Joe von Larry Brown

joe

Erschienen als gebundene Ausgabe
im Heyne-Verlag
insgesamt 345 Seiten
Preis: 22,00 €
ISBN: 978-3-453-27176-0
Kategorie: Belletristik, Thriller, Drama

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Joe Ransoms Leben besteht aus regelmäßigem Alkoholkonsum, einer kaputten Ehe und Gewalttätigkeiten. Als er dem fünfzehnjährigen Gary einen Job in seinem Forstbetrieb anbietet, erwacht der Beschützerinstinkt in Joe. Denn Garys Eltern sind alkohol- und drogensüchtige Herumtreiber, die keinerlei Rücksicht auf das Wohl ihrer Kinder nehmen. Joe fühlt sich immer mehr verpflichtet, sich um Gary zu kümmern, damit dieser eventuell einen besseren Weg als seine Eltern einschlagen kann …

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Larry Browns zweiter ins Deutsche übersetzte Roman „Joe“ kann in der gleichen Art wie sein Vorgänger „Fay“ von der ersten Seite an uneingeschränkt überzeugen. Brown schafft schon bei seinen ersten Kapiteln eine unglaublich dichte und realitätsnahe Atmosphäre, der man sich absolut nicht mehr entziehen kann. man fühlt mit den Protagonisten und möchte wissen, wie es ihnen weiter ergeht, wie sie es schaffen, in ihrer rauen Welt zu überleben. Wahnsinn, wie intensiv Larry Brown die Gedankenwelt seiner Protagonisten und die Umgebung, in der sie leben, beschreibt. Man riecht den Dreck, spürt die unangenehmen Seiten eines solchen Lebens während des Lesens und möchte nur allzu gerne in die Handlung eingreifen und seine Hilfe anbieten. „Joe“ schließt sich nahtlos in seiner Machart an „Fay“ an, der mich übrigens seinerzeit in gleicher Weise begeistert hat.

Larry Brown wirft seine Leser in eine triste, unangenehme Welt voller Alkohol- und Gewaltexszesse, in der man sich dennoch unglaublich wohl fühlt, weil man eine ungeheuerliche Nähe zu den Personen (den Vater einmal ausgenommen) bekommt. „Joe“ ist ein äußerst deprimierendes Werk, das im Grunde genommen trostloser nicht sein kann. Larry Browns brutale, asoziale Welt beinhaltet aber auch auf wundersame Weise Romantik, Nostalgie und auch irgendwie Hoffnung, wenngleich diese sehr schwer aus den Zeilen herauszulesen ist. Letztendlich überwiegt die schonungslose Hoffnungslosigkeit in dieser Geschichte. Und am Ende weiß man, dass es niemals so etwas wie ein Happy End für die Protagonisten geben wird. „Joe“ ist aber auch eine Geschichte über „falsche“, unfähige Eltern und einen Mann, der versucht, seine eigenen Fehler wieder gut zu machen, in dem er einem Jungen hilft, der ein besseres Leben verdient hat. Es ist erstaunlich, wie detailliert und bildhaft Larry Brown die Welt der untersten Schicht darstellen kann, so dass man ihm jedes, wirklich jedes, Wort und Geschehen abnimmt. Die Dialoge zwischen den Personen wirken teilweise so realitätsnah, dass man meint, einen Tatsachenbericht zu lesen.

Es ist schon verwunderlich, dass Romane wie dieser und Autoren wie Larry Brown relativ erfolglos sind. Vor allem durch den sehr direkten, aber wunderbar flüssigen Schreibstil und die hervorragende Ausarbeitung seiner Charaktere hätte Brown ein Millionenpublikum verdient. Ebenso wie übrigens die kongeniale Verfilmung dieses Romans durch Regisseur David Gordon Green mit Nicholas Cage in der Rolle des Joe Ransom. Cage ist diese Rolle wie auf den Leib geschrieben und vielleicht hatte Larry Brown ihn sogar vor Augen, als er seinen Roman schrieb, denn angeblich war Cage sein Lieblingsschauspieler. Roman und Film ergänzen sich hervorragend und vermitteln beide das gleiche trostlose Bild jener unteren Bevölkerungsschicht, in der nur das eigene Überleben und Wohlergehen zählt. Ich freue mich wahnsinnig, dass Heyne diesen wunderbaren Schriftsteller entdeckt hat und in ihrer Reihe „Heyne Hardcore“ veröffentlicht. Larry Brown macht, trotz seiner deprimierenden Geschichten, einfach süchtig und ich hoffe, dass uns der Verlag noch viele seiner Bücher beschert. Ein paar Romane und einige Kurzgeschichten hat er schließlich verfasst, die darauf warten, ins Deutsche übersetzt zu werden. Die immer wiederkehrenden Vergleiche mit William Faulkner oder Flannery O’Connor kann man ohne weiteres auf gewisse Art und Weise bestätigen, aber letztendlich besitzt Larry Brown einen unvergleichlichen, eigenen Stil, der seinesgleichen sucht. Interessant ist übrigens auch die Verbindung zwischen „Joe“ und „Fay“, die Browns Universum sozusagen ergänzt, erweitert, ja vervollkommnet. Ich bin schon wirklich sehr auf weitere Werke dieses leider viel zu früh verstorbenen Autors gespannt.

