Das Flüstern von Andreas Brandhorst

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Erschienen als Taschenbuch
im Piper Verlag 
insgesamt  464 Seiten
Preis: 16,99 €
ISBN: 978-3-492-06101-8
Kategorie: Thriller

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Nikolas ist acht Jahre alt und überlebt wie durch ein Wunder einen schweren Verkehrsunfall. Seine Eltern kommen dabei aber ums Leben. Nikolas hört immer wieder eine geheimnisvolle Stimme in seinem Kopf,  ihn beschützt. Schon bald gerät er in ein mysteriöses Institut in der Schweiz, in dem Kinder mit besonderen Begabungen, wie Nikolas eine besitzt, erforscht werden, wo er Sonja kennenlernt. Gemeinsam fliehen sie und entdecken eine furchtbare Wahrheit  …

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Andreas Brandhorst beweist mit dem vorliegenden Mystery-Thriller nach „Das Erwachen“ und „Ewiges Leben“ erneut, dass er nicht nur hervorragend Science-Fiction, sondern auch Thriller schreiben kann. „Das Flüstern“ ist sogar wieder anders als die beiden vorhergenannten und erzählt eine Geschichte, wie man sie eher von Ralf Isau, Dean Koontz oder gar Stephen King erwartet hätte: Mystery mit einem Hauch Grusel, teilweise Action und ansonsten eine eher ruhige Grundstimmung. Das ist auch schon der erste Punkt, der mich bei „Das Flüstern“ vollkommen überzeugt hat: die Atmosphäre. Der Leser bekommt sehr stimmungsvolle Handlungsorte und authentische Protagonisten geschildert, die mit einer unheimlichen Macht zu kämpfen haben. Alleine die Ausgangssituation empfand ich sehr ansprechend. Sie machte mich neugierig und ich würde vom Ergebnis nicht enttäuscht.

Es wäre kein Andreas Brandhorst, wenn nicht auch aktuelle Themen der Forschung und der Entwicklung der Menschheit behandelt werden würden. Niemals aufdringlich ließ mich „Das Flüstern“ so manches Mal innehalten, weil ich über das Geschriebene nachdenken musste. Der Thriller bietet also neben einer spannenden Handlung auch noch einige Aspekte, die den Leser beschäftigen.
Gerade die erste Hälfte des Buches hat mich so richtig in seinen Bann gezogen, wenn man nämlich Nikolas auf seinem „Leidensweg“ begleitet und, wie er selbst, nicht weiß, mit was man es zu tun hat. Es gab einige Szenen, die haben mich an alte Schwarz-Weiß-Filme und Gruselromane erinnert, wie man sie heutzutage nicht mehr inszeniert und schreibt. Brandhorst hat mich mit seinem Schreibstil wie immer von der ersten Seite an packen können. Und bis zum Ende nicht mehr losgelassen. 😉

Die Geschichte hat einen ganz eigenen Reiz, der einen auch noch nach der Lektüre beschäftigt. Für viele mag der Roman langatmig und auch langweilig wirken, für mich hat Brandhorst genau die richtige Mischung getroffen, um sich in der beschriebenen „Welt“ wohlzufühlen. Manche Szenen haben mich an die alten Werke von Stephen King wie zum Beispiel „Carrie“ oder „Feuerkind“ erinnert, wo es ebenfalls um Außenseiter beziehungsweise Kinder mit außergewöhnlichen Begabungen geht. „Das Flüstern“ hebt sich aus meiner Sicht von ähnlichen Genrebeiträgen durch seine packende Erzählweise  ab, weil es auch sehr detailliert in die Gefühlswelt des jungen Protagonisten eindringt. Andreas Brandhorsts Schreibsstil ist unverkennbar, obwohl er in seinen Science-Fiction-Romanen eindeutig hochwertiger schreibt, was seine Ursache mit Sicherheit in den komplizierteren Themen hat. Gerade deshalb entwickelt sich „Das Flüstern“ aufgrund dieser „einfachen“ (absolut nicht negativ gemeint) Schreibweise zu einem Pageturner, was allerdings wiederum nicht heißen soll, dass Brandhorsts SF-Romane keine Pageturner sind. Ganz im Gegenteil. Letztendlich gefallen sie mir auch aufgrund des höheren philosophischen Anteils besser. 😉

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Fazit: Sehr atmosphärischer Mystery-Thriller, der ungemein Spaß macht.

© 2019 Wolfgang Brunner für Buchwelten

 

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Eklipse von Andreas Brandhorst

Eklipse

Erschienen als Taschenbuch
im Piper Verlag 
insgesamt  494 Seiten
Preis: 15,00 €
ISBN: 978-3-492-70511-0
Kategorie: Science Fiction

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Als das Raumschiff Eklipse nach einer Ewigkeit aus dem All zurück auf die Erde kehrt, findet sie diese vollkommen verändert vor. Irgendetwas scheint passiert zu sein, denn nichts ist mehr so, wie es bei ihrem Abflug war. Zudem kommt dann auch noch hinzu, dass die Eklipse ein gefährliches, außerirdisches Wesen mit an Bord hatte, von dem die Crew nichts wusste und das den Rest der Menschheit in große Gefahr bringt. Ein Wettlauf gegen die Zeit beginnt, als die Crew versucht, das Alien aufzuspüren und dabei einem Geheimnis auf die Spur kommt, dass die menschliche Vorstellungskraft sprengt …

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Schon nach den ersten Seiten war mir wieder klar, dass Andreas Brandhorst mit seinem neuen Roman die von ihm gewohnte Qualität liefert. Zu Anfang konzentriert sich der Autor dieses Mal allerdings erst einmal weniger auf seine typischen, philosophischen Gedankengänge, sondern widmet sich einem absolut atmosphärischen Weltraumabenteuer, das einen sofort in den Bann zieht. Nichtsdestotrotz bleibt natürlich der hochwertige Schreibstil, den man von Brandhorst kennt, erhalten. Der Plot erinnert zuerst natürlich aufgrund seiner Thematik ein wenig an Ridley Scotts zeitlosen Klassiker „Alien“, was aber absolut nicht bedeutet, dass Brandhorst kopiert. Ganz im Gegenteil, er vermittelt eine ganz eigene und für ihn typische Stimmung, die sich durch den ganzen Roman zieht. Die Ausgangssituation stellt auch nicht den Hauptteil der Story dar, denn es geht in eine ganz andere Richtung, als man zuerst vermutet.

