Die sieben Kreise der Hölle von Uwe Wilhelm

Die sieben Kreise der Hoelle von Uwe Wilhelm

Erschienen als Taschenbuch
bei Blanvalet
insgesamt 4746Seiten
Preis: 9,99 €
ISBN: 978-3-7341-0345-2
Kategorie: Krimi, Thriller

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Die Staatsanwältin Helena Faber hat ihren letzten Fall noch nicht wirtklich abgeschlossen, als sie ein neuer Albtraum erwartet: Ihre beiden Töchter wurden entführt. Es scheint, als bestehe eine Verbindung zum Dionysos-Fall, in dem Faber ermittelte. Eine Jagd beginnt, die Helena in eine schreckliche Welt führt, in der Menschenhandel und Kindesmissbrauch an der Tagesordnung ist. Und der Gedanke, dass sich Helenas Kinder in der Gewalt genau dieser Menschen befindet, treibt sie zum Wahnsinn …

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Was für ein Buch! Ähnlich wie im ersten Teil „Die sieben Farben des Blutes“ geht Uwe Wilhelm auch bei der Fortsetzung  seiner Trilogie um die Staatsanwältin Helena Faber von Anfang an in die vollen. Teil 2 beginnt, wo Teil 1 endet und man erliegt dem unglaublichen Sog von Wilhelms spannendem Schreibstil erneut nach nur wenigen Sätzen. Da wird keine Zeit mit Erklärungen und Rückblenden verschwendet – der Leser wird sofort ins kalte Wasser geworfen. Ähnlich wie die Protagonisten, die nämlich selbst nicht weiß, wo ihr der Kopf steht bei all den Geschehnissen, die um sie herum passieren. „Die sieben Kreise der Hölle“ übertrifft selbst den ersten Teil der Reihe, und der hat mich schon mehr als fasziniert und begeistert. Uwe Wilhelm schreibt seinen Plot konsequent fort, verwandelt die taffe Helena Faber in eine hilflose und verzweifelte Mutter, die aber dennoch mit aller Macht versucht, alles in den Griff zu bekommen. Rasant und atemberaubend zieht die Handlung an einem vorüber und man vergisst teilweise, dass man ein Buch in der Hand hält, denn Wilhelms Schilderungen sind dermaßen filmreif, dass sich die Buchstaben in bewegte Bilder verwandeln.

Thematisch begibt sich Uwe Wilhelm dieses Mal wortwörtlich in eine Hölle, die den Leser umso mehr erschreckt, weil sie mit viel Hintergrundwissen sehr detailliert und nachvollziehbar geschildert wird. Kindesentführung, -misshandlung und Menschenhandel werden hier behandelt, dass es einem eine Gänsehaut nach der anderen über den Rücken jagt. Verbunden mit dem unglaublich schnellen Erzählstil kommt man kaum zum Atemholen, so spannend wird der Plot serviert. Uwe Wilhelm hat einen Thriller geschaffen, der nachwirkt und den Leser beschäftigt. Wilhelm bedient mit seiner Thriller-Reihe zwar das Mainstream-Publikum, bewegt sich aber mit seinen Werken definitiv außerhalb der gängigen Klischees im Thriller-Genre. Er packt Tabuthemen an. Aber nicht nur das, er schildert sie auch wirklich schonungslos und brutal, überschreitet manchmal sogar Grenzen und kann dadurch absolut überzeugen. Ich kann gar nicht mehr aufzählen, wie oft ich mir während des Lesens gedacht habe: „Wow, was für ein Hammerbuch!“
Wer Berlin kennt, wird zusätzlich noch seine wahre Freude haben, wenn die Protagonisten durch Stadtteile hetzen, die man durch die detaillierten Beschreibungen (Straßennamen) ganz klar vor Augen hat. „Die sieben Kreise der Hölle“ macht unglaublich Spaß, was, wie schon beim ersten Teil, auch an den wunderbaren und authentischen Dialogen liegt. Wilhelm legt seinen Protagonisten nämlich Worte in den Mund, die die meisten von uns ebenfalls genau so sagen würden.

Der zweite Teil der Helena Faber-Trilogie baut auf dem ersten Teil auf, so dass man wirklich mit Teil 1 beginnen sollte. Interessant ist dadurch nämlich auch die Entwicklung der Charaktere. Viele Entwicklungen im Plot sind nicht vorhersehbar und machen das Buch extrem spannend. Beim Ende fühlte ich mich an eine gewisse Filmreihe erinnert, empfand dies aber, sofern ich mit meiner Vermutung richtig liege, eher als eine Verbeugung seitens des Autors. Insgesamt führt „Die sieben Kreise der Hölle“ konsequent den Geist von „Die sieben Farben des Blutes“ weiter, verbindet die beiden (im Grunde genommen eigenständingen) Geschichten zu einem einzigen Plot, der, gesamt gesehen, absolute Logik zeigt. Das Ende ist, wie ich es nicht anders erwartet habe, eine grandioser Cliffhanger, der den Leser wie einen begossenen Pudel zurücklässt. Einerseits hat die Geschichte zwar ein Ende gefunden, andererseits lassen die Entwicklungen der ersten beiden Teile auf ein bombastisches Finale hoffen. Ich bin überzeugt, dass Uwe Wilhelm meine Hoffnungen erfüllen wird, denn schon mit dem vorliegenden zweiten Teil hat er eindeutig bewiesen, dass eine Steigerung gegenüber dem ersten Teil machbar war. Für mich zeigt „Die sieben Kreise der Hölle“, dass Thriller auch mal abseits des Mainstreams möglich sind und sogar bei weitem besser unterhalten als Werke, die nach einem bestimmten Schema verfasst werden. Wilhelm hat eine Protagonistin erschaffen, die manchmal sympathisch und manchmal weniger sympathisch wirkt. Glaubwürdiger kann man eine Heldin nicht machen. Daumen hoch für diesen Wahnsinns-Thriller.

