken verfolgt hat. Wie man aus den Zeilen unschwer herausliest, bin ich absolut begeistert und würde mir in diesem Fall nichts sehnlicher wünschen als eine Verfilmung.

Wie gewohnt greift Grisham Themen auf, die einen selbst bewegen, die zum Nachdenken anregen, die wütend machen. Immer wieder stellt man fest, wie man – ähnlich wie die Protagonisten – ins Zweifeln kommt und sich nicht sicher, welche der Entscheidungen denn die richtige ist. „Der Polizist“ ist in seiner Thematik unglaublich intensiv und nervenaufreibend. Die privaten Belange von Jake Brigance, die für viele langatmig erscheinen mag, macht den Roman sehr authentisch und menschlich. Insgesamt stellt „Der Polizist“ neben „Das Testament“, „Die Kammer“, „Das Urteil“ (und irgendwie eigentlich doch noch so vielen mehr 😉 ) einen absoluten Höhepunkt in Grishams Schriftstellerkarriere dar. Wie man solch ein faszinierendes Buch auch nur ansatzweise schlecht finden kann, kann ich gar nicht verstehen.

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Fazit: Ein Höhepunkt in John Grishams Schriftstellerkarriere. Ein Pageturner sondergleichen.

©2021 Wolfgang Brunner für Buchwelten

Die Töchter der Grossen Mutter von Alfons Winkelmann

Erschienen als Taschenbuch
im Verlag Der Romankiosk
insgesamt  372 Seiten
Preis: 14,99 €
ISBN: 978-3-7529-5736-5
Kategorie: Drama, Thriller

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Nicole hat Zuflucht in einer Sekte gesucht. Sie heißt dort »Sor Erdmuthe« und ist vollkommen davon überzeugt, in jeder Hinsicht das Richtige zu tun. Doch ihr Verlobter Jan gibt nicht auf und entführt sie aus den Fängen der Sekte, um sie wieder zur Besinnung zu bringen. Sie glaubt ihm jedoch kein Wort und sieht in den realen Ereignissen um sich herum eine Verschwörung gegen sich und die anderen Töchter der Sekte. Außerdem hört sie immer wieder die Stimme der Großen Mutter, die ihr sagt, was zu tun ist, dass sie nämlich gegen den Teufel kämpfen soll. Und dieser Teufel, den sie vernichten soll, steckt angeblich in Jan.

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Alfons Winkelmann hat mich bereits mit seinem Roman „Die Insel der Wahrheit“ begeistert, umso mehr war ich jetzt auf „Die Töchter der Großen Mutter“ gespannt. Tja, was soll ich sagen: Winkelmann hat es tatsächlich geschafft und mich mit diesem Drama noch tiefer beeindruckt und vor allem gefesselt. Es liegt zum einen an dem wunderbaren, gehobenen Schreibstil, den der Autor besitzt, zum anderen aber auch in der Detailgenauigkeit der Charakterzeichnungen und Geschehnissen. „Die Töchter der Großen Mutter“ erzählt von einer Frau, die irritiert ist und genau genommen nach dem Sinn ihres Lebens sucht. Winkelmann schafft es hervorragend, diese ganzen Zweifel, Ängste und verwirrten Gedanken für den Leser verständlich zu machen, so dass man viele ihrer Handlungen absolut nachvollziehen kann. Der Roman regt zum Nachdenken an, nicht nur über die krasse Einflussnahme einer Sekte ins eigene Leben, sondern auch über die Art und Weise, wie man sein Leben betrachten und in die richtigen Bahnen lenken sollte. Das Buch zeigt auf, wie man aus Unwahrheiten und falschen Versprechungen schnell eine Wirklichkeit machen kann, die nicht nur das eigene Leben zerstört. Ähnlich wie bei „Die Insel der Wahrheit“ schafft es der Autor, nahezu Unbeschreibliches klar und deutlich zu formulieren und den Lesern transparent zu vermitteln. Das ist eine ganz eigene Kunst des Fabulierens, die ich in dieser Art bislang recht selten erleben durfte.

