Später von Stephen King

Erschienen als gebundene Ausgabe mit Leseband
im Heyne-Verlag
insgesamt 304 Seiten
Preis: 22,00 €
ISBN:  978-3-453-27335-1
Kategorie: Horrorroman

Jamie Conklin ist der Sohn der Literaturagentin/Lektorin Tia Conklin. Gemeinsam mit seiner Mum lebt er in Manhattan in einer sehr guten Wohngegend. Das Geschäft von Jamies Mum läuft sehr gut, auch nachdem sie die Agentur inzwischen lange allein führt. Ihr Bruder, der damalige Geschäftsgründer ist früh an Alzheimer erkrankt.

Jamie und seine Mum kann man wohl als perfektes Zweiergespann bezeichnen. Sie haben eine tolle Mutter-Sohn-Beziehung und sind gern zusammen. Jamies Mum Tia ist auch die einzige Person, die um Jamies Geheimnis weiß: Jamie sieht Tote. Er sieht kürzlich verstorbene Menschen und kann mit ihnen sprechen. Aber nur wenn er sie anspricht bzw. Fragen stellt. Dann antworten sie. Und zwar wahrheitsgemäß. Tote können nicht lügen. Nach einigen Tagen verschwinden sie dann langsam. Ihre Stimme wird leiser, wie durch Watte und dann sind sie weg. Wohin auch immer.

Als plötzlich der beste Autor der Agentur stirbt droht dieser der totale finanzielle Ruin. Der letzte abschließende Band sollte die Kasse auffüllen, doch mehr als die ersten 30 Seiten hat er nicht geschafft. Doch da ist ja bekanntlich Jamies Gabe. Tia fährt gemeinsam mit Jamie zum Wohnsitz des Autors, in der Hoffnung, dass Jamie seinen Geist dort trifft (man weiß nie so genau, wo sie sich aufhalten, bis sie entschwinden). Und ja, er ist tatsächlich an seinem Arbeitsplatz und Jamie fragt ihn nach der Handlung des Romans. Doch natürlich hat die Sache mit den Toten auch einen Haken. Sonst wäre es ja kein Horrorroman … 😉

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Als ich den Klappentext las, dachte ich zuerst, dass Stephen King auf seine alten Tage noch seinen Kollegen Dean Koontz kopiert und einen Charakter wie Odd Thomas aufs Papier bringt. Der sympathische Grillkoch hat es schließlich über viele Jahre mit Toten zu tun gehabt. Doch nein, Jamies Gabe ist dann doch etwas anders als die von Odd.

Jamie erzählt die Geschichte selbst und ist noch ein Grundschuljunge, als er damit beginnt. Dementsprechend „einfach“ ist der Schreibstil. Allerdings nicht einfach einfach, sondern absolut liebenswert und kindgerecht. Einfach wie durch die Augen eines Kindes gesehen. In der Zeit stirbt die Ehefrau des Nachbarn Prof. Burkett. Jamie spricht mit ihr, weil Mr. Burkett nach dem Tod völlig verzweifelt die Ringe seiner Frau sucht. Die verstorbene Mrs. Burkett sagt es Jamie schließlich. Sie liegen an einem total verrückten Ort und die Begründung, die die tote Mrs. Burkett darin findet, geht dem Leser nicht mehr so schnell aus dem Kopf (Mrs. Burkett erlitt einen Schlaganfall). Sie sagt: Wahrscheinlich sind meine Gedanken da schon in meinem Blut ertrunken.

Die Beziehung, die sich zwischen Jamie und dem Professor entwickelt, erinnert mich ein wenig an die Kurzgeschichte aus „Blutige Nachrichten“ mit dem Titel Mr. Harrigans Telefon. Mr. Burkett in diesem Buch hier ist allerdings charakterlich ganz anders, viel liebenswürdiger und nicht so schroff, doch meine ich einfach das Miteinander zwischen Jung und Alt. Der Respekt von beiden Seiten zueinander und die Freude am Zusammensein. Wahrscheinlich ein Thema, das Stephen King nun im Alter auch beschäftigt. Ich finde diese Freundschaft sehr schön.

Es geht noch um soviel mehr in diesem doch relativ dünnen Roman: Homosexualität, Drogen, Sucht, Liebe, Neid, Bombenanschläge, einige wirklich ekelige Leichen und ebenso um das absolute, richtige Böse. Viel mehr mag ich eigentlich nicht verraten, denn das würde natürlich die Spannung stehlen.

Fakt ist, dass mir der Roman sehr gut gefallen hat und ich mir gewünscht hätte, Jamie und Tia noch ein wenig länger zu begleiten. Es ist eine sehr gute, abwechslungsreiche Geschichte mit ganz viel drin. Beginnend vorher und endend … Später ☺.

