House Of Rain von Greg F. Gifune

Houserain

Erschienen als Taschenbuch
im Luzifer Verlag
insgesamt 128 Seiten
Preis:  9,99  €
ISBN: 978-3-95835-103-5
Kategorie: Mystery, Thriller, Horror

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Gordon Cole ist altgeworden. Und er ist einsam. Als es zu regnen beginnt, durchstreift er die Stadt und versucht, seine Vergangenheit zu bewältigen. Den Tod seiner Frau, die Begegnung mit einer mysteriösen, weiblichen Kneipenbekanntschaft und andere dunkle Geheimnisse …

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Es macht immer wieder unglaublichen Spaß, Gifunes melancholische und düstere Geschichten zu lesen. So ist es auch bei dieser Novelle um einen alternden Mann, der sich seiner Vergangenheit stellen muss und dies auch tut. Das Szenario, in dem Gifune seine Geschichte spielen lässt, erinnert an einen Film noir der 40er und 50er Jahre. Eine verregnete Stadt mit nassen Straßen und ein Protagonist, der sich pessimistisch seiner Vergangenheit stellt. Und dennoch schafft es Gifune immer wieder, in seinen tristen Welten Hoffnungen zu verströmen.
Der hochwertige Schreibstil lässt sich wunderbar lesen und nimmt einen vom ersten Satz an gefangen. Gifunes Geheimnis sind seine nicht immer geradlinigen Plots, die den Leser schon desöfteren dazu zwingen, ein wenig nachzudenken und selbst zu interpretieren.
Gifune macht das Horror- und Mysterygenre massentauglich, entführt seine Leser auf hypnotische Weise in das Innere eines Menschen und lässt einen an den Überlegungen, Sehnsüchten und Hoffnungen teilhaben.

Poetisch und verträumt wird die traurige Geschichte eines gebrochenen Mannes erzählt und man kann sich ohne weiteres in das Seelenleben des Protagonisten hineinversetzen und mit ihm fühlen. Es sind keine Zombies und Monster, die hier schockieren, sondern die Gedanken und Verhaltensweisen eines Menschen. Man fliegt durch die Story, fiebert mit und will unbedingt wissen, wie es weitergeht. Emotional und aufwühlend führt uns Gifune durch eine düstere, aussichtslos wirkende Welt, in der viele Fragen unbeantwortet bleiben und darauf warten, vom Leser selbst gelöst und interpretiert zu werden. Gifunes Bücher haben eine unnachahmliche Atmosphäre, die teils deprimiert und beklemmend wirkt, andererseits aber auch eine gewisse Lebenserfahrung verströmt, der man sich nicht entziehen kann. Jeder Leser, der sich auf diese Art von Geschichte einlassen kann, wird einen Nutzen daraus ziehen.

Für mich liefert Greg F. Gifune wieder einmal den Beweis, dass Horror absolut salonfähig sein kann und mehr bedeutet, als bluttriefende Splatterorgien. Für mich einer der besten, atmosphärischsten Schriftsteller, der aus meiner Sicht fast schon ein eigenes Genre kreiert hat: Melancholie-Horror! 🙂
Gifune arbeitet auf wenigen Seiten ein ganzes Leben mit seinen Höhen und Tiefen auf, dringt in den Kopf eines Trauernden ein, der sich überlegt, was das Leben ihm geboten  hat und ihm im Alter noch bieten kann. „House Of Rain“ ist ein kleines Meisterwerk, das man sich öfter zu Gemüte führen kann. Dunkler, poetischer, mystischer Horror. Bleibt nur zu hoffen, dass der Luzifer Verlag weiterhin das Veröffentlichen von Gifunes Werken ins Deutsche weiterführt, der Festa Verlag hat es ja leider eingestellt.  Gifune muss man gelesen haben und seine Geschichten machen süchtig. Ich kann gar nicht sagen, welches seiner Bücher mein Lieblingsbuch ist. Jedes ist für sich eine Perle, die man nicht mehr so schnell vergisst.

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Fazit: Wundervoll poetisch und emotional werden die Gedankengänge eines trauernden, alten Mannes erzählt, der nach dem Sinn des Lebens im ALter sucht. Grandios.

