Fay von Larry Brown

Erschienen als gebundene Ausgabe
im Heyne-Verlag
insgesamt 652 Seiten
Preis: 22,99 €
ISBN: 978-3-453-27096-1
Kategorie: Belletristik, Thriller, Drama

.

Fay ist siebzehn. Ihr Vater ist gewalttätig und so beschließt Fay eines Tages, einfach abzuhauen. Eine halbe Packung Zigaretten und ein paar Dollar sind die einzigen Begleiter, die sie hat. Das Mädchen lernt nette, aber auch eigennützige Menschen kennen. Vor allem die Männer sind es, die an Fay interessiert sind und sie begehren. Doch Fay kann sich wehren und ergibt sich nicht kampflos ihrem Schicksal. Ein steiniger Weg voller denkwürdiger Begegnungen erwartet die Ausreißerin …

.

„Fay“ ist Larry Browns erster Roman, der in deutscher Sprache erscheint. Man fragt sich bereits nach den ersten Seiten unwillkürlich, warum noch kein deutscher Verlag darauf gekommen ist, diesen fantastischen Schriftsteller zu entdecken und vor allem zu verlegen. Brown ist seit 2004 leider verstorben und genießt seitdem immer mehr den Status eines Kultautors. Ganz zu Recht, wie ich meine.
Larry Brown schafft es mühelos, den Leser mit seiner Geschichte mitzureißen. Sein klarer Schreibstil wirkt eindringlich und vor allem sehr authentisch. Der Roman liest sich wie ein Tatsachenbericht, voller verlorener, einsamer Existenzen, in denen aber dennoch Hoffnungen verborgen sind. Der Leser begleitet Fay auf ihrem Weg durch eine Welt, die vollkommen kaputt zu sein scheint. Sex, Alkohol und Drogen bestimmen das Leben der Menschen, denen sie begegnet. Und Skrupellosigkeit. Aber auch Liebe.

„Fay“ ist dreckig und brutal, laut und blutig, leise und melancholisch. Liebe, Rache und Unglück … Es ist eine eigenartige Mischung, die Brown vorlegt: Die Flucht einer verzweifelten, jungen Frau, die auf der Suche nach Liebe und einer besseren Welt ist. Doch genau, wenn sie beides findet, entscheidet sie sich wieder für den schlechteren Weg. Larry Brown schafft es hervorragend, die Verzweiflung und Unschlüssigkeit einer Siebzehnjährigen einzufangen, die nicht genau weiß, was wirklich gut für sie ist. Die Charaktere in diesem Roman sind sehr tief und glaubwürdig. Es menschelt ungemein in dieser rohen Welt, in der sich die Protagonistin ihren eigenen Weg sucht. Man wird süchtig nach dieser Geschichte, fühlt sich irgendwie wohl im dreckigen, staubigen Hinterland von Mississippi. Selbst die „bösen“ Charaktere in Browns Drama besitzen eine Tiefe, die sie in gewisser Weise und in bestimmten Situationen sogar wieder sympathisch machen. Fays Charakter vergisst man nicht mehr so schnell. Sie ist mir ans Herz gewachsen mit ihren Fehlentscheidungen, die dramatische Ereignisse nach sich zogen. Aber Fay wusste es in ihrem Alter einfach nicht besser und hat Wege eingeschlagen, die sie für die besten hielt. Es ist aus der Sicht der jungen Frau fast immer nachvollziehbar, was sie tut. Und genau diese realitätsnahe Lebensgeschichte ist ein großer Glücksfall für den Leser, der sich dem Bann von „Fay“ wirklich sehr schwer entziehen kann.

„Fay“ von Larry Brown ist sehr bildhaft und emotional geschrieben. Der Roman ist das Porträt einer selbstbewussten jungen Frau, die aber noch zu wenig Lebenserfahrung hat, um ein selbständiges Leben zu meistern. Daher ist es nicht verwunderlich, welch schicksalhaften Entscheidungen sie aus dem Bauch heraus trifft und damit unbeabsichtigt Unheil heraufbeschwört. Doch der Charakter der Protagonistin durchlebt während der über 600 Seiten auch eine Entwicklung, die absolut nachvollziehbar ist.
Die Geschichte ist einfach unglaublich intensiv und aufwühlend. Selten schafft es ein männlicher Autor, eine weibliche Heldin derart glaubwürdig und ergreifend darzustellen. Larry Brown ist es uneingeschränkt gelungen und ich bin noch immer beeindruckt von dem Plot.
„Fay“ wirkt wie eine Story von John Irving, die von Corman McCarthy geschrieben wurde. Larry Brown ist ein Kultroman gelungen, der förmlich nach einer Verfilmung schreit. Bleibt nur zu hoffen, dass der Heyne Verlag die anderen Werke diese außergewöhnlich talentierten Autors auch noch veröffentlicht.