Es wäre aber kein Brandhorst, wenn sich nicht ab einer bestimmten Stelle die Handlung dann doch immer mehr einem philosophischen Aspekt nähern würde. Fast schleichend entwickelt sich der an sich „normale“ Science Fiction-Plot in ein atemberaubendes, episches Abenteuer, wie man es so nicht erwartet hätte. Brandhorst eben!
Bildlicher kann man eine Geschichte nicht erzählen. Und wie es bei diesem Autor nun einmal so ist, vermittelt er durch seine Worte nicht nur „greifbare“ Bilder, die sich der Leser in seinem Kopfkino vorstellt, sondern dringt damit auch in die Emotionen des Leser ein. Das gesamte Ausmaß dieser Genialität erblüht eigentlich erst immer nach dem Lesen des Werks, denn dann beginnt man darüber nachzudenken, was man da gerade in sich aufgesaugt hat. Es ist wirklich unglaublich, mit welcher Wortgewalt Andreas Brandhorst seine utopischen Geschichten (und nicht nur die, denn er schreibt auch fantastische Thriller)  erzählt.

Und dann kommt das Ende, das einen umwirft (zumindest erging es mir so). Das ist Erzählkunst, Ideenreichtum und Wortgewandtheit in einem. Wie schon bei seinen anderen Büchern schafft es Brandhorst, mich tatsächlich zu überwältigen mit seinen innovativen Wendepunkten und Entwicklungen. Das verursachte bisher nur Stephen Baxter mit dem Großteil seiner Bücher. Sowohl er wie auch Brandhorst (und vielleicht noch Peter F. Hamilton) gehen über Grenzen, sprengen die menschliche Vorstellungskraft und meistern es dennoch, dem Leser all diese Dinge klar und verständlich zu vermitteln. Deutsche, aber auch internationale Science Fiction ist meiner Meinung nach ohne Andreas Brandhorst nicht möglich. Intelligente Plots, klar ausgearbeitete Charaktere und geniale Wendungen beziehungsweise Auflösungen sind Brandhorsts Markenzeichen, die er mit jedem neuen Roman erneut eindrucksvoll unter Beweis stellt. Manchmal stellt sich mir die Frage, woher dieser Mann diese unglaublich intensiven und emotionalen Storys hervorzaubert. Aber im Endeffekt ist es egal, woher sie kommen, Hauptsache, sie werden niedergeschrieben.

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Fazit: Großartige SF aus Deutschland. Episch,ausgeklügelt und emotional.

© 2019 Wolfgang Brunner für Buchwelten

Active Memory von Dan Wells

Erschienen als Taschenbuch
im Piper Verlag 
insgesamt  430 Seiten
Preis: 15,00 €
ISBN: 978-3-492-28023-5
Kategorie: Science Fiction, Fantasy

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Wir schreiben das Jahr 2050. Die junge Hackerin Marisa verlor im Alter von zwei Jahren bei einem Autounfall ihren Arm. Noch immer will Marisa wissen, wie es zu diesem Unglück gekommen ist, denn nicht nur sie verlor ihren Arm, sondern es kam auch eine Frau ums Leben. Die Vergangenheit holt Marisa immer wieder ein. Doch als jetzt die frisch abgetrennte Hand jener Frau gefunden wird, die bei diesem Unfall ihr Leben lassen musste, greift die Vergangenheit mit aller Macht nach Marisa. War die Frau etwa noch am Leben? Marisa beginnt auf eigene Faust zu ermitteln …

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Da ist er nun also: Der dritte Teil von Dan Wells „Mirador Saga“. Und sie stellt für mich eigentlich den besten Teil der Trilogie dar. Denn Wells widmet sich in diesem Roman nicht länger nur einer Cyberwelt, sondern lässt seinen Plot zum größten Teil in der Realität spielen. Was mich daran besonders begeistert hat, ist die Tatsache, dass der Leser zurück in Marisas Vergangenheit geführt wird und nun endlich erfährt, was sich hinter dem tragischen Unfall verbirgt, bei dem Marisa ihren Arm verloren hat. Ich habe diese Entwicklung des Plots als äußerst gelungen empfunden, weil Dan Wells dadurch auf gewisse Art und Weise den Kreis schließt und die drei Bände zu einem Gesamtwerk gemacht hat. Da bei diesem dritten Band weniger technische Details beschrieben werden, lässt sich „Active Memory“ außerdem weitaus flüssiger lesen als die beiden Vorgänger.

Dan Wells Schreibstil ist nach wie vor sehr gehoben, aber dennoch, wie gesagt, absolut flüssig zu lesen. Man fliegt nur so durch die Seiten und möchte unbedingt wissen, wie es weitergeht. Insgesamt trägt gerade dieser dritte Teil dazu bei, dass mir Wells‘ Mirador Saga im Gesamten außerordentlich gut gefällt. Der Plot um das junge Mädchen bleibt nachhaltig im Gedächtnis und regt so manches Mal auch zum Nachdenken über die Entwicklung unserer Welt nach. Dan Wells schafft eine hervorragende Gratwanderung zwischen Unterhaltung und Gesellschaftskritik.
Die Zukunftsvision, die Dan Wells mit dieser Trilogie erschaffen hat, wirkt oftmals gar nicht mehr so weit entfernt. Denn so manches in der Entwicklung unserer heutigen Zeit deutet darauf hin, dass einiges davon in naher Zukunft tatsächlich so ablaufen könnte. Wells kümmert sich aber in seiner Trilogie nicht nur um sozialkritische Aspekte, sondern stellt auch eine innige Freundschaft zwischen jungen Menschen in den Vordergrund und weist zwischen den Zeilen daraufhin, wie wertvoll genau solche menschlichen Eigenschaften und Freundschaften sind.