Alfons Winkelmanns Drama ist nicht reißerisch, aber dennoch so dermaßen faszinierend, dass man diese Welt, in der es spielt, gar nicht mehr verlassen will. Die Worte, mit denen Winkelmann die Geschichte erzählt, sind hypnotisch und lassen einen, selbst wenn gar nicht einmal so viel passiert, gebannt eine Seite nach der anderen lesen. Die Erzählung entwickelt sich wie ein Sog, der einen – sofern man sich darauf einlassen kann – nicht mehr loslässt und bis zum Ende gefangen hält. Solche Bücher sind wirklich selten, weil sie sich enorm intensiv mit den Protagonisten und deren Schicksalen und Beweggründen beschäftigen. Wer einen klar strukturierten Roman erwartet, wird vielleicht enttäuscht sein ob der angeblichen Längen beziehungsweise einer fehlenden Action oder Spannung, die einem in diesem Roman begegnen. Wer sich jedoch für lebendige Figuren interessiert und sie auf ihrem physischen als auch gedanklichen Weg begleiten will, wird, wie ich, hellauf begeistert sein. Alfons Winkelmann hebt sich wohltuend vom Einheitsbrei der Literatur ab und hält an seinem eigenen Weg fest: Geschichten zu erzählen, die auch zwischen den Zeilen und im Kopf des Lesers stattfinden und nicht nur in den geschriebenen Worten. Diese Vorgehensweise begeistert mich immer wieder bei seinen Romanen.

„Die Töchter der Großen Mutter“ gleicht in seiner Sogwirkung fast einem Drogenrausch. Die Geschichte, aus der Sicht der Protagonistin erzählt, fühlt sich verwirrend, gleichzeitig aber auch irgendwie klar und nachvollziehbar. Ich sah viele der Szenen wie einen Film vor meinem inneren Auge, was mich sehr tief in die Handlung eintauchen ließ. Alfons Winkelmann ist ein Autor, den ich immer wieder lesen könnte, weil er mich schlichtweg mit seinem außergewöhnlichen Schreibstil, seiner Detailverliebtheit und seinen Ideen packt. Ich dachte nicht, dass Winkelmann „Die Insel der Wahrheit“ noch toppen könnte, war daher umso überraschter, dass es ihm mit diesem Roman dennoch gelang.
Der Roman ist, wie auch „Die Insel der Wahrheit“, äußerst intellektuell, weshalb wahrscheinlich die meisten „Mainstream-Leser“ mit der Geschichte leider nichts anfangen können, weil sie keine Lust haben, selbst Dinge in die Sätze hineinzuinterpretieren. Alfons Winkelmanns Werke sind Bücher zum „Mitmachen“ und Nachdenken und erinnern mich manchmal an ein literarisches Gegenstück zu Filmen von Regisseuren wie David Lynch oder Terrence Mallick.

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Fazit: Berührend, einfühlsam, faszinierend und auf ganz eigene Weise ungemein spannend.

©2021 Wolfgang Brunner für Buchwelten

Die Stunde der Wut von Horst Eckert (Melia/Vincent-Reihe II)

Erschienen als Klappenbroschur
im Heyne-Verlag
insgesamt 448 Seiten
Preis: 12,99 €
ISBN:  978-3-453-27343-6
Kategorie: Thriller/Politthriller

Melia Adan (vormaliger Deck(nach)name Khalid) arbeitet inzwischen als Kriminalrätin und ist somit die Vorgesetzte von Vincent Che Veih.

Eine Abiturientin stirbt nach einer Messerstecherei in ihrer Wohnung. Sie kann noch den Notarzt rufen, die Hilfe kommt jedoch zu spät. Als die Sanis eintreffen, ist sie ihren Verletzungen erlegen. Alles deutet auf einen Streit mit ihrem Freund hin. Doch liegt der Fall so einfach? Schließlich hat eine dritte Person in der gemeinsamen Wohnung übernachtet. Wer war das und was war der Grund des Besuchs? Dies gilt es für Vincent nun herauszufinden.

