Das Phantom der Oper von Gaston Leroux

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Mysterienroman / Klassiker
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Im Pariser Opernhaus scheint ein Phantom auf die übelste Art und Weise sein Unwesen zu treiben. Es erpresst die neuen Leiter des Opernhauses auf heimtückische Art und sorgt für großen Aufruhr unter dem kompletten Stamm des Hauses. Auch Tote gibt es.

Die Sängerin Christine Daaé scheint dem Phantom sehr am Herzen zu liegen. Er setzt alles daran, die schöne Sängerin zu umwerben und sie zum großen Star zu machen. Er unterrichtet Daaé in ihrer Garderobe und sie feiert große Erfolge auf der Bühne des Hauses.

Doch dann trifft Christina Daaé den Freund ihrer Kindheit, den Vincomte de Chagny wieder und sie verliebt sich in ihn. Raoul, der Vincomte, ist oft verwirrt über die flatterhafte Art und Weise seiner Jugendfreundin und als sie ihm die Geschichte ihres „Engels der Musik“ (so nennt sie das Phantom) erzählt, versteht er ihr Handeln. Die beiden hecken einen Plan aus und wollen so dem Einfluss des seltsamen Wesens entkommen. Doch das Phantom will sich Christine Daaé nicht nehmen lassen ….

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Als ich in der Musicalaufführung des Phantom der Oper war, war ich total begeistert, kannte aber (logischerweise) die Handlung überhaupt nicht. Sicherlich versteht man eine ganze Menge, wenn man der Aufführung beiwohnt, jedoch wollte ich die gesamte Geschichte kennen. Darum habe ich mir das Buch aus unserer Bibliothek genommen und den Roman gelesen.

Für mich ist diese Art Roman, nämlich ein echter Klassiker, eher eine seltenere Lektüre. Bislang habe ich in dieser Art nur Bram Stokers „Dracula“ gelesen und der Schreibstil ist natürlich ein anderer als heute. Daran musste ich mich zunächst einmal gewöhnen.

Mir hat die Geschichte aber sehr gut gefallen. Der Autor lässt seine Handlung fast komplett unter dem Dach des Pariser Opernhauses spielen. Und zwar ca. 16 Stockwerke in die Höhe und 6 Stockwerke in die Tiefe. In dieser Art und Weise hat auch Victor Hugo seinen Roman in Notre Dame geschrieben. Hier fand auch die gesamte Handlung in der Kirche statt.

Ich habe vieles erfahren, was im Musical nicht vorkam, was mich doch um einiges schlauer gemacht und mir einige Szenen im Nachhinein besser verständlich gemacht hat. Im Deutschen heißt ein Lied „Engel der Muse“, im Original jedoch „Engel der Musik“, was absoluten Sinn ergibt, wenn man den Roman gelesen hat.

Die Figuren waren sehr gut beschrieben und die Charaktere stark ausgearbeitet. Es geht stellenweise sehr mystisch und dramatisch zu, was für die damalige Zeit schon eher selten war.

Mit hat der Roman großen Spaß gemacht und ich werde demnächst bestimmt noch weitere Klassiker lesen (u.a. Frankenstein oder endlich einen Roman von Wilkie Collins).

** Ich habe eine alte gebundene Ausgabe aus dem Jahre 1968, erschienen im Carl Hanser Verlag München, gelesen. 
Autorisierte Übersetzung aus dem Französischen von Johannes Piron.
Die Überschriften sind in schöner altdeutscher Schrift verfasst **

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Das Licht der letzten Tage von Emily St. John Mandel

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Erschienen als Taschenbuch
im Piper Verlag
insgesamt 416 Seiten
Preis: 14,99 €
ISBN: 978-3-492-06022-6
Kategorie: Endzeitdrama

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Die Welt wird von einer Pandemie, der Georgischen Grippe, heimgesucht. Innerhalb kürzester Zeit erkranken und sterben die Menschen. Einige wenige scheinen immun zu sein und überleben das Fiasko. Sie finden sich zusammen, leben in kleinen Siedlungen und bewahren das Erbe an die „alte“ Welt so gut es geht.

Eine Gruppe von Schauspielern und Musikern, die sogenannte „Fahrende Symphonie“, reist durch Amerika und begeistert die verbliebenen Menschen mit ihren Auftritten. Unter Ihnen ist die junge Kristin. Sie ist eine der Schauspielerinnen der Symphonie und sie stand bereits als Kind auf der Bühne. Kristin war als kleines Mädchen dabei, als der berühmte Schauspieler Arthur Leander während seiner Darbietung als König Lear im 4. Akt verstirbt. Ihm ist der Untergang der Welt knapp erspart geblieben.

