Perry Rhodan – Das grösste Abenteuer von Andreas Eschbach

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Erschienen als gebundene Ausgabe
im Fischer Tor Verlag
insgesamt 848 Seiten
Preis: 25,00 €
ISBN: 978-3-596-70145-2
Kategorie: Science Fiction

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Perry Rhodan erfährt eine Kindheit, die sich fast ausschließlich um den Weltraum dreht. Auch als Erwachsener begleitet ihn das All und die Versuche der NASA, eben diesen zu erobern. Rhodan verfolgt hartnäckig während seines ganzen Lebens das Ziel, einmal selbst in den Weltraum zu fliegen, bis es eines Tages im Jahr 1971 soweit ist. Perry Rhodan verlässt die Erde und bricht auf zur größten Reise, die ein Mensch je angetreten hat.

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Ich war wirklich sehr gespannt auf dieses Buch, da ich alle Werke dieses Autors sehr schätze und gerne lese. Denn, hätte Andreas Eschbach diesen Roman nicht verfasst, so wäre ich wahrscheinlich niemals in den Genuss gekommen, diese wunderbare Vorgeschichte von Perry Rhodans Abenteuern zu erleben. Eschbach hat einen faszinierenden Schreibstil, der einen von Anfang an absolut in seinen Bann zieht. Schon die ersten Seiten waren in einem Rutsch gelesen, weil ich mich nicht mehr von der Geschichte lösen konnte. Ich habe, wie ich zu meiner Schande gestehen muss, noch nie ein Perry Rhodan Heft gelesen und trotzdem war ich von dieser Lebensgeschichte derart fasziniert, dass mir während des Lesens immer wieder durch den Kopf ging, mir die Hefte – zumindest die ersten 100 – zu besorgen.

Es ist absolut faszinierend, wie Andreas Eschbach Zeitgeschehnisse in die fiktive Lebensgeschichte Rhodans einbaut. Die Biografie von Perry Rhodan liest sich manchmal wie die von Neil Armstrong. Vielleicht ist dies sogar ein wenig beabsichtigt, denn die Umstände beziehungsweise die Handlungsorte gleichen sich ja ein wenig. Eschbachs Roman dreht sich hauptsächlich um die Entwicklung der Raumfahrt. Der vorliegende Roman ist aber nicht nur etwas für Perry Rhodan Fans, sondern durchaus auch für all diejenigen, die, wie ich, noch nie ein Heft dieser gigantischen SF-Reihe gelesen haben und sich für die Raumfahrt und deren Anfänge begeistern. Man bekommt nicht nur einen Einblick in die damalige (reale) Zeit, sondern Eschbach vermittelt auch grandios das Feeling der Heft-Serie, wie ich im Nachhinein feststellen konnte, nachdem ich neugierig in eines der Heftchen reingelesen habe. Eschbach ist ein Kenner des Rhodan-Universums und spielt geschickt mit historischen Fakten und erfundenen Begebenheiten. „Perry Rhodan –  Das größte Abenteuer“ ist ein Buch, das man gut und gerne trotz seiner beeindruckenden Dicke noch einmal lesen möchte.

Auf den letzten Seiten schlägt Eschbach dann einen geschickten Bogen, um von seiner bis dahin sehr realistisch wirkenden Vita von Rhodan in das fantastische Science Fiction-Genre der Heftchenserie einzutauchen. Man spürt den Übergang kaum, der den Leser von der wirklichen Welt in die Abenteuer jenseits unserer Vorstellungskraft führt. Ich bin sehr begeistert, wie Eschbach die Vorgeschichte der größten deutschen SF-Serie zu Papier gebracht hat. Vor allem mit welcher Detailgenauigkeit, seien es nun die tatsächlich passierten Ereignisse, die im Roman vorkommen, als auch die erfundenen Aspekte der SF-Serie. Man hat nach der Lektüre tatsächlich das Gefühl, dem Beginn einer Legende beigewohnt zu haben, so episch geht Andreas Eschbach die Sache an. Dem Autor gilt mein höchster Respekt in Bezug auf die perfekte Verquickung der Vorgeschichte und dem Übergang zur Heftchenromanreihe. Volle Punktzahl meinerseits.

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Fazit: Nicht nur für Fans der größten SF-Serie ein Muss, sondern auch für Neueinsteiger.

©2019 Wolfgang Brunner für Buchwelten

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1793 von Niklas Natt och Dag

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Erschienen als Taschenbuch
bei Piper
insgesamt  496 Seiten
Preis: 16,99 €
ISBN: 978-3492061315
Kategorie: Krimi, Thriller, Historie

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Im Stockholm des Jahres 1793 wird eine verstümmelte Leiche in der schlammigen Stadtkloake angetrieben. Der Tote ist fast bis zur Unkenntlichkeit entstellt. Zwei ungleiche Ermittler, der Jurist Cecil Winge und der traumatisierte Kriegsveteran Jean Michael Cardell machen sich auf die Suche nach dem Täter. Sie finden schon bald heraus, dass das Opfer mit geradezu chirurgischer Präzision gefoltert wurde, bevor es starb. Doch das ist bei weitem nicht der schlimmste Abgrund, der sich den beiden während ihrer Ermittlungen auftut …

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Bei „1798“ handelt es sich um einen sehr atmosphärischen historischen Thriller, der mich in der Tat von der ersten Seite an gepackt hat und bis zum Ende nicht mehr losließ. Der Roman wurde mit „Die Einkreisung“ von Caleb Carr und „Das Parfum“ von Patrick Süßkind verglichen und ich muss sagen, dass beide Vergleiche absolut angebracht sind. Der Autor hat einen wunderbaren Schreibstil, der einerseits absolut hochwertig, andererseits aber auch sehr leicht verständlich und flüssig ist. Zusätzlich zu diesem wunderbaren Schreibstil kommt noch eine sehr ansprechende Aufteilung der Geschichte hinzu, denn der Autor erzählt drei Handlungsstränge, die sich im Verlaufe des Buches natürlich miteinander verbinden. Man erkennt oder vermutet natürlich als Leser die Zusammenhänge, dennoch kommen immer wieder entsprechende Aha-Effekte zum Tragen.

