Die Formel von Dan Wells

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Erschienen als Taschenbuch
im Piper Verlag
524 Seiten
16,00 €
ISBN: 978-3-492-70469-4
Kategorie: Thriller, Science Fiction

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Lyle Fontanelle entwickelt eine neue Hautcreme, ohne zu ahnen, dass er damit den Weltuntergang heraufbeschwört. Denn ein Zusatz der Lotion überschreibt die DNA der Testpersonen und verwandelt sie dadurch in Klone von Menschen, die die Lotion mittels einer Berührung „verunreinigt“ haben. Obwohl Lyle zu verhindern versucht, dass der Kosmetikartikel auf den Markt kommt, ist das Unheil nicht mehr abzuwenden. Schon bald sind die weltweit verheerenden Konsequenzen nicht mehr zu übersehen, als sich die DNA von immer mehr Verbrauchern verändert …

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Extrem rasant entwirft Dan Wells in seinem Wissenschaftsthriller „Die Formel“ eine Zukunft, wie sie gar nicht mal so abwegig ist. Der Schönheitswahn hat  irgendwann seinen Preis, so könnte die Grundaussage des Romans sein, der sich ab der zweiten Hälfte zu einer erschreckenden Dystopie wandelt, die zum Großteil nachvollziehbar und auch glaubwürdig wirkt, sofern man sich auf die Ausgangssituation einlassen kann. Die erste Hälfte des Buches würde ich persönlich fast als das beste Werk des Autors bezeichnen, der uns mit Serienkiller John Cleaver, den „Partials“ und seiner Mirador-Saga immer bestens unterhalten hat. Doch leider fällt der Plot, und auch teilweise irgendwie der Schreibstil, in der zweiten Hälfte ab, so dass sich „Die Formel“ im gehobenen Durchschnitt des Schriftstellers bewegt. Dan Wells‘ Romane sind Pageturner, keine Frage. Aber meistens fehlt irgendwie immer das gewisse Etwas, um ohne Wenn und Aber zu begeistern. Immer wieder finden sich „Durchhänger“, die mich dann von dem Gesamtwerk nicht ganz zu überzeugen vermögen.

„Die Formel“ ist ein astreiner Wissenschaftsthriller, der auch von Michael Crichton stammen könnte. Wells hat hervorragend recherchiert und schildert das Szenario, vom Anfang bis zum erschreckenden Ende, authentisch und überzeugend. Die Entwicklung, die die Entdeckung einer neuen neuen Lotion für die Haut nimmt, ist folgenschwer und fesselt absolut. Dan Wells hat sämtliche Möglichkeiten, die durch solch eine Formel entstehen könnten, durchdacht und auch durchgespielt. Das macht schon ungemein Spaß, wenn man durch den flüssigen Schreibstil unmittelbar dabei ist, wie die Erde „vor die Hunde“ geht. An manchen Stellen in der zweiten Hälfte fühlte ich mich an Filme wie „District 9“ oder „Darkman“ erinnert. Auch hier kämpft ein zum Außenseiter gewordener Mann gegen die Öffentlichkeit und die verantwortlichen Politiker. Im Nachwort erwähnt Dan Wells, dass er die Arbeit an „Die Formel“ immer wieder unterbrochen hat, um zum Beispiel an einem neuen John Cleaver-Abenteuer oder seiner Partials- oder Mirador-Reihe weiterzuschreiben. Der oberflächliche Leser wird kaum einen Unterschied zwischen den Kapiteln entdecken, der Aufmerksame dagegen schon. Es gibt zum Beispiel ein einziges Kapitel, das wirkt, als hätte es jemand anderes geschrieben. Da passt Ausdrucksweise und Sprache absolut nicht zum gewohnten Schreibstil von Dan Wells.

Insgesamt gesehen bietet „Die Formel“ aber sehr spannende Unterhaltung, die mit interessanten, wissenschaftlichen Wahrheiten vermischt ist. Dan Wells erzählt eine großartige, definitiv filmreife Geschichte, die sozusagen aus einer wissenschaftlichen Kleinigkeit eine allumfassende Apokalypse kreiiert. Keine Außerirdischen oder  Krankheiten sind es, die die Menschheit dahinrafft, sondern eine „einfache“ Körperlotion, die von den Menschen selbst erschaffen wurde. Wells übt mit seinem Buch Kritik an den Menschen (und auch an der Wissenschaft), macht sich über den Gesundheits- und Verjüngungswahn im Grunde genommen lustig und entwirft daraus eine Dystopie, dass einem das Lachen im Munde steckenbleibt. Seine Charaktere haben zwar Tiefgang und geben so manch Philosophisches von sich, lassen dem Leser aber noch Spielraum für die eigene Fantasie. Wells‘ Weltuntergangsroman ist unbedingt lesenswert. Er spielt darin mit einigen faszinierenden Ideen, wie zum Beispiel auch der unersättlichen Gier (nach Macht und Profit) von Unternehmen und der menschlichen Besessenheit, gut auszusehen und unsterblich zu sein. Was macht einen Menschen aus? Wie einzigartig ist dessen Identität?
Ich mochte die erste Hälfte eindeutig mehr, weil sie mich, wie schon erwähnt, ein wenig an Michael Crichton erinnerte, wohingegen die zweite Hälfte oftmals sarkastisch wirkte, was mich nicht so anspricht. Eine Apokalypse ist für mich immer noch dramatisch und schrecklich und nicht unbedingt humorvoll. Hätte Wells das Ende düsterer gestaltet, wäre „Die Formel“ für mich eines seiner besten Bücher, so vergebe ich „nur“ vier von fünf Sternen.

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Fazit: Anfangs sehr spannende, später sarkastisch angehauchte Dystopie.