Melia indessen gibt nicht auf, nach Solveig Fischer zu suchen. Während des letzten Falls ist die Verfassungsschützerin und Kollegin spurlos verschwunden. Melia ist der festen Überzeugung, dass Solveig auf dem ehemaligen Bauernhof, den sie im Zuge der Ermittlungen gegen Neonazis aufgesucht hatte, ermordet und im Fundament des neu errichteten Gebäudes eingegossen wurde.

Vincent ist zwischenzeitlich nicht der Meinung, dass der Freund der Abiturientin Klara Dorau der Mörder ist. Denn in diese Familie scheint es einige Unstimmigkeiten zu geben. Und damit ist nicht nur der ältere Bruder gemeint, der einmal den Neonazis sehr zugehörig war …

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Was ein spannender und fesselnder Thriller. Ich bin nur so durch die Handlung gerast und bin begeistert. Vincent Che Veih ermittelt ja nun bereits seit einigen Jahren und alle seine Fälle gefielen mir sehr gut. Melia Adan (Khalid) kenne ich seit dem letzten Band „Im Namen der Lüge“. Und mir gefällt dieser zweite Teil sogar noch besser. Kam ich im ersten gemeinsamen Fall der beiden doch ab und an mit den Namen der Figuren durcheinander, so habe ich hier voll den Überblick behalten. Und das, obwohl es verzwickter und verwobener eigentlich gar nicht geht. Alles und jeder hängt miteinander zusammen, „klüngelt“ untereinander. So eine umfangreiche und komplexe Handlung so logisch, spannend und fesselnd zustande zu bringen, da gehört schon was zu. Eckert vergisst nicht eine Kleinigkeit in der Geschichte, Nebenfiguren aus vorgehenden Romanen, alle tauchen irgendwie wieder auf und kommen zu Zuge.

Horst Eckert recherchiert wirklich gut und bringt die Dinge so zu Papier, dass man merkt, dass er sein Handwerk und das des Polizeiapparats und der Politik versteht. Er beschreibt Machenschaften, die hinter den Kulissen ablaufen, wie Drogenhandel, Geldgeschäfte und soviel mehr. Und nebenher zeichnet er seine Charaktere gründlich, sehr menschlich und tiefgründig. Gibt ihnen ihre eigene Geschichten und viel Zwischenmenschlichkeit und macht den trockenen Stoff damit „wett“, schenkt dem Leser Zeit, abzuschalten, sich zurückzulehnen und etwas runterzukommen.

Ich lese Horst Eckert seit vielen Jahren und bin ein großer Fan seiner Werke. Hier auf Buchwelten gibt es bereits einiges von mir über ihn zu lesen. Unter anderem ein Interview, dass wir vor einigen Jahren geführt haben –>hier <–

Ich kann den zweiten Teil der Melia/Vincent-Reihe nur empfehlen. Fesselnde, sehr spannende Lesestunden mit wunderbaren Protagonisten jeder Art sind garantiert.

© Marion Brunner_Buchwelten 2021

Rote Tränen von Mike Landin

Erschienen als
Taschenbuch als
Selfpublisher bei BOD
342 Seiten
Preis: 10,99
ISBN: 978-3751934961

Der Teenager Jacob zieht gemeinsam mit seinen Eltern und seiner 13-jährigen Schwester Lena auf einen alten, verlassenen Hof in den Berchtesgadener Alpen. Jacobs Eltern sind in dem Ort aufgewachsen, haben ihn aber vor ca. 20 Jahren verlassen.
Jacob kam im Spreewald zur Welt und wäre dort eigentlich gerne geblieben. Aber es gab Anschuldigungen gegen seinen Vater, die der Grund für die Rückkehr nach Lennsberg waren. Abstand gewinnen und einen Neuanfang wollten Jacobs Eltern dort. Aber Jacob will dort nur das letzte Schuljahr schnell hinter sich bringen und dann nach Hause zurückkehren. Er sieht dieses eine Jahr als kurzes Intermezzo.

