Wenn alle Katzen von der Welt verschwänden von Genki Kawamura

Wenn alle Katzen von der Welt verschwaenden von Genki Kawamura

Erschienen als gebundene Ausgabe
im C. Bertelsmann Verlag
insgesamt 190 Seiten
Preis: 18,00 €
ISBN: 978-3-570-10335-7
Kategorie: Belletristik

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Ein junger Briefträger erfährt, dass er aufgrund einer Krankheit nicht mehr lange zu leben hat. Am Abend desselben Tages bekommt er von einem geheimnisvollen Fremden Besuch, der sich als der Teufel herausstellt. Er will einen Pakt mit dem Kranken eingehen und bietet ihm für jede Sache, die der Sterbenskranke aus der Welt verschwinden lässt, einen weiteren Tag an, an dem er am Leben bleibt. Und so verschwinden Telefone, Filme und weitere Dinge, damit der Briefträger einen weiteren Tag lebt. Doch wie weit geht man, um am Leben zu bleiben? Welche Dinge braucht man zum Leben?

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Die Ausgangssituation zieht einen sofort in den Bann. Was wäre wenn …? Und das im Angesicht des bevorstehenden Todes? Wer hat nicht schon einmal darüber nachgedacht, wie es ist, wenn es soweit ist, und was man alles tun würde, um noch ein paar Tage am Leben zu bleiben? Kawamura nimmt ein beängstigendes Szenario als Ausgangspunkt, um dem Leser die Augen zu öffnen. Grundlegende Fragen des Lebens (und Sterbens) werden innerhalb einer flüssig erzählten Geschichte behandelt und lassen einen oftmals mitten im Satz innehalten und über das eigene Leben nachsinnieren. Kawamura besitzt einen sehr einfachen Schreibstil, der den Leser dennoch auf gewisse Art und Weise mitten ins Herz trifft. Man muss sich allerdings darauf einlassen können und die nicht sentimentale Ausdrucksart verstehen und an sich heran lassen. Es steckt nämlich sehr viel in den Worten, aber auch zwischen den Zeilen.

„Wenn alle Katzen von der Welt verschwänden“ ist ein dünnes Buch, das man zwar sehr schnell weglesen kann, das aber definitiv nachwirkt und zum nochmaligen Lesen einlädt. Macht man sich einmal bewusst, wie man selbst in solch einer Situation reagieren würde, öffnet das Buch eine erschreckende Sichtweise auf einen selbst und das eigene Leben. Was ist wirklich wichtig in unserer Welt? Womit wird man glücklich und worin besteht der eigentliche Sinn des Lebens? All diese Dinge hält uns Kawamura wie einen Spiegel vor und fordert uns indirekt auf, sich damit auseinanderzusetzen. Sofern man dies nicht schon einmal getan hat, eröffnen sich völlig neue Perspektiven, wie man das Leben genießen könnte und vor allem auch tun sollte. Materielles ist ebenso vergänglich wie das Leben, aber bringt es uns im Leben weiter? Macht es das Leben wirklich sinnvoller?  Ohne erhobenen Zeigefinger nimmt uns der Autor mit auf eine Reise ins Ich. Und viele werden sich und ihre eigenen Gedanken in den Worten und Überlegungen wiederfinden.

Genki Kawamura hat eine Parabel erschaffen, die einerseits auf poetische Weise das Thema Leben und Tod behandelt, andererseits aber auch niemals den Humor vergisst. Gerade diese Kombination ist es, die dieses Buch ausmacht, denn wir werden zwar mit einem ernsten und unangenehmen Thema konfrontiert, sehen aber immer wieder auch einen Hoffnungsschimmer am Horizont. Gerade das Ende, das anscheinend vielen Lesern nicht zugesagt hat, bringt, zumindest aus meiner Sicht, deutlich zutage, was im Leben wirklich wichtig ist und um was wir uns kümmern sollten, solange noch Zeit dafür ist.
„Wenn alle Katzen von der Erde verschwänden“ ist kein Buch für Zwischendurch. Man muss und sollte sich damit beschäftigen, auch nachdem man es gelesen hat. Denn die Botschaft könnte, gerade in unserer heutigen, oberflächlichen Zeit, nicht dringender und passender sein. Ein Buch zum Nachdenken und Träumen. Und wer die Aussage versteht, wird sein Leben ändern. Wer bereits nach diesen Prämissen lebt, wird sich selbst erkennen und zufrieden sein. 😉

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Fazit: Eine Parabel mit einer wichtigen Botschaft, die zum Nachdenken anregt.

© 2018 Wolfgang Brunner für Buchwelten

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Die Auflösung von Benjamin Rosenbaum

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Erschienen als gebundene Ausgabe
im Piper Verlag
368 Seiten
20,00 €
ISBN: 978-3-492-70467-0
Kategorie: Science Fiction

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In einer entfernten Zukunft besitzen die Menschen kein Geschlecht mehr, aber dafür mehrere Körper. Biotechnologie und IT prägen das Gesellschaftsbild. Als die junge Fift eines Tages auf den Biotechniker Shria trifft, ahnt sie nicht, dass diese Beziehung eine Revolte und einen Umbruch des kompletten Gesellschaftssystems auslöst.