© 2018 Wolfgang Brunner für Buchwelten

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Der Kanon mechanischer Seelen von Michael Marrak

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Erschienen als gebundene Ausgabe
im Amrun Verlag
insgesamt  722 Seiten
Preis: 24,90 €
ISBN: 978-3-95869/257-2
Kategorie: Science Fiction, Fantasy

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Ninive lebt in einer faszinierenden Welt, in der die außergewöhnlichsten Geschöpfe leben. Eine uralte Legende berichtet von einem Land hinter der unüberwindlichen Mauer, deren Nutzen heutzutage keiner mehr kennt. Als ein Gesandter den Auftrag erhält, das Geheimnis hinter der Mauer zu lüften, begibt sich Ninive mit auf eine Reise, hinter der sich weitaus mehr Rätsel verbergen, als sie bislang dachte …

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Schon mit seinen ersten Werken (damals noch im Bastei Lübbe-Verlag erschienen) hat mich Michael Marrak mit seinem Ideenreichtum in den Bann gezogen. Und auch sein neuester Roman mit dem Titel „Der Kanon mechanischer Seelen“ trifft wieder voll ins Schwarze. Schon auf den ersten Seiten, weiß man, was einen erwartet: Ein schrilles Abenteuer, das sich irgendwo auf der Grenze zwischen Science Fiction und Fantasy tummelt, mal auf die eine und dann wieder auf die andere Seite schlittert, und dabei fast schon ein eigenständiges Genre kreiert. Marraks Hommage an diverse Werke von Stanislav Lem, aber auch an Klassiker wie Lewis Carrolls Alice-Bücher, ist perfekte Unterhaltung, die süchtig macht. Die Ideen, die in dieser Geschichte untergebracht wurden, sind unermesslich. Auf jeder Seite wird man (im positiven Sinne) von Innovationen bombardiert, die den Roman zu einem wirklich außergewöhnlichen Ereignis machen. Eine Prise Walter Moers, eine Handvoll Lewis Carroll und ein unglaublich guter Schuss Michael Marrak lassen für mich „Der Kanon mechanischer Seelen“ aus dem Stand heraus zu einem Kultbuch avancieren.

Der Roman wirkt auf mich, als hätten sich David Lynch, Tim Burton und James Cameron zusammengesetzt, um einen filmreifen Plot zu erarbeiten, der die Vorstellungskraft der Zuschauer sprengt. Genau das hat Michael Marrak mit seinem Werk geschafft: ein abgedrehtes Abenteuer, das sich bildhaft in die Gedanken des Lesers hineinfrisst und ihn nicht mehr loslässt. Liebevoll ausgearbeitete Charaktere bewegen sich in einer fantasievollen Welt voller Wunder und unglaublicher Wesen. Und auch der Spaß kommt niemals zu kurz. Michael Marrak besitzt einen außergewöhnlichen Humor, der mir, während ich diese Zeilen schreibe, schon wieder ein Grinsen ins Gesicht zaubert. Die siebenhundert Seiten fliegen nur so an einem vorbei, so unterhaltsam, spannend und visionär ist die Geschichte, die erzählt wird. „Der Kanon mechanischer Seelen“ besitzt einen unglaublichen und unwiderstehlichen Reiz. Zu der epischen Geschichte gesellen sich noch vom Autor selbst kreierte Illustrationen, die den Plot teilweise wirklich genial ergänzen. Marraks neuester Roman ist ein kleines Wunder, das sich erst nach der Lektüre vollends im Kopf des Lesers breitmacht und entfaltet. Die Mischung aus Science Fiction-, Fantasy- und klassischen Abenteuerroman mit einem Hauch Kinderbuch hat es wirklich in sich, denn erstaunlicherweise gibt es zwei Versionen dieses Buches, nämlich zuerst einmal diejenige, die man direkt während des Lesens erlebt und danach gesellt sich noch eine Fassung hinzu, die man als eine Art „Nachgeburt“ betrachten könnte. Zu viel steckt in den Zeilen, als dass man es so ohne weiteres verstehen und in sich aufsaugen  könnte. Ich bin sicher, dass sich beim zweiten Lesedurchgang eine Unmenge an neuen Eindrücken auftun werden, die man beim ersten Mal schlichtweg aufgrund der Fülle an inspirierenden Gedankengängen „überlesen“ hat.

Man muss sich auf solcherart Abenteuer einlassen können, um die epische Bandbreite der Geschichte auffassen zu können. Marrak wirft mit vielen Fantasiewörtern um sich, die den einen oder anderen Leser auf Dauer abschrecken könnten. Aber wenn man sich die Zeit nimmt, um sie zu „verstehen“, macht das Buch fast doppelt so viel Spaß, wie es ohnehin schon macht. Ich fühlte mich oft an „alte“ SF- und Abenteuerromane aus meiner Kindheit und Jugend erinnert, so dass „Der Kanon mechanischer Seelen“ für manch einen sogar eine kurze nostalgische Reise in die eigene (Lese-)Vergangenheit darstellen könnte.
Die Aufmachung des gebundenen Buches ist dem Amrun-Verlag sehr gut gelungen und sieht auch im Buchregal äußerst ansprechend aus. „Der Kanon mechanischer Seelen“ ist also, abgesehen vom genialen Inhalt, auch ein toller Blickfang fürs Regal.
Unverständlich ist für mich, dass Michael Marraks Epos nicht bei einem Verlag wie Heyne, Bastei Lübbe, Fischer TOR oder Piper erschienen ist, zeigt es doch, dass großartige, fantastische Unterhaltungsliteratur auch aus Deutschland kommen kann und sogar mehr Existenzberechtigung als so mancher internationale, (angebliche) Bestseller hat.  Wie schon erwähnt: Für mich besitzt „Der Kanon mechanischer Seelen“ schon jetzt Kultcharakter und vielleicht landen ja die Taschenbuchrechte bei einem Verlag, der es schafft, dem Werk die große Aufmerksamkeit, die es verdient, zu verschaffen.

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Fazit: Innovativ, spannend und witzig. Michael Marraks SF-Fantasy-Epos besitzt Kultcharakter.

© 2018 Wolfgang Brunner für Buchwelten

Die Gabe von Naomi Alderman


Die Gabe von Naomi AldermanErschienen als Taschenbuch
im Heyne Verlag
insgesamt  464 Seiten
Preis: 16,99 €
ISBN: 978-3-453-31911-0
Kategorie: Beletristik, Science Fiction

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Wie aus dem Nichts tragen Frauen auf der ganzen Welt plötzlich „die Gabe“ in sich: durch stromähnliche Entladungen sind sie in der Lage, anderen Menschen Schmerzen zuzufügen, die sogar tödlich enden können. Im Laufe der Jahre verändert sich die weltpolitische Lage immer mehr zugunsten der Frauen, die in vielen Belangen die Oberhand gewinnen, bis die Männer schließlich zum „schwachen Geschlecht“ werden. Doch welche Gefahren verbergen sich hinter einer von resoluten und machthungrigen geführten Weltherrschaft durch Frauen?

