Nacht der Rache von Tim Miller

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Erschienen als Taschenbuch
im Festa-Verlag
160 Seiten
Preis:  12,80  €
ISBN: ohne ISBN (nur über die Verlagsseite zu beziehen)
Kategorie: Horror / Thriller
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Colt Stilman musste zwanzig Jahre ins Gefängnis, um eine Tat abzubüßen, die er nie begangen hatte. Nach seiner Entlassung plant er einen Rachefeldzug gegen die gesamte Stadt, die im zwanzig Jahre seines Lebens genommen hat.

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Tim Millers Rachethriller liest sich wie eine wilde Achterbahnfahrt. Da wird nicht lange mit tiefgehenden Charakteren herumgefackelt, sondern Miller geht gleich aufs Ganze. Einzig die Protagonisten namens Melissa und Andy erfahren eine Entwicklung während der relativ kurz gehaltenen Geschichte. Ansonsten lernt man die Personen zwar kennen, aber das war es auch schon.
Miller hält sich auch nicht lange mit Erklärungen auf, sondern widmet sich sofort seinem Massaker. Wie ein Tornado bricht Mord, Vergewaltigung und Chaos über die Kleinstadt herein.Auf der einen Seite mordet und schändet jeder, was das Zeug hält, auf der anderen Seite kämpft man ums nackte Überleben. 

Ein wenig erinnert die Ausgangssituation an den Film „The Purge“, wobei Miller einen etwas einfallsloseren Weg geht. Aber das macht gar nichts, denn man blättert die Seiten trotzdem in einer Wahnsinnsgeschwindigkeit um, weil man einfach wissen will, was noch alles passiert. Tim Miller schreibt brutal, aber nicht zu brutal, dass es unglaubwürdig wirkt. Sicherlich passieren einige Dinge, die etwas übertrieben sind, aber das erwartet man auch bei solch einem Buch. Millers rasanter Rachefeldzug ist absolut kurzweilig und actionreich. 

Tim Millers Schreibstil ist nicht besonders anspruchsvoll und, wie schon erwähnt, fehlen auch Charakterzeichnungen. Das hätte dem harten Thriller vielleicht sogar noch einen Pluspunkt verschafft, hätte man mehr über die Beweggründe von Colt Stilman erfahren, wieso er eine ganze Stadt massakrieren lässt, obwohl sie doch mit seiner unrechtmäßigen Verurteilung gar nichts zu tun haben. Hätte Miller einen vor Rachegelüsten Wahnsinnigen charakterisiert, wäre der Schockeffekt, mit welcher Härte da vorgegangen wird, wahrscheinlich bedeutend größer gewesen. Aber dennoch macht „Nacht der Rache“ unglaublich Spaß, weil es sich dabei um eine kurzweilige, spannende und sehr flüssig geschriebene Story handelt, die man erst gar nicht aus der Hand legen will.

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Fazit: Mit „Nacht der Rache“ legt Tim Miller ein actionreiches, blutiges Spektakel vor, das sich als minimalistischer Pageturner herausstellt. Das Buch ist nicht tiefgründig, sondern schlichtweg gute Unterhaltung aus dem Hause „Festa Extrem“.

© 2017  Wolfgang Brunner für Buchwelten

Glaube.Liebe.Leichenschau – Mord am Hellweg VIII

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Erschienen als Taschenbusch
im Grafit Verlag
insgesamt 349  Seiten
Preis: 12,00 €
ISBN: 978-3-89425-474-2
Kategorie: Kriminalanthologie

Der bereits achte Teil der Mord am Hellweg-Reihe lautet Glaube.Liebe.Leichenschau.

Insgesamt 23 Schrifstteller liefern ihre Kurzgeschichte ab, die jeweils in der Region des Hellwegs handeln. Der Verlag verspricht eine abwechslungsreiche Unterhaltung mit Mord und Totschlag, Schuld und Sühne ….

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Als Stammleserin vieler Krimis des Grafit Verlages habe ich diesmal auch die Anthologie Mord am Hellweg VIII ausgesucht. Bekannte, namhafte Autoren wie Horst Eckert, Sebastiak Fitzek, Arno Strobel, Elisabeth Herrmann und Rainer Wittkamp haben hier mitgewirkt. Aber außerdem noch eine ganze Reihe an Schreibern, die mir persönlich noch nichts sagten. Gerade das hat mich neugierig gemacht.

Zwischen 15 und 20 Seiten sind die Geschichten lang und so fliegt man natürlich als Leser relativ flott durch dieses Buch. Der Vorteil einer Anthologie und Kurzgeschichten ist, dass man immer mal wieder eine Geschichte lesen kann, wenn die Lesezeit nicht so ergiebig ausfällt. Der Nachteil ist, dass, wenn man eben doch mehr Zeit hat und einige Geschichten hintereinander wegliest, man schnell wieder die ein oder andere Handlung aus seinem Hirn radiert. So ging es mir ab und an auch. Geschichten, die mir zwar ganz gut gefielen, aber dennoch irgendwie nicht haften geblieben sind.

Andere wiederum schon. Hier einige kleine Beispiele und Stichpunkte:

Rainer Wittkamps „Das Iserlohner Reinheitsgelübde“ nahm eine Wendung, die unvorhersehbar war und gut rüberkam.

In „Als Allah nach Herdecke kam“ von Christa von Bernutz kommen sowohl die tragische Aktualität der Handlung sowie ein guter Spritzer herrlicher Humor nicht zu kurz. Diese Geschichte hat mir sehr gut gefallen. Ich musste nicht selten schmunzeln. Eine Autorin, die ich mir merke.

Der österreichische Humor in „Danke Kamen – und sorry für den Toten“ von Georg Haderer hat auch wirklich Spaß gemacht.

Das Mädchen vom Wittener Kreuz“ von Matthias Wittekindt hat mich berührt und betroffen gemacht. Eine Geschichte, die einen schalen Nachgeschmack hinterlassen hat.