© Marion Brunner_Buchwelten

Die Bücherdiebin von Markus Zusak

Erschienen als Taschenbuch
bei blanvalet
insgesamt 588 Seiten
Preis: in der Ausgabe nur gebraucht
ISBN: 9783764502843
Kategorie: Roman

Im Alter von 9 Jahren muss Liesel Meminger dabei zusehen, wie ihr kleiner Bruder stirbt. Eigentlich sollten sie beide von ihrer Mutter nach Molching bei München gebracht werden, um dort bei einer Pflegefamilie zu leben, da ihre Mutter nicht mehr für sie sorgen kann.
Werner ist aber zu krank, um diese Reise zu überstehen. Während ihr Bruder neben den Gleisen im Schnee begraben wird, tut Liesel es das erste Mal: sie stiehlt ein Buch. Es fällt dem Totengräber aus der Tasche und sie hebt es klammheimlich auf. Nimmt es mit in ihr neues Leben, hütet es wie einen Schatz. Und das, obwohl Liesel nicht einmal lesen kann. Doch das soll sich bald ändern.
Denn in vielen Nächten voller Albträume lehrt ihr Pflegevater Hans Hubermann Liesel das Lesen. Sie entdeckt die Welt der Worte und liebt sie über alles. Und sie liebt ihre Pflegeeltern Hans und Rosa. Und irgendwie auch Rudi, den Saumensch.
Und Liesel stiehlt weiter: Bücher aus dem Haus des Bürgermeisters (wobei …), auch die Herzen von Hans, Rosa und Rudi und natürlich das von Max. Und irgendwie auch das Herz des Todes …

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In diesem Fall habe ich zuerst den 2014 entstandenen, gleichnamigen Film gesehen, der mich sehr beeindruckt und emotional aufgewühlt hat. Als mein Mann mir das Buch aus unserer Bibliothek zeigte, war klar, dass dies meine nächste Lektüre wird. Und ich bin absolut begeistert. Von dem Buch genauso sehr, wie von der filmischen Umsetzung, die ich nun beide miteinander vergleichen konnte. Selten werden Filme nahezu 1:1 umgesetzt, wie der Autor es in seiner Buchvorlage geschrieben hat.

Markus Zusak wurde in Australien geboren und wuchs dort auf. Seine Eltern stammen jedoch aus Wien und München. Und aus deren Geschichten über den Krieg in der Heimat entstand die Idee zu diesem Buch. Er erzählt über das Nazideutschland, die Entbehrungen im Krieg, über Freundschaft, Liebe und das Glück einer Kindheit. Ja, die Zeit war schlimm, aber Liesel sagt, es war ihre schönste Zeit. Wir begleiten sie über viele Jahre in der Himmelstraße, hoffen, bangen und lachen mit ihr. Begleiten sie auf Ihren Streifzügen durch Molching und erleben, wie ihre Liebe zur Literatur wächst, als sie die Worte hinter den Buchstaben zu erkennen begreift.

Das Besondere an der Geschichte mag sein, dass die Erzählerrolle der Tod übernimmt. Er stellt sich vor, beschreibt uns seine Arbeit und erzählt, dass es Menschen gibt, die ihn faszinieren und eben dies der Grund sei, warum er uns Liesels Geschichte erzählt. In diesem Buch steckt soviel und ich hatte mehrere Male Tränen in den Augen.

Zusak hat einen sehr schönen Schreibstil, er zeichnet die Charaktere wunderbar detailliert und lässt den Leser eine starke Verbundenheit zu ihnen allen empfinden. Dass immer wieder der Tod selbst in Erscheinung tritt, Momente vorzieht, oder Dinge erläutert, lockert ungemein auf und liefert auch lustige Momente.

Mich hat das Buch wirklich nachhaltig beindruckt und mir einen Einblick gegeben, wie das Leben der einfachen Leute zur Zeit des Zweiten Weltkriegs war. Und dass es trotz allem möglich war, eine schöne Kindheit zu genießen, voller Liebe und Freundschaft.

© Buchwelten

Rote Tränen von Mike Landin

Erschienen als
Taschenbuch als
Selfpublisher bei BOD
342 Seiten
Preis: 10,99
ISBN: 978-3751934961

Der Teenager Jacob zieht gemeinsam mit seinen Eltern und seiner 13-jährigen Schwester Lena auf einen alten, verlassenen Hof in den Berchtesgadener Alpen. Jacobs Eltern sind in dem Ort aufgewachsen, haben ihn aber vor ca. 20 Jahren verlassen.
Jacob kam im Spreewald zur Welt und wäre dort eigentlich gerne geblieben. Aber es gab Anschuldigungen gegen seinen Vater, die der Grund für die Rückkehr nach Lennsberg waren. Abstand gewinnen und einen Neuanfang wollten Jacobs Eltern dort. Aber Jacob will dort nur das letzte Schuljahr schnell hinter sich bringen und dann nach Hause zurückkehren. Er sieht dieses eine Jahr als kurzes Intermezzo.

Die Probleme beginnen quasi schon auf der Fahrt zum Hallerhof, als ein proletenhafter Dorfbewohner einen Unfall provoziert und die Situation zu eskalieren droht. Dumm nur, dass es sich um einen sehr einflussreichen, wenn auch sehr unangenehmen Typen aus dem Ort handelt, der als Bürgermeisterkandidat großen Einfluss hat.

