New York 2140 von Kim Stanley Robinson

New York 2140 von Kim Stanley Robinson

Erschienen als Taschenbuch
im Heyne Verlag
insgesamt 814 Seiten
Preis: 16,99 €
ISBN: 978-3-453-31900-4
Kategorie: Science Fiction

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Auf der ganzen Welt hat sich der Meeresspiegel gehoben, so dass vieles unter Wasser steht. So auch in New York, das sich zu einem amerikanischen Venedig entwickelt hat, in dem Hochhäuser wie autarke kleine Städte wirken.
In einem dieser Hochhäuser betätigt sich Vlade als Hausmeister. Zusammen mit anderen Bewohnern, die in verschiedenen Berufen tätig sind, versucht er, diese kleine Welt instand zu halten.
Doch dann wird plötzlich ein verlockendes Kaufangebot auf das Gebäude abgegeben, zugleich verschwinden zwei Bewohner des Komplexes.
Vlade und seine Freunde versuchen, Licht hinter die Sache zu bringen und entdecken ein abgekartetes Spiel, hinter dem reine Profitgier zu stecken scheint.

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Kim Stanley Robinson hat eine Ausgangssituation entworfen, die vollkommen plausibel und nachvollziehbar wirkt. Sein Roman über das zukünftige New York im Jahre 2140 ist eine gekonnte Mischung aus Science Fiction, Dystopie und Polit-Thriller, der mich bereits nach wenigen Seiten in seinen Bann gezogen und nicht mehr losgelassen hat. Es dauert sicherlich eine Weile, bis man mit den zahlreichen Protagonisten „warm“ wird, doch das Durchhalten lohnt sich. Auch wenn Robinson den Charakteren nicht wirklich viel Tiefe verliehen hat, folgt man ihrem Lebensweg neugierig und möchte wissen, wie es ihnen im weiteren Verlauf der Geschichte ergeht.
Besonders gut gefallen haben mir die gesellschaftskritischen und politischen Aspekte, die der Autor in seinen Plot mit eingebaut hat. Diese Entwicklungen waren absolut authentisch und ich dachte mir des Öfteren, dass sich viele der kritisierten Dinge bereits in unserer heutigen Zeit so zutragen. Genau aus diesem Grund empfinde ich Robinsons Zukunftsvision absolut lesenswert.

Der Autor erhebt niemals den Zeigefinger wie ein strenger Lehrer, sondern regt uns mit seinen Ideen schlichtweg zum Nachdenken an, damit uns genau solch eine Zukunft nicht erwartet. Doch es ist nicht nur die politische Seite, die diesen Roman sehr interessant macht, sondern auch die abenteuerliche Geschichten der Protagonisten, die sich munter zwischen den Genres des Liebes-, SF oder Weltuntergangsromans bewegen, aber auch klassische Elemente des Abenteuerromans beinhalten. Obwohl viel geredet wird (und eben auch politisches, das ich eigentlich überhaupt nicht mag) fliegen die achthundert Seiten nur so dahin. Nur selten empfand ich die Geschichte langweilig, meistens konnte ich das Buch nicht aus der Hand legen, so hat es mich gefesselt. „New York 2140“ ist kein typischer Science Fiction-Roman, sondern bewegt sich, so wie die meisten anderen Romane von Kim Stanley Robinson, eher auf einem sehr realitätsnahen Niveau und zeigt zwar ein Zukunftsbild unserer Welt, das allerdings nicht besonders weit von unserer Jetztzeit entfernt ist.

Mit einer erschreckenden Detailgenauigkeit und einer überaus schockierenden Konsequenz schildert Robinson die Auswirkungen des Klimawandels und der daraus resultierenden Lebenssituation, die sich der Mensch selbst bereitet hat. Es ist faszinierend, wie der Autor die diversen Bereiche einer solchen Naturkatastrophe ausleuchtet und sie anhand von Einzelschicksalen dennoch zu einer allgemein anwendbaren „Sache“ macht. Ich fühlte mich in dieser „Wasserwelt“ sehr heimisch, obwohl diese natürlich mit einer Unmenge an Problemen verbunden war. Dennoch schildert Robinson das Leben seiner Protagonisten auf eine Art und Weise, die den Leser unmittelbar daran teilhaben lässt. Man wünscht sich fast, man könnte einen Blick auf dieses New York in einer nicht allzu fernen Zukunft werfen, mit all seinen Brücken und Wasserwegen.
Die Lebensgeschichten seiner Protagonisten verbinden sich am Ende zwar zu einem Gesamtbild, bringen aber nicht einen Aha-Effekt, wie sich manch ein Leser wohl wünschen würde. „New York 2140“ ist aus Actionperspektive absolut unspektakulär, aus erzählerischer Sicht jedoch fast schon visionär in seiner Detailgenauigkeit und Klarheit. Die Finanzwelt ist auch hier, wie schon in der Gegenwart, vollkommen abgedreht und machthungrig. Robinson zeigt dem aufmerksamen Leser auf, wie sich solch ein Verhalten auf die Zukunft der Menschheit auswirken kann. Und das tut er sehr nachhaltig und intensiv. Ich habe dieses Buch sehr genossen.

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Fazit: Abenteuer, Science Fiction, Gesellschaftskritik und Liebesroman in einem. Wer sich darauf einlassen kann, erhält ein absolut detailliertes Zukunftsbild unserer Erde.

© 2018  Wolfgang Brunner für Buchwelten

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Artemis von Andy Weir

Artemis von Andy Weir

Erschienen als Taschenbuch
im Heyne Verlag
insgesamt 432 Seiten
Preis: 15,00 €
ISBN: 978-3-453-27167-8
Kategorie: Science Fiction

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Jazz Bashara lebt in Artemis, der ersten Stadt auf dem Mond. Das Leben dort ist verdammt teuer, wenn man nicht gerade Millionär ist. So bleibt Jazz nichts anderes übrig, als Zigaretten und andere, auf dem Mond verbotene Luxusgüter, für die reichen zu schmuggeln, um ein halbwegs vernünftiges Leben auf dem Mond führen zu können. Eines Tages bekommt sie einen äußerst lukrativen, aber auch enorm illegalen Auftrag, angeboten. Jazz nimmt den Auftrag an. Doch die Sache stellt sich plötzlich ganz anders dar als angenommen und von einem Moment auf den anderen steckt Jazz inmitten einer gefährlichen Verschwörung, durch die sogar das Schicksal von ganz Artemis gefährdet ist.