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Eines sei vorweg gesagt: Man muss sich auf diesen Roman einlassen (können), um die epische Bandbreite und die darin verarbeitete Philosophie verstehen zu können. Es dauert eine Weile, bis man sich in Benjamin Rosenbaums Zukunft zurecht findet und das dort herrschende Gesellschaftssystem begreift. Mit einer Leichtigkeit wirft uns der Autor in seinem Debütroman in eine Welt, die absurder nicht sein könnte. Geschlechter existieren nicht mehr, dafür hat der Mensch nicht nur einen, sondern mehrere Körper. Beeindruckend schildert Rosenbaum dieses Phänomen und  wenn man sich, wie oben schon bemerkt, darauf einlassen kann, entsteht im Kopf des Lesers bald ein faszinierendes Szenario, dem  man sich nicht mehr entziehen kann. Irgendwann nimmt man die Ereignisse als gegeben hin und erst dann beginnt der richtige Spaß an diesem Buch. Benjamin Rosenbaum hat eine faszinierende Zukunftsvision erarbeitet, die Familie, Erziehung, Genderproblematik, Politik und Persönlichkeitsentwicklung eines Menschen beleuchtet. Unweigerlich stellt man sich während einiger Passagen die Frage, ob es denn eines Tages tatsächlich so sein könnte, wie in „Die Auflösung“ beschrieben.

In einem nicht leichten, aber nichtsdestoweniger hochwertigen Schreibstil wird der Leser in eine Welt entführt, die oftmals so oberflächlich wirkt, wie sie heutzutage in manchen Belangen schon ist. Da wird enorm viel Wert auf „Follower“ gelegt oder abgegebene Bewertung (von fremden Menschen), die Statussymbole beschränken sich größtenteils auf Internet-Aktivitäten … das alles klingt gar nicht weit hergeholt und entspricht schon mehr den Tatsachen, als manch einer glauben mag. Rosenbaum hat einen glaubwürdigen Schritt in eine noch weit entfernte Zukunft gewagt, der wir uns aber im Grunde genommen näher sind, als wir denken. Zwischenmenschliches muss erst wieder „gelernt“ werden und entspricht nicht der Norm. „Die Auflösung“ schildert  eine Zukunft, in der nicht Angriffe von Außerirdischen eine Rolle spielen und die Menschheit bedrohen, sondern in der die Technik und der Mensch zum Feind wird. Die Probleme unserer Gegenwart sind zwar gelöst, wurden aber von anders gelagerten Schwierigkeiten abgelöst. Denkt man über dieses Szenario eine Weile in Ruhe nach, so wird einem erst die Tragweite dieser Vision bewusst, die Rosenbaum uns da vorlegt. Der Roman wirkt noch um einiges stärker, wenn man ihn nach dem Lesen zur Seite legt und wirken lässt.

Benjamin Rosenbaum schafft es hervorragend (und ähnlich wie zum Beispiel Vernor Vinge oder auch Robert L. Forward, um nur zwei passende Beispiele zu geben) eine komplizierte Zukunftswelt zu beschreiben, die nach und nach für den Leser zur Selbstverständlichkeit wird. Alles wirkt durchdacht und äußerst glaubwürdig, wenn man sich darauf einlassen kann. Was mir sehr gut gefallen hat, waren die Überlegungen, inwieweit das Geschlecht für den Menschen eine Rolle spielt und spielen sollte. Denn eigentlich sollte sich die Menschheit nicht über eine Geschlechterrolle definieren, sondern über den Menschen selbst, der in der Hülle steckt. Diese „Problematik“ unserer Zeit wurde beeindruckend gelöst und durchdacht.
Was genau verbirgt sich hinter „Die Auflösung“? Rosenbaums Roman wirkt einerseits auf mich wie ein gut konstruierter Blick in eine weit entfernte Zukunft und andererseits wie ein Abbild unserer Gegenwart, in der sich all die geschilderten Utopien bereits auf die ein oder andere Art und Weise abzeichnen. „Die Auflösung“ vermittelt Hoffnung auf eine „bessere Zukunft“ und macht gleichzeitig ein wenig Angst vor einem unmenschlichen, unpersönlichen Morgen ohne echte Emotionen.
Wer auf außergewöhnliche Science Fiction abseits von Weltraumschlachten und Superhelden steht, dürfte bei Benjamin Rosenbaums Romandebüt seine Freude haben. Alle anderen sollten aber die Augen vor solch einer Vision nicht verschließen und zumindest einmal einen Blick in dieses ausdrucksstarke Zukunftsszenario werfen.

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Fazit:  Innovatives, außergewöhnliches und beeindruckendes Zukunftsbild der Menschheit, das zum Nachdenken anregt.