Die Probleme beginnen quasi schon auf der Fahrt zum Hallerhof, als ein proletenhafter Dorfbewohner einen Unfall provoziert und die Situation zu eskalieren droht. Dumm nur, dass es sich um einen sehr einflussreichen, wenn auch sehr unangenehmen Typen aus dem Ort handelt, der als Bürgermeisterkandidat großen Einfluss hat.

Dann beginnen Jacobs Eltern sich immer komischer zu verhalten. Die Tageszeitungen verschwinden umgehend, die beiden werden abwesender und schweigsamer. Jacob vermutet, dass es etwas mit dem in der Nähe verschwundenen jungen Mädchen zu tun hat und beginnt ein wenig nachzuforschen. Denn diese Fälle gab es schon vor 20 Jahren, als seine Eltern noch dort lebten. Die meisten Mädchen kamen nach einigen Tagen zurück, bis auf eines. Das wurde nie gefunden.

Hilfe und Unterstützungen bei seinen Nachforschungen und Recherchen bekommt Jacob von Hannah. Sie ist etwa gleich alt wie er und lebt allein mit ihrem Vater auf dem Nachbarhof. Die beiden verstehen sich auf Anhieb gut. Aber irgendwie scheinen die beiden Familien untereinander auch zusammenzuhängen.

***

Die Inhaltsangabe hat mich neugierig gemacht. Sie hat mich ein wenig an die Stimmung und Handlung von „Tannöd“ erinnert, darum habe ich das Buch ausgewählt. Dass der Autor Mike Landin den Roman als Selfpublisher bei BOD (Book on Demand) veröffentlich hat, störte mich dabei nicht. Viele Autoren machen das und ich habe darunter schon einige Schätze entdeckt.

Die Idee und die Handlung des Romans gefallen mir sehr gut, eine düstere oder extrem spannende Stimmung oder Atmosphäre zu schaffen ist dem Autor allerdings nur teilweise gelungen. Für mich hat der Roman sicherlich Potenzial, liest sich aber leider wie eine Rohfassung. Es gibt u.a. viele nicht gut ausgearbeitete Formulierungen.
Jeder Autor schreibt seine Geschichte erstmal runter, alles raus aus dem Kopf. Sortieren und am Feinschliff arbeiten machen sie später. Dann kann auch entschieden werden, ob es sich z.B. um eine Baumgruppe oder eine Ansammlung von Büschen handelt.
Ein professionelles Lektorat möchte ich dem Autor gerne ans Herz legen, denn dann wird der Roman garantiert richtig gut.
Auch hatte ich das Gefühl, dass Landin alles an Dramaturgie und schlimmen Dingen in dem Roman verbauen wollte. Immer wieder eins draufgesetzt.

Achtung, jetzt Spoileralarm: Jacobs Vater wurde des sexuellen Missbrauchs beschuldigt, darum der Umzug. Der angebliche Selbstmordversuch, der anschließende Mord. Jacobs Mutter erfährt, dass ihr Vater nicht ihr Vater war, sondern eigentlich ihr Onkel. Der Onkel lebt, der Vater kam bei einem dramatisch beschriebenen Autounfall ums Leben. Es werden viele Fährten geworfen und später irgendwie aufgelöst. Ich denke einfach, dass manchmal weniger ein bisschen mehr ist.

Der Schreibstil ist einfach und schlicht. Jacob erzählt die Geschichte in der Ich-Form. Die Charaktere sind recht gut gezeichnet und mir auch während der Lektüre nahe geworden.

Mein Fazit: Ein Thriller, der von der Idee wirklich gut ist und mit einem richtigen Lektorat ein wirklich tolles Buch sein kann. In dieser Form für mich „nur“ 3 Sterne.