.

Fazit: Dreckig und brutal, laut und blutig, leise und melancholisch. Larry Brown hat mit Fay einen unvergesslichen weiblichen Charakter erschaffen. Volle Punktzahl.

© 2017 Wolfgang Brunner für Buchwelten

Advertisements

Schänderblut von Wrath James White

schaenderblut

Erschienen als Taschenbuch
im FESTA Verlag
336 Seiten
13,95 €
ISBN: 978-3-86552-219-1

.

Joseph Miles wurde vor 15 Jahren von einem Kinderschänder entführt und im Keller gefangengehalten, wo er gefoltert und sexuell missbraucht wurde. Aber er hat überlebt.
Schleichend überkommt ihn immer mehr das Verlangen nach menschlichem Fleisch. Joseph sucht den Grund für diese Neigung, die Hand in Hand mit einer perversen sexuellen Lust einhergeht, in seiner Vergangenheit. Er studiert die Leben von Serienkillern und beschäftigt sich mit den Mythen, die sich um Vampire, Werwölfe und Kannibalen ranken. Joseph ist felsenfest davon überzeugt, dass er damals durch seinen Peiniger von einem Virus infiziert worden ist, dass nun ebenfalls eine solch kannibalische Bestie aus ihm macht. Und so macht sich Joseph auf die Suche nach dem Kindesentführer, um ihn zu töten. Denn, wie bei Vampiren und Werwölfen, soll der Infizierte mit dem Tod seines „Meisters“ Erlösung finden. Joseph ist überzeugt davon, dass er wieder ein normaler Mensch werden kann, wenn er den Mann tötet, der ihn in einen sexsüchtigen Kannibalen verwandelt hat.

.

Ich hatte bei „Schänderblut“ nicht das erwartet, was drin steckt. Ich dachte, ich würde mich durch eine brutale, blutige und schockierend harte Geschichte lesen, die aber, wie bei so vielen Büchern  dieser Art, nicht weiter in die Tiefe geht. Weit gefehlt. Wrath James White schildert die Gedanken eines Serienkillers. Er lässt uns auf der einen Seite an seinen abartigen Morden und Sexabenteuern und auf der anderen Seite an seinen Zweifeln und Ängsten teilhaben. White faltet die Psyche dieses gestörten Mörders wie eine Landkarte vor uns auf und versucht, Lösungen aus der gewalttätigen Misere zu finden.
White schafft es meist auf relativ hohem Niveau, die morbiden Gedankengänge des Protagonisten zu schildern. Nur hin und wieder gleitet er in eine einfache Umgangssprache ab, die aber erfreulicherweise den Lesefluss der Geschichte nicht stört. Im Großen und Ganzen bewegt sich White aber auf einem sprachlichen Niveau, das leider allzu selten in Büchern dieser Art vorkommt. Das war auch schon der erste Punkt, der mich bei „Schänderblut“ begeistert hat.

White spart nicht mit ekelhaften, brutalen Blutbädern, die meistens unter die Haut gehen und den Leser schlucken lassen. Aber … (und das ist wieder ein großer Pluspunkt an Wrath James White) er lässt niemals die Handlung aus den Augen, soll heißen die blutigen Splattereinlagen haben Sinn und wurden nicht einfach nur des Ekelfaktors Willen geschrieben. Das alles wirkt sehr stimmig, vor allem die Person des Joseph Miles ist hervorragend charakterisiert, so dass man an manchen Stellen tatsächlich so etwas wie Mitleid und Verständnis für den Kannibalen empfindet, obwohl er mit äußerster Brutalität vorgeht. Ich kann gar nicht richtig beschreiben, wie genial White diese Stimmung einfängt und den Leser dadurch richtig packt. Ich konnte das Buch schwer aus der Hand legen, weil ich einfach wissen wollte, wie Joseph sich aus dieser „Krankheit“, wie er meint, befreit. Seine Versuche, Menschen nichts anzutun und letztendlich doch seiner blutigen Mordlust zu erliegen, ist realistisch und glaubwürdig dargestellt.
Wrath James White erreicht durch die „gute“ Sprache mit seinem Roman, was andere Autoren, die sich bei den Lesern in der gleichen Liga tummeln, nicht schaffen: Nämlich wirklich zu schockieren!