© 2018 Wolfgang Brunner für Buchwelten

Arthur und die Farben des Lebens von Jean-Gabriel Causse

Arthur und die Farben des Lebens von Jean-Gabriel Causse

Erschienen als Taschenbuch
im C. Bertelsmann Verlag
insgesamt 288 Seiten
Preis: 20,00 €
ISBN: 978-3-570-10346-3
Kategorie: Belletristik

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Ganz plötzlich verschwinden sämtliche Farben auf der Erde. Die Menschen sehen alles nur noch in tristem Schwarz-Weiß. Arthur, Mitarbeiter einer in Konkurs gegangenen Buntstiftfabrik, versucht zusammen mit Charlotte, seiner blinden Nachbarin und Wissenschaftlerin, der Menschheit die Farben wieder zurückzugeben. Unterstützung finden sie durch Charlottes Tochter Louise, die Zeichnungen anfertigt, die erstaunlicherweise  die Welt wieder farbig machen.

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Man wird bereits auf den ersten Seiten durch den herrlich erfrischenden, knappen Schreibstil Causses in eine magische Welt entführt. In einer Mischung aus realitätsnahem Drama und mystischem Märchen erzählt der Autor eine philosophische Geschichte, die zum Nachdenken anregt und auch zum Träumen einlädt. Gerade durch die unkomplizierte Erzählweise und die kurzgehaltenen Kapitel liest man sich in Windeseile durch den Plot und übersieht so manche Ungereimtheit mit einem Lächeln auf den Lippen, weil es einfach nur schön ist, was man da serviert bekommt. Manchmal fühlt man sich von der Ausgangssituation und den im Text versteckten philosophischen Andeutungen an ein Buch des genialen Michael Ende erinnert, der mit ähnlicher Leichtigkeit an solche weltbewegende Themen heranging und seine Leser damit zum Nachdenken aufforderte. „Arthur und die Farben des Lebens“ ist literarische Medizin gegen schlechte Laune, bei der man getrost auch eine Überdosis einnehmen kann.
Auch das Cover könnte den „Geist“ der Geschichte nicht besser treffen. Man ertappt sich dabei, dass man zwischendurch immer wieder mal seinen Blick auf das einerseits schlichte und andererseits sehr aussagekräftige Umschlagmotiv richtet.

Es erscheint wie ein kleines Wunder, das den Leser beim Lesen dieses Buches erfasst. Denn Causse schreibt weder detailliert noch hochliterarisch – und dennoch entsteht eine Verbindung zwischen den geschriebenen Wörtern und dem Leser, die ins Herz eindringt und es erfasst. Ich kann gar nicht erklären, wie dieser Sog entsteht. Fakt ist, dass er schlichtweg da ist und man sich ihm (erfreulicherweise) nicht entziehen kann. Der Roman ist witzig, melancholisch, einfallsreich, außergewöhnlich und manchmal sogar einfach nur abgedreht. Diese Mischung ist es wahrscheinlich auch, die den ungewöhnlichen Reiz dieses Romans ausmacht, den man locker innerhalb eines Tages „weglesen“ kann. Man fühlt sich wohl dabei, wenn man die Protagonisten auf ihrer Lebensreise begleitet. Und obwohl vieles, wie oben schon erwähnt, teilweise mit sehr einfachen Worten beschrieben wird, versteckt sich darin eine gewisse Tiefe, von der man unweigerlich ergriffen wird.

Aber „Arthur und die Farben der Welt“ steckt nicht nur voller schöner Ideen, sondern hat auch ein paar Ecken und Kanten. Da wären zum einen die im ersten Absatz bereits erwähnten Ungereimtheiten, die man zwar (gerne) überliest, die dem Plot aber leider Logikfehler verschaffen, die der tollen Ausgangsidee einen Wermutstropfen verleihen. Auch wenn das Buch eine nachhaltige Wirkung auf den Leser hat, beschäftigt sich dieser dennoch auch mit der leicht fehlerhaften Konstruktion desselben. Manches wirkt zu konstruiert und verschafft der an sich schönen Stimmung einen leichten Dämpfer. Desweiteren bin ich persönlich auch der Meinung, dass hundert oder hundertfünfzig Seiten mehr zum einen den Charakterzeichnungen und zum anderen den fabelhaften Ideen mehr Tiefe und Raum zum Entwickeln verliehen hätten und dadurch der gesamten Handlung die Chance gegeben hätten, sich besser zu entfalten. Man liest auf jeden Fall aus den Erklärungen und Abhandlungen über das Phänomen „Farbe“ heraus, dass der Autor sich intensiv mit dem Thema beschäftigt hat. In der Autorenbeschreibung erfährt man dann auch, dass sich Causse als Farbberater von u.a. Jill Sander betätigt und bereits ein Sachbuch über Farben verfasst hat. „Arthur und die Farben des Lebens“ mischt geschickt die Zutaten eines Romans mit denen eines informativen Sachbuchs, was mir persönlich sehr gut gefallen hat. Es scheint wohl auch bereits eine Verfilmung anvisiert, von der ich mir vorstellen könnte, dass sie unter Umständen sogar besser funktionieren könnte als der Roman, denn eine triste farblose Welt auf der Kinoleinwand zurück in ein farben- und lebensfrohes Umfeld zurückzuverwandeln hat mit Sicherheit einen großen optischen Reiz.
Doch genug der Jammerei: „Arthur und die Farben des Lebens“ ist trotz seiner geringen Schwächen ein außergewöhnliches, unbedingt lesenswertes Buch über das Menschsein, die Liebe und die Hoffnung. Ich denke, ich werde es auch noch einmal in die Hand nehmen.