© Marion Brunner_Buchwelten

Das Manuskript von John Grisham


Erschienen als gebundene Ausgabe
im Heyne Verlag
insgesamt 367 Seiten
Preis: 22,00 €
ISBN: 978-3-453-27306-1
Kategorie: Thriller, Belletristik

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Während eines Hurrikans,der über Camino Island tobt, wird der Schriftsteller Nelson Kerr ermordet. Was zunächst wie ein Unfall aussieht, entwickelt sich zu einer spannenden Suche nach einem Täter, der anscheinend mit allen Mitteln verhindern will, dass der neue, noch unveröffentlichte Roman Kerrs, erscheint. Irgendetwas am Plot dieses Manuskripts scheint gewisse Leute zu verärgern. Der Buchhändler Bruce Cable begibt sich auf die Suche nach der Wahrheit …

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Ich war sehr gespannt auf John Grishams neuen Roman, der ja sozusagen eine Art Fortsetzung von „Das Original“ darstellt, in dem ebenfalls der Buchhändler Bruce Cable die Hauptrolle hat. Der Einstieg ist mehr als gelungen, wenn sich der Hurrikan Leo der Insel nähert. Die Bedrohung ist zwischen den Zeilen spürbar, wenn sich die Bewohner auf das Unwetter vorbereiten und die Atmosphäre ist Grisham absolut gelungen. Auch der Mord und die ersten Untersuchungen verschafften dem Buch sofort wieder den Status eines echten Pageturners, wie ich es von John Grisham von jeher gewohnt war. Aber in der zweiten Hälfte beginnt der Roman dann leider etwas zu schwächeln, was natürlich ein Jammern auf hohem Niveau darstellt, aber die Handlung konnte mich lang nicht mehr so fesseln wie in der ersten Hälfte.

Dennoch ist „Das Manuskript“ wieder ein typischer Grisham, den man von der ersten Seiten an förmlich auffrisst und nicht mehr aus der Hand legen kann. Die Charaktere, die man teilweise schon aus dem obengenannten „Das Original“ kennt, werden ein wenig vertieft und waren einem sofort wieder vertraut. „Das Manuskript“ kann man aber auch ohne weiteres als eigenständiges Werk lesen, ohne den Vorgänger zu kennen. Die Handlung verlagert sich in der zweiten Hälfte dann weg von der Insel. Und genau da hätte ich mir gewünscht, dass diese schöne Atmosphäre, die auf der Insel herrscht, weiter bestehen bleibt. Der Fall, der zwar im Hintergrund abläuft, aber genau genommen im Vordergrund steht, hat mir absolut gefallen. Die Aufdeckung, was hinter den Kulissen von Altenheimen bezüglich Geldmacherei abläuft, war schockierend und faszinierende gleichermaßen.

Alles in allem reiht sich „Das Manuskript“ in die Erfolge von John Grisham nahtlos ein und ist für Fans ohnehin ein Muss. Ähnlich wie bei Stephen King gibt es bei John Grisham ebenfalls einen „alten“ und einen „neueren“ Stil des Autors. Sowohl bei King als auch bei Grisham kann ich für mich sagen, dass mir bei beiden die neueren Romane mehr zusagen, wobei der Großteil der Leserinnen und Leser da wohl anderer Meinung ist. Ich mag den „neuen“ Grisham wegen seiner oftmals ruhigen Art und der weitaus detaillierteren Beschreibungen von Landschaften, Orten und Ereignissen. Vor allem herrscht in den neueren Büchern immer eine weitaus schönere Stimmung als in den alten, die dafür aber viel mehr Spannung bieten. Ich persönlich finde „Das Manuskript“ wieder absolut gelungen, auch wenn es in der zweiten Hälfte ein wenig schwächelt.

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Fazit: Stimmungsvoller Krimi, der auf hohem Niveau unterhält und ein interessantes Thema bereithält.

©2020 Wolfgang Brunner für Buchwelten

Lass uns töten von Jeff Strand

lassunstöten

Erschienen als Taschenbuch
im FESTA Verlag
344 Seiten
14,99 €
ISBN: 978-3-86552-843-8
Kategorie: Thriller

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Als Kinder teilten sich Alex Fletcher und Darren Rust ein Zimmer im Internat. Sie kamen miteinander klar, aber Freunde wurden sie nie. Darren war viel zu seltsam für Alex, da er eine fast schon krankhafte Neugier auf den Tod besaß.
Dennoch verband die beiden immerzu ein Band, das sie auf eine mysteriöse Weise zusammenhielt. Als Alex  verheiratet und glücklicher Vater ist, taucht Darren wieder in seinem Leben auf. Und seine Gier nach dem  Tod ist nicht vorbei, sondern hat sich, ganz im Gegenteil, sogar noch verstärkt. Darren sucht in Alex nach einem Gleichgesinnten, um gemeinsam mit ihm diesem Verlangen nachzugehen .