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Da ist er also, der mit Spannung erwartete Nachfolgeroman von „Der Marsianer“, der in Rekordzeit zum Mega-Erfolg wurde und von Regisseur Ridley Scott kongenial in Szene gesetzt wurde. Meine Erwartungshaltung war, ehrlich gesagt, recht hoch, weil ich mir nicht vorstellen konnte, dass Andy Weir etwas ähnlich stimmungsvolles wie sein Debüt entwerfen könnte, aber ich habe mich glücklicherweise getäuscht. „Artemis“ steht dem „Marsianer“ genau genommen in nichts nach. Schon nach den ersten Seiten fühlt man eine ähnliche Atmosphäre wie in Weirs Erstlingswerk. Es ist schon wirklich erstaunlich, mit welcher Leichtigkeit der Autor seine Leser in eine fremde Welt entführen kann, so dass man glaubt, diese fast schon selbst zu kennen. Dieses Mal ist diese fremde Welt der Mond, auf dem wir die Protagonistin hautnah bei ihren Abenteuern begleiten. Weir schafft es mit seinem flüssigen Schreibstil von Anfang an, den Leser in seinen Bann zu ziehen.

Wie schon bei „Der Marsianer“ hatte ich des öfteren während der Lektüre von „Artemis“ ein Schmunzeln auf den Lippen. Ich liebe den trockenen Humor von Andy Weir, der seine Protagonisten so sympathisch und menschlich macht. Gerade die Mischung aus wissenschaftlich fundierten Beschreibungen und den überaus menschlichen Reaktionen und Verhaltensweisen der Personen macht Andy Weirs Büchern zu etwas besonderem. Manchmal fühlte ich mich bei „Artemis“ ein bisschen an den alten Sean Connery-Film „Outland“ erinnert, in dem sich die Handlung auf dem Jupitermond Io abspielt. Das Alltagsgeschehen gleicht dort dem in „Artemis“ und ich sah bei vielen Szenen einen Film vor mir, wie es auch schon bei „Der Marsianer“ passiert ist. Andy Weirs Beschreibungen sind schlichtweg filmreif. Am besten hat mir die erste Hälfte des Buches gefallen, in dem die Atmosphäre auf dem Mond perfekt beschrieben wurde, so dass ich mir wünschte, auch einmal dort eine gewisse Zeit verbringen zu können.

In der zweiten Hälfte des Buches entwickelt sich die Handlung immer mehr zu einem spannenden Agenten-Abenteuer, das mir zwar gefallen hat, aber die ruhige Grundstimmung, die der Roman anfangs noch besaß, ein wenig kaputt machte. Dieser Kritikpunkt ist allerdings Jammern auf hohem Niveau, denn „Artemis“ liest sich genauso flott wie sein Vorgänger und unterhält bestens. Andy Weirs Romane sind für mich genau die Art Science Fiction, die ich als Kind immer gern gelesen habe und heute immer noch gerne lese. Unkompliziert, realistisch, humorvoll und spannend. Man kann in „Artemis“ versinken und die Zeit vergessen, wenn man sich darauf einlässt. Ich denke, dass sich auch hier eine Verfilmung förmlich aufdrängt, denn, wie oben schon erwähnt, wir der Plot von einer unglaublich intensiven Stimmung beherrscht, der man sich schwer entziehen kann. „Artemis“ war für mich wieder einer der Romane, die ich, hätte ich genügend Zeit und Ruhe, in einem Rutsch hätte weglesen können. Bücher wie „Artemis“ haben es leider immer etwas schwer, wenn sie als Nachfolgeroman eines Erfolges erscheinen. Den Erwartungsdruck hat Andy Weit aber meiner Meinung nach perfekt gemeistert, in dem er seinem Stil absolut treu blieb und keinen Abklatsch von „Der Marsianer“ abgeliefert hat, sondern eine eigenständige, neue Geschichte, die aber von der Atmosphäre her dennoch an sein Debüt heranreicht. Mehr habe ich nicht erwartet. Ich freue mich schon jetzt auf das neue Werk von Andy Weir.

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Fazit: Atmosphärisch dicht, humorvoll und spannend. Science Fiction, wie sie sein soll.

© 2018 Wolfgang Brunner für Buchwelten

Die Auflösung von Benjamin Rosenbaum

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Erschienen als gebundene Ausgabe
im Piper Verlag
368 Seiten
20,00 €
ISBN: 978-3-492-70467-0
Kategorie: Science Fiction

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In einer entfernten Zukunft besitzen die Menschen kein Geschlecht mehr, aber dafür mehrere Körper. Biotechnologie und IT prägen das Gesellschaftsbild. Als die junge Fift eines Tages auf den Biotechniker Shria trifft, ahnt sie nicht, dass diese Beziehung eine Revolte und einen Umbruch des kompletten Gesellschaftssystems auslöst.

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Eines sei vorweg gesagt: Man muss sich auf diesen Roman einlassen (können), um die epische Bandbreite und die darin verarbeitete Philosophie verstehen zu können. Es dauert eine Weile, bis man sich in Benjamin Rosenbaums Zukunft zurecht findet und das dort herrschende Gesellschaftssystem begreift. Mit einer Leichtigkeit wirft uns der Autor in seinem Debütroman in eine Welt, die absurder nicht sein könnte. Geschlechter existieren nicht mehr, dafür hat der Mensch nicht nur einen, sondern mehrere Körper. Beeindruckend schildert Rosenbaum dieses Phänomen und  wenn man sich, wie oben schon bemerkt, darauf einlassen kann, entsteht im Kopf des Lesers bald ein faszinierendes Szenario, dem  man sich nicht mehr entziehen kann. Irgendwann nimmt man die Ereignisse als gegeben hin und erst dann beginnt der richtige Spaß an diesem Buch. Benjamin Rosenbaum hat eine faszinierende Zukunftsvision erarbeitet, die Familie, Erziehung, Genderproblematik, Politik und Persönlichkeitsentwicklung eines Menschen beleuchtet. Unweigerlich stellt man sich während einiger Passagen die Frage, ob es denn eines Tages tatsächlich so sein könnte, wie in „Die Auflösung“ beschrieben.

In einem nicht leichten, aber nichtsdestoweniger hochwertigen Schreibstil wird der Leser in eine Welt entführt, die oftmals so oberflächlich wirkt, wie sie heutzutage in manchen Belangen schon ist. Da wird enorm viel Wert auf „Follower“ gelegt oder abgegebene Bewertung (von fremden Menschen), die Statussymbole beschränken sich größtenteils auf Internet-Aktivitäten … das alles klingt gar nicht weit hergeholt und entspricht schon mehr den Tatsachen, als manch einer glauben mag. Rosenbaum hat einen glaubwürdigen Schritt in eine noch weit entfernte Zukunft gewagt, der wir uns aber im Grunde genommen näher sind, als wir denken. Zwischenmenschliches muss erst wieder „gelernt“ werden und entspricht nicht der Norm. „Die Auflösung“ schildert  eine Zukunft, in der nicht Angriffe von Außerirdischen eine Rolle spielen und die Menschheit bedrohen, sondern in der die Technik und der Mensch zum Feind wird. Die Probleme unserer Gegenwart sind zwar gelöst, wurden aber von anders gelagerten Schwierigkeiten abgelöst. Denkt man über dieses Szenario eine Weile in Ruhe nach, so wird einem erst die Tragweite dieser Vision bewusst, die Rosenbaum uns da vorlegt. Der Roman wirkt noch um einiges stärker, wenn man ihn nach dem Lesen zur Seite legt und wirken lässt.