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Was wäre, wenn …?
Tja, was wäre, wenn unsere Welt anders aussehen würde, in dem die Frauen das starke Geschlecht wären und die Männer so behandeln (und unterdrücken) würden, wie es momentan in einigen Ländern dieser Welt passiert? Naomi Alderman wirft den Leser allerdings nicht ohne Vorwarnung in dieses äußerst interessante Szenario, sondern führt ihn langsam darauf zu. Die Umwälzungen treten langsam zutage und man wird Zeuge, wie sich Frauen und Männer (und dadurch die ganze Gesellschaft und das Weltbild) verändern. Man fühlt sich aufgrund der Thematik tatsächlich des Öfteren an Werke von Margaret Atherwood oder Ursula K. LeGuin erinnert, aber Naomi Alderman geht ihren eigen, sehr prägnanten Weg, den man nur zu gerne als Leser mit beschreitet. Aldermans Roman ist eine Mischung aus Drama, Science Fiction und Dystopie, die erschreckt, verwirrt und teilweise sogar verstört. Das umgewandelte Weltbild, in der die Männer von den Frauen unterjocht werden, regt zum Nachdenken an, welches Geschlecht wohl das „bessere“ für das Wohlergehen der Menschheit darstellt.

Die Ausgangssituation beziehungsweise der Plot von „Die Gabe“ ist schlichtweg genial und atemberaubend. Und auch wenn alles nur erfunden ist, hinterlässt die Geschichte unglaublichen Eindruck beim Leser, den man nicht mehr so schnell vergisst. Und obwohl alles relativ unspektakulär daherkommt (oder vielleicht sogar deswegen) wirkte „Die Gabe“ fast schon bahnbrechend auf mich, weil es extremst realistisch schildert, wie sich die Welt nach so einem Szenario entwickeln könnte. Naomi Alderman hebt aber nie den mahnenden Zeigefinger, in dem sie Männer „schlecht“ macht, sondern dreht den Spieß unserer Wirklichkeit einfach um und öffnet uns damit die Augen. Denn schon bald erkennt man, dass auch die Herrschaft unter Frauen nicht unbedingt das Gelbe vom Ei ist.
Naomi Alderman verleiht ihren Charakteren zwar eine gewisse Tiefe, die aber immer noch Platz für eigene Fantasien Platz lässt und die Protagonisten dadurch im Kopf des Lesers ein Eigenleben entwickeln lässt, das auch noch für die Vorstellungen des Lesers Raum lässt. Das hat mir persönlich sehr gut gefallen, dürfte aber den wenigsten so konkret auffallen. 😉

Aufgrund des oft sehr trocken gehaltenen Schreibstils (was aber übrigens keinesfalls schlecht ist) wirkt der Roman sehr authentisch, fast wie eine historisch-geschichtliche Sachbuchschilderung in Romanform. Hinzu kommen die vereinzelt im Text verstreuten Illustrationen, die angebliche Funde aus einer weit zurückliegenden Zeit darstellen und die Glaubwürdigkeit, sofern man sich darauf einlassen kann, noch zusätzlich unterstreichen. „Die Gabe“ ist aus meiner Sicht ein sehr wichtiges Buch, das man gelesen haben sollte, um die Welt, in der wir leben, verstehen zu können. Denn unsere Realität könnte durchaus anders, aber keineswegs besser, ablaufen. Alleine diese Gedankengänge, die durch Aldermans Werk während des Lesens zum Vorschein kommen, lohnen die Lektüre. „Die Gabe“ wirkt nach, beschäftigt einen noch eine lange Zeit, weil man sich unweigerlich mit der Thematik auseinandersetzen muss (und will). Es ist schon wirklich erstaunlich, was Worte in einem Menschen auslösen können – und im Falle von Naomi Aldermans teils kalter Ausdrucksweise versteckt sich ein weitaus niveauvollerer, genialer Schreibstil, als man zuerst vermuten möchte. Denn genau dieser emotionale Abstand, der in den schrecklichen und angsteinflößenden Schilderungen steckt, birgt eine enorm ausdrucksstarke Nachwirkung. Ich kann für das Buch nur eine uneingeschränkte Leseempfehlung aussprechen.

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Fazit: Beeindruckend und angsteinflößend. Ein Roman, über den man noch lange nach der Lektüre nachdenkt.

© 2018 Wolfgang Brunner für Buchwelten

Rache von Alastair Reynolds

Rache von Alastair Reynolds

Erschienen als Taschenbuch
im Heyne Verlag
insgesamt  558 Seiten
Preis: 10,99 €
ISBN: 978-3-453-453-31895-3
Kategorie: Science Fiction

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Als sich ihr Vater dermaßen hoch verschuldet, sehen die beiden Zwillinge Adrana und Arafura keine andere Möglichkeit, ihm zu helfen, und heuern ohne seine Erlaubnis auf einem Raumfrachter an, um zu Geld zu kommen. Der Kapitän des Raumschiffes ist ein Pirat, der verborgene Schätze und wertvolle Artefakte auf fernab gelegenen Planeten birgt und sie verkauft. Die Schatzjagden verlaufen so lange gut, bis Bosa Sennen, eine erbarmungslose Piratin, auftaucht und ihnen die geborgenen Schätze stehlen will. Doch es steckt viel mehr hinter Sennen als nur eine brutale Tyrannin. Als sie Arafuras Schwester Adrana entführt, hat Arafura nur noch eines im Sinn: Rache.

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Mit „Rache“ beweist Alastair Reynolds erneut, dass er einer der besten Autoren im Science Fiction-Bereich gehört. Reynolds bedient sich anfangs mit Stilmitteln des klassischen Abenteuerromans. Und in diesem Falle auch des Piratenromans. Die Protagonistin, die übrigens unverständlicherweise im Klappentext mit keinem Wort erwähnt wird, entwickelt sich vom scheuen, unbedarften Mädchen zur toughen und skrupellosen Frau. Auch hier geht Reynolds den klassischen Weg eines Entwicklungsromans. Doch dies ist keineswegs langweilig oder wirkt nach Schema F geschrieben, sondern macht unheimlich Spaß. Alastair Reynolds hat mit „Rache“ nicht unbedingt ein bombastisches Space-Epos abgeliefert, sondern einen geradlinig erzählten Abenteuerroman, der in der Zukunft und zum größten Teil im Weltraum handelt. Sicherlich wird der Leser mit der ein oder anderen innovativen Idee beglückt, aber im Grunde genommen wird hier eine moderne Piratengeschichte erzählt, die in der Zukunft spielt. Reynolds entwirft in diesem Roman ein atemberaubendes Szenario, das aber niemals in den Vordergrund tritt, sondern als selbstverständlich behandelt wird. Das Hauptaugenmerk liegt auf der Protagonistin und ihren (Rache)motiven.