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Fazit: Noch spannender als Teil 1. Temporeicher geht fast nicht.

© 2018 Wolfgang Brunner für Buchwelten

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New York 2140 von Kim Stanley Robinson

New York 2140 von Kim Stanley Robinson

Erschienen als Taschenbuch
im Heyne Verlag
insgesamt 814 Seiten
Preis: 16,99 €
ISBN: 978-3-453-31900-4
Kategorie: Science Fiction

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Auf der ganzen Welt hat sich der Meeresspiegel gehoben, so dass vieles unter Wasser steht. So auch in New York, das sich zu einem amerikanischen Venedig entwickelt hat, in dem Hochhäuser wie autarke kleine Städte wirken.
In einem dieser Hochhäuser betätigt sich Vlade als Hausmeister. Zusammen mit anderen Bewohnern, die in verschiedenen Berufen tätig sind, versucht er, diese kleine Welt instand zu halten.
Doch dann wird plötzlich ein verlockendes Kaufangebot auf das Gebäude abgegeben, zugleich verschwinden zwei Bewohner des Komplexes.
Vlade und seine Freunde versuchen, Licht hinter die Sache zu bringen und entdecken ein abgekartetes Spiel, hinter dem reine Profitgier zu stecken scheint.

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Kim Stanley Robinson hat eine Ausgangssituation entworfen, die vollkommen plausibel und nachvollziehbar wirkt. Sein Roman über das zukünftige New York im Jahre 2140 ist eine gekonnte Mischung aus Science Fiction, Dystopie und Polit-Thriller, der mich bereits nach wenigen Seiten in seinen Bann gezogen und nicht mehr losgelassen hat. Es dauert sicherlich eine Weile, bis man mit den zahlreichen Protagonisten „warm“ wird, doch das Durchhalten lohnt sich. Auch wenn Robinson den Charakteren nicht wirklich viel Tiefe verliehen hat, folgt man ihrem Lebensweg neugierig und möchte wissen, wie es ihnen im weiteren Verlauf der Geschichte ergeht.
Besonders gut gefallen haben mir die gesellschaftskritischen und politischen Aspekte, die der Autor in seinen Plot mit eingebaut hat. Diese Entwicklungen waren absolut authentisch und ich dachte mir des Öfteren, dass sich viele der kritisierten Dinge bereits in unserer heutigen Zeit so zutragen. Genau aus diesem Grund empfinde ich Robinsons Zukunftsvision absolut lesenswert.

Der Autor erhebt niemals den Zeigefinger wie ein strenger Lehrer, sondern regt uns mit seinen Ideen schlichtweg zum Nachdenken an, damit uns genau solch eine Zukunft nicht erwartet. Doch es ist nicht nur die politische Seite, die diesen Roman sehr interessant macht, sondern auch die abenteuerliche Geschichten der Protagonisten, die sich munter zwischen den Genres des Liebes-, SF oder Weltuntergangsromans bewegen, aber auch klassische Elemente des Abenteuerromans beinhalten. Obwohl viel geredet wird (und eben auch politisches, das ich eigentlich überhaupt nicht mag) fliegen die achthundert Seiten nur so dahin. Nur selten empfand ich die Geschichte langweilig, meistens konnte ich das Buch nicht aus der Hand legen, so hat es mich gefesselt. „New York 2140“ ist kein typischer Science Fiction-Roman, sondern bewegt sich, so wie die meisten anderen Romane von Kim Stanley Robinson, eher auf einem sehr realitätsnahen Niveau und zeigt zwar ein Zukunftsbild unserer Welt, das allerdings nicht besonders weit von unserer Jetztzeit entfernt ist.