Benjamin Rosenbaum schafft es hervorragend (und ähnlich wie zum Beispiel Vernor Vinge oder auch Robert L. Forward, um nur zwei passende Beispiele zu geben) eine komplizierte Zukunftswelt zu beschreiben, die nach und nach für den Leser zur Selbstverständlichkeit wird. Alles wirkt durchdacht und äußerst glaubwürdig, wenn man sich darauf einlassen kann. Was mir sehr gut gefallen hat, waren die Überlegungen, inwieweit das Geschlecht für den Menschen eine Rolle spielt und spielen sollte. Denn eigentlich sollte sich die Menschheit nicht über eine Geschlechterrolle definieren, sondern über den Menschen selbst, der in der Hülle steckt. Diese „Problematik“ unserer Zeit wurde beeindruckend gelöst und durchdacht.
Was genau verbirgt sich hinter „Die Auflösung“? Rosenbaums Roman wirkt einerseits auf mich wie ein gut konstruierter Blick in eine weit entfernte Zukunft und andererseits wie ein Abbild unserer Gegenwart, in der sich all die geschilderten Utopien bereits auf die ein oder andere Art und Weise abzeichnen. „Die Auflösung“ vermittelt Hoffnung auf eine „bessere Zukunft“ und macht gleichzeitig ein wenig Angst vor einem unmenschlichen, unpersönlichen Morgen ohne echte Emotionen.
Wer auf außergewöhnliche Science Fiction abseits von Weltraumschlachten und Superhelden steht, dürfte bei Benjamin Rosenbaums Romandebüt seine Freude haben. Alle anderen sollten aber die Augen vor solch einer Vision nicht verschließen und zumindest einmal einen Blick in dieses ausdrucksstarke Zukunftsszenario werfen.

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Fazit:  Innovatives, außergewöhnliches und beeindruckendes Zukunftsbild der Menschheit, das zum Nachdenken anregt.

© 2018 Wolfgang Brunner für Buchwelten

Die Formel von Dan Wells

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Erschienen als Taschenbuch
im Piper Verlag
524 Seiten
16,00 €
ISBN: 978-3-492-70469-4
Kategorie: Thriller, Science Fiction

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Lyle Fontanelle entwickelt eine neue Hautcreme, ohne zu ahnen, dass er damit den Weltuntergang heraufbeschwört. Denn ein Zusatz der Lotion überschreibt die DNA der Testpersonen und verwandelt sie dadurch in Klone von Menschen, die die Lotion mittels einer Berührung „verunreinigt“ haben. Obwohl Lyle zu verhindern versucht, dass der Kosmetikartikel auf den Markt kommt, ist das Unheil nicht mehr abzuwenden. Schon bald sind die weltweit verheerenden Konsequenzen nicht mehr zu übersehen, als sich die DNA von immer mehr Verbrauchern verändert …

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Extrem rasant entwirft Dan Wells in seinem Wissenschaftsthriller „Die Formel“ eine Zukunft, wie sie gar nicht mal so abwegig ist. Der Schönheitswahn hat  irgendwann seinen Preis, so könnte die Grundaussage des Romans sein, der sich ab der zweiten Hälfte zu einer erschreckenden Dystopie wandelt, die zum Großteil nachvollziehbar und auch glaubwürdig wirkt, sofern man sich auf die Ausgangssituation einlassen kann. Die erste Hälfte des Buches würde ich persönlich fast als das beste Werk des Autors bezeichnen, der uns mit Serienkiller John Cleaver, den „Partials“ und seiner Mirador-Saga immer bestens unterhalten hat. Doch leider fällt der Plot, und auch teilweise irgendwie der Schreibstil, in der zweiten Hälfte ab, so dass sich „Die Formel“ im gehobenen Durchschnitt des Schriftstellers bewegt. Dan Wells‘ Romane sind Pageturner, keine Frage. Aber meistens fehlt irgendwie immer das gewisse Etwas, um ohne Wenn und Aber zu begeistern. Immer wieder finden sich „Durchhänger“, die mich dann von dem Gesamtwerk nicht ganz zu überzeugen vermögen.

„Die Formel“ ist ein astreiner Wissenschaftsthriller, der auch von Michael Crichton stammen könnte. Wells hat hervorragend recherchiert und schildert das Szenario, vom Anfang bis zum erschreckenden Ende, authentisch und überzeugend. Die Entwicklung, die die Entdeckung einer neuen neuen Lotion für die Haut nimmt, ist folgenschwer und fesselt absolut. Dan Wells hat sämtliche Möglichkeiten, die durch solch eine Formel entstehen könnten, durchdacht und auch durchgespielt. Das macht schon ungemein Spaß, wenn man durch den flüssigen Schreibstil unmittelbar dabei ist, wie die Erde „vor die Hunde“ geht. An manchen Stellen in der zweiten Hälfte fühlte ich mich an Filme wie „District 9“ oder „Darkman“ erinnert. Auch hier kämpft ein zum Außenseiter gewordener Mann gegen die Öffentlichkeit und die verantwortlichen Politiker. Im Nachwort erwähnt Dan Wells, dass er die Arbeit an „Die Formel“ immer wieder unterbrochen hat, um zum Beispiel an einem neuen John Cleaver-Abenteuer oder seiner Partials- oder Mirador-Reihe weiterzuschreiben. Der oberflächliche Leser wird kaum einen Unterschied zwischen den Kapiteln entdecken, der Aufmerksame dagegen schon. Es gibt zum Beispiel ein einziges Kapitel, das wirkt, als hätte es jemand anderes geschrieben. Da passt Ausdrucksweise und Sprache absolut nicht zum gewohnten Schreibstil von Dan Wells.