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Fazit: „Arthur und die Farben des Lebens“ ist literarische Medizin gegen schlechte Laune, bei der man getrost auch eine Überdosis einnehmen kann.

© 2018 Wolfgang Brunner für Buchwelten

Wenn der Wind singt / Pinball 1973 von Haruki Murakami

Wenn der Wind singt Pinball 1973 von Haruki Murakami

Erschienen als Taschenbuch
im btb Verlag
insgesamt 266 Seiten
Preis: 10,00 €
ISBN: 978-3-442-71593-0
Kategorie: Belletristik, Gegenwartsliteratur

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Ein einundzwanzigjähriger Student erzählt aus seinem Leben, schildert seine ersten Schreibversuche und sinniert über sein eigenes Leben und das seiner Freunde nach. Zusammen mit seinem Freund namens Ratte erleben die Jungen ihre ersten Freundinnen und begeben sich auf die Suche nach dem Sinn des Lebens.

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Endlich sind sie nun auch in Deutschland erschienen: Die beiden ersten (Kurz-)Romane von Haruki Murakami. Schon in diesen Geschichten erkennt man, welch Potential in Murakami steckt, wenngleich den Storys irgendwie noch der richtige „Drive“ fehlt. Aber das finde ich gar nicht weiter schlimm, denn man erkennt, wie gesagt, definitiv Murakami in den Sätzen und kann sich schwer von den Erlebnissen des Protagonisten trennen. Beide Kurzromane in diesem Buch erinnern mich von ihrer Aussage und Stimmung her sehr an Werke von Samuel R. Delany, den ich ebenfalls sehr schätze. Murakamis Erstlinge sind melancholisch und teils deprimierend und regen zum Nachdenken an. Die Romane mögen auf den ein oder anderen verwirrend wirken, weil sie keinem konsequenten roten Faden, und somit einer nachvollziehbaren Handlung, folgen, aber genau das macht diese Erzählungen aus. Sie schildern das Leben und oftmals wohl das Leben des Autors zur damaligen Zeit. „Wenn der Wind sing“ und „Pinball 1973“ wirken auf mich wie ein autobiografischer Schreibversuch, der komplett gelungen ist.

Man sollte nicht außer acht lassen, dass es sich bei diesen Romanen um Erstlimgswerke handelt, bei denen der Autor (sogar nach eigener Aussage) gar nicht wirklich gewusst hat, was er eigentlich schreiben wollte. Behält man diese „Aussage“ im Hinterkopf, so wird man mit zwei wunderbaren, ehrlichen Geschichten belohnt, die das Leben geschrieben hat. Da steckt alles drin: Von Freude, Liebe über Ängste, Einsamkeit, Hoffnungen bis hin zum Tod behandelt Murakami die gesamte Palette des Lebens. Der Schreibstil ähnelt schon sehr dem „neuen, professionellen“ Murakami, der bereits hier einen eigenen Stil entwickelt und den Leser in eine faszinierende, verwirrende und verstörende Welt a lá David Lynch entführt. Die beiden hier vorliegenden Romane bilden den Anfang der sogenannten „Trilogie der Ratte“, die in „Wilde Schafsjagd“ ihr Ende findet und noch einmal eine Fortsetzung in „Tanz mit dem Schafsmann“ fand. Sieht man das Gesamtbild aller drei Romane, so eröffnet sich einem ein wunderbares, atmosphärisch dichtes Weltbild eines einsamen Mannes. Gerade die „ausgereifte Unausgereiftheit“ dieser Erstlingswerke macht kleine Kunstwerke aus diesen Romanen. Wenn man sich darauf einlassen kann, so spürt man förmlich die Emotionen des Protagonisten während des Lesens.

Im ausführlichen Vorwort erklärt Haruki Murakami, wie die beiden Werke entstanden sind, und erzählt von seiner Vergangenheit. Alleine durch diese vorangestellten einführenden Worte, erlangen die darauf folgenden Texte eine vollkommen andere Bedeutung und lassen im Kopf des Lesers immer wieder Murakami an die Stelle des Protagonisten treten. Aus dieser Sicht gewinnen „Wenn der Wind singt“ und „Pinball 1973“ für mich eine sehr private und persönliche Bedeutung im Gesamtwerk des zurückgezogen lebenden und publikumsscheuen Ausnahme-Schriftstellers, die mich auf gewisse Art und Weise an seinem (wennauch zurückliegenden) Leben teilnehmen lässt. Ich persönlich fühlte mich durch diese beiden Bücher dem Menschen Murakami (und somit auch seinen reiferen, ausgefeilteren Werken) sehr nahe. Auf jeden Fall muss man diese Art von Schreibstil mögen, um genießen zu können. Das Fehlen jeglicher Action beziehunsgweise eines „Höhepunktes“ wird die Kurzromane vielen Lesern langweilig erscheinen lassen, Murakami-Anhänger müssen dieses Buch einfach lesen, um den Autor und seine anderen Werke besser verstehen zu können.