Mit einer erschreckenden Detailgenauigkeit und einer überaus schockierenden Konsequenz schildert Robinson die Auswirkungen des Klimawandels und der daraus resultierenden Lebenssituation, die sich der Mensch selbst bereitet hat. Es ist faszinierend, wie der Autor die diversen Bereiche einer solchen Naturkatastrophe ausleuchtet und sie anhand von Einzelschicksalen dennoch zu einer allgemein anwendbaren „Sache“ macht. Ich fühlte mich in dieser „Wasserwelt“ sehr heimisch, obwohl diese natürlich mit einer Unmenge an Problemen verbunden war. Dennoch schildert Robinson das Leben seiner Protagonisten auf eine Art und Weise, die den Leser unmittelbar daran teilhaben lässt. Man wünscht sich fast, man könnte einen Blick auf dieses New York in einer nicht allzu fernen Zukunft werfen, mit all seinen Brücken und Wasserwegen.
Die Lebensgeschichten seiner Protagonisten verbinden sich am Ende zwar zu einem Gesamtbild, bringen aber nicht einen Aha-Effekt, wie sich manch ein Leser wohl wünschen würde. „New York 2140“ ist aus Actionperspektive absolut unspektakulär, aus erzählerischer Sicht jedoch fast schon visionär in seiner Detailgenauigkeit und Klarheit. Die Finanzwelt ist auch hier, wie schon in der Gegenwart, vollkommen abgedreht und machthungrig. Robinson zeigt dem aufmerksamen Leser auf, wie sich solch ein Verhalten auf die Zukunft der Menschheit auswirken kann. Und das tut er sehr nachhaltig und intensiv. Ich habe dieses Buch sehr genossen.

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Fazit: Abenteuer, Science Fiction, Gesellschaftskritik und Liebesroman in einem. Wer sich darauf einlassen kann, erhält ein absolut detailliertes Zukunftsbild unserer Erde.

© 2018  Wolfgang Brunner für Buchwelten

Forderung von John Grisham

Forderung von John Grisham

Erschienen als gebundene Ausgabe
im Heyne Verlag
insgesamt 432 Seiten
Preis: 24,00 €
ISBN: 978-3-453-27034-3
Kategorie: Thriller, Belletristik

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Um ihr Studium zu finanzieren, haben Zola, Todd und Mark einen Kredit aufgenommen. Doch gegen Ende ihres Studiums, kurz vor Abschluss, wird ihnen klar, dass sie die horrenden Kreditsummen niemals zurückzahlen können, denn die Arbeitssituation stellt sich völlig anders dar, als ihnen seinerzeit versprochen wurde. Sie suchen nach einem Ausweg … und finden einen. Dieser ist aber weitaus gefährlicher, als sie ahnten.

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Und schon wieder hat Grisham zugeschlagen. Es ist noch nicht lange her, dass wir in Deutschland seinen Thriller „Das Original“ zu lesen bekommen hatten, und schon folgt „Forderung“. Im ersten Moment fühlt man sich versucht, zu denken, Grisham schleudere seine Bücher mittlerweile im Halbjahrestakt auf den Markt, so dass die Handlung beziehunsgweise der Schreibstil darunter leide. Ich für meinen Geschmack fühle mich nach wie vor von Grisham absolut gut unterhalten und finde immer noch den „alten“ Schriftsteller, den man von seinen Erstlingswerken „Die Firma“ oder „Die Akte“ kennt. Grisham hat sich, wie viele seiner Schriftstellerkollegen schlichtweg weiter entwickelt und versucht, sich in seinen Romanen immer wieder ein wenig neu zu definieren. Dies gelingt ihm auch mit „Forderung“ wieder absolut. Ähnlich wie seine beiden letzten Vorgänger „Bestechung“ und „Das Original“ entwickelt Grisham eine interessante Grundidee, die er dann im Verlauf des weiteren Buches ausbaut und konsequent durchdacht zu Ende führt. Mit Sicherheit mangelt es dem ein oder anderen Leser an Innovationen, was nicht ganz von der Hand zu weisen ist. Grisham geht wirklich mit seinen Büchern einen einfachen Weg, der letztendlich (trotz einer schriftstellerischen Entwicklung) dennoch immer nach einem bestimmten Schema abläuft. Doch ich finde das überhaupt nicht schlimm, denn Pageturner werden es trotzdem alle seine Romane. Auch bei „Forderung“ konnte ich mich nicht mehr von der Handlung losreißen, wollte unbedingt wissen, wie es weitergeht, und habe teilweise gar nicht bemerkt, wie die Seiten nur so dahinfolgen. Was will man von einem guten Buch mehr erwarten?

John Grisham schreibt gewohnt flüssig, so dass man über ein paar Ungereimtheiten und/oder teils leicht unglaubwürdige Geschehnisse hinwegsieht, weil man einfach gar keine Zeit hat, großartig darüber nachzudenken. 😉
„Forderung“ reiht sich aus meiner Sicht in die süchtig machenden Werke des Autors nahtlos ein und stellt ein sehr unterhaltsames Lesevergnügen dar. Grisham erfindet das Rad des Justiz-Thrillers nicht neu, aber das kann man wahrscheinlich aufgrund der Vielzahl an Veröffentlichungen in diesem Genre gar nicht mehr. Geschickt verwebt er aber Insider-Informationen und erfundene Teile zu einem insgesamt und im Großen und Ganzen glaubwürdigen Szenario, das Hand und Fuß hat. Der aufmerksame Leser wird aber letztendlich immer irgendetwas finden, bei dem er was zu meckern hat, das kann kein Schriftsteller verhindern. Erstaunlich ist wieder einmal, dass, obwohl nicht sonderlich viel passiert, der Plot dermaßen rasant an einem vorbeizieht, dass man sich am Ende fragt, wo die über 400 Seiten geblieben sind.

