Kollaps (Das Imperium der Ströme 1) von John Scalzi

Erschienen als Taschenbuch
im Fischer Tor Verlag
insgesamt 416 Seiten
Preis: 14,99 €
ISBN: 978-3-596-29966-9
Kategorie: Science Fiction

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Die Menschheit ist über die ganze Galaxis ausgebreitet. Sie leben auf Planeten und Raumstationen und sind durch sogenannte »Ströme«, Sternenstraßen, miteinander verbunden, mittels derer Raumschiffe in kurzer Zeit Entfernungen von Lichtjahren überbrücken können.
Doch diese „Ströme“ drohen plötzlich zu verschwinden.
Kiva Lagos, Erbin eines mächtigen Handelshauses, Cardenia Wu-Patrick, Imperatox und Nachfolgerin ihres Vaters und der Wissenschaftler Marce Claremont wissen um die Bedrohung. Sie versuchen gegen Intrigen und Rebellionen die Zukunft und das Überleben der Menschheit zu retten.

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Scalzis neuestes Epos braucht nicht lange, um einen zu fesseln. Es liegt vor allem an dem schnörkellosen, natürlichen Schreibstil, der in den Dialogen überaus authentisch wirkt, dass man in einem fort weiterlesen will. Scalzi schafft es geschickt, den Leser mittels einer faszinierenden Welt in den Bann zu ziehen. Die Geschichte kommt vielleicht anfangs für den ein oder anderen leicht schleppend in Fahrt, entwickelt sich aber in dem Moment rasant, in dem man die Personen alle kennengelernt hat. Bei „Kollaps“ handelt es sich weniger um einen Science Fiction-Roman, in dem Weltraumschlachten eine wichtige Rolle spielen, sondern eher um Machtkämpfe und Intrigen, die zwischen den Planeten herrschen. Aufgrund des sehr flüssigen Schreibstils ziehen die politischen Rangeleien im Flug am Leser vorbei und lassen einen tatsächlich vergessen, das man hier einen politischen Roman, der in der Zukunft spielt, geliefert bekommt. Aber das Konzept eröffnet sich einem sehr schnell und man fiebert mit den Protagonisten, die übrigens sehr gut gezeichnet sind, mit.

John Scalzi erschafft eine sehr lebendig wirkende und glaubwürdige Welt mit dem ersten Band seines neuen Zyklus. Er lässt sich Zeit mit der Einführung aller Personen und des Universums. Das mag für viele langweilig wirken, ich persönlich empfand das eher als unheimlich angenehm, weil man sich in den Plot wirklich in Ruhe einlesen und sich auch mit den Personen vertraut machen konnte. Durch die Intrigen fühlte ich mich des öfteren an die „Wüstenplaneten“-Romane erinnert, wobei ein Vergleich natürlich absolut hinkt und ich dieses Buch auch auf keinen Fall mit dem SF-Klassiker von Frank Herbert gleichstellen will. Dennoch verströmte „Kollaps“ ein klein bisschen eine ähnliche Atmosphäre. Die Idee der Ströme, die die Planeten miteinander verbinden, hat mir außerordentlich gut gefallen und lässt auf eine große Geschichte in den Nachfolgebänden hoffen. Ich habe das Buch innerhalb zwei Tagen gelesen, weil es mich wirklich gepackt hat, obwohl im Grunde genommen recht wenig passiert.
Was mich am sehr erstaunt hat, ist die Tatsache, dass sich viele von Scalzis Protagonisten vulgär ausdrücken, was mir eigentlich überhaupt nicht liegt und mich meistens enorm stört. Komischerweise verhält es sich hier aber anders, denn die unanständigen Ausdrücke passen einfach zu den Personen, die sie in den Mund nehmen. Oft habe ich mich bei einem Schmunzeln ertappt, weil es einfach gepasst hat. 🙂

John Scalzi baut neben wirklich guten (politischen) Dialogen auch witzige Szenen mit ein, so dass neben einer spannenden Geschichte auch der Humor nicht zu kurz kommt. „Kollaps“ ist Science Fiction-Unterhaltung, wie ich sie mag und wie man sie auch von Scalzi gewohnt ist. Sicherlich kommt „Kollaps“ ein wenig anders daher, weil es sich um eine großangelegte Space-Opera handelt, aber letztendlich erkennt man, entgegen anderer Stimmen, den Stil des Autors wieder. Der erste Band wirkt an manchen Stellen noch etwas unrund, was eventuell daran liegt, dass einige Handlungsstränge nicht weiter beachtet werden. Aber das kann sich ja mit den Folgebänden noch ändern, denn insgesamt wirkt das Universum mitsamt seinen politischen Machtspielen und Intrigen letztendlich doch sehr durchdacht und schlüssig. Scalzi hat sich meiner Meinung nach mit seinen bei den Fans nicht wirklich gut angekommenen letzten Büchern wieder ein wenig gefangen, wobei er eben einfach auch mal „neue“ Wege einschlägt oder vielleicht auch einschlagen will. Fehlende Kreativität und nachlassender guter Schreibstil kann ich ihm mit „Kollaps“ auf jeden Fall nicht ankreiden. Mir hat’s gefallen und ich freue mich schon auf Band 2.

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Fazit: Schön und spannend geschriebener Auftakt einer neuen Serie, die unbedingt fesselt.

© 2017 Wolfgang Brunner für Buchwelten

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Das Ende der Menschheit von Stephen Baxter

Erschienen als Taschenbuch
im Heyne Verlag
588 Seiten
16,99 €
ISBN: 978-3-453-31845-8

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Vierzehn Jahre sind vergangen, seit die Erde von den Marsianern angegriffen wurde. Die Menschheit wiegt sich in Sicherheit, nur der Schriftsteller und Kriegsveteran Walter Jenkins rechnet mit einer erneuten Invasion vom Mars. Leider behält er recht. Doch dieses Mal scheint der Angriff der Außerirdischen weitaus geplanter zu verlaufen, als beim ersten Mal.

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Als großer Fan des Originalromans von H.G. Wells und auch Stephen Baxter war ich natürlich gespannt, wie die Fortsetzung des Kultromans ausfallen würde. Baxter scheint ja selbst ein großer Anhänger von H.G. Wells zu sein, denn bereits 1995 wagte er sich an eine Fortsetzung eines Werkes desselbigen heran: „Zeitschiffe“, die Weiterführung der „Zeitmaschine“.
Entgegen anderer Meinungen bin ich alles andere als enttäuscht über „Das Ende der Menschheit“, wenngleich Baxters „Zeitschiffe“ meiner Erinnerung nach bedeutend besser gelungen ist. Stephen Baxter hat aber auch in diesem Fall von Anfang an die Grundstimmung des originalen Romans eingefangen und setzt die Geschichte durchaus plausibel und vor allem sehr unterhaltsam fort. Der Leser trifft auf Personen, die er noch aus dem ersten Teil kennt und fühlt sich (zumindest ging es mir so) sofort wieder wohl in der Handlung. Baxter macht aus dem zweiten Angriff der Marsianer ein bombastisches Event, das ich mir schon während des Lesens permanent als Kinofilm vorstellen konnte. Da werden alte Versatzstücke von H.G. Wells mit neuen, erfrischenden Ideen vermischt, dass es eine wahre Freude ist. Baxter lässt sich mit seinem Schreibstil auf den von H.G. Wells ein und vermittelt daher eine ähnliche Stimmung wie im  Original.