Der Autor schafft es wunderbar, die Stimmung der damaligen Zeit zu schildern und mit Worten und seinen Beschreibungen anschaulich zu machen. Jedes Mal, wenn ich das Buch zur Hand genommen habe, fühlte es sich an wie eine Rückkehr in eine zwar unschöne und rohe Welt, die aber dennoch einen gewissen Reiz auf mich ausübte. Der Autor hat sehr intensive Recherchen durchgeführt, die sich durch das ganze Werk ziehen. Und auch wenn es manchmal fast schon wie ein Informations-Overflow wirkt, so ist der Roman dennoch niemals bezüglich dieser historischen Einschübe überlastet. Hauptaugenmerk liegt immer auf der Handlung, die lediglich durch historische Ereignisse gewürzt wird. Die Beschreibung, sprich Charaktere, der Protagonisten und deren Seelenleben ist dem Autor ebenfalls äußerst gelungen und ich habe jede ihre Handlungsweisen nachvollziehen können. „1793“ ist ein wirklich wunderbarer Roman, der den Leser in eine Vergangenheit entführt, die man bildlicher nicht hätte darstellen können.

Für viele mag dieser Roman sehr brutal sein, denn der Autor nimmt bei manchen Beschreibungen kein Blatt vor den Mund. Aus meiner Sicht wirkte er aber an keiner Stelle zu extrem, zumal er in einer Epoche spielt, in der die Menschen sowieso nicht zimperlich waren. Alle „Brutalitäten“ passen ohne Einschränkungen in die Handlung und geben ein sehr bedrückendes Bild ab, das wunderbar zum Gesamtwerk passt.

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Fazit: Für mich eine große literarische Entdeckung und Überraschung.

© 2019 Wolfgang Brunner für Buchwelten

Habitat von Peter Cawdron

Erschienen als Taschenbuch
im Heyne Verlag
insgesamt  350 Seiten
Preis: 12,99 €
ISBN: 978-3-453-31963-9
Kategorie: Science Fiction

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Die Menschheit hat es geschafft und den Mars kolonisiert. Die erste Siedlung in Form eines Habitats nennt sich „Endeavor“ und wird als Triumph des menschlichen Forscherdrangs gefeiert. Wissenschaftler, Techniker und Astronauten arbeiten und forschen, bis plötzlich die Funksignale von der Erde verstummen. Vollkommen auf sich allein gestellt  rätseln sie darüber, was auf der Erde geschehen sein könnte. Denn ohne Hilfe der Erdbewohner würde bald ein Überlebenskampf auf dem Mars beginnen  …
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Ähnlich wie Andy Weir in seinem atemberaubenden Debütroman „Der Marsianer“ entführt uns Peter Cawdron mit „Habitat“ in eine Zukunft, die gar nicht so weit entfernt scheint. Wissenschaftlich fundiert und äußerst spannend entwirft der Autor eine Welt, in der man sich trotz aller Schrecken die dort passieren, auf gewisse Art und Weise wohl und heimelig fühlt. Dem Autor gelingt es von der ersten Seite an, den Leser zu fesseln und in die Geschichte hineinzuziehen. Obwohl nicht wirklich viel passiert, kann man das Buch schwer aus der Hand legen, denn der flüssige Schreibstil und die Flut an Informationen schaffen es, dass man die Welt um sich herum vollkommen vergisst und unbedingt wissen will, wie es den Protagonisten ergeht. Mit einer Ausgangssituation, die man zwar aus diversen Science-Fiction-Filmen und -Büchern schon kennt, schleudert Cawdron seine Leser in ein wahres Pageturner-Szenario. Cawdron hat hervorragend recherchiert und man nimmt ihm alles, was (noch) nicht Wirklichkeit geworden ist, absolut ab.

Selbstredend, dass man sich bei diesem Handlungsort natürlich sofort an „Der Marsianer“ erinnert, doch der Autor geht einen Schritt weiter und widmet sich in seinem Roman nicht nur einem einzelnen Menschen, der auf dem Mars zu überleben versucht, sondern schildert die Probleme einer ganzen Gruppe von Menschen, die aus verschiedenen Ländern der Welt stammen. Es ist wirklich mit äußerstem Geschick beschrieben, wie sich die einzelnen Nationalitäten ins Gehege geraten. Cawdron stellt in seinem Roman den Menschen in den Mittelpunkt, obwohl es in „Habitat“ auch sehr viel, um nicht zu sagen eigentlich hauptsächlich, um künstliche Intelligenz geht. Die Entwicklung des Plots ist absolut atemberaubend und, wie oben schon erwähnt, obwohl nicht viel passiert, kann man sich dem Sog dieses Buches schlichtweg nicht entziehen.
Auf den ein oder anderen mag die erste Hälfte des Buches langatmig wirken, für mich war dieser langsame Einstieg ein optimales Stilmittel, um eben jene atemberaubende Spannung zu schaffen, die die zweite Hälfte des Buches dann einnimmt.

Das einzige klitzekleine Manko, dass dieser Roman für mich hatte, war, dass er im Präsens geschrieben wurde. Daran musste ich mich während der ersten Seiten erst einmal gewöhnen. Wenn man aber genauer darüber nachdenkt, ist gerade die Schilderung in der Gegenwartsform ausschlaggebend für die Intensität der Geschichte. Ich hätte mir durchaus vorstellen können, dass die Story noch hundert oder mehr Seiten länger hätte dauern können, denn dann wären vielleicht die Charakterzeichnungen tiefer gehender und deutlicher geworden und der Leser hätte noch mehr Anteil an ihrem Schicksal genommen. So ist es aber leider so, dass einem trotz der unglaublichen Spannung und tollen Atmosphäre  die Personen relativ egal sind.  Man hätte den Plot durchaus mehr ausweiten und sogar eine Trilogie machen können, finde ich. Denn dann wäre auch das interessante Leben auf dem Mars nicht zu kurz gekommen. Und die zwischenmenschlichen Beziehungen hätten viel intensiver beschrieben und eindringlicher beschrieben werden können. Aber im Grunde genommen ist meine Kritik diesbezüglich ein Jammern auf hohem Niveau, denn „Habitat“ hat mich hervorragend unterhalten und ich freue mich schon sehr auf ein (hoffentlich) weiteres Werk des Autors.

