Der Kult von Marlon James

Der Kult von Marlon James

Erschienen als gebundene Ausgabe
im Heyne Verlag
insgesamt 286 Seiten
Preis: 22,00 €
ISBN: 978-3-453-67718-0
Kategorie: Horror, Drama, Thriller

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In einem kleinen Dorf namens Gibbeah taucht eines Tages ein schwarz gekleideter Unbekannter auf, der sich „Apostel York“ nennt und dem bis dato dort predigenden Hector Bligh den Posten streitig macht. Bligh ist ein versoffener alter Mann, der von York ohne Mühen  von der Kanzel gestoßen wird. Denn York ist charismatisch und schlägt die Dorfbewohner sofort in seinen Bann. Schon bald entbrennt ein erbitterter Kampf sowohl um die Seelen der Bewohner als auch um die religiöse Macht über das Dorf.

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Zu Anfang sei angemerkt, dass es sich bei „Der Kult“ nicht um ein neues Buch handelt, sondern um den Debütroman von Marlon James, der bereits 2009 unter dem Titel „Tod und Teufel in Gibbeah“ erschienen ist.
Man muss sich schon auf Marlon James‘ Schreibstil einlassen können, um das Buch zu genießen (und vielleicht auch verstehen) zu können. Und obwohl des Öfteren derbe Ausdrücke benutzt werden, wirkt der Roman dennoch auf hohem literarischem Niveau verfasst. James‘ benutzt eine sehr außergewöhnliche Bildsprache, die sich dem Leser oftmals erst im Nachhinein offenbart. Es sind atmosphärisch dichte, filmreife Bilder, die der Autor mit seiner unkonventionellen Ausdrucksweise im Kopf des Lesers heraufbeschwört. Jede Menge Zitate aus der Bibel werden geschickt in die Handlung mit eingeflochten und lassen dabei ein etwas zweifelhaftes Bild auf Religionen und deren fanatischen Anhänger entstehen. Marlon James packt den Leser von Anfang an und lässt ihn einfach nicht mehr los. Man gerät als Leser ähnlich wie die Protagonisten in einen Strudel aus Sex und Gewalt, dem man sich nicht mehr entziehen kann (und irgendwie auch nicht möchte), denn zu stimmungsvoll sind die Beschreibungen der Ereignisse.

Alkohol, sündhafte sexuelle Ausschweifungen und fanatische Schwarzmalerei führen zu einem Kampf zwischen Gut und Böse, zwischen Moderne und mittelalterlich erscheinender Vergangenheit. Mit spärlichen, aber hundertprozentig treffsicheren Worten lässt Marlon James eine Welt vor den Augen des Lesers entstehen, vor der man sich fürchtet, aber gleichermaßen auch vollkommen in  Bann gezogen wird. Gerade die fast schon vulgären, sexuellen Beschreibungen, die an Dantes „Göttliche Komödie“ oder apokalyptische Bilder von Hieronymus Bosch erinnern, sind es, die den besonderen Reiz dieses Romans ausmachen. „Der Kult“ wirkt in der Tat apokalyptisch und dystopisch, aussichtslos und deprimierend. Viele Szenen und Bilder wirken so lange nach, das sie sich dem Leser erst nach Genuss der Lektüre, erschließen. Beeindruckend schildert James, wie sich eine ganze Stadt von den Predigten eines einzigen Mannes beeinflussen lässt. Die Bewohner verhalten sich teilweise wie Marionetten oder Lemminge, die sich einzig auf die Stimme ihres „Apostels“ verlassen. Marlon James zeigt gekonnt auf, wie einfach es für einen einzigen Mann ist, Menschen derart zu beeinflussen, dass sie ihm letztendlich hörig sind.

Viele sündhafte Ausschweifungen und menschliche Abgründe werden in „Der Kult“ beschrieben: Sodomie, Pädophilie, Ehebruch oder Untreue.  An manchen Stellen werden Marlon James‘ Beschreibung fast schon pornographisch, aber sie könnten nicht passender sein, denn sie arbeiten auf einen unglaublich intensiven Kampf zwischen Gut und Böse hin. Und erneut kommen einem beim Lesen Vergleiche mit Dante und Bosch in den Sinn. „Der Kult“ ist ein beeindruckender Roman über beängstigenden religiösen Fanatismus, sexuelle Entgleisungen und den Auswirkungen einer Massenhysterie in exzessive Gewalt. Die Geschichte ist ein Gleichnis über die Zerstörung einer Gesellschaft durch die Machtergreifung eines verblendeten Aufhetzers, der die Grenzen zwischen Wahrheit und Lüge (Gott und Teufel) verwischen lässt. Oft gleitet Marlon James ins Surreale ab und begibt sich damit auf literarische Pfade, die sonst nur der Regisseur David Lynch auf filmischem Weg betritt. Die Auseinandersetzung der beiden Priester, die das Gute und Böse im Menschen verkörpern (?) ist episch, aber auch mystisch und brennt sich szenenweise unaufhaltsam ins Gehirn ein. Den Roman einem Genre zuzuordnen fällt sehr schwer, denn zu vieles wurde vom Autor darin verpackt, um einer geraden, einfachen Linie zu folgen.
„Der Kult“ ist Kult.

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Fazit: Kultverdächtig, episch und beeindruckend.