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Fazit: Melancholische Kurzromane, die das Gesamtwerk Murakamis in einem anderen Licht erscheinen lassen.

© 2018 Wolfgang Brunner für Buchwelten

Das Phantom der Oper von Gaston Leroux

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Mysterienroman / Klassiker
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Im Pariser Opernhaus scheint ein Phantom auf die übelste Art und Weise sein Unwesen zu treiben. Es erpresst die neuen Leiter des Opernhauses auf heimtückische Art und sorgt für großen Aufruhr unter dem kompletten Stamm des Hauses. Auch Tote gibt es.

Die Sängerin Christine Daaé scheint dem Phantom sehr am Herzen zu liegen. Er setzt alles daran, die schöne Sängerin zu umwerben und sie zum großen Star zu machen. Er unterrichtet Daaé in ihrer Garderobe und sie feiert große Erfolge auf der Bühne des Hauses.

Doch dann trifft Christina Daaé den Freund ihrer Kindheit, den Vincomte de Chagny wieder und sie verliebt sich in ihn. Raoul, der Vincomte, ist oft verwirrt über die flatterhafte Art und Weise seiner Jugendfreundin und als sie ihm die Geschichte ihres „Engels der Musik“ (so nennt sie das Phantom) erzählt, versteht er ihr Handeln. Die beiden hecken einen Plan aus und wollen so dem Einfluss des seltsamen Wesens entkommen. Doch das Phantom will sich Christine Daaé nicht nehmen lassen ….

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Als ich in der Musicalaufführung des Phantom der Oper war, war ich total begeistert, kannte aber (logischerweise) die Handlung überhaupt nicht. Sicherlich versteht man eine ganze Menge, wenn man der Aufführung beiwohnt, jedoch wollte ich die gesamte Geschichte kennen. Darum habe ich mir das Buch aus unserer Bibliothek genommen und den Roman gelesen.

Für mich ist diese Art Roman, nämlich ein echter Klassiker, eher eine seltenere Lektüre. Bislang habe ich in dieser Art nur Bram Stokers „Dracula“ gelesen und der Schreibstil ist natürlich ein anderer als heute. Daran musste ich mich zunächst einmal gewöhnen.

Mir hat die Geschichte aber sehr gut gefallen. Der Autor lässt seine Handlung fast komplett unter dem Dach des Pariser Opernhauses spielen. Und zwar ca. 16 Stockwerke in die Höhe und 6 Stockwerke in die Tiefe. In dieser Art und Weise hat auch Victor Hugo seinen Roman in Notre Dame geschrieben. Hier fand auch die gesamte Handlung in der Kirche statt.

Ich habe vieles erfahren, was im Musical nicht vorkam, was mich doch um einiges schlauer gemacht und mir einige Szenen im Nachhinein besser verständlich gemacht hat. Im Deutschen heißt ein Lied „Engel der Muse“, im Original jedoch „Engel der Musik“, was absoluten Sinn ergibt, wenn man den Roman gelesen hat.

Die Figuren waren sehr gut beschrieben und die Charaktere stark ausgearbeitet. Es geht stellenweise sehr mystisch und dramatisch zu, was für die damalige Zeit schon eher selten war.

Mit hat der Roman großen Spaß gemacht und ich werde demnächst bestimmt noch weitere Klassiker lesen (u.a. Frankenstein oder endlich einen Roman von Wilkie Collins).

** Ich habe eine alte gebundene Ausgabe aus dem Jahre 1968, erschienen im Carl Hanser Verlag München, gelesen. 
Autorisierte Übersetzung aus dem Französischen von Johannes Piron.
Die Überschriften sind in schöner altdeutscher Schrift verfasst **

Das Licht der letzten Tage von Emily St. John Mandel

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Erschienen als Taschenbuch
im Piper Verlag
insgesamt 416 Seiten
Preis: 14,99 €
ISBN: 978-3-492-06022-6
Kategorie: Endzeitdrama

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Die Welt wird von einer Pandemie, der Georgischen Grippe, heimgesucht. Innerhalb kürzester Zeit erkranken und sterben die Menschen. Einige wenige scheinen immun zu sein und überleben das Fiasko. Sie finden sich zusammen, leben in kleinen Siedlungen und bewahren das Erbe an die „alte“ Welt so gut es geht.

Eine Gruppe von Schauspielern und Musikern, die sogenannte „Fahrende Symphonie“, reist durch Amerika und begeistert die verbliebenen Menschen mit ihren Auftritten. Unter Ihnen ist die junge Kristin. Sie ist eine der Schauspielerinnen der Symphonie und sie stand bereits als Kind auf der Bühne. Kristin war als kleines Mädchen dabei, als der berühmte Schauspieler Arthur Leander während seiner Darbietung als König Lear im 4. Akt verstirbt. Ihm ist der Untergang der Welt knapp erspart geblieben.

Und auch wenn dieser Roman die Geschichte des Ende der Welts wie wir sie kennen erzählt, so dreht sich doch eigentlich alles um ihn, Arthur Leander.