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Nach seinem ungewöhnlichen Ausflug mit „Der Zyklop“ in die Fantasywelt, der nicht jeden Leser ganz überzeugen konnte, legt Jeff Strand mit „Lass uns töten“ einen fulminanten Thriller vor, den man nicht mehr aus der Hand legen kann (und will). In einer brillanten Mischung aus Jugenddrama, nostalgischen Erinnerungen und spannendem Thriller erzählt Strand eine Geschichte, die man nicht mehr so schnell vergisst. Auch wenn man sich wünscht, dass die Charaktere der beiden Hauptprotagonisten noch mehr in die Tiefe gehen würden, so wird man dennoch von dieser Hassliebe mitgerissen. Die Geschichte erstreckt sich über viele Jahre und ist in entsprechende „Bücher“ aufgeteilt. Auch wenn zwischen diesen „Büchern“ oftmals eine lange Zeit liegt, so wird man niemals aus der Handlung geworfen und begleitet die Hauptpersonen auf ihrer gemeinsamen Reise, als wären lediglich ein paar Wochen oder Monate vergangen.

Jeff Strands Schreibstil ist unglaublich flüssig, so dass man gar nicht bemerkt, wie viele Seiten man an einem Stück durchgelesen hat. „Lass uns töten“ besitzt einen Touch Stephen King, Richard Laymon und  Herbert James. Es macht unglaublich Spaß, die Entwicklung zwischen Alex und Darren mitzuverfolgen, denn diese Beziehung wechselt permanent zwischen Freundschaft und Abneigung. Man spürt, dass die beiden es immer wieder versuchen, eine echte Freundschaft miteinander einzugehen, was aber letztendlich aus diversen Gründen nicht klappt. Strand hat ein tolles Buch abgeliefert, an das man sich auch nach Beendigung der Lektüre noch gerne erinnert. Die Geschichte ist einfach zu fesselnd, als dass man sie vergessen könnte.

Der Festa-Verlag hat mit diesem Roman wieder einmal bewiesen, dass er nicht nur Extrem-Literatur „kann“, sondern auch gute Unterhaltungsliteratur. Was mich allerdings etwas irritiert, ist die Covergestaltung. Die hat nämlich aus meiner Sicht irgendwie überhaupt nichts mit der Handlung zu tun und offenbart nicht, was sich hinter „Lass uns töten“ eigentlich versteckt: ein Coming-of-Age-Roman mit Thriller-Elementen, der sich bis ins Erwachsenenalter der Protagonisten erstreckt und so manch nostalgische Gefühle in einem hervorruft, wenn man diese Jungenfreundschaft begleitet. Jeff Strand schafft es nämlich hervorragend, die Gefühle der Protagonisten und die Sehnsucht nach einer vergangenen Zeit auszudrücken. Für mich war dieser Roman eine große Überraschung, mit der ich in dieser Art nicht gerechnet hätte. Absolute Leseempfehlung.

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Fazit: Coming-Of-Age, Thriller und Drama. Eine tolle Mischung, die man sich nicht entgehen lassen sollte.

©2020 Wolfgang Brunner für Buchwelten

Der bittere Trost der Lüge von Tiffany D. Jackson

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Erschienen als gebundene Ausgabe
im FESTA Verlag
444 Seiten
22,99 €
ISBN: 978-3-86552-829-2
Kategorie: Drama, All Age, Thriller

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Mary soll angeblich ein Baby getötet haben und verbringt deswegen ihre Kindheit im Knast. Dort lernt sie Ted kennen, der sie schwängert. Die beiden wollen einen Neuanfang wagen und eine Familie gründen. Doch damit beginnt ein neuer Albtraum, denn man will Mary ihr noch ungeborenes Baby wegnehmen.
Eine Anwältin übernimmt Marys Fall, untersucht die vergangenen Ereignisse noch einmal und hofft auf die Mithilfe von Marys Mutter. Doch die verschließt sich und läßt Mary im Stich. Zu recht?