Das Ende ist sehr schön und spiegelt eine im Grunde genommen wunderbare Vater-Tochter-Beziehung wieder, die sich letztendlich bei genauerer Betrachtung durch alle drei Romane zieht. Dan Wells hat sich mit dieser Trilogie definitiv von seinen Serienkiller-Romanen entfernt und ein wirklich lesenswertes Abenteuer geschaffen, das sowohl für jugendliche Leser als auch für Erwachsene geeignet ist und an das man sich gerne noch länger erinnert. Vor allem die gelungene Mischung aus Abenteuer, Science Fiction und Krimi hat mich absolut überzeugt. Sollte ich noch einmal Zeit dafür finden würde ich die „Mirador Saga“ gerne noch einmal lesen. Man könnte diese Reihe durchaus als All Age Roman bezeichnen, denn, wie oben schon erwähnt, werden Leserinnen und Leser verschiedener Altersstufen von der Thematik angesprochen.
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Fazit: Absolut gelungener Abschlussband der Mirador Saga, der mir sehr gut gefallen hat.

© 2019 Wolfgang Brunner für Buchwelten

Der Erschaffer von Andrew Bannister

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Erschienen als Taschenbuch
im Piper Verlag
398 Seiten
17,00 €
ISBN: 978-3-492-70412-0
Kategorie: Science Fiction

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Die Spin-Galaxie ist vom Untergang bedroht. Die Bewohner flüchten in virtuelleWelten. sogenannte Vrealitäten. Doch die riesigen Server, die diese konstant wachsenden virtuellen Realitäten instand halten, stellen sich schon bald als Bedrohung heraus, denn sie verschlucken gewaltige Mengen an Energie. Ein Krieg zwischen der Realität und den virtuellen Welten entbrennt. Skarbo, eine insektenartige Kreatur, erkennt die gefahr eines drohenden Untergangs  und begibt sich auf eine Reise in den Spin, um die Menschheit zu retten und zwischen den beiden Welten zu vermitteln …

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Mir dem vorliegenden Band wird die Spin-Trilogie von Andrew Bannister beendet. Und wieder benötigt der Leser Geduld auf vor allem Aufmerksamkeit, um der komplexen und komplizierten Handlung folgen zu können. „Die Erschaffer“ liest sich erst einmal wie ein eigenständiger Roman, bei dem man die Zusammenhänge des „großen Ganzen“ zu den ersten beiden Bänden der Trilogie erst am Ende wieder so richtig herstellt. Bannister gelingt ein faszinierender Ausflug in eine Zukunft, die erschreckend und interessant gleichermaßen ist. Der abschließende Band der Spin-Trilogie steckt, wie schon seine Vorgänger, wieder voller innovativer Ideen, die sich erst im Nachhinein (zumindest war es bei mir so) so richtig entfalten. Oft fühlte ich mich an Werke wie Tad Williams „Otherland“ oder Dan Wells‘ „Mirador“-Romane erinnert, was höchstwahrscheinlich an der Thematik „Virtuelle Realität“ liegt. Bannister behandelt dieses Thema aber auf eine ganz eigene Weise, so dass mein Vergleich genau genommen hinkt.

„Die Erschaffer“ könnte auf den ein oder anderen Leser manchmal ermüdend wirken, weil die Beschreibungen kompliziert und unverständlich erscheinen, wenn man sie nicht genau liest. Auch die Personen sollte man immer im Auge behalten, um der Handlung folgen zu können. „Die Erschaffer“ ist kein Buch für zwischendurch, dazu ist es zu komplex. Wer zum Beispiel „Die Auflösung“ von Benjamin Rosenbaum gelesen hat (ebenfalls im Piper Verlag erschienen), weiß, was ich meine. Es hat keine Zweck, dieses Buch als „Lückenfüller“ für ein paar freie Minuten Lesezeit zu benutzen, denn dann verliert man schnell den Überblick und natürlich auch die Lust an diesem Abenteuer. Trotz des sehr guten Schreibstils bleibt aber auch der aufmerksame Leser an manchen Stellen ratlos zurück und weiß nicht genau, was der Autor eigentlich erzählen will. Es gibt zwei Handlungsstränge, von denen man meint, dass sie sich irgendwann eigentlich verbinden müssen. Letztendlich passiert das auch in gewisser Weise, aber Bannister lässt seine Leser dennoch im Unklaren. Das mag beabsichtigt sein und regt auch definitiv zum Nachdenken an, aber es zermürbt leider auch ein wenig.

Andrew Bannister kann eindeutig Geschichten erzählen und auch hier steckt vieles zwischen den Zeilen (zumindest wage ich das zu behaupten 😉 ).  Manchmal scheint es, als wären Bannister die eigenen Ideen über den Kopf hinausgewachsen, was ich in diesem Falle als positiv bemerken möchte, denn das dreibändige Gesamtwerk über den Spin erweist sich nachträglich als eine epische Space Opera, die sich mit der (technischen und emotionalen) Entwicklung der Menschheit beschäftigt und diese in einer konsequenten Art und Weise zu einem deprimierenden Ende bringt. Ich wage den Schritt und äußere meine Vermutung, den Originaltitel „The Stone Clock“ betreffend. Ich für meine Person würde Bannisters Trilogie dahingehend interpretieren, dass sich die Menschheit trotz aller ausgefeilten technischen Errungenschaft zurück in die Steinzeit entwickelt. Das Ende der Spin-Galaxie könnte auch ein Neuanfang sein, bei dem der Mensch noch einmal ganz von vorne beginnt. Ich bin nicht sicher, ob ich mit meiner Lösung / Interpretation richtig liege, aber sie verschafft mir zumindest ein gutes Gefühl und lässt die Trilogie in einem logischen Licht erscheinen. Lesenswert sind die Bücher, und eben auch der hier vorliegende abschließende Band, auf alle Fälle, wenngleich sie für manchen Leser eine Herausforderung darstellen könnten. Ich habe die Zeit im Spin definitiv genossen und freue mich schon auf (hoffentlich) weitere Werke des Autors.

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Fazit: Lesenswerter Abschlussband der Trilogie, der die uneingeschränkte Aufmerksamkeit des Lesers erfordert und jede Menge Interpretationen zulässt.