Der ein oder andere wird die militärischen Vorgehensweisen ermüdend und langweilig finden, ich konnte die Handlungsweisen durchaus nachvollziehen und fand sie insgesamt auch recht spannend. Sicherlich wurde Baxter an einigen Stellen etwas ausschweifend und ging vielleicht zu sehr ins Detail, was für mich aber immer noch im vertretbaren Rahmen und vor allem stimmig war. Gerade die oftmals dokumentarische Art und Weise, in der Baxter die zweite Attacke der Marsbewohner schildert, hat mich persönlich gefesselt und auch begeistert. Denn genau diese Erzählweise brachte eine tolle Atmosphäre in den Plot, die dadurch nicht spektakulär sondern eher ruhig und zurückhaltend auf mich wirkte. Stephen Baxter versucht niemals, an das Original heranzukommen, sondern erzählt auf geradezu schlichte Weise, wie die Geschichte hätte weitergehen können. An manchen Stellen interpretiert er unaufdringlich Dinge aus der Originalgeschichte auf seine eigene Art und Weise, was ich aber nie als unangenehm empfunden habe. Einziger Kritikpunkt auf politischer Ebene war für mich die oftmals sehr negative Darstellung der Deutschen, die mir an manchen Stellen ein wenig bitter aufgestoßen ist. Ansonsten wirkte der Plot von „Das Ende der Menschheit“ für mich stimmig konstruiert und zum größten Teil im Sinne von H.G. Wells weitergeführt. Sicherlich bricht immer wieder mal Baxters eigener Stil durch, wie könnte es auch anders sein, aber er hält sich schon sehr zurück, um die Stimmung des Originals wiederzugeben.

„Das Ende der Menschheit“ ist mit Sicherheit nicht Stephen Baxters bestes Buch. Dazu musste er sich wohl einfach zu sehr zurückhalten, um nicht in seinen für ihn typischen „Weltraum-Bombast“ zu verfallen. Baxter ist es aus meiner Sicht gelungen, eine würdige Hommage an Wells‘ Klassiker zu verfassen, obwohl er sich des Öfteren in unwichtigen Details verliert. Mir persönlich hat es dennoch gefallen. Vor allem die geschickte Einbindung bekannter Personen aus dem ersten Teil und die wirklich gut konstruierte andere Entwicklung der Weltgeschichte, hervorgerufen durch den ersten Angriff der Marsianer, werteten diese Fortsetzung für mich auf. Das Ende rief bei vielen wohl Verärgerung hervor, was ich gar nicht nachvollziehen kann. Baxter wollte einfach etwas Neues erschaffen, was ihm auch gelungen ist. Und so absurd, wie viele Leser meinen, kam das Finale bei mir keineswegs an. Man sollte sich darauf einlassen, denn „Das Ende der Menschheit“ hat durchaus einige Höhepunkte und vor allem eine sehr schöne Atmosphäre, die, wie bereits erwähnt, an H.G. Wells Kultklassiker erinnert. Für mich war die Fortsetzung eine schöne Hommage an das Original, vermischt mit den gewohnten Innovationen eines Stephen Baxter, der aus meiner Sicht niemals die Intention hatte, das Original zu toppen, sondern einfach nur fortsetzen wollte. Ich fand es gut. 🙂

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Fazit: Gelungene, gut konstruierte Fortsetzung, die die Atmosphäre des Originals wiedergibt.

© 2017 Wolfgang Brunner für Buchwelten

Zodiac von Romina Russell

Erschienen als Taschenbuch
im Piper Verlag
464 Seiten
11,00 €
ISBN: 978-3-492-28127-0

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Die 16-jährige Rhoma vom Planeten kann auf andere Weise in den Sternen lesen, wie ihre Mitschüler. Denn während die anhand genauester Berechnungen und wissenschaftlicher Erkenntnisse versuchen, in die Zukunft zu sehen, sieht Rho die Vorzeichen einer schrecklichen Katastrophe, bei der unzählige Menschen sterben. Als ihre Vision wahr wird, macht sich Rho in ihrer Eigenschaft als Wächterin auf die Suche nach dem Ursprung der Bedrohung, denn es sieht aus, als wäre ganz Zodiac in Gefahr.

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Schon nach den ersten zehn Seiten merkt man „Zodiac“ an, dass es sich um einen wahren Pageturner handelt. Das liegt zum einen auf jeden Fall an dem wunderbaren, überaus flüssigen und ansprechenden Schreibstil der Autorin, zum anderen aber auch an der sehr atmosphärischen Handlung. Romina Russell entwirft ein faszinierendes Universum, in dem die Sternzeichen eine wichtige Rolle spielen. Oft fühlte ich mich an die grandiose „Sonea“-Reihe von Trudi Canavan erinnert, die in einem ähnlichen Schreibstil ihre Geschichte erzählt. Russell beschreibt die Welt, in der sich die Protagonistin und ihre Freunde befinden, sehr detailliert, so dass man sich darin sehr wohl fühlt und dementsprechend um das Schicksal aller mitfiebert. Auf den ersten Blick mag die ein oder andere Idee etwas kompliziert wirken, aber man gewöhnt sich sehr schnell an die „Fremdwörter“. Romina Russell geht an manchen Stellen auch sehr in die Tiefe und lässt den Plot fast schon in eine esoterische Richtung abgleiten. Das mag den ein oder anderen Leser stören, ich persönlich empfand diese Entwicklung als äußerst ansprechend und unterhaltsam.