Insgesamt gesehen bietet „Die Formel“ aber sehr spannende Unterhaltung, die mit interessanten, wissenschaftlichen Wahrheiten vermischt ist. Dan Wells erzählt eine großartige, definitiv filmreife Geschichte, die sozusagen aus einer wissenschaftlichen Kleinigkeit eine allumfassende Apokalypse kreiiert. Keine Außerirdischen oder  Krankheiten sind es, die die Menschheit dahinrafft, sondern eine „einfache“ Körperlotion, die von den Menschen selbst erschaffen wurde. Wells übt mit seinem Buch Kritik an den Menschen (und auch an der Wissenschaft), macht sich über den Gesundheits- und Verjüngungswahn im Grunde genommen lustig und entwirft daraus eine Dystopie, dass einem das Lachen im Munde steckenbleibt. Seine Charaktere haben zwar Tiefgang und geben so manch Philosophisches von sich, lassen dem Leser aber noch Spielraum für die eigene Fantasie. Wells‘ Weltuntergangsroman ist unbedingt lesenswert. Er spielt darin mit einigen faszinierenden Ideen, wie zum Beispiel auch der unersättlichen Gier (nach Macht und Profit) von Unternehmen und der menschlichen Besessenheit, gut auszusehen und unsterblich zu sein. Was macht einen Menschen aus? Wie einzigartig ist dessen Identität?
Ich mochte die erste Hälfte eindeutig mehr, weil sie mich, wie schon erwähnt, ein wenig an Michael Crichton erinnerte, wohingegen die zweite Hälfte oftmals sarkastisch wirkte, was mich nicht so anspricht. Eine Apokalypse ist für mich immer noch dramatisch und schrecklich und nicht unbedingt humorvoll. Hätte Wells das Ende düsterer gestaltet, wäre „Die Formel“ für mich eines seiner besten Bücher, so vergebe ich „nur“ vier von fünf Sternen.

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Fazit: Anfangs sehr spannende, später sarkastisch angehauchte Dystopie.

© 2018 Wolfgang Brunner für Buchwelten

Der Kanon mechanischer Seelen von Michael Marrak

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Erschienen als gebundene Ausgabe
im Amrun Verlag
insgesamt  722 Seiten
Preis: 24,90 €
ISBN: 978-3-95869/257-2
Kategorie: Science Fiction, Fantasy

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Ninive lebt in einer faszinierenden Welt, in der die außergewöhnlichsten Geschöpfe leben. Eine uralte Legende berichtet von einem Land hinter der unüberwindlichen Mauer, deren Nutzen heutzutage keiner mehr kennt. Als ein Gesandter den Auftrag erhält, das Geheimnis hinter der Mauer zu lüften, begibt sich Ninive mit auf eine Reise, hinter der sich weitaus mehr Rätsel verbergen, als sie bislang dachte …

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Schon mit seinen ersten Werken (damals noch im Bastei Lübbe-Verlag erschienen) hat mich Michael Marrak mit seinem Ideenreichtum in den Bann gezogen. Und auch sein neuester Roman mit dem Titel „Der Kanon mechanischer Seelen“ trifft wieder voll ins Schwarze. Schon auf den ersten Seiten, weiß man, was einen erwartet: Ein schrilles Abenteuer, das sich irgendwo auf der Grenze zwischen Science Fiction und Fantasy tummelt, mal auf die eine und dann wieder auf die andere Seite schlittert, und dabei fast schon ein eigenständiges Genre kreiert. Marraks Hommage an diverse Werke von Stanislav Lem, aber auch an Klassiker wie Lewis Carrolls Alice-Bücher, ist perfekte Unterhaltung, die süchtig macht. Die Ideen, die in dieser Geschichte untergebracht wurden, sind unermesslich. Auf jeder Seite wird man (im positiven Sinne) von Innovationen bombardiert, die den Roman zu einem wirklich außergewöhnlichen Ereignis machen. Eine Prise Walter Moers, eine Handvoll Lewis Carroll und ein unglaublich guter Schuss Michael Marrak lassen für mich „Der Kanon mechanischer Seelen“ aus dem Stand heraus zu einem Kultbuch avancieren.

Der Roman wirkt auf mich, als hätten sich David Lynch, Tim Burton und James Cameron zusammengesetzt, um einen filmreifen Plot zu erarbeiten, der die Vorstellungskraft der Zuschauer sprengt. Genau das hat Michael Marrak mit seinem Werk geschafft: ein abgedrehtes Abenteuer, das sich bildhaft in die Gedanken des Lesers hineinfrisst und ihn nicht mehr loslässt. Liebevoll ausgearbeitete Charaktere bewegen sich in einer fantasievollen Welt voller Wunder und unglaublicher Wesen. Und auch der Spaß kommt niemals zu kurz. Michael Marrak besitzt einen außergewöhnlichen Humor, der mir, während ich diese Zeilen schreibe, schon wieder ein Grinsen ins Gesicht zaubert. Die siebenhundert Seiten fliegen nur so an einem vorbei, so unterhaltsam, spannend und visionär ist die Geschichte, die erzählt wird. „Der Kanon mechanischer Seelen“ besitzt einen unglaublichen und unwiderstehlichen Reiz. Zu der epischen Geschichte gesellen sich noch vom Autor selbst kreierte Illustrationen, die den Plot teilweise wirklich genial ergänzen. Marraks neuester Roman ist ein kleines Wunder, das sich erst nach der Lektüre vollends im Kopf des Lesers breitmacht und entfaltet. Die Mischung aus Science Fiction-, Fantasy- und klassischen Abenteuerroman mit einem Hauch Kinderbuch hat es wirklich in sich, denn erstaunlicherweise gibt es zwei Versionen dieses Buches, nämlich zuerst einmal diejenige, die man direkt während des Lesens erlebt und danach gesellt sich noch eine Fassung hinzu, die man als eine Art „Nachgeburt“ betrachten könnte. Zu viel steckt in den Zeilen, als dass man es so ohne weiteres verstehen und in sich aufsaugen  könnte. Ich bin sicher, dass sich beim zweiten Lesedurchgang eine Unmenge an neuen Eindrücken auftun werden, die man beim ersten Mal schlichtweg aufgrund der Fülle an inspirierenden Gedankengängen „überlesen“ hat.