In „Kein Fall für Hunter“ hat Judith Merchant den Hauptprotagonisten eines bekannten Autorenkollegen zum Leben erwachen lassen. Da ich diese Reihe nicht kenne, hat es bei mir ein bisschen gebraucht, bis ich es kapiert hatte. Gelungen ist diese Geschichte aber sehr.

Sehr gefühlvoll und sanft, ja, teilweise erotisch liest sich die Geschichte „Atmen in Bad Sassendorf“ von Christian Sebastian Henn. Trotz Krimihandlung bringt der Autor hier eine wundervolle Stimmung in seinen Zeilen unter.

Auch die Geschichten der bekannten Herren wie Horst Eckert und Sebstian Fitzek gefielen mir gut. Bei der Story „UNNAtürlich“ von Sebastian Fitzek liefert der Autor seine altbekannten Wendungen, mit denen ich nie rechne, obwohl es sie doch immer wieder gibt. Diese kleinen Verzwickungen haben aber auch großen Spaß gemacht. WhatsApp hat bekanntlich so seine Tücken ….

Horst Eckert war für mich sehr interessant, weil er hier mit „Der Heiler von Hagen“ eine irgendwie so ganz andere Art von Geschichte liefert, als ich sie sonst von ihm kenne. Hat er gut gemacht. Er kann auch ohne Vincent Veih spannendes erzählen.

Elisabeth Herrmann präsentiert in „Letzer Ausstieg Ahlen“ zwei ganz entzückende, alte Damen, die nicht auf den Mund gefallen sind. Eine spritzige Handlung mit Witz.

Ich könnte noch seitenlang weitermachen, ich denke, dass meine Begeisterung ganz gut herauszulesen ist …

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Mein Fazit: Eine tolle, rasante, böse und humorvolle Anthologie bestückt mit kleinen aber sehr feinen Kriminalgeschichten von bekannten und weniger bekannten Autoren. Hier gebe ich sehr gerne eine klare Leseempfehlung.

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© Buchwelten 2016

Finderlohn von Stephen King

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King
Erschienen als gebundene Ausgabe
bei Heyne
insgesamt 544 Seiten
Preis:  22,99  €
ISBN: 78-3-453-27009-1
Kategorie: Thriller

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1978 – John Rothstein, Autor der erfolgreichen Jimmy Gold-Trilogie lebt seit vielen Jahren zurückgezogen und hat lange nichts veröffentlicht. Eines ruhigen Abends dringen drei junge Männer in sein Haus ein und der berühmte Schriftsteller wird brutal ermordet. Kopf der drei Verbrecher ist Morris Bellamy, ein mehr als fanatischer Anhänger des Autors. Und eben der begeht den Mord nicht etwa aus Habgier, sondern einzig und allein aus Rache und Wut darüber, wie der Autor die Trilogie hat enden lassen. Den Wandel, den der Protagonist der Reihe durchlebt hat, konnte und wollte Bellamy nicht akzeptieren, er sah ihn als Verrat an. Als Beute nehmen die Eindringlinge nicht nur eine große Menge Bargeld mit, sondern auch einen kompletten Tresor voller Notizbücher, die Rothstein über Jahre hinweg Seite um Seite von Hand beschrieben hat. Für Bellamy ist dieser Teil der Beute der einzig wichtige. Morris Bellamy vergräbt die gesamte Beute zunächst, weil die Umstände es erforderlich machen und kommt dann, einige Monate später, dummerweise für ein ganz anderes Verbrechen ins Gefängnis. Und dort bleibt er auch die nächsten 28 Jahre.

2009 – Pete Saubers ist ein Junge aus einem eigentlich völlig normalen Elternhaus. Einzig der Umstand, dass sein Vater durch einen Unfall schwer verletzt wurde, bereitet der Familie große Schwierigkeiten. Sie kommen finanziell kaum noch über die Runden und Pete und seine Schwester müssen die Streitigkeiten der Eltern leider immer öfter ertragen. Da kommt Pete sein zufälliger Fund wie ein wahrer Segen vor. Denn Pete findet Bellamys vergrabene Beute durch puren Zufall. Er nutzt zunächst das Geld seines „Schatzes“ dafür, um seine notleidende Familie über die Runden zu bringen.

Nach 35 Jahren wird Morris Bellamy auf Bewährung aus der Haft entlassen. Natürlich will er als erstes nach seiner vergrabenen Beute sehen, denn all die Jahre im Knast hat ihn einzig und allein die Freude auf die ungelesenen Notizbücher aufrecht gehalten. Als er bemerkt, das seine Beute verschwunden ist, macht sich Bellamy auf die Suche. Und natürlich kommt er Pete Saubers auf die Spur. Nun ist Detective Hodges gefragt. Kann der Cop im Ruhestand, der bei Mr. Mercedes schon sehr erfolgreich „ermittelt“ hat, Pete helfen und den irren, fanatischen Anhänger des ermordeten Autors aufhalten ….?

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Der „neue“ King. Man mag ihn oder nicht. Ich mag ihn. Ein mir bekannter King-Fan sagte mal, dass man bei ihm die ersten 100 Seiten getrost überlesen kann, weil er immer erst dann in die Handlung gefunden hat. Bei Mr. Mercedes war das schon ganz und gar nicht der Fall. Da wurde der Leser gleich zu Anfang mit Drama und Chaos, Action und Tod konfrontiert. Auch hier ist das der Fall. King geht es überhaupt nicht ruhig an, sondern kommt direkt zur Sache. Und die ist nicht unbedingt seicht.

Finderlohn ist der zweite Teil um den alternden Detective Hodges, der schon in Mr. Mercedes so brillante Arbeit geleistet hat, nachdem er damals durch den Killer selbst aus seiner Lethargie gerissen wurde. Auch hier spielt Hodges wieder eine große Rolle und wir treffen neben ihm auch weitere Personen wieder, die wir noch aus Mr. Mercedes kennen. Allerdings spielt er erst recht spät eine Rolle.