© 2016 Wolfgang Brunner für Buchwelten

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Haut von Mo Hayder

haut

Erschienen als Taschenbuch
im Goldmann Verlag
insgesamt 384 Seiten
Preis: 9,99 €
ISBN: 978-3-442-47544-5
Kategorie: Krimi, Thriller

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Als die Leiche einer Selbstmörderin gefunden wird, nimmt Caffery die Ermittlungen auf, obwohl er sich immer noch mit der Suche nach dem sogenannten „Tokoloshe“ beschäftigt, einem geheimnisvollen Wesen aus der Sagenwelt, das Caffery seit dem letzten Fall zu verfolgen scheint.
Unabhängig davon findet Polizeitaucherin Flea Marley die Leiche einer Frau, die von der Polzei gesucht wird, im Kofferraum ihres Wagens. Ein Alptraum beginnt für Flea …

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Es ist schon erstaunlich, wie geradlinig Mo Hayder die Qualität der Caffery-Reihe aufrecht erhält. „Haut“ begeistert aber wieder ein klein wenig mehr als der Vorgänger „Ritualmord“. Die Einführung der neuen Partnerin an Cafferys Seite hat mit diesem Band endgültig geklappt. Flea ist fast schon genauso Hauptperson wie Caffery selbst.

„Haut“ ist unglaublich spannend und herrlich verzwickt. Wie Hayder die vielen losen Fäden am Ende zu einem Ganzen verknüpft grenzt schon an Genie. 😉 Man kann den Roman schwer zur Seite legen, denn der Fortgang der Geschichte brennt einem förmlich unter den Nägeln. Man will wissen, wie es weitergeht, wie Flea aus der ganzen Misere wieder herauskommt und Jack zwar im eigentlich Fall ermittelt, aber sich dennoch mehr mit der Vergangenheit beschäftigt. Die Stimmung im vierten Fall für Jack Caffery ist gleichbleibend wie in den vorangegangenen Teilen: Düster, stimmungsvoll und äußerst realistisch. Mehr kann man von einem Thriller nicht erwarten. Hayders Gabe, Haupthandlung und Nebenhandlungen so geschickt in Szene zu setzen, dass sie genaugenommen einen einzigen Plot ergeben, ist faszinierend.
Auch wenn die Fälle ohne weiteres einzeln zu lesen sind, so schlängelt sich in jedem der Bücher eine geradlinige Zweithandlung durch, die man als aufmerksamer Leser gerne verfolgt. Der geheimnisvolle „Walking Man“ wird in „Haut“ noch sympathischer als in „Ritualmord“ und man fragt sich unweigerlich, ob Mo Hayder ihre Reihe um den Ermittler Jack Caffery von vorneherein so komplex angelegt hat, denn mit jeder Geschichte fügt sich wieder ein Teil nahtlos in die Gesamthandlung mit ein.

„Haut“ hat mich wie die Vorgänger-Bände begeistert. Schreibstiltechnisch auf gleichem Niveau wie die ersten drei Bücher, entwickelt Hayder hier allerdings eine verworrene, verschachtelte Handlung, die sich am Ende vollkommen logisch auflöst. „Haut“ ist überraschend und atmosphärisch wie ein alter Gruselfilm.

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Fazit: Hervorragender vierter Teil der Caffery-Reihe mit einem wendungsreichen und vor allem ausgeklügelten Plot, der ungemein Spaß macht.

© 2015 Wolfgang Brunner für Buchwelten

Der Ruf des Kuckucks von Robert Galbraith

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ruf des kuckucks#Erschienen als gebundene Ausgabe
im blanvalet Verlag
640 Seiten
22,99 €
ISBN: 978-3-7645-0510-3

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Cormoran Strike, ein ehemaliger Soldat in Afghanistan, ist nach einer schweren Verletzung, die ihn sein halbes Bein gekostet hat, aus der Armee ausgeschieden und arbeitet nun eher schlecht als recht als Privatdetektiv. Der Laden läuft mies, er ist völlig überschuldet und zu guter Letzt hat er sich von seiner Lebensgefährtin getrennt und muss nun auch noch in seinem Büro übernachten.

Robin Ellacot, fünfundzwanzig Jahre jung, frisch und überglücklich verlobt, lebt noch nicht lange in London und hält sich derzeit noch mit Aushilfsjobs in einer Zeitarbeitsfirma über Wasser. Sie wird Cormoran Strike als Aushilfe für zwei Wochen zugeteilt und der ist völlig überrumpelt, als Robin ihren ersten Arbeitstag bei ihm antreten möchte.