Dann beginnen Jacobs Eltern sich immer komischer zu verhalten. Die Tageszeitungen verschwinden umgehend, die beiden werden abwesender und schweigsamer. Jacob vermutet, dass es etwas mit dem in der Nähe verschwundenen jungen Mädchen zu tun hat und beginnt ein wenig nachzuforschen. Denn diese Fälle gab es schon vor 20 Jahren, als seine Eltern noch dort lebten. Die meisten Mädchen kamen nach einigen Tagen zurück, bis auf eines. Das wurde nie gefunden.

Hilfe und Unterstützungen bei seinen Nachforschungen und Recherchen bekommt Jacob von Hannah. Sie ist etwa gleich alt wie er und lebt allein mit ihrem Vater auf dem Nachbarhof. Die beiden verstehen sich auf Anhieb gut. Aber irgendwie scheinen die beiden Familien untereinander auch zusammenzuhängen.

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Die Inhaltsangabe hat mich neugierig gemacht. Sie hat mich ein wenig an die Stimmung und Handlung von „Tannöd“ erinnert, darum habe ich das Buch ausgewählt. Dass der Autor Mike Landin den Roman als Selfpublisher bei BOD (Book on Demand) veröffentlich hat, störte mich dabei nicht. Viele Autoren machen das und ich habe darunter schon einige Schätze entdeckt.

Die Idee und die Handlung des Romans gefallen mir sehr gut, eine düstere oder extrem spannende Stimmung oder Atmosphäre zu schaffen ist dem Autor allerdings nur teilweise gelungen. Für mich hat der Roman sicherlich Potenzial, liest sich aber leider wie eine Rohfassung. Es gibt u.a. viele nicht gut ausgearbeitete Formulierungen.
Jeder Autor schreibt seine Geschichte erstmal runter, alles raus aus dem Kopf. Sortieren und am Feinschliff arbeiten machen sie später. Dann kann auch entschieden werden, ob es sich z.B. um eine Baumgruppe oder eine Ansammlung von Büschen handelt.
Ein professionelles Lektorat möchte ich dem Autor gerne ans Herz legen, denn dann wird der Roman garantiert richtig gut.
Auch hatte ich das Gefühl, dass Landin alles an Dramaturgie und schlimmen Dingen in dem Roman verbauen wollte. Immer wieder eins draufgesetzt.

Achtung, jetzt Spoileralarm: Jacobs Vater wurde des sexuellen Missbrauchs beschuldigt, darum der Umzug. Der angebliche Selbstmordversuch, der anschließende Mord. Jacobs Mutter erfährt, dass ihr Vater nicht ihr Vater war, sondern eigentlich ihr Onkel. Der Onkel lebt, der Vater kam bei einem dramatisch beschriebenen Autounfall ums Leben. Es werden viele Fährten geworfen und später irgendwie aufgelöst. Ich denke einfach, dass manchmal weniger ein bisschen mehr ist.

Der Schreibstil ist einfach und schlicht. Jacob erzählt die Geschichte in der Ich-Form. Die Charaktere sind recht gut gezeichnet und mir auch während der Lektüre nahe geworden.

Mein Fazit: Ein Thriller, der von der Idee wirklich gut ist und mit einem richtigen Lektorat ein wirklich tolles Buch sein kann. In dieser Form für mich „nur“ 3 Sterne.

© Marion Brunner_Buchwelten

Das Buch, das dich findet von Siegfried Langer

Eine WhatsApp-Nachricht ist das letzte, was Merelie von Alina gesehen hat. Danach ist Alina verschwunden, wie vom Erdboden verschluckt. Auf Nachrichten reagiert sie nicht mehr, auch von zu Hause ist sie weg, ohne Kleidung, Waschzeug, Geld oder sogar ihr Handy. Alles ist da, nur eben Alina nicht.

In ihrer letzten Nachricht schrieb sie Merelie von einem seltsamen Roman, auf den sie gestoßen war: „Das Buch, das dich findet“. Merelie wundert das sehr, denn gelesen hat Alina nie. Sie war traurig und depressiv, nachdem ihr Bruder David gestorben war, hatte sogar Todessehnsüchte. Doch Merelie war Alina eine gute Freundin und Stütze in dieser Zeit. Merelie beginnt nach dem ominösen Buch zu suchen, recherchiert, fragt in Buchläden. Gemeinsam mit ihrem Freund aus jüngster Kindheit, Elias, versuchen sie alles, um hinter das Geheimnis von Alinas plötzlichem und seltsamen Verschwinden zu kommen. Sie finden eine ebook-Ausgabe auf Alinas Handy und beginnen den seltsamen Roman zu lesen.

Doch plötzlich findet Merelie von demselben Buch eine Print-Ausgabe auf Ihrem Bett. Was soll das? Wie kommt es dahin? Wer konnte einfach so in Merelies Zimmer das Buch platzieren? Sie kann nicht widerstehen und beginnt zu lesen. Seltsam, die Handlung weicht von der aus Alinas Ausgabe ab. Und dann geschieht etwas wirklich Unglaubliches …

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Das Buch hat der Autor Siegfried Langer über BoD publiziert und es präsentiert sich als qualitativ hochwertiges Hardcover. Die Gestaltung in schönem Violett mit dem Bild, dass das Buch immer wieder in einer Hand zeigt gefällt mir gut. Die Schrift des Klappentextes gefällt mir persönlich nicht, aber der Inhalt dessen macht neugierig.