King beginnt seine Erzählung mit zwei Handlungssträngen in der Vergangenheit. Einmal im Jahre 1978 ff den Strang um Bellamy und dann im Jahre 2009 den Strang um den Jungen Pete Saubers. Wir verfolgen die beiden einige Jahre dann, bevor King dann in die Gegenwart wechselt. Und dies nicht nur in seiner Erzählung, sondern auch in der Zeitform.

Wie die Vorgänger liefert King hier einen Roman, der eher von einer ruhigen, aber sehr dichten und komplexen Stimmung getragen wird. Dennoch gibt es sehr heftige Szenen, die an Blut, Dramatik und Nervenzerren ganz und gar nicht sparen. Ich mag diesen neuen Stil von Stephen King sehr. So hat er bereits „Joyland“ und „Der Anschlag“ geschrieben und nun eben auch „Mr. Mercedes“. Viele mögen dies zu langatmig und zäh finden, mir geht es gar nicht so. Ich tauche in die Geschichte ein, begleite die Protagonisten über viele Jahre, bekomme Einblicke in deren Charaktere, ihr Umfeld und genieße es, mich durch die Geschichte treiben zu lassen. Und ich finde es sehr positiv, dass mir seitdem auch endlich die Enden von Kings Romanen gefallen. Denn die fand ich bei den älteren Werken oft leider mäßig, missglückt oder zu kurz abgefertigt. An ganz vielen Stellen des Romans finden sich sehr gute Aussagen, bezogen auf die Arbeit eines Schriftsteller und die Liebe der Leser. Mich haben diese Stellen immer an sein Buch „Das Leben und Schreiben“ erinnert (ich fand es toll). Ich muss eine kleine Stelle zitieren:

„Eine der beglückendsten Erfahrungen, die man als Leser im Leben machte, war die ein Leser zu sein – also nicht nur lesen zu können ……, sondern in die Tätigkeit als solche vernarrt zu sein. Hoffnungslos. Hals über Kopf. Das erste Buch, das dies zustande brachte, vergaß man nie, und jede einzelne Seite schien eine neue Offenbarung mit sich zu bringen, eine die brannte und begeisterte …“

Eine Kleinigkeit noch: Ich habe bei einer Figur das Gefühl nicht losbekommen, dass Stephen King die Serie Twin Peaks gesehen und gemocht hat. Denn der flippige Englisch Lehrer von Pete Saubers, namens „Ricky the Hippie“ erinnert mich sehr stark an Dr. Jacoby :-). Bauschige Hemden, Schlaghosen und sonstiges Hippie-Outfit haben mich immer genau diese Person sehen lassen …

Mein Fazit: Eine absolut gelungene Fortsetzung von Mr. Mercedes, die mich in einer ruhigen, stimmungsvollen Atmosphäre gefesselt hat. Einerseits kommt der Roman gemächlich daher und andererseits ist er voller dramatischer, heftiger, brutaler und sehr erschreckender Szenen. Die Figuren bieten alles zwischen liebenswert und total irre, sind jedoch charakteristisch alle sehr echt und glaubhaft gezeichnet. Ich freue mich sehr auf den dritten Teil!

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© Buchwelten 2015

Der Seidenspinner von Robert Galbraith

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Der Seidenspinner

Erschienen als gebundene Ausgabe
im blanvalet Verlag
672 Seiten
19,99 €
ISBN: 978-3-7645-0515-8

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Nach dem Fall Lula Landry geht es mit der Detektei von Cormoran Strike immerhin bergauf. Er erhält lukrative Aufträge, seine Büro- und Ermittlungshelferin Robin, die ihm quasi der Himmel geschickt hat, bleibt ihm erhalten und er hat mittlerweile sogar wieder eine Wohnung, sodass er nicht mehr im Büro nächtigen muss. Die Wohnung befindet sich praktischerweise über dem Büro, nicht komfortabel, aber ausreichend und penibel in Ordnung, ganz der alte Soldat eben.

Als die Ehefrau des Autors Owen Quine Strike in seinem Büro aufsucht und um Hilfe bittet, ist sich Cormoran im Nachhinein nicht sicher, warum er den Fall überhaupt angenommen hat. Irgendwie tut ihm diese unscheinbare, mausgraue Autorengattin leid, die sich um ihren Mann sorgt, obwohl er schon mehrfach für einige Tage abgetaucht war. Diesmal sei es anders, behauptet sie. Als Strike seine Ermittlungen aufnimmt, stößt er recht schnell auf interessante und vor allem brisante Informationen. In seinem neusten Werk hat Owen Quine so ziemlich alle Bekannten, Kollegen und Geschäftspartner aufs schärfste verunglimpft. Motive, Quine zum Schweigen zu bringen, haben somit einige Personen in seinem Umfeld.

Quine wird tatsächlich brutal ermordet aufgefunden und es dauert nicht lange, bis sich die ermittelnden Polizisten auf eine Hauptverdächtige konzentrieren. Die Presse schaut den Ermittlern wie immer auf die Finger, somit müssen schnelle Ergebnisse präsentiert werden. Da hilft auch die alte Freundschaft zwischen Cormoran Strike und dem leitenden Kommissar Anstis nicht, um diesen zu überzeugen, auch in einer anderen Richtung zu suchen. Denn Strike ist sich absolut sicher, dass die Hauptverdächtige der Polizei unschuldig ist. Er setzt wieder einmal alles daran, einen vertrackten Fall zu lösen. Und erneut steht im dabei Robin Ellacot tatkräftig, mit eleganter, frischer Schläue und einer Menge gutem Gespür und Gefühl zur Seite.

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Auch der zweite Fall um Cormoran Strike hat mir vom Anfang bis zum Schluss wieder richtig gut gefallen. Der Fall war erneut spannend, fesselnd, kniffelig und voller guter Details aufgebaut. Das Miträtseln hat Spaß gemacht, ich habe natürlich ständig irgendwelche Personen verdächtigt. Aber genau so soll es ja auch sein, bei einem guten Krimi.