© 2018 Wolfgang Brunner für Buchwelten

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Ein wilder Schwan von Michael Cunningham

Ein wilder Schwan von Michael Cunningham

Erschienen als gebundene Ausgabe
im Luchterhand Verlag
insgesamt 156 Seiten
Preis: 19,00 €
ISBN: 978-3-630-87491-3
Kategorie: Märchen, Belletristik, zeitgenössische Literatur

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Rumpelstilzchen, Hänsel und Gretel, Schneewittchen und Rapunzel – wer kennt diese Märchen nicht? Aber Michael Cunningham erzählt sie nun vollkommen anders, berichtet über die Hintergründe jener Geschichten und schreibt Prequels und Sequels. Und nicht immer ganz jugendfrei …

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Bei diesen Märchen-Neuinterpretationen scheiden sich wohl die Geister, wenn man sich verschiedene Rezensionen durchliest. Die einen sind hellauf begeistert, wozu ich mich zähle, und die anderen finden Cunninghams Geschichten langweilig und uninspiriert. Cunninghams Schreibstil ist gewohnt hoch und er kann mit seinen Gedanken, die oftmals zum Nachdenken anregen, schlichtweg verzaubern. Doch der Autor, dessen Meisterwerke wie „The Hours – Die Stunden“ oder „Ein Zuhause am Ende der Welt“ noch nach Jahren im Gedächtnis des Lesers haften bleiben, nimmt den Märchen an manchen Stellen die Mystik, in dem er etwas derb den Plot in unsere Wirklichkeit verlegt. Das funktioniert aus meiner Sicht unglaublich gut, kommt aber anscheinend bei anderen Lesern nicht so gut an. Michael Cunningham „spielt“ mit den bekannten Märchen, erzählt eine Vor- und/oder Nachgeschichte und passt die Charaktere der Realität an, verbannt sie sozusagen aus der Märchenwelt, wie wir sie kennen. Das ist zum einen erfrischend, zum anderen aber auch sehr geschickt verändert, so dass man in manchen Geschichten unsere Wirklichkeit wiedererkennt.

Michael Cunningham kann Geschichten erzählen, das hat er mit vielen Romanen mehrfach bewiesen. In „Ein wilder Schwan“ traut er sich einfach mal etwas anderes, geht über seine Grenzen hinaus und wird hin und wieder sogar lynchesk „abgedreht“. Das ist mit Sicherheit nicht jedermanns Sache, aber wenn man sich auf die Ideen einlassen kann, wird man mit einem ironischen, augenzwinkernden Blick in unsere echte Welt belohnt, der zeigt, wie aktuell „alte“, klassische Märchen sein können. Cunningham geht oft auf die menschliche, emotionale Seite der Protagonisten ein, die in den Originalen oftmals fehlen. Er zeigt, dass sich hinter den Märchenwesen echte Menschen und Charaktere verstecken könnten, so dass man den verklärten Blick auf eine Märchenwelt manchmal vergisst und darüber nachdenkt, ob die Inspirationen, aus denen diese Geschichten einst wurden, vielleicht sogar ihren Anfang in einer wahren Begebenheit fanden. Cunningham nimmt den Märchen ihren Zauber, das ist keine Frage, aber er verleiht ihnen eine neue Art von Zauber, der so manches Mal sogar beeindruckender ist als der der Originale. Aber man muss sich, wie gesagt, darauf einlassen können und die Sprache des Autors verstehen.

Abgesehen von der wirklich tollen Aufmachung des kleinen Bandes werden die sprachlich raffinierten Geschichten von wunderbaren Illustrationen der japanischen Künstlerin Yuko Shimizu unterstrichen, die sich perfekt an die Erzählungen anpassen. Ein wenig erinnern ihre schwarzweißen Zeichnungen an den hierzulande relativ unbekannten Künstler Aubrey Beardsley. Ich habe diese Illustrationen jedes Mal ein paar Minuten auf mich einwirken lassen, weil sie mich zum einen stark beeindruckt und zum anderen den „Geist“ von Cunninghams Märcheninterpretation hervorragend ergänzt haben. Diese Symbiose aus Text und (Bilder)Kunst gibt dem Buch eine ganz besondere Note, die man nicht so schnell vergisst.
Die aus einer anderen Sichtweise erzählten Märchen haben mich mal mehr und mal weniger begeistert, im Gesamten aber vollkommen in den Bann gezogen. Und wer behauptet, dass sich zwischen den Zeilen keine Gefühle und Sehnsüchte verbergen, der hat Cunninghams Arbeit (und Anliegen) wohl nicht verstanden. „Ein wilder Schwan“ ist nämlich keine leichte Kost zum Zwischendurchlesen (oder gar oberflächlichem „Konsumieren“), sondern fordert ein wenig Feingefühl (trotz der manchmal derben Ausdrücke) und literarische Empathie. Für mich zeigt dieser Band erneut das Können dieses Schriftstellers, wenngleich auf eine völlig andere Art als seine bisherigen Bücher.

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Fazit: Abgedrehte, aber auch voller Gefühle und Innovationen steckende Märchen-Neuinterpretation mit wunderschönen Illustrationen.

© 2018 Wolfgang Brunner für Buchwelten

Das Original von John Grisham

Erschienen als gebundene Ausgabe
im Heyne Verlag
insgesamt 367 Seiten
Preis: 19,99 €
ISBN: 978-3-453-27153-1
Kategorie: Thriller, Belletristik

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Aus der Princeton University werden fünf handgeschriebene Originalmanuskripte des Schriftstellers F. Scott Fitzgerald gestohlen, deren Wert in die Millionen geht. Es dauert nicht lange und die ersten Verdächtigen werden gefasst und verhaftet. Doch einer der Täter und mit ihm die Manuskripte bleiben verschwunden. Doch dann findet das FBI eine heiße Spur, die zu dem Buchhändler Bruce Cable führt, der unter anderem auch unbekannte und weniger erfolgreiche Schriftsteller unterstützt. Mercer Mann, eine junge Autorin, die genau in das Beuteschema Cables passt, wird vom FBI angeheuert, um den Mann auszuspionieren und in Erfahrung zu bringen, ob sich die gestohlenen Manuskripte in seinem Besitz finden.