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Fazit: Spannendes, sehr authentisches Marsabenteuer.

© 2019 Wolfgang Brunner für Buchwelten

Blutiger Januar von Alan Parks

Blutiger Januar von Alan Parks

Erschienen als Taschenbuch
im Heyne Verlag
insgesamt 393 Seiten
Preis: 16,00 €
ISBN: 978-3-453-27188-3
Kategorie: Krimi, Thriller

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Es ist Januar 1973, als am helllichten Tag eine junge Frau auf offener Straße erschossen wird. Der Killer, ein junger Mann, jagt sich unmittelbar nach der Tat selbst eine Kugel in den Kopf. Detective Harry McCoy, dem der Mord am Tag zuvor von einem Gefängnisinsassen angekündigt wurde, versucht eine Verbindung zwischen dem Täter, dem Opfer und dem Gefangenen herzustellen. Er stößt dabei auf die Dunlops, bei der es sich um eine der mächtigsten Familie von Glasgow handelt. Und plötzlich werden McCoy Steine von seinem eigenen Vorgesetzten in den Weg gelegt …

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„Blutiger Januar“ ist ein düsterer Thriller, der einen von der ersten Seite an packt. Alan Parker ist mit seinem Debüt ein wahnsinnig rasanter und vor allem stimmungsvoller Krimi gelungen, der einen nicht mehr loslässt. Bei „Blutiger Januar“ handelt es sich um den ersten Teil einer geplanten Reihe um den Ermittler Harry McCoy, der durch seine Charakterzeichnung sehr interessant und authentisch wirkt. McCoy ist nämlich nicht der typische Polizist, der auf legalen Wegen ermittelt, sondern mit ganz anderen Wassern gewaschen. Die „Unperfektheit“ des Protagonisten ist es aber gerade, die seine Figur äußerst sympathisch und lebensecht macht. Die Atmosphäre gestaltet sich während des gesamten Plots als äußerst düster und deprimierend. Die Beschreibungen sind nicht immer zimperlich, wenn McCoy Tatorte oder Bordelle besucht und unterstreichen die trostlose Stimmung nochmals.

Man sieht eigentlich während des kompletten Romans eine Art Film Noir vor seinem inneren Auge und spürt die Missstände jener Zeit, die aber hervorragend in die Handlung mit eingebaut wurden, ohne je belehrend zu wirken. Hinzu kommt noch das geschilderte Privatleben McCoys, das meiner Meinung nach eigentlich noch viel mehr Tiefe hätte bekommen können und die Gesamtstimmung des Buches noch unterstreicht. Alan Parks schreibt sehr bildhaft. Besonders die Dialoge der Protagonisten haben es mir angetan, denn die sind sehr lebensecht und lesen sich so flüssig, dass man teilweise alles um sich herum vergisst und tatsächlich meint, ein Drehbuch für einen Film zu lesen. „Blutiger Januar“ liest sich definitiv nicht wie ein Debütroman, sondern eher wie ein routinierter Thriller von einem, der schon wesentlich mehr Erfahrung in Spannungsaufbau und Charakterzeichnung aufweist. Die Handlung stellt zwar nicht unbedingt eine Innovation um Thrillerbereich dar, aber es ist eindeutig der gelungene Schreibstil und die hervorragend vermittelte Atmosphäre der 70er Jahr, die dieses Buch zu etwas besonderem machen.

Was mir auch sehr gut gefallen  hat, war die Entwicklung des Protagonisten, dass er sich seinem Vorgesetzten widersetzte und auf eigene Verantwortung weitermachte. Sicherlich ist auch diese Idee keine neue, aber Alan Parks hat sie sehr gut und glaubwürdig umgesetzt. Für viele Leser könnte „Blutiger Januar“ aufgrund der Gewaltdarstellungen und sexueller Handlungen ein wenig unbequem sein, doch genau diese Zutaten machen ein „dreckiges Buch“ aus diesem Pageturner. Und diese Szenen passen schlichtweg in den gesamten Plot, so dass sie einen großen Teil der von mir angesprochenen düsteren Stimmung ausmachen. Parks behält dabei auch immer die Oberhand über seine Darstellungen und gleitet nie ins Niveaulose ab, selbst wenn die Beteiligten in Gossensprache reden. Das beherrscht definitiv nicht jeder Autor auf diese Art und Weise. Alan Parks hat mich mit seinem Debüt-Thriller absolut überzeugt und  mich sofort zum Fan gemacht. Ich freue mich schon sehr auf die Weiterführung von McCoys Ermittlungen. Ich kann mich immer nur wiederholen, dass mich die Atmosphäre und die Hauptfigur von „Blutiger Januar“ von Anfang bis Ende in ihren Bann gezogen haben.
Mord, Selbstmord, ausschweifende Sex- und Drogenpartys, Erpressung, Korruption, politische Verstrickungen und Gewalt – all diese Dinge finden sich in „Blutiger Januar“ und erschaffen eine vollkommen neue Welt im Kopf des Lesers.

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Fazit: Beeindruckendes Thrillerdebüt, das mit einer durchgehend düsteren Stimmung punktet.

© 2018 Wolfgang Brunner für Buchwelten

Ewiges Leben von Andreas Brandhorst

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Erschienen als Taschenbuch
im Piper Verlag
700 Seiten
16,99 €
ISBN: 978-3-492-06133-9

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Ein gigantischer Konzern namens „Futuria“ verkündet den Menschen eine sensationelle Entdeckung: ewiges Leben! Die Journalistin Sophie recherchiert für einen großen Bericht über das Unternehmen und entdeckt dabei immer mehr Ungereimtheiten in Bezug auf die Forschungen von „Futuria“. Etwas weitaus Größeres als „nur“ das ewige Leben scheint das Ziel der Firma zu sein.