Man merkt, dass White recherchiert hat und nicht nur einfach eine brutale, blutige Story erzählt. Viele Hintergrundinformationen, die das Handeln des Mörders begreifbar machen, runden das spannende Gesamtwerk ab, so dass ein „handfester“ Plot entsteht, der stimmig ist. Insgesamt konnte mich Whites Schreibstil und vor allem die Art seiner Geschichtenerzählung vollkommen überzeugen, so dass ich jetzt schon weiß, dass ich mich der Bibliografie dieses Schriftsteller widmen werde. 😉

.

Fazit: Schockierend, blutig, brutal und mit einem glaubwürdigen Plot, der nicht nur des Blutes und der Brutalität willen verfasst wurde. Der Hauptcharakter überzeugt und geht in die Tiefe. Für Fans härterer, aber auch schreibtechnisch hochwertigerer Kost absolut zu empfehlen.

© 2017 Wolfgang Brunner für Buchwelten

Stirb, Du B a s t a r d! Stirb! von Jan Kozlowski

bastard_7

Erschienen als Taschenbuch
im Festa-Verlag
insgesamt 187 Seiten
Preis: 12,80 €
ISBN: ohne ISBN
Kategorie: Horror, Thriller

.

Claire  wurde jahrelang von ihrem Vater missbraucht. Irgendwann schafft sie den Absprung und zieht in eine andere Stadt, um sich dort als Krankenschwester um hilfsbedürftige Menschen zu kümmern. Sie kann dadurch die schrecklichen Erlebnisse ihrer Kindheit verdrängen, allerdings nur so lange, bis sie von einer damaligen Freundin angerufen wird und erfährt, dass ihr Vater einen schweren Unfall hatte. Sie springt über ihren eigenen Schatten und besucht den Mann, der ihr als Kind grausame Dinge angetan hat, um mit ihm Frieden zu schließen. Doch als sie ankommt, muss sie feststellen, das sie von ihrer Freundin belogen wurde.

.

Wer die Festa Extrem-Reihe kennt, wird von diesem Roman wahrscheinlich mehr, und vor allem Heftigeres, erwarten. Kozlowski geht aber einen anderen, für mich durchaus angenehmen Weg. Sie setzt nicht auf eklige Sexszenen und Splattereinlagen, sondern widmet sich in erster Linie der Geschichte und den Personen. Gerade in der ersten Hälfte des Buches erzeugt sie dadurch eine tolle Atmosphäre, die mich sofort in den Bann gezogen hat.

Kozlowskis Schreibstil ist knapp und präzise, aber bewegt sich meist auf einem höheren Niveau, als man es bei dieser Art von Roman gewöhnt ist. Das ist auch der Grund, warum sich dieser Roman aus meiner Sicht so wohltuend aus den Extrem-Horror-Romanen abhebt. Da werden keine übertriebenen Gewalt- und Sexszenen beschrieben, sondern immer ein gewisses Maß an Niveau eingehalten. So soll es sein, und so schockiert eine solche Story oft mehr als mit expliziten Beschreibungen. Kozlowski tritt eigentlich nie über die Grenze des guten (oder schlechten) Geschmacks, sondern lässt den Leser größtenteils selbst entscheiden, was er in seinem Kopfkino sehen will und was nicht.
Außerdem lesen sich die Dialoge so flüssig, dass es unglaublichen Spaß macht.

Es gibt einige unerwartete Wendungen, die dem Plot äußerst gut tun. An manchen Stellen kann man die Handlungsweise der Protagonistin nicht hundertprozentig nachvollziehen, aber das nimmt dem Rache-Thriller auf keinen Fall den Charme. Leider ist das Buch relativ kurz geraten, denn ich hätte gut und gerne den doppelten Umfang lesen können. Ich bin sicher, dass bei einer intensiveren Ausarbeitung der Charaktere ein noch ansprechenderes Buch herausgekommen wäre. Aber nichtsdestotrotz hat mich Jan Kozlowskis „Stirb, du B a s t a r d ! Stirb!“ hervorragend und vor allem äußerst kurzweilig unterhalten. Ich bin schon sehr gespannt, ob und wenn ja, was sich die Autorin für ihr nächstes Werk ausdenkt. Einen Fan mehr hat sie mit mir auf jeden Fall.