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Grisham ist immer wieder für eine Überraschung gut. Auch wenn er in seinem neuesten Werk eine Hommage an Bücher und deren Autoren in das Gewand eines Justiz-Thrillers verpackt, so lieferte der geborene Geschichtenerzähler dieses Mal ein Buch ab, das sich von seinen meisten Romanen, mit denen er weltweit bekannt geworden ist, abhebt. Grisham erzählt nämlich in einer zwar relativ unbedeutenden Haupthandlung von der Liebe zu Büchern. Er schreibt aber auch über Autoren, die erfolglos versuchen, einen Bestseller zu schreiben, um mit ihrer Kunst endlich Geld zu verdienen. Der Leser bekommt die ernüchternde Welt von Schriftstellern serviert, die es einfach nicht schaffen, an die Spitze der Bestsellerlisten zu kommen, geschweige denn, von ihrer Arbeit zu leben. Es stecken sehr viele Wahrheiten und Erkenntnisse in den Worten, die Grisham seinen Protagonisten in den Mund legt, so dass man fast den Anschein bekommt, er hätte einiges davon am eigenen Leib erlebt. Und „Das Original“ kann sogar mit einer etwas anderen Liebesgeschichte aufwarten, die ansprechend unterhaltsam ist.

Grishams Schreibstil ist wie immer unglaublich flüssig und schnell zu lesen. Aufgrund der kurz gehaltenen Kapitel fliegt man nur so durch die Handlung, die zugegebenermaßen manchmal nicht sonderlich durchdacht wirkt. Das liegt vor allem daran, dass nach dem spektakulären Auftakt des Kunstraubes plötzlich das Augenmerk auf der Gefühlswelt der Protagonisten liegt und die Straftat immer mehr in den Hintergrund gerät. „Das Original“ ist kein typischer Grisham mit spannenden Verfolgungsjagden und unerwarteten Wendungen. Es ist, wie oben bereits erwähnt, eine Liebeserklärung an die Macht der Bücher und wie sie unser Leben, also das der Autoren, der Leser und der bibliophilen Sammler, beeinflussen. In manchmal wunderschönen Worten wird dem Hobby und der Sammelleidenschaft aller Büchernarren gehuldigt, so dass es wirklich enormen Spaß macht, der Handlung zu folgen. Der ein oder andere könnte von dem ruhigen Plot enttäuscht sein, ich fühlte mich gut aufgehoben und an manchen Stellen richtig geborgen in ihm.

Wer sich auf John Grishams Blick in die Welt der Verleger, Verlage, Autoren und Erstausgabensammler einlässt, wird mit einer scharfsichtigen, aber auch ironischen Betrachtung der diesbezüglichen Realität belohnt. Auf amüsante Weise geht Grisham auch auf die zeitgemäße Problematik von „festen“ Büchern und ebooks ein, lässt seine Protagonisten Anspielungen auf das Aussterben von echten Buchläden und die Machtübernahme durch Amazon machen. „Das Original“ ist mit Sicherheit nicht John Grishams bestes Buch, aber es zeigt, dass der Autor durchaus auch anders (was er aber nicht nur mit diesem Buch beweist) und nicht nur immer verzwickte Justizfälle schildern kann. Ich persönlich habe mich von seinen Ausführungen über Autoren und ihre Bücher absolut angesprochen gefühlt. Das liegt vielleicht daran, dass ich selbst Bücher schreibe und viele Dinge absolut bestätigen kann, hat aber bestimmt auch damit zu tun, dass ich Bücher liebe und mich mit ihnen umgebe. Wie schrieb die Süddeutsche Zeitung so schön über „Das Original“? „Eine Liebeserklärung Grishams an die Welt der Bücher und ihre Autoren.“ Diese Aussage kann ich nur bestätigen, denn genau so eine Liebeserklärung ist Grisham tatsächlich gelungen.

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Fazit: Ein Roman über die Welt der Bücher, deren Autoren, Leser und Sammler. John Grisham mal ein wenig anders.

© 2017 Wolfgang Brunner für Buchwelten

Das Auge von Richard Laymon

Erschienen als Taschenbuch
im Heyne Verlag
insgesamt 352 Seiten
Preis: 9,99 €
ISBN: 978-3-453-67703-6
Kategorie: Thriller, Krimi

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Melanie hat immer wieder Visionen, in denen sie schreckliche Ereignisse vorherzusehen scheint. Dieses Mal ist sie nicht sicher, ob ihrem Vater oder ihrer Schwester etwas zustößt oder bereits zugestoßen ist. Zusammen mit ihrem Freund Brodie fährt sie zu ihrem Elternhaus, um festzustellen, dass ihr Vater bei einem Autounfall schwer verletzt worden ist. Doch auch ihre Schwester Pen fühlt sich nicht in Sicherheit, weil sie immer wieder von einem Unbekannten telefonisch sexuell belästigt wird. Melanie vermutet, dass hinter dem Unfall ihre Stiefmutter Joyce steckt und stellt auf eigene Faust Ermittlungen an.

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Immer noch macht der Heyne-Verlag uns Laymon-Fans eine große Freude und bringt nach und nach nun auch die älteren Werke des Kultautors im Heyne Hardcore Programm auf den Markt. So jetzt auch geschehen mit „Das Auge“, einem Thriller, der im Original bereits 1992 erschienen ist. Und auch wenn die meisten Fans von Laymon immer wieder behaupten, dass nur seine ersten, ins Deutsche übersetzten Romane wirklich gut sind, so empfinde ich das vollkommen anders. Die Werke, die nun auf den Markt kommen, runden das Gesamtbild dieses Mannes für mich viel mehr ab und zeigen, dass Laymon auch in der Lage war, relativ ruhige Geschichten zu erzählen, die nicht nur übertrieben brutal und sexbeladen sind. Das hat er bereits mit dem vor kurzem erschienenen „Das Ufer“ bewiesen, bei dem es sich ebenfalls um eine eher gemäßigte Story handelt. Ich für meinen Teil muss sagen, dass mir auch diese Art von Laymon-Romanen sehr gut gefällt.