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Fazit: Trostlos, düster, ohne jegliche Hoffnung und dennoch in widersprüchlicher Weise voller Romantik.

© 2018 Wolfgang Brunner für Buchwelten

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Der Preis des Todes von Horst Eckert

Der Preis des Todes

Erschienen als gebundene Ausgabe
im Wunderlich Verlag
416 Seiten
19,95 €
ISBN:  978-3805200127

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Sarah Wolf, Journalistin, Produzentin und Moderatorin ihrer eigenen Polit-Talkshow ist seit einigen Monaten mit dem attraktiven und äußerst liebenswerten Staatssekretär Christian Wagner liiert. Sie glaubt, dass sich die Beziehung zu etwas ernsterem entwickelt und sieht der Zukunft sehr positiv entgegen.

Eben dieser Staatssekretär steht zwar derzeit unter Beschuss, da ihm Lobbyismus vorgeworfen wird, weil er angeblich die Machenschaften des Krankenhauskonzerns Samax AG unterstützt. Dabei ist er lediglich ehrenamtlich für eine Stiftung des Konzerns tätig und hat sich ansonsten komplett heraus gezogen.

Währenddessen taucht am Unterbacher See in Düsseldorf die Leiche einer jungen Frau auf. Der Kommissar Paul Sellin, sterbenskrank vom Krebs zerfressen, setzt alles daran den Mörder der jungen Frau zu finden. Hat er es sich vor Jahrzehnten mit seiner eigenen Tochter verscherzt, will er zumindest dieser jungen Frau posthum gutes tun. Er weiß, dass dies sein letzter Fall ist und gibt alles, was er noch kann.

So kommt es, dass Sellin herausfindet, dass die Tote vom Unterbacher See vor ihrem Tod in Kontakt stand mit Christian Wagner, eben dem Staatssekretär, mit dem die Journalistin liiert war. Doch leider kann Sellin diesen nicht mehr zu dem Treffen befragen, denn der Staatssekretär wird tot in seiner Wohnung aufgefunden und es deutet alles auf Selbstmord hin.

Sarah Wolf glaubt jedoch nicht an Selbstmord, darum beginnt sie selbständig zu ermitteln und zu forschen. Und sie trifft auf Unterlagen, die auf ein Flüchtlingsslager in Kenia hinweisen. Kannte Sarah Wolf „ihren“ Staatssekretär wirklich? Oder war er doch ein ganz anderer, als er vorgab …..

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Horst Eckert ist für mich immer wieder ein Faszinosum. Denn eigentlich können mich weder die Politik, noch Politthriller fesseln. Doch bei Horst Eckert ist alles schlicht, einfach und geradeaus geschrieben. Alles verständlich und klar. Und das eigentlich schlimmste ist, dass man liest und sich denkt: das ist so. Das ist real. Genau so kann es sich zutragen. Also der Hinweis: starker Realitätsbezug trifft hier voll ins Schwarze.


Horst Eckert hat hier offensichtlich wieder aufs genaueste recherchiert, ob er selbst in Kenia war, weiß ich nicht, ich kann mich nicht an derlei Fotos in den sozialen Netzwerken erinnern, dennoch liest es sich so. Das Flüchtlinsglager Dadaab gibt es wirklich und als ich die Suchmaschine dazu befragte, sah ich genau die Bilder, die mir mein Kopf vorab zeigte. Und genau diese Machenschaften traue ich der Menschheit ohne weiteres sofort zu.

Dieser Roman steht eigenständig und hat nichts mit seinem Ermittler Vincent Ceh Veih zu tun. Dennoch treffen wir auf alte Bekannte, denn die Amtshilfe in Düsseldorf übernimmt u.a. Anna Winkler. Auch ein kleiner Hinweis auf den Vorgänger-Roman hat Eckert geschickt mit einfließen lassen.

Die Protagonisten hat Horst Eckert sehr gut ausgearbeitet und mit ihnen interessante Charaktere erschaffen. Ich mochte sie gut leiden und habe mit ihnen gelitten und gefiebert.

Auf die Handlung gehe ich näher natürlich nicht ein, bezüglich Spoilergefahr. Ein erster kleiner Aha-Effekt stellte sich bei mir auf Seite 148 ein (sehr gut!) und einen kleinen Nebenstrang hatte ich flott erkannt. Die sonstigen roten Fäden waren wieder einmal sehr geschickt ausgeworfen und zu guter Letzt so verwoben, dass alles passte und ungemein gut überlegt war.