Man muss sich auf solcherart Abenteuer einlassen können, um die epische Bandbreite der Geschichte auffassen zu können. Marrak wirft mit vielen Fantasiewörtern um sich, die den einen oder anderen Leser auf Dauer abschrecken könnten. Aber wenn man sich die Zeit nimmt, um sie zu „verstehen“, macht das Buch fast doppelt so viel Spaß, wie es ohnehin schon macht. Ich fühlte mich oft an „alte“ SF- und Abenteuerromane aus meiner Kindheit und Jugend erinnert, so dass „Der Kanon mechanischer Seelen“ für manch einen sogar eine kurze nostalgische Reise in die eigene (Lese-)Vergangenheit darstellen könnte.
Die Aufmachung des gebundenen Buches ist dem Amrun-Verlag sehr gut gelungen und sieht auch im Buchregal äußerst ansprechend aus. „Der Kanon mechanischer Seelen“ ist also, abgesehen vom genialen Inhalt, auch ein toller Blickfang fürs Regal.
Unverständlich ist für mich, dass Michael Marraks Epos nicht bei einem Verlag wie Heyne, Bastei Lübbe, Fischer TOR oder Piper erschienen ist, zeigt es doch, dass großartige, fantastische Unterhaltungsliteratur auch aus Deutschland kommen kann und sogar mehr Existenzberechtigung als so mancher internationale, (angebliche) Bestseller hat.  Wie schon erwähnt: Für mich besitzt „Der Kanon mechanischer Seelen“ schon jetzt Kultcharakter und vielleicht landen ja die Taschenbuchrechte bei einem Verlag, der es schafft, dem Werk die große Aufmerksamkeit, die es verdient, zu verschaffen.

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Fazit: Innovativ, spannend und witzig. Michael Marraks SF-Fantasy-Epos besitzt Kultcharakter.

© 2018 Wolfgang Brunner für Buchwelten

Die Gabe von Naomi Alderman


Die Gabe von Naomi AldermanErschienen als Taschenbuch
im Heyne Verlag
insgesamt  464 Seiten
Preis: 16,99 €
ISBN: 978-3-453-31911-0
Kategorie: Beletristik, Science Fiction

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Wie aus dem Nichts tragen Frauen auf der ganzen Welt plötzlich „die Gabe“ in sich: durch stromähnliche Entladungen sind sie in der Lage, anderen Menschen Schmerzen zuzufügen, die sogar tödlich enden können. Im Laufe der Jahre verändert sich die weltpolitische Lage immer mehr zugunsten der Frauen, die in vielen Belangen die Oberhand gewinnen, bis die Männer schließlich zum „schwachen Geschlecht“ werden. Doch welche Gefahren verbergen sich hinter einer von resoluten und machthungrigen geführten Weltherrschaft durch Frauen?

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Was wäre, wenn …?
Tja, was wäre, wenn unsere Welt anders aussehen würde, in dem die Frauen das starke Geschlecht wären und die Männer so behandeln (und unterdrücken) würden, wie es momentan in einigen Ländern dieser Welt passiert? Naomi Alderman wirft den Leser allerdings nicht ohne Vorwarnung in dieses äußerst interessante Szenario, sondern führt ihn langsam darauf zu. Die Umwälzungen treten langsam zutage und man wird Zeuge, wie sich Frauen und Männer (und dadurch die ganze Gesellschaft und das Weltbild) verändern. Man fühlt sich aufgrund der Thematik tatsächlich des Öfteren an Werke von Margaret Atherwood oder Ursula K. LeGuin erinnert, aber Naomi Alderman geht ihren eigen, sehr prägnanten Weg, den man nur zu gerne als Leser mit beschreitet. Aldermans Roman ist eine Mischung aus Drama, Science Fiction und Dystopie, die erschreckt, verwirrt und teilweise sogar verstört. Das umgewandelte Weltbild, in der die Männer von den Frauen unterjocht werden, regt zum Nachdenken an, welches Geschlecht wohl das „bessere“ für das Wohlergehen der Menschheit darstellt.

Die Ausgangssituation beziehungsweise der Plot von „Die Gabe“ ist schlichtweg genial und atemberaubend. Und auch wenn alles nur erfunden ist, hinterlässt die Geschichte unglaublichen Eindruck beim Leser, den man nicht mehr so schnell vergisst. Und obwohl alles relativ unspektakulär daherkommt (oder vielleicht sogar deswegen) wirkte „Die Gabe“ fast schon bahnbrechend auf mich, weil es extremst realistisch schildert, wie sich die Welt nach so einem Szenario entwickeln könnte. Naomi Alderman hebt aber nie den mahnenden Zeigefinger, in dem sie Männer „schlecht“ macht, sondern dreht den Spieß unserer Wirklichkeit einfach um und öffnet uns damit die Augen. Denn schon bald erkennt man, dass auch die Herrschaft unter Frauen nicht unbedingt das Gelbe vom Ei ist.
Naomi Alderman verleiht ihren Charakteren zwar eine gewisse Tiefe, die aber immer noch Platz für eigene Fantasien Platz lässt und die Protagonisten dadurch im Kopf des Lesers ein Eigenleben entwickeln lässt, das auch noch für die Vorstellungen des Lesers Raum lässt. Das hat mir persönlich sehr gut gefallen, dürfte aber den wenigsten so konkret auffallen. 😉

Aufgrund des oft sehr trocken gehaltenen Schreibstils (was aber übrigens keinesfalls schlecht ist) wirkt der Roman sehr authentisch, fast wie eine historisch-geschichtliche Sachbuchschilderung in Romanform. Hinzu kommen die vereinzelt im Text verstreuten Illustrationen, die angebliche Funde aus einer weit zurückliegenden Zeit darstellen und die Glaubwürdigkeit, sofern man sich darauf einlassen kann, noch zusätzlich unterstreichen. „Die Gabe“ ist aus meiner Sicht ein sehr wichtiges Buch, das man gelesen haben sollte, um die Welt, in der wir leben, verstehen zu können. Denn unsere Realität könnte durchaus anders, aber keineswegs besser, ablaufen. Alleine diese Gedankengänge, die durch Aldermans Werk während des Lesens zum Vorschein kommen, lohnen die Lektüre. „Die Gabe“ wirkt nach, beschäftigt einen noch eine lange Zeit, weil man sich unweigerlich mit der Thematik auseinandersetzen muss (und will). Es ist schon wirklich erstaunlich, was Worte in einem Menschen auslösen können – und im Falle von Naomi Aldermans teils kalter Ausdrucksweise versteckt sich ein weitaus niveauvollerer, genialer Schreibstil, als man zuerst vermuten möchte. Denn genau dieser emotionale Abstand, der in den schrecklichen und angsteinflößenden Schilderungen steckt, birgt eine enorm ausdrucksstarke Nachwirkung. Ich kann für das Buch nur eine uneingeschränkte Leseempfehlung aussprechen.

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Fazit: Beeindruckend und angsteinflößend. Ein Roman, über den man noch lange nach der Lektüre nachdenkt.