Im vorliegenden Buch beschränkt sich Richard Laymon auf drei Haupt- und drei Nebencharaktere. Jeder, der schon einmal ein Buch von Laymon gelesen hat, weiß, dass sich seine Charaktere eher im unteren Mittelmaß bewegen und niemals eine tiefgründige Basis haben, sondern im Gegenteil meist treudoof-naiv wirken. Aber vielleicht ist es genau dieser Umstand, der die Bücher des Amerikaners zu kultigen und  kultverdächtigen Pageturnern macht, die immer wieder an die Plots ähnlich funktionierender Horrorfilme aus den 80er Jahren erinnern. Die Protagonisten verhalten sich unentwegt „dämlich“ und machen Dinge in gefährlichen Situationen, die kein durchschnittlich intelligenter Mensch machen würde, und denken permanent an Sex. Sind nicht dies genau die Zutaten jener oben erwähnen Horrofilme, die meist oft ebenfalls Kultstatus genießen wie Laymons Bücher? Worauf ich hinaus will, ist folgendes: Richard Laymon schreibt kurz und knackig und fesselt den Leser durch seine unkomplizierten Handlungen, die durch die bildhaften Beschreibungen wie Filme anmuten. Gerade der saloppe Schreibstil und die immer wiederkehrenden Sexmomente in seinen Büchern machen Laymons Geschichten immer wieder zu einem unglaublich kurzweiligen Leseerlebnis.

Die Qualität von Richard Laymons Büchern schwankt immer wieder mal. Wenn ich zum Beispiel an die abstruse, an den Haaren herbeigezogene Handlung von „Der Pfahl“ denke, muss ich fast schon darüber lachen. Dennoch zeigen seine Bücher immer wieder die gleiche Wirkung, egal ob sie „schlecht“ oder „gut“ sind: Man fühlt sich trotz allen Logikfehlern und den bereits erwähnten naiven Handlungsweisen der Protagonisten unglaublich gut unterhalten und an „Heftchenromane“ wie seinerzeit „John Sinclair“ oder „Gespenster-Krimi“ erinnert. Genauso verhält es sich auch bei „Das Auge“, wobei hier eindeutig mehr Augenmerk auf Thriller- und Krimi-, als auf Horrorelemente gerichtet wurde. Laymon ist wahrlich kein großer Literat, aber ein ganz passabler und manchmal sogar begnadeter Geschichtenerzähler. Seine Storys bleiben einfach im Gedächtnis haften und das alleine zeigt, dass er schreiben kann. Laymon verwendet in seinen Büchern immer wieder viel wörtliche Rede, wodurch das Buch im Nachhinein (aber auch schon während des Lesens) immer wie ein Film wirkt. Schön ist auch, dass gegen Ende des Romans eine Wendung beziehungsweise sogar zwei Wendungen kommen, die man eigentlich in dieser Art nicht so erwartet hätte.
Für mich wieder eine „Neuentdeckung“ im Laymon-Universum, die mich überzeugt hat und wieder eine etwas andere Seite des Autors darstellt, die mir uneingeschränkt gefällt.
Eine kurze Anmerkung noch, die zwar nichts mit dem Werk an sich zu tun hat, aber an das Lektorat des Heyne-Verlages gerichtet ist: „seid“ und „seit“ zu verwechseln ist für das Lektorat eines großen Verlagshauses kein Aushängeschild. 😦 So geschehen auf Seite 331, Zeile 7: „Melanie… seid eure Mutter tot ist, haben meine jüngere Tochter und ich so unsere Probleme miteinander gehabt.“

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Fazit: Kurzweilige, ruhige, aber dennoch sehr spannende Geschichte um Visionen, einen perversen Telefonanrufer und verbotene Liebe. Eine Familiengeschichte mit Thriller-, Horror- Sexelementen.

© 2017 Wolfgang Brunner für Buchwelten

Liliths Töchter, Adams Sohne von Georg Adamah

Erschienen als Taschenbuch
bei Redrum Books
insgesamt 372 Seiten
Preis: 14,97 €
ISBN: 978-3-959-57030-5
Kategorie: Belletristik, Thriller, Drama

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Georg verlässt seine Frau, um eine Affäre mit Susanna fortzusetzen. Seine Ehe war ohnehin auf dem Weg zum Scheitern, so dass Georg ein neues, schöneres Leben in Angriff nehmen wollte. Doch schon bald wird er von Susanna verlassen. Auf der Suche nach Liebe nimmt er viele Liebes- und Sexaffären in Kauf, obwohl er im Grunde genommen von Susanna nie loslassen kann.

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Schon nach dem Prolog wusste ich, dass Georg Adamahs „Liliths Töchter, Adams Söhne“ ein Buch für mich ist. Alleine die stilistischen Mittel, die Adamah in seinem Roman anwendet, packten mich vom ersten Moment an. Ich kann gar nicht erklären, warum ich seine wilden, im ersten Moment kompliziert wirkenden, Schachtelsätze so faszinierend fand. Dieser Schreibstil ist innovativ, progressiv und einfach nur genial. Dadurch wird man im Verlaufe der Geschichte immer mehr zum Protagonisten und durchlebt seine Ängste, Hoffnungen und Leidenschaften. Man ist irgendwie hautnah dabei, wenn „Dschordsch“ sich Gedanken über die Frauen in seinem Leben macht. Alleine die Idee, die Gedankengänge des Protagonisten in die Schachtelsätze mit einzubauen, erinnerte mich an einen meiner Lieblingsschriftsteller, nämlich Samuel R. Delany. Man spürt, wie Georg hin und her gerissen und von seinen Gefühlen erdrückt wird.