Grisham lässt bei seinen Charakterzeichnungen viel Spielraum für den Leser, soll heißen, die Personen wirken bei genauerem Hinsehen etwas blass und/oder leblos. Trotzdem hatte ich während des Lesens ein Bild vor Augen und konnte die Personen auch ohne weiteres auseinanderhalten. Wie oben schon erwähnt, lässt man sich auf den rasanten Plot und den hohen Unterhaltungswert dieses Romans ein, darf (zumindest aus meiner Sicht) die Personenbeschreibung ohne weiteres in den Hintergrund geraten, denn ein wenig Vorstellungsvermögen dürften die Leser schon haben, um nicht jede Gesichtsfalte oder Charaktereigenschaft der Protagonisten beschrieben zu bekommen. Mich hat dieses Manko nicht gestört, zumal mir die Personen näher kamen als bei manch einem Werk, wo explizit die detaillierte Vorgeschichte der Person erläutert wurde. Grisham füllt seine Charaktere durch den schnellen Handlungsablauf unweigerlich mit Leben und das reicht mir im Thriller-Genre alleweil, zumal wir es hier auch nicht mit einer psychologisch tiefergehenden Handlung zu tun haben.
Von mir daher eine ganz klare Leseempfehlung für Freunde von rasanten Thrillern mit juristischem Hintergrund.

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Fazit: Rasanter Thriller im Justizumfeld mit Pageturner-Garantie.

© 2018 Wolfgang Brunner für Buchwelten

Opfermoor von Susanne Jansson

Opfermoor von Susanne Jansson

Erschienen als Taschenbuch
im C. Bertelsmann Verlag
insgesamt 320 Seiten
Preis: 15,00 €
ISBN: 978-3-570-10336-4
Kategorie: Thriller, Krimi

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Natalie ist Biologin und kehr in ihren Heimatort zurück, um dort für ein neues Projekt Bodenproben zu sammeln. Sie lernt den sympathischen Johannes kennen und beginnt, sich in ihn zu verlieben. Doch dann wird Johannes brutal zusammengeschlagen. Wenig später findet man eine Leiche im Moor. Schon bald stellen die Ermittler fest, dass es nicht die einzige Leiche ist, die im Moor versenkt wurde. Natalie entdeckt Zusammenhänge zwischen der Gegenwart und ihrer eigenen Vergangenheit, die sie bis jetzt immer erfolgreich verdrängt hat. Besteht da etwa ein Zusammenhang zwischen ihrer Jugend und den aktuellen Leichenfunden?

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Schon zu Beginn spürt man, dass man es bei „Opfermoor“ mit einem sehr stimmungsvollen Roman zu tun hat. Janssons Thrillerdebüt zeichnet sich durch eine sehr dichte Atmosphäre aus, der man sich nicht entziehen kann. Und auch wenn die Charaktere sehr gut gezeichnet sind, übernimmt im Kopf des Lesers irgendwie das Moor die eigentliche Hauptrolle in diesem sehr ruhigen, aber nicht minder spannenden Krimi.  „Opfermoor“ erfindet das Krimi- und/oder Thrillergenre keineswegs neu und die Autorin arbeitet mit altbekannten Zutaten. Dennoch hebt sich dieser Roman von anderen Werken des Genres ab, weil er nämlich eine wunderbare, mystische und faszinierende Stimmung verbreitet, die im Gedächtnis haften bleibt. Die Landschaft, in der sich die Handlung abspielt, wird nicht einmal bis ins kleinste Detail beschrieben, aber dennoch meint man, mittendrin zu sein und die Umgebung persönlich zu kennen.

Interessant ist, dass im Grunde genommen nicht wirklich viel passiert, der Leser aber immer weiter lesen möchte (und dies in den meisten Fällen wohl auch tut). Zum einen liegt es definitiv an der hypnotisierenden und düsteren Atmosphäre, die durchgehend herrscht, aber auch an den kurzen Kapiteln, die einen immer wieder zum Weiterlesen animieren. Janssons Thriller ist ein Pageturner, allerdings nicht von der Sorte „actionlastiger Blockbuster“, sondern er fällt eher in die Kategorie „Philosophisch-poetischer Mystery-Thriller“. Susanne Jansson verbaut neben der Krimihandlung auch eine zarte Liebesgeschichte und einen verhaltenen Mystery-Touch, der den Plot perfekt abrundet. Man fühlt sich manchmal tatsächlich an alte Gruselfilme aus der schwarz-weißen Fernsehzeit erinnert, die eine ähnliche Atmosphäre verströmten. Gerade die unaufdringliche Liebesgeschichte, die eigentlich eine Nebensache ist, war es, die mich in gleichem Maße in den Bann gezogen hat, wie die Tragödie der Moorleichen. Janssons Charaktere wirken manchmal glaubhaft verschroben, wie sie da in der Einsamkeit am Rande eines mysteriösen Moors leben und verleihen der Handlung dadurch eine hohe Authentizität. Bisweilen fühlte man sich an die ruhigen Romane von Henning Mankell erinnert, wobei Susanne Jansson einen absolut eigenen Stil vorweisen kann.