Die Hauptfigur des Romans, die 17-jährige Merelie, die optisch der Gothic-Szene zugehörig ist, ist mir sehr sympathisch. Sie ist eine ehrliche, sehr natürliche Person, die Alina, vormals echte Tussi, nach dem Tod ihres Bruders einfühlsam zur Seite steht. Dann ist da noch Elias, die dritte Hauptrolle des Roman. Seit seiner Kindheit ist er mit Merelie befreundet. Über die Jahre hatten sie sich ein wenig aus den Augen verloren, aber nun, durch das Verschwinden von Alina und die darauffolgende Suche kommen sie sich wieder näher und sind ein tolles Team.

Man kann das Buch ohne weiteres als All-Age-Lektüre bezeichnen, denn auch wenn es eigentlich wie ein klassisches Jugendbuch wirkt, behandelt es Themen, die altersübergreifend sind. Verluste, Sehnsüchte, geheime Wünsche, Trauer und Ängste sind die Themen, die Siegfried Langer in der Handlung aufgreift und über die er in einem wunderbar ausgeklügelten Handlungsrahmen erzählt. Die Grundidee des Romans, auf den ich eigentlich gar nicht näher eingehen will, ist wirklich klasse. Ein Buch, dass es eigentlich nicht gibt und solche Dinge „geschehen lässt“, ja, da hatte der Langner einen guten Einfall. Müsste ich es irgendwie vergleichen, fiele mir vielleicht „Sophies Welt“ von Jostein Gaarder ein, wobei der Vergleich dennoch ein wenig hinkt. Aber die Richtung passt jedenfalls.

Der Schreibstil ist, wie von Siegfried Langer gewöhnt, sehr gut, sprachlich gehoben und wunderbar ausformuliert, niemals flapsig oder lasch. Natürlich gibt es Umgangssprachliches in den Dialogen der jugendlichen Protagonisten aber das kann und soll ja auch so sein.

Ein Gespräch am Schluss hätte ich mir länger gewünscht. Dieses Thema, auf das ich auch nicht näher eingehen möchte, wurde mir für mein Empfinden etwas zu schnell abgehandelt.

Aber dennoch, ich gebe hier gerne eine Leseempfehlung für dieses wunderbare All-Age-Werk.

© Marion Brunner_Buchwelten 2020

Die Lieferung von Andreas Winkelmann

Die Lieferung

Erschienen als Taschenbuch
im Rowohlt Verlag
insgesamt  400 Seiten
Preis: 9,99 €
ISBN:  978-3-499-27517-3
Kategorie: Thriller

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Die junge Altenpflegerin Viola lebt in ständiger Angst. Unentwegt hat sie das Gefühl, verfolgt zu werden. Sie fühlt sich nur noch sicher, wenn sie an ihrem Arbeitsplatz  ist oder sich ihre Freundin Sabine in ihrer Nähe befindet. Sabine ist lustig, tough, mutig und sie glaubt Viola. Doch eines Abends meldet sich sich nicht mehr. Viola ist verunsichert, bleibt daheim.

Jens Kerners aktueller Fall ist seltsam. Im Hamburger Wald lief einer Jägerin plötzlich eine Frau vor die Flinte. Bleich, fast haarlos und wirr. Wie ein Albino wirkte diese seltsame Gestalt. Wo kam sie her? Was trieb sie in den Wäldern? Leider kommt Jens Kerner nicht mehr dazu sie zu befragen, denn sie stirbt.

Jens Kerners Arbeitskollegin Rebecca sitzt im Rollstuhl. Während einer Reha erzählt ihr eine Pflegerin, dass ihre Tochter seit 2 Jahren vermisst ist. Sie hofft auf Rebeccas Hilfe.

Jens Kerner und Rebecca Owald haben eine Menge Ermittlungsarbeit zu leisten. Zuviele lose Fäden, die zusammengeführt werden müssen.

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Andreas Winkelmann liefert einen guten und spannenden Thriller ab, in dem er viele verschiedene Fäden auswirft und jede Menge Fährten legt, um dem Leser einen langen Nervenkitzel zu bescheren.

Er erzählt die Geschichte in verschiedenen Handlungssträngen: Da gibt es den um Viola, die Altenpflegerin in ständiger Angst. Dann geht es um Rebecca Oswald und Jens Kerner, das ungleiche Ermittlerduo. Und es gibt zwei Rückblenden-Stränge. Einmal den um die gefangene Frau, die im Wald auftaucht. Und den letzten schließlich um den Täter, den wir in seine Kindheit begleiten.

Wie erwähnt ist die Spannung da und die Lektüre ist auch fesselnd. Ich selber finde jedoch, dass es bessere Romane von Andreas Winkelmann gibt (z.B. „Die Zucht“).