Und auch wenn dieser Roman die Geschichte des Ende der Welts wie wir sie kennen erzählt, so dreht sich doch eigentlich alles um ihn, Arthur Leander.

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Das Licht der letzten Tage ist ein Endzeitdrama oder eine Dystopie, obwohl es irgendwie auch eigentlich keines von beidem ist. Anders kann man diesen Roman nicht beschreiben.

Die Autorin hält sich während der Handlung mehr in der Vergangenheit auf und erzählt das Leben des Schauspielers Arthur Leander in seinen unterschiedlichsten Lebensstationen. Wir lernen Freunde, Ehefrauen und Kinder kennen. Treffen auf Weggefährten und Bekannte. Erleben seinen Tod direkt zu Beginn des Romans und schlittern durch diese schnelle, bösartige Pandemie in die Jetztzeit. Und ganz langsam aber sicher verknüpfen sich die Fäden, finden sich die Figuren der unterschiedlichsten Zeiten zusammen und ergeben ein gesamtes Bild.

Emily St. John Mandel hat hier einen wunderbar ruhigen, liebevollen und poetischen Roman erschaffen, der vergessen lässt, dass die Welt ja eigentlich komplett zerstört ist.

Die Autorin gibt ihren Figuren eine Echtheit und Tiefe, dass sie dem Leser während der Handlung ans Herz wachsen und man fühlt sich einfach wohl mit ihnen.

Mir hat dieser stille Roman sehr gut gefallen, die Sprache ist sehr schön und gehoben. Die Beschreibungen der Orte und einzelnen Szenen erfolgt detailgenau, sodass ich alles „gesehen“ habe. Genauso soll Lesen sein, Buchstaben sollen einen Film erzeugen und das hat die Autorin hier wunderbar geschafft. Interessant ist auch, dass die Endzeitstimmung eigentlich gar keine Rolle spielt. Ja, es hat eine Pandemie beinahe alles Leben ausgelöscht, dennoch ist das eher nebensächlich.

Was mich ein bisschen enttäuscht ist lediglich auf die Qualität des Buches zurückzuführen. Das Buch ist trotz vorsichtigem Lesen bei mir völlig schief und verbogen. Der Buchrücken ist durchgebogen und das sieht im Regal absolut unschön aus. Es wundert mich ein bisschen, denn ich habe eine Menge Bücher des Verlages zu Hause und die sind eigentlich von besserer Qualität.

Mein Fazit: Eine wunderschöne, ruhige und stimmungsvolle Geschichte, die durch liebevoll gestaltete Charaktere getragen wird. Eine Dystopie eben, die keine ist 🙂

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© Buchwelten 2015

Im Land der Männer von Hisham Matar

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Erschienen als Broschur
im Luchterhand Verlag
insgesamt 256 Seiten
Preis: 8,95 €
ISBN: 978-3-442-73865-6
Kategorie: Drama, Zeitgenössische Literatur

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Der neunjährige Suleiman hat keine Ahnung, dass sein Vater im Untergrund gegen den Revolutionsführer Gaddafi arbeitet und nicht auf Geschäftsreise ist, wie er dem Jungen weismachen will. Suleimans Mutter verfällt vor Kummer dem Alkohol. Suleiman versteht die Welt nicht mehr, als sich die politischen Fäden immer enger um seine Familie legen …

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Hisham Matars Debütroman ist trotz seiner politischen Hintergründe in erster Linie ein Drama über eine verlorene Kindheit inmitten politischer Querelen des Landes Libyen. Ganz fabelhaft erzählt Matar aus der Sicht des Kindes, das vieles nicht versteht, aber gerne verstehen würde. Es ist erschütternd, wie naiv der Junge die Grausamkeiten der Politik miterleben muss, ohne zu wissen, was um ihn herum geschieht. Trotz aller Schrecken hält der Protagonist an seinem Kindheitstraum fest und versucht, sein Leben zu genießen.

Matar ist ein absolut tolles und gefühlvolles Debüt gelungen, das in seinen Schilderungen so manches Mal an „Die Asche meiner Mutter“ von Frank McCourt erinnert. Man ist bei den Ereignissen förmlich mit dabei und sieht die Welt tatsächlich mit den Augen eines Kindes, stellt sich diesselben Fragen und verzweifelt an der Unwissenheit über die Zusammenhänge. Das hat Matar wirklich hervorragend und überzeugend rübergebracht. Auch wenn man sich für die politischen Verhältnisse des Landes Libyen nicht interessiert, so vermag die Geschichte zu begeistern, denn Matar schafft es, wie auch in seinem Nachfolger „Geschichte eines Verschwindens“, die Politik im Hintergrund zu halten und das Hauptaugenmerk auf die menschlichen Aspekte zu legen.