Es ist wirklich beeindruckend, mit welcher Intensität die Autorin das Moor und den Schauplatz beschreibt. Man spürt die feuchte Luft, sieht den Nebel vor sich und vermeint an manchen Stellen sogar, die Geräusche der Natur zu hören. Desweiteren wird auch bei den Gesprächen eine nahezu poetische Atmosphäre versprüht, die ein wenig an den fantastischen Roman „Schnee, der auf Zedern fällt“ von David Guterson erinnert. Das Cover des Romans gibt genau diese wundervolle Stimmung perfekt wieder, so dass man wirklich genau das bekommt, was man durch die Abbildung erwartet. „Opfermoor“ ist ein wirklich tolles Debüt, das gerade in seiner unspektakulären Schlichtheit auf ganzer Linie überzeugen kann. Bei der Auflösung, die nebenbei bemerkt, überraschend war, hätte ich mir allerdings eine ausführlichere Art und Weise gewünscht. Das ging mir dann irgendwie doch zu schnell, tat aber dem Gesamteindruck dann glücklicherweise keinen Abbruch. Ich bin schon sehr gespannt, was uns von Susanne Jansson in Zukunft noch erwartet. Wünschenswert wäre, wenn sie sich weiterhin an die Ruhe und Stille, die sie in ihrem vorliegenden Erstlingswerk versprüht, halten würde. Denn durch diesen zurückhaltenden Stil würde sie sich eindeutig aus der Vielzahl an Krimis und Thrillern hervorheben.

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Fazit: Wunderbar ruhiges, atmosphärisches und manchmal sogar poetisches Thrillerdebüt.

© 2018 Wolfgang Brunner für Buchwelten

Die Dämonenkriege von Michael Hamannt

Die Daemonenkriege von Michael Hamannt

Erschienen als Taschenbuch
im Heyne Verlag
insgesamt  752 Seiten
Preis: 14,99 €
ISBN: 978-3-453-31838-0
Kategorie: Fantasy

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Vor tausend Jahren wurden sie von Magiern in eine Gegenwelt verbannt: die Dämonen. Doch nun kehren sie zurück und bedrohen die Menschheit erneut. Ein Dämonenjäger, ein Prinz, eine Halbdämonin und eine Assassine stellen sich dem Kampf und setzen alles daran, die Menschen zu retten und die Dämonen wieder zu vertreiben …

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Schon nach den ersten Seiten wusste ich, dass mir „Die Dämonenkriege“ von Michael Hamannt gefallen würde. Es war zum einen der Schreibstil, der mich sofort überzeugt hatte, aber auch die feinfühlige Art, wie der Plot aufgebaut wurde. Hamannt geht nicht gleich aufs Ganze, sondern führt den Leser auf Tolkien’sche Art in seine Welt ein und stellt die Protagonisten der Reihe nach vor. Das empfand ich als ungeheuer angenehm, wenn man als Leser eine Person nach der anderen ausführlich präsentiert bekommt, bevor sie sich zu einer Gemeinschaft vereinigen und sich auf einen epischen Kampf vorbereiten. Sicherlich erinnert das an manchen Stellen an den großen Wegbereiter der Fantasy J.R.R. Tolkien, wirkt aber niemals so plump und inspirationsarm kopiert wie einst „Eragon“, sondern vermittelt im Gegenteil einen sehr eigenständigen Ideen-Pool, aus dem der Autor mit vollen Händen schöpft. Man merkt Hamannt den Spaß an, den er beim Schreiben und Ausdenken seiner Welt gehabt hat und den er mit seinen Worten hervorragend auf den Leser übertragen kann. Stimmungsvoll, ruhig, aber auch episch wie J.R.R. Tolkien, Tad Williams und David Eddings konstruiert Hamannt vor den Augen des Lesers eine sorgfältig ausgearbeitete, glaubwürdige Welt und lässt sie von Seite zu Seite an Details wachsen.

Michael Hamannt zieht seine Leser in den Bann und lässt sie nicht mehr los. Geschickt verbindet er politische Intrigen und Machtrangeleien a la „Game Of Thrones“ mit epischer Fantasy und löst im Leser ein Suchtgefühl aus, das in jeder freien Minute zum Griff nach dem Buch verleitet. Besser kann man Fantasy fast nicht schreiben. Erfreulicherweise lässt Hamannt auch die Finger von Zwergen, Orks und Elfen, die man mittlerweile schon zur Genüge kennt und oftmals gar nicht mehr lesen mag, und richtet sein Augenmerk auf eine vollkommen andere Spezies, nämlich die Dämonen. Genau diese Mischung aus High Fantasy und leichten Horrorelementen macht „Die Dämonenkriege“ in meinen Augen zu einem besonderen Buch in der Vielfalt der Fantasy-Literatur. Hamannt bringt frischen Wind in das Genre und bedient dennoch die klassischen Elemente der Fantasy, was seinen Roman zu einem wunderbaren Genremix macht, der unglaublich Spaß macht.