Bei vielen SF-Romanen dieser Art, in der neue, erfundene Welten beschrieben werden, dauert es immer eine Weile, bis man sich im Plot zurecht gefunden hat. Nicht so bei „Rache“. Hier funktioniert die ganze „Umgebung“ sofort und man fühlt sich in diesem Universum sofort zu Hause und heimelig. Ich konnte das Buch wirklich sehr schlecht zur Seite legen, weil mich die Handlung von der ersten Seite an gefangen nahm und nicht mehr losließ. Genau so wünsche ich mir einen guten Science Fiction-Roman. Reynolds hält sich in diesem Werk mit technischen Details weitgehend zurück und konzentriert sich in erster Linie auf die Hauptgeschichte. Die Charaktere sind, zumindest aus meiner Sicht, gut ausgearbeitet und lassen immer noch genügend Spielraum für eigene Interpretationen. An manchen Stellen mutet der Roman wie ein klassischer SF-Abenteuerroman aus der Vergangenheit an, der nicht nur für Erwachsene, sondern auch für ein jüngeres Publikum geschrieben wurde, sieht man von den vereinzelt brutalen Szenen einmal ab. Aber das schadet dem Werk keinesfalls, denn es liest sich dadurch sehr flüssig und angenehm.

Interessant fand ich das Gefühl, das mich oftmals überkam und an Romane von Jules Verne denken ließ. Reynolds hat es tatsächlich geschafft und in seinen modernen Roman einen „alten“ Flair mit einfließen zu lassen, der fast schon ein wenig nostalgisch wirkte, was ich außerordentlich angenehm empfand. Fast fühlt man sich als kleiner Junge (oder als kleines Mädchen), wenn man diese Art von Roman bereits in seiner Kindheit gelesen hat. „Rache“ ist kurzweilig und lässt, wie man es von Alastair Reynolds gewohnt ist, einen perfekten Film in Gedanken ablaufen. Ohne unnötige Schnörkel begleiten wir die sympathische Protagonistin auf ihrem konsequenten Weg und wohnen einem fesselnden Finale bei. „Rache“ hat mich begeistert und auch ohne Weltraumschlachten absolut in seinen Bann gezogen.

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Fazit: Spannend und schnörkellos geschriebener Abenteuerroman in einem beeindruckenden Universum.

© 2018 Wolfgang Brunner für Buchwelten

Armada von Ernest Cline

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Erschienen als Taschenbuch
im Fischer Tor Verlag
insgesamt 416 Seiten
Preis: 14,99 €
ISBN: 978-3-596-29660-6
Kategorie: Science Fiction

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Zack Lightman ist einer der besten Spieler im Computerspiel „Armada“. Dort wird die Erde von einer außerirdischen Spezies angegriffen und Lightmann muss zusammen mit anderen Spielern unsere Welt retten. Doch dann taucht eines Tages plötzlich ein echtes Raumschiff über seiner Heimatstadt auf und aus dem Computerspiel wird Ernst. Denn es stellt sich heraus, dass „Armada“ lediglich als Spiel getarnt ist und die Spieler in Wahrheit eine Armee bilden, die die Hoffnung der gesamten Menschheit darstellen.

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Ernest Cline geht mit seinem zweiten Roman nach „Ready Player One“ kein Risiko ein und bewegt sich auf den gleichen Pfaden wie bei seinem Debüt. Was sich aber im ersten Moment wie eine uninspirierte und gar kopierte Geschichte nach Schema F des Vorgängers anhört, entpuppt sich dann aber doch sehr schnell zu einem zweiten Volltreffer im Bereich der Science Fiction, der wieder auf unzähligen Anspielungen auf Filme der 80er und 90er Jahre aufbaut. Der Lesegenuss von „Armada“ gestaltet sich ähnlich flott wie der von „Ready Player One“. Man fliegt nur so durch die Seiten, weil man von dem flüssigen, humorvollen Schreibstil schlichtweg mitgerissen wird. Ernest Cline schafft es hervorragend, seine Leser grandios und kurzweilig zu unterhalten. Und wenn man ein „Kind der 80er“ ist und / oder sich für Filme und Musik aus dieser Zeit interessiert, kann man sich dem Sog von Clines‘ Romanen sowieso nicht entziehen.

Ernest Cline zeichnet seine Charaktere ähnlich „menschlich“ und glaubhaft wie in „Ready Player One“, so dass man wirklich sehr nahe  am Protagonisten die Handlung miterlebt. Es sind vor allem die Gedankengänge seiner Hauptperson, die den Leser direkt ansprechen und damit äußerst sympathisch machen. Cline versäumt es auch nicht, in seinem neuen Roman hin und wieder Gesellschaftskritik einzubauen, die durchaus nachvollziehbar ist. „Armada“ ist erneut ein wilder Trip durch die Welt von Computerspiel-, Film- und Musiknerds, der unheimlich Spaß macht. Man sollte „Ready Player One“ aber nie als Vergleich heranziehen und diesen Roman einfach als eigenständiges Werk ansehen, denn zu viele Parallelen im Storyaufbau sind zu verzeichnen, die schnell ein nicht allzu gutes Licht und ein daraus resultierendes Urteil im Kopf des Lesers erscheinen lassen. Viele der unterhaltsamen Anspielungen auf die Welt der 80er Jahre wirken „kopiert“ und lediglich auf eine andere Handlung als „Ready Player One“umgeschrieben, so dass man leicht meinen könnte, „Armada“ wäre als Nachfolgeroman lediglich schnell heruntergeschrieben worden. Ich für meine Person empfinde das überhaupt nicht so, sondern halte „Armada“ für einen völlig legitimen Nachfolger des Erfolges „Ready Player One“, der einfach nur im selben Stil verfasst wurde.

Ähnlich wie beim Vorgängerroman sieht man während des Lesens die Handlung als eine Art Film vor sich. Und es ist in der Tat so, dass sich auch „Armada“ für eine Verfilmung anbieten würde und als Film womöglich sogar besser als die Romanvorlage funktionieren würde. So ähnlich ging es mir übrigens auch bei den Büchern und Filmen von „Maze Runner“, die mir als Buch nur bedingt und als Film sehr gut gefallen haben. Ernest Cline bleibt auf alle Fälle seinem Konzept treu und liefert mit seinem zweiten Buch genau das ab, was seine Fans erwartet haben: kurzweilige Popkorn-Literatur, die schon als Buch einen Kinoblockbuster auf der Gedankenleinwand des Lesers erscheinen lassen. Seine Bücher sind Pageturner erster Klasse, die durch den im Moment auch noch absolut in Mode gekommenen 80er Jahre-Flair einfach nur magisch verzaubern. Clines‘ Bücher könnten es sogar schaffen, nichtlesende Jugendliche endlich wieder zum Lesen zu bringen, denn er behandelt Themen, die diese Zielgruppe begeistern: Videospiele und Filme. Und diese Zutaten, vermischt mit einem lockeren, flüssigen und leicht lesbaren Schreibstil, ergeben fantastische Unterhaltungsliteratur, die nicht nur Jugendliche, sondern auch (junggebliebene) Erwachsene in ihren Bann zu ziehen vermag. Ich freu mich schon auf das dritte Werk des vielversprechenden „Nerds“.