Das ungleiche Ermittlerpaar erinnert mich ein wenig an das Team von Robert Galbraith (das Pseudonym von J.K. Rowling). Ihrem Detektiv Cormoran Strike (Veteran mit Beinprothese) steht die bezaubernde Robin Ellacott zur Seite. Also ein ähnlich ungleiches Paar, nur umgekehrt. Ein anderer, immer wiederkehrender Bestandteil der Handlung erinnerte mich an den Film „Hereditary“. Leser werden wissen, was genau ich meine.

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Fazit: Ein spannender Thriller, der fesselt. Für mich ein bisschen überzogen in den (falschen) Fährten und ständigen Wendungen, aber das ist Geschmackssache.
Bei einer 5 Sterne Skala erhält „Die Lieferung“ eine 4.

©2020 Marion Brunner – Buchwelten

 

 

Erhebung von Stephen King

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Erschienen als gebundene Ausgabe
im Heyne Verlag
insgesamt 144 Seiten
Preis: 12,00 €
ISBN: 978-3-453-27202-6
Kategorie: Kurzroman
Erschienen am: 12.11.2018

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Scott lebt in Castle Rock und arbeitet als Webdesigner. Er ist ein normaler Typ im mittleren Alter, der plötzlich ein Problem der etwas ungewöhnlichen Art bekommt: Er verliert an Gewicht. Stetig und in relativ rasantem Tempo. Allerdings ist ihm das äußerlich nicht anzusehen. Er trägt nach wie vor seine stattliche Wampe vor sich her, die vorne über dem Gürtel hängt.

Und das zweite überaus Seltsame ist: Egal mit wie viel Zusatzgewicht sich Scott auf die Waage stellt, das Gewicht bleibt das gleiche. Sein reines Körpergewicht. Ob er sich die Taschen voller Geldmünzen steckt oder zusätzlich eine Langhantel tragen würde. Alles, was er zusätzlich bei sich trägt, ist gewichtslos. 

Scott ist erschreckt und verwirrt, denn er fühlt sich körperlich sehr wohl. Da er mit seinem Problem nicht zu seinem Hausarzt gehen möchte, geht er zu seinem Freund und Tennispartner Bob Ellis (Doctor Bob). Er ist seit 5 Jahren im Ruhestand, aber Scott vertraut ihm.  Natürlich ist dieser überrascht und skeptisch, als er diese komische Geschichte hört. Doch als sich Scott auf seine gute alte Praxiswaage stellt, ist er sprachlos. Gemeinsam versuchen sie der Sache auf den Grund zu gehen. Doch allzu viel Zeit bleibt nicht wirklich. Denn wenn man ausrechnet, wie lange es dauert, bis Scott nichts mehr wiegt, dann komm der Tag X schneller als einem lieb ist …

Bei einem relativ kurzen Buch möchte ich mit meiner Inhaltsangabe nicht zu ausführlich sein, damit ich nicht gleich die ganze Handlung verraten will. Stephen King hat mit diesem Roman eine kleine ,aber sehr feine Geschichte geliefert. Sie beschäftigt sich mit Vorurteilen gegen Menschen, die anders sind, dazu stehen und anerkannt werden wollen.

Darum, dass sich hinter harten Schalen ganz oft weiche Kerne verbergen. Darum, dass man Mauern um sich errichtet, um nicht verletzt zu werden und sich einfach durchkämpfen will. Darum, dass es aber Menschen gibt, denen es egal ist, wie anders Menschen auch sein mögen und sie unterstützen möchten, sich mit ihnen anfreunden wollen. Darum, dass man es ehrlich meint und dennoch nicht leicht hat, aus den o.g. Gründen überhaupt an diese Menschen heranzukommen.

Es geht darum, über sich hinauszuwachsen, Grenzen zu überschreiten und über tiefe und ehrliche Freundschaft.

Wie man sieht, steckt zwischen diesen beiden Buchdeckeln wirklich sehr viel. Geschrieben im lockeren, leichten und angenehmen Stephen King-Schreibstil. Sehr bildhaft und humorvoll. Das Buch macht nachdenklich und traurig.

Eines kann ich verraten: Der Roman hat nichts mit „Thinner“ zu tun. Das war nämlich mein erster Gedanke: Stephen King hatte das Thema „dünner werden“ doch schon einmal. Aber „Thinner“ ist ein alter King. „Erhebung“ ist ein neuer King. Ich liebe sie beide und Fans werden wissen, was ich damit meine.

Dies ist ein wirklich schöner Roman, eine tolle Geschichte, die irgendwie zu kurz ist, aber anderseits nicht länger sein muss. Ich gebe hier gerne eine Leseempfehlung. Vielleicht ist der Roman auch eine Geschenkidee für Freunde und Bekannte, die bisher noch keinen Roman von Stephen King gelesen haben. So als Einstieg, zum anfixen, quasi ☺.
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© Marion Brunner_Buchwelten 2018

 

Killt Grappa! von Gabriella Wollenhaupt

Killt Grappa!
Erschienen als Taschenbuch 1996
im Grafit Verlag
insgesamt 212 Seiten
Preis: 7,99 € Ebook (neu nur noch als Ebook verfügbar)
ISBN: 978-3-89425-066-9
Kategorie: Krimi

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Maria Grappa, Journalistin und Polizeireporterin, berichtet – natürlich – wieder als eine der ersten, als der bekannte Bierstädter Schönheitschirurg Dr. Oktavio Grid Opfer eines brutalen Mordes wird. Er wird tot im heimischen Ehebett aufgefunden und wurde auf fieseste Weise abgeschlachtet.