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Der  neue Wissenschafts-Thriller von Andreas Brandhorst betrachtet den Menschheitstraum vom ewigen Leben aus verschiedenen Blickwinkeln. Unsterblichkeit hat schon viele Autoren beschäftigt und auch Brandhorst hat sich in dem ein oder anderen seiner Science Fiction-Werken schon einmal dieser Thematik zugewandt, wenngleich auch bei weitem nicht so ausführlich wie nun in „Ewiges Leben“. Es ist erstaunlich, mit welcher Weitsicht der Autor das Thema angeht und dabei Dinge und Auswirkungen beachtet, an die man im ersten Moment, wenn man über ein nicht endendes Leben philosophiert, gar nicht denkt. Brandhorst führt seine Überlegungen konsequent und durchdacht aus, so dass die Thematik eine unglaubliche Tiefe während des gesamten Romans entwickelt. In anderen Rezensionen habe ich gelesen, dass sich Andreas Brandhorst auf zu viele „Auswüchse“ innerhalb des Themenbereiches konzentriert und die eigentliche Frage aus den Augen verliert. Das sehe ich allerdings komplett anders, denn gerade die Ausweitungen und Konsequenzen einer solchen Möglichkeit, nicht sterben zu müssen, wird von Andreas Brandhorst sehr detailliert behandelt und verliert sich nicht in „sinnlosen Verstrickungen“, sondern beleuchtet alle Optionen, die eine solche wissenschaftliche Entdeckung für die Menschheit bedeuten würde.

Andreas Brandhorst schildert nämlich nicht nur die Vorteile einer Unsterblichkeit, er differenziert auch die Gedankengänge möglicher Gegner und bringt den Leser dadurch zum Nachdenken. Ist einer der größten Wünsche des Menschen tatsächlich erstrebenswert? Zugegebenermaßen mag ich es nicht, wenn religiöse Aspekte in einem Roman mitspielen, aber bei „Ewiges Leben“ passt es schlichtweg hervorragend, zumal nicht belehrend davon gesprochen wird, sondern menschlich und philosophisch. Passender hätte man es aus meiner Sicht gar nicht schreiben können, denn bei einem solchen Thema kann und darf der religiöse Aspekt definitiv nicht fehlen. Aber auch die Einbindung von Künstlichen Intelligenzen hat bei dieser Thematik absolut ihre Berechtigung und macht diese Zukunftsvision sehr authentisch. Das Szenario in „Ewiges Leben“ hat mir persönlich sogar noch besser als in „Das Erwachen“ gefallen, vor allem auch, weil Brandhorst hier teilweise wieder sehr philosophisch wird und dadurch eine unglaublich intensive Atmosphäre schafft. Mit diesem Wissenschafts-Thriller beweist Andreas Brandhorst nach „Das Erwachen“ erneut, dass er nicht nur hervorragende Science Fiction schreiben kann, sondern auch andere Genre beherrscht.

Andreas Brandhorst hat in seinem neuen Roman auch noch eine virtuelle Welt als Handlungsort eingebaut, die mich des Öfteren an Tad Williams Kulttrilogie „Otherland“ erinnerte. Brandhorst geht aber einen komplett anderen Weg, der die Thematik der Unsterblichkeit nochmals aus einer komplett anderen Sichtweise beleuchtet. Ich muss ehrlich sagen, dass mich diese Idee außerordentlich fasziniert hat und bis heute nicht mehr loslässt. Es ist typisch für Andreas Brandhorst, genau solche existenziellen Fragen aus philosophischer Sicht zu betrachten. Auch in „Ewiges Leben“ gibt er unzählige Gedankenanstöße an seine Leser weiter, allerdings immer vorausgesetzt, dass diese sich auf den Plot und die Überlegungen des Autors einlassen. Mit dem vorliegenden Wissenschaftsthriller ist Andreas Brandhorst auf jeden Fall wieder ein absolut lesenswertes, tiefgründiges Werk gelungen, das für mich gerne noch weitere achthundert Seiten hätte andauern dürfen. Das Ende hat viele Leser wohl überrascht, ich hatte die ganze Zeit schon damit gerechnet, was aber keineswegs heißt, dass mich das Finale enttäuscht hat. Es schließt den Kreis, den Andreas Brandhorst während des ganzen Romans geschickt aufgebaut hat, auf sehr konsequente und schlüssige Weise, was mich wiederum zum  Nachdenken gebracht hat. „Ewiges Leben“ muss man einfach lesen, um zu verstehen, was ich meine. Für mich (wieder einmal) ein perfektes Buch, das grandios unterhält und hervorragend recherchiert beziehungsweise aufgearbeitet wurde.

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Fazit: Unsterblichkeit – Der Traum der Menschheit aus sämtlichen Blickwinkeln betrachtet. Unbedingt lesen.

© 2018 Wolfgang Brunner für Buchwelten

Am Abgrund von Michael Grumley

Am Abgrund von Michael Grumley

Erschienen als Taschenbuch
im Heyne Verlag
insgesamt  524 Seiten
Preis: 12,99 €
ISBN: 978-3-453-31889-2
Kategorie: Thriller, Science Fiction

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Mitten im Arktischen Ozean wird auf einer einsamen Insel eine geheimnisvolle Kammer entdeckt, in der sich mysteriöse Samenkapseln befinden. Genauere Untersuchungen ergeben, dass es sich dabei um etwas Außerirdisches handeln muss. Ermittler John Clay und die Meeresbiologin Alison Shaw wollen zusammen mit Freunden, Helfern und natürlich den Delphinen Sally und Dirk das Geheimnis enträtseln. Und sie stoßen dabei auf unglaubliche Erkenntnisse, die sie an der gängigen Theorie der Evolution zweifeln lassen …

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Es geht also weiter mit Alison Shaw und den sprechenden Delphinen Sally und Dirk. Nach „Breakthrough“ und „In der Tiefe“ liegt nun der dritte Teil der Serie vor, der wissenschaftliche Aspekte und spannende Abenteuer geschickt vermischt. Die Handlung schließt nahtlos an das Ende des zweiten Teils an, so dass man nicht lange braucht, um wieder mitten im Geschehen zu sein. Michael Grumley widmet sich in diesem Band leider wieder mehr politischen Geschehnissen und richtet sein Augenmerk auf Spionage und dergleichen. Mir fehlten da schlichtweg die weitaus besseren Szenen, in denen es um die „sprechenden“ Tiere und die wissenschaftlichen Belange ging. Denn dann las sich das Buch wieder, wie schon bei den vorherigen Teilen, wie ein Abenteuer aus der Feder eines Michael Crichton. Die Agentenstory hingegen zog sich, zumindest aus meiner Sicht, immer etwas in die Länge, so dass ich es kaum erwarten konnte, wieder zurück zu Alison Shaw und ihren Delphinen zurückkehren zu können.

