Die Lieferung von Andreas Winkelmann

Die Lieferung

Erschienen als Taschenbuch
im Rowohlt Verlag
insgesamt  400 Seiten
Preis: 9,99 €
ISBN:  978-3-499-27517-3
Kategorie: Thriller

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Die junge Altenpflegerin Viola lebt in ständiger Angst. Unentwegt hat sie das Gefühl, verfolgt zu werden. Sie fühlt sich nur noch sicher, wenn sie an ihrem Arbeitsplatz  ist oder sich ihre Freundin Sabine in ihrer Nähe befindet. Sabine ist lustig, tough, mutig und sie glaubt Viola. Doch eines Abends meldet sich sich nicht mehr. Viola ist verunsichert, bleibt daheim.

Jens Kerners aktueller Fall ist seltsam. Im Hamburger Wald lief einer Jägerin plötzlich eine Frau vor die Flinte. Bleich, fast haarlos und wirr. Wie ein Albino wirkte diese seltsame Gestalt. Wo kam sie her? Was trieb sie in den Wäldern? Leider kommt Jens Kerner nicht mehr dazu sie zu befragen, denn sie stirbt.

Jens Kerners Arbeitskollegin Rebecca sitzt im Rollstuhl. Während einer Reha erzählt ihr eine Pflegerin, dass ihre Tochter seit 2 Jahren vermisst ist. Sie hofft auf Rebeccas Hilfe.

Jens Kerner und Rebecca Owald haben eine Menge Ermittlungsarbeit zu leisten. Zuviele lose Fäden, die zusammengeführt werden müssen.

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Andreas Winkelmann liefert einen guten und spannenden Thriller ab, in dem er viele verschiedene Fäden auswirft und jede Menge Fährten legt, um dem Leser einen langen Nervenkitzel zu bescheren.

Er erzählt die Geschichte in verschiedenen Handlungssträngen: Da gibt es den um Viola, die Altenpflegerin in ständiger Angst. Dann geht es um Rebecca Oswald und Jens Kerner, das ungleiche Ermittlerduo. Und es gibt zwei Rückblenden-Stränge. Einmal den um die gefangene Frau, die im Wald auftaucht. Und den letzten schließlich um den Täter, den wir in seine Kindheit begleiten.

Wie erwähnt ist die Spannung da und die Lektüre ist auch fesselnd. Ich selber finde jedoch, dass es bessere Romane von Andreas Winkelmann gibt (z.B. „Die Zucht“).

Das ungleiche Ermittlerpaar erinnert mich ein wenig an das Team von Robert Galbraith (das Pseudonym von J.K. Rowling). Ihrem Detektiv Cormoran Strike (Veteran mit Beinprothese) steht die bezaubernde Robin Ellacott zur Seite. Also ein ähnlich ungleiches Paar, nur umgekehrt. Ein anderer, immer wiederkehrender Bestandteil der Handlung erinnerte mich an den Film „Hereditary“. Leser werden wissen, was genau ich meine.

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Fazit: Ein spannender Thriller, der fesselt. Für mich ein bisschen überzogen in den (falschen) Fährten und ständigen Wendungen, aber das ist Geschmackssache.
Bei einer 5 Sterne Skala erhält „Die Lieferung“ eine 4.

©2020 Marion Brunner – Buchwelten

 

 

Die Einkreisung von Caleb Carr

Die Einkreisung von Caleb Carr

Erschienen als Taschenbuch
im Heyne Verlag
insgesamt 734 Seiten
Preis: 9,99 €
ISBN: 978-3-453-50398-4
Kategorie: Thriller, Krimi

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Im New York des Jahres 1896 ermitteln Polizeichef Theodore Roosevelt und der Wissenschaftler Dr. Kreisler zusammen mit dem Zeitungsreporter John Moore und der Polizeisekretärin Sara Howard in einem grauenvollen Mordfall. Es handelt sich dabei um eine Mordserie, die die Stadt erschüttert. Mittels eines detaillierten Psychogramms des Mörders gelingt es Dr. Kreisler, den Kreis der Verdächtigen Schritt für Schritt  einzuengen und dem Serienkiller immer näher zu kommen.