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Das Licht der letzten Tage ist ein Endzeitdrama oder eine Dystopie, obwohl es irgendwie auch eigentlich keines von beidem ist. Anders kann man diesen Roman nicht beschreiben.

Die Autorin hält sich während der Handlung mehr in der Vergangenheit auf und erzählt das Leben des Schauspielers Arthur Leander in seinen unterschiedlichsten Lebensstationen. Wir lernen Freunde, Ehefrauen und Kinder kennen. Treffen auf Weggefährten und Bekannte. Erleben seinen Tod direkt zu Beginn des Romans und schlittern durch diese schnelle, bösartige Pandemie in die Jetztzeit. Und ganz langsam aber sicher verknüpfen sich die Fäden, finden sich die Figuren der unterschiedlichsten Zeiten zusammen und ergeben ein gesamtes Bild.

Emily St. John Mandel hat hier einen wunderbar ruhigen, liebevollen und poetischen Roman erschaffen, der vergessen lässt, dass die Welt ja eigentlich komplett zerstört ist.

Die Autorin gibt ihren Figuren eine Echtheit und Tiefe, dass sie dem Leser während der Handlung ans Herz wachsen und man fühlt sich einfach wohl mit ihnen.

Mir hat dieser stille Roman sehr gut gefallen, die Sprache ist sehr schön und gehoben. Die Beschreibungen der Orte und einzelnen Szenen erfolgt detailgenau, sodass ich alles „gesehen“ habe. Genauso soll Lesen sein, Buchstaben sollen einen Film erzeugen und das hat die Autorin hier wunderbar geschafft. Interessant ist auch, dass die Endzeitstimmung eigentlich gar keine Rolle spielt. Ja, es hat eine Pandemie beinahe alles Leben ausgelöscht, dennoch ist das eher nebensächlich.

Was mich ein bisschen enttäuscht ist lediglich auf die Qualität des Buches zurückzuführen. Das Buch ist trotz vorsichtigem Lesen bei mir völlig schief und verbogen. Der Buchrücken ist durchgebogen und das sieht im Regal absolut unschön aus. Es wundert mich ein bisschen, denn ich habe eine Menge Bücher des Verlages zu Hause und die sind eigentlich von besserer Qualität.

Mein Fazit: Eine wunderschöne, ruhige und stimmungsvolle Geschichte, die durch liebevoll gestaltete Charaktere getragen wird. Eine Dystopie eben, die keine ist 🙂

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© Buchwelten 2015

Im Land der Männer von Hisham Matar

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Erschienen als Broschur
im Luchterhand Verlag
insgesamt 256 Seiten
Preis: 8,95 €
ISBN: 978-3-442-73865-6
Kategorie: Drama, Zeitgenössische Literatur

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Der neunjährige Suleiman hat keine Ahnung, dass sein Vater im Untergrund gegen den Revolutionsführer Gaddafi arbeitet und nicht auf Geschäftsreise ist, wie er dem Jungen weismachen will. Suleimans Mutter verfällt vor Kummer dem Alkohol. Suleiman versteht die Welt nicht mehr, als sich die politischen Fäden immer enger um seine Familie legen …

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Hisham Matars Debütroman ist trotz seiner politischen Hintergründe in erster Linie ein Drama über eine verlorene Kindheit inmitten politischer Querelen des Landes Libyen. Ganz fabelhaft erzählt Matar aus der Sicht des Kindes, das vieles nicht versteht, aber gerne verstehen würde. Es ist erschütternd, wie naiv der Junge die Grausamkeiten der Politik miterleben muss, ohne zu wissen, was um ihn herum geschieht. Trotz aller Schrecken hält der Protagonist an seinem Kindheitstraum fest und versucht, sein Leben zu genießen.

Matar ist ein absolut tolles und gefühlvolles Debüt gelungen, das in seinen Schilderungen so manches Mal an „Die Asche meiner Mutter“ von Frank McCourt erinnert. Man ist bei den Ereignissen förmlich mit dabei und sieht die Welt tatsächlich mit den Augen eines Kindes, stellt sich diesselben Fragen und verzweifelt an der Unwissenheit über die Zusammenhänge. Das hat Matar wirklich hervorragend und überzeugend rübergebracht. Auch wenn man sich für die politischen Verhältnisse des Landes Libyen nicht interessiert, so vermag die Geschichte zu begeistern, denn Matar schafft es, wie auch in seinem Nachfolger „Geschichte eines Verschwindens“, die Politik im Hintergrund zu halten und das Hauptaugenmerk auf die menschlichen Aspekte zu legen.

Man kommt nicht umhin, der Story eine gewisse autobiografische Perspektive zuzuschreiben, denn Hisham Matar ist, wie sein Protagonist Suleiman, ebenfalls in Tripolis aufgewachsen und später nach Kairo gegangen. Und Matars Vater ist in libyschen Gefängnissen verschwunden und sein Schicksal ist bis heute nicht bekannt. Da sind Parallelen einfach nicht von der Hand zu weisen. Umso beeindruckender wirken Matars Romane dadurch aber.