„Am Abgrund“ kann, wie bereits Band 2, das Niveau und den Spannungsbogen des ersten Teils nicht halten, was aber nicht bedeutet, dass das Buch schlecht ist. Grumley musste die Handlung mehr ausdehnen, um auch noch Folgebücher füllen zu können, denn er hat bereits die Teile 4 und 5 veröffentlicht. Insgesamt ergibt sich dennoch nach Abschluss des dritten Bandes ein rundes Gesamtbild, das den Leser zufriedenstellt. Ich war allerdings etwas irritiert, als am Ende des vorliegenden Bandes plötzlich von einer Person namens Palin die Rede, die die ganze Zeit nie erwähnt wurde. Ganz schwach klingelte es bei mir, als ich den Namen las und ich konnte mich dann auch glücklicherweise wieder erinnern, um wen es sich dabei handelte. Da hätte Grumley bereits auf den ersten Seiten des dritten Bandes den Faden bezüglich dieser Person wieder aufnehmen sollen, um den Handlungsstrang verständlicher zu machen. Denn man hatte tatsächlich vergessen, dass es Palin gab. 😉

Wie schon in den ersten beiden Bänden konnten die Beschreibungen und Szenen bei mir absolut punkten, in denen es um die Kommunikation mit Tieren ging. Diese Stellen waren sehr stimmungsvoll und verschafften mir immer wieder aufs Neue eine heimelige Atmosphäre, in der ich mich sehr wohl fühlte. Da hätte ich mir einfach mehr davon gewünscht, um den wissenschaftlichen Abenteuercharakter des Plots mehr herauszuheben. Aber Grumley hat sich wohl für den actionreicheren Weg entschieden, der zwar auch nicht schlecht ist, aber auf mich nicht innovativ genug wirkte. Da hätte der Gesamthandlung  und  -stimmung mit Sicherheit eine etwas ruhigere Gangart gut getan. Aber da sind die Geschmäcker wohl einfach zu verschieden und Grumley wollte sich wahrscheinlich auf die sichere Seite begeben und dem Publikum auch Action bieten. „Am Abgrund“ bietet auf jeden Fall solide und spannende Unterhaltung in bester Pageturner-Manier, denn man kann das Buch einfach schlecht aus der Hand legen. Das liegt zum einen am wirklich sehr flüssigen Schreibstil und zum anderen an den relativ kurz gehaltenen Kapiteln, so dass man sich immer wieder dabei erwischt, „nur noch ein weiteres Kapitel“ zu lesen. 🙂
Ich hoffe wirklich sehr, dass Heyne die Breakthrough – Reihe weiter fortsetzt, denn die Protagonisten, die Delphine und die Gorilla-Dame Dulce sind mir im Laufe der drei Bücher sehr ans Herz gewachsen.

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Fazit: Spannender dritter Teil der Breakthrough-Reihe, der eindeutig mehr auf Action setzt als die Vorgänger-Bände.

© 2018 Wolfgang Brunner für Buchwelten

Orbs von Nicholas Sansbury Smith

Orbs von Nicholas Sansbury Smith

Erschienen als Taschenbuch
im Heyne Verlag
insgesamt 400 Seiten
Preis: 9,99 €
ISBN: 978-3-453-31953-0
Kategorie: Science Fiction

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Im Jahr 2061 wird die Erde immer unbewohnbarer, so dass die Menschheit Pläne schmiedet, sich auf dem Mars eine neue Heimat zu suchen. Dr. Sophie Winston lässt mit ihrem Team in einem Biosphären-Habitat in den Rocky Mountains einschließen, um die Mission vorzubereiten. Doch schon nach ein paar Tagen zwingt sie ein Notfall, die Türen des Habitats wieder öffnen. Dr. Winston und ihre Mitarbeiter erwartet eine schreckliche Realität, denn Menschen und Tiere sind ebenso verschwunden wie die Wasserreservoirs des Planeten. Und überall schweben mysteriöse Kugeln in der Luft, die höchstwahrscheinlich die Ursache der Katastrophe sind  …

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Schon die Ausgangssituation der neuen Reihe von Nicholas Sansbury Smith ist sehr stimmungsvoll und lässt schon auf den ersten Seiten eine ungemeine Spannung entstehen. „Orbs“ ist der Einstieg in eine neue Romanserie des Autors, der bereits mit seinem siebenbändigen, im Festa Verlag erschienenen Reihe „The Extinction Cycle“ eine dystopische Welt erschuf. Mit „Orbs“ wendet er sich thematisch aber eher der Science Fiction zu, wobei auch hier der Horrorfaktor nicht zu kurz kommt. Smith hält sich nicht lange mit Vorgeplänkel auf, sondern wirft den Leser sofort und ohne Umschweife in eine deprimierende Zukunftswelt. Seine ‚wissenschaftlichen‘ Ausführungen erinnerten mich so manches Mal an Michael Crichton und verleihen dem Plot eine sehr glaubwürdige Seite. Wie in einem Film begleitet der Leser die Protagonisten und fiebert mit ihnen mit, wenn sie in die einsame und von Aliens bevölkerte Welt treten.

Klar ist die Story nicht neu und man fühlt sich des öfteren an bekannte und weniger bekannte Bücher und Filme erinnert, aber Smith besitzt einen sehr flüssigen Schreibstil, der über darüber hinwegsehen lässt, dass man solch eine Geschichte schon woanders gelesen hat. Wichtig war für mich auch die Atmosphäre, die der Autor mit seiner Dystopie geschaffen hat. Und die ist wirklich richtig, richtig gut und lässt einen die Seiten nur so verschlingen. Die manchmal ruhigen Sequenzen wechseln sich hervorragend mit actionlastigen Szenen ab, so dass niemals Langeweile aufkommt. Sicherlich sind die Charaktere oftmals stereotyp gehalten, aber das hat mich keineswegs gestört, denn es geht in erster Linie um den spannenden Plot und die verlassene Welt, die Smith hier aufgebaut hat. Die Bedrohung durch die Außerirdischen wird auch sehr intensiv und authentisch dargestellt, so dass man beim Lesen hin und wieder eine leichte Gänsehaut verspürt, wenn man sich überlegt, dass eine solche Konfrontation zwischen der Menschheit und einer außerirdischen Intelligenz durchaus genau so stattfinden könnte.