Man kommt nicht umhin, der Story eine gewisse autobiografische Perspektive zuzuschreiben, denn Hisham Matar ist, wie sein Protagonist Suleiman, ebenfalls in Tripolis aufgewachsen und später nach Kairo gegangen. Und Matars Vater ist in libyschen Gefängnissen verschwunden und sein Schicksal ist bis heute nicht bekannt. Da sind Parallelen einfach nicht von der Hand zu weisen. Umso beeindruckender wirken Matars Romane dadurch aber.

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Fazit: Beeindruckend, erschütternd und nostalgisch wird eine Kindheit erzählt, die von den politischen Wirren des Landes Libyen verdunkelt wird.

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© 2015 Wolfgang Brunner für Buchwelten

Die unsichtbare Brücke von Julie Orringer

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Erschienen als gebundene Ausgabe
im Verlag Kiepenheuer & Witsch
insgesamt 832 Seiten
Preis: 24,90 €
ISBN: 978-3-462-04300-6

Im Jahre 1837 macht sich der junge Ungar Andras Lévi auf den Weg nach Paris, um Architektur zu studieren. Schon bald lernt er die attraktive und etwas ältere Claire Morgenstern kennen, in die er sich unsterblich verliebt. Das Leben könnte nicht schöner für Andras sein, bis dann der  Krieg ausbricht und die Zukunft der Liebenden zunichte macht. Doch sie geben nicht auf und halten aneinander fest. Selbst schwerste Prüfungen vermögen ihre Liebe nicht zu zerstören, selbst ein dunkles Geheimnis aus Claires Vergangenheit wirft Andras nicht aus der Bahn. Doch keiner der beiden hat mit der brutalen Härte des Krieges gerechnet …

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Orringers Familiendrama hat mich mit seinen epischen Ausmaßen vollkommen überzeugt. Zum einen grandios recherchiert, zum anderen dermaßen gefühlvoll und einfühlsam geschrieben, dass man sich schwerlich von der Geschichte losreißen kann. Wie sich sowohl die Liebesgeschichte als auch die Entstehung des Zweiten Weltkriegs langsam entwickeln ist schon ein Meisterwerk. Oft fühlte ich mich an Thomas Manns „Buddenbrooks“, Leopold Ahlsen fantastische Familiengeschichte „Die Wiesingers“ oder auch „Ein Mann will nach oben“ von Hans Fallada erinnert. Doch Orringer geht einen vollkommen eigenständigen Weg. Mit ihrem wunderschönen Schreibstil nimmt sie den Leser schon nach wenigen Seiten mit auf eine unvergessliche Reise, die sich unbarmherzig ins Gedächtnis brennt. Es sind sowohl die verträumt zarten Liebesszenen, die einen nicht mehr loslassen, als auch die brutalen und ungerechten Passagen des Krieges, die aber immer sehr zurückhaltend und niemals aufdringlich schockierend beschrieben werden.

Orringer überlässt geschickt dem Leser das Grauen, das sie nicht beschreibt, das aber sehr wohl zwischen den Zeilen steht. Das ist grandios und lässt mich sofort wieder ins Schwärmen geraten. Die Tragödie wechselt beeindruckend zwischen unendlich großer Zufriedenheit der Protagonisten zu düsteren Kriegsschauplätzen, die einem Gänsehaut verursachen. Man spürt die Hoffnung der Personen, als sei es eine wahre Geschichte (und wenn ich das Nachwort richtig verstehe, ist an diesem Roman auch ein klein wenig Familiengeschichte der Autorin verbaut). Das Buch hat mir enorm gut gefallen und mich stark beeindruckt. Am Ende erging es mir ähnlich wie bei Tad Williams‘ „Otherland“-Saga oder Tolkiens „Der Herr der Ringe“: ich war einfach nur traurig, all die Personen und Schauplätze aus der Vergangenheit verlassen zu müssen. Zu gerne hätte ich noch mehr Zeit mit Andras und Claire verbracht …

Aber leider enden auch gute, dicke Bücher irgendwann einmal. Ich hoffe wirklich, dass Julie Orringer bald ein neues Buch auf den Markt bringt, denn dann ist es defintiv meins. 🙂

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Fazit: Episch und emotional, hoffnungsvoll und beklemmend. Eine unmögliche Liebe, die den Wirren und Schrecken des Zweiten Weltkriegs standhalten muss. Für Liebhaber von Familendramen unbedingte Leseempfehlung!

© 2015 Wolfgang Brunner für Buchwelten

Das bin doch ich von Thomas Glavinic

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Erschienen als gebundene Ausgabe
bei Hanser
insgesamt 240 Seiten
Preis: 19,90 €
ISBN: 978-3-446-20912-1
Kategorie: Belletristik

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Thomas Glavinic schreibt über sein Leben und die Zeit, in der er für seinen Roman „Die Arbeit der Nacht“ einen Verlag gefunden hat. Höhe- und Tiefpunkte eines Schriftstellers, der sich Erfolg wünscht.