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Fazit: Beeindruckend, erschütternd und nostalgisch wird eine Kindheit erzählt, die von den politischen Wirren des Landes Libyen verdunkelt wird.

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© 2015 Wolfgang Brunner für Buchwelten

Die unsichtbare Brücke von Julie Orringer

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Erschienen als gebundene Ausgabe
im Verlag Kiepenheuer & Witsch
insgesamt 832 Seiten
Preis: 24,90 €
ISBN: 978-3-462-04300-6

Im Jahre 1837 macht sich der junge Ungar Andras Lévi auf den Weg nach Paris, um Architektur zu studieren. Schon bald lernt er die attraktive und etwas ältere Claire Morgenstern kennen, in die er sich unsterblich verliebt. Das Leben könnte nicht schöner für Andras sein, bis dann der  Krieg ausbricht und die Zukunft der Liebenden zunichte macht. Doch sie geben nicht auf und halten aneinander fest. Selbst schwerste Prüfungen vermögen ihre Liebe nicht zu zerstören, selbst ein dunkles Geheimnis aus Claires Vergangenheit wirft Andras nicht aus der Bahn. Doch keiner der beiden hat mit der brutalen Härte des Krieges gerechnet …

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Orringers Familiendrama hat mich mit seinen epischen Ausmaßen vollkommen überzeugt. Zum einen grandios recherchiert, zum anderen dermaßen gefühlvoll und einfühlsam geschrieben, dass man sich schwerlich von der Geschichte losreißen kann. Wie sich sowohl die Liebesgeschichte als auch die Entstehung des Zweiten Weltkriegs langsam entwickeln ist schon ein Meisterwerk. Oft fühlte ich mich an Thomas Manns „Buddenbrooks“, Leopold Ahlsen fantastische Familiengeschichte „Die Wiesingers“ oder auch „Ein Mann will nach oben“ von Hans Fallada erinnert. Doch Orringer geht einen vollkommen eigenständigen Weg. Mit ihrem wunderschönen Schreibstil nimmt sie den Leser schon nach wenigen Seiten mit auf eine unvergessliche Reise, die sich unbarmherzig ins Gedächtnis brennt. Es sind sowohl die verträumt zarten Liebesszenen, die einen nicht mehr loslassen, als auch die brutalen und ungerechten Passagen des Krieges, die aber immer sehr zurückhaltend und niemals aufdringlich schockierend beschrieben werden.

Orringer überlässt geschickt dem Leser das Grauen, das sie nicht beschreibt, das aber sehr wohl zwischen den Zeilen steht. Das ist grandios und lässt mich sofort wieder ins Schwärmen geraten. Die Tragödie wechselt beeindruckend zwischen unendlich großer Zufriedenheit der Protagonisten zu düsteren Kriegsschauplätzen, die einem Gänsehaut verursachen. Man spürt die Hoffnung der Personen, als sei es eine wahre Geschichte (und wenn ich das Nachwort richtig verstehe, ist an diesem Roman auch ein klein wenig Familiengeschichte der Autorin verbaut). Das Buch hat mir enorm gut gefallen und mich stark beeindruckt. Am Ende erging es mir ähnlich wie bei Tad Williams‘ „Otherland“-Saga oder Tolkiens „Der Herr der Ringe“: ich war einfach nur traurig, all die Personen und Schauplätze aus der Vergangenheit verlassen zu müssen. Zu gerne hätte ich noch mehr Zeit mit Andras und Claire verbracht …

Aber leider enden auch gute, dicke Bücher irgendwann einmal. Ich hoffe wirklich, dass Julie Orringer bald ein neues Buch auf den Markt bringt, denn dann ist es defintiv meins. 🙂

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Fazit: Episch und emotional, hoffnungsvoll und beklemmend. Eine unmögliche Liebe, die den Wirren und Schrecken des Zweiten Weltkriegs standhalten muss. Für Liebhaber von Familendramen unbedingte Leseempfehlung!

© 2015 Wolfgang Brunner für Buchwelten

Das bin doch ich von Thomas Glavinic

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Erschienen als gebundene Ausgabe
bei Hanser
insgesamt 240 Seiten
Preis: 19,90 €
ISBN: 978-3-446-20912-1
Kategorie: Belletristik

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Thomas Glavinic schreibt über sein Leben und die Zeit, in der er für seinen Roman „Die Arbeit der Nacht“ einen Verlag gefunden hat. Höhe- und Tiefpunkte eines Schriftstellers, der sich Erfolg wünscht.

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Glavinics autobiografischer Roman ist, ähnlich wie „Lisa“, kurzweilig und unterhaltend. Es macht schon unheimlich Spaß, dem Schriftsteller bei seinem Weg bis zur Veröffentlichung von „Die Arbeit der Nacht“ zu folgen. Auch die Anekdoten aus dem Privatleben (ob sie nun alle genau so stimmen, wie beschrieben, sei dahingestellt) sind oftmals sehr amüsant und lustig. Glavinic eben …
Handlungstechnisch erwartet den Leser nichts tiefgründiges, sondern eher eine einfache Schilderung eines Schriftstellerlebens und eines Mannes.