© 2018 Wolfgang Brunner für Buchwelten

Rache von Alastair Reynolds

Rache von Alastair Reynolds

Erschienen als Taschenbuch
im Heyne Verlag
insgesamt  558 Seiten
Preis: 10,99 €
ISBN: 978-3-453-453-31895-3
Kategorie: Science Fiction

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Als sich ihr Vater dermaßen hoch verschuldet, sehen die beiden Zwillinge Adrana und Arafura keine andere Möglichkeit, ihm zu helfen, und heuern ohne seine Erlaubnis auf einem Raumfrachter an, um zu Geld zu kommen. Der Kapitän des Raumschiffes ist ein Pirat, der verborgene Schätze und wertvolle Artefakte auf fernab gelegenen Planeten birgt und sie verkauft. Die Schatzjagden verlaufen so lange gut, bis Bosa Sennen, eine erbarmungslose Piratin, auftaucht und ihnen die geborgenen Schätze stehlen will. Doch es steckt viel mehr hinter Sennen als nur eine brutale Tyrannin. Als sie Arafuras Schwester Adrana entführt, hat Arafura nur noch eines im Sinn: Rache.

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Mit „Rache“ beweist Alastair Reynolds erneut, dass er einer der besten Autoren im Science Fiction-Bereich gehört. Reynolds bedient sich anfangs mit Stilmitteln des klassischen Abenteuerromans. Und in diesem Falle auch des Piratenromans. Die Protagonistin, die übrigens unverständlicherweise im Klappentext mit keinem Wort erwähnt wird, entwickelt sich vom scheuen, unbedarften Mädchen zur toughen und skrupellosen Frau. Auch hier geht Reynolds den klassischen Weg eines Entwicklungsromans. Doch dies ist keineswegs langweilig oder wirkt nach Schema F geschrieben, sondern macht unheimlich Spaß. Alastair Reynolds hat mit „Rache“ nicht unbedingt ein bombastisches Space-Epos abgeliefert, sondern einen geradlinig erzählten Abenteuerroman, der in der Zukunft und zum größten Teil im Weltraum handelt. Sicherlich wird der Leser mit der ein oder anderen innovativen Idee beglückt, aber im Grunde genommen wird hier eine moderne Piratengeschichte erzählt, die in der Zukunft spielt. Reynolds entwirft in diesem Roman ein atemberaubendes Szenario, das aber niemals in den Vordergrund tritt, sondern als selbstverständlich behandelt wird. Das Hauptaugenmerk liegt auf der Protagonistin und ihren (Rache)motiven.

Bei vielen SF-Romanen dieser Art, in der neue, erfundene Welten beschrieben werden, dauert es immer eine Weile, bis man sich im Plot zurecht gefunden hat. Nicht so bei „Rache“. Hier funktioniert die ganze „Umgebung“ sofort und man fühlt sich in diesem Universum sofort zu Hause und heimelig. Ich konnte das Buch wirklich sehr schlecht zur Seite legen, weil mich die Handlung von der ersten Seite an gefangen nahm und nicht mehr losließ. Genau so wünsche ich mir einen guten Science Fiction-Roman. Reynolds hält sich in diesem Werk mit technischen Details weitgehend zurück und konzentriert sich in erster Linie auf die Hauptgeschichte. Die Charaktere sind, zumindest aus meiner Sicht, gut ausgearbeitet und lassen immer noch genügend Spielraum für eigene Interpretationen. An manchen Stellen mutet der Roman wie ein klassischer SF-Abenteuerroman aus der Vergangenheit an, der nicht nur für Erwachsene, sondern auch für ein jüngeres Publikum geschrieben wurde, sieht man von den vereinzelt brutalen Szenen einmal ab. Aber das schadet dem Werk keinesfalls, denn es liest sich dadurch sehr flüssig und angenehm.

Interessant fand ich das Gefühl, das mich oftmals überkam und an Romane von Jules Verne denken ließ. Reynolds hat es tatsächlich geschafft und in seinen modernen Roman einen „alten“ Flair mit einfließen zu lassen, der fast schon ein wenig nostalgisch wirkte, was ich außerordentlich angenehm empfand. Fast fühlt man sich als kleiner Junge (oder als kleines Mädchen), wenn man diese Art von Roman bereits in seiner Kindheit gelesen hat. „Rache“ ist kurzweilig und lässt, wie man es von Alastair Reynolds gewohnt ist, einen perfekten Film in Gedanken ablaufen. Ohne unnötige Schnörkel begleiten wir die sympathische Protagonistin auf ihrem konsequenten Weg und wohnen einem fesselnden Finale bei. „Rache“ hat mich begeistert und auch ohne Weltraumschlachten absolut in seinen Bann gezogen.

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Fazit: Spannend und schnörkellos geschriebener Abenteuerroman in einem beeindruckenden Universum.

© 2018 Wolfgang Brunner für Buchwelten

Armada von Ernest Cline

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Erschienen als Taschenbuch
im Fischer Tor Verlag
insgesamt 416 Seiten
Preis: 14,99 €
ISBN: 978-3-596-29660-6
Kategorie: Science Fiction

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Zack Lightman ist einer der besten Spieler im Computerspiel „Armada“. Dort wird die Erde von einer außerirdischen Spezies angegriffen und Lightmann muss zusammen mit anderen Spielern unsere Welt retten. Doch dann taucht eines Tages plötzlich ein echtes Raumschiff über seiner Heimatstadt auf und aus dem Computerspiel wird Ernst. Denn es stellt sich heraus, dass „Armada“ lediglich als Spiel getarnt ist und die Spieler in Wahrheit eine Armee bilden, die die Hoffnung der gesamten Menschheit darstellen.

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Ernest Cline geht mit seinem zweiten Roman nach „Ready Player One“ kein Risiko ein und bewegt sich auf den gleichen Pfaden wie bei seinem Debüt. Was sich aber im ersten Moment wie eine uninspirierte und gar kopierte Geschichte nach Schema F des Vorgängers anhört, entpuppt sich dann aber doch sehr schnell zu einem zweiten Volltreffer im Bereich der Science Fiction, der wieder auf unzähligen Anspielungen auf Filme der 80er und 90er Jahre aufbaut. Der Lesegenuss von „Armada“ gestaltet sich ähnlich flott wie der von „Ready Player One“. Man fliegt nur so durch die Seiten, weil man von dem flüssigen, humorvollen Schreibstil schlichtweg mitgerissen wird. Ernest Cline schafft es hervorragend, seine Leser grandios und kurzweilig zu unterhalten. Und wenn man ein „Kind der 80er“ ist und / oder sich für Filme und Musik aus dieser Zeit interessiert, kann man sich dem Sog von Clines‘ Romanen sowieso nicht entziehen.