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Glavinics autobiografischer Roman ist, ähnlich wie „Lisa“, kurzweilig und unterhaltend. Es macht schon unheimlich Spaß, dem Schriftsteller bei seinem Weg bis zur Veröffentlichung von „Die Arbeit der Nacht“ zu folgen. Auch die Anekdoten aus dem Privatleben (ob sie nun alle genau so stimmen, wie beschrieben, sei dahingestellt) sind oftmals sehr amüsant und lustig. Glavinic eben …
Handlungstechnisch erwartet den Leser nichts tiefgründiges, sondern eher eine einfache Schilderung eines Schriftstellerlebens und eines Mannes.

Vom Schreibstil her ist „Das bin doch ich“ aber qualitativ etwas entfernt von „Die Arbeit der Nacht“. Das macht aber gar nichts, denn die Situationen, die beschrieben werden, bedürfen keiner anderen Worte und tun mit Sicherheit ihre Wirkung besser in dem von Glavinic benutzen Stil. Wer Sinn oder Nichtsinn wie in anderen Büchern des Schriftsteller sucht, wird enttäuscht sein, denn hier geht es einfach nur um den Menschen, Mann und Schriftsteller Thomas Glavinic. Wie er hofft, lacht, Angst hat und sein privates und öffentliches Leben meistert. Da gehört schon auch Mut dazu, all dies zu schreiben, aber im Gesamtbild macht es Glavinic unglaublich sympathisch, was durchaus in der Absicht des Schreibers gelegen haben könnte. 😉

„Das bin doch ich“ ist Roman und Tagebuch in einem. Man bekommt ohne weiteres das Gefühl, bei einem Lebensabschnitt des Autors live mit dabei zu sein. Das hat schon was und macht, genau wie die „echten“ Bücher Glavinics auf gewisse Art und Weise süchtig. Fans sollten sich dieses selbstkritische und witzige Buch auf keinen Fall entgehen lassen. Für Neueinsteiger würde ich empfehlen, erst einmal ein anderes Buch von Glavinic zu lesen, um zu erfahren, wie er literarisch so „tickt“.

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Fazit: Gelungene „Selbstdarstellung“, die amüsiert, aber auch nachdenklich macht. Glavinics Weg bis zur Veröffentlichung seines Romans „Die Arbeit der Nacht“ unterhält vorzüglich.

© 2015 Wolfgang Brunner für Buchwelten

Lisa von Thomas Glavinic

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Erschienen als gebundene Ausgabe
bei Hanser
insgesamt 208 Seiten
Preis: 17,90 €
ISBN:  978-3-446-23636-3
Kategorie: Zeitgenössische Literatur

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Ein Mann schließt sich zusammen mit seinem Sohn in einem einsamen Landhaus ein, weil er denkt, Lisa, eine international gesuchte Massenörderin, wäre hinter ihm her. Nur über eine eigene Internet-Radio-Sendung hält er Kontakt zur Außenwelt und erzählt seinen Zuhörern in einsamen Tagen und Nächten von sich, seinem Leben und anderen alltäglichen und nicht so alltäglichen Dingen.

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Thomas Glavinic schafft es immer wieder, einen schon nach den ersten Seiten seiner Bücher unweigerlich in den Bann zu ziehen. Vorausgesetzt ist natürlich, man lässt sich sowohl auf Handlung wie auch Glavinics auß0ergewöhnlichen Schreibstil ein. Tut man das, wird man mit einem Feuerwerk an Ideen belohnt. Da gehtb es um Alltägliches und Belangloses, aber auch um essentielle Dinge, die ich fast schon Lebensweisheiten nennen mag. Glavinic hat’s einfach drauf, wenn es darum geht, Dinge auf den Punkt zu bringen.

Anders als in seinem fantastischen Roman „Die Arbeit der Nacht“ geht es in Lisa manchmal auch amüsant und lustig zur Sache, was dem qualitativen Inhalt aber keineswegs schadet. Man liest sich durch den Monolog des Protagonisten fast schon wie durch einen Zeitraffer-Rückblick des eigenen Lebens, erkennt sich oftmals selbst in den Episoden, die erzählt werden oder denkt sich zumindest, man hätte sie in etwa so erlebt. Es macht ungemein Spaß, dem „Gequatsche“ zu folgen und alltägliche Probleme serviert zu bekommen, die so elegant und gekonnt erklärt werden, dass es schon fast unheimlich wirkt. „Lisa“ ist ein Theaterstück, ein Kammerspiel und ein Einblick in ein Leben, wie es jeder von uns führen könnte. Nichtssagend und dennoch überquellend mit Weisheiten, wirkt „Lisa“ auch noch Tage nach der Lektüre irgendwie nach. Glavinic eben!