© 2019 Wolfgang Brunner für Buchwelten

Ulldart – Die komplette Saga 3 von Markus Heitz

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Erschienen als Taschenbuch
im Piper Verlag
1360 Seiten
20,00 €
ISBN: 978-3-492-28133-1

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Nach einer gewaltigen Schlacht ist nun doch endlich Frieden auf Ulldart eingekehrt. Doch Lodriks erste Frau Aljascha will die Herrschaft über das Reich Tarpol an sich reißen. Plötzlich scheint der Frieden gefährdet, denn an der Westküste erscheint eine mysteriöse Kriegsflotte. Und dann versucht sich auch noch Lodriks Tochter in der nekromantischen Magie und plant, ein Heer aus Seelen um sich zu versammeln. Es ist ein Amulett, das über Sieg oder Niederlage der dunklen Mächte entscheidet …
Der Sammelband beinhaltet die Bände der Trilogie „Zeit des Neuen“
Band 1: Trügerischer Friede
Band 2: Brennende Kontinente
Band 3: Fatales Vermächtnis

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Nach dem sechsten Band war eigentlich Schluss mit der Geschichte um den Kekskönig Lodric. Doch der Erfolg dieser Serie verschaffte Markus Heitz die Möglichkeit, eine anschließende (und abschließende) Trilogie um Ulldart zu verfassen, die nun im vorliegenden Sammelband komplett vorliegt. Nach einer kurzen Zusammenfassung, durch die man sich wieder sehr schnell in die Ereignisse der vorangegangenen Bände einfindet, beginnt dann also das neue Abenteuer. Und wie … 🙂
Die Stimmung und das Niveau sind genauso wie in den ersten sechs Bänden. Heitz treibt die Handlung geschickt voran, so dass man schnell vergisst, dass nach dem sechsten Buch eigentlich Schluss sein sollte.

Man sollte sich nicht von dem Titel „Zeit des Neuen“ irritieren lassen, denn Markus Heitz lässt in diesen drei neuen Folgebänden die Handlung sogar noch düsterer erscheinen als in den Bänden 4 bis 6. Viele mochten diese Entwicklung nicht, weil sie aufgrund des Titels damit gerechnet hatten, dass sich Ulldart wieder zu einer strahlenden Welt entwickelt. Aber weit gefehlt … Doch mir persönlich hat gerade diese Entwicklung gefallen, diese trostlose Atmosphäre, die sich über die Handlung legt und eine ganz eigene Stimmung erschafft. Heitz lässt sich viel Neues einfallen, kehrt aber immer wieder zu seinen Ursprüngen zurück, so dass sich diese ’neue‘ Trilogie aus meiner Sicht nahtlos an die Vorgängerbücher anschließt und die Geschichte um den Kontinent gelungen abschließt und auch abrundet. Man sieht am Ende staunend auf Tausende von Seiten zurück und fragt sich, wie Markus Heitz auf diese Unmengen an Ideen und Charakterzeichnungen kommt. Insgesamt gesehen ist die Ulldart-Saga schlichtweg episch und atemberaubend.

Aufgrund des wirklich sehr angenehmen und flüssigen Schreibstils passiert im dritten Sammelband der Saga letztendlich genau das gleiche wie bei den beiden vorherigen: Man liest die Seiten trotz des gigantischen Umfangs relativ schnell weg, weil man sich von der Handlung äußerst schlecht lösen kann. Markus Heitz schafft auch hier wieder das kleine Wunder, dass man sich in den umfangreichen Handlungssträngen und verzwickten Entwicklungen letztendlich doch nicht verstrickt und die Übersicht (und respektive dann die Lust zum Weiterlesen) verliert. Man möchte wissen, was den einzelnen Charakteren widerfährt und ertappt sich des Öfteren dabei, dass man „nur noch ein paar Seiten“ liest. Heitz kann wunderbare Welten erschaffen und vermag auch mit den abschließenden drei Bänden des Ulldart-Epos seine Leser in den Bann zu ziehen. Und erstaunlich ist, dass man nach knapp 4.700 Seiten (wenn man den gesamten Zyklus sieht) im Grunde genommen eigentlich doch nicht genug von Ulldart hat. Alleine das ist ein Zeichen von hohem Unterhaltungswert, wie ich finde.

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Fazit: Düstere Fortsetzung des Ulldart-Zyklus. Einfach magisch.

© 2018 Wolfgang Brunner für Buchwelten

Ewiges Leben von Andreas Brandhorst

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Erschienen als Taschenbuch
im Piper Verlag
700 Seiten
16,99 €
ISBN: 978-3-492-06133-9

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Ein gigantischer Konzern namens „Futuria“ verkündet den Menschen eine sensationelle Entdeckung: ewiges Leben! Die Journalistin Sophie recherchiert für einen großen Bericht über das Unternehmen und entdeckt dabei immer mehr Ungereimtheiten in Bezug auf die Forschungen von „Futuria“. Etwas weitaus Größeres als „nur“ das ewige Leben scheint das Ziel der Firma zu sein.

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Der  neue Wissenschafts-Thriller von Andreas Brandhorst betrachtet den Menschheitstraum vom ewigen Leben aus verschiedenen Blickwinkeln. Unsterblichkeit hat schon viele Autoren beschäftigt und auch Brandhorst hat sich in dem ein oder anderen seiner Science Fiction-Werken schon einmal dieser Thematik zugewandt, wenngleich auch bei weitem nicht so ausführlich wie nun in „Ewiges Leben“. Es ist erstaunlich, mit welcher Weitsicht der Autor das Thema angeht und dabei Dinge und Auswirkungen beachtet, an die man im ersten Moment, wenn man über ein nicht endendes Leben philosophiert, gar nicht denkt. Brandhorst führt seine Überlegungen konsequent und durchdacht aus, so dass die Thematik eine unglaubliche Tiefe während des gesamten Romans entwickelt. In anderen Rezensionen habe ich gelesen, dass sich Andreas Brandhorst auf zu viele „Auswüchse“ innerhalb des Themenbereiches konzentriert und die eigentliche Frage aus den Augen verliert. Das sehe ich allerdings komplett anders, denn gerade die Ausweitungen und Konsequenzen einer solchen Möglichkeit, nicht sterben zu müssen, wird von Andreas Brandhorst sehr detailliert behandelt und verliert sich nicht in „sinnlosen Verstrickungen“, sondern beleuchtet alle Optionen, die eine solche wissenschaftliche Entdeckung für die Menschheit bedeuten würde.