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Fazit: Kurzweilig und genauso unterhaltsam wie der Vorgänger „Ready Player One“.

© 2018 Wolfgang Brunner für Buchwelten

Quazi von Sergej Lukianenko


Quazi von Sergej Lukianenko

Erschienen als Taschenbuch
im Heyne Verlag
insgesamt  414 Seiten
Preis: 14,99 €
ISBN: 978-3-453-453-31852-6
Kategorie: Science Fiction

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Zehn Jahre ist es her, dass eine Seuche ausgebrochen ist und die Menschheit in ein tristes Dasein geworfen hat. Seit dieser Zeit gibt es sogenannte Aufständische, von denen sich einige auserwählte in Quazis, lebende Tote respektive Zombies, verwandeln. Quazis und Menschen versuchen eine Symbiose einzugehen, denn die Auferstandenen sind im Grunde genommen gutmütig. Der Moskauer Polzist Denis Simonow bekommt einen dieser Quazi als neuen Partner zugeteilt. Es dauert nicht lange, und Denis muss feststellen, dass die Quazis etwas planen, um die Menschheit zu unterjochen.

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Lukianenko ist schon seit einiger Zeit der populärste Schriftsteller aus Russland und wenn man seine visionären Romane liest, weiß man auch genau, warum das so ist. Nach seinen Erfolgen mit diversen Reihen (die bekannteste dürfte die legendäre „Wächter“-Reihe sein) widmet sich der Russe einem neuen Kapitel. Der vorliegende Roman mit dem Titel „Quazi“ scheint der erste eines neuen Zyklus zu sein, in dem es um Menschen und wiederauferstandene Tote, sogenannte Quazis, geht. Diese Quazis sind aber nicht die menschenfressenden Monster, wie wir sie aus diversen Zombiefilmen oder Serien wie „The Walking Dead“ kennen, sondern eigentlich Menschen wie Du und ich. Nur eben tot – und quasi unsterblich, weil sie eben schon tot sind. Lukianenko nähert sich dem Thema sehr vorsichtig und schafft es dadurch, dem Szenario eine hohe Glaubwürdigkeit zu verleihen. Seine Untoten sind so menschlich wie seinerzeit der fast schon liebenswerte „Bub“ in George A. Romeros „Day Of The Dead“.

Es ist ein sehr außergewöhnlicher (und für manchen Leser und Lukianenko-Fan wohl auch gewöhnungsbedürftiger) Genre Mix aus Science Fiction, Dystopie, Horror und Krimi. Ich persönlich kam mit dieser Mischung hervorragend klar und war auch stellenweise von den grandiosen Ideen begeistert. Gerade die undurchsichtigen, aber auch gewissermaßen liebenswerten, Charaktere der Quazis, die um ihre Existenzberechtigung kämpfen, haben mir sehr gefallen. Eigentlich haben diese untoten Wesen keinerlei Gefühle mehr in sich, aber dennoch kann man die Quazis oftmals verstehen und meint auch hin und wieder, Emotionen in ihrem Handeln zu entdecken. Sergej Lukianenkos neuer Roman ist kein Geniestreich, wie es manch andere Geschichte aus seiner Feder ist, aber das Werk besitzt eine sehr eindringliche, dystopische Atmosphäre, die mir gut gefallen hat. In einigen Rezensionen wird die angeblich schlechte Übersetzung angeprangert, von der ich aber nichts gespürt habe. Sicherlich ist mir aufgefallen, dass die wiederauferstandenen Toten nicht „Wiederauferstandene“ sondern „Aufständische“ bezeichnet wurden, was absolut keinen Sinn ergibt. Aber wenn man diesen „Makel“ einfach hinnimmt, denn man weiß ja, was gemeint ist, kann man ohne weiteres damit leben und die Geschichte dennoch verstehen.

Man merkt dem Roman an, dass er von Lukianenko stammt, obwohl in seinen anderen Romanen weitaus mehr philosophische Aspekte vorhanden sind. Nichtsdestotrotz kommt aber auch bei „Quazi“ eine gewisse Tiefe zum Tragen, die schlichtweg anders gelagert ist als bei den „echten“ Science Fiction-Storys. Lukianenko widmet sich hier mehr einer möglichen Realität, die uns in Zukunft erwarten könnte, sollte der Mensch eines Tages dazu fähig sein, den Tod zu überwinden. Lukianenko verbindet aktuelle Lebensgefühle mit eventuell zukünftigen, spricht zwar politische und sozialkritische Punkte kurz an, vertieft sie aber nicht. „Quazi“ ist ein erfrischender Beitrag in der schon Jahre anhaltenden Zombie-Dystopie-Apokalypse-Welle, weil er das Thema anders angeht – menschlicher und auf andere Weise erschreckend, als es andere Bücher und Filme derzeit tun. Lukianenko sind mit Denis Simonow und dem Quazi Michail Bedrenez interessante Charaktere gelungen, die noch ausbaubar wären. Entsteht hier tatsächlich eine neue Reihe, kann man schon gespannt sein, wie sich die Charaktere und die Nebenhandlung (die private Geschichte des Ermittlers Denis Simonow) entwickelt. Da steckt auf jeden Fall noch eine Menge Potential im Plot.

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Fazit: Gelungener Zombie-Dystopie-Krimi-Mix, der einen erfrischenden Weg einschlägt.

© 2018 Wolfgang Brunner für Buchwelten

Ready Player One von Ernest Cline

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Erschienen als Taschenbuch
im Fischer Tor Verlag
insgesamt 540 Seiten
Preis: 9,99 €
ISBN: 978-3-596-29659-0
Kategorie: Science Fiction

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James Halliday hat das größte Computer-Online-Spiel der Welt erschaffen. Als er stirbt, hinterlässt er eines der größten Erben, die es je gab, aber keinen Erben. Halliday, großer Fan der 80er Jahre, vermacht sein Vermögen demjenigen, der die versteckten Hinweise in seiner kreierten Computerwelt findet und den „Schatz“ findet. Eine Jagd auf das sogenannte „Easter Egg“ beginnt. Wade Watts, ein junger Gamer und großer Fan von Halliday, ist einer von vielen Jägern, die sich auf den Weg durch die Computerwelt machen, um das Geheimnis von James Hallidays Erbe zu lüften.