Ich bin wirklich gespannt, wann sein erster Politthriller verfilmt wird (okay, wenn sich jemand herantraut, oder es gezeigt werden darf 😉 )

Mein Fazit: Sehr spannend, skrupellos, brutal und einfach nur erschreckend realitätsnah. Horst Eckert in Hochform.

© Buchwelten 2018

Der Sternenturm von William R. Forstchen

sternenturm

Erschienen als Taschenbuch
im Festa-Verlag
insgesamt 573 Seiten
Preis: 13,95 €
ISBN: 978-3-86552-375-4
Kategorie: Science Fiction

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Mit einer 36.000 Kilometer hohen Säule ins Weltall  Die Wissenschaftler Gary und Eva Morgan wollen eine 36.000 Kilometer hohe Säule ins Weltall bauen. Damit könnte die Menschheit die weltweite Energieknappheit und das Problem der globalen Erwärmung in den Griff bekommen.  Die Morgans halten trotz Schwierigkeiten an ihrem Traum fest und schaffen es mit Hilfe eines Milliardärs, das gewaltige Projekt in Angriff zu nehmen. Doch die Politik ist nicht begeistert über diesen wichtigen Schritt der Menschheit …

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In gewohnter, anspruchsvoller Qualität entführt Forstchen mit seinem neuen Roman in eine Zukunftswelt, die vielleicht morgen schon Wirklichkeit sein könnte. Als Verbeugung vor dem großartigen Arthutr C. Clarke, der die Idee eines Sternenturms bereits 1979 in seinem Roman „Fahrstuhl zu den Sternen“ aufgriff, beschreibt Forstchen dieses Abenteuer auf seine persönliche Art und Weise. Wie bei jedem seiner Bücher schafft es der amerikanische Historiker und Schriftsteller von der ersten Seite an, den Leser in seinen Bann zu ziehen. Es fällt wirklich schwer, das Buch aus der Hand zu legen, weil man so tief in der realitätsnahen Story drinsteckt, dass man unbedingt wissen will, wie es weitergeht. Auf populär-wissenschaftliche Weise erklärt Forstchen, wie so ein Projekt vonstatten gehen könnte und kreiert Personen und Charaktere, die man schon bald für echt hält.

Forstchen weiß, wie man wissenschaftlich fundierte Geschichten schreibt und dabei unterhält. An manchen Stellen erinnert das Ganze an Michael Crichton, aber Forstchen hat seinen ganz eigenen Stil. Ähnlich wie Stephen Baxter, Arthur C. Clarke, Gregory Benford, David Brin oder Larry Niven bringt uns der Autor an Orte, die noch nie eines Menschen Auge erblickt hat. Der Leser nimmt teil an einem gigantischen, die menschliche Vorstellungskraft sprengenden Projekt teil. Es hat schon fast Kultcharakter, was Forstchen mit „Der Sternenturm“ geschaffen hat. Die viele Jahre umfassende Vorbereitung, die auftretenden Probleme, die weltumspannenden Auswirkungen eines solchen Unternehmens werden von Forstchen derart glaubhaft dargestellt und beschrieben, dass man manchmal vergisst, einen fiktiven Roman zu lesen. Das nenne ich „echte“ Science Fiction, fernab von Raumschiffschlachten und Aliens (was ich allerdings auch mag 😉 ), sondern eine Geschichte, die auf aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnissen basiert. Ich habe „Der Sternenturm“ genossen und hoffe, dass der Festa-Verlag noch weitere Bücher dieses tollen Schriftstellers auf den Markt bringt.

Die Charaktere sind sehr emotional und detailverliebt beschrieben, so dass man meint, sie persönlich zu kennen. Der lange Weg, den man mit diesen Protagonisten geht, findet in einem durchaus logischen Finale ein würdiges Ende. Es fällt schwer, die Familie Morgan, ihre Freunde und den Turm zu den Sternen am Ende zu verlassen. Zu wohl hat man sich in der Geschichte gefühlt und mit den Protagonisten mitgefiebert.  Auch wenn es dem ein oder anderen Leser mit Sicherheit zu ruhig ist, so empfand ich Forstchens literarische Verbeugung vor Arthur C. Clarke extrem spannend. Hinzu kommt der angenehme und  äußerst flüssige Schreibstil des Autors. Auch seine Dialoge sind wirklichkeitsnah und erwecken niemals einen übertriebenen Eindruck. Forstchen beweist mit diesem Roman wieder einmal, dass er ein richtig guter Geschichtenerzähler ist.

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Fazit: Durchdachter und wissenschaftlich fundierter (und vor allem nachvollziehbarer) Blick in eine vielleicht gar nicht mehr so weit entfernte Zukunft. Forstchens spannender Wissenschafts-Science Fiction-Roman ist Unterhaltung auf hohem Niveau.

© 2015 Wolfgang Brunner für Buchwelten