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Es dauert nicht lange und man ist mittendrin im Geschehen. Vor allem in der grandios geschilderten, damaligen Zeit, in der dieser extrem spannende Psychothriller spielt. Caleb Carr gelingt es mühelos, die Stimmung des ausgehenden neunzehnten Jahrhunderts einzufangen und man fühlt sich bereits nach wenigen Seiten heimisch im alten New York mit all seinen zwielichtigen Stadtteilen und unheimlichen Gassen. Es ist wirklich atemberaubend detailgetreu geschildert, wie die Ermittlungen vorangehen und mit welcher Hingabe sich die Protagonisten ihrer Aufgabe widmen. An manchen Stellen dachte ich, es handle sich bei „Die Einkreisung“ um einen Roman des hervorragenden Dan Simmons, der bei seinen letzten Büchern in ähnlicher Weise historische Tatsachen mit fiktiven Elementen vermischte („Terror“, „Drood“ oder „Der Berg“). Carr hat einen dermaßen flüssigen Schreibstil, dass man über seine teils langatmig ausufernden Beschreibungen mit einer Leichtigkeit hinweg liest und dabei noch unglaublichen Spaß hat.

Ich sah durchgehend die Ermittlungsarbeiten und die Ereignisse als Film vor meinem inneren Auge, was eindeutig für die bildhafte Schreibweise des Autors spricht. Und nun ist dieser großartige Roman auch als Serie verfilmt worden, da kann man nur gespannt sein, wie die Umsetzung gelang. „Die Einkreisung“, im Original „The Alienist“, ist ein unglaublich stimmungsvoller Roman, der von den Beschreibungen der alten Zeit lebt und den damit verbundenen, erschwerten Ermittlungsarbeiten. Die Vorgehensweise der Detektive und die psychologischen Überlegungen des Wissenschaftlers machen unglaublich Spaß und sind in jedem Satz absolut nachvollziehbar. Es mag sein, dass sich der Plot gegen Ende hin tatsächlich etwas in die Länge zieht, wie von vielen Lesern kritisiert, aber gerade das „Sich Zeit lassen“ im Finale rundet für mich die komplette Geschichte ab und bringt keinen abrupten Cut, wie das leider bei vielen Büchern dieser Art der Fall ist. Caleb Carr beschreibt in seinem Roman die Ursprünge des Profilings, wie wir es heute kennen. Die Sisyphusarbeit, mit der man sich zur damaligen Zeit an die Auflösung eines solch spektakulären Falls machte, ist sehr authentisch beschrieben.

Caleb Carrs Psychogramm eines Mörders und die damit verbundenen Ermittlungsarbeiten ist für mich ein absolutes Genre-Highlight, das ich nicht so schnell vergessen werde. Gerade die ausführlichen Beschreibungen, die vielen als Längen vorkommen, machen die Atmosphäre des Romans aus. Es ist ein Fall zum Mitdenken, der den Leser hier erwartet. Einige Szenen können durchaus als brutal und blutig bezeichnet werden, aber das Hauptaugenmerk richtet Caleb Carr definitiv auf die psychologische Seite eines solchen Täters. Das Buch ist durchgehend enorm stimmungsvoll, was zur Folge hat, dass man sich auf jeder Seite absolut ins Jahr 1896 zurückversetzt fühlt. Die Protagonisten erinnerten mich an manchen Stellen ein wenig an Arthur Conan Doyles Helden Holmes und Watson,  so dass auch hier eine gewisse Nostalgiekomponente erreicht wird, die sich durch den ganzen Roman zieht. Carr erweckt auf hohem literarischen Niveau eine vergangene Epoche wieder zum Leben und lässt den Leser an einem faszinierenden Kriminalfall in atmosphärischer Kulisse teilhaben. „Die Einkreisung“ ist ein ruhiges Buch, das weitestgehend auf temporeiche Action verzichtet und sich mehr auf die Protagonisten und deren Ermittlungsarbeiten konzentriert. Gerade diese Ruhe macht Caleb Carrs Roman für mich zu einem beeindruckenden, bildgewaltigen Ausnahmebuch unter den unzähligen Thriller, die blutrünstige Morde in den Vordergrund stellen. Obwohl „Die Einkreisung“ erst aus dem Jahr 1994 stammt, erscheint das Buch einem wie der Inbegriff des Serienkiller-Romans, was wahrscheinlich an der außergewöhnlich guten Schilderung der alten Zeit liegt, die dem Leser vorspiegelt, es würde sich auch um einen entsprechend „alten“ Roman handeln.
„Die Einkreisung“ sollte man unbedingt gelesen haben. Ich bin schon sehr auf die Serienumsetzung gespannt.