Georg Adamah kann sehr gut schreiben und schafft es hervorragend, die Gefühlswelt eines Mannes zu schildern. Auch wenn es immer wieder um Oralsex geht (was ich persönlich etwas übertrieben fand, aber nicht unbedingt störend), so entlarvt Adamah doch im Verlauf der Geschichte gewisse Grundzüge des männlichen Denkens 😉
An manchen Stellen musste ich wirklich schmunzeln, wenn ich den Gedankengängen des „abservierten“, gekränkten Liebhabers folgte. Es wirkte so herrlich echt und realistisch, unverfälscht und ehrlich. Adamah würfelt die Emotionen des Protagonisten wild durcheinander. Mal leidenschaftlich, mal traurig, mal depressiv, mal zügellos … alles ist dabei. Und erfreulicherweise sind die „harten“ Sexszenen niemals übertrieben dargestellt, sondern bewegen sich immer auf einem gewissen Niveau, was eindeutig an der bildlichen Sprache des Autors liegt. Selbst eklige Szenen werden mit wunderbaren Umschreibungen „entschärft“ und wirken an keiner Stelle vulgär. Das ist ein sehr großer Pluspunkt dieses Buches, der zwar unter anderem teils extremen Sex behandelt, diesen aber niemals in einen provozierenden Vordergrund stellt, um durch Ekelmomente zu schocken. Adamah hält sich dabei immer an glaubwürdig wirkende Beschreibungen.

Gerade durch die sehr emotionale, eindringliche Beschreibung, wie sich ein Mann fühlt beziehungsweise fühlen kann, wenn er einsam und auf der Suche nach einer Partnerin ist, machten diesen Roman für mich zu einem unwiderstehlichen Pageturner, den ich in jeder freien Minute weiterlesen musste. Adamah hat ein realistisches Märchen geschrieben, das voller Poesie und kleinen Wahrheiten steckt, die im Leben eines Liebespaares geschehen. Doch es werden auch die traurigen, hinterhältigen Seiten einer solchen Beziehung dargestellt. Alles ist nachvollziehbar. Und egal, welche Szene Adamah gerade beschreibt, zwischen den Zeilen liest man Melancholie heraus, die unser aller Leben bestimmt (auch das von Frauen). Das ist dem Autor wirklich grandios gelungen.

Obwohl Adamahs außergewöhnlicher Schreibstil durch die langen Sätze kompliziert erscheinen mag, so lässt er sich dennoch absolut flüssig lesen und hinterlässt am Ende ein unvergessliches Gesamtbild im Gehirn des Lesers. „Liliths Töchter, Adams Söhne“ ist wie eine Achterbahnfahrt durch die Gefühlswelt eines Mannes. Fast möchte man das Buch als „Californication“ zwischen zwei Buchdeckeln bezeichnen, denn auch hier geschieht vieles (wie in der genannten Serie übrigens auch) nicht nur immer oberflächlich unter der Gürtellinie, sondern zeigt im Endeffekt die dramatische Tragödie eines einzelnen Menschen, der an der Liebe und dem damit verbundenen Sex zerbricht.
Ich hoffe nur, dass Georg Adamah bereits an einem neuen Roman arbeitet, denn in mir hat er definitiv einen neuen Anhänger gefunden.

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Fazit: „Californication“ in Buchform. Realistisch, wütend, traurig, erotisch, eklig, melancholisch und beeindruckend – reales Leben eines nach Liebe Suchenden eben.

© 2017 Wolfgang Brunner für Buchwelten

Das Ufer von Richard Laymon

Das Ufer von Richard Laymon

Erschienen als Taschenbuch
im Heyne-Verlag
insgesamt 590 Seiten
Preis: 9,99 €
ISBN: 978-3-453-67647-3
Kategorie: Thriller, Horror

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Deana lebt mit ihrer Mutter Leigh in der idyllischen Kleinstadt Tiburon. Alles ist beschaulich und harmonisch, bis zu dem Zeitpunkt, als ein brutaler Serienkiller auftaucht. Und plötzlich erinnert sich Leigh an ihre eigene Jugend, die ebenso düster und gefährlich war. Gegenwart und Vergangenheit vermischen sich. Es scheint, als wäre Leighs Vergangenheit noch lange nicht zu Ende erzählt, denn auch dort trieb ein grausamer Serienkiller sein Unwesen.

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Es gibt Bücher von Richard Laymon, die entwickeln eine eher trashige Atmosphäre, und es gibt Werke von ihm, die erzählen eine etwas ruhigere Geschichte mit Horror-Elementen. „Das Ufer“ gehört eindeutig zur letzten Kategorie, was aber nicht bedeutet, dass es weniger spannend ist als die Splatter-Achterbahnfahrten, die Laymon verfassen kann. „Das Ufer“ ist die Geschichte eines Teenagers (eigentlich sind es zwei Teenager, denn die Geschichte der Mutter als Teenager nimmt auch einen sehr großen Teil des Buches ein) und hat mich so manches Mal an den Plot und die Stimmung von „Halloween“ des fantastischen Regisseurs John Carpenter erinnert. Wie bei allen Werken von Richard Laymon kann man das Buch sehr schwer aus der Hand legen. Obwohl der Schreibstil des leider viel zu früh verstorbenen Autors nicht hochwertig genannt werden kann, fasziniert er dennoch (oder gerade deswegen) aufgrund seiner klaren, deutlichen und eben einfachen Sprache. Die Gedanken der Protagonisten sind realitätsnah und lassen den Leser dadurch das Geschehen hautnah miterleben. Zumindest mir geht es bei Laymons Büchern eigentlich immer so, dass ich bereits nach wenigen Seiten die oftmals umgangssprachliche Einfachheit schlichtweg genieße, weil sie zu der Story einfach passt.

„Das Ufer“ ist ein typischer Laymon, aber irgendwie dann doch wieder nicht.  Mir persönlich hat aber gerade die ruhigere Gangart zugesagt und vor allem haben hier die „schlüpfrigen“ Szenen nie gestört, was bei den anderen Büchern manchmal der Fall ist. Auch die Brutalität wirkt niemals aufgesetzt und übertrieben, sondern lockert die an sich melancholisch erzählte Geschichte immer wieder auf. Gerade die Rückblenden in die Vergangenheit der Mutter haben es mir bei „Das Ufer“ angetan. Dieser Handlungsstrang übte eine unwiderstehliche Faszination auf mich aus, die mich wiederum an Laymons „Das Treffen“ oder „Die Show“ erinnerte. Die Charaktere wirken zwar oftmals flach und oberflächlich, vermitteln aber dennoch das Gefühl, man würde sie kennen. Das liegt vor allem an den bereits oben erwähnten Gedankengängen, die Laymon beschreibt.