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Auch wenn ich vom Klappentext her ungefähr wusste, was auf mich zukommt, so hat mich Tiffany D. Jackson mit ihrem Debütroman von der ersten Seite an vollends gepackt und in ihren Bann gezogen. Die auf dem Cover genannten Vergleiche „Orange Is the New Black“ trifft auf „Tote Mädchen lügen nicht“ passt in beiderlei Hinsicht. Die Atmosphäre und vor allem auch die erzählerische Kraft der Autorin machen es fast unmöglich, das Buch aus der Hand zu legen. Der gleichbleibend hochwertige und unglaublich flüssige Schreibstil machen „Der bittere Trost der Lüge“ zu einem waschechten Pageturner. An manchen Stellen fühlte ich mich hinsichtlich des Aufbaus der Geschichte ein wenig an die Bücher von John Grisham erinnert, der sogar einen ähnlichen Schreibstil besitzt, der den Leser von Anfang an gefangen nimmt.  Jackson hat ein emotionales, spannendes und psychologisch nachvollziehbares Buch geschrieben, das man nicht mehr so schnell vergessen dürfte.

Zu der jungen Protagonistin, mit der man sowieso viel mehr mitfiebert als mit einem Erwachsenen, kommt noch das Rassenproblem zwischen Schwarz und Weiß hinzu, das der Handlung einen zusätzlichen „Kick“ verleiht. Jackson schafft es problemlos, den Leser in die Gedankenwelt der jugendlichen Straftäterin einzuführen. Man kann sämtliche Handlungen nachvollziehen und leidet, fiebert und denkt mit. Auch wenn man im Nachhinein irgendwie feststellen muss, dass im Grunde genommen gar nicht wirklich viel passiert, hätte der Roman noch gut und gerne weitere 200 Seiten fortgeführt werden können, so faszinierend ist dieses Schicksal.

Düster kommt die Geschichte daher, manchmal hoffnungsvoll, aber weitestgehend deprimierend. Auf ruhige Art und Weise wird der „Leidensweg“ der Straftäterin geschildert, ihr soziales Umfeld beleuchtet und ein Blick in das Leben einer verurteilten Mörderin im Knast geworfen. Jackson schafft eine emotionale Bindung zwischen der Protagonistin und dem Leser, spielt mit letzterem, um ihn mit verschiedenen Wendungen tief im Inneren zu berühren … und auch zu schockieren. „Der bittere Trost der Lüge“ ist definitiv eines der Highlights in diesem Lesejahr und ich denke, ich werde dieses Buch sogar nochmals lesen. Der Festa-Verlag hat mit seiner neuen Reihe „All Age“ einen weiteren Roman publiziert, den man gelesen haben sollte, so eindringlich ist er. Anhänger von gut durchdachten Thrillern und Fans von John Grisham sei dieses Werk unbedingt ans Herz gelegt.

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Fazit: Außergewöhnlicher, stimmungsvoller Thriller, den man nicht mehr so schnell vergisst.

©2020 Wolfgang Brunner für Buchwelten

Kroll von Markus Kastenholz

kroll

Erschienen als Taschenbuch
bei Hammer Boox
insgesamt 350 Seiten
Preis: 14,95 €
ISBN: 979-8629639671
Kategorie: Thriller

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Clemens Kroll ist Schriftsteller und  Tempelritter.  Nach dem Tod seiner Eltern hat er seine Heimat gemieden, denn zu viele unangenehme Erinnerungen verbindet er damit. Doch dann wird er in einen Mordfall „verwickelt“ und muss in den Rheingau zurück.
Er trifft alte Freunde, aber auch neue Feinde. Und er trifft wieder auf Katja, seine erste Liebe, die mittlerweile  Nonne ist. Für Kroll entpuppt sich dieser unfreiwillige Aufenthalt als Trip in seine eigene Vergangenheit. Bald kommt er  Geheimnissen auf die Spur, die er besser nicht aufgedeckt hätte.