Schade finde ich persönlich wieder einmal, dass von Verlagsseite nicht darauf hingewiesen wird, dass es sich um den ersten Teil einer Reihe handelt. Ähnlich wie bei „Arkane: Das Haus der Drachen“ von Pierre Bordage (bei dem übrigens ebenfalls nicht auf eine bevorstehende Reihe hingewiesen wurde 😦 ) merkt man aber schnell, dass es sich bei „Orbs“ nicht um einen abgeschlossenen Roman handeln kann. Zu episch ist der Plot aufgebaut, als dass er nach 400 Seiten ein Ende finden könnte. Ich habe mich in der Endzeit-Welt von Nicholas Sansbury Smith sehr wohl gefühlt, wenn man das bei solch einer erschreckenden Bedrohung überhaupt sagen kann, und freue mich schon sehr, wenn die Geschichte um Dr. Winston weitergeht. Smith lässt seine Leser sehr neugierig zurück, wenn er seinen Einstiegsroman zu Ende bringt. Das Finale ist zwar nicht unbedingt unbefriedigend, weil es nicht wirklich einen Cliffhanger darstellt, aber man ist dennoch sehr ungeduldig auf die Fortführung der Geschichte, wenn man das Buch zuschlägt. Aus meiner Sicht eine unbedingte Leseempfehlung für Menschen, die dystopische und atmosphärische Science Fiction-Romane mögen. Wie oben schon erwähnt, erinnert mich auch der leicht wissenschaftlich angehauchte und sehr flüssig zu lesende Schreibstil an Michael Crichton.

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Fazit: Stimmmungsvolle, düstere und spannende Science Fiction-Dystopie. Erster Teil einer Reihe.

© 2018 Wolfgang Brunner für Buchwelten

Ich bin viele von Dennis E. Taylor

Erschienen als Taschenbuch
im Heyne Verlag
insgesamt 460 Seiten
Preis: 14,99 €
ISBN: 978-3-453-31920-2
Kategorie: Science Fiction

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Bis zu dem Zeitpunkt, an dem sich Bob Johansson entschlossen hat, sich nach seinem Ableben“konservieren“, einfrieren zu lassen, war er ein ganz normaler Mensch. Dann stirbt er … und erwacht in der Zukunft als Maschine. Als Künstliche Intelligenz soll er ins Weltall aufbrechen, um neue Lebensräume für die Menschheit zu finden. Und damit er Unterstützung auf seiner Reise erhält, kann Bob sich klonen …

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Schon während der ersten Seiten dachte ich, ich lese einen neuen Roman von Andy Weir, dem Autoren von „Der Marsianer“ und „Artemis“. Denn Dennis E. Taylor hat einen ähnlichen und wirklich witzigen Schreibstil wie Weir, der mich des Öfteren zum Schmunzeln gebracht hat. Gerade der Anfang, als sich der Protagonist im Körper einer Maschine befindet und damit erst einmal klar kommen muss, hat mich königlich unterhalten. Es hätte ruhig noch ein wenig so weitergehen können, aber Taylor schlägt bald einen anderen Kurs ein, an den man sich dann erst einmal gewöhnen muss. Was aber nicht heißt, dass man ab diesem Moment weniger Spaß bei diesem außergewöhnlichen Abenteuer hat. Taylor schafft es mühelos, seine Leser in den Bann zu ziehen, sie mitzunehmen auf eine Reise in verschiedene Persönlichkeiten eines Menschen. Mit Witz und technischen Details begleiten wir anschließend den Protagonisten auf eine unglaubliche Reise ins All, dorthin, wo noch nie ein Mensch gewesen war. 😉

Die Entwicklung(en) des Protagonisten, wenn sich immer mehr seiner diversen Persönlichkeiten durch das Klonen entfalten, ist unglaublich witzig gestaltet. Und wenn er sich dann quasi mit sich selbst unterhält und diskutiert, stellt man so manches Mal ein Grinsen auf seinen Lippen fest, während man die Seiten umblättert. Man kann „Ich bin viele“ getrost als Pageturner bezeichnen, denn es fällt schwer, das Buch zur Seite zu legen. Dennis E. Taylor hat eine sehr gute Idee zu einem wirklich guten Plot entwickelt, der, weil ja man weiß, dass es sich hier lediglich um den ersten Teil einer Reihe handelt, irre viel Potential nach oben hat. Man spürt aber im Verlaufe des Buches, dass dem Autor das durchaus klar ist und er seine Handlung wohlüberlegt langsam angeht, um (hoffentlich) sämtliche sich bietenden Möglichkeiten noch auszuschöpfen. Taylor ist zudem bekennender „Star Trek“- und Gene Roddenberry-Fan, das liest man in diversen offensichtlichen und nicht so offensichtlichen Anspielungen heraus. Gerade auch diese kleinen Verbeugungen vor seinem Idol, die er in den Plot mit eingebaut hat (und das meistens auf witzige Weise) machen „Ich bin viele“ zu einem sehr sympathischen Weltraumabenteuer, das, wie schon erwähnt, an die Arbeit eines Andy Weir erinnert.