Das berühmte Topmodel Lula Landry stürzt in einer bitterkalten Januarnacht vom Balkon ihrer Penthouse Wohnung in den Tod. Die Polizei ist schnell mit ihren Ermittlungen fertig und tut den Todesfall als Selbstmord ab. Schließlich ist bekannt, dass Lula psychisch labil war, und da sie sich kurz vor ihrem Tod wieder einmal mit ihrem Freund gestritten hat, sind die Gründe für ihren Sturz in den Tod natürlich glasklar gegeben. Ihr Bruder ist da anderer Meinung. Er ist davon überzeugt, dass Lula vom Balkon gestoßen wurde. Er beauftragt Cormoran Strike, sich dem Fall erneut anzunehmen und den wahren Tod seiner Schwester aufzudecken. Da er Cormoran dafür ein angenehmes Honorar in Aussicht stellt, nimmt dieser den Auftrag nach einem ausführlichen Erstgespräch schließlich an. Vielleicht schafft er nicht nur, den Todesfall aufzuklären, sondern zugleich noch durch den Verdienst seine Existenz als Detektiv zu retten …

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Zuallererst einmal der Hinweis, dass sich hinter dem Autor Robert Galbraith niemand anderes verbirgt als J.K. Rowling. Die Autorin hatte sich wohl nach dem Verriss der Kritiker für ihren ersten Erwachsenenroman „Ein plötzlicher Todesfall“ dazu entschieden, ihre nachfolgenden Romane unter einem Pseudonym zu schreiben. Nun, Sinn eines solchen ist es ja eigentlich, dass der wahre Autor im Verdeckten bleibt, dies hat bei Rowling allerdings offensichtlich nicht funktioniert. Denn gleich auf dem hinteren Buchumschlag ist vermerkt, wer sich hinter dem Pseudonym verbirgt. Meiner Meinung nach hätte sich Rowling das Pseudonym gar nicht zulegen müssen, denn mir hat schon ihr erster Erwachsenenroman sehr gut gefallen. Warum soll sich ein Autor/eine Autorin in eine Schublade stecken lassen? Durfte sie nicht einmal etwas Neues versuchen? Sollte sie ihren Fans zuliebe die Potter Reihe bis Teil was-weiß-ich fortführen? Die Potter-Reihe ist sehr gut, mit jedem Teil sogar besser, aber sie ist nun mal fertig.

Jetzt schreibt Rowling andere Romane und die schreibt sie auch sehr gut. Mir hat – wie gesagt – der Erstling schon sehr gut gefallen und genau wie darin, hat J.K. Rowling auch in diesem Roman wieder die unterschiedlichsten Figuren erschaffen und deren eigene, besondere Charaktereigenschaften sehr real und lebensecht ausgearbeitet.
Der Detektiv Cormoran Strike ist ein sympathischer Kerl, auch wenn er absolut nicht dem Frauentyp entspricht. Aber er verfügt über einen sehr wachen Verstand, ist bissig, hartnäckig, aber auch gefühlvoll und ehrlich. Seine Aushilfssekretärin Robin ist mir mit ihrer frischen und sehr flotten Art auch sehr ans Herz gewachsen. Mit welcher Spontanität und auch Souveränität sie die unterschiedlichsten Situationen meistert, ist bemerkenswert und oft auch sehr humorvoll.

Die Handlung an sich hat die Autorin sehr gut aufgebaut. Im Laufe der Story hatte ich alle möglichen Leute im Verdacht und immer wieder kamen interessante Wendungen auf, die absolut keine Langeweile aufkommen ließen. Mit dem Ende hatte ich eigentlich so nicht gerechnet, was ich wiederum auch sehr gut finde.

Ich kann nicht einmal sagen, welcher der beiden Erwachsenenromane mir von ihr besser gefällt, da man sie nicht wirklich miteinander vergleichen kann. Mit „Der Ruf des Kuckucks“ (der übrigens wörtlich aus dem englischen übersetzt ist) hat die Autorin einen guten englischen Krimi in der Welt der Promis geliefert, der viele Einblicke hinter die Fassaden der Reichen und Schönen liefert. In „Ein plötzlicher Todesfall“ gibt es ja keine Krimihandlung, er beschreibt einfach das Leben und die unterschiedlichen sozialen Schichten und deren Verknüpfungen in einer Kleinstadt.

Mein Fazit: 5 von 5 Sternen für einen sehr originellen, abwechslungsreichen und flotten Krimi, der, gespickt mit sehr greifbaren Charakteren, richtig Spaß macht. Es gibt nicht das typische Ermittlerteam, sondern einen ärmlichen Privatdetektiv und seine Aushilfssekretärin (erinnerte mich ein bisschen an „Das Model und der Schnüffler“ mit Bruce Willis und Cybill Shepherd). Ich freue mich, dass es hier bald eine Fortsetzung gibt.