Andreas Brandhorst schildert nämlich nicht nur die Vorteile einer Unsterblichkeit, er differenziert auch die Gedankengänge möglicher Gegner und bringt den Leser dadurch zum Nachdenken. Ist einer der größten Wünsche des Menschen tatsächlich erstrebenswert? Zugegebenermaßen mag ich es nicht, wenn religiöse Aspekte in einem Roman mitspielen, aber bei „Ewiges Leben“ passt es schlichtweg hervorragend, zumal nicht belehrend davon gesprochen wird, sondern menschlich und philosophisch. Passender hätte man es aus meiner Sicht gar nicht schreiben können, denn bei einem solchen Thema kann und darf der religiöse Aspekt definitiv nicht fehlen. Aber auch die Einbindung von Künstlichen Intelligenzen hat bei dieser Thematik absolut ihre Berechtigung und macht diese Zukunftsvision sehr authentisch. Das Szenario in „Ewiges Leben“ hat mir persönlich sogar noch besser als in „Das Erwachen“ gefallen, vor allem auch, weil Brandhorst hier teilweise wieder sehr philosophisch wird und dadurch eine unglaublich intensive Atmosphäre schafft. Mit diesem Wissenschafts-Thriller beweist Andreas Brandhorst nach „Das Erwachen“ erneut, dass er nicht nur hervorragende Science Fiction schreiben kann, sondern auch andere Genre beherrscht.

Andreas Brandhorst hat in seinem neuen Roman auch noch eine virtuelle Welt als Handlungsort eingebaut, die mich des Öfteren an Tad Williams Kulttrilogie „Otherland“ erinnerte. Brandhorst geht aber einen komplett anderen Weg, der die Thematik der Unsterblichkeit nochmals aus einer komplett anderen Sichtweise beleuchtet. Ich muss ehrlich sagen, dass mich diese Idee außerordentlich fasziniert hat und bis heute nicht mehr loslässt. Es ist typisch für Andreas Brandhorst, genau solche existenziellen Fragen aus philosophischer Sicht zu betrachten. Auch in „Ewiges Leben“ gibt er unzählige Gedankenanstöße an seine Leser weiter, allerdings immer vorausgesetzt, dass diese sich auf den Plot und die Überlegungen des Autors einlassen. Mit dem vorliegenden Wissenschaftsthriller ist Andreas Brandhorst auf jeden Fall wieder ein absolut lesenswertes, tiefgründiges Werk gelungen, das für mich gerne noch weitere achthundert Seiten hätte andauern dürfen. Das Ende hat viele Leser wohl überrascht, ich hatte die ganze Zeit schon damit gerechnet, was aber keineswegs heißt, dass mich das Finale enttäuscht hat. Es schließt den Kreis, den Andreas Brandhorst während des ganzen Romans geschickt aufgebaut hat, auf sehr konsequente und schlüssige Weise, was mich wiederum zum  Nachdenken gebracht hat. „Ewiges Leben“ muss man einfach lesen, um zu verstehen, was ich meine. Für mich (wieder einmal) ein perfektes Buch, das grandios unterhält und hervorragend recherchiert beziehungsweise aufgearbeitet wurde.

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Fazit: Unsterblichkeit – Der Traum der Menschheit aus sämtlichen Blickwinkeln betrachtet. Unbedingt lesen.

© 2018 Wolfgang Brunner für Buchwelten

Ulldart – Die komplette Saga 2 von Markus Heitz

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Erschienen als Taschenbuch
im Piper Verlag
1888 Seiten
22,00 €
ISBN: 978-3-492-28132-4

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Nach der Schlacht von Telmaran rechnet man in Ulldart, dass sich die alte Prophezeiung nun endgültig erfüllt. Lodrik ist weiterhin unter dem Einfluss dämonischer Kräfte und seine Verbündeten sitzen in den Gefängnissen von Tarpol. Da taucht plötzlich ein Junge auf, der allem Anschein nach Lodriks Sohn Lorin ist. Doch Lodrik seht sich nach Frieden, während die Rogogarder und Kensustrianer noch weiterhin Widerstand leisten. Eine Vereinigung der Königreiche rückt zwar in greifbare Nähe, doch im Hintergrund werden Intrigen gegen Lodrik geschmiedet.
Doch dann taucht Goran auf, Lodriks Erstgeborener, und setzt alles daran, dass sich die Prophezeiung einer Dunklen Zeit doch noch erfüllt …

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In gewohnt hohem Niveau geht die Saga um Ulldart von Markus Heitz weiter. Schon nach wenigen Seiten fühlt man sich in die Stimmung der ersten drei Bände zurückversetzt, wenngleich man anfangs leichte Schwierigkeiten hat, sich an einzelne Personen zu erinnern oder ihre Stellung in der Gesamthandlung zu finden. Aber, wie gesagt, es dauerte nicht lange und man findet sich in der Geschichte wieder zurecht und durch ein paar verstreute Rückblicke auf vergangene Ereignisse erkennt man auch schon bald wieder die Zusammenhänge. Sicherlich drängt sich da an manchen Stellen der Vergleich mit George R.R. Martins „Das Lied von Feuer und Eis“ („Game Of Thrones“) auf, aber Heitz geht einen anderen, eigenständigen Weg in seiner Welt voller Krieg und Intrigen. Auch in den vorliegenden Bänden 4 bis 6 spürt man, dass der Autor seine Geschichte durchdacht hat.