Man kommt ins Grübeln, wenn man genauer darüber nachdenkt, was der Autor uns da präsentiert. Nicht alles, was im Internet steht und zu sehen ist, entspricht der Wahrheit. Realität und Fiktion vermischen sich in unserer Zeit immer mehr und das Individuum Mensch glaubt öfter als es denkt, an reine Lügen. Ob Lisa gesellschaftskritisch oder nur als mahnender Zeigefinger gedacht ist, vermag ich nicht wirklich zu sagen. Letztendlich ist es beides und noch viel mehr. Wie immer in Glavinics Büchern sind viele Dinge zwischen den Zeilen versteckt.

Wer Bücher zum (Nach-)Denken mag, ist bei Thomas Glavinic gut aufgehoben.

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Fazit: Lustig, traurig, dramatisch, melancholisch. Ein Monolog über ein Leben oder gar das Leben! Glavinic ist ein Meister seines Fachs.

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© 2015 Wolfgang Brunner für Buchwelten

Das Haus der Geister von John Boyne

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Haus der GeisterErschienen als Klappenbroschur
im Piper Verlag
insgesamt 336 Seiten
Preis: 16,99 €
ISBN: 978-3-492-06004-2
Kategorie: Gruselroman/Geistergeschichte

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Man schreibt das Jahr 1867 und die 21 jährige Eliza Caine lebt gemeinsam mit ihrem Vater in London. Die beiden verstehen sich sehr gut, sind sie schon sehr lange ein Zweierteam. Als Eliza gerade 9 Jahre jung war, verstarb ihre Mutter.

Nach einem gemeinsamen Abend bei einer wunderbaren Lesung des berühmten Schriftstellers Charles Dickens verschlechtert sich die Erkältung von Elizas Vater drastisch und er verstirbt. So allein in der großen Hauptstadt möchte Eliza nicht bleiben. Eine baldige Hochzeit wird ausbleiben, denn Eliza ist keine Schönheit. Und da sie die Arbeit mit Kindern liebt – sie arbeitet als Lehrerin an einer Mädchenschule, wo sie die Kleinsten unterrichtet – überlegt sie nicht lange, als ihr die Annonce in der Zeitung ins Auge springt: Für das Anwesen Gaudlin Hall in Norfolk wird eine Gouvernante gesucht. Sie bewirbt sich schriftlich und erhält eine Zusage, ohne sich überhaupt vorgestellt zu haben. Auch wenn dies etwas seltsam scheint, begibt sich Eliza Caine nach Norfolk, um in Gaudlin Hall ihre Stellung anzutreten. Sie weiß nicht, wie viele Kinder in welchem Alter sie betreuen wird, hofft jedoch an ihrem ersten Abend von den Herrschaften des Hauses ordentlich empfangen und aufgeklärt zu werden. Doch dies geschieht nicht, sondern ihre Ankunft auf Gaudlin Hall ist der Beginn zu einer Reihe unheimlicher und auch lebensbedrohlicher Ereignisse ….

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Wieder einmal hat John Boyne mich gefesselt, mir spannende Lesestunden mit wunderbaren Schockmomenten geliefert.

Ein Suchbegriff führt immer wieder auf meinen Blog „Warum schreibt John Boyne Kriegsbücher?“. Nun, dazu fällt mir ein: Warum nicht? Weil John Boyne einer der wenigen Schreiber ist, die sich nicht auf kein Genre festlegen (lassen), sondern immer genau das schreiben, was sie schreiben wollen. Sie erzählen die Geschichte, die sie erzählen möchten und wenn es eben ein anderes Genre bedient, als das des vorherigen Romans, dann ist das eben so.

Bekannt wurde er mit dem „Jungen im gestreiften Pyjama“, den ich persönlich nicht gelesen habe. Dann hat er eine Reihe von Kinder- und Jugendbüchern geschrieben. Ich selber habe „Das Geheimnis der Montignacs“ und erwähntes Kriegsbuch „Das späte Geständnis des Tristan Sadler“ gelesen. Und mit diesem Roman „Haus der Geister“ liefert der Autor eine Geister, Grusel- und Spukgeschichte, die im alten England in einem leicht verfallenden Gemäuer spielt und wieder einmal absolut gelungen ist. Die Stimmung bringt Boyne sehr gut rüber. Er fesselt, er schockt und überrascht immer wieder. Er lässt nicht so schnell durchblicken, um was denn nun geht in seiner Geschichte. Die Geheimnisse werden nach und nach erst aufgeklärt, was den Handlungsbogen schön straff hält. Seine Protagonistin hat einen mutigen, netten, starken Charakter, der mir sehr sympathisch war. Der Schreibstil war erneut absolut elegant und gehoben und John Boyne schafft es immer hervorragend, die Sprache der Zeit anzupassen, in der seine Geschichte spielt.