Ernest Cline zeichnet seine Charaktere ähnlich „menschlich“ und glaubhaft wie in „Ready Player One“, so dass man wirklich sehr nahe  am Protagonisten die Handlung miterlebt. Es sind vor allem die Gedankengänge seiner Hauptperson, die den Leser direkt ansprechen und damit äußerst sympathisch machen. Cline versäumt es auch nicht, in seinem neuen Roman hin und wieder Gesellschaftskritik einzubauen, die durchaus nachvollziehbar ist. „Armada“ ist erneut ein wilder Trip durch die Welt von Computerspiel-, Film- und Musiknerds, der unheimlich Spaß macht. Man sollte „Ready Player One“ aber nie als Vergleich heranziehen und diesen Roman einfach als eigenständiges Werk ansehen, denn zu viele Parallelen im Storyaufbau sind zu verzeichnen, die schnell ein nicht allzu gutes Licht und ein daraus resultierendes Urteil im Kopf des Lesers erscheinen lassen. Viele der unterhaltsamen Anspielungen auf die Welt der 80er Jahre wirken „kopiert“ und lediglich auf eine andere Handlung als „Ready Player One“umgeschrieben, so dass man leicht meinen könnte, „Armada“ wäre als Nachfolgeroman lediglich schnell heruntergeschrieben worden. Ich für meine Person empfinde das überhaupt nicht so, sondern halte „Armada“ für einen völlig legitimen Nachfolger des Erfolges „Ready Player One“, der einfach nur im selben Stil verfasst wurde.

Ähnlich wie beim Vorgängerroman sieht man während des Lesens die Handlung als eine Art Film vor sich. Und es ist in der Tat so, dass sich auch „Armada“ für eine Verfilmung anbieten würde und als Film womöglich sogar besser als die Romanvorlage funktionieren würde. So ähnlich ging es mir übrigens auch bei den Büchern und Filmen von „Maze Runner“, die mir als Buch nur bedingt und als Film sehr gut gefallen haben. Ernest Cline bleibt auf alle Fälle seinem Konzept treu und liefert mit seinem zweiten Buch genau das ab, was seine Fans erwartet haben: kurzweilige Popkorn-Literatur, die schon als Buch einen Kinoblockbuster auf der Gedankenleinwand des Lesers erscheinen lassen. Seine Bücher sind Pageturner erster Klasse, die durch den im Moment auch noch absolut in Mode gekommenen 80er Jahre-Flair einfach nur magisch verzaubern. Clines‘ Bücher könnten es sogar schaffen, nichtlesende Jugendliche endlich wieder zum Lesen zu bringen, denn er behandelt Themen, die diese Zielgruppe begeistern: Videospiele und Filme. Und diese Zutaten, vermischt mit einem lockeren, flüssigen und leicht lesbaren Schreibstil, ergeben fantastische Unterhaltungsliteratur, die nicht nur Jugendliche, sondern auch (junggebliebene) Erwachsene in ihren Bann zu ziehen vermag. Ich freu mich schon auf das dritte Werk des vielversprechenden „Nerds“.

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Fazit: Kurzweilig und genauso unterhaltsam wie der Vorgänger „Ready Player One“.

© 2018 Wolfgang Brunner für Buchwelten

Quazi von Sergej Lukianenko


Quazi von Sergej Lukianenko

Erschienen als Taschenbuch
im Heyne Verlag
insgesamt  414 Seiten
Preis: 14,99 €
ISBN: 978-3-453-453-31852-6
Kategorie: Science Fiction

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Zehn Jahre ist es her, dass eine Seuche ausgebrochen ist und die Menschheit in ein tristes Dasein geworfen hat. Seit dieser Zeit gibt es sogenannte Aufständische, von denen sich einige auserwählte in Quazis, lebende Tote respektive Zombies, verwandeln. Quazis und Menschen versuchen eine Symbiose einzugehen, denn die Auferstandenen sind im Grunde genommen gutmütig. Der Moskauer Polzist Denis Simonow bekommt einen dieser Quazi als neuen Partner zugeteilt. Es dauert nicht lange, und Denis muss feststellen, dass die Quazis etwas planen, um die Menschheit zu unterjochen.

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Lukianenko ist schon seit einiger Zeit der populärste Schriftsteller aus Russland und wenn man seine visionären Romane liest, weiß man auch genau, warum das so ist. Nach seinen Erfolgen mit diversen Reihen (die bekannteste dürfte die legendäre „Wächter“-Reihe sein) widmet sich der Russe einem neuen Kapitel. Der vorliegende Roman mit dem Titel „Quazi“ scheint der erste eines neuen Zyklus zu sein, in dem es um Menschen und wiederauferstandene Tote, sogenannte Quazis, geht. Diese Quazis sind aber nicht die menschenfressenden Monster, wie wir sie aus diversen Zombiefilmen oder Serien wie „The Walking Dead“ kennen, sondern eigentlich Menschen wie Du und ich. Nur eben tot – und quasi unsterblich, weil sie eben schon tot sind. Lukianenko nähert sich dem Thema sehr vorsichtig und schafft es dadurch, dem Szenario eine hohe Glaubwürdigkeit zu verleihen. Seine Untoten sind so menschlich wie seinerzeit der fast schon liebenswerte „Bub“ in George A. Romeros „Day Of The Dead“.

Es ist ein sehr außergewöhnlicher (und für manchen Leser und Lukianenko-Fan wohl auch gewöhnungsbedürftiger) Genre Mix aus Science Fiction, Dystopie, Horror und Krimi. Ich persönlich kam mit dieser Mischung hervorragend klar und war auch stellenweise von den grandiosen Ideen begeistert. Gerade die undurchsichtigen, aber auch gewissermaßen liebenswerten, Charaktere der Quazis, die um ihre Existenzberechtigung kämpfen, haben mir sehr gefallen. Eigentlich haben diese untoten Wesen keinerlei Gefühle mehr in sich, aber dennoch kann man die Quazis oftmals verstehen und meint auch hin und wieder, Emotionen in ihrem Handeln zu entdecken. Sergej Lukianenkos neuer Roman ist kein Geniestreich, wie es manch andere Geschichte aus seiner Feder ist, aber das Werk besitzt eine sehr eindringliche, dystopische Atmosphäre, die mir gut gefallen hat. In einigen Rezensionen wird die angeblich schlechte Übersetzung angeprangert, von der ich aber nichts gespürt habe. Sicherlich ist mir aufgefallen, dass die wiederauferstandenen Toten nicht „Wiederauferstandene“ sondern „Aufständische“ bezeichnet wurden, was absolut keinen Sinn ergibt. Aber wenn man diesen „Makel“ einfach hinnimmt, denn man weiß ja, was gemeint ist, kann man ohne weiteres damit leben und die Geschichte dennoch verstehen.