.

Fazit: Kurzweiliger Rache-Thriller, der nicht auf reine Gewalt setzt, sondern sich in erster Linie auf die Geschichte und die Charaktere konzentriert. Für Extrem-Leser wahrscheinlich eher enttäuschend, ich hingegen war angenehm überrascht und begeistert.

© 2017 Wolfgang Brunner für Buchwelten

Candygirl von Michael Merhi

candygirl

Erschienen als Taschenbuch
bei Redrum Books
430 Seiten
Preis:  16,54  €
ISBN: 978-3-95957010-7
Kategorie: Thriller / Horror
.

Bobby hatte eine schlechte Kindheit, genauso wie Candis. Zwei Menschen, die schon als Kind von schlechten Lebenserfahrungen durch ihre Eltern und Mitmenschen negativ geprägt werden, treffen aufeinander: Bobby, auch Schweineschwarte Bob genannt, ist mittlerweile erwachsen und Zuhälter. Candis hingegen, auch Candygirl genannt, ist noch ein Mädchen im Alter von 12 Jahren und gerät in seine Fänge.
Für Candygirl beginnt ein Leidensweg, der sie durch sämtliche sadistischen Arten von Gewalt und Sex führt …

.

Michael Merhi hätte sich für seinen Debütroman kein krasseres Thema aussuchen können: Kinderprostitution und Kindesmisshandlung – eine Kombination, die unweigerlich nur hart, brutal und schockierend sein kann. Wer zartbesaitet ist (und das meine ich im wahrsten Sinne des Wortes), der sollte die Finger von diesem Roman lassen, der an einigen Stellen tatsächlich Grenzen überschreitet. Aber eines nach dem anderen …

Merhis Schocker ist ein Hardcore-Buch, das ich eher im Thriller-, als im Horrorgenre ansiedeln würde. Schon schnell kristallisiert sich heraus, was Merhis Markenzeichen ist: schonungslose, explizite Gewalt- und Sexdarstellungen, die dem Leser einen gewissen Ekelfaktor zu ertragen abfordern. Da muss man schon einiges über sich ergehen lassen. Wo andere aufhören, macht Merhi (erst recht) weiter.
Aber in „Candygirl“ werden nicht nur brutale Gewalt- und pervers-masochistische Sexszenen aneinandergereiht, sondern der Autor geht auch auf die Vergangenheit seiner Protagonisten ein. Und das ist einer der großen Pluspunkte an Merhis Debüt, denn er legt, außer den bereits erwähnten, detailliert beschriebenen und teilweise abstoßenden Szenen, Wert auf eine Handlung. Das ist an sich nichts Neues, wenn ein Leser Einblick in die Psyche und die Vergangenheit der Protagonisten erhält, die zu menschlichem Abschaum werden. Aber in diesem Genre (Hardcore, Rape & Revenge, Splatter) möchte ich behaupten, dass es doch irgendwie „fast“ ein Novum ist, was Merhi da gemacht hat. Auch wenn die Charaktere nicht hundertprozentig in die Tiefe gehen und manche Handlungsweise nicht ganz nachvollziehbar sind, so wachsen einem die beiden Hautpersonen (sowohl das Opfer wie auch der Täter) auf gewisse Art und Weise ans Herz, denn man weiß, wieso sie so geworden sind.

Michael Merhi ist Filmfan und Büchernarr. Das liest man anhand vieler, versteckter Anspielungen in seiner Geschichte heraus. Sein Schreibstil ist flüssig und wahnsinnig schnell zu lesen, wobei ich an dieser Stelle meinen einzigen Kritikpunkt an „Candygirl“ anbringen muss: Merhi benutzt aus meiner Sicht zu oft umgangssprachliche Ausdrücke und Phrasen, die an einigen Stellen den schockierenden Aspekt schlichtweg kaputt machen. Da wäre eine ausdrucksstärkere Wortwahl (und eben nicht eine saloppe) die klügere Wahl gewesen. Andererseits entstand durch Merhis Schreibstil ein kleines Wunder in meinem Kopf. Was mich während des Lesens störte, verwandelte sich nach dem Lesen in einen filmreifen Plot. Ich will damit sagen, dass „Candygirl“ eigentlich erst zu wirken beginnt, wenn man das Buch geschlossen hat. Denn erst dann zeigt sich wohl Merhis Talent, seine Geschichte dermaßen bildlich verfasst zu haben, dass man am Ende meint, nicht ein Buch gelesen, sondern einen Film gesehen zu haben.