Die Geschichte wird äußerst rasant erzählt, so dass es mit wirklich sehr schwer fiel, das Buch aus der Hand zu legen. Romina Russell baute neben einer spannenden Handlung auch noch eine Romanze ein, die sehr stimmig auf mich wirkte und fesselte. Sicherlich bietet der Plot nichts wirklich Neues als eine Story über den Kampf zwischen Gut und Böse, aber dennoch kann man sich den Geschehnissen nicht entziehen. Einige Stellen erinnerten mich an die Star Wars-Filme, wobei ich einfach einmal davon ausgehe, dass die Autorin die Filme schlichtweg mag. „Zodiac“ ist eine Mischung aus Fantasy und Science Fiction, die ihr Augenmerk trotz spektakulärer Szenarien in erster Linie auf die Charaktere legt. Oft habe ich gehört, dass der Einstieg in dieses Buch schwer fällt. Das kann ich jedoch nicht behaupten, wenn ich ehrlich bin. Es ist in der Tat eine komplexe Welt, die Romina Russell sich ausgedacht hat, keine Frage, aber als aufmerksamer Leser findet man sich auch in den ersten Seiten bereits gut zurecht. Und mit ein bisschen Geduld erfährt man im Verlauf des Buches wirklich auch immer mehr. 😉

Viele erfrischend neue Ideen verstecken sich in diesem Roman, der wohl als All Age klassifiziert werden kann, denn in der Tat können nicht nur Jugendliche, sondern auch Erwachsene ihren Spaß daran haben. Mich persönlich hat die Odyssee durch den Weltraum absolut angesprochen und ein grandioses Abenteuerfeeling verursacht. Gerade diese Mischung aus Science Fiction mit Raumschiffen und Weltall und einem Weltenentwurf, der mich desöfteren an Fantasyromane erinnert hat, war ausschlaggebend, dass mich „Zodiac“ vollkommen in seinen Bann gezogen hat. Romina Russel hat es außerdem geschafft, die Gefühlswelt ihrer 16jährigen Protagonistin ausgesprochen wirklichkeitsnah zu beschreiben, denn jede ihrer Handlungen war für mich absolut nachvollziehbar.
„Zodiac“ ist ein gelungener Einstieg in eine Reihe (zwei oder drei Teile?), der sich auf alle Fälle zu lesen lohnt. Starke Charaktere und eine ausgeklügelte Handlung in einer komplexen Welt machen dieses Buch zu einem echten Lesevergnügen und Pageturner. Ich freue mich schon sehr auf den Folgeband beziehungsweise die Folgebände, um zu erfahren, wie es mit Rho, ihren Freunden und dem Zodiac-Universum weitergeht.

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Fazit: Ideenreicher Einstieg in eine Romanserie um eine junge Protagonistin. Wunderbarer Genremix aus Fantasy und Science Fiction. Klare Leseempfehlung.

© 2017 Wolfgang Brunner für Buchwelten

Die Sphären von Pierre Bordage

Erschienen als Taschenbuch
im Heyne Verlag
443 Seiten
9,99 €
ISBN: 978-3-453-31848-9

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In der Nähe eines kleinen Ortes in Frankreich erscheint eines Tages eine riesige Kugel, die von den Menschen „Sphäre“ oder „Weiße Dame“ genannt wird. Wenig später erscheinen auf der ganzen Welt solche Kugeln, bis die Erde nahezu übersät mit ihnen ist. Und dann beginnen die ersten Kinder zu verschwinden. Auf geheimnisvolle Art und Weise werden Kinder, die maximal 4 Jahre alt sind, von den „Sphären“ verschluckt. Das Militär versucht, die riesigen Kugel  mit Bomben zu zerstören, aber erfolglos. Während immer mehr Kinder verschwinden, rätseln Wissenschaftler und Menschen, ob es sich um eine Invasion von Außerirdischen handelt und suchen nach einer Lösung, um weitere Kinder nicht länger in Gefahr zu bringen.

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Es ist schon eine sehr stimmungsvolle Ausgangssituation, die Pierre Bordage in seinem neuen Roman bereits auf den ersten Seiten schafft. Man erinnert sich unwillkürlich an „Arrival“ oder auch „Unglaubliche Begegnung der dritten Art“, und wenn man zwischen den Zeilen liest, verheimlicht Bordage diese Anleihen auch gar nicht, sondern verneigt sich mit seiner Story eher vor diesen Vorbildern. „Die Sphären“ ist eine Mischung aus Science Fiction und Dystopie, deren Handlung sich über viele Jahre hin erstreckt. Aufgrund der relativ wenigen Seiten erhält der Plot allerdings nicht das epische Ausmaß, das man sich davon erwartet. Bordage überspringt Jahre, geht nicht näher auf die Weiterentwicklung der Bedrohung durch die „Feinde“ oder der Charaktere ein, sondern widmet sich schlicht und ergreifend der konstanten Fortführung der Story.
Bordage widmet sich aber nicht nur einer Person und erzählt deren Geschichte, sondern „kümmert“ sich gleich um mehrere. Das mag den ein oder anderen Leser überfordern, der eine geradlinige Erzählweise erwartet, bildet aber in der Endkonsequenz ein sehr rundes Bild der gesamten Ereignisse.

Schnelleser (und auch unaufmerksame Leser) werden definitiv Schwierigkeiten mit den ganzen Personen, Namen und Zeitsprüngen haben. Aufmerksame Leser hingegen, die sich auch noch auf die Jahre dauernde Handlung einlassen können, werden mit einem wirklich guten Plot belohnt, der auch sehr viele Emotionen enthält. Bordages Szenario regt zum Nachdenken an, gerade was die „Behandlung“ ungeborenen Lebens und das von kleinen Kindern betrifft. Wenn man selbst in so einer Lage ist (oder einmal war) und ein Elternteil ist, kann man die Zwiespältigkeit dieser Überlegungen, wenn es um das Wohl der ganzen Menschheit geht, durchaus nachvollziehen. Der Dystopie-Charakter der Geschichte wird vom SF-Anteil zwar überdeckt, schwelt aber permanent im Hintergrund, so dass sich eine stimmungsvolle, bedrohliche und düstere Stimmung über das gesamte Werk legt. Ich persönlich mochte den Plot und das ganze Drumherum, das an manchen Stellen auch schon einmal philosophisch und esoterisch wurde.

Pierre Bordages Schreibstil ist einfach, aber keineswegs niveaulos. Bis auf wenige Ausnahmen, in denen Bordage seine Protagonisten sehr naiv handeln (und auch reden lässt), werden in einer bildhaften Sprache die beschriebenen Situationen oftmals zu einem hervorragenden Kopfkino für den Leser. „Die Sphären“ ist ein ruhiges Buch, das in erster Linie von seinen vielen magischen Momenten lebt und nicht unbedingt von den Tiefen der Charaktere. Bordage beschreibt ein episches Geschehen, das mich in seiner Gesamtheit oftmals an Stephen Baxters Visionen erinnerte, von Bordage aber in seiner Tiefgründigkeit, bombastischen Wucht und erzählerischen Finesse nicht erreicht wird. Doch es ist schließlich kein Buch von Baxter, also kann man „Die Sphären“ durchaus als gelungene, düstere Zukunftsvision ansehen, die mit einem wunderbaren, für mich zufriedenstellenden Ende aufwartet.
Pierre Bordage widmet sich in „Die Sphären“ eindeutig weniger den technischen und wissenschaftlichen Seiten eines SF-Romans, sondern behandelt in erster Linie menschliche Themen wie Spiritualität oder politische und religiöse Machtspiele, die das „Fußvolk“ unterdrücken und ungerecht behandeln. Ein Buch, das mir mit Sicherheit trotz einiger Schwächen aufgrund seiner spannenden Handlungsstruktur im Gedächtnis bleiben wird.