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Dieses Buch ist einfach der Wahnsinn. Jeder, der ein Kind der 80er Jahre ist, Videospiele, Filme und Musik dieser Zeit mag, wird sich aus dem Sog dieses Romans nicht mehr losreißen können. Mit unglaublicher Genauigkeit baut Ernest Cline unzählige Anspielungen auf diese Zeit in seine Geschichte ein, dass man auf fast jeder Seite ein Schmunzeln auf den Lippen hat, weil man eben so ziemlich alles kennt. Faszinierend ist vor allem, dass diese ganzen Zitate, Verweise und Verbeugungen aus jener Zeit absolut perfekt in die Handlung passen. Es macht so unglaublich Spaß, den Protagonisten bei ihrer Reise durch eine Zukunft zu begleiten, die im Grunde genommen aus einer tollen Vergangenheit besteht. Jeder, der die 80er Jahre miterlebt hat, weiß, wovon ich spreche und er wird seine helle Freude daran haben, diese Zeit in einer fantastischen Geschichte wieder aufleben zu lassen.

Ernest Cline ist absoluter Nerd, das merkt man auf jeder Seite seines Debütromans. Virtuos wirft er mit Zitaten um sich, entführt den Leser in mehr oder weniger bekannte Kultfilme jener Zeit und erschafft dabei eine unglaubliche Atmosphäre. Mit „Ready Player One“ ist Cline ein ganz großer Wurf gelungen, der sämtliche 80er Jahre Anhänger auf dieser Welt in Verzückung geraten lässt. Wie in einem Film von Steven Spielberg (der übrigens tatsächlich die Filmrechte erworben und den Streifen bereits abgedreht hat – Start 2018) breitet sich eine Flut an Popkultur-Verweisen vor dem inneren Auge des Lesers aus, die einen manchmal sogar überfordert, so geballt kommt sie daher. „Der Gigant aus dem All“, „Blade Runner“, Wargames“ und „Der Tag des Falken“ sind nur einige der Filme, die in „Ready Player One“ eine Rolle spielen. Die Musik der kanadischen Kultband „Rush“ wird ebenfalls in den Vordergrund gestellt wie unzählige Computerspiele der 80er Jahre-Ära. Es ist wirklich eine wahre Freude, den Plot mitzuverfolgen und dabei in eigenen Erinnerungen zu schwelgen. Ernest Clines Debütroman wird definitiv ein Kultbuch für 80er Jahre-Nerds werden, daran besteht kein Zweifel.

Aber es sind nicht nur die erwähnten Anspielungen an die Kultur eines vergangenen Jahrzehnts, die diesen Science Fiction-Roman ausmachen, es ist auch der flüssige Schreibstil des Autors, der einen die Seiten nur so verschlingen lässt. Als hätte Joe Dante einen Roman geschrieben. 🙂
Ähnlich wie in Tad Williams‘ grandioser „Otherland“-Sage spielt der größte Teil der Handlung in einer computergenerierten Welt, in der nichts unmöglich ist. Und genau das nutzt der Autor fulminant aus und entführt den Leser in unglaubliche Welten und spannende Abenteuer, dass man gar nicht genug davon bekommen kann. Der Roman hätte gut und gerne das doppelte, wenn nicht das dreifache an Seitenanzahl haben können und wäre mit Sicherheit an keiner Stelle langweilig geworden.  Ernest Cline tobt sich in seiner Geschichte aus, wie es nur ein echter Fan / Nerd tun kann, und verbindet die verschiedenen Hommagen an unterschiedliche Künstler intelligent zu einem logischen Ganzen. „Ready Player One“ ist ein erfrischendes Feuerwerk an Ideen, die es meines Wissens so geballt in dieser Art noch nie gegeben hat. Ich bin sehr gespannt auf die filmische Umsetzung von Steven Spielberg (der Trailer ist schon mal richtig gut gelungen) und freue mich schon auf den zweiten, ebenfalls im Fischer Tor Verlag erschienenen, Roman von Ernest Cline mit dem Titel „Armada“.
Für mich ist „Ready Player One“ auf jeden Fall eine der ganz großen SF-Entdeckungen des Jahres.

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Fazit: Science Fiction-Dystopie mit unzähligen 80er Jahre-Anspielungen und unglaublichem Flair. Unbedingt lesen!

© 2018 Wolfgang Brunner für Buchwelten

Overworld von Dan Wells

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Erschienen als Taschenbuch
im Piper Verlag
insgesamt  430 Seiten
Preis: 13,00 €
ISBN: 978-3-492-28022-8
Kategorie: Science Fiction, Fantasy

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„Overworld“ ist das beliebteste Virtual-Reality-Spiel der Welt. Marisa Carneseca, die wir schon aus „Bluescreen“ kennen, bekommt zusammen mit ihren Freunden eine Einladung, um an einem Overworld-Turnier teilzunehmen. Sollte Marisas Team gewinnen, könnte sie ihre Familie endlich finanziell unterstützen. Doch schon bald wird Marisa klar, dass sich hinter „Overworld“ nicht nur ein Spiel versteckt, sondern eine profitgierige Machenschaft, die die Existenz mittelständischer Menschen, wie Marisas Eltern, bedroht  …

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„Overworld“ setzt Abenteuer von Marisa Carneseca und ihren Freunden nahtlos fort. Auch wenn man zwischen dem ersten Teil „Bluescreen“ als Leser viele Monate hat verstreichen lassen, so findet man doch sehr schnell wieder Zugang zu den Jugendlichen und dem Stadtteil Mirador. Dinge, die man vergessen hat, werden kurz von Dan Wells angesprochen und sofort hat man den Anschluss wieder. Wells hat sehr geschickt die Abenteuer des ersten Teils eingebaut, ohne dessen Handlung nochmals zu wiederholen. Aber davon abgesehen, könnte man „Overworld“ auch durchaus als eigenständigen, unabhängigen Roman lesen und würde die Zusammenhänge dennoch verstehen.
Dan Wells hat mit seinen Mirador-Romanen eine wirklich beeindruckende Zukunftsvision erschaffen, die wirklichkeitsnäher nicht sein könnte. Auf erschreckende Weise stellt man während des Lesens fest, dass die geschilderte Zukunft in manchen Dingen näher ist, als man denkt. Die Ansätze (Internetzugang wird zum Beispiel als Lebensgrundlage bezeichnet) jener Zukunftswelt sind dystopisch und real zugleich.