Wie in fast jedem Buch von Richard Laymon sind alle Frauen schlank, haben große Brüste und sind ständig geil. Aber auch die Männer haben ordentlich was in der Hose und fühlen sich von ziemlich jeder Frau angezogen. Dieses stereotype Trash-Klischee erfüllt auch „Das Ufer“ und reiht sich, zumindest in dieser Hinsicht, nahtlos in die anderen Werke des Autors ein. Ich mochte die Story und bin dem Heyne-Verlag dankbar, dass er sich auch der unbekannteren Geschichten Laymons annimmt. Da „Das Ufer“ im Orginal posthum veröffentlicht wurde, könnte man aufgrund einiger Details auf den Gedanken kommen, dass es sich lediglich um ein unfertiges Manuskript gehandelt haben könnte, dass ein Ghostwriter fertiggeschrieben hat. Nichtsdestotrotz vervollständigt „Das Ufer“ die Laymon-Sammlung und verschafft einem ein paar angenehme, unterhaltsame Lesestunden. Durch den wunderbar flüssigen Schreibstil und den kurzen Kapiteln entwickelt sich auch dieser Roman zu einem Pageturner, wie man es von Richard Laymon einfach gewohnt ist. Über das Ende kann man streiten. Einige überraschende (wenngleich manchmal voraussehende) Wendungen bietet das Buch. Und wenn man dann noch über die mehr als an den Haaren herbeigezogenen „Zufälle“ nicht weiter nachdenkt, die zum Finale führen, bekommt man eine wirklich unterhaltsame Story geboten.

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Fazit: Ein ruhiger Horror-Thriller, der an die Slasher-Filme der 80er-Jahre erinnert. Typisch Laymon, aber irgendwie doch wieder untypisch. Für Fans aber sowieso ein Muss.

© 2017 Wolfgang Brunner für Buchwelten

Schänderblut von Wrath James White

schaenderblut

Erschienen als Taschenbuch
im FESTA Verlag
336 Seiten
13,95 €
ISBN: 978-3-86552-219-1

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Joseph Miles wurde vor 15 Jahren von einem Kinderschänder entführt und im Keller gefangengehalten, wo er gefoltert und sexuell missbraucht wurde. Aber er hat überlebt.
Schleichend überkommt ihn immer mehr das Verlangen nach menschlichem Fleisch. Joseph sucht den Grund für diese Neigung, die Hand in Hand mit einer perversen sexuellen Lust einhergeht, in seiner Vergangenheit. Er studiert die Leben von Serienkillern und beschäftigt sich mit den Mythen, die sich um Vampire, Werwölfe und Kannibalen ranken. Joseph ist felsenfest davon überzeugt, dass er damals durch seinen Peiniger von einem Virus infiziert worden ist, dass nun ebenfalls eine solch kannibalische Bestie aus ihm macht. Und so macht sich Joseph auf die Suche nach dem Kindesentführer, um ihn zu töten. Denn, wie bei Vampiren und Werwölfen, soll der Infizierte mit dem Tod seines „Meisters“ Erlösung finden. Joseph ist überzeugt davon, dass er wieder ein normaler Mensch werden kann, wenn er den Mann tötet, der ihn in einen sexsüchtigen Kannibalen verwandelt hat.

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Ich hatte bei „Schänderblut“ nicht das erwartet, was drin steckt. Ich dachte, ich würde mich durch eine brutale, blutige und schockierend harte Geschichte lesen, die aber, wie bei so vielen Büchern  dieser Art, nicht weiter in die Tiefe geht. Weit gefehlt. Wrath James White schildert die Gedanken eines Serienkillers. Er lässt uns auf der einen Seite an seinen abartigen Morden und Sexabenteuern und auf der anderen Seite an seinen Zweifeln und Ängsten teilhaben. White faltet die Psyche dieses gestörten Mörders wie eine Landkarte vor uns auf und versucht, Lösungen aus der gewalttätigen Misere zu finden.
White schafft es meist auf relativ hohem Niveau, die morbiden Gedankengänge des Protagonisten zu schildern. Nur hin und wieder gleitet er in eine einfache Umgangssprache ab, die aber erfreulicherweise den Lesefluss der Geschichte nicht stört. Im Großen und Ganzen bewegt sich White aber auf einem sprachlichen Niveau, das leider allzu selten in Büchern dieser Art vorkommt. Das war auch schon der erste Punkt, der mich bei „Schänderblut“ begeistert hat.

White spart nicht mit ekelhaften, brutalen Blutbädern, die meistens unter die Haut gehen und den Leser schlucken lassen. Aber … (und das ist wieder ein großer Pluspunkt an Wrath James White) er lässt niemals die Handlung aus den Augen, soll heißen die blutigen Splattereinlagen haben Sinn und wurden nicht einfach nur des Ekelfaktors Willen geschrieben. Das alles wirkt sehr stimmig, vor allem die Person des Joseph Miles ist hervorragend charakterisiert, so dass man an manchen Stellen tatsächlich so etwas wie Mitleid und Verständnis für den Kannibalen empfindet, obwohl er mit äußerster Brutalität vorgeht. Ich kann gar nicht richtig beschreiben, wie genial White diese Stimmung einfängt und den Leser dadurch richtig packt. Ich konnte das Buch schwer aus der Hand legen, weil ich einfach wissen wollte, wie Joseph sich aus dieser „Krankheit“, wie er meint, befreit. Seine Versuche, Menschen nichts anzutun und letztendlich doch seiner blutigen Mordlust zu erliegen, ist realistisch und glaubwürdig dargestellt.
Wrath James White erreicht durch die „gute“ Sprache mit seinem Roman, was andere Autoren, die sich bei den Lesern in der gleichen Liga tummeln, nicht schaffen: Nämlich wirklich zu schockieren!