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Fazit: Spannend und stimmungsvoller Genremix aus Science Fiction, Dystopie und menschlichem Drama.

© 2017 Wolfgang Brunner für Buchwelten

Die Verlorenen von Andrew Bannister

Erschienen als Taschenbuch
im Piper Verlag
400 Seiten
17,00 €
ISBN: 978-3-492-70411-3

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Seldyan, einer Sklavin, gelingt die Flucht aus ihrem Gefängnis. Sie stiehlt das letzte existierende Kriegsschiff, um auf einem fernen Planeten ihre Freiheit zu genießen. Dort entdeckt sie einen neuen grünen Stern, der bis vor kurzem noch gar nicht existierte und um den sich ein Kult gebildet hat, der die Menschen zu unterdrücken versucht. Während der Hafenmeister Vess damit beauftragt wird, herauszufinden, wie Seldyan die Flucht gelingen konnte, bemerkt Seldyan, dass das von ihr gestohlene Schiff das Geheimnis um den grünen Stern und den daraus entstehenden Kult  bereits gelöst hat. Die Existenz der gesamten Spin-Galaxie steht auf dem Spiel …

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Die Saga um die Spin-Galaxie geht weiter. Ähnlich wie im ersten Teil „Die Maschine“ erfordert auch der zweite Teil ein gewisses Maß an Aufmerksamkeit des Lesers, denn sehr schnell könnte man die Übersicht über die teil verwirrend erscheinende Handlung verlieren. Bannister bleibt seinen Stil treu und entführt den Leser in eine Welt jenseits unserer Vorstellungskraft. Man muss sich schon auf seine außergewöhnlichen Ideen einlassen können, um die ganze Tragweite des Plots zu verstehen. Dieses Mal wirkt die Geschichte auf mich allerdings sogar ein wenig runder als die des ersten Teils. Bannisters Schreibstil ist auch ein wenig anspruchsvoller geworden, möchte ich behaupten, und die Geschichte erschien ausgeklügelter. „Die Verlorenen“ setzt nicht unmittelbar an die Ereignise aus dem ersten Teil an, sondern erzählt erst einmal eine eigene Geschichte. Erst zum Ende hin erkennt man die Zusammenhänge zwischen „Die Maschine“ und „Die Verlorenen“. Ich persönlich hatte auf jeden Fall mehr Spaß als beim ersten Teil, und der hat mir schon gefallen. 😉

Andrew Bannisters Science Fiction-Epos trifft mit Sicherheit nicht jeden Geschmack. Die einen werden die Geschichte entweder überhaupt nicht verstehen oder als extrem langweilig und langatmig empfinden, die anderen  lassen sich auf Schreibstil und Ideen ein und werden mit einer gut durchdachten Welt belohnt, die sehr bildlich beschrieben wird. „Die Verlorenen“ spielt viele tausend Jahre nach den Ereignissen von „Die Maschine“ und zeigt, wie komplex und „episch“ letztendlich das von Bannister erschaffene Universum ist. Im zweiten Teil seiner geplanten Trilogie befasst sich der Autor mit Themen, die sich auch in unserer Welt finden: Sklaverei, politische Unruhen und Meinungsverschiedenheiten. Mit seinem zweiten Roman ist Andrew Bannister auf meiner geistigen Treppe eine Stufe höher gestiegen, denn er beweist auf alle Fälle, dass er innovative Ideen hat und diese auch in einer zuerst kompliziert wirkenden Handlung letztendlich logisch erzählen kann. Das Konstrukt seiner Spin-Galaxie wird durch „Die Verlorenen“ wieder etwas mehr verständlich und lässt unweigerlich auf einen Höhepunkt im letzten Teil hoffen. Bannister denkt, ähnlich wie manchmal Stephen Baxter, nicht in Jahren, sondern in weitaus größeren Zeitspannen, um seine Geschichte zu erzählen. Genau das ist es auch, was den Reiz der Spin-Trilogie für mich ausmacht.

Bannisters Buch, oder besser gesagt: Bücher, machen es dem Leser nicht leicht, das wahre Potential, das hinter dem Plot steckt, zu ergründen. Zu verwirrend ist es manchmal, wenn der Autor seine Sätze mit Wörtern schmückt, die man nicht versteht. Es lohnt sich aber, über solcherart Sätze hinwegzulesen und das Gesamtwerk am Ende auf sich wirken zu lassen. Denn so erschließt sich, wie schon beim ersten Teil, ein ganz besonderes Universum – und im Falle von „Die Verlorenen“ sogar an manchen Stellen einen unbedingt filmreifes Bild im Kopf des Lesers. „Die Verlorenen“ ist auf jeden Fall ein würdiger Nachfolger von „Die Maschine“ und legt sogar, wie oben schon erwähnt, aus meiner Sicht dramaturgisch und auch erzählerisch noch zu. Es werden mehrere Handlungsstränge abwechselnd erzählt, von denen ich nicht genau sagen kann, welcher mir mehr zugesagt hat. Ich habe mich jedenfalls immer wieder gefreut, in einen davon zurückzukehren, nachdem ich die Ereignisse des anderen verfolgt habe.

Andrew Bannister wird immer wieder vorgeworfen, er hätte Potential in seinen Büchern verschenkt. Ich bin da ganz anderer Meinung, denn sieht man zum Beispiel die ersten beiden Bücher als Gesamtwerk an, so erschließt sich einem doch ganz genau, was Bannister bezweckt. Eine große, Jahrtausende umfassende Geschichte anhand kleiner Begebenheiten zu beschreiben. Die bombastische Tragweite der Ereignisse versteckt sich genau genommen letztendlich zwischen den Zeilen und gerade das stellt für mich einen außergewöhnlichen Reiz dieser Reihe in der Science Fiction-Landschaft dar. Aspekte, die mir bei „Die Verlorenen“ besonders gut gefallen hat, sind die fantastischen Beschreibungen unglaublicher Dinge. Denkende und sprechende Raumschiffe zum Beispiel (Iain Banks „Die Spur der toten Sonne“ lässt grüßen) oder Lebewesen (Rennläufer), denen alle unnötigen Organe entfernt wurden, damit sie schneller laufen können. Ich liebe solcherart Ideen und Andrew Bannister kann das hervorragend beschreiben. Es lohnt sich aus meiner Sicht, sich durch die komplexe Handlung zu kämpfen, denn, wie erwähnt, das Gesamtbild, das im Kopf des Lesers zurückbleibt, ist für mich ausschlaggebend.