Vom Schreibstil her ist „Das bin doch ich“ aber qualitativ etwas entfernt von „Die Arbeit der Nacht“. Das macht aber gar nichts, denn die Situationen, die beschrieben werden, bedürfen keiner anderen Worte und tun mit Sicherheit ihre Wirkung besser in dem von Glavinic benutzen Stil. Wer Sinn oder Nichtsinn wie in anderen Büchern des Schriftsteller sucht, wird enttäuscht sein, denn hier geht es einfach nur um den Menschen, Mann und Schriftsteller Thomas Glavinic. Wie er hofft, lacht, Angst hat und sein privates und öffentliches Leben meistert. Da gehört schon auch Mut dazu, all dies zu schreiben, aber im Gesamtbild macht es Glavinic unglaublich sympathisch, was durchaus in der Absicht des Schreibers gelegen haben könnte. 😉

„Das bin doch ich“ ist Roman und Tagebuch in einem. Man bekommt ohne weiteres das Gefühl, bei einem Lebensabschnitt des Autors live mit dabei zu sein. Das hat schon was und macht, genau wie die „echten“ Bücher Glavinics auf gewisse Art und Weise süchtig. Fans sollten sich dieses selbstkritische und witzige Buch auf keinen Fall entgehen lassen. Für Neueinsteiger würde ich empfehlen, erst einmal ein anderes Buch von Glavinic zu lesen, um zu erfahren, wie er literarisch so „tickt“.

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Fazit: Gelungene „Selbstdarstellung“, die amüsiert, aber auch nachdenklich macht. Glavinics Weg bis zur Veröffentlichung seines Romans „Die Arbeit der Nacht“ unterhält vorzüglich.

© 2015 Wolfgang Brunner für Buchwelten

Lisa von Thomas Glavinic

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Erschienen als gebundene Ausgabe
bei Hanser
insgesamt 208 Seiten
Preis: 17,90 €
ISBN:  978-3-446-23636-3
Kategorie: Zeitgenössische Literatur

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Ein Mann schließt sich zusammen mit seinem Sohn in einem einsamen Landhaus ein, weil er denkt, Lisa, eine international gesuchte Massenörderin, wäre hinter ihm her. Nur über eine eigene Internet-Radio-Sendung hält er Kontakt zur Außenwelt und erzählt seinen Zuhörern in einsamen Tagen und Nächten von sich, seinem Leben und anderen alltäglichen und nicht so alltäglichen Dingen.

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Thomas Glavinic schafft es immer wieder, einen schon nach den ersten Seiten seiner Bücher unweigerlich in den Bann zu ziehen. Vorausgesetzt ist natürlich, man lässt sich sowohl auf Handlung wie auch Glavinics auß0ergewöhnlichen Schreibstil ein. Tut man das, wird man mit einem Feuerwerk an Ideen belohnt. Da gehtb es um Alltägliches und Belangloses, aber auch um essentielle Dinge, die ich fast schon Lebensweisheiten nennen mag. Glavinic hat’s einfach drauf, wenn es darum geht, Dinge auf den Punkt zu bringen.

Anders als in seinem fantastischen Roman „Die Arbeit der Nacht“ geht es in Lisa manchmal auch amüsant und lustig zur Sache, was dem qualitativen Inhalt aber keineswegs schadet. Man liest sich durch den Monolog des Protagonisten fast schon wie durch einen Zeitraffer-Rückblick des eigenen Lebens, erkennt sich oftmals selbst in den Episoden, die erzählt werden oder denkt sich zumindest, man hätte sie in etwa so erlebt. Es macht ungemein Spaß, dem „Gequatsche“ zu folgen und alltägliche Probleme serviert zu bekommen, die so elegant und gekonnt erklärt werden, dass es schon fast unheimlich wirkt. „Lisa“ ist ein Theaterstück, ein Kammerspiel und ein Einblick in ein Leben, wie es jeder von uns führen könnte. Nichtssagend und dennoch überquellend mit Weisheiten, wirkt „Lisa“ auch noch Tage nach der Lektüre irgendwie nach. Glavinic eben!

Man kommt ins Grübeln, wenn man genauer darüber nachdenkt, was der Autor uns da präsentiert. Nicht alles, was im Internet steht und zu sehen ist, entspricht der Wahrheit. Realität und Fiktion vermischen sich in unserer Zeit immer mehr und das Individuum Mensch glaubt öfter als es denkt, an reine Lügen. Ob Lisa gesellschaftskritisch oder nur als mahnender Zeigefinger gedacht ist, vermag ich nicht wirklich zu sagen. Letztendlich ist es beides und noch viel mehr. Wie immer in Glavinics Büchern sind viele Dinge zwischen den Zeilen versteckt.

Wer Bücher zum (Nach-)Denken mag, ist bei Thomas Glavinic gut aufgehoben.

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Fazit: Lustig, traurig, dramatisch, melancholisch. Ein Monolog über ein Leben oder gar das Leben! Glavinic ist ein Meister seines Fachs.

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© 2015 Wolfgang Brunner für Buchwelten