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Ich bin immer wieder überrascht, was man so auf dem Markt der mittelständischen und kleineren Verlage findet. Markus Kastenholz hat mit seinem Regionalthriller „Kroll“ ein Werk verfasst, das mich schon während des Lesens fasziniert hat und auch jetzt noch, viele Tage danach, in meinen Gedanken begleitet. Woran liegt das? Zum einen mit Sicherheit an dem sehr flüssigen Schreibstil, zum anderen aber – und das ist für mich der Haupt- und Knackpunkt – an der mehr als authentischen Charakterstudie des Protagonisten. Kastenholz verbaut sein eigenes Ich in der Rolle des Kroll, das merkt man. Und auch wenn einiges davon erfunden ist, so nimmt man ihm jeden Gedanken und jede Handlungsweise uneingeschränkt ab. Hinzu kommt der wirklich trockene Humor, der sich durch das ganze Buch zieht und einen immer wieder zum Schmunzeln bringt. Mir ist Kroll regelrecht mit seiner Art und Weise, seiner Einstellung, seinen Gefühlen, seinen Ängsten und Hoffnungen ans Herz gewachsen.

Auch wenn es an spannenden Momenten nicht mangelt, so wirkt das Buch im Gesamten außerordentlich ruhig und oftmals auch melancholisch, was mich immens gefangen nahm, ja fast schon hypnotisierte. Der Spannungsaufbau der Geschichte verlief dazu passend auch sehr langsam, was aber unter keinen Umständen heißt, dass an irgendeiner Stelle jemals Langeweile aufkommen würde. Ganz im Gegenteil: die Geschehnisse wirken dadurch absolut rund und nachvollziehbar. Außerdem bekommen die Charaktere aus diesem Grund eine Tiefe, die die Personen auf beeindruckende Weise lebendig macht.
Aus dem Thriller wird zusehends eine persönliche Geschichte des Protagonisten, die einen berührt und mitnimmt. Gerade die Liebesgeschichte ist vollkommen unaufdringlich und nicht kitschig, aber dennoch sehr emotional. Genau diese Mischung aus Melancholie, Liebe, interessanter Historie des Templerordens und spannender Handlung machen „Kroll“ zu einem ganz besonderen Buch.

Der sehr bildhafte Schreibstil und die echt wirkenden Dialoge lassen die Erzählung wie einen Film vor dem inneren Auge des Lesers ablaufen. Manchmal ist die Handlung etwas rätselhaft und undurchsichtig, so dass man wirklich nicht weiß, wie sich das Ganze entwickelt und was genau hinter den Begebenheiten steckt. Das alles ist sehr professionell durchdacht und macht unglaublich Spaß. Kastenholz zeigt, dass er nicht nur schreiben sondern sich auch logisch aufgebaute Geschichten ausdenken kann. Wie oft gab es Szenen, in denen ich Kroll so gut verstehen konnte und am liebsten tröstende Worte an ihn gerichtet hätte. Wie man sieht, war ich während des Lesens wirklich dabei.
Ich wünschte, Markus Kastenholz würde Kroll nochmals literarisches Leben einhauchen und ihn ein weiteres Abenteuer in seiner Heimat bestehen lassen. Ich habe diesen Protagonisten, wie oben bereits erwähnt, wirklich liebgewonnen und würde ihn gerne nochmals begleiten.
Für mich war „Kroll“ eine unerwartete Überraschung, mit der ich nicht gerechnet habe. Freunde von durchdachten Thrillern sollten sich diese Reise nicht entgehen lassen.

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Fazit: Spannender, aber auch melancholischer Thriller mit einem wunderbaren Protagonisten.

©2020 Wolfgang Brunner für Buchwelten