Die Ehefrau des Toten gesteht den Mord relativ schnell. Ein Racheakt einer gedemütigten Ehefrau? Ganz so sieht die Sache aus. Doch Grappa sieht die Sache ganz und gar nicht so einfach und klar. Zu unkompliziert scheint sich der Fall aufgelöst zu haben.

Gemeinsam mit Kommissar Nikolaus Kodil, den Grappa auch ein kleines bisschen näher kennt, und dem Fotografen „Turkey“ bohrt sie tiefer und landet in einem Knoten aus Schönheitschirurgie, Satanismus, Rache und Körpertherapie …

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Ich lese ja bekanntlich sehr gerne die „Grappa“-Romane, weil sie immer rasant, bissig und voll von (oft schwarzem) Humor sind. Grappa ist so eine „Marke“ für sich. Die Journalistin mit der lockeren Klappe, die immer schlagfertig, aber auch ein ganz kluges Mädchen ist, die Männer, gutes Essen und guten Wein mag und für eine gute Story so ziemlich jeden – auch gefährlichen Weg – einschlägt.

Ich habe mich sehr gefreut, als mein Mann mir 2 der älteren Roman geschenkt hat. Hier ist der 7. Band, der geschrieben und veröffentlicht wurde. Grappa war damals charakteristisch schon genauso drauf wie heute. Die Vorgesetzten und die Kollegen sind noch andere, die Fotografen scheinen im „Bierstädter Tageblatt“ auch mal öfter zu wechseln. Die Bäckersfrau heißt noch Scholz, statt Schulz, scheint mir aber irgendwie schon dieselbe zu sein … und der Grafit-Verlag hat noch auf rein weißem Papier gedruckt.

Die Handlung ist auch hier wieder sehr spannend, rasant und auch nicht immer leichte Kost. Denn es geht auch schon einmal heftig zur Sache. Aber Gabriella Wollenhaupt hat hier ja ein unheimliches Händchen, diese schrecklichen Themen in eben dieser herrlichen „Grappa-Manier“ zu schreiben. So ist es auch hier mit den Themen Satanismus, Opferung, Kindesmisshandlung und schwarzen Messen. Immer wieder bringt die Autorin den Leser runter mit ihren entweder klassischen Grappa-Sprüchen oder einfach einem guten Essen oder einem ruhigen, ernsten Gespräch. Denn auch das kann diese vielseitige Protagonistin sehr gut.

Und sorry, eventueller Spoiler: Aber als Grappa in der Schwarzen Messe spioniert und mit „Hadschi Alef Omar“ antwortet, da habe ich mich fast nass gemacht vor Lachen. Das war so eine geniale Situationskomik, einfach spitzenmässig.

Mir gefallen auch die älteren „Grappa“-Romane sehr gut, sodass ich sie mir nach und nach alle noch zulegen werde. Derzeit lese ich einen weiteren Roman aus der Reihe, diesmal aus dem Jahre 2002. Ich bin also etwas gesprungen. Ich werde natürlich berichten ☺

Der Grafit Verlag verlegt diesen Roman (leider) nur noch als Ebook. Ich selbst bin ja gar kein Freund eben solcher und ich habe auch keinen Reader. Aber für solch – Zitat #joachimkörber – „Komplettistenraubtiere“, gibt es sehr schöne Plattformen, auf denen man gelesene Bücher für kleines Geld in tollem Zustand ergattern kann (z.B. rebuy) und natürlich nicht zu vergessen die vielen Buchmärkte, die immer wieder stattfinden.

© Marion Brunner_Buchwelten 2018

Marina von Carlos Ruiz Zafón

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Marina.jpg
Erschienen als Taschenbuch
im Fischer Verlag
352 Seiten
9,99 €
ISBN: 978-3-596-18624-2
Kategorie: Zeitgenössische Literatur
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Óscar Drai ist ein junger Mann, der ein Internat in Barcelona besucht. In jeder freien Minute streift er durch die verwunschenen Viertel der Stadt, in denen die alten, teils verlassen und zerfallenen herrschaftlichen Villen stehen. Hier fühlt er sich wohl, heimisch, kann seinen Gedanken freien Lauf lassen.

Eines Tages trifft er Marina, eine wunderschöne, junge Frau. Sie lebt in genau so einem alten Herrenhaus, gemeinsam mit ihrem Vater Germán, einem Künstler, der jedoch vor langer Zeit das Malen aufhörte.

Marina und Óscar streifen von nun an gemeinsam durch die Viertel und der junge Mann hat sich unsterblich in Marina verliebt. Gemeinsam stoßen sie auf das Geheimnis des ehemals reichsten Mannes der Stadt und genau dieses Geheimnis bringt sie beide in große Gefahr.