Erwähnenswert ist vielleicht auch noch, dass Markus Heitz sich selbst treu bleibt und in der Ulldart-Saga keine Elfen, Zwerge, Orks oder Drachen erscheinen lässt. Es ist ein Fanatsy–Roman, der von Menschen handelt, von ihrer Suche nach Weltfrieden, aber auch ihrem Streben nach Macht, bei dem sie über Leichen gehen. Vielleicht sind es gerade die fehlenden Fantasiegeschöpfe, die dieser Reihe eine gewisse Authentizität verleiht, die man als Fan von Fantasyliteratur genießt, weil sie schlichtweg mal etwas anderes serviert. Die Charakterisierung der Protagonisten geht auch in den mittleren drei Bänden der Saga konstant weiter und man erfährt wieder einiges über die liebenswerten, aber auch hassenswerten Personen. Wie schon bei den ersten Bänden widmet Heitz seine Kapitel immer wieder einem anderen Protagonisten, so dass man schon bald in einen angenehmen Lesefluss der Geschichte gerät. Hin und wieder ertappte ich mich dabei, wie ich an die ersten beiden Teile der Geschichte zurückdachte und mir immer wieder in Erinnerung rief, welch epischen Ausmaße die eigentlich sanft beginnende Geschichte angenommen hat. Das zeigt, das Markus Heitz den Spannungsbogen langsam Band für Band höher schraubt und der Story immer gewaltigere Ausmaße verleiht. Das schafft nicht jeder Autor so konsequent.

Markus Heitz schlägt bei den mittleren drei Bänden der Saga (insgesamt neun Teil) einen weitaus düstereren Weg ein als bei den Einstiegsbüchern. Gerade das macht dem Leser aber immer wieder deutlich, wie sich die Ereignisse in Ulldart überschlagen und in Zukunft noch entwickeln werden. Denn vieles deutet immer mehr auf ein unheilvolles, episches Finale hin. Diese konsequente Schaffung einer düsteren, fast schon aussichtslosen Atmosphäre machen den vorliegenden Sammelband zu einem wahren Erlebnis für Freunde von epischer High Fantasy, den man schlecht aus der Hand legen mag, wenn man mal von dem fast zweitausend Seiten umfassenden, und daher leicht unhandlichen Wälzer absieht. 😉
Immer wieder dachte ich mir beim Lesen, dass eine solche Sammlerausgaben, wie Piper sie nun vorlegt (jeweils drei Bände in einem Sammelband) als gebundene Ausgaben eventuell besser funktioniert hätten, weil sie mehr „her gemacht“ hätten. Aber auch als broschierte Ausgabe kann man diesen zweiten Sammelband, wie schon den ersten, uneingeschränkt empfehlen.

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Fazit: Band 3 bis 6 der Ulldart-Saga in einem Band. Niveauvolle und spannende High Fantasy.

© 2018 Wolfgang Brunner für Buchwelten

Die Auflösung von Benjamin Rosenbaum

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Erschienen als gebundene Ausgabe
im Piper Verlag
368 Seiten
20,00 €
ISBN: 978-3-492-70467-0
Kategorie: Science Fiction

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In einer entfernten Zukunft besitzen die Menschen kein Geschlecht mehr, aber dafür mehrere Körper. Biotechnologie und IT prägen das Gesellschaftsbild. Als die junge Fift eines Tages auf den Biotechniker Shria trifft, ahnt sie nicht, dass diese Beziehung eine Revolte und einen Umbruch des kompletten Gesellschaftssystems auslöst.

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Eines sei vorweg gesagt: Man muss sich auf diesen Roman einlassen (können), um die epische Bandbreite und die darin verarbeitete Philosophie verstehen zu können. Es dauert eine Weile, bis man sich in Benjamin Rosenbaums Zukunft zurecht findet und das dort herrschende Gesellschaftssystem begreift. Mit einer Leichtigkeit wirft uns der Autor in seinem Debütroman in eine Welt, die absurder nicht sein könnte. Geschlechter existieren nicht mehr, dafür hat der Mensch nicht nur einen, sondern mehrere Körper. Beeindruckend schildert Rosenbaum dieses Phänomen und  wenn man sich, wie oben schon bemerkt, darauf einlassen kann, entsteht im Kopf des Lesers bald ein faszinierendes Szenario, dem  man sich nicht mehr entziehen kann. Irgendwann nimmt man die Ereignisse als gegeben hin und erst dann beginnt der richtige Spaß an diesem Buch. Benjamin Rosenbaum hat eine faszinierende Zukunftsvision erarbeitet, die Familie, Erziehung, Genderproblematik, Politik und Persönlichkeitsentwicklung eines Menschen beleuchtet. Unweigerlich stellt man sich während einiger Passagen die Frage, ob es denn eines Tages tatsächlich so sein könnte, wie in „Die Auflösung“ beschrieben.

In einem nicht leichten, aber nichtsdestoweniger hochwertigen Schreibstil wird der Leser in eine Welt entführt, die oftmals so oberflächlich wirkt, wie sie heutzutage in manchen Belangen schon ist. Da wird enorm viel Wert auf „Follower“ gelegt oder abgegebene Bewertung (von fremden Menschen), die Statussymbole beschränken sich größtenteils auf Internet-Aktivitäten … das alles klingt gar nicht weit hergeholt und entspricht schon mehr den Tatsachen, als manch einer glauben mag. Rosenbaum hat einen glaubwürdigen Schritt in eine noch weit entfernte Zukunft gewagt, der wir uns aber im Grunde genommen näher sind, als wir denken. Zwischenmenschliches muss erst wieder „gelernt“ werden und entspricht nicht der Norm. „Die Auflösung“ schildert  eine Zukunft, in der nicht Angriffe von Außerirdischen eine Rolle spielen und die Menschheit bedrohen, sondern in der die Technik und der Mensch zum Feind wird. Die Probleme unserer Gegenwart sind zwar gelöst, wurden aber von anders gelagerten Schwierigkeiten abgelöst. Denkt man über dieses Szenario eine Weile in Ruhe nach, so wird einem erst die Tragweite dieser Vision bewusst, die Rosenbaum uns da vorlegt. Der Roman wirkt noch um einiges stärker, wenn man ihn nach dem Lesen zur Seite legt und wirken lässt.