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Fazit:  Ruhiger, atmosphärisch dichter Thriller um einen Serienkiller, der in einer beeindruckend geschilderten Vergangenheit spielt.

© 2018 Wolfgang Brunner für Buchwelten

The Fourth Monkey – Geboren, um zu töten (Sam Porter 1) von J.D. Barker

The Fourth MonkeyGeboren um zu toeten von JD Barker

Erschienen als Taschenbuch
im blanvalet Verlag
insgesamt 540 Seiten
Preis: 14,99 €
ISBN: 978-3-7645-0624-7
Kategorie: Thriller, Krimi

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Schon seit Jahren jagt Sam Porter den 4MK, den „Fourth Monkey Killer“. Nun hat der Täter erneut zugeschlagen. Porter gerät wieder in einen Strudel aus Leid und Gewalt und bekommt die Chance, das Tagebuch des Killers zu lesen. Und dieses Mal vermischt sich sogar seine eigene Vergangenheit mit der grausamen Gegenwart.

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Man taucht schon nach den ersten Seiten in eine Welt ein, die man aus Filmen wie „Sieben“, „The Cell“, „Das Schweigen der Lämmer“ oder „Der Zodiac-Killer“ kennt: Düster und erschreckend. J.D. Barker ist mit seinem Thriller ein Pageturner allererster Güte gelungen. Geschickt wechselt er kapitelweise zwischen den Ermittlungstätigkeiten und den Tagebucheinträgen des Killers, so dass man das Buch schlichtweg nicht mehr aus der Hand legen möchte und teilweise auch nicht kann.
Barkers Schreibstil ist so flüssig zu lesen, dass man Seite um Seite liest und die Zeit um einen herum vergisst. Besser kann man einen Thriller nicht schreiben.
Der Autor beschreibt manche Szenen sehr blutig und brutal, gleitet aber nie in niveaulose Splatterorgien ab, sondern hält immer Bezug zu einer möglichen Realität. „The Fourth Monkey“ ist brutal, aber auch einfühlsam in seiner Beschreibung, wenn es um die Kindheit des Täters geht. Sehr beeindruckend wird hier auf die Psyche des Täters eingegangen und eine „Vorgeschichte“ erzählt, die es in sich hat.

J.D. Barker schreibt, als sähe man einen Film (und die Filmrechte sind auch schon tatsächlich verkauft). Stimmungsvolle Bilder begleiten den Leser durch den kompletten Roman und man sieht jeden einzelnen Handlungsort vor dem inneren Auge, so detailliert sind die Beschreibungen. Auch die Charakterzeichnungen sind Barker sehr gut gelungen und man fühlt sich, zumindest den meisten Protagonisten, verbunden. Gerade mit Sam Porter kann man hervorragend „mitleiden“ und „mitfiebern“, denn seine Gedankengänge sind sehr glaubwürdig und menschlich dargestellt. Was ebenfalls sehr authentisch gewirkt hat, waren die Überlegungen und Gefühle der Opfer, bei denen man die Angst und das Grauen beim Lesen gespürt hat. Auf psychologischer Ebene sehr geschickt gemacht, versetzen diese Passagen den Leser in die Opferrolle und lassen den brutalen Täter noch erschreckender erscheinen. Der Thriller ist gewiss nichts für Menschen mit schwachen Nerven und zartem Gemüt, auch wenn ich davon überzeugt bin, dass auch diese Leser sich dem Bann dieses Romans nicht entziehen könnten. Denn, wie oben schon erwähnt, J.D. Barker begeht eine sehr geschickte Gratwanderung, in dem er auch viele „ruhige“ Szenen in seinen Roman verbaut und der Geschichte dadurch zum einen eine höhe Glaubwürdigkeit verleiht und zum anderen dem Leser immer wieder eine kleine Verschnaufpause verschafft.