Doch Óscar und Marina geben nicht auf. Sie folgen der Spur der schwarzen Schmetterlinge, wollen das Geheimnis lüften, werden mitgerissen von dieser düsteren und finsteren Spannung …

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Marina ist Zafóns erster Erwachsenenroman, der Roman den er nach den Jugendbüchern und vor „Schatten des Windes“ geschrieben hat. Carlos Ruiz Zafón sagt selbst, dass es sein persönlichstes Buch ist.

Es ist auch ein ganz besonderes Buch, voller Gefühl, Spannung, Gefahr und Spuk. Voller Liebe, Sehnsucht, Trauer und Hoffnung. Es ist ein musikalisches, künsterlisches, architektonisches Buch. Es erinnert stellenweise an das Phantom der Oper oder Mary Shellys Frankenstein. Eine tolle Mischung aus all dem, das ist Marina. Und dies alles in der wunderschönen Atmosphäre des alten Barcelonas, einer Stadt, die ich noch nie gesehen habe, jedoch vor meinem geistigen Auge habe, wenn ich Zafóns Romane lese. Der Autor liefert so stimmungsvolle, bildhafte Geschichten, das der Leser einfach mittendrin ist und sieht, ja auch riecht und fühlt.

Zafón hat eine wunderschöne Art mit Worten umzugehen, schreibt Sätze, die klingen und nachhallen. Als Einstieg des Romans: »Wir alle haben im Dachgeschoss der Seele ein Geheimnis unter Verschluss. Das hier ist das meine.« Da beginnt man den Roman und denkt schon: Danke, einfach wunderbar. Weiter so.

Marina ist sicher eine Liebesgeschichte, aber auch ein Drama, ein Thriller und eine gruselige Spukgeschichte. Marina ist irgendwie wie ein toller, stimmungsvoller schwarz-weiß Film, der mich gefesselt hat und mir absolut gut gefiel. Es bietet wirklich ziemlich alles, was einen guten Roman ausmacht und hinterlässt Spuren im Gedächtnis.

Wie sagt Marina so schön? „Man erinnert sich immer an das, was nicht geschehen ist“. Alleine dieser Satz regt doch schon zum nachdenken an. Beendet habe ich den Roman jedenfalls mit einem dicken Kloß im Hals.

Mein Fazit: Der erste „Erwachsenenroman“ von Zafón ist gefühlvoll, spannend, dramatisch und gefährlich. Eine Geschichte voll von Musik, zauberhaften Bildern, gruseligen Orten und besonderen Menschen.

© Marion Brunner_Buchwelten 2018

Der Fürst des Nebels von Carlos Ruiz Zafón

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FÜrst des Nebels.jpgErschienen als Taschenbuch
im Fischer Verlag
272 Seiten
9,99 €
ISBN: 978-3-596-81272-1
Kategorie: Jugendbuch, Schauerroman

Um vor den Gefahren und Unruhen des Krieges zu fliehen, zieht die Familie des jungen Max hinaus ans Meer. In einem verschlafenen Schifferdörfchen beziehen sie ein altes Haus, in unmittelbarer Nähe zum Strand.

Aus dem Fenster seines Zimmers entdeckt Max weitab des Hausen einen umzäunten, verwucherten Garten, in dem seltsame Steinfiguren stehen. Sie zeigen die mysteriösen Darsteller eines Zirkus. Als Max dorthin geht, um sich umzusehen, spürt er dort seltsame Kräfte, die ihm unheimlich sind und Angst machen. Ähnliche Vorfälle spielen sich einige Tage darauf auch im Wohnhaus ab.

Max schließt Freundschaft zu Roland, einem Jungen aus dem Dorf, der Sohn des Leuchtturmwärters. Roland kennt jeden Winkel der Insel und zeigt ihm das Wrack eines vor vielen Jahren vor der Insel versunkenen Schiffes. Gemeinsam tauchen sie zum Wrack und Roland erzählt Max von dem kleinen Jungen, der vor einigen Jahren unter rätselhaften Umständen verschwand. Dessen Verschwinden begründet auch den Leerstand des Hauses, in das nun Max und seine Familie gezogen ist.

Die unheimlichen Kräfte dieser geheimnisvollen und bösen Macht nehmen immer mehr zu und versetzen nicht nur Max und Roland in Angst und Schrecken. Doch die Jungen wollen diese Macht aufspüren und stellen sich ihr mutig entgegen ….

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Bevor Carlos Ruiz Zafón durch seine Barcelona-Romane Berühmtheit erlangte, hat er Schauerromane für junge Leser geschrieben. Dieses hier ist der erste und ich habe die gebundene Ausgabe gelesen, die vom Autor selbst vor der Neuauflage noch einmal komplett überarbeitet wurde.

Der Schatten des Windes“ und „Das Spiel des Engels“ waren die ersten Bücher, die ich von ihm gelesen habe. Aus der Jugendbuch-Reihe habe ich bisher nur „Der dunkle Wächter“ gelesen. Und bereits den fand ich sehr gut. Zafón schafft es, eine schöne, düstere und gruselige Atmosphäre zu erschaffen, die unheimliche Lesemomente beschert.