Benjamin Rosenbaum schafft es hervorragend (und ähnlich wie zum Beispiel Vernor Vinge oder auch Robert L. Forward, um nur zwei passende Beispiele zu geben) eine komplizierte Zukunftswelt zu beschreiben, die nach und nach für den Leser zur Selbstverständlichkeit wird. Alles wirkt durchdacht und äußerst glaubwürdig, wenn man sich darauf einlassen kann. Was mir sehr gut gefallen hat, waren die Überlegungen, inwieweit das Geschlecht für den Menschen eine Rolle spielt und spielen sollte. Denn eigentlich sollte sich die Menschheit nicht über eine Geschlechterrolle definieren, sondern über den Menschen selbst, der in der Hülle steckt. Diese „Problematik“ unserer Zeit wurde beeindruckend gelöst und durchdacht.
Was genau verbirgt sich hinter „Die Auflösung“? Rosenbaums Roman wirkt einerseits auf mich wie ein gut konstruierter Blick in eine weit entfernte Zukunft und andererseits wie ein Abbild unserer Gegenwart, in der sich all die geschilderten Utopien bereits auf die ein oder andere Art und Weise abzeichnen. „Die Auflösung“ vermittelt Hoffnung auf eine „bessere Zukunft“ und macht gleichzeitig ein wenig Angst vor einem unmenschlichen, unpersönlichen Morgen ohne echte Emotionen.
Wer auf außergewöhnliche Science Fiction abseits von Weltraumschlachten und Superhelden steht, dürfte bei Benjamin Rosenbaums Romandebüt seine Freude haben. Alle anderen sollten aber die Augen vor solch einer Vision nicht verschließen und zumindest einmal einen Blick in dieses ausdrucksstarke Zukunftsszenario werfen.

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Fazit:  Innovatives, außergewöhnliches und beeindruckendes Zukunftsbild der Menschheit, das zum Nachdenken anregt.

© 2018 Wolfgang Brunner für Buchwelten

Die Formel von Dan Wells

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Erschienen als Taschenbuch
im Piper Verlag
524 Seiten
16,00 €
ISBN: 978-3-492-70469-4
Kategorie: Thriller, Science Fiction

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Lyle Fontanelle entwickelt eine neue Hautcreme, ohne zu ahnen, dass er damit den Weltuntergang heraufbeschwört. Denn ein Zusatz der Lotion überschreibt die DNA der Testpersonen und verwandelt sie dadurch in Klone von Menschen, die die Lotion mittels einer Berührung „verunreinigt“ haben. Obwohl Lyle zu verhindern versucht, dass der Kosmetikartikel auf den Markt kommt, ist das Unheil nicht mehr abzuwenden. Schon bald sind die weltweit verheerenden Konsequenzen nicht mehr zu übersehen, als sich die DNA von immer mehr Verbrauchern verändert …

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Extrem rasant entwirft Dan Wells in seinem Wissenschaftsthriller „Die Formel“ eine Zukunft, wie sie gar nicht mal so abwegig ist. Der Schönheitswahn hat  irgendwann seinen Preis, so könnte die Grundaussage des Romans sein, der sich ab der zweiten Hälfte zu einer erschreckenden Dystopie wandelt, die zum Großteil nachvollziehbar und auch glaubwürdig wirkt, sofern man sich auf die Ausgangssituation einlassen kann. Die erste Hälfte des Buches würde ich persönlich fast als das beste Werk des Autors bezeichnen, der uns mit Serienkiller John Cleaver, den „Partials“ und seiner Mirador-Saga immer bestens unterhalten hat. Doch leider fällt der Plot, und auch teilweise irgendwie der Schreibstil, in der zweiten Hälfte ab, so dass sich „Die Formel“ im gehobenen Durchschnitt des Schriftstellers bewegt. Dan Wells‘ Romane sind Pageturner, keine Frage. Aber meistens fehlt irgendwie immer das gewisse Etwas, um ohne Wenn und Aber zu begeistern. Immer wieder finden sich „Durchhänger“, die mich dann von dem Gesamtwerk nicht ganz zu überzeugen vermögen.

„Die Formel“ ist ein astreiner Wissenschaftsthriller, der auch von Michael Crichton stammen könnte. Wells hat hervorragend recherchiert und schildert das Szenario, vom Anfang bis zum erschreckenden Ende, authentisch und überzeugend. Die Entwicklung, die die Entdeckung einer neuen neuen Lotion für die Haut nimmt, ist folgenschwer und fesselt absolut. Dan Wells hat sämtliche Möglichkeiten, die durch solch eine Formel entstehen könnten, durchdacht und auch durchgespielt. Das macht schon ungemein Spaß, wenn man durch den flüssigen Schreibstil unmittelbar dabei ist, wie die Erde „vor die Hunde“ geht. An manchen Stellen in der zweiten Hälfte fühlte ich mich an Filme wie „District 9“ oder „Darkman“ erinnert. Auch hier kämpft ein zum Außenseiter gewordener Mann gegen die Öffentlichkeit und die verantwortlichen Politiker. Im Nachwort erwähnt Dan Wells, dass er die Arbeit an „Die Formel“ immer wieder unterbrochen hat, um zum Beispiel an einem neuen John Cleaver-Abenteuer oder seiner Partials- oder Mirador-Reihe weiterzuschreiben. Der oberflächliche Leser wird kaum einen Unterschied zwischen den Kapiteln entdecken, der Aufmerksame dagegen schon. Es gibt zum Beispiel ein einziges Kapitel, das wirkt, als hätte es jemand anderes geschrieben. Da passt Ausdrucksweise und Sprache absolut nicht zum gewohnten Schreibstil von Dan Wells.