Warum J.K. Rowling nach wie vor unter dem Pseudonym Robert Galbraith veröffentlicht, wo sie doch nun auch endlich für ihre Erwachsenenbücher hochgelobt wird, weiß ich nicht. Denn die Enttarnung ist ja nun schon lange vollzogen Vielleicht fühlt sie sich selbst einfach anders, wenn sie unter seinem Namen arbeitet, mag sein. Ich selbst habe die „Potters“ schon sehr gerne gelesen, vor allem die letzteren und ich bin wahrscheinlich eine der wenigen Leser, denen auch der „plötzliche Todesfall“ sehr gut gefallen hat. Ein „sozialkritisches Desaster“ war der Roman für mich garantiert nicht. Im Gegenteil. Aber die Meinungen gehen nun mal auseinander.

Mit Cormoran Strike hat die Autorin nicht nur eine sympathische, sondern auch eher untypische Figur erschaffen. Ein recht unschöner ehemaliger Angehöriger der Army, kriegsversehrt und unehelicher Sohn eines Superstars, der eine Unterbeinprothese trägt und, von seiner langjährigen, temperamentvollen Modelschönheit verlassen, ein eher einsames Leben lebt. Mit Robin Ellacot hat sie ein wunderbar heiteres, ehrgeiziges und liebenswertes Gegenstück erschaffen, das nicht nur Strike den Alltag erhellt. Mir machen die Passagen, in denen Robin dabei ist immer viel Freude.

Der Spiegel schreibt, dass man bei den Romanen eine Menge über Londons öffentlichen Nahverkehr lernt. 🙂 Stimmt, aber nicht nur das. Rowling/Galbraith hat überhaupt eine sehr gute Gabe fürs Detail. Das bezieht sich auf besuchte Orte, wie Pubs, die dem Leser als absolut urig und un-touristisch beschrieben werden. Wohngegenden und Häuser, genauso aber, wenn es um die haargenaue, grausame Beschreibung des ermordeten Autoren geht. Das ist nicht seicht, sondern blutig und krass.

Mein Fazit: 5 Sterne für den zweiten Fall von Cormoran Strike, dem hoffentlich noch eine Menge folgen werden. Ein spannender und nicht absehbar aufgebauter Kriminalfall, der nicht durch ein klassisches Ermittlerteam, sondern durch einen eher Anti-Mainstream-Helden mit einer aufgeweckten Schreibkraft an seiner Seite bearbeitet wird. Sehr gute Charaktere agieren in einer realen Umgebung, die den Leser mitten drin sein lassen. Hier gebe ich gerne ein weiteres Mal eine Leseempfehlung.


Ich danke dem blanvalet Verlag für die Bereitstellung des Leseexemplars.

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© Buchwelten 2014

Carrie von Stephen King

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Erschienen als Taschenbuch
bei Bastei Lübbe
Kategorie: Horror

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Carrie White hat es nicht leicht. Sie ist weder besonders hübsch,, klug, noch reizvoll und wäre eigentlich ein unauffälliges Mädchen, gäbe es da nicht noch diese gefährliche, dämonische Macht die ihr innewohnt und sie beherrscht.

 Ihre Mutter die sie als Satanskind betrachtet, versucht bereits in Carries frühesten Jahren sie in ihrem religiösen Wahn zu töten, woraufhin Carrie in Panik Steine auf das Haus prasseln ließ. Gedemütigt und missachtet durchlebt Carrie ihre Schulzeit.

Die Hänseleien gipfeln in einem unmenschlichen Streich auf dem Schulball, welcher ihr die Kontrolle über ihre Kräfte endgültig entreißt und sie in eine Bedrohung für die Öffentlichkeit verwandelt. Wütend, enttäuscht und mit der Fähigkeit, durch einen einzigen Gedanken ein Inferno zu entfachen, begeht sie ihren Rachefeldzug gegen ihre Peiniger…

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,,Carrie“ ist ein weiterer, ergreifender Roman vom Meister des Grauens – Stephen King. Dies ist kein Horror-Roman, der Blut und rohe Gewalt darstellt. Dennoch quält er den Leser auf unbegreifliche Weise. King schafft es wahrhaftig, die Grenzen zwischen Fantasie und Wirklichkeit verschwimmen zu lassen, so dass ich bereits nach fünf Seiten ein derartiges Mitgefühl für die Protagonistin empfand, dass es mir das Herz brach.

Mobbing und Demütigung sind auch heutzutage erschreckende Realität. Kaum jemand schafft es, sich dagegegen zu wehren und bei Carrie setzt es tatsächlich damönische Kräfte frei. Auch wenn ,,Carrie“ 1974 veröffentlicht wurde, spiegelt King ein noch heute aktuelles Thema in diesem Roman wieder, da in unserer Gesellschaft des Scheins diese unausgesprochene Angst noch immer präsent ist.

King nimmt diese Angst, verpackt sie in einem spannenden Thriller und ‚klatscht‘ sie den Menschen ins Gesicht. In dem Roman erscheinen in regelmäßigen Abständen ‚Berichte‘, ‚Buchauszüge‘ und ‚Interviews‘ über den ,,White“-Fall, welche derartig real und wirklich erscheinen, dass man beinahe glaubt die Geschichte wäre wahrhaftig geschehen.

Mein einziger Kritikpunkt geht an Kings Darstellungsweise von Carries Gedankengängen, die eine wichtige Rolle spielen, aber leider teils einfach in den Text geworfen wurden und nicht als solche gekennzeichnet wurden, so dass es nicht immer erkennbar war, welcher Teil nun erzählt und welcher ein Gedanke war.

Dennoch sorgte Carries Verwirrung für eine selbige bei mir als Rezipient. Man kann dieses Buch kaum aus der Hand legen, da man unbedingt erfahren will, wie die Geschichte des Mädchens ohne Freunde, oder richtige Familie, endet. King weiß, wie er die wunden Punkte seines Publikums gezielt findet und angreift. Respekt.