.

Fazit: Michael Merhi zeigt Talent und sogar Potential nach oben und mit „Candygirl“ hat er eindeutig bewiesen, dass auch harter, ultrabrutaler und abgedrehter Hardcore-Horror (oder eben Thriller) definitiv aus Deutschland kommen kann. Freunde des Festa Extrem-Programms (oder auch Heyne Hardcore) kommen hier voll auf ihre Kosten. Ich hätte mir so manches Mal eine etwas „literarischere“ Ausdrucksform gewünscht, aber das ist immer Geschmackssache. Und dreckig ist nun mal dreckig, oder? 😉

© 2017 Wolfgang Brunner für Buchwelten

Der Vogelmann von Mo Hayder

vogelmann

Erschienen als Taschenbuch
bei Goldmann
insgesamt 416 Seiten
Preis: 9,95 €
ISBN: 978-3-442-45173-9
Kategorie: Krimi, Thriller

.

In der Nähe der Themse werden fünf Frauen tot aufgefunden. Die Bevölkerung ist schockiert und Inspektor Jack Caffery beginnt mit den Ermittlungen. Immer mehr erschütternde Tatsachen kommen ans Licht, als die Leichen untersucht werden. Schon bald hat der Täter den Spitznamen „Der Vogelmann“, aber Caffery verrät der Öffentlichkeit den Grund nicht. Endlich fasst das Ermittlungsteam einen Verdächtigen und denkt, die Morde seien aufgeklärt. Doch dann geschieht ein weiterer Mord …

.

Es dauert nicht lange, bis man von Mo Hayders Erstling in den Bann gezogen wird. Das liegt mit Sicherheit zum einen an der von Anfang an sehr düsteren Stimmung, die unheimlich und dennoch auch irgendwie heimelig wirkt. Zum anderen hat Hayder mit Jack Caffery einen sehr charakteristischen und (mir) sympathischen Ermittler geschaffen, den ich von Anfang an mochte.
Ähnlich wie bei Mankells „Wallander“-Reihe gefällt mir auch bei den „Caffery“-Büchern die Nebenhandlung, also das Privatleben des Ermittlers. Seine Beziehung wird so nachvollziehbar geschildert, dass es eine wahre Freude ist, obwohl die Ereignisse nicht unbedingt erstrebenswert sind. Aber dieses private Bild des Hauptprotagonisten lässt einen ganz anders bei dem Mordfall mitfiebern, das hat schon eine ganz eigene Klasse.

Mo Hayders Schreibstil schwankt zwischen gehobenen und relativ einfachen Sätzen, die aber der Geschichte dadurch eine unheimliche Rasanz verleihen, bei der man sehr schwer das Buch aus der Hand legen kann. Die forensischen Einwürfe und die oftmals brutal dargestellten Verbrechen lassen so manches Mal tatsächlich an Thomas Harris‘ „Hannibal Lecter“-Romane denken, aber Hayders Debüt wirkt auf keinen Fall kopiert.

Die Schauplätze, das Privatleben Cafferys und die detailliert beschriebenen Morde machen „Der Vogelmann“ zu einem echten Pageturner, der mich streckenweise mit seinen Ideen so richtig begeistert hat. Der erste Band macht auf jeden Fall Lust auf mehr und ich bin wirklich gespannt, wie sich das Leben des Protagonisten weiterentwickelt. Ansätze für einen interessanten Verlauf zeigt „Der Vogelmann“ in dieser Hinsicht auf jeden Fall.

.

Fazit: Brutales und düsteres Debüt, das sehr vielversprechend auf die weiteren Teile um Jack Caffery hoffen lässt. Ein sehr ausgereifter Schreibstil unterstreicht die Geschichte und die forensischen Details machen das Verbrechen äußerst glaubhaft.

.

© 2015 Wolfgang Brunner für Buchwelten