„The Fourth Monkey“ ist der Einstieg in eine Romanserie (der zweite Teil ist gerade in Arbeit) und man kann durchaus gespannt sein, wie sich der Plot weiterentwickelt, denn Barker hat Fäden gesponnen, die auf jeden Fall noch ausbaufähig sind. Und mit Sam Porter und seinem Team hat er eine sehr sympathische Ermittlergruppe geschaffen, der man gerne folgt. Hin und wieder wurden die Ermittlungserfolge und die Vorhaben des Teams im Buch aufgelistet, was mich als Leser unmittelbar dabei sein ließ. Hinzu kommen ein paar wirklich gelungene  und unerwartete Wendungen, die noch zusätzliche Spannung aufkommen ließen. Für mich stellt „The Fourth Monkey“ ein Highlight im Thrillergenre dar, denn gerade aufgrund seiner düsteren und stimmigen Atmosphäre, die sich durch den ganzen Roman zieht, hebt er sich auf gewisse Art und Weise von vielen anderen Thrillern ab. J.D. Barker erfindet das (Thriller-)Rad zwar nicht neu, aber er verpackt seinen Plot gekonnt in ein filmtaugliches, kleines Meisterwerk, das absolut fesselt und genial konstruiert ist. J.D. Barker legt die eigene Meßlatte sehr hoch und hat zudem noch ein tolles Ende geschrieben, das nicht unbedingt der „Norm“ von Thrillern und Krimis entspricht.

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Fazit: Spannend, blutig, brutal und düster. Ein Thriller-Highlight, das es in sich hat.

© 2018 Wolfgang Brunner für Buchwelten

Die Puppe von Mo Hayder

die puppe

Erschienen als Broschur
bei Goldmann
insgesamt 416 Seiten
Preis: 14,99 €
ISBN: 978-3-442-31306-8
Kategorie: Krimi, Thriller

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Als eine Patientin in einer psychiatrischen Klinik in Bristol aufgefunden wird, schenkt der zuständige Pfleger AJ den Gerüchten, es würde sich um einen Geist handeln, keine Beachtung. Wenig später wird der psychisch schwer gestörte Isaac Handel, der seine Eltern auf brutale Weise ermordet hat, entlassen. In AJ festigt sich der Verdacht, dass Handel eventuell hinter dem Todesfall stecken könnte. AJ nimmt Kontakt mit Jack Caffery auf …

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Auch der sechste Fall um Ermittler Jack Caffery steht seinen Vorgängern in nichts nach. Spannend und fesselnd erzählt, führt Mo Hayder den Leser allerdings dieses Mal nicht an den Tatort eines brutalen Verbrechens, sondern in die Mauern einer psychiatrischen Heilanstalt. Eine Mischung aus Mystery und Krimi, die hervorragend funktioniert. Die Zusammenhänge der verschiedenen Fäden, die Hayder spinnt, erschließen sich dem Leser erst nach einer gewissen Zeit. Aber bis dahin ist man längst schon wieder in der Welt von Caffery versunken und lässt sich von der Geschichte mitreissen.

Ich kann nicht behaupten, dass mir dieser Teil nicht so gut wie die anderen Bände der Reihe gefallen hat. Mo Hayder geht in ihrer Handlung einfach einen neuen Weg und bringt etwas Mystery in die Story, was mir persönlich gut gefallen hat. Und immer wieder wartet man natürlich, was bei der Geschichte hinter den Kulissen, also in Cafferys und Marleys Privatleben so passiert. Auch hier enttäuscht die Autorin nicht und treibt die Nebenhandlung der Thriller-Reihe voran.

Zu Anfang fühlte ich mich ein wenig an Lars von Triers Miniserie „Hospital der Geister“ erinnert, aber schon bald geht Mo Hayder wieder ihren gewohnten, eigenständigen Weg. Dass immer wieder auf die vorherigen Bücher der Serie eingegangen wird, gefällt mir total gut, verschafft es dadurch doch immer wieder im Leser ein „heimeliges“ Gefühl und das Bewusstsein, sich an die anderen Fälle einfach nur mal wieder kurz zurückzuerinnern.

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Fazit: Überzeugender sechster Caffery-Fall, der das Niveau der Vorgänger ohne Vorbehalte halten kann.

© 2015  Wolfgang Brunner für Buchwelten

Verderbnis von Mo Hayder

hayder

Erschienen als Taschenbuch
bei Goldmann
insgesamt 448 Seiten
Preis: 9,99 €
ISBN: 978-3-442-47780-7
Kategorie: Krimi, Thriller

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Bei einem Autodiebstahl wird anscheinend zufällig ein elfjähriges Mädchen mit entführt. Cafferys anfängliche Hoffnung auf einen guten Ausgang gerät allerdings ins Wanken, als das Mädchen offensichtlich vom Täter nicht einfach irgendwo „ausgesetzt“ wird und auch Tage später noch nicht auftaucht. Dann verschwindet ein zweites Mädchen und je mehr Zeit vergeht, desto schlechter werden die Aussichten, die beiden Mädchen noch lebend zu finden. Jack Caffery und Polizeitaucherin Flea Marley ermitteln getrennt voneinander und entdecken bald, dass noch weitaus mehr hinter dem Fall steckt, als sie bislang vermutet hatten …