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Fazit: ,,Carrie“ ist ein weiterer, aber anderer Thriller des berühmten Autors, der die Menschen zum Mitfühlen anregt. Der Roman ist für nahezu jede Altersgruppe geeignet, die dieses Thema verstehen kann und vor allem für jene die den Wert des freundlich Umgangs miteinander verlernt haben. Ich vergebe 4.5 von 5 Sternen für ein ergreifendes Leseerlebnis. Der fehlende halbe Stern ist leider aufgrund der teils verwirrenden Darstellungsform von Caries Gedanken  auf der Strecke geblieben.

© Jasmin Hegmann 2014

Evas Entscheidung von Frank Bresching (4/5)

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Evas Entscheidung Cover
Erschienen als
Taschenbuch
im grafit Verlag
219 Seiten
Preis: 8,99 €
ISBN:  978-3-89425-396-7

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Eva de Boer ist Journalistin und will sich eigentlich im heimischen Arbeitszimmer gerade an die Arbeit machen. Ein Artikel ist zu schreiben, den sie nicht auf die lange Bank schieben will. Dann klingelt das Telefon und in der Leitung ist eine ihr unbekannte Frau, die sich als Julia vorstellt. Die macht Eva auf eine Geschichte aufmerksam, einen Vorfall der ihr selber vor einigen Monaten widerfahren ist. Julia ist Lehrerin und wurde auf einer Klassenfahrt mit K.O. Tropfen betäubt und brutal vergewaltigt.

Eva weiss nicht so genau, warum die Lehrerin ausgerechnet an sie herantritt, ob sie möchte das sie eine Story über das schreckliche Ereignis veröffentlicht. Als Julia Eva dann fragt, wie sie reagieren würde, wenn ihrer eigenen 16-jährigen Tochter etwas derart furchtbares geschieht, wird Eva hellhörig.

Woher weiss diese Frau, dass Eva eine Tochter im Teenageralter hat? Hat sie sich über die Journalistin erkundigt und sie bewusst auserwählt, weil sie hofft sie somit offen für ihre Erlebnisse zu machen? Evas Neugierde ist auf jeden Fall insoweit geweckt, als dass sie sich – trotz wartender Arbeit – auf den Weg zum Alsterpavillion macht um die Lehrerin persönlich zu treffen und sich ihre Geschichte anzuhören …

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Als ich diesen Roman begonnen habe, da fragte ich mich, wo denn hier der Psychothriller bleibt. Viele Seiten lang, um genau zu sein etwa die Hälfte des Buches, erzählt der Autor über das Leben der Lehrerin Julia. Ihre Kindheit, das Aufwachsen ohne Mutter (sie verstarb bei ihrer Geburt), ihren gefühlvollen aber berufstätigen Vater, die herrische Großmutter. Dann geht er über in ihre Studienzeit um dann mit dem Einstieg in Julias Berufsleben als Lehrerin fortzufahren. Ihre ersten Wochen und Monate als Lehrkraft im Gymnasium einer 10. Klasse werden beschrieben. Dann erst beginnt er das Ereignis der Klassenfahrt zu schildern.

Zwischendurch wird im Rahmen des Gespräches zwischen den beiden Frauen auch noch ein Rückblick auf das Leben der Journalistin Eva gegeben, ihre Kindheit als reiche Tochter, deren Jugend und Erwachsenwerden. Doch lange nicht so ausführlich, wie er über Julia erzählt hat.

Ich muss gestehen, dieser erste Teil hat sich für mich etwas hingezogen, mir war das alles recht lang und sehr ausführlich. Das es in dem Roman keine Kapitel, sondern nur lange Teile (Julias Geschichte, Evas Geschichte …) gibt, hat es nicht gerade leichter gemacht. Dennoch habe ich weitergelesen, denn die Neugier auf das was denn nun noch passiert, war natürlich da.

Den krassen Wandel innerhalb der Handlung gab es für mich etwa bei Seite 100, also ungefähr in der Mitte des Buches. Da griffen dann verschiedene Zahnrädchen ineinander und hatten für mich einen absolut überraschenden Effekt. Der Moment der Erkenntnis kam für mich als Leserin wohl genauso krass und überraschend wie für die Protagonistin Eva. Und ab da wurde es dann spannend und der Autor hat den Bogen langsam aber stetig ansteigen lassen.

Im zweiten Teil des Buches hatte ich dann absolute Schwierigkeiten das Buch aus der Hand zu legen und so war ich dann auch recht schnell durch. Der Schluß hatte es in sich. Sowohl was die Handlung angeht, als auch auch das Geschehen innerhalb dieser selbst. Dies fand ich dann auch etwas übertrieben und an den Haaren herbeigezogen, mit war es einfach zu überfrachtet. Das ist auch für mich der Grund „nur“ 4 Sterne zu geben.

Der Schreibstil ist nicht hochwertig, eher einfach, schlicht und leicht verständlich. Dennoch sehr flüssig und angenehm zu lesen.

Was ich wiederum sehr gut fand war, wie es der Autor geschafft hat, die Gefühlswelt von weiblichen Vergewaltigungsopfern darzustellen und sich als Mann in diese Situationen hineinzuversetzen. Die Ängste, Selbstvorwürfe, sogar Schuldgefühle der Opfer hat er absolut authentisch beschrieben, die mich mitgerissen haben. Mein grosses Lob dazu an dieser Stelle.

Der Autor hat einige falsche Fährten gelegt, so dass man natürlich als Leser mitfiebert, was denn dort nun auf der Klassenfahrt geschehen ist und wer der Täter war.

Das Buch präsentiert der grafit Verlag im Taschenbuch, wie immer schlicht und in schwarz mit einem dezenten Cover. Einfach aber ansprechend, der Wiedererkennungswert der Taschenbücher von grafit gefällt mir sehr.