Es ist ein relativ ruhiges Buch, das Dennis E. Taylor geschrieben hat. In seinen Beschreibungen mag es auch unspektakulär wirken, in seinen Aussagen und Ideen ist es das aber defintiv nicht. Hier kämpfen keine Raumschiffe gegeneinander oder die Protagonisten liefern sich Laserschwertduelle, nein … hier geht es oftmals um eine gedankliche Auseinandersetzung mit sich selbst, die Taylor hier beschreibt. Wir sind nicht immer mit uns und unseren Entscheidungen im Reinen, flüstert uns der Autor durch seine Protagonisten zu. Wir sind individuell und spontan, unterliegen Stimmungsschwankungen und lernen uns jeden Tag, in dem wir uns mit uns selbst beschäftigen, ein klein wenig besser kennen. Das ist die Botschaft, die Taylor in seinem Debütroman versteckt hat und die den aufmerksamen Leser auf alle Fälle erreicht. „Ich bin viele“ ist ein Stück weit auch Psychologie, wenn man den Plot näher betrachtet, und führt uns anhand eines epischen Weltraumabenteuers näher zu uns selbst heran, macht uns mit unserem eigenen Ich (oder mehreren Ichs 😉 ) bekannt. Ich bin sehr beeindruckt von diesem Roman und kann es kaum erwarten, zu erfahren wie es weitergeht. „Wir sind Götter“ lautet der vielversprechende zweite Band der Reihe, der mit Sicherheit noch einen Schritt in der Entwicklung von Bob Johansson weitergehen wird. „Ich bin viele“ ist humorvolle Unterhaltung und Literatur zum Nachdenken in einem:

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Fazit: SF zum Nachdenken. Viel Humor, psychologische Schachzüge und Weltraumabenteuer in einem.

© 2018 Wolfgang Brunner für Buchwelten

Die sieben Kreise der Hölle von Uwe Wilhelm

Die sieben Kreise der Hoelle von Uwe Wilhelm

Erschienen als Taschenbuch
bei Blanvalet
insgesamt 4746Seiten
Preis: 9,99 €
ISBN: 978-3-7341-0345-2
Kategorie: Krimi, Thriller

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Die Staatsanwältin Helena Faber hat ihren letzten Fall noch nicht wirtklich abgeschlossen, als sie ein neuer Albtraum erwartet: Ihre beiden Töchter wurden entführt. Es scheint, als bestehe eine Verbindung zum Dionysos-Fall, in dem Faber ermittelte. Eine Jagd beginnt, die Helena in eine schreckliche Welt führt, in der Menschenhandel und Kindesmissbrauch an der Tagesordnung ist. Und der Gedanke, dass sich Helenas Kinder in der Gewalt genau dieser Menschen befindet, treibt sie zum Wahnsinn …

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Was für ein Buch! Ähnlich wie im ersten Teil „Die sieben Farben des Blutes“ geht Uwe Wilhelm auch bei der Fortsetzung  seiner Trilogie um die Staatsanwältin Helena Faber von Anfang an in die vollen. Teil 2 beginnt, wo Teil 1 endet und man erliegt dem unglaublichen Sog von Wilhelms spannendem Schreibstil erneut nach nur wenigen Sätzen. Da wird keine Zeit mit Erklärungen und Rückblenden verschwendet – der Leser wird sofort ins kalte Wasser geworfen. Ähnlich wie die Protagonisten, die nämlich selbst nicht weiß, wo ihr der Kopf steht bei all den Geschehnissen, die um sie herum passieren. „Die sieben Kreise der Hölle“ übertrifft selbst den ersten Teil der Reihe, und der hat mich schon mehr als fasziniert und begeistert. Uwe Wilhelm schreibt seinen Plot konsequent fort, verwandelt die taffe Helena Faber in eine hilflose und verzweifelte Mutter, die aber dennoch mit aller Macht versucht, alles in den Griff zu bekommen. Rasant und atemberaubend zieht die Handlung an einem vorüber und man vergisst teilweise, dass man ein Buch in der Hand hält, denn Wilhelms Schilderungen sind dermaßen filmreif, dass sich die Buchstaben in bewegte Bilder verwandeln.

Thematisch begibt sich Uwe Wilhelm dieses Mal wortwörtlich in eine Hölle, die den Leser umso mehr erschreckt, weil sie mit viel Hintergrundwissen sehr detailliert und nachvollziehbar geschildert wird. Kindesentführung, -misshandlung und Menschenhandel werden hier behandelt, dass es einem eine Gänsehaut nach der anderen über den Rücken jagt. Verbunden mit dem unglaublich schnellen Erzählstil kommt man kaum zum Atemholen, so spannend wird der Plot serviert. Uwe Wilhelm hat einen Thriller geschaffen, der nachwirkt und den Leser beschäftigt. Wilhelm bedient mit seiner Thriller-Reihe zwar das Mainstream-Publikum, bewegt sich aber mit seinen Werken definitiv außerhalb der gängigen Klischees im Thriller-Genre. Er packt Tabuthemen an. Aber nicht nur das, er schildert sie auch wirklich schonungslos und brutal, überschreitet manchmal sogar Grenzen und kann dadurch absolut überzeugen. Ich kann gar nicht mehr aufzählen, wie oft ich mir während des Lesens gedacht habe: „Wow, was für ein Hammerbuch!“
Wer Berlin kennt, wird zusätzlich noch seine wahre Freude haben, wenn die Protagonisten durch Stadtteile hetzen, die man durch die detaillierten Beschreibungen (Straßennamen) ganz klar vor Augen hat. „Die sieben Kreise der Hölle“ macht unglaublich Spaß, was, wie schon beim ersten Teil, auch an den wunderbaren und authentischen Dialogen liegt. Wilhelm legt seinen Protagonisten nämlich Worte in den Mund, die die meisten von uns ebenfalls genau so sagen würden.