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Der fünfte Fall für Ermittler Jack Caffery entführt den Leser erneut in eine düstere Welt voller menschlicher Abgründe. Die Parallelhandlungen von Cafferys und Flea Marleys Ermittlungen sind wieder hochgradig spannend und fesselnd, so dass es einem wirklich schwer fällt, das Buch aus der Hand zu legen.
Mit jedem Teil dieser superben Thriller-Reihe zieht Mo Hayder ihre Leser immer mehr in einen unausweichlichen Bann, der süchtig macht. Die Charaktere und die abermals verstrickte Handlung, die sich über unerwartete Wendungen zu einem logischen Ganzen zusammenfügt, könnten nicht besser sein.

Mit jedem Band werden mir Caffery und Marley mit all ihren Stärken und vor allem Schwächen sympathischer. Durch die intensive, glaubhafte Beschreibung der beiden könnte man als Leser fast meinen, sie persönlich zu kennen. Die Zusammenhänge der einzelnen Fälle (Bücher) über den Umweg des „Walking Man“ macht unglaublich Spaß und man kann nicht abwarten, den Folgeband zu lesen. Mo Hayder hält ein durchwegs hohes Niveau und zeigt, dass sie zu den ganz großen Thriller-Autorinnen unserer Zeit zählt. Die Plots sind allesamt überraschend und durchdacht und der Schreibstil auf hohem Niveau.
Wie Hayder die Schauplätze beschreibt ist schon filmreif. Die immerwährende düstere und beklemmende Stimmung mag nicht jedermanns Sache sein, ich für meinen Teil kann gar nicht genug davon bekommen. Und trotz der psychologischen Härte und Brutalität ist man erstaunlicherweise nie angewidert. Mo Hayder hat ein feines Gespür, über Grenzen zu gehen, ohne zu ekeln.

Wie schon in den vorhergehenden Bänden begeisterte mich die intelligent verstrickte Handlung auch hier wieder. Man fiebert und ermittelt mit, wird auf falsche Spuren gelockt und kommt lange nicht dahinter, was genau gespielt wird. Was kann man mehr von einem Thriller erwarten?

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Fazit: Erneut entführt Mo Hayder den Leser in einen beklemmenden, düsteren Kriminalfall, der von Anfang bis Ende durch geschickte Wendungen überrascht und begeistert. Absolut zu empfehlen!

© 2015 Wolfgang Brunner für Buchwelten

Die Kirche der toten Mädchen von Stephen Dobyns

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Die Kiche der toten Mädchen
Erschienen als Taschenbuch
im fischer Verlag
462 Seiten
ISBN: 9783596144044

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Aurelius, die typische amerikanische Kleinstadt erlebt einen Schock, als die 14-jährige Shannon, Tochter des örtlichen Arztes, spurlos verschwindet. Die Polizei steht vor einem Rätsel. Ermittler von außerhalb werden hinzugezogen, doch wirklich weiter kommen auch diese mit ihren Nachforschungen nicht.

Natürlich richtet sich der Verdacht der Bewohner zunächst auf die Menschen, die von außerhalb kommen. Z.B. der aus Algerien stammende Lehrer Houari Chihani, der mit seiner Einstellung zum Marxismus eine Reihe von Teenagern in einer Lese- und Diskussionsgruppe versammelt und daher schon nicht gern gesehen wird.

Plötzlich verschwindet das zweite Mädchen, sie musste an Halloween nur einige Häuser weiter nach Hause und kam dort nie an. Leider sind die dramatischen Ereignisse noch nicht vorbei. Denn nicht nur ein drittes Mädchen verschwindet, es gibt weitere Todesfälle, die die gesamte Stadt in Angst und Schrecken versetzen.

Jeder scheint auf einmal verdächtig zu sein. Der nette Nachbar mit seinem Spaniel genauso wie der immer freundliche Biologielehrer …. Jugendliche genauso wie Erwachsene …

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Jahrelang hat mich der Roman von Stephen Dobyns in unserer Bibliothek Abend für Abend „angelacht“. Nun habe ich ihn endlich zur Hand genommen und verschlungen.