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Fazit: Komplexer, ideenreicher und meiner Meinung nach unterschätzter zweiter Roman der Spin-Trilogie.

© 2017 Wolfgang Brunner für Buchwelten

Breakthrough von Michael Grumley

Erschienen als Taschenbuch
im Heyne Verlag
381 Seiten
12,99 €
ISBN: 978-3-453-31875-5

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Kurz nachdem ein U-Boot der US-Marine spurlos in der Karibik verschwindet, wird die Meeresbiologin Alison Shaw um Hilfe gebeten. Sie kann nämlich mit Delfinen kommunizieren und die Regierung verspricht sich mit dem Einsazu dieser Tiere einen Erfolg, um das Verschwinden aufzuklären. Doch die beiden Delfine finden in den Tiefen des Meeres nicht das verschollene U-Boot, sondern etwas ganz anderes, das zur Gefahr für die gesamte Menschheit werden könnte.

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Schon der Einstieg vermittelt ein unglaublich intensives Abenteuergefühl, dem man sich nicht entziehen kann. Unzählige Filme kommen mir in den Sinn, die ähnlich wirken: „Indiana Jones“, „Deep Blue Sea“, „Der weiße Hai“, „Arachnophobia“ und und und …
Michael Grumley vermischt geschickt wissenschaftliche Details mit einer spannenden Handlung und schildert die Geschehnisse in einer solch bildhaften Sprache, dass man ein perfektes Kopfkino während des Lesens geliefert bekommt. „Breakthrough“ wirkt, als hätten Michael Crichton, Dan Brown, Lincoln Child und Douglas Preston gemeinsam ein Buch verfasst, das Matthew Reilly und James Rollins redigiert hätten. Es ist die grandiose Mischung aus Wissenschaft, Abenteuer und Science Fiction, die den ersten Teil einer Serie zu einem wahren Pageturner machen. Gerade die ersten beiden Drittel ziehen am Leser in einer wahnsinnigen Geschwindigkeit vorbei, die einem kaum Atem holen lässt. Erst im letzten Drittel wirken einige Vorfälle ein wenig übertrieben, was aber dem Spaß an der Story dennoch keinen Abbruch tut.

Grumleys Protagonisten sind sehr glaubwürdig konstruiert und, wenngleich sie nicht immer eine durchgehende Tiefe besitzen, wachsen sie einem doch ans Herz. Vor allem die Meeresbiologin hat es mir persönlich angetan mit ihrer ehrlichen und authentischen Art. „Breakthrough“ widmet sich anfangs der Kommunikation mit Delfinen, was sehr interessant und spannend geschrieben ist, bevor es sich in eine völlig andere Richtung bewegt, als man zu Anfang angenommen hat. Auch diese Entwicklung, bei der auf dem Meeresgrund etwas Fantastisches entdeckt wird, hat mich vollkommen gefangen genommen. Der Plot bietet sich absolut für eine Verfilmung an, bei der ich in erster Linie tatsächlich an Roland Emmerich als Regisseur denke, denn, wie in seinen Filmen, werden in diesem Buch Naturkatastrophen überzogen und, von militärischer Seite aus, extrem pathetisch geschildert. Da hat man bei manchen Entscheidungen, die von Politikern und Militaristen gefällt werden, ein wenig Probleme. Aber so ist das nun mal mit amerikanischen Thrillern dieser Art, das kennt man auch aus anderen Beispielen. Sicherlich setzt Grumley auch typisch klischeehafte Zutaten in sein Werk ein, die mir persönlich dann eher nicht so gefallen haben, aber den Gesamteindruck dennoch nicht zerstören.

Michael Grumleys Schreibstil ist sehr flüssig zu lesen, was zur Folge hat, dass man durch die Geschichte fliegt, als seien es nur halb so viele Seiten. Man fiebert unweigerlich mit, wenn die Delfine ins Spiel kommen und hält den Atem an, wenn plötzlich gigantische Flutwellen ins Spiel kommen, die man in dieser Form nicht erwartet hat. Grumley lässt seine Story an verschiedenen Schauplätzen spielen und erzeugt auch hiermit ein filmreifes Ergebnis. Man darf gespannt sein, wie sich die Geschichte um die Meeresbiologin Alison Shaw und ihre „sprechenden“ Delfine weiterentwickelt. Einen mehr als soliden, ausbaufähigen  Grundstein hat Michael Grumley auf jeden Fall gelegt. Und die im ersten Teil noch immer nicht durchschaubare Handlung lässt einen mit hoher Erwartung an den zweiten Teil mit dem Titel „In der Tiefe“ zurück, der übrigens im Februar im Heyne Verlag erscheinen soll. Grumley baut auch eine Botschaft in seinen Roman ein, die der Menschheit wieder einmal vor Augen hält, besser auf ihren Planeten aufzupassen. Dieser Aspekt ist sehr gut und nachvollziehbar in die Science Fiction-Handlung eingebaut und macht auf seine Weiterführung in den Folgebänden (derzeit gibt es wohl vier Teile) neugierig. Insgesamt ist Michael Grumley ein echter Pageturner gelungen, der an die obengenannten Autoren erinnert und diese in manchen Passagen sogar übertrifft. Grumley sollte man sich als Liebhaber von Wissenschafts-Thrillern und Science Fiction-Abenteuern merken.

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Fazit: Rasanter und hochspannender Wissenschafts-Thriller mit einem filmreifen Plot. Absolut empfehlenswert.

© 2017 Wolfgang Brunner für Buchwelten

Altered Carbon – Das Unsterblichkeitsprogramm von Richard Morgan

Erschienen als Taschenbuch
im Heyne Verlag
insgesamt 606 Seiten
Preis: 9,99 €
ISBN: 978-3-453-31865-6
Kategorie: Science Fiction

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In der Zukunft ist es möglich, alle 48 Stunden ein Backup seines Ichs zu machen, um im Falle eines Ablebens diese „Seele“ in einem neuen Körper wieder hochzuladen. Alle Gedanken sind wieder da und der Verstorbene ist in einem neuen Körper wieder am „Leben“. Doch dann wird der Millionär Laurens Bancroft ermordet. Leider trat der Tod kurz vor der Abspeicherung der letzten 48 Stunden ein. Privatdetektiv Takeshi Kovacs, selbst in einem neuen Körper wiederbelebt, macht sich auf die Suche nach genau jenen fehlenden Stunden.