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Mein Fazit: Eine sehr gute Geistergeschichte, die ich innerhalb kurzer Zeit verschlungen hatte. Eine schön schaurige Stimmung, mit tollen Schockern, guten Charakteren und einem wunderbaren Schreibstil machen diesen Roman zum Lese(grusel)ereignis!

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© Buchwelten 2015

Diva von Chuck Palahniuk

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Erschienen als gebundene Ausgabe
im Manhattan Verlag
insgesamt 221 Seiten
Preis: 17,99 €
ISBN: 978-3-442-54685-5
Kategorie: Zeitgenössische Literatur

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Katherine Kenton ist ein Hollywood-Star der alten Garde. Sie ist eine alternde Diva und lässt sich auf eine Beziehung mit einem jüngeren, charmanten Mann ein. Hazie Coogan, Kentons Haushälterin und Freundin aus alten Tagen, verrät der Diva eines Tages ein Geheimnis: Der Liebhaber hat es nicht auf die Liebe der alternden Frau abgesehen, sondern auf Ruhm. Denn er hat bereits die Memoiren  des Stars niedergeschrieben und wartet nur noch auf deren Tod, um das Werk an die Öffentlichkeit bringen und damit eine Menge Geld verdienen zu können. Doch der charmante Liebesschwindler hat nicht mit Hazie Coogan gerechnet …

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Wer schon einmal Bücher von Chuck Palahniuk gelesen hat, weiß, was einen erwartet. Es dauert immer ein paar Seiten, bis man sich in den eigenwilligen Stil des amerikanischen Bestseller-Autors eingelesen hat. Aber schon bald wird man, wie so oft bei Palahniuk, mit einem genialen Wortsalat belohnt, der durch ein Dressing namens „Intelligente Handlung“ verfeinert wird. Palahniuk hat es einfach drauf, wenn es darum geht, eine im Grunde genommen unspannende Geschichte mit ausgefallenem und handwerklichem Geschick derart hypnotisch fesselnd zu erzählen, dass man sich nicht mehr losreissen kann.
Da wird mit Markennamen, bekannten und weniger bekannten Filmschauspielern um sich geworfen, dass es eine wahre Freude ist. Einiges erkennt man, einiges wiederum nicht. Aber in all dem Wust aus fettgedruckten Namen (denn die Eigennamen sind in Palahniuks „Diva“ alle fett gedruckt) verbirgt sich eine wunderbare Geschichte um das Altwerden, um Freundschaft, Liebe und Verrat.
Es dauert nicht lange und man ist bei dem ganzen Durcheinander aus Emotionen mit dabei, fiebert, leidet, lacht und weint mit den Protagonisten und fühlt sich zugehörig.

Bei „Diva“ kommt noch hinzu, dass der Autor unerwartete Wendungen einbaut, die so richtig Spaß machen und des Leser bis zum Ende hin in Unwissenheit lassen. Der Schreibstil ist, wie auch bei den anderen Büchern, sehr exzentrisch und gewöhnungsbedürftig. Palahniuk findet bei jedem seiner Bücher immer wieder einen anderen, neuen Stil, der zwar unzweifelhaft erkennen lässt, wer der Verfasser des Romans ist, aber dennoch etwas Innovatives zeigt. Solche Bücher sind ein Abenteuer und eine Herausforderung für den Leser, der sich so manches Mal vielleicht durch die Handlung bzw. Wortzaubereien beissen muss, dafür aber am Ende mit einem beeindruckenden Gesamt(kunst)werk belohnt wird, das meistens erst im Hirn des Lesers ein logisches Konzept entstehen lässt. Das gerade ist die Kunst, die nur wenige Autoren ihr Eigen nennen können: Chuck Palahniuk ist einer von ihnen.

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Fazit: Eigenwillig, exzentrisch, spannend, amüsant und hypnotisch. „Diva“ zeigt den literarischen Wortzauberer Palahniuk in gewohnt hoher Qualität.

© 2015 Wolfgang Brunner für Buchwelten

Abgrundtief von Dean Koontz (Odd Thomas 6)

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Erschienen als Taschenbuch
bei HEYNE
insgesamt 432 Seiten
Preis: 9,99 €
ISBN: 978-3-453-43765-4
Kategorie: Thriller

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Das Glöckchen um Odd Thomas Hals, das er von Annamaria geschenkt bekommen hat, bimmelt. Dies bedeutet „Gefahr“ und Odd weiß sofort, es ist Zeit für ihn aufzubrechen um seiner – nicht immer geliebten – Berufung zu folgen.