Man merkt, dass White recherchiert hat und nicht nur einfach eine brutale, blutige Story erzählt. Viele Hintergrundinformationen, die das Handeln des Mörders begreifbar machen, runden das spannende Gesamtwerk ab, so dass ein „handfester“ Plot entsteht, der stimmig ist. Insgesamt konnte mich Whites Schreibstil und vor allem die Art seiner Geschichtenerzählung vollkommen überzeugen, so dass ich jetzt schon weiß, dass ich mich der Bibliografie dieses Schriftsteller widmen werde. 😉

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Fazit: Schockierend, blutig, brutal und mit einem glaubwürdigen Plot, der nicht nur des Blutes und der Brutalität willen verfasst wurde. Der Hauptcharakter überzeugt und geht in die Tiefe. Für Fans härterer, aber auch schreibtechnisch hochwertigerer Kost absolut zu empfehlen.

© 2017 Wolfgang Brunner für Buchwelten

Geschichten hinter der Liebe von Gigi Louisoder

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Gigi

Erschienen als Taschenbuch
im Edition Paashaas Verlag EPV
insgesamt 160 Seiten
Preis:  9,90  €
ISBN: 978-3945725436
Kategorie: Kurzgeschichten Liebe/Erotik

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Zunächst vorab: Nein, ich mag keine Kurzgeschichten, aber genau solchen Lesern empfiehlt Gigi Louisoder ja diesen Kurzgeschichtenband auf ihrem Buchrücken. Von daher musste ich zugreifen.

Nein, der wahre Grund ist, dass ich Gigi Louisoder mittlerweile mehrmals auf der Mülheimer Lesebühne gesehen habe, wo sie aus ihren Werken vorlas, und sie mich einfach total begeistert hat.

Gigi Louisoder kann sehr gut vortragen, bringt ihre Texte mit einer tollen Betonung, Mimik und in einer ganz tollen Stimmung rüber. Darum konnte ich nicht anders, als mir einen Band zu kaufen.

Bei diesen Geschichten geht es um die „Geschichten hinter der Liebe“ oder vielleicht besser gesagt, nach der Liebe oder sogar um Sex ohne die Liebe? Wie auch immer, die Autorin beschreibt in einem tollen, immer leicht bösartigen (aber stets mit einem Lächeln im Mundwinkel) Schreibstil, wie die Liebe den Bach runter gehen kann und solche Beziehungen dann enden können. Und dies im Wechsel aus Sicht eines Mannes oder einer Frau.

Gigi Louisoder nimmt in ihren Texten niemals ein Blatt vor dem Mund, schreckt nicht annähernd vor der Beschreibung von sexuellen Praktiken zurück. Sie schreibt einfach wie es ist und das macht sie sehr gut.

Zwei Texte heben sich für mich aus allen anderen hervor. In einer Geschichte geht es um den Besuch einer Mutter bei ihrem Sohn, genau diesen Vortrag habe ich live erlebt, und in der zweiten spricht eine Mutter zu ihrem (zunächst ungeborenen) Kind. Letztere ist für mich die beste Story des gesamten Bandes. Sie rührt sehr an und verursachte mir einen Kloß im Hals.

Die übrigen Geschichten sind humorvoll, bösartig, kurzweilig und amüsant. Mir persönlich sind diese Beziehungsgeschichten allerdings immer ein bisschen zu negativ behaftet, lediglich eine einzige Geschichte erfährt dann doch noch eine gute Wendung 😉

Dennoch bin ich sehr angetan von diesem Band, denn er zeigt mir schließlich, dass ich glücklicherweise keine dieser beschriebenen Beziehungen führe und auch nicht vorhabe, meine in eine solche abdriften zu lassen.

Natürlich bin ich auch in der Lage, die Kurzgeschichten mit dem zwinkernden Auge der Autorin zu lesen und zu verstehen.


Von daher als Fazit: Tolle Kurzgeschichten, richtig gut geschrieben und absolut empfehlenswert. Und wer die Möglichkeit hat, die Autorin auf einer Lesung zu erleben, sollte unbedingt hingehen! Es lohnt sich.

© Buchwelten 2016

Dunkle Reflexionen von Samuel R. Delany

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Erschienen als Taschenbuch
im Golkonda Verlag
insgesamt 300 Seiten
Preis: 16,90 €
ISBN: 978-3-942396-29-5
Kategorie: Zeitgenössische Literatur

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Der Schriftsteller Arnold Hawley erinnert sich an sein Leben: an seine Homosexualität, sein Schreiben und seine Existenz als Schwarzer.

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Als großer Delany-Fan war ich ganz begeistert, als ich erfuhr, dass der Berliner Golkonda-Verlag bis jetzt in Deutschland unveröffentlichte Romane publiziert. „Dunkle Reflexionen“ entstand im Jahr 2007 in New York und ist das beeindruckende Porträt eines Mannes, der im Alter über sich und sein Leben sinniert.
Ich bin mir ziemlich sicher, dass sich in diesem wunderbaren, poetischen und vor allem ehrlichen Roman jede Menge autobiografische Ereignisse tummeln. Ich sah auf jeden Fall im Erzähler immer wieder Delany vor mir und erlebte seine Schilderungen förmlich mit. Das ist auch das Faszinierende an Samuel R. Delanys Romanen. Sie vermitteln Lebenserfahrungen, als hätte man sie selbst erlebt. Durch seinen Schreibstil taucht man in die Welt des Protagonisten ein und nimmt in manchen Momenten seine Stelle ein, als wäre man selbst die Hauptfigur in der Geschichte. Delany ist in dieser Hinsicht ein wahrer Zauberer und literarischer Marionettenspieler.