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In einer atemberaubenden Mischung aus Cyberpunk, Science Fiction und Thriller erzählt Richard Morgan in seinem Debüt eine rasante Geschichte, die nur so voller genialer Ideen strotzt. Alleine die Ausgangssituation ist absolut grandios und beeindruckend. Morgans Erzählweise verlangt die volle Aufmerksamkeit des Lesers, denn zu schnell könnte man die Übersicht bei der intelligent verschachtelten Story verlieren. In faszinierenden Schilderungen und filmreifen Bildern (demnächst ist dieses Buch tatsächlich als Netflix-Serie zu bewundern) nimmt Richard Morgan den Leser mit auf eine Reise in eine ferne Zukunft, die oftmals an Philip K. Dicks „Blade Runner“ erinnert. Es gibt keine Raumschiffschlachten oder außerirdische Wesen, sondern einen authentisch wirkenden Kriminalfall, der eben in der Zukunft angesiedelt ist. Es sind unzählige Kleinigkeiten, die dieses Buch zu einem außergewöhnlichen Leseerlebnis machen, so dass man es schwer aus der Hand legen kann. Das liegt aber nicht nur an den innovativen Ideen, die sich durch das komplette Werk ziehen, sondern auch an Morgans Schreibstil, der absolut hochwertig und flüssig zu lesen ist.

Gerade die Idee, sein Bewusstsein in einen anderen Körper transferieren zu können, macht „Altered Carbon“ zu einer echten Science Fiction-Perle. Es gibt mehrere brutale Actionsequenzen, von denen zarte Gemüter nicht so sehr angetan sein könnten, die aber immer mit der Handlung im Einklang stehen. Ich persönlich fand den Gewaltpegel in diesem Roman nicht wirklich hoch, aber da gehen die Meinungen schließlich auseinander.
Richard Morgan zeigt eine Zukunftswelt, die teilweise verroht und hoffnungslos wirkt, andererseits aber auch den schon immer existierenden Wunsch nach „Unsterblichkeit“ zur Wirklichkeit macht. Zumindest das Bewusstsein, quasi die Seele, eines Menschen kann in diesem Szenario überleben. Morgan strickt geschickt ein Netz aus Lügen und Intrigen und lässt den Leser oftmals genauso wie den Protagonisten im Ungewissen, was vor sich geht.

Zusätzlich zum bereits erwähnten außergewöhnlichen Plot, kann „Altered Carbon“ noch mit ein paar zusätzlichen Highlights aufwarten, die ich in dieser Form selten so gelesen habe. Es handelt sich dabei um die Sex- und Erotikszenen, die Morgan locker in seine Handlung mit einbaut und die poetisch und hoch philosophisch sind. An manchen Stellen konnte ich gar nicht glauben, wie sich ein Mann dermaßen empathisch in die Gefühlswelt einer Frau einfühlen kann. Diese Szenen sind absolut klasse und haben mich sehr berührt. Ich hätte mir sogar mehr von diesen genial formulierten Einschüben gewünscht, denn sich machten den Roman sehr menschlich und gefühlvoll. „Altered Carbon“ erschien bereits im Jahr 2004 unter dem Titel „Das Unsterblichkeitsprogramm“ im Heyne Verlag und wird wohl jetzt noch einmal aufgrund der Serienverfilmung neu aufgelegt. Fairerweise wird bei dieser Neuauflage zumindest der alte deutsche Titel erwähnt, so dass sich die Gefahr eines Doppelkaufs deutlich schmälert. Zu diesem furiosen und spannenden Auftakt gibt es noch zwei weitere Folgebände mit den Titeln „Gefallene Engel“ und „Heiliger Zorn“, in denen ebenfalls der Privatddetektiv Takeshi Kovacs die Hautprolle spielt.

Insgesamt würde ich „Altered Carbon“ fast schon als Meilenstein der neuen Science Fiction bezeichnen. Parallelen mit „Blade Runner“ kann ich aus meinem Kopf zwar nicht wegradieren, aber Richard Morgan kopiert nicht, sondern lässt seinen Plot nur in einer ähnlichen Zukunftswelt spielen. Für mich ist „Altered Carbon“ ein beeindruckendes Krimi-Abenteuer im Science Fiction-Gewand, gewürzt mit harter Action und einfühlsamer Erotik. Eine Mischung, die es in sich hat.

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Fazit: Beeindruckend innovative Mischung aus Krimi, Thriller und Science Fiction. Als SF-Fan sollte man das Buch gelesen haben.

© 2017 Wolfgang Brunner für Buchwelten

Zeitkurier von Wesley Chu

Erschienen als Taschenbuch
im Heyne Verlag
insgesamt 490 Seiten
Preis: 14,99 €
ISBN: 978-3-453-31733-8
Kategorie: Science Fiction

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Zeitkurier James Griffin-Mars hat die Aufgabe, Ressourcen und Antworten auf die Frage zu finden, warum die Welt sich in eine verseuchte Wildnis verwandelt hat. Höchste Priorität bei diesen Einsätzen ist die Einhaltung bestimmter Zeitgesetze, damit keine Zerwürfnisse im Zeitstrang entstehen. James ist einer der besten, bis er eines Tages einen fatalen Fehler begeht und eine Frau aus der Vergangenheit in die Gegenwart mitnimmt. Doch schon bald beginnt James zu zweifeln, ob es denn tatsächlich ein so großer Fehler war, obwohl er vom Staat gejagt wird.

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Der Einstieg in seine Zeitreise-Geschichte ist Wesley Chu außerordentlich gut gelungen. Vor allem merkt man sofort, dass sich hier jemand dieser Thematik auf eine andere Weise als bisher annähert. Sicherlich definiert Wu die Zeitreisen, und alles, was damit zusammenhängt, nicht neu. Aber es sind Ansätze vorhanden, die mittelschwere Begeisterung bei mir ausgelöst hat. In erster Linie haben mich die Erklärungen, was die Logik solcher Zeitreisen mit sich bringt, angenehm überrascht. Vieles wirkt in diesem Roman nicht ganz so verwirrend und unlogisch wie es oft bei Zeitreise-Romanen der Fall ist. Welsey Chu hat hier ein ganz eigenes Universum entworfen, das mir außerordentlich gut gefallen hat. Die stimmungsvollen Bilder, die uns der aus Taiwan stammende Autor sehr detailliert schenkt, bleiben im Gedächtnis haften und sind an einigen Stellen filmreif ausgearbeitet.