Im vorliegenden zweiten Teil des Mirador-Zyklus richtet Dan Wells sein Hauptaugenmerk auf Videospiele und wird so manch einen Leser an Tad Williams‘ fantastische „Otherland“-Reihe erinnern. Doch Wells geht einen anderen Weg, der nicht minder spannend und faszinierend ist. Was mir vor allem (wieder, wie schon im ersten Teil) gefallen hat, waren die Aktionen der Teenager untereinander. Die Sticheleien und Beleidigungen sind sehr authentisch und witzig dargestellt und zaubern einem während des Lesens oftmals ein Lächeln auf die Lippen. Dieses Lebensgefühl, das Jugendliche bei Videospielen, Internetforen und Chatrooms spüren, wird sehr gut und glaubhaft beschrieben, auch wie sie miteinander sprechen. Die Dialoge sind flüssig und Wells‘ Schreibstil gewohnt hochwertig, aber leicht lesbar, so dass der Roman sehr schnell gelesen werden kann. Dass man sich sehr schwer von der Handlung trennen und das Buch zur Seite legen kann, liegt auch daran, dass Dan Wells sehr kurzweilig und fesselnd schreibt und den Leser förmlich selbst in die Handlung mit eintauchen lässt. Das konnte er schon bei seinen „Serienkiller“-Büchern, aber bei den Mirador-Romanen wirkte es zumindest auf mich noch spannender.

„Overworld“ mutet manchmal wie ein Film an, manchmal aber auch wie ein Videospiel. wobei Dan Wells gut und gerne mehr von dem eigentlichen Game hätte beschreiben können. In diesem Fall kann Tad Williams eindeutig mehr auftrumpfen. Nichtsdestotrotz fliegt man nur so durch die Seiten, um zu erfahren, wie es den Mädchen ergeht. Und auch wenn man, wie ich, kein Gamer ist und nicht über entsprechendes Wissen verfügt, kann man den Spielverläufen und den Fachausdrücken ohne weiteres folgen, denn die meisten Dinge werden innerhalb des Romans erklärt und am Ende des Buches ist auch noch ein Glossar abgedruckt, mittels dem man sich schlau machen kann. Mir persönlich hat dieser zweite Teil „Overworld“ ein klein wenig besser gefallen als „Bluescreen“, was mich vermuten lässt, dass Dan Wells selbst tiefer in seine Charaktere und Szenarien eingedrungen ist. Dies wiederum lässt meine Erwartungshaltung gegenüber dem dritten Teil höher steigen, wobei ich allerdings auch ziemlich sicher bin, dass Dan Wells diese Erwartungen erfüllen wird. „Overworld“ ist ein absolut unterhaltsames Science Fiction-Abenteuer mit sozialkritischem Anteil, in dem auf wirtschaftliche Auswirkungen des Internets eingegangen wird. Gerade diese Mischung aus intelligenter Zukkunftsvision und spannendem Actionabenteuer funktioniert hervorragend und wird Fans des ersten Teils uneingeschränkt gefallen.

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Fazit: Spannender, intelligenter zweiter Teil der Mirador-Saga, der hervorragend unterhält.

© 2018 Wolfgang Brunner für Buchwelten

Schwerelos von Katie Khan

Schwerelos von Katie Khan

Erschienen als Taschenbuch
im Heyne Verlag
insgesamt  416Seiten
Preis: 14,99 €
ISBN: 978-3-453-3183-4
Kategorie: Science Fiction, Liebe

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Die Astronauten Carys und Max schweben aufgrund eines unglücklichen Zwischenfalls einsam im Weltraum. Sie können ihre Raumstation nicht mehr erreichen und die Luftvorräte können sie nur noch etwa neunzig Minuten am Leben erhalten. Während die beiden verzweifelt versuchen, sich aus ihrer misslichen Lage zu retten, reden sie miteinander und erinnern sich an die Zeiten, als sie sich kennengelernt und ineinander verliebt haben. Mit unaufhaltsamer Grausamkeit verstreichen dabei die Minuten, die ihnen noch bleiben, und das unausweichliche Ende rückt immer näher …

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Man sieht das Cover, am liest den Titel und den Klappentext und denkt sofort, dass es sich hier um einen „Klon“ des Films „Gravity“ handelt. Auch während der ersten Seiten bekommt man den Gedanken nicht los, dass sich die Autorin in erster Linie an dem genannten Film mit Sandra Bullock und George Clooney in den Hauptrollen orientiert. Aber man wird eines besseren belehrt, denn Kathie Khan geht letztendlich einen ganz anderen Weg und nimmt lediglich eine ähnliche Ausgangssituation für ihren Roman. Bei „Schwerelos“ handelt es sich um eines der eher seltenen Bücher, die ich in das Genre „Science Fiction-Liebesroman“ stecken würde. Khan geht das Ganze wirklich sehr geschickt an, so dass man sich bereits nach der ersten „Rückblende“ in das Leben der beiden Protagonisten nur noch sehr schwer von den Seiten lösen kann.

„Schwerelos“ wirkt wie eine Mischung aus Science Fiction, Liebesroman und All-Age-Abenteuer á la „Die Tribute von Panem“, um nur ein Beispiel zu nennen. Das Buch kann sich aus meiner Sicht nicht wirklich entscheiden, ob es sich um einen Erwachsenen- oder Jugendroman handelt, was ich persönlich aber gar nicht schlimm finde. Denn wichtig ist, was drin steht und wie atmosphärisch der Plot auf mich wirkte. Wie gesagt, ich konnte mich wirklich sehr schwer von Carys und Max lösen, während ihre Lebensgeschichte erzählt wurde und sie im Weltraum um ihr Überleben kämpften. Kurzweiliger könnte man die Story gar nicht erzählen, wie es Katie Khan getan hat. Die Seiten fliegen nur so dahin, obwohl es sich im Grunde genommen „nur“ um eine einfache Liebesgeschichte handelt, die in ein SF-Gewand verpackt wurde. Dennoch funktioniert sie. Aber es ist nicht so, dass sich Khan einfach nur mit einer Geschichte über eine Liebe zufrieden gibt. Im letzten Drittel nimmt der Roman noch einmal so richtig Fahrt auf, in dem er sich verschiedener Ebenen bedient und tatsächlich noch echte Science Fiction-Elemente einbindet.