Was ich ebenfalls sehr erfrischend empfand, war die sehr authentische Sprache bei den Dialogen der Protagonisten. Da fallen auch schon mal umgangssprachliche Ausdrücke, die aber wirklich perfekt zu den Charakteren und Situationen passen und dem Ganzen nochmals eine sympathische Glaubwürdigkeit verpassen. Der Schreibstil des Autors ist sehr niveauvoll und gehoben und wird lediglich durch die erwähnten saloppen wörtlichen Reden aufgelockert, was ich als unwahrscheinlich angenehm und ermunternd empfand. Von Längen kann aufgrund der Dicke des Buches absolut keine Rede sein. Michael Hamannt packt den Leser und zerrt ihn förmlich durch die Vielzahl an Seiten bis zum fulminanten Ende, das die Erwartungshaltung auf die Fortsetzung in die Höhe schraubt. Es ist ein Pageturner, den Michael Hamannt da vorgelegt hat und der Freunde epischer und (absolut im positiven Sinne gemeinten) langatmiger High Fantasy begeistern wird.
Auch mit den Charakterzeichnungen der Protagonisten kam ich hervorragend zurecht und die Personen wuchsen mir alle im Verlaufe der Geschichte immer mehr ans Herz. Durch den bildhaften Schreibstil habe ich oft die Welt um mich herum vergessen und befand mich zusammen mit den Helden in den Schwebenden  Reichen. Hamannt hat eine sehr stimmige Welt und eine atmosphärische, düstere Handlung erschaffen, die mich wirklich begeistert hat.

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Fazit: Düster, innovativ und stimmungsvoll. Epische High Fantasy, die absolut gefällt.

© 2018 Wolfgang Brunner für Buchwelten

13 Stufen von Kazuaki Takano

13 Stufen von Kazuaki Takano

Erschienen als Taschenbuch
im Penguin Verlag
insgesamt 392 Seiten
Preis: 10,00 €
ISBN: 978-3-328-10153-6
Kategorie: Thriller, Drama

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Die Hinrichtung des zum Tode verurteilten Mörders Kihara steht kurz bevor. Doch dann erhalten der ehemalige Gefängnisaufseher Nango und der vor kurzem entlassene Häftling Jun’ichi den Auftrag, sämtliche Fakten noch einmal zu untersuchen, denn anscheinend ist Kihara unschuldig. Ein Wettlauf gegen die zeit beginnt, als sich Nago und Jun’ichi auf den Weg machen, die Wahrheit um Kihara herauszufinden. Und auch wenn sie immer mehr Spuren finden, die darauf hinweisen, dass bald ein Unschuldiger den Tod findet, läuft ihnen die Zeit davon.

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Schon mit „Extinction“ hat mich Takano vollends überzeugt, aber mit seinem vorher verfassten Thriller „13 Stufen“ hat er noch eins draufgesetzt. „13 Stufen“ hat mich von der ersten Seite an fasziniert und nicht mehr aus seinem Bann gelassen. Takano hat hier zwei wunderbare Charaktere erschaffen, die mir dermaßen ans Herz gewachsen sind, dass ich fast meinte, sie im realen Leben persönlich zu kennen. Ich habe schon öfter festgestellt, dass mich Protagonisten, deren Gedankengänge und Handlungsweisen in japanischen Romanen oftmals sehr ansprechen. So ist es auch hier. Kazuaki Takano beschreibt die Wesenszüge der beiden Hauptpersonen sehr detailliert, emotional und authentisch. Vor allem der Ex-Sträfling Jun’ichi hat mich mit seinen Überlegungen sehr beeindruckt.

In diesem äußerst spannenden und raffiniert konstruierten Thriller-Drama, das mich oftmals alleine schon wegen der Thematik an die Geschichten von John Grisham erinnert hat, macht sich der Autor sehr kluge Gedanken über die Todesstrafe, das Justiz- und Rechtssystem, Selbstjustiz und das Leben und den Tod an sich. Aber auch Familie, Freunde, Liebe und Einsamkeit spielen eine wichtige Rolle in diesem Pageturner, der mich nachhaltig beeindruckt hat. Der Wettlauf gegen die Zeit ist in jeder Zeile spürbar und die Überlegungen der beiden Protagonisten machen den Roman zusätzlich noch zu einem Krimi, der unheimlich Spaß macht, weil man selbst mitdenkt und -rätselt, wie die Vorgänge zusammenpassen. Obwohl der Plot relativ ruhig und unspektakulär daherkommt, lässt er einen nicht mehr los. Vielleicht ist es gerade auch die sehr stimmungsvolle Atmosphäre, die Takano durchgehend erschafft und damit den Leser in einen fast schon hypnotischen Strudel zieht. Wie man den Zeilen entnehmen kann, bin ich wirklich äußerst begeistert und angetan von „13 Stufen“. Die Problematik der Todesstrafe wird bis ins kleinste Detail ausgeleuchtet und das Für und Wider dargelegt. Fast mutet der Thriller wie ein Sachbuch in Romanform an, denn man erfährt sehr viel über dieses Thema und wird selbst permanent zum Nachdenken angeregt.