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Mein Fazit: 4 von 5 Sternen für ein schlimmes Thema, welches der männliche Autor aus Sicht eines weiblichen Opfers sehr gut dargestellt hat. Es geht ein wenig langatmig an, nimmt dann aber im zweiten Teil eine spannende, fesselnde Wendung. Das Finale war für mich ein wenig überladen, was jedoch Ansichtssache ist. Empfehlen möchte ich diesen Roman dennoch unbedingt.

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Ich danke dem grafit Verlag für die Bereitstellung des Rezensionsexemplars.

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Buchwelten 2012

Ich bin Herr deiner Angst von Stephan M. Rother (5/5)

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Erschienen als
Taschenbuch
im  Rowohlt Verlag
576 Seiten
Preis: 9,99 €
ISBN:  978-3-499-25869-5

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Jörg Albrecht ist leitender Ermittler in einem Hamburger Kommissariat. An seiner Seite arbeitet Hannah Friedrichs, etwas jünger als er und mit einem ähnlichen Verstand und Bauchgefühl ausgestattet wie Albrecht. Darum ergänzen die beiden sich wunderbar, verstehen sich oft ohne Worte.

Als die beiden an den Tatort in einem exklusiven Club im Hamburger Rotlichtviertel gerufen werden, sind jedoch auch die beiden sehr erfahrenen Polizisten extrem geschockt. Das Opfer ist ihr Kollege. Gefesselt an einen ehemaligen Gynäkologenstuhl und auf das grausamste verstümmelt. Albrecht selber war es, der den Kollegen der kurz vor seiner Pensionierung stand, zu dieser verdeckten Ermittlung geschickt hat. Nicht 24 Stunden später wird ein weiteres Mitglied aus Albrechts Team ermordet aufgefunden.

Diesmal handelt es sich um eine schwangere Kollegin, die an gefährlichen Einsätzen gar nicht mehr beteiligt war und auf dem Weg zu einer Freundin war. Sie kam dort nie an und Jörg Albrecht und Hannah Friedrichs stehen völlig unter Druck. Zwei Morde in der kurzen Zeit innerhalb der Polizei. Die einzigen wenigen Spuren die die Ermittler haben führen zum „Traumfänger“ Mörder. Er hat vor ca. 24 Jahren seine Opfer getötet, indem er sie mit ihren schlimmsten Ängsten konfrontierte. Der Täter, einst ein angesehener Psychologe, hat diese Handlungen aber nicht als Morde, sondern als hochwissenschaftliches Experiment angesehen. Doch dieser Mann sitzt nach Verbüßung seiner Haftstrafe nun in der psychiatrischen, geschlossenen Sicherheitsverwahrung ein.

Handelt es sich um einen Trittbrettfahrer? Oder zieht der „Traumfänger“ aus der geschlossenen Abteilung heraus weiter seine Fäden und lässt die Kollegen Albrechts ermorden? Jeder aus Albrechts Team könnte der nächste sein …

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Spannung ist bei diesem Roman garantiert. Das Konzept dieses Thrillers ist ein außergewöhnliches, das mich als Leser absolut gefesselt hat. Der Schreibstil gefiel mir sehr gut, der Roman ließ sich sehr flott lesen und es gab keine Stolpersteine.

Aufgebaut ist der Roman in verschiedene Sichtweisen. Wenn die Ermittlerin Hannah Friedrichs erzählt, dann ist er in der Ich-Form geschrieben. Der Teil der Jörg Albrecht behandelt, ist zwar aus seiner Sicht, aber dennoch in der Erzählerform verfasst. Wenn die beiden gemeinsam unterwegs sind, dann wird auch in der Erzählerform geschrieben. Und dann gibt es immer noch die Zwischenspiele, denen man erst ab einer gewissen Stelle im Buch folgen kann. Vorher habe ich sie gelesen, gegrübelt, aber hingenommen.

Die beiden Protagonisten sind sehr gut ausgearbeitet und der Leser bekommt einen tiefen Einblick in das Innenleben beider. Die Morde  und deren Opfer sind recht haarklein erklärt, also nichts für ganz so zart besaitete Leser. Sie sollten schocken, das haben sie auch. Auf die Verknüpfung mit dem Traumfänger Fall, auf den ja in der Inhaltsangabe bereits hingewiesen wird, kommen die Ermittler erst (auf Umwege) kurz vor der Hälfte des Buches. Dennoch kommt an keiner Stelle Langeweile oder eine träge Phase auf.

Gegen Ende des Buches bekommt die Handlung ein wenig von Hannibal Lecter, doch auch wenn ich darauf hinweise, so ist es letztendlich völlig anders aufgebaut und gelöst. Mich hat es eben lediglich ein bisschen daran erinnert. Auch die Auflösung des Falles war, trotz vieler Puzzleteile nicht unverständlich oder unlogisch.

Zum Cover kann ich nicht viel sagen, denn mein Leseexemplar hat keines 🙂 Doch die 3D Schrift des Titels wirkt auch in schwarz-weiß sehr gut. Je länger man hinschaut, desto mehr schwimmen die Augen.

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Mein Fazit: 5 von 5 Sternen für einen gut und anders konzipierten Thriller, der es in sich hat. Stephan M. Rother hat ein Buch geliefert, dass es schafft zu fesseln und ich nur empfehlen kann.

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Zum Roman gibt es außerdem eine eigene Internetseite, ein Besuch ist sicherlich nicht uninteressant:
Ich bin Herr deiner Angst.de 

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Ich danke dem Rowohlt Verlag für die Bereitstellung des Rezensionsexemplars.

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© Buchwelten 2012

Mund zu Mund von Michael Kimball (5/5)

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Erschienen als
gebundene Ausgabe
Diana Verlag
494Seiten
ISBN:  978-3828400368

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Ellen Chambers, eine attraktive Mittdreißigerin ist hauptberuflich Lehrerin und züchtet in ihrer Freizeit Schafe. Gemeinsam mit ihrem Mann Scott lebt sie auf einer großen Farm etwas außerhalb des Ortes. Scott, mit dem sie seit ihrer Jugend zusammen ist, führt ein Haushaltswarengeschäft, das leider kurz vor der Pleite steht. Von dem dynamischen Jungunternehmer, der er zur Zeit ihres Kennenlernens war, ist nicht mehr viel übrig geblieben. Immer öfter ist er früh angetrunken, Scott denkt der Alkohol würde seine Probleme lösen.