Schnell findet Odd heraus, dass das Böse von dem seltsam aufgetakelten Cowboy mit dem hochglanzpolierten Hightech-Truck ausgeht. Bereits bei der ersten Begegnung kommt Odd nur knapp mit dem Leben davon. Aber Odd hat eine dramatische Vision, die ihn umgehend veranlasst, die Verfolgung des Cowboys aufzunehmen. Auf seiner Reise, diesmal mit einer hinreißenden alten Lady, die eine riesige Stretchlimousine steuert, kommt Odd einer gefährlichen Sekte auf die Spur, die grausame Taten plant. Dies will Odd natürlich unbedingt verhindern …

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An einem Grill stand der sympathische Grillkoch Odd Thomas schon lange nicht mehr. Seine Heimatstadt Pico Mundo, in der er vor 19 Monaten seine große Liebe Stormy Lewellyn verloren hat, hat er bereits vor 3 Bänden verlassen. Seitdem zieht Odd durch das Land. Angezogen von seinem Magnetismus, spürt er das Böse auf, welches er verhindern will – oder besser gesagt: muss. Mittlerweile wird Odd schon zum dritten Mal von der sonderbaren Annamaria begleitet, welche in diesem Band allerdings eher eine passive Rolle spielt.

In diesem sechsten Odd Thomas Roman hat Odd eine neue Begleitung. Eine alte Lady, Mrs. Fischer, Besitzerin einer riesigen Stretchlimousine, die gerade ihren ca. 90-jährigen Chauffeuer der Ewigkeit übergeben musste, ist dieses mal an Oddies Seite. Diese Kombination hat mir riesigen Spaß gemacht. Irgendwie war es ein Roadmovie mit dem Flair von Miss Daisy und ihr Chauffeur, wobei hier die Lady meist selber fährt. Diese alte Dame ist so fit, schlagfertig, lieb und geheimnisvoll wissend, dass sie mir – und auch Odd – umgehend ans Herz gewachsen ist. Ich bin auch eigentlich sicher, dass die Leser sie im siebten Band „Saint Odd“ wieder treffen.

Odd Thomas Fans wissen, dass der nette Grillkoch die Toten sehen kann, sie ihn oft um Hilfe bitten, in den letzten Bänden aber auch oft hilfreich zur Seite standen. Im letzten Roman war es Frank Sinatra, der wunderbare Poltergeist-Einsätze hatte. Bereits am Ende des Vorgängers tauchte der „neue „Geist auf, der in diesem Teil eine große Rolle spielt. Hier komme ich dann sogleich zu Änderung/Neuheit Nr. 1. Achtung! Mögliche Spoiler-Gefahr! Der Geist (ein bekannter  Filmregisseur) spricht! Odd hat das genauso überrascht wie mich, es hat die Handlung aber keineswegs ab- sondern vielmehr sehr aufgewertet. Denn das Leben des Mannes hat Dean Koontz  offenbar gut recherchiert. Die zweite Änderung gegenüber den Vorgängern (Achtung! Kleine Spoiler-Gefahr!): Keine Bodachs! Bodachs sind die schwarzen fliessenden Wesen, die Odd sehen kann und die immer dann versammelt auftreten, wenn ein Unglück mit vielen Toten bevorsteht. Auch diese Seltsamkeit ist nicht nur mir, sondern auch dem Protagonisten aufgefallen.

Wie bereits im fünften Teil hat Dean Koontz physikalische Feinheiten verbaut, die mir wieder einmal sehr gut gefallen haben. Spannend, unheimlich und verwirrend fesselnd würde ich diese Stellen der Handlung beschreiben. Mir hat es gut gefallen.

Odd Thomas 4 „Meer der Finsternis“ war für mich bislang der schlechteste der Reihe, der fünfte Roman „Schwarze Fluten“ gefiel mir dann wieder um einiges besser und dieser sechste Teil der Reihe ist für mich der beste Odd Thomas seit den Anfängen. Ich hatte meine wahre Freude an der Lektüre, konnte es nicht erwarten weiterzulesen und diese Kombination zwischen Odd, Mrs. Fischer und besagtem Geist war einfach richtig gut gelungen!