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Rezension auf Buchwelten zu —> „Ein plötzlicher Todesfall“

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© Buchwelten 2014

Blutiges Frühjahr von Greg F. Gifune

Erschienen als Taschenbuch
bei Festa-Verlag
insgesamt 413 Seiten
Preis: 13,95 €
ISBN: 978-3-86552-097-5
Kategorie:  Thriller, Dark Fiction

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Als sich Bernard selbst tötet, stehen seine Jugendfreunde Alan, Rick und Donald vor einem Rätsel. Keiner hätte gedacht, dass Bernard derart große Probleme hatte, um sich das Leben zu nehmen. Ein paar Tage nach seinem Tod erhält einer der drei Freunde einen Brief mit einem Tonband. Die Nachricht stammt von Bernard, der diese ein paar Tage vor seinem Tod aufgegeben hat. Die Worte des Toten verheißen nichts Gutes, deuten sie doch auf verschlüsselte Weise darauf hin, dass Bernard Morde verübt hat.

Alan begibt sich zusammen mit seinen Freunden auf eine Reise in die Vergangenheit des Verstorbenen, um zu erfahren, was an der „Beichte“ ihres verstorbenen Freundes wahr ist. Dabei wird auch ihre eigene Kindheit wieder lebendig und je mehr sie jene Zeiten nach Hinweisen über Bernards Leben durchstöbern, desto dunklere Geheimnisse offenbaren sie.

Nichts ist mehr, wie es wahr, als die ersten verstümmelten Frauenleichen in den nahegelegenen Wäldern gefunden werden.

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Gifune fesselt von der ersten Seite an! Sein Gespür für atmosphärische Dichte ist nahezu unschlagbar und ich fühlte mich von Anfang an direkt im Geschehen. Oft fühlte ich mich bei der Story an die Kurzgeschichte „Stand by me – Die Leiche“ und die Romane „Love“ oder „Wahn“ von Stephen King erinnert. Gifune kopiert aber niemals , sondern hat seinen eigenen, faszinierenden Schreibstil, der immer gehoben und anspruchsvoll daher kommt.

Die Charakterzeichnung der Protagonisten ist überzeugend und realistisch, so dass ich oft vergaß, einen Roman zu lesen. Vielmehr gerät man Seite für Seite immer mehr in den hypnotischen Sog einer Geschichte, wie Anne Rice seinerzeit mit „Interview mit einem Vampir“ erschaffen hat.

Blutiges Frühjahr“ ist für mich ein Kultroman, den ich mit Sicherheit noch einmal lesen werde. Wie schon erwähnt, nimmt einen die dichte Atmosphäre gefangen, und wie bei seinen anderen Werken versteckt Gifune geschickt so manch philosophische Bemerkung zwischen den Zeilen eines ruhigen Psycho-Thrillers.

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Fazit: Volle Punktzahl für einen spannenden, dennoch sehr ruhigen, melancholischen Thriller, der in seiner sich durch den ganzen Roman durchziehenden Stimmung seinesgleichen sucht.

Gifune gehört für mich zu den ganz großen Thriller-Autoren unserer Zeit. Wie schon mit „Die Einsamkeit des Todbringers“ begeistert mich sein Schreibstil und seine Ideen uneingeschränkt. Was Nick Cave für den melancholischen Rock bedeutet, ist Greg F. Gifune meiner Meinung nach im Bereich des Dark-Fiction-Mystery-Thrillers.

© Cryptanus für Buchwelten 2013

Die Frucht des Bösen von Lisa Gardner (5/5)

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Erschienen als
Taschenbuch
im Rowohlt Verlag
560 Seiten
Preis: 9,99 €
ISBN:  978-3-499-25712-4

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Der Thriller erzählt die Ermittlungen um zwei extreme Mordfälle in Boston, die die Ermittlerin D.D. Warren aufzuklären hat. Dem ersten Mord fällt eine beliebte Familie zum Opfer. Sie war unauffällig, in der gesamten Nachbarschaft gerne gesehen und es gibt keinen erkennbaren Grund für deren Auslöschung.
Am nächsten Tag wird ein weiterer, ähnlicher Mord an einer kompletten Familie entdeckt. Nur dass diese Familie das komplette Gegenteil der ersten Opfer war: Diese Familie war im Drogenmilieu einschlägig bekannt und gehörte definitiv zur Unterklasse.

D.D. Warren glaubt nicht, dass es sich um Zufälle handelt, zumal es einige Übereinstimmungen gibt. Die Mordwaffen waren sowohl eine Feuerwaffe, als auch ein Messer. Und in beiden Mordfällen wurden sogar die kleinen Kinder (z.B. ein Säugling in seiner Wiege) umgebracht.

Gemeinsam mit ihrem Partner Phil und dem Professor Alex, der einfach mal wieder die praktische Arbeit der Ermittlung miterleben will um nicht einzurosten, beginnt D.D. Warren mit den Untersuchungen und versucht den Dingen auf den Grund zu gehen …

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Dies ist der zweite Fall der Ermittlerin D.D. Warren, für mich war es das erste Buch überhaupt von Lisa Gardner. Erzählt wird der Thriller in verschiedenen Handlungssträngen.