Wer hier einen rasanten, modernen Hightechthriller (á la Chris Carter o.a.) erwartet, der wird enttäuscht sein und sich oftmals über viele Seiten hinweg sogar langweilen. Wer jedoch gerne tiefgründige, weit in die menschliche Psyche blickende, ruhige und stimmungsvolle Thriller mag, die fesseln und zum Nachdenken anregen, der ist hier gewiss richtig.

Dobyns lässt sich sehr viel Zeit mit der Beschreibung seiner Charaktere, stellt jeden ausführlich vor, holt weit aus und lässt uns die Figuren tatsächlich kennenlernen. Sicher mag das für viele langatmig wirken und ungeduldig werden lassen. Mir hat es sehr gut gefallen. Er hat eine gute Stimmung erschaffen, hat mich in die Handlung eintauchen lassen und durch die ausführliche Erzählweise sehr gute Hintergrundinformationen geliefert.

Erzählt wird die Geschichte von einem sehr netten Biologielehrer, der natürlich – wie eigentlich fast jeder Bewohner von Aurelius – so seine Geheimnisse hat.

Ich finde den Roman nicht gruselig oder mystisch. Ich empfand ihn als fesselnd und als sehr durchdacht. Der Autor legt viele Fährten, denen der Leser natürlich versucht nachzugehen und teilweise auch erliegt.

Der Schreibstil ist sehr gehoben, der Autor schreibt ausdrucksstark und bildhaft, sodass ich als Leserin wirklich mitten im Geschehen war und es nicht erwarten konnte, weiterzulesen. Es gab sicherlich auch krasse, heftige und blutige Szenen, die ich aber nicht als blutrünstig empfunden habe. Mich hat der Roman in etwa an eine Mischung aus „Ein plötzlicher Todesfall“ von J.K. Rowling und „Die Stadt der verschwundenen Kinder“ von Reginhald Hill erinnert, wenn ich den Versuch wagen sollte, Vergleiche zu tätigen. In unserer Bibliothek befindet sich ein weiterer Roman von Stephen Dobyns „Der Junge im Pool“, den ich ganz bestimmt auch lesen werde.

Mein Fazit: Volle Punktzahl für einen sehr tiefgründigen, in die menschliche Psyche leuchtenden Thriller, der zwar ruhig, aber dennoch fesselnd und absolut stimmungsvoll geschrieben ist.

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Meine Rezension bezieht sich auf die gebundene Originalausgabe, erschienen 1998 im Wolfgang Krüger Verlag.

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© Buchwelten 2014

Ich.darf.nicht.schlafen. von S.J. Watson (5/5)

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Erschienen als
Taschenbuch
bei Scherz (Fischer Verlage)
400  Seiten
Preis: 14,95 €
ISBN  978-3-651-00008-7
Kategorie: (Psycho)Thriller

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Christine erwacht am Morgen in einem Schlafzimmer, dass sie nicht kennt. Neben ihr liegt ein schlafender Mann, auch ihn kennt sie nicht. Sie hat ihn noch nie in ihrem Leben gesehen.

Sie steht auf und schaut im Badezimmer in den Spiegel und die Frau, die ihr dort entgegenblickt, die kennt sie auch nicht. Denn diese Frau ist etwa 20 Jahre älter als sie. Lediglich an ihren Augen erkennt sie sich selber wieder.


Rund um den Spiegel herum sind Fotos angebracht, auf die Fliesen geklebt. Auf all diesen Bildern ist Christine zu sehen. Sie allein und gemeinsam mit dem fremden Mann der neben ihr im Bett lag.

Dieser Mann ist Ben, wie er ihr später erklärt. Ihr Ehemann, mit dem sie bereits sehr lange verheiratet ist und er erzählt ihr, dass sie seit vielen Jahren an einer außergewöhnlichen Amnesie leidet. Über den Tag hinweg kann sie sich die Dinge merken, die sie erlebt und die Ben ihr berichtet. Dinge über die versäumten Jahre, ihr Leben.


Doch wenn sie sich abends zu Bett legt, dann werden diese Erinnerungen über Nacht nicht abgespeichert. Ihr Gehirn löscht während ihres Schlafes alles wieder aus. Am nächsten Morgen steht Christine wieder auf und weiß nicht wer sie ist und wo sie sich befindet.

Nachdem Ben zur Arbeit gefahren ist, erhält Christine einen Anruf von einem Arzt. Dr. Nash ist sein Name und er sagt ihr, sie solle das Tagebuch holen, dass sie seit einiger Zeit führt. Sie kennt diesen Mann natürlich genauso wenig, wie ihren Mann. Doch sie findet das Tagebuch an der von ihm beschriebenen Stelle und Christine beginnt zu lesen.