Die gemeinsame Tochter, Maureen, ist gerade einmal 17 Jahre alt und schwanger von Randy. Einem undurchsichtigen, arroganten, aufbrausenden Typen, der Ellen mehr als nur missfällt. Aber Maureen liebt ihn über alles und in die bevorstehende Hochzeit lässt sie sich nicht hereinreden, zumal Scott eine recht positive Einstellung zu dem zu seinem zukünftigen Schwiegersohn hat.

Während der Hochzeitsfeier von Maureen und Randy, die auf der elterlichen Farm stattfindet, taucht auf einmal ein junger Mann auf. Es stellt sich heraus, dass es Neal ist, der Neffe von Scott. Sohn seines verstorbenen Bruders.

Ellen kommen plötzlich lang vergrabene Erinnerungen wieder in ihr Bewusstsein. Denn vor vielen, vielen Jahren hat Ellen ihren Mann gemeinsam mit ihrer Schwägerin (Neals Mutter) im Schafzimmer erwischt. Ellen war wegen eines Sturms früher nach Hause gekommen um sich um die Schafe zu kümmern. Dieser Seitensprung hatte damals verheerende Folgen.

Auch wenn Ellen damals glaubte ihrem Mann verzeihen zu können, vergessen konnte sie ihm diesen Betrug nie.

Da Maureen nach der Hochzeit nicht mehr auf der elterlichen Farm lebt, sondern mit ihrem Ehemann in ein gemeinsames Haus eingezogen ist, überlegen Scott und Ellen nicht lange, als Neal ihnen anbietet einige Tage auf der Farm zu wohnen um die verfallene Scheune wieder aufzubauen. Er zeigt ihnen ein Foto, auf dem eine wunderbare, große Scheune zu sehen ist. Eben diese will er für seine Tante und Onkel auch bauen und zwar innerhalb von 12 Tagen.

In diesen 12 Tagen entwickelt sich zwischen Ellen und Neal eine Beziehung, die über die familiären Gefühle hinausgeht. Ellen fühlt sich immer mehr zu Neal hingezogen und auch ihr Neffe scheint dasselbe zu empfinden. Was in nächtlichen Fantasien beginnt wird nach und nach immer realer und greifbarer und schließlich können beide, trotz des Altersunterschiedes, nicht mehr widerstehen. Es gelingt ihnen nicht, die offensichtliche Anziehungskraft zu unterdrücken.

Als es während Reparaturarbeiten am Damm auf der Farm zu einem schrecklichen Unfall kommt, überschlagen sich plötzlich die Ereignisse. Familienmitglieder werden zu Verdächtigen, die Polizei ermittelt und die Gefahr, die wie eine dunkle Wolke über der Farm schwebt, wird immer größer …

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Bestellt habe ich dieses Buch auf Empfehlung meines Lebensgefährten, da er während des Lesens immer wieder sagte „Das wäre ein Buch für dich“, „Das würde dir gefallen“ und „Die erotischen Szenen sind wahnsinnig gut geschrieben!“.
Nun er kennt mich und das was ich gerne lese sehr gut und daher hatte er meine Neugierde geweckt und ich habe das Buch relativ schnell nachdem es eingetroffen war gelesen. Es lag nicht mal mehrere Wochen in meinem SUB, wo manch anderes Buch auch schon einmal Jahre darauf wartet gelesen zu werden.

Ich konnte mit dem Titel „Mund zu Mund“ und den beiden sich liebkosenden Steinfiguren auf dem Cover nicht viel anfangen und wusste mir nichts Wirkliches von der Handlung vorzustellen.

Die Bedeutung des Titels hat sich mir auch jetzt noch nicht eröffnet, ich denke mir natürlich was es bedeuten könnte, aber sicher bin ich mir nicht.

Die Geschichte beginnt ruhig und leise aber dennoch ist ein ständig greifbares Knistern spürbar. Im Laufe der Handlung entwickelt sich der Roman allerdings zu einem extrem spannenden Thriller mit sich immer wieder auftuenden Situationen und Erkenntnissen, die es mir sehr schwer gemacht haben, das Buch aus der Hand zu legen.
Als kleiner Vergleich passt eventuell: Das Buch beginnt in einer Stimmung wie bei „Die Farm“ von John Grisham und entwickelt sich zu so etwas wie „Feind in meinem Bett“. Der Vergleich mag ein wenig hinken aber ich denke, er trifft es ganz gut.

Der Autor schreibt in einem sehr guten Schreibstil, wobei der nicht einmal extrem gehoben oder in besonders verschachtelten Sätzen geschrieben ist. Er hat es eher geschafft eine Atmosphäre zu schaffen, die das Buch wie einen Film erleben lässt. Ich habe den Wasserfall gehört, die Schafe und das frische Holz der Scheune gerochen und die Farm gesehen.

Die erotischen Szenen, die ich eben angesprochen habe, sind wirklich fantastisch geschrieben. Nicht extrem oder gar pornografisch. Einfach nur schön, leidenschaftlich, voller Gefühl und Elektrizität. Es ist erstaunlich wie ein Mann es schafft, die Gefühle, Wünsche und Gedanken einer Frau so zu Papier zu bringen.

Ich bin kein Mensch, der sich speziell erotische Literatur kauft, es aber natürlich auch mag solche Szenen zu lesen, wenn sie denn schön und sinnlich sind. Und das waren sie.


Gleichseitig steigt der Spannungsbogen immer wieder ein Stückchen weiter und die drohende Gefahr wächst immer mehr heran.

Wie Kimball die Charaktere ausgearbeitet hat, hier meine ich nicht nur die Protagonisten Ellen und Neal, sondern auch Scott oder die Tochter Maureen, war sehr gute Arbeit. Die dunklen Geheimnisse eines jeden, die nach und nach unerwartet ans Tageslicht kommen hätte ich nicht erwartet.