Zunächst gibt es Danielle, eine junge Frau, die vor 25 Jahren einizige Überlebende eines Familiendramas war: Ihr Vater hat ihre Mutter, die beiden Geschwister und dann sich selbst getötet. Warum er Danielle verschont hat, weiss sie bis heute nicht und diese hat nach wie vor mit den Erlebnissen zu kämpfen. Sie arbeitet als Krankenschwester auf einer Station für psychisch kranke Kinder und kümmert sich aufopferungsvoll um sie. Sie geht auf in ihrer Arbeit, nutzt diese als Eigentherapie. Kann sie schon sich selbst nicht helfen, dann wenigstens den Kindern in ihrer Obhut.

Dann gibt es da Victoria: Mutter von Evan, einem psychisch kranken 8-jährigen, der mitunter sehr gefährlich ist, denn er will seine Mutter töten. Wobei nicht ER das will, das Phantom sagt ihm, er muss es tun. Victoria lebt eigentlich kein Leben mehr, sondern versucht ausschließlich alles in ihrer Macht stehende sich um ihren Sohn zu kümmern und dabei nicht verletzt zu werden. Ihr Ehemann hat sie verlassen und die gemeinsame Tochter, 6 Jahre alt, mit sich genommen. Der Bruder war einfach zu gefährlich für das Mädchen. Victoria sieht ihre Tochter nur einmal in der Woche und ihr Ehemann hat kein Verständnis dafür, dass Victoria Evan nicht in eine entsprechende Anstalt gegeben hat, um für den Rest der Familie da zu sein.

Dann gibt es natürlich noch den Handlungsstrang um D.D. Warren und ihre Kollegen, die mit den Ermittlungen und der Aufklärung der Mordfälle beschäftigt sind.

Im Laufe der Geschichte verbinden sich die Handlungsstränge und dies ist Autorin gut gelungen. Die Protagonistin war mir eigentlich nicht mal sonderlich sympathisch. D.D. Warren scheint eine etwas bissige und zickige Ermittlerin zu sein, die nicht unbedingt leicht ist.

Was mich an diesem Buch aber absolut gefesselt hat, waren die Hintergründe und die Ausführungen um die Störungen der kranken Kinder: Warum will ein 8-jähriger seine Mutter töten? Was geht in einer 9-jährigen vor, wenn ihr Vater sich vor ihren Augen erschiesst? Was ist ein Wolfskind und warum kommt es nur dann zur Ruhe, wenn es sich benimmt wie eine Hauskatze und sich im Sonnen- oder Mondlicht einrollt? Wie geht es einem Kind, dass jahrelang in einer ausgeschalteten Tiefkühltruhe mit einigen Luftschlitzen gefangen wurde?

Diese Themen werden behandelt und das war es, was mir an diesem Buch sehr gefallen hat. Die Art und Beschreibungen wie die Schwestern und Pfleger in der Psychiatrie versucht haben, diesen Kindern zu helfen und zwar ohne sie mit Medikamenten zuzudröhnen, sie zu fixieren oder mit Stromschlägen zu „behandeln“. Dies war sehr gut recherchiert und wurde mir als Leserin spannend und interessant nahegebracht.

Die Art, wie die Autorin die Krankenschwester Danielle mit ihrem Trauma hat umgehen lassen, gefiel mir auch besonders. In Rückblenden war ich als Leserin immer Zeuge der damaligen Nacht. Danielle ist für mich die heimliche Protagonistin, sie hat (natürlich) einige Ecken und Kanten aber sie war mir recht schnell ans Herz gewachsen.

Auch die Erklärungen wie Eltern mit ihren „schwierigen“ Kindern umgehen und sich zuletzt an jeden Strohhalm klammern – und wenn es Wunderheiler sind – war für mich sehr plausibel geschrieben.

Die Aufklärung der Mordfälle hat mich nicht enttäuscht, war mir ehrlich gesagt aber auch nicht das Wichtigste an diesem Thriller. Mich haben andere Dinge viel mehr interessiert, von denen ich wissen wollte, wie sie zu Ende gehen. Und diese Aufklärungen hat Lisa Gardner auch geliefert.

Der Schreibstil war ein einfacher aber schön zu lesender, die Kapitel sind in einer angenehmen Länge verfasst und die Wechsel innerhalb der drei Handlungsstränge haben für ein kurzweiliges und fesselndes Lesen gesorgt.

Das Cover zeigt eine junge Frau mit dunkel geschminkten Augen, wirren Haarsträhnen im Gesicht und passt für mich zum Buch.