Das Tagebuch ist in ihrer Handschrift verfasst und sie liest von erlebten Tagen und den Dingen, die sie während ihres „Alltags“ erlebt und erfahren hat.

Christine ist völlig verunsichert. Sie weiß nicht, wem sie vertrauen kann und das Schlimmste: Sie kann sich leider nicht einmal auf sich selber verlassen ….

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Ich war direkt nach Erscheinen sehr neugierig auf diesen Thriller, der Klappentext und die Inhaltsangabe haben mich sogleich gefesselt.

Ich wurde nicht enttäuscht. Ich habe diesen Thriller „gefressen“, der für mich ein absoluter Psychothriller ist. Wenn diese Handlung kein Psycho ist, dann weiß ich es auch nicht.

Das tolle an diesem Roman ist, wie der Autor es geschafft hat, die Handlung nicht langweilig werden zu lassen.

Denn schließlich hat diese gesamte Story ja etwas von „Und täglich grüßt das Murmeltier“. Jeden Tag erwacht seine ProtagonistIn, immer geschieht das gleiche und immer wieder vergisst sie alles.

Die Idee mit dem Tagebuch war nicht nur für das „sich etwas merken“ für seine Hauptfigur eine gute, sondern hat auch dazu geführt, dass die Geschichte doch immer wieder anders ist, auch wenn sich alles wiederholt.

Watson hat seine amnäsiekranke Christine sehr gut ausgearbeitet, ich als Leserin habe jeden Tag miterlebt und mit ihr gelitten, mich geängstigt, viel gerätselt und gehofft.

Bis zuletzt wusste ich als Leserin nicht, was ich von den Personen im Roman halten soll. Ob sie denn nun vertrauenswürdig sind oder nicht? Was nun wahr ist und/oder nicht?

Der Roman ist nicht einmal in einem besonders gehobenen Schreibstil geschrieben, dennoch fesselt er absolut und ich habe dieses Buch schwer aus der Hand legen können. Ich könnte nicht aufhören zu lesen und wollte immer wissen wie es weitergeht.

Auf das Ende war ich sehr gespannt aber ich habe mich in Geduld geübt und nicht vor geblättert :-). Das Ende hat mich nicht enttäuscht, auch wenn es für mich grob ca. 100 Seiten vorher absehbar war. Das tat der Spannung aber keinen Abbruch.

Der Verlag präsentiert den Roman als Taschenbuch in einem kräftigen Blau. Der satte schwarze, geschwungene Schriftzug mit den Punkten nach jedem Wort ist ein Blickfang und macht neugierig. Der Inhalt auf der Rückseite des Buches ist sehr knapp weckt das Interesse noch mehr.

Die Kapitel wechseln immer zwischen den realen Erlebnissen und den Momenten in denen Christine in ihr Tagebuch schreibt, bzw. sie ihre Einträge liest. Die Kapitel sind in einer angenehmen Länge gehalten. Die Schrift ist relativ klein, doch durch breite Ränder und Absätze gestalten sich die Seiten doch als übersichtlich und leicht lesbar.

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Mein Fazit: 5 von 5 Sternen für diesen sehr gelungenen Psychothriller, der fesselnd und spannend geschrieben ist. Er ließ mich als Leserin miträseln und hat mich gefangen, sodass ich diesen Roman in fast einem Rutsch weggelesen habe.

Wer Lust hat, die Rezension zum Film zu diesem Thriller zu lesen, der kann man auf dem Blog meines Ehemannes vorbeischauen: Film-Besprechungen

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© Buchwelten 2012

Schnitt von Marc Raabe (4/5)

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Erschienen als
Taschenbuch
im Ullstein Verlag
448 Seiten
Preis: 14,99 €
ISBN:  9783548284354

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Gabriel ist Mitarbeiter in einer Sicherheitsfirma und eigentlich mit seiner Freundin verabredet. Sie erwartet ein  Kind und um Mitternacht möchten sie in ihren Geburtstag hinein feiern.

Plötzlich trifft ein seltsamer Einsatzruf in der Zentrale der Sicherheitsfirma ein. Der Alarm wurde in einem Haus ausgelöst, dass zwar in der Kartei der Firma geführt ist, jedoch seit etwa 30 Jahren leersteht. Als Gabriels Kollege seinen Chef im Ausland anruft, besteht dieser darauf, dass nicht Gabriel zu diesem Haus fährt um die Lage zu prüfen und den Alarm auszuschalten. Sein Kollege soll dies erledigen. Doch Cogan hat starke körperliche Beschwerden und so überredet Gabriel ihn in der Zentrale zu bleiben und er fährt doch selber hinaus zur alten Villa.