Überhaupt war die Handlung des Buches bis zum Schluss nicht vorhersehbar und eben dieser hatte es dann auch in sich. Der ist dann vielleicht nicht nach jedermanns Geschmack geschrieben aber für mich passte er in die Handlung und hat ein verdientes Finale geboten.

Für mich ist dieses Buch in die Abteilung meiner Lieblingsbücher gewandert. Ich werde es ganz bestimmt noch einmal lesen und ich kann ohne schlechtes Gewissen eine Leseempfehlung aussprechen.

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Mein Fazit: Volle 5 von 5 Punkten für einen Roman, voller Gefühl, Spannung, Gefahr und Dramatik, die eigentlich „nur“ eine leise, ruhige und farbenfrohe Familientragödie ist, für mich aber ganz klare Thrillerqualitäten besitzt.

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© Buchwelten 18.02.2012

MR. SHIVERS von Robert Jackson Bennett (5/5)

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Erschienen als
Taschenbuch im „ROUGH CUT
bei PIPER
12,95 €
ISBN: 978-3-492-26753-3

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Mr. Shivers erzählt den Weg von Michael Connely durch das verödende Land Amerikas auf der Suche nach dem Mörder seiner Tochter Molly. Er will seine Tochter rächen, will den Mann, der ihm das wichtigste in seinem Leben genommen hat, tot sehen.

Dafür nimmt er einen wahrlich schweren Weg auf sich. Er zieht als Landstreicher (Hobos werden sie genannt) in Richtung Westen. Teilweise springt er auf Züge auf und fährt gemeinsam mit den vielen Wanderarbeitern ein Stück mit. Große Teile des Weges muss er zu Fuss gehen.
Das Land hat es schwer in diesen Tagen, eine andauernde Dürre lässt es vertrocknen und so verlassen Unmengen an Menschen ihre Städte und Orte um in einem anderen Teil des Landes Arbeit zu suchen. Connelly trifft auf seiner Reise eine Gruppe Männer, die ebenso Mr. Shivers verfolgen. Auch ihnen hat der Narbenmann mit dem grauen, geflickten Mantel einen lieben Menschen genommen.
Obwohl Connelly ein stiller und in sich gekehrter Mann ist, schließt er mit ihnen eine Freundschaft und sie gehen den weiteren Weg gemeinsam. Immer wieder fragen sie die Leute in den Lagern der Landstreicher oder den fast verlassenen Städten  nach Mr. Shivers,  gesehen haben ihr viele, aber sie alle scheinen Angst zu haben und sehr ungerne über ihn zu sprechen, diesen Mann mit dem vernarbten Gesicht, dass ihn erscheinen lässt, wie einen grinsenden Clown. Aber Connelly gibt nicht auf, er will ihn finden und er will ihn töten ….

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Zunächst einmal wird das Taschenbuch vom Verlag wieder im Rough-Cut präsentiert. Erstmalig hat Piper die Dan Wells-Reihe in diesem Design angeboten und es gibt dem Buch ein besonderes Erscheinungsbild (Mr. Shivers ist aber kein Thriller!). Die unregelmässig geschnittenen Seiten haben schon was. Das Cover ist in seinen Grüntönen eher dezent gehalten aber der verschwommene, wanderne Mann und die geprägte Schrift passen gut zum Thema.

Mr. Shivers ist das Debüt von Robert Jackson Bennett und er wird auf der Rückseite des Buches mit Stephen King und Neil Gaiman verglichen. King kommt hin, denn mein erster Gedanke war: Das erinnert mich an Schwarz, dem ersten Teil der „Dunklen Turm-Reihe“, ist nur besser geschrieben. Aber die Reise von Connelly durch die trocken Weiten und Ebenen des Landes, Gespräche am Lagerfeuer und die Jagd auf einen dunklen Mann, dass ähnelt doch sehr.
Bennett hat einen Schreibstil, der fesselt und mich immer hat weiterlesen lassen. Er schreibt anspruchsvoll und ist für mich eher mit der visionären Art von Clive Barker vergleichbar. Die Geschichte hat sehr viel Hintergrund und eine wirkliche Botschaft, vorallem das Ende hat mir absolut gut gefallen. Nicht absehbar und dennoch so logisch.

Innerhalb des Romans geht es um sehr viel Zwischenmenschliches, es werden viele – auch tiefgründige – Unterhaltungen zwischen den Protagonisten geführt und das hat mich sehr angesprochen. Natürlich kommen auch die abenteuerlichen Szenen nicht zu kurz und es fliesst auch eine Menge Blut. Zarte Leser, die ein paar „Splatter“ – Elemente nicht so gerne lesen, sollten vorgewarnt sein :-). Mich selber hat es überhaupt nicht gestört, im Gegenteil, es gehörte zur Story und eine Kürzung oder Streichung dieser Stellen hätten sie amputiert.

Ich habe knappe 300 der 400 Seiten an meinem freien Tag weggelesen, das heisst, es hat mich gefesselt. Die relativ dicken, nicht so voll beschriebenen Seiten lassen sich aber auch sehr flott lesen.

Mein Fazit: Dieses Debüt bekommt von mir die volle Punktzahl. Ein Roman, der als Rachefeldzug beginnt aber letztendlich eine echte Botschaft rüberbringt. Absolut empfehlenswert für Fans von Clive Barker und auch Stephen King.

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Noch eine kleine Information zum Autor vom PIPER Verlag:

Robert Jackson Bennett wurde für sein Debüt „Mr. Shivers“ mit dem Shirley Jackson Award 2010 ausgezeichnet. Er gewann als bester Roman in den Genres Psychological Suspence, Horror und Dark Fantastic und konnte sich gegen hochkarätige Konkurrenz durchsetzen.

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Ich danke dem PIPER Verlag für die Bereitstellung des Rezensionsexemplares.

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© Buchwelten 2011