Mein Fazit: 5 von 5 Sternen für diesen Thriller, den ich absolut als Psychothriller einstufen würde. Der Roman liefert sehr gute Hintergrundinformationen und Einblicke in kranke oder kaputte Kinderseelen. Sicherlich nicht nur interessant für Eltern vor „schwierigen“ Kindern.

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Ich danke Rowohlt / rororo für die (unangeforderte) Bereitstellung des Rezensionsexemplares.

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© Buchwelten 2012

Die Stunden von Michael Cunningham (5/5)

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Erschienen als
Taschenbuch
im btb Verlag
224 Seiten
Preis: 9,00 €
ISBN:  978-3-442-72629-5

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Ein Tag, nur einige aneinandergereihte Stunden im Leben dreier Frauen, die zu völlig unterschiedlichen Zeiten leben aber dennoch miteinander verbunden sind.

Da ist Virginia Woolf, die seelisch kranke und dennoch so hellwache Schriftstellerin, die im Jahre 1923 in einem Vorort von London so langsam aber sicher zu Grunde geht. Sie lebt dort auf Anraten ihrer Ärzte und ihres treusorgenden Ehemannes, damit sie sich erholen kann, die Stimmen in ihrem Kopf sie in Frieden lassen und sie wieder gesund wird. An diesem Tag wird Virginia arbeiten, sie wird endlich wieder schreiben und sie hat den ersten Satz zu ihrem neuen Werk, das einmal „Mrs. Dalloway“ heissen wird: „Mrs. Dalloway sagte, sie wolle die Blumen selber kaufen“ …

Da ist Laura Brown, Mutter und Ehefrau in den Nachkriegsjahren in Amerika, gerade schwanger mit ihrem zweiten Kind. Eine ruhige, in sich gekehrte Frau, die am liebsten den ganzen Tag in der Welt ihrer Bücher versinken möchte. Sie bemüht sich eine  gute Frau und Mutter zu sein, kann aber nicht aus ihrer Haut. Sie bleibt an einem Morgen einfach im Bett und nimmt das Buch „Mrs. Dalloway“ von Virgina Wood zu Hand. Sie beginnt zu lesen …

Da ist Clarissa Vaughn, selbständige Lektorin im New York der 90er Jahre. Sie lebt sein 10 Jahren in einer lesbischen Beziehung und kümmert sich aufopfernd um ihren Jugendfreund Richard, der schwer an Aids erkrankt ist. An einem schönen Junimorgen, sie ist mit den Vorbereitungen zu einer Party beschäftigt, die sie für Richard geben will, entscheidet Clarissa (Spitzname: Mrs. Dalloway) spontan die Blumen für die Party selber zu kaufen. Nach dem Einkauf schaut sie noch bei Richard in der Wohnung vorbei, eine eigene Welt in der es immer dunkel ist. Richard hat alle Fenster verhangen und sagt, er lebe nur noch für sie: Mrs. Dalloway. Er, der Schriftsteller der am Abend einen der begehrtesten Literaturpreise verliehen bekommt hat Clarissa damals diesen Namen gegeben …

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Diesen Roman habe ich gebraucht gekauft und eigentlich nur, damit ich bevor ich den gleichnamigen Film anschaue, das Buch gelesen habe. Es ist ein relativ dünnes Buch, mit seinen 224 Seiten hat aber soviel hochwertigen Inhalt zu bieten.

Sicher hatte ich das Buch schnell gelesen, aber einfach mal so „durchfliegen“ ist hier nicht möglich. Denn Cunningham schreibt in einem sehr hochwertigen, blumigen und hintergründigen Schreibstil. Es gibt lange, verschachtelte Sätze die immer wieder von den Gedankengängen der jeweiligen Protagonistin unterbrochen werden. Dennoch ist das Buch keineswegs schwierig zu lesen, man sollte es nur aufmerksam tun. Denn sonst überliest man vielleicht die Dinge zwischen den Zeilen, das schöne und wichtige, was der Autor aussagen will.

Erfreue dich an dem was du hast, an dem was du siehst. Gehe mit offenen Augen durch dein Leben und geniesse es. Denn es kann schnell vorbei sein oder eine dir wichtige Person verlässt dich. Lebe das wesentliche in deinem Leben und tue einfach mal das, was du willst und nicht immer nur Dinge um anderen gerecht zu werden oder zu gefallen.

Das Buch war stellenweise ziemlich traurig, zeigte aber auch immer wieder Mut und Stärke auf. Ich kann nicht einmal sagen, welche der  drei Frauen mir am sympathischsten war. Denn dazu waren sie dann einander doch zu verschieden, wobei sie sich gleichzeitig so ähnlich sind.