Auch hier geht es um Spuk, Geister und dunkle Mächte und die Handlung ist sehr spannend und fesselnd. Und überhaupt nicht „kindlich“ oder seicht, weil sie eben für Jugendliche geschrieben ist. Diese Grenze verschwimmt ja bereits sein langem und das Genre nennt sich nun „All-Age“ oder „Young Adults“.

Ein bisschen fühlte ich mich an „The Fog – Neben des Grauens“ oder um beim Buch zu bleiben, an „Riptide“ von Douglas Preston erinnert. Und auch wenn der Autor nicht in dem Stil seiner Erwachsenenromane schreibt, so ist er doch sehr gut. Sicher einfacher gestrickt und ausformuliert, aber trotzdem in guter Zafón-Manier.

Wie oben schon erwähnt, erzeugt der Roman eine tolle Stimmung, ist sehr düster und spannend und liefert so einige Gänsehautsituationen.

Mein Fazit: Ein sehr atmosphärischer Schauerroman, der spannende und auch gruselige Lesemomente beschert. Garantiert nicht nur für Jugendliche zu empfehlen.

© Marion Brunner_Buchwelten 2018

Baba Dunjas letzte Liebe von Alina Bronsky

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Baba Dunja
Erschienen als gebundene Ausgabe
im Kiepenheuer & Witsch Verlag
insgesamt 160 Seiten
Preis: 16,00 €
ISBN: 978-3-462-04802-5
Kategorie: Roman/Belletristik

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Baba Dunja, eine ehemalige Krankenschwester, nun jedoch eine alte, betagte Dame, kehrt zurück in ihr Heimatdorf Tschernowo. Da wo der Reaktor nach dem Unglück alles verstrahlt hat, zieht sie zurück in ihr Häuschen und lebt ihr zufriedenes Leben. Mit ihr leben einige andere Menschen in dem kleinen Dorf, insgesamt aber sind es nicht mehr als 10 Personen.

Sie bauen ihre Nahrung selbst an, die übrigens wächst und gedeiht im fruchtbaren Boden, ab und an fährt Baba Dunja auch mal in die nächstgelegene Stadt. Der Fußweg zur Bushaltestelle dauert inzwischen 2 Stunden, doch die Treckingsandalen, die ihre Tochter aus Deutschland geschickt hat, lassen wenigstens ihre Füße weniger schmerzen.

Auch auch wenn in dem kleinen Dorf eigentlich jeder sein Leben für sich lebt, so gibt es irgendwie dennoch eine besondere Gemeinschaft und Zugehörigkeit unter den Bewohnern. Dies ist in dem Moment zu spüren, in dem Fremde ins Dorf kommen, da dort ein – naja, sagen wir „Missgeschick“ geschehen ist …

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Alina Bronskys „Scherbenpark“ ist bis heute die meistgelesene Rezension jede Woche (!) auf meinem Blog. Dieser Roman wurde inzwischen verfilmt und auch „Die schärfsten Gerichte der tartarischen Küche“ habe ich gelesen. Beide Romane fand ich absolut gut, haben mir sehr gut gefallen. Als ich dann dieses kleine Büchlein in der Grabbelecke unseres KaRo-Kaufhauses entdeckte, griff ich natürlich sofort zu.

Dünn wie es ist, war ich natürlich sehr schnell durch, was ich sehr schade fand. Denn ich mochte die Gesellschaft der verschrobenen Alten und weniger Alten in dem kleinen Dorf unweit des Reaktors sehr gerne. Die Charaktere waren bunt gemischt.

Als Hautprotagonistin ist natürlich Baba Dunja zu sehen, die in dem kleinen Ort als Oberhaupt gilt, obwohl sie alt und klein ist. Ich fand es erstaunlich zu lesen, wie Bronsky zeigte, welch wacher Geist in so einem alten, klapprigen Körper steckt. Welch „jungen“ Gedanken und Einfälle sich in so einer ausgezehrten Hülle befinden. Immer wieder erfuhren wir auch Geschichten aus der Vergangenheit, die aufzeigten, dass diese alte Frau einmal ein wunderschönes, junges Mädchen war. Und Baba Dunja nahm dies alles mit einem gelassenen und herrlich trockenen Humor hin.

Die Bindung zu ihrer Tochter in Deutschland und ihrer Enkelin (die sie noch nie gesehen hat) waren auch ein großer Bestandteil dieser kleinen Geschichte und sehr einfühlsam und gefühlvoll. Alina Bronsky hat hier eine zauberhafte Geschichte geschrieben, die eigentlich den Wunsch aufkommen lässt, genau dorthin zu reisen, wo es so gefährlich ist. In die Todeszone beim Reaktor von Tschernobyl. Ich würde mir wünschen, dass diese Geschichte auch verfilmt wird. Denn diese Menschen und das kleine Dorf möchte ich sehr gerne einmal sehen. 

Mein Fazit: Eine zauberhafte, humorvolle und ein bisschen verschrobene Geschichte über ein paar Menschen, die leben, wie sie es wollen und sich nicht drum scheren, was andere über sie denken. Sie leben in der Todeszone, die macht ihnen aber in der heutigen Welt und in ihren schon lang gelebten Leben keine Angst.

© Buchwelten 2018