Ergänzend zu den oben erwähnten interessanten Ausführungen über Todesstrafe und Rechtssystem wird der Leser noch in die japanische Denkweise und Kultur eingeführt, was dem Roman einen (zumindest für mich) außergewöhnlichen, zusätzlichen Reiz vermittelt, der mich sehr angesprochen hat. Durch das ganze Buch zieht sich eine fast schon melancholische Stimmung, durch die man sich immer wieder gezwungen fühlt, noch ein paar Seiten weiterzulesen. Kazuaki Takano hat mit seinem flüssig zu lesenden Schreibstil einen raffinierten Thriller verfasst, der mit jeder Menge intelligenten Wendungen aufwarten kann. Und trotz aller Spannung bleibt am Ende ein eindringliches Bild im Gedächtnis des Lesers haften, das man so schnell nicht mehr losbekommt. Zu drastisch setzt sich der Autor mit den Vor- und Nachteilen der Todesstrafe auseinander, als dass es den Leser kalt lassen könnte. Gerade die verschiedenen Sichtweisen der Gegner und Befürworter bringen die eigenen Gedanken zum Kreisen, auch wenn man das Buch zur Seite gelegt hat.
Was „Extinction“ an Spannung zu bieten hat, gleicht „13 Stufen“ durch einen enormen Tiefgang aus. Letztendlich zeigen die beiden im Grunde genommen gegensätzlichen und eigentlich nicht vergleichbaren Bücher, welch guter Schriftsteller Kazuaki Takano ist, denn er beherrscht beides hervorragend: Spannungsthriller und Thrillerdrama.
Mir persönlich hat auf jeden Fall der hier vorliegende Debütroman von Kazuaki Takano bedeutend besser gefallen als „Extinction“, weil er unglaublich lange in seiner Wirkung nachhält.

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Fazit: Spannendes, beeindruckendes und nachhaltig wirkendes Thriller-Drama mit Tiefgang.

© 2018 Wolfgang Brunner für Buchwelten

Ein angesehener Mann von Abir Mukherjee

Ein angesehener Mann von Abir Mukherjee

Erschienen als Taschenbuch
im Heyne Verlag
insgesamt 512 Seiten
Preis: 9,99 €
ISBN: 978-3-453-42173-8
Kategorie: Krimi, historischer Roman

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In Kalkutta wird ein bekannter Politiker, ein „angesehenen Mann“, ermordet. Der englische Ermittler Sam Wyndham, der gerade aus dem ersten Weltkrieg heimgekehrt ist und sich erst einmal an Kalkutta und seine Einwohner gewöhnen muss, soll den Fall übernehmen. Seine Nachforschungen führen ihn durch die geheimnisvolle Welt Kalkuttas, in der Machtkämpfe, Intrigen und Drogen eine große Rolle spielen.

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Abir Mukherjees Debütroman ist ein süchtig machender, sehr atmosphärischer Krimi, der im Kalkutta des Jahres 1919 spielt. Es ist der Beginn einer Krimireihe um den äußerst sympathischen Ermittler Sam Wyndham. Es dauerte keine zehn Seiten und ich war von der Beschreibung des alten Kalkutta dermaßen fasziniert, dass ich das Buch gar nicht mehr aus der Hand legen wollte. Unglaublich dicht und bildhaft beschreibt Mukherjee die fremde Umgebung und lässt den Leser die drückende Hitze und die Fremdartigkeit der Kultur hautnah miterleben. Oftmals erinnerte mich der sehr angenehme und flüssige Schreibstil des Autors an die Bücher von J.K. Rowling, die sie unter dem Pseudonym Robert Galbraith verfasst hat. Die Seiten fliegen nur so dahin und erstaunlicherweise wird es niemals langweilig, obwohl wirklich relativ wenig passiert. „Ein angesehener Mann“ ist beileibe kein actionreicher Roman, sondern ein sehr ruhiger Kriminalfall, der mehr auf den Handlungsort und seine Protagonisten, als auf den Fall selbst eingeht. Dennoch verbirgt sich dahinter ein wahrer Pageturner, der süchtig macht.

Mukherjee hat einen genialen Einstieg in seine Krimiserie abgeliefert, die mich nachhaltig beeindruckt. Unglaublich greifbar hat er eine vergangene Zeit aufleben lassen und den Mordfall sehr glaubwürdig in die historischen Begebenheiten eingebaut. Die Auflösung des Falls hat mich an einige Werke von Agatha Christie erinnert und ich denke, dass Fans dieser Autorin auch bei „Ein angesehener Mann“ ihre helle Freude haben. Eingebettet in einen Rahmen aus fremder Kultur und schonungsloser Politik lässt Mukherjee den Leser an einer anstrengenden Ermittlung teilhaben, die oftmals auf der Stelle zu stehen bleiben scheint. Aber genau diese (für manch einen wohl langweilige) Tatsache verleiht dem Plot eine unglaubliche Authentizität, die (mich zumindest) vollkommen begeistert. Allzu gerne hätte ich Sam Wyndham und seinen treuen Begleiter Surrender-not Banerjee noch ein paar Seiten länger begleitet, so wohl fühlte ich mich in der Umgebung. Sehr gut werden außerdem die politischen Verhältnisse der damaligen Zeit geschildert, so dass vieles absolut nachvollziehbar erscheint, selbst wenn man sich mit solcherart politischer Verstrickungen und Machtverhältnisse nicht auskennt. Interessanterweise sind diese Begebenheiten auch für Menschen wie mich, die sich für Politik überhaupt nicht interessieren, spannend und unterhaltsam, denn man bekommt einen sehr schönen (und eben informativen) Einblick in die damaligen Verhältnisse, der an keiner Stelle langatmig wirkt.