Der Roman beginnt im Jahre 1941, mit dem Selbstmord von Virginia Woolf. Dann wechselt die Handlung immer wieder zwischen den drei Handlungssträngen in den verschiedenen Jahren. Und mir ging es so, dass ich immer im jeweiligen Kapitel einer der Frauen unbedingt wissen wollte, wie es den anderen beiden ergeht.

Die Auflösung dessen, wie die Figuren miteinander verbunden sind und das Finale, das Ende was der Autor damit erschaffen hat ist absolut fantastisch gelungen. Wenn plötzlich klar wird wie diese drei Frauen aus den unterschiedlichsten Jahren untereinander verbunden sind, das hat Cunningham erstklassig niederschrieben.

Als Quellen hat der Autor die Werke von Virginia Woolf herangezogen und u.a. eine Biografie, die ihr Neffe Quentin Bell geschrieben hat. Der übrigens im Roman eine (kleine) Rolle spielt. Ich habe nun wirklich Lust einmal etwas von Virginia Wood zu lesen. Sie scheint eine besondere, nachdenkliche, tragische Frau gewesen zu sein, die iher Zeit weit voraus war. Vielleicht wird es „Mrs. Dalloway“ …

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Mein Fazit: Volle Punktzahl 5 von 5 Sternen für diesen kleinen Roman, der so groß ist. Ein wunderbarer, gehobener Schreibstil, der dennoch nicht schwierig ist und einfach nur fesselt. Eine Lektüre die sehr viel vermittelt, man aufmerksam aber mit Freude lesen sollte und aus der der Leser eine Menge mit in den Alltag nimmt.

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© Buchwelten 2012

Mund zu Mund von Michael Kimball (5/5)

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Erschienen als
gebundene Ausgabe
Diana Verlag
494Seiten
ISBN:  978-3828400368

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Ellen Chambers, eine attraktive Mittdreißigerin ist hauptberuflich Lehrerin und züchtet in ihrer Freizeit Schafe. Gemeinsam mit ihrem Mann Scott lebt sie auf einer großen Farm etwas außerhalb des Ortes. Scott, mit dem sie seit ihrer Jugend zusammen ist, führt ein Haushaltswarengeschäft, das leider kurz vor der Pleite steht. Von dem dynamischen Jungunternehmer, der er zur Zeit ihres Kennenlernens war, ist nicht mehr viel übrig geblieben. Immer öfter ist er früh angetrunken, Scott denkt der Alkohol würde seine Probleme lösen.

Die gemeinsame Tochter, Maureen, ist gerade einmal 17 Jahre alt und schwanger von Randy. Einem undurchsichtigen, arroganten, aufbrausenden Typen, der Ellen mehr als nur missfällt. Aber Maureen liebt ihn über alles und in die bevorstehende Hochzeit lässt sie sich nicht hereinreden, zumal Scott eine recht positive Einstellung zu dem zu seinem zukünftigen Schwiegersohn hat.

Während der Hochzeitsfeier von Maureen und Randy, die auf der elterlichen Farm stattfindet, taucht auf einmal ein junger Mann auf. Es stellt sich heraus, dass es Neal ist, der Neffe von Scott. Sohn seines verstorbenen Bruders.

Ellen kommen plötzlich lang vergrabene Erinnerungen wieder in ihr Bewusstsein. Denn vor vielen, vielen Jahren hat Ellen ihren Mann gemeinsam mit ihrer Schwägerin (Neals Mutter) im Schafzimmer erwischt. Ellen war wegen eines Sturms früher nach Hause gekommen um sich um die Schafe zu kümmern. Dieser Seitensprung hatte damals verheerende Folgen.

Auch wenn Ellen damals glaubte ihrem Mann verzeihen zu können, vergessen konnte sie ihm diesen Betrug nie.

Da Maureen nach der Hochzeit nicht mehr auf der elterlichen Farm lebt, sondern mit ihrem Ehemann in ein gemeinsames Haus eingezogen ist, überlegen Scott und Ellen nicht lange, als Neal ihnen anbietet einige Tage auf der Farm zu wohnen um die verfallene Scheune wieder aufzubauen. Er zeigt ihnen ein Foto, auf dem eine wunderbare, große Scheune zu sehen ist. Eben diese will er für seine Tante und Onkel auch bauen und zwar innerhalb von 12 Tagen.