Insgesamt gesehen bietet „Die Formel“ aber sehr spannende Unterhaltung, die mit interessanten, wissenschaftlichen Wahrheiten vermischt ist. Dan Wells erzählt eine großartige, definitiv filmreife Geschichte, die sozusagen aus einer wissenschaftlichen Kleinigkeit eine allumfassende Apokalypse kreiiert. Keine Außerirdischen oder  Krankheiten sind es, die die Menschheit dahinrafft, sondern eine „einfache“ Körperlotion, die von den Menschen selbst erschaffen wurde. Wells übt mit seinem Buch Kritik an den Menschen (und auch an der Wissenschaft), macht sich über den Gesundheits- und Verjüngungswahn im Grunde genommen lustig und entwirft daraus eine Dystopie, dass einem das Lachen im Munde steckenbleibt. Seine Charaktere haben zwar Tiefgang und geben so manch Philosophisches von sich, lassen dem Leser aber noch Spielraum für die eigene Fantasie. Wells‘ Weltuntergangsroman ist unbedingt lesenswert. Er spielt darin mit einigen faszinierenden Ideen, wie zum Beispiel auch der unersättlichen Gier (nach Macht und Profit) von Unternehmen und der menschlichen Besessenheit, gut auszusehen und unsterblich zu sein. Was macht einen Menschen aus? Wie einzigartig ist dessen Identität?
Ich mochte die erste Hälfte eindeutig mehr, weil sie mich, wie schon erwähnt, ein wenig an Michael Crichton erinnerte, wohingegen die zweite Hälfte oftmals sarkastisch wirkte, was mich nicht so anspricht. Eine Apokalypse ist für mich immer noch dramatisch und schrecklich und nicht unbedingt humorvoll. Hätte Wells das Ende düsterer gestaltet, wäre „Die Formel“ für mich eines seiner besten Bücher, so vergebe ich „nur“ vier von fünf Sternen.

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Fazit: Anfangs sehr spannende, später sarkastisch angehauchte Dystopie.

© 2018 Wolfgang Brunner für Buchwelten

Höllenjazz in New Orleans von Ray Celestin

Höllenjazz

Erschienen als Taschenbuch
im Piper Verlag
510 Seiten
16,00 €
ISBN: 978-3-492-06086-8
Kategorie: Thriller, Krimi

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Im New Orleans des Jahres 1919 geht ein mysteriöser »Axeman-Mörder« um und versetzt die Stadt in Angst und Schrecken. Detective Michael Talbot wird auf den Fall angesetzt, ohne zu wissen, dass sich der ehemalige Polizist Luca D’Andrea und auch Ida, Sekretärin einer Detektei, auf die Suche nach dem Täter begeben. Ida hat sogar ihren besten Freund, den Musiker  Louis Armstrong, an ihrer Seite. Alle drei Ermittler stoßen auf unterschiedliche Spuren, die sie auf die Identität des Killers führen könnten.

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Was für ein tolles Debüt! Ray Celestin hat einen unglaublich flüssigen Schreibstil und ein sehr gutes Gefühl für Spannung. Schon nach den ersten Seiten stellt sich zweifelsohne heraus, dass es sich bei seinem Debüt „Höllenjazz in New Orleans“ um einen Pageturner handelt, den man nicht so schnell aus der Hand legen mag. Die Vermischung aus absolut gut recherchierten Tatsachen und fiktiven Handlungssträngen ist Celestin perfekt gelungen, so dass man schon bald nicht mehr zwischen Realität und Erfundenem zu unterscheiden vermag. Der Plot und die Figuren sind sehr realistisch und vor allem glaubwürdig geschildert, so dass es eine wahre Freude ist, sie bei ihren Ermittlungen und Abenteuern zu begleiten. Ein besonderes „Schmankerl“ ist die Mitwirkung der Musikerlegende Louis Armstrong. Der Jazztrompeter, zu jener Zeit noch unbekannt, ist unfreiwilligerweise bei den Ermittlungen  mit dabei.

„Höllenjazz in New Orleans“ ist kein reiner historischer Krimi, wie man sie kennt, sondern geht einen anderen Weg. Hier werden vorrangig fiktive Personen und Ereignisse mit historischen Begebenheiten vermischt und nicht umgekehrt, wo ein Plot rund um die geschichtlichen Tatsachen aufgebaut wird. Celestins Debütroman wirkte daher auf mich absolut erfrischend und unverbraucht und ich hatte großen Spaß, den Protagonisten zu folgen. Ein weiterer toller Schachzug ist die Einführung von drei (!!!) Ermittlern, die alle selbständig und auf verschiedene Weise an die Untersuchung der Morde herangehen. Ray Celestin hat sich bemüht, sämtliche Spekulationen, die es über den tatsächlichen Axemann-Mörder gibt, in seinem Roman aufzuarbeiten und zumindest anzuschneiden. Das hat mir sehr gut gefallen und, obwohl die Morde in der Realität nicht aufgeklärt werden konnten, liefert Celestin augenscheinlich eine Erklärung – oder och nicht? Gerade dieses „Herauswinden“ hat mich überzeugt, denn auf gewisse Art und Weise lässt der Autor dann das Ende doch wieder irgendwie offen, wie es wohl auch im wirklichen Leben war.

Was mich ebenfalls in den Bann gezogen hat, waren die detaillierten Beschreibungen der damaligen Zeit. Man war wirklich mittendrin in dieser Epoche und konnte sich alles absolut plastisch vorstellen. Ray Celestin hat viele historische Ereignisse in seinem Roman vermischt, aber nie die Übersicht und den Fall des Axeman-Mörders aus den Augen verloren. Gerade diese Vielseitigkeit in der Beschreibung von Menschen und Orten macht „Höllenjazz in New Orleans“ zum einen zu einem echten Pageturner und zum anderen zu einem echten Leseereignis, das man nicht so schnell vergisst. Ich fühlte mich in dem „alten“ New Orleans so richtig wohl und heimelig und konnte es immer kaum erwarten, dorthin zurückzukehren. Die meisten Personen wuchsen mir so richtig ans Herz.
Erfreulicherweise hat Celestin das Finale dann in einer Art und Weise verfasst, die mir absolut gefallen hat. Oftmals ist es ja so, dass Thriller (oder auch Krimis) auf einen Showdown hinarbeiten, der Schema F entspricht und schon hundertmal dagewesen ist. Und auch wenn es sich hier ähnlich verhält und ein Showdown natürlich stattfindet, so hob er sich in meinen Augen von den standardisierten Thriller-Enden schlichtweg ab.
Und wie geschickt Ray Celestin dann auf seine im Frühjahr 2019 bei Piper erscheinende Fortsetzung „Todesblues in Chicago“ hingearbeitet hat, ist wirklich grandios. Ich freue mich sehr auf diesen zweiten Teil.

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Fazit: Ein Debüt, das überzeugt und begeistert.

© 2018 Wolfgang Brunner für Buchwelten