Diesesmal präsentiert der Verlag den Roman direkt und nur als Taschenbuch, was ich etwas schade finde. Denn ich habe die bisherige Reihe als gebundene Ausgaben im Regal stehen. Hier habe ich keine Möglichkeit etwas mehr zu investieren, um meine Sammlung optisch gleichzuhalten. Schade. Allerdings fällt auf dem Cover dieses mal das hässliche Krabbeltier weg, was ich in meiner letzten Rezension noch angemäkelt habe (fast alle Koontz haben diese Insekten auf dem Buchdeckel). Das aktuelle Cover zeigt eine Wüstenstraße, einige verlassene Häuser und einen Mann, der offensichtlich Odd Thomas ist. Das wiederum gefällt mir sehr gut!

Mein Fazit: Volle Sternenzahl für den besten Odd Thomas seit langem. Fesselnd, spannend, flott und frech wie eh und je. Koontz liefert einige Änderungen, die allerdings die Story aufwerten. Der sechste Odd Thomas ist eine Mischung aus Roadmovie, Miss Daisy und ihr Chauffeur, Grusel, Horror und Mystery. Sehr gerne gebe ich eine Leseempfehlung.

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© Buchwelten 2015

Carrie von Stephen King

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Erschienen als Taschenbuch
bei Bastei Lübbe
Kategorie: Horror

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Carrie White hat es nicht leicht. Sie ist weder besonders hübsch,, klug, noch reizvoll und wäre eigentlich ein unauffälliges Mädchen, gäbe es da nicht noch diese gefährliche, dämonische Macht die ihr innewohnt und sie beherrscht.

 Ihre Mutter die sie als Satanskind betrachtet, versucht bereits in Carries frühesten Jahren sie in ihrem religiösen Wahn zu töten, woraufhin Carrie in Panik Steine auf das Haus prasseln ließ. Gedemütigt und missachtet durchlebt Carrie ihre Schulzeit.

Die Hänseleien gipfeln in einem unmenschlichen Streich auf dem Schulball, welcher ihr die Kontrolle über ihre Kräfte endgültig entreißt und sie in eine Bedrohung für die Öffentlichkeit verwandelt. Wütend, enttäuscht und mit der Fähigkeit, durch einen einzigen Gedanken ein Inferno zu entfachen, begeht sie ihren Rachefeldzug gegen ihre Peiniger…

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,,Carrie“ ist ein weiterer, ergreifender Roman vom Meister des Grauens – Stephen King. Dies ist kein Horror-Roman, der Blut und rohe Gewalt darstellt. Dennoch quält er den Leser auf unbegreifliche Weise. King schafft es wahrhaftig, die Grenzen zwischen Fantasie und Wirklichkeit verschwimmen zu lassen, so dass ich bereits nach fünf Seiten ein derartiges Mitgefühl für die Protagonistin empfand, dass es mir das Herz brach.

Mobbing und Demütigung sind auch heutzutage erschreckende Realität. Kaum jemand schafft es, sich dagegegen zu wehren und bei Carrie setzt es tatsächlich damönische Kräfte frei. Auch wenn ,,Carrie“ 1974 veröffentlicht wurde, spiegelt King ein noch heute aktuelles Thema in diesem Roman wieder, da in unserer Gesellschaft des Scheins diese unausgesprochene Angst noch immer präsent ist.

King nimmt diese Angst, verpackt sie in einem spannenden Thriller und ‚klatscht‘ sie den Menschen ins Gesicht. In dem Roman erscheinen in regelmäßigen Abständen ‚Berichte‘, ‚Buchauszüge‘ und ‚Interviews‘ über den ,,White“-Fall, welche derartig real und wirklich erscheinen, dass man beinahe glaubt die Geschichte wäre wahrhaftig geschehen.

Mein einziger Kritikpunkt geht an Kings Darstellungsweise von Carries Gedankengängen, die eine wichtige Rolle spielen, aber leider teils einfach in den Text geworfen wurden und nicht als solche gekennzeichnet wurden, so dass es nicht immer erkennbar war, welcher Teil nun erzählt und welcher ein Gedanke war.

Dennoch sorgte Carries Verwirrung für eine selbige bei mir als Rezipient. Man kann dieses Buch kaum aus der Hand legen, da man unbedingt erfahren will, wie die Geschichte des Mädchens ohne Freunde, oder richtige Familie, endet. King weiß, wie er die wunden Punkte seines Publikums gezielt findet und angreift. Respekt.

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Fazit: ,,Carrie“ ist ein weiterer, aber anderer Thriller des berühmten Autors, der die Menschen zum Mitfühlen anregt. Der Roman ist für nahezu jede Altersgruppe geeignet, die dieses Thema verstehen kann und vor allem für jene die den Wert des freundlich Umgangs miteinander verlernt haben. Ich vergebe 4.5 von 5 Sternen für ein ergreifendes Leseerlebnis. Der fehlende halbe Stern ist leider aufgrund der teils verwirrenden Darstellungsform von Caries Gedanken  auf der Strecke geblieben.

© Jasmin Hegmann 2014