In diesen 12 Tagen entwickelt sich zwischen Ellen und Neal eine Beziehung, die über die familiären Gefühle hinausgeht. Ellen fühlt sich immer mehr zu Neal hingezogen und auch ihr Neffe scheint dasselbe zu empfinden. Was in nächtlichen Fantasien beginnt wird nach und nach immer realer und greifbarer und schließlich können beide, trotz des Altersunterschiedes, nicht mehr widerstehen. Es gelingt ihnen nicht, die offensichtliche Anziehungskraft zu unterdrücken.

Als es während Reparaturarbeiten am Damm auf der Farm zu einem schrecklichen Unfall kommt, überschlagen sich plötzlich die Ereignisse. Familienmitglieder werden zu Verdächtigen, die Polizei ermittelt und die Gefahr, die wie eine dunkle Wolke über der Farm schwebt, wird immer größer …

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Bestellt habe ich dieses Buch auf Empfehlung meines Lebensgefährten, da er während des Lesens immer wieder sagte „Das wäre ein Buch für dich“, „Das würde dir gefallen“ und „Die erotischen Szenen sind wahnsinnig gut geschrieben!“.
Nun er kennt mich und das was ich gerne lese sehr gut und daher hatte er meine Neugierde geweckt und ich habe das Buch relativ schnell nachdem es eingetroffen war gelesen. Es lag nicht mal mehrere Wochen in meinem SUB, wo manch anderes Buch auch schon einmal Jahre darauf wartet gelesen zu werden.

Ich konnte mit dem Titel „Mund zu Mund“ und den beiden sich liebkosenden Steinfiguren auf dem Cover nicht viel anfangen und wusste mir nichts Wirkliches von der Handlung vorzustellen.

Die Bedeutung des Titels hat sich mir auch jetzt noch nicht eröffnet, ich denke mir natürlich was es bedeuten könnte, aber sicher bin ich mir nicht.

Die Geschichte beginnt ruhig und leise aber dennoch ist ein ständig greifbares Knistern spürbar. Im Laufe der Handlung entwickelt sich der Roman allerdings zu einem extrem spannenden Thriller mit sich immer wieder auftuenden Situationen und Erkenntnissen, die es mir sehr schwer gemacht haben, das Buch aus der Hand zu legen.
Als kleiner Vergleich passt eventuell: Das Buch beginnt in einer Stimmung wie bei „Die Farm“ von John Grisham und entwickelt sich zu so etwas wie „Feind in meinem Bett“. Der Vergleich mag ein wenig hinken aber ich denke, er trifft es ganz gut.

Der Autor schreibt in einem sehr guten Schreibstil, wobei der nicht einmal extrem gehoben oder in besonders verschachtelten Sätzen geschrieben ist. Er hat es eher geschafft eine Atmosphäre zu schaffen, die das Buch wie einen Film erleben lässt. Ich habe den Wasserfall gehört, die Schafe und das frische Holz der Scheune gerochen und die Farm gesehen.

Die erotischen Szenen, die ich eben angesprochen habe, sind wirklich fantastisch geschrieben. Nicht extrem oder gar pornografisch. Einfach nur schön, leidenschaftlich, voller Gefühl und Elektrizität. Es ist erstaunlich wie ein Mann es schafft, die Gefühle, Wünsche und Gedanken einer Frau so zu Papier zu bringen.

Ich bin kein Mensch, der sich speziell erotische Literatur kauft, es aber natürlich auch mag solche Szenen zu lesen, wenn sie denn schön und sinnlich sind. Und das waren sie.


Gleichseitig steigt der Spannungsbogen immer wieder ein Stückchen weiter und die drohende Gefahr wächst immer mehr heran.

Wie Kimball die Charaktere ausgearbeitet hat, hier meine ich nicht nur die Protagonisten Ellen und Neal, sondern auch Scott oder die Tochter Maureen, war sehr gute Arbeit. Die dunklen Geheimnisse eines jeden, die nach und nach unerwartet ans Tageslicht kommen hätte ich nicht erwartet.

Überhaupt war die Handlung des Buches bis zum Schluss nicht vorhersehbar und eben dieser hatte es dann auch in sich. Der ist dann vielleicht nicht nach jedermanns Geschmack geschrieben aber für mich passte er in die Handlung und hat ein verdientes Finale geboten.

Für mich ist dieses Buch in die Abteilung meiner Lieblingsbücher gewandert. Ich werde es ganz bestimmt noch einmal lesen und ich kann ohne schlechtes Gewissen eine Leseempfehlung aussprechen.

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Mein Fazit: Volle 5 von 5 Punkten für einen Roman, voller Gefühl, Spannung, Gefahr und Dramatik, die eigentlich „nur“ eine leise, ruhige und farbenfrohe Familientragödie ist, für mich aber ganz klare Thrillerqualitäten besitzt.

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© Buchwelten 18.02.2012