Wesley Chu hat seinen Protagonisten allesamt glaubwürdige Charaktere verschafft, denen man gerne in ihren Handlungen folgt. Leider schafft es Chu aber nicht, den spektakulären Einstieg in seine Story bis zum Schluss aufrecht zu erhalten. Der Plot driftet in eine Weltrettungsmission ab, was zwar nicht unbedingt schlecht ist, aber die anfangs herrschende, tolle und dystopische Stimmung irgendwie zunichte macht. Die Zeitreisen sind zwar immer präsent, geraten aber handlungstechnisch irgendwie immer mehr in den Hintergrund. Da hätte ich mir durchaus mehr detaillierte Schilderungen gewünscht, die in der Vergangenheit spielen. Dennoch ist Wesley Chu ein wirklich außergewöhnlicher Zeitreise-Roman gelungen, der sehr viele schöne und stimmungsvolle Momente hat. Bis zu einem gewissen Punkt konnte ich das Buch schwer aus der Hand legen, weil es in bester Pageturner-Manier geschrieben war und man wirklich unbedingt wissen wollte, wie es weitergeht. Dann kam aber ein Punkt, an dem die Handlung eine Wendung nahm, die mir zwar gefallen hat, die aber die Erwartungen an den Roman, die durch die ersten zweihundert Seiten entstanden waren, nicht erfüllen konnte. Wie gesagt, das heißt nicht, dass das Buch plötzlich schlecht wurde, aber der Plot entwickelte sich anders, als ich es erwartet hätte.

Durch den offenen Schluss leicht verwirrt, entdeckte ich dann bei Recherchen im Internet, dass es sich bei „Zeitkurier“ um den ersten Band einer geplanten Trilogie handelt. Band 2 ist bereits fertiggestellt und der abschließende dritte Band muss wohl erst noch geschrieben werden. Wenn man „Zeitkurier“ nun unter dem Aspekt sieht, dass sich damit eine eventuell epischere Geschichte erst einmal aufgebaut hat, gewinnt besagte Entwicklung, die mich wie oben erwähnt, ein wenig gestört hat, eine ganz neue Bedeutung und lässt auf eine große Geschichte im Gesamten hoffen.
Wesley Chu hat auf jeden Fall einen sehr schönen und flüssigen Schreibstil, der angenehm und schnell zu lesen ist. Leicht komplizierte Vorgänge werden von ihm problemlos so beschrieben, dass man sie versteht. „Zeitkurier“ ist eine Mischung aus Dystopie, Science Fiction und sozialkritischer Menschheitsgeschichte, die absolut zu begeistern vermag. Vor allem der Hauptcharakter James Griffin-Mars wird sehr interessant dargestellt. Faszinierend war für mich die Schilderungen, wenn sich bei ihm Vergangenheit und Gegenwart einer Halluzination gleich vermischten. Das ergab ein sehr stimmiges und stimmungsvolles Bild in meinem Kopfkino.
Die Liebesgeschichte, die letztendlich eigentlich gar keine ist, wirkt sehr hölzern und zwanghaft konzipiert, um den Vorgaben eines erfolgreichen Plots zu entsprechen. Ich persönlich hätte es besser gefunden, wenn sich der Autor nicht für einen Mittelweg, sondern für eine geradlinige Richtung entschieden hätte: entweder eine richtige Liebesgeschichte oder komplett darauf verzichten. Momentan ist es weder das eine noch das andere. Aber das kann sich ja noch im Verlaufe der beiden  Folgebände ändern. Bleibt nur zu hoffen, dass die Trilogie komplett im Heyne Verlag erscheint und nicht, wie leider bei vielen anderen Serien, aufgrund ausbleibenden Erfolgs einfach eingestellt wird und zahllose, neugierige Fans enttäuscht zurücklässt.

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Fazit: Gelungener, ideenreicher Auftakt einer Zeitreise-Trilogie, die logisch gut durchkonzipiert wirkt.

© 2017 Wolfgang Brunner für Buchwelten

Kontrolle von Robert Charles Wilson

Erschienen als Taschenbuch
im Heyne Verlag
insgesamt 398 Seiten
Preis: 9,99 €
ISBN: 978-3-453-31658-4
Kategorie: Science Fiction

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Cassie wohnt in einer Gegenwart, die wir nicht kennen: Seit 100 Jahren lebt die Menschheit in Frieden, den Vietnamkrieg und das Attentat am 11. September 2001 auf das World Trade Center zum Beispiel gab es nie. Doch eines Tages kommt Cassie hinter das Geheimnis dieses Weltfriedens, denn eine außerirdische Macht kontrolliert die Entwicklung der Erde. Zusammen mit ihrem Bruder Thomas, ihrer Tante Nerissa und ein paar Freunden versucht sie, das Rätsel zu entschlüsseln und entdeckt, dass das Wohl aller Menschen auf dem Spiel steht.

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Robert Charles Wilson Erzählstil ist immer wieder faszinierend. Einfach und absolut flüssig nimmt der Autor, der mit seiner SPIN-Trilogie weltweiten Erfolg feierte, in seinem Roman „Kontrolle“ den Leser mit auf eine lange Reise. „Kontrolle“ erscheint oftmals wie ein literarischer Roadmovie durch die Welt. Gerade durch die jugendlichen Protagonisten wird die Story zu einem erfrischenden Science Fiction-Abenteuer, das einen von der ersten Seite an in den Bann zieht. Zumindest mir ging es so, dass ich mich der rasanten Geschichte nicht entziehen konnte und immer weiter lesen wollte. Wilson erklärt den Plot sehr gut und kann auch mit ein paar überraschenden Wendungen aufwarten, die den Leser definitiv bei Laune halten.

Wer allerdings einen Roman im Stil von Wilsons Spin-Trilogie oder „Quarantäne“ erwartet, könnte unter Umständen enttäuscht sein. Denn wie bereits in „Netzwerk“ entfernt sich Wilson vom Weltall und widmet sich zukunftsorientierten Themen, die auf der Erde stattfinden. Aber auch das kann gute Science Fiction sein. Viele mögen aber diese Entwicklung an Robert Charles Wilson nicht, ich hingegen empfinde es als willkommene Abwechslung im Schaffen des Autors. Sicherlich besitzt „Kontrolle“ keine Hightech-Hintergründe oder einen bis ins letzte Detail wissenschaftlich durchdachten Plot, aber das kennt man doch aus der Science Fiction. Wichtiger ist doch, mit welchen Fragen sich der Autor beschäftigt und diese dann in seine Handlung verbaut. Aus dieser Sicht hat mir „Kontrolle“ gefallen, denn es beinhaltet eine mögliche, parasitäre Inbesitznahme der Erde, die durchaus glaubwürdig geschildert wird. Mir hat sich während des gesamten Buches niemals die Frage gestellt, ob das tatsächlich auch so möglich wäre oder nicht. „Kontrolle“ war für mich ein Roman, der mich schlichtweg unterhalten soll, was er auch getan hat.