Dort angekommen findet er die Haustüre geöffnet und als er den Keller betritt, in dem sich der Schaltkasten der Alarmanlage befindet, wird Gabriel überrascht. Im Keller hängt ein Kleid, ein Haute Couture Stück, schwarz, edel auf einem Bügel. Er wundert sich und er fühlt sich auch sehr unbehaglich, doch weiter darüber nachdenken kann er nicht. Denn auf einmal klingelt sein Handy, Liz ist am Apparat.
Sie ist eine erfolgreiche, starke und selbstbewusste Journalistin, doch nun klingt sie völlig hilflos. Sie bettelt Gabriel um Hilfe an, sie sei überfallen worden und überall sei Blut. Gabriel reagiert sofort und alarmiert den Notruf, schickt einen Rettungswagen in den Park, in dem Liz sagte überfallen worden zu sein.
Er selber macht sich auch sofort auf den Weg dorthin. Dort angekommen ist nicht nur der Rettungswagen bereits eingetroffen. Auch die Polizei ist vor Ort. Von seiner verletzten Freundin Liz fehlt allerdings jede Spur, stattdessen liegt dort die Leiche eines jungen Mannes, die Kehle wurde ihm durchgeschnitten. Da Gabriel der derjenige war, der den Rettungsdienst alarmiert hat, somit also Kenntnis von einem Vorfall im Park haben muss, kommt was kommen muss: Gabriel steht unter dringendem Mordverdacht …

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Der Roman beginnt nicht mit der oben erzählten eigentlichen Handlung, sondern beschreibt das Erlebnis des Protagonisten Gabriel, als er ein kleiner Junge war und das ihn so sehr traumatisiert hat, dass es ihn bis in die Gegenwart verfolgt.

Gabriel hört noch heute als Erwachsener die Stimme in seinem Kopf, die ihm sagt was er tun soll und ihn versucht mutig und stark zu machen. Was damals in dieser Nacht geschah, weiß Gabriel bis heute noch nicht. Trotz vieler Therapien und dem Aufenthalt in der Psychiatrie als Jugendlicher, klafft in seiner Erinnerung ein schwarzes Loch. Er kann sich nicht erinnern.

Der Autor hat es gut gelöst, die Geschehnisse von damals mit den Vorfällen in der Gegenwart zu verknüpfen. Erscheinen die Zusammenhänge anfangs doch eher wirr, so sind sie zuletzt doch gut erkennbar und stimmig. Allerdings war mir die Entwicklung der Handlung im letzten Drittel des Romans ein wenig vorhersehbar und eine Figur etwas zu überzogen.

Gut gefallen hat mir dagegen der Schreibstil, der eigentlich ein einfacher war, dennoch die Hauptfiguren, Gabriel und auch dessen Bruder, realistisch und lebensecht beschrieben hat. Die Prozesse, die die beiden im Laufe der Handlung durchmachen, waren greifbar, verständlich und ließen diese Figuren an mich als Leser heran.


Das Finale war dann ziemlich extrem, sehr brutal (wie es immer mal im Laufe der Handlung der Fall war, also nicht unbedingt ein Stoff für sehr schwache Nerven) und sicherlich auch spannend. Es hat mir ganz gut gefallen, mich nicht großartig überrascht, enttäuscht aber auch nicht.

Das Cover ist im derzeit wohl sehr gefragten Thriller-Stil gehalten: Weiss, schwarz und rot. Es ist nicht besonders außergewöhnlich aber passt ganz gut. Die Kapitel sind in einer angenehmen Leselänge verfasst und die Seiten des Taschenbuchs fühlen sich angenehm weich an.

Mein Fazit: 4 von 5 Sternen für diesen Thriller, der fesselt und gehörig in der Vergangenheit gräbt. Diese Verbindungen erscheinen anfangs vielleicht etwas unübersichtlich, ergeben dennoch einen Sinn. Geschrieben in einem schlichten, guten Schreibstil und einem Protagonisten, der eigenwillig aber dennoch liebenswert ist.

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Ich danke Amazon und dem Ullstein Verlag für die Bereitstellung des Rezensionsexemplares.

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© Buchwelten 2012