Man merkt dem Roman an, dass er von Lukianenko stammt, obwohl in seinen anderen Romanen weitaus mehr philosophische Aspekte vorhanden sind. Nichtsdestotrotz kommt aber auch bei „Quazi“ eine gewisse Tiefe zum Tragen, die schlichtweg anders gelagert ist als bei den „echten“ Science Fiction-Storys. Lukianenko widmet sich hier mehr einer möglichen Realität, die uns in Zukunft erwarten könnte, sollte der Mensch eines Tages dazu fähig sein, den Tod zu überwinden. Lukianenko verbindet aktuelle Lebensgefühle mit eventuell zukünftigen, spricht zwar politische und sozialkritische Punkte kurz an, vertieft sie aber nicht. „Quazi“ ist ein erfrischender Beitrag in der schon Jahre anhaltenden Zombie-Dystopie-Apokalypse-Welle, weil er das Thema anders angeht – menschlicher und auf andere Weise erschreckend, als es andere Bücher und Filme derzeit tun. Lukianenko sind mit Denis Simonow und dem Quazi Michail Bedrenez interessante Charaktere gelungen, die noch ausbaubar wären. Entsteht hier tatsächlich eine neue Reihe, kann man schon gespannt sein, wie sich die Charaktere und die Nebenhandlung (die private Geschichte des Ermittlers Denis Simonow) entwickelt. Da steckt auf jeden Fall noch eine Menge Potential im Plot.

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Fazit: Gelungener Zombie-Dystopie-Krimi-Mix, der einen erfrischenden Weg einschlägt.

© 2018 Wolfgang Brunner für Buchwelten

Ready Player One von Ernest Cline

reday player

Erschienen als Taschenbuch
im Fischer Tor Verlag
insgesamt 540 Seiten
Preis: 9,99 €
ISBN: 978-3-596-29659-0
Kategorie: Science Fiction

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James Halliday hat das größte Computer-Online-Spiel der Welt erschaffen. Als er stirbt, hinterlässt er eines der größten Erben, die es je gab, aber keinen Erben. Halliday, großer Fan der 80er Jahre, vermacht sein Vermögen demjenigen, der die versteckten Hinweise in seiner kreierten Computerwelt findet und den „Schatz“ findet. Eine Jagd auf das sogenannte „Easter Egg“ beginnt. Wade Watts, ein junger Gamer und großer Fan von Halliday, ist einer von vielen Jägern, die sich auf den Weg durch die Computerwelt machen, um das Geheimnis von James Hallidays Erbe zu lüften.

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Dieses Buch ist einfach der Wahnsinn. Jeder, der ein Kind der 80er Jahre ist, Videospiele, Filme und Musik dieser Zeit mag, wird sich aus dem Sog dieses Romans nicht mehr losreißen können. Mit unglaublicher Genauigkeit baut Ernest Cline unzählige Anspielungen auf diese Zeit in seine Geschichte ein, dass man auf fast jeder Seite ein Schmunzeln auf den Lippen hat, weil man eben so ziemlich alles kennt. Faszinierend ist vor allem, dass diese ganzen Zitate, Verweise und Verbeugungen aus jener Zeit absolut perfekt in die Handlung passen. Es macht so unglaublich Spaß, den Protagonisten bei ihrer Reise durch eine Zukunft zu begleiten, die im Grunde genommen aus einer tollen Vergangenheit besteht. Jeder, der die 80er Jahre miterlebt hat, weiß, wovon ich spreche und er wird seine helle Freude daran haben, diese Zeit in einer fantastischen Geschichte wieder aufleben zu lassen.

Ernest Cline ist absoluter Nerd, das merkt man auf jeder Seite seines Debütromans. Virtuos wirft er mit Zitaten um sich, entführt den Leser in mehr oder weniger bekannte Kultfilme jener Zeit und erschafft dabei eine unglaubliche Atmosphäre. Mit „Ready Player One“ ist Cline ein ganz großer Wurf gelungen, der sämtliche 80er Jahre Anhänger auf dieser Welt in Verzückung geraten lässt. Wie in einem Film von Steven Spielberg (der übrigens tatsächlich die Filmrechte erworben und den Streifen bereits abgedreht hat – Start 2018) breitet sich eine Flut an Popkultur-Verweisen vor dem inneren Auge des Lesers aus, die einen manchmal sogar überfordert, so geballt kommt sie daher. „Der Gigant aus dem All“, „Blade Runner“, Wargames“ und „Der Tag des Falken“ sind nur einige der Filme, die in „Ready Player One“ eine Rolle spielen. Die Musik der kanadischen Kultband „Rush“ wird ebenfalls in den Vordergrund gestellt wie unzählige Computerspiele der 80er Jahre-Ära. Es ist wirklich eine wahre Freude, den Plot mitzuverfolgen und dabei in eigenen Erinnerungen zu schwelgen. Ernest Clines Debütroman wird definitiv ein Kultbuch für 80er Jahre-Nerds werden, daran besteht kein Zweifel.

Aber es sind nicht nur die erwähnten Anspielungen an die Kultur eines vergangenen Jahrzehnts, die diesen Science Fiction-Roman ausmachen, es ist auch der flüssige Schreibstil des Autors, der einen die Seiten nur so verschlingen lässt. Als hätte Joe Dante einen Roman geschrieben. 🙂
Ähnlich wie in Tad Williams‘ grandioser „Otherland“-Sage spielt der größte Teil der Handlung in einer computergenerierten Welt, in der nichts unmöglich ist. Und genau das nutzt der Autor fulminant aus und entführt den Leser in unglaubliche Welten und spannende Abenteuer, dass man gar nicht genug davon bekommen kann. Der Roman hätte gut und gerne das doppelte, wenn nicht das dreifache an Seitenanzahl haben können und wäre mit Sicherheit an keiner Stelle langweilig geworden.  Ernest Cline tobt sich in seiner Geschichte aus, wie es nur ein echter Fan / Nerd tun kann, und verbindet die verschiedenen Hommagen an unterschiedliche Künstler intelligent zu einem logischen Ganzen. „Ready Player One“ ist ein erfrischendes Feuerwerk an Ideen, die es meines Wissens so geballt in dieser Art noch nie gegeben hat. Ich bin sehr gespannt auf die filmische Umsetzung von Steven Spielberg (der Trailer ist schon mal richtig gut gelungen) und freue mich schon auf den zweiten, ebenfalls im Fischer Tor Verlag erschienenen, Roman von Ernest Cline mit dem Titel „Armada“.
Für mich ist „Ready Player One“ auf jeden Fall eine der ganz großen SF-Entdeckungen des Jahres.

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Fazit: Science Fiction-Dystopie mit unzähligen 80er Jahre-Anspielungen und unglaublichem Flair. Unbedingt lesen!

© 2018 Wolfgang Brunner für Buchwelten