Gerade das Ende macht den ohnehin an manchen Stellen philosophisch angehauchten Roman in meinen Augen zu etwas besonderem. Man beginnt an manchen Stellen über sein eigenes (Liebes-)Leben nachzudenken und fiebert mit den Protagonisten mit. Katie Khan hat am Ende wunderschöne „Wendungen“ und Gedanken in ihren Roman verbaut, die auf manchen Leser kitschig wirken könnten, aber genaugenommen einfach nur darstellen, was „echte Liebe“ wirklich bedeutet. Mir hat die Entwicklung in diese Richtung sehr gut gefallen und das echte Ende verursacht in mir immer noch Traurigkeit, aber auch irgendwie Hoffnung. Katie Khan hat einen schönen und gut lesbaren Liebesroman geschrieben, der eine Science Fiction-Situation zum Ausgangspunkt hat. Ich hätte gut und gerne das doppelte an Seiten verschlingen können, um den beiden noch länger beizuwohnen, denn der flüssige Schreibstil und die philosophischen Überlegungen haben mich schlichtweg von der ersten Seite an gepackt. Ich bin schon jetzt gespannt, was als nächstes von dieser Autorin kommt, denn mit ihrem Debüt hat sie eines auf jeden Fall schon einmal bewiesen: Mut zum Anderssein, in dem man eine „kitschige“ Liebesgeschichte in ein SF-Gewand packt. Und das Konzept funktioniert einwandfrei. Interessant ist, dass die SF-Anteile, die zwar nur selten vorkommen, sehr detailliert und gut recherchiert sind und dem Roman dadurch eine tolle Glaubhaftigkeit verleihen. Ich mag diese Geschichte sehr.

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Fazit: Ein philosophischer Liebesroman im Science Fiction-Gewand. Faszinierendes Lesevergnügen.

© 2018 Wolfgang Brunner für Buchwelten

Das Dunkel der Sterne von Peter F. Hamilton

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Erschienen als Taschenbuch
bei Piper
insgesamt 928 Seiten
Preis:  20,00  €
ISBN: 978-3-492-70392-5
Kategorie: Science Fiction

Der Planet Bienvenido konnte zwar endlich aus der Leere ins Universum zurückkehren; doch er ist Millionen Lichtjahre vom Commenwealth entfernt. Die Bewohner kämpfen immer noch gegen die Faller.  Doch plötzlich erscheint eine mysteriöse Gestalt auf, die sich „Kriegerengel“ nennt und den Menschen Hilfe anbietet.

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Der zweite Roman aus der „Chronik der Faller“ setzt unbedingt voraus, dass man den ersten Teil kennt, denn die komplexe Handlung wird fortgeführt. Ohne Vorwissen gerät der dicke Schmöker schnell zu einem äußerst unübersichtlichen Plot, dem man schon bald nicht mehr folgen kann. Wer aber noch ungefähr weiß, was sich im ersten Teil abgespielt hat, darf erfreut in das „neue“ Universum von Peter F. Hamilton zurückkehren.  Man muss allerdings diese Art von (Science Fiction-) Bücher mögen, denn es verlangt auch einem eingeschworenen Fan an gewissen Stellen Durchhaltevermögen ab. Hamilton geht in die Länge, wo er nur kann (außer hier am Ende) und fordert vom Leser Aufmerksamkeit und Konzentration, denn nur zu schnell kann man nämlich die Übersicht bei der Komplexität der Handlung verlieren. „Das Dunkel der Sterne“ wirkt durch die Antagonisten, die „Faller“, herrlich unverbraucht und erfrischend, die mir in dem vorliegenden zweiten Teil sogar noch besser als im ersten gefallen haben.

Peter F. Hamilton schreibt Space Operas, wie sie sich der eingefleischte Science Fiction-Fan wünscht. Da ist wirklich alles dabei, von politischen Intrigen über Weltraumschlachten und Aliens bis hin zu polizeilichen Ermittlungen und Verschwörungen. Hamilton erschafft eine bis ins letzte Detail glaubwürdige Zukunftswelt. Das mittlere Drittel dieses zweiten Teils hat mir besonders gut gefallen. Hier treffen die verschiedenen Handlungsstränge aufeinander, vermischen sich und ergeben plötzlich einen Sinn. Das war hervorragend gemacht und hat mich eher an einen „alten“ Abenteuerroman als an eine moderne Science Fiction-Geschichte erinnert. In diesem Abschnitt des sehr umfangreichen Romans kam eine sehr angenehme Atmosphäre auf,  wegen der ich unentwegt weiterlesen wollte. Gegen Ende hin wird Hamilton dann wieder etwas langatmiger und widmet sich ausgiebigen Beschreibungen von zum Beispiel technischen Details, die für den ein oder anderen (ungeduldigen) Leser etwas ermüdende Auswirkungen haben könnten. Da ich die anderen Commonwealth-Romane (noch nicht) kenne, könnte ich mir durchaus vorstellen, dass sich mit diesem Wissen hier auch noch ein komplett anderes Gesamtbild ergeben könnte. Aber der Lesegenuss funktioniert auch ohne die vorhergehenden Romane aus dem Commonwealth-Zyklus, „Der Abgrund jenseits der Träume“ einmal ausgenommen.

Die Charakterzeichnungen fand ich ebenfalls sehr gelungen, allen voran der „normale“ Florian. Die Szenen, in denen er sich um ein schnell heranwachsendes Baby kümmert, sind einfach nur göttlich und machen dermaßen viel Spaß, dass man sich am Ende wünscht, es hätte noch länger gedauert. Aber auch die anderen Personen agieren glaubwürdig und wachsen einem ans Herz, oder auch nicht. „Die Chronik der Faller“ ist episch angelegt und umfasst einen riesigen Zeitraum, der unendlich viele Möglichkeiten und eigene Gedankengänge zulässt. Denn obwohl Hamilton sehr vieles genau erklärt, rotieren die Gedanken des Lesers (zumindest ging es mir so) permanent und bilden erstaunlicherweise irgendwie zusätzliche Details in dem ganzen Universum. Was ich damit sagen will, ist, dass Hamilton es bei mir geschafft hat, dass ich seine erschaffene Welt über seine Erklärungen hinaus in meiner Vorstellung weiter ausgebaut habe. Erwähnen möchte ich noch unbedingt die Verfolgungsszene mit den Polarbären, die so bildhaft beschrieben wurde, dass ich förmlich einen Film vor meinem inneren Auge sah. Dieses Geschehen wirkte sehr beeindruckend auf mich und ich denke, dass ich es nicht so schnell vergessen werdew. Peter F. Hamiltons Abschlussband der „Faller-Chronik“ schließt nahtlos an den ersten Band an. Beide Bücher ergeben ein Science Fiction-Abenteuer der Extraklasse, dessen Gesamteindruck im Nachhinein noch mehr nachwirkt als während des Lesens. So muss gute Science Fiction sein.

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Fazit: Würdige Fortsetzung von „Die Träume jenseits des Abgrunds“. Genialer Science Fiction-Pageturner.

© 2017 Wolfgang Brunner für Buchwelten