Sicherlich waren die Charaktere nicht besonders tiefgründig, aber ich konnte zumindest mit ihnen mitfiebern und ihr Handeln nachvollziehen. Wilson folgt mit „Kontrolle“ dem klassischen Plot eines Roadmovie: Feind in Sicht, Flucht über das Land. Gefährten trennen sich und finden wieder zueinander.
Dennoch fühlte ich auf keiner Seite jemals Langeweile aufkommen, wie ich es so oft in anderen Rezensionen gelesen habe. Die Geschichte war durchweg schlüssig und baute auch einen konstanten Spannungsbogen auf, der mit einem, aus meiner Sicht wieder zu stark übertriebenem Finale, endete. Ich weiß nicht, warum es mir in letzter Zeit so oft passiert, dass ich die Enden mancher Romane als zu aufgesetzt finde, weil sie mit aller Macht spektakulär sein wollen. Liegt es an den momentanen Kinofilmen, die versuchen, sich selbst immer bombastischer zu übertrumpfen? Ich hätte ein ruhigeres Ende bedeutend besser empfunden wie Explosionen. Aber gut, das ist nun einmal Geschmackssache und wird dem ein oder anderen besser gefallen als die bis dahin dahinplätschernde Flucht vor den außerirdischen Lebensformen.

Wer allerdings solcherart Handlungsgerüste (eine Radiosphäre, die den gesamten Erdball umhüllt und aus einer Schwarmintelligenz  besteht, die die Menschheit manipuliert) auf jeder Seite hinterfragt, wird mit „Kontrolle“ definitiv keine Freude haben. Zu vieles wirkt nämlich bei näherer Untersuchung als zu unausgegoren oder gar unlogisch. Doch eine Hinterfragung stand, zumindest bei mir, irgendwie nie zur Debatte, weil ich mich einfach auf den Plot eingelassen habe und die Geschichte auf mich wirken ließ. Und, wie gesagt, auch wenn es sich um kein Weltraumabenteuer handelt, so hinterließ „Kontrolle“ von Robert Charles Wilson bei mir dennoch den Eindruck, einfach einen guten und unterhaltsamen SF-Roman gelesen zu haben. Mehr habe ich nicht erwartet …

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Fazit: Interessanter Ausgangsplot, der in ein Abenteuer führt, das an einen Roadmovie erinnert. Kurzweilig und unterhaltsam.

© 2017 Wolfgang Brunner für Buchwelten

Planetenjäger von George R.R. Martin & Gardner Dozois & Daniel Abraham

Erschienen als Taschenbuch
im Penhaligon Verlag
insgesamt 350 Seiten
Preis: 14,99 €
ISBN: 978-3-7645-3172-0
Kategorie: Science Fiction

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Nachdem er einen wichtigen Politiker auf dem Kolonieplaneten Sáo Paulo getötet hat, flieht Ramon Espejos mit seinem Transporter in die Wildnis. Er hofft, dass die Polizei nach einer Weile die Suche nach ihm aufgibt. Durch einen Unfall trifft Ramon unglücklicherweise auf eine bisher unbekannte Alienrasse, die im Verborgenen bleiben will. Ramon wird von den Aliens gefangen genommen und gezwungen, einen weiteren entflohenen Gefangenen zu verfolgen, damit dieser nicht von der Existenz des unbekannten Volkes berichten kann. Ramon erklärt sich bereit, denn er verspricht sich, während der Jagd, wieder selbst flüchten zu können.

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Wer nur nach dem, übrigens sehr gelungenen und interessanten, Cover geht, wird vielleicht ein wenig enttäuscht sein, dass nicht das zwischen den Buchdeckeln steckt, was einem das Raumschiff auf dem Titelbild suggeriert. „Planetenjäger“ ist zwar Science Fiction, aber nicht von der Art Weltraumschlachten und schießenden Guten und Bösen. Martin als Hauptautor geht eine vollkommen andere Richtung, die mich anfangs sehr oft an Wolfgang Petersens „Enemy Mine“. Auch hier gehen ein Mensch und ein Außerirdischer eine unfreiwillige „Freundschaft“ ein. So ähnlich beginnt der Plot von „Planetenjäger“, entwickelt sich dann aber im weiteren Verlauf zu einer völlig anderen Geschichte.
Während die erste Hälfte einem Abenteuerroman gleicht, geschieht im zweiten Teil eine wirklich unerwartete Wendung, die dem Roman einen vollkommen anderen Aspekt verleiht. Gerade diese Wendung macht „Planetenjäger“ dann erst so richtig interessant und an manchen Stellen geradezu philosophisch. Eines ist sicher, die Situation, die dadurch entsteht, regt den Leser auch noch nach dem Genuss der Lektüre zum Nachdenken an.

Das Autorentrio siedelt sein Actionabenteuer zwar auf einem fremden Planeten an, lässt aber Raumschiffe im Großen und Ganzen außen vor und widmet sich dem Konflikt zwischen Menschen und Alien. Ein bisschen „District 9“ wurde ebenso verbaut wie der bereits oben erwähnte „Enemy Mine“. Aber eben genau diese Kombination, verbunden mit einem relativ sympathischen Helden ergibt ein faszinierendes Bild. Ramon ist zwar irgendwie ein Macho,  besitzt aber dennoch auf gewisse Art und Weise Charisma. Das hat zur Folge, dass der Protagonist auf jeden Fall glaubwürdig rüberkommt.  Für mich war dieser Roman wieder einmal der Beweis, dass Science Fiction eben auch außerhalb epischer Schlachten im Weltraum funktionieren kann. George R.R. Martins Ausflug ins Science Fiction-Genre vermittelt manchmal das Bild alter Abenteuerromane oder SF-Filme wie zum Beispiel „Robinson Crusoe auf dem Mars“. Unspektakulär treiben die Autoren die Geschichte voran und warten mit vielen Wendungen auf, die die Story niemals langweilig werden lassen.

Die Beschreibungen der Alienrassen und auch das Leben auf einem fremden Planeten in einer Kolonie klingen absolut authentisch und werden auch sehr bildhaft dargestellt. Für mich war „Planetenjäger“ ein außergewöhnliches SF-Abenteuer, das mich durchwegs begeistert hat. Sicherlich hätte man einiges noch detaillierter beschreiben können (was mir persönlich gefallen hätte), aber da höre ich auch schon wieder die Gegenstimmen, die jammern, dass alles viel zu langatmig geworden ist. Mir hat die Menschenjagd sehr gut gefallen und Martin hat mich mit diesem Werk vollkommen überzeugt, dass er auch gute und intelligente Science Fiction schreiben kann. Vor allem die Auseinandersetzung des Protagonisten mit dem eigenen Ich hat mir sehr gut gefallen.
Wer einen etwas außergewöhnlichen Science Fiction Roman der ruhigeren Art sucht, ist mit „Planetenjäger“ sicherlich gut bedient. Star Wars und Hard-SF-Fans werden bestimmt gelangweilt sei, obwohl es auch an Actionszenen nicht mangelt. Aber hier spielt einfach nun mal der Mensch (und das Alien) die Hauptrolle. 😉

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Fazit: Keine Weltraumschlachten, sondern eine unspektakuläre Auseinandersetzung mit dem eigenen Ich. Ein etwas „anderer“ SF-Roman.

© 2017 Wolfgang Brunner für Buchwelten