„Dunkle Reflexionen“ wäre kein Delany, wenn nicht auch explizit geschilderte Sexszenen in der Handlung vorkommen. Diese, ich möchte sie eigentlich gar nicht so nennen, pornografischen Darstellungen kommen mir nie erzwungen und provokativ vor, sondern fügen sich einerseits geschickt in die Handlung ein, werden aber andererseits auch auf eine „schöne“ Art beschrieben, die fast schon wieder poetisch ist. Es ist schwer zu erklären, wie Delany diese Gratwanderung zwischen hartem Porno und wunderschöner Erotik meistert. Eines ist sicher: er kann es.
Und auch das macht seine Romane aus und so besonders, denn sie sind dadurch mutig, ehrlich und kompromisslos lebendig.

„Dunkle Reflexionen“ erzählt von den Ängsten eines alternden Mannes, aber auch von den kleinen und etwas größeren Erfolgen in seinem Leben. Der Roman beschreibt Entscheidungen, die manchmal gut und manchmal weniger gut waren, dringt in die Gedanken eines einsamen Menschen ein, der mit sich hadert und dennoch niemals aufgibt. Kurz: das Buch ist ein Erlebnis. Man muss sich lediglich darauf einlassen.

Delanys Werk ist außergewöhnlich und trägt immer die Handschrift eines ungewöhnlichen Menschen, der sichtlich sein Leben liebt und sich auch damit beschäftigt. Seine Romane sind Lebenserfahrungen und ich möchte keine seiner Geschichten missen.

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Fazit: Eine Lebensgeschichte, die Ängste und Hoffnungen vermittelt. Und am Ende meint man gar, man hätte all diese Dinge irgendwie selbst erfahren. Delany ist einfach wunderbar.

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© 2015 Wolfgang Brunner für Buchwelten

NightWhere von John Everson

everson

Erschienen als Taschenbuch
im FESTA Verlag
400 Seiten
13,95 €
ISBN: 978-3-86552-286-3

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Marks Frau Rae hat so außergewöhnliche sexuelle Wünsche, dass sich das Paar auf Fesselspiele in Swingerclubs einlässt. Doch schon bald sucht Rae nach einer Steigerung. Durch Zufall erhalten Rae und Mark eine Einladung in den fast schon legendären Sexclub „NightWhere“, in dem alles erlaubt ist. Wirklich alles!!!
Rae gerät immer mehr in den Bann des Clubs und lässt sich auf Praktiken ein, die früher oder später mit dem Tod enden werden. Mark will aber seine geliebte Frau nicht verlieren und versucht sie zu retten. Doch Rae verliert sich im Strudel von Sex und Gewalt und würde sogar ihr Leben dafür opfern, wenn sie dadurch den ultimativen Orgasmus erreichen würde …

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Es ist schon erstaunlich, wie Everson es hinkriegt, ein derart „versautes“ Thema so zu beschreiben, dass es fast schon salonfähig wird. Klar geht es in „NightWhere“ so richtig zur Sache – und mit richtig meine ich auch richtig. 😉
Aber dennoch fängt Everson eine Atmosphäre mit seinen Worten ein, die den Leser fast schon so süchtig macht, wie die Protagonisten nach Folter. Ähnlich wie in seinem Roman „Ligeia“ beschreibt der Autor eine sexuelle Obsession, die dieses Mal allerdings eine Frau befällt und nicht, wie in „Ligeia“ einen Mann.

Geht der Roman anfangs noch relativ harmlos an, werden die geschilderten Sex- und Folterszenen immer expliziter, aber niemals so richtig abstossend beschrieben. Da muss man schon ein Händchen dafür haben, um nicht in eine „billige“ Schiene abzurutschen. Everson schafft es, wie immer er das auch hinbekommt.
Als Nebenhandlung kommt dann auch noch die Liebesgeschichte des Ehepaars hinzu, das sich in den Fängen des SM-Clubs „NightWhere“ mit der Zeit völlig verliert. Genau diese Geschichte ist es, die die ausschweifenden Stellen des Thrillers mit dem Hauch eines Dramas übertüncht.

Gerade in der ersten Hälfte freute ich mich genauso wie die Protagonistin darauf, wieder in den Club zurückzukehren, denn Everson beschreibt diese Welt, als wäre man live dabei. Man kennt ein paar Leute und fängt an, sie sogar trotz ihrer sexuellen Vorlieben zu mögen. Selbst wer mit der Welt der Sadomaso-Fetischischten nichts anzufangen weiß, wird diesen Roman (vorausgesetzt man lässt sich einfach darauf ein) mögen. Spannend und innovativ ist er auf jeden Fall und auch wenn mir persönlich das Ende nicht so gut gefallen hat, wie ich es mir gewünscht (und während des Lesens vorgestellt) hatte, so bleibt „NightWhere“ durchwegs positiv im Gedächtnis.
Eversons Schreibstil ist die meiste Zeit sehr hochwertig und poetisch. Gerade mit solchen Worten und Sätzen eine derartige Handlung zu verfassen, zeigt, wie mutig der Autor ist.

Wer eine außergewöhnliche, brutale, blutige, abartige, sexuell ausschweifende Geschichte in einem gehobenen Schreibstil lesen möchte, ist mit John Eversons „NightWhere“ gut bedient. Wer Blut und andere Körperflüssigkeiten nicht so explizit beschrieben lesen möchte, dass er ein dreidimensionales Bild in seinen Gedanken sieht, der sollte die Finger von dem SM-Thriller lassen, auch wenn er da einen außergewöhnlichen, mutigen Roman verpasst.

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Fazit: Mutig, blutig, teilweise abartig und zeitgleich visionär und poetisch beschreibt Everson eine Welt, die die wenigsten von uns kennen (und wahrscheinlich auch nicht kennenlernen wollen). Nicht ganz so gut wie „Ligeia“, aber mit einer wunderbaren Stimmung, die von blutigen, unter die Haut gehenden Szenen abgelöst werden, die aber niemals wirklich abstoßend wirken.

© 2014 Wolfgang Brunner für Buchwelten