Der zweite Teil der Helena Faber-Trilogie baut auf dem ersten Teil auf, so dass man wirklich mit Teil 1 beginnen sollte. Interessant ist dadurch nämlich auch die Entwicklung der Charaktere. Viele Entwicklungen im Plot sind nicht vorhersehbar und machen das Buch extrem spannend. Beim Ende fühlte ich mich an eine gewisse Filmreihe erinnert, empfand dies aber, sofern ich mit meiner Vermutung richtig liege, eher als eine Verbeugung seitens des Autors. Insgesamt führt „Die sieben Kreise der Hölle“ konsequent den Geist von „Die sieben Farben des Blutes“ weiter, verbindet die beiden (im Grunde genommen eigenständingen) Geschichten zu einem einzigen Plot, der, gesamt gesehen, absolute Logik zeigt. Das Ende ist, wie ich es nicht anders erwartet habe, eine grandioser Cliffhanger, der den Leser wie einen begossenen Pudel zurücklässt. Einerseits hat die Geschichte zwar ein Ende gefunden, andererseits lassen die Entwicklungen der ersten beiden Teile auf ein bombastisches Finale hoffen. Ich bin überzeugt, dass Uwe Wilhelm meine Hoffnungen erfüllen wird, denn schon mit dem vorliegenden zweiten Teil hat er eindeutig bewiesen, dass eine Steigerung gegenüber dem ersten Teil machbar war. Für mich zeigt „Die sieben Kreise der Hölle“, dass Thriller auch mal abseits des Mainstreams möglich sind und sogar bei weitem besser unterhalten als Werke, die nach einem bestimmten Schema verfasst werden. Wilhelm hat eine Protagonistin erschaffen, die manchmal sympathisch und manchmal weniger sympathisch wirkt. Glaubwürdiger kann man eine Heldin nicht machen. Daumen hoch für diesen Wahnsinns-Thriller.

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Fazit: Noch spannender als Teil 1. Temporeicher geht fast nicht.

© 2018 Wolfgang Brunner für Buchwelten

Höllenjazz in New Orleans von Ray Celestin

Höllenjazz

Erschienen als Taschenbuch
im Piper Verlag
510 Seiten
16,00 €
ISBN: 978-3-492-06086-8
Kategorie: Thriller, Krimi

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Im New Orleans des Jahres 1919 geht ein mysteriöser »Axeman-Mörder« um und versetzt die Stadt in Angst und Schrecken. Detective Michael Talbot wird auf den Fall angesetzt, ohne zu wissen, dass sich der ehemalige Polizist Luca D’Andrea und auch Ida, Sekretärin einer Detektei, auf die Suche nach dem Täter begeben. Ida hat sogar ihren besten Freund, den Musiker  Louis Armstrong, an ihrer Seite. Alle drei Ermittler stoßen auf unterschiedliche Spuren, die sie auf die Identität des Killers führen könnten.

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Was für ein tolles Debüt! Ray Celestin hat einen unglaublich flüssigen Schreibstil und ein sehr gutes Gefühl für Spannung. Schon nach den ersten Seiten stellt sich zweifelsohne heraus, dass es sich bei seinem Debüt „Höllenjazz in New Orleans“ um einen Pageturner handelt, den man nicht so schnell aus der Hand legen mag. Die Vermischung aus absolut gut recherchierten Tatsachen und fiktiven Handlungssträngen ist Celestin perfekt gelungen, so dass man schon bald nicht mehr zwischen Realität und Erfundenem zu unterscheiden vermag. Der Plot und die Figuren sind sehr realistisch und vor allem glaubwürdig geschildert, so dass es eine wahre Freude ist, sie bei ihren Ermittlungen und Abenteuern zu begleiten. Ein besonderes „Schmankerl“ ist die Mitwirkung der Musikerlegende Louis Armstrong. Der Jazztrompeter, zu jener Zeit noch unbekannt, ist unfreiwilligerweise bei den Ermittlungen  mit dabei.

„Höllenjazz in New Orleans“ ist kein reiner historischer Krimi, wie man sie kennt, sondern geht einen anderen Weg. Hier werden vorrangig fiktive Personen und Ereignisse mit historischen Begebenheiten vermischt und nicht umgekehrt, wo ein Plot rund um die geschichtlichen Tatsachen aufgebaut wird. Celestins Debütroman wirkte daher auf mich absolut erfrischend und unverbraucht und ich hatte großen Spaß, den Protagonisten zu folgen. Ein weiterer toller Schachzug ist die Einführung von drei (!!!) Ermittlern, die alle selbständig und auf verschiedene Weise an die Untersuchung der Morde herangehen. Ray Celestin hat sich bemüht, sämtliche Spekulationen, die es über den tatsächlichen Axemann-Mörder gibt, in seinem Roman aufzuarbeiten und zumindest anzuschneiden. Das hat mir sehr gut gefallen und, obwohl die Morde in der Realität nicht aufgeklärt werden konnten, liefert Celestin augenscheinlich eine Erklärung – oder och nicht? Gerade dieses „Herauswinden“ hat mich überzeugt, denn auf gewisse Art und Weise lässt der Autor dann das Ende doch wieder irgendwie offen, wie es wohl auch im wirklichen Leben war.

Was mich ebenfalls in den Bann gezogen hat, waren die detaillierten Beschreibungen der damaligen Zeit. Man war wirklich mittendrin in dieser Epoche und konnte sich alles absolut plastisch vorstellen. Ray Celestin hat viele historische Ereignisse in seinem Roman vermischt, aber nie die Übersicht und den Fall des Axeman-Mörders aus den Augen verloren. Gerade diese Vielseitigkeit in der Beschreibung von Menschen und Orten macht „Höllenjazz in New Orleans“ zum einen zu einem echten Pageturner und zum anderen zu einem echten Leseereignis, das man nicht so schnell vergisst. Ich fühlte mich in dem „alten“ New Orleans so richtig wohl und heimelig und konnte es immer kaum erwarten, dorthin zurückzukehren. Die meisten Personen wuchsen mir so richtig ans Herz.
Erfreulicherweise hat Celestin das Finale dann in einer Art und Weise verfasst, die mir absolut gefallen hat. Oftmals ist es ja so, dass Thriller (oder auch Krimis) auf einen Showdown hinarbeiten, der Schema F entspricht und schon hundertmal dagewesen ist. Und auch wenn es sich hier ähnlich verhält und ein Showdown natürlich stattfindet, so hob er sich in meinen Augen von den standardisierten Thriller-Enden schlichtweg ab.
Und wie geschickt Ray Celestin dann auf seine im Frühjahr 2019 bei Piper erscheinende Fortsetzung „Todesblues in Chicago“ hingearbeitet hat, ist wirklich grandios. Ich freue mich sehr auf diesen zweiten Teil.

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Fazit: Ein Debüt, das überzeugt und begeistert.

© 2018 Wolfgang Brunner für Buchwelten