Der Protagonist Sam Wyndham wirkt von Anfang an sehr sympathisch, was vor allem daran liegt, dass er ganz „normal“ ist. Ein Mensch mit Stärken und Schwächen, kein Superermittler, sondern ein Mann, der oft ratlos ist und nicht mehr weiter weiß, aber nicht aufgibt. Der Mann an seiner Seite, Surrender-not Banerjee, kann genau so viele Sympathiepunkte vorweisen und stellt eine perfekte Ergänzung dar. Es macht großen Spaß, die beiden bei ihren Ermittlungen und Überlegungen zu begleiten. Erstaunlicherweise schafft es Munkherjee bis zum Ende, die Spannung aufrechtzuerhalten und mit seiner Auflösung am Ende zu überraschen. Gerade auf den letzten Seiten fügt der Autor sämtliche Fäden zu einem logischen Gerüst zusammen, das den Mordfall nachvollziehbar macht und auch noch ein paar Überraschungen bereit hält.
Für mich war „Ein angesehener Mann“ die Krimi-Überraschung des Jahres, die mit einem atmosphärisch dichten Schauplatz und einem sehr sympathischen Ermittler-Duo aufwartet. Ganz klare Leseempfehlung für Freunde von historischen Kriminalromanen und Fans von Agatha Christie und/oder Robert Galbraith. Ich freue mich schon sehr auf das zweite Abenteuer von Sam Wyndham, das voraussichtlich im Juli 2018 erscheinen wird und den Titel „Ein notwendiges Übel“ trägt.

Zu erwähnen ist vielleicht noch, dass das Cover ein echter Eyecatcher ist. Ich habe das sehr ansprechende Titeklbild während des Lesens desöfteren betrachtet und mich in dieser Welt noch mehr verlieren können. Erfreulicherweise wird das Design beim zweiten Band beibehalten, so dass man als Büchersammler Hoffnung hat, eines Tages eine schön gleich aussehende Sammlung von Sam Wyndham-Büchern im Regal stehen zu haben. 😉

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Fazit: Atmosphärisch dichter, historischer Krimi-Pageturner mit einem überaus sympathischen Ermittler-Duo. Macht süchtig!

© 2017 Wolfgang Brunner für Buchwelten

Breakthrough von Michael Grumley

Erschienen als Taschenbuch
im Heyne Verlag
381 Seiten
12,99 €
ISBN: 978-3-453-31875-5

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Kurz nachdem ein U-Boot der US-Marine spurlos in der Karibik verschwindet, wird die Meeresbiologin Alison Shaw um Hilfe gebeten. Sie kann nämlich mit Delfinen kommunizieren und die Regierung verspricht sich mit dem Einsazu dieser Tiere einen Erfolg, um das Verschwinden aufzuklären. Doch die beiden Delfine finden in den Tiefen des Meeres nicht das verschollene U-Boot, sondern etwas ganz anderes, das zur Gefahr für die gesamte Menschheit werden könnte.

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Schon der Einstieg vermittelt ein unglaublich intensives Abenteuergefühl, dem man sich nicht entziehen kann. Unzählige Filme kommen mir in den Sinn, die ähnlich wirken: „Indiana Jones“, „Deep Blue Sea“, „Der weiße Hai“, „Arachnophobia“ und und und …
Michael Grumley vermischt geschickt wissenschaftliche Details mit einer spannenden Handlung und schildert die Geschehnisse in einer solch bildhaften Sprache, dass man ein perfektes Kopfkino während des Lesens geliefert bekommt. „Breakthrough“ wirkt, als hätten Michael Crichton, Dan Brown, Lincoln Child und Douglas Preston gemeinsam ein Buch verfasst, das Matthew Reilly und James Rollins redigiert hätten. Es ist die grandiose Mischung aus Wissenschaft, Abenteuer und Science Fiction, die den ersten Teil einer Serie zu einem wahren Pageturner machen. Gerade die ersten beiden Drittel ziehen am Leser in einer wahnsinnigen Geschwindigkeit vorbei, die einem kaum Atem holen lässt. Erst im letzten Drittel wirken einige Vorfälle ein wenig übertrieben, was aber dem Spaß an der Story dennoch keinen Abbruch tut.

Grumleys Protagonisten sind sehr glaubwürdig konstruiert und, wenngleich sie nicht immer eine durchgehende Tiefe besitzen, wachsen sie einem doch ans Herz. Vor allem die Meeresbiologin hat es mir persönlich angetan mit ihrer ehrlichen und authentischen Art. „Breakthrough“ widmet sich anfangs der Kommunikation mit Delfinen, was sehr interessant und spannend geschrieben ist, bevor es sich in eine völlig andere Richtung bewegt, als man zu Anfang angenommen hat. Auch diese Entwicklung, bei der auf dem Meeresgrund etwas Fantastisches entdeckt wird, hat mich vollkommen gefangen genommen. Der Plot bietet sich absolut für eine Verfilmung an, bei der ich in erster Linie tatsächlich an Roland Emmerich als Regisseur denke, denn, wie in seinen Filmen, werden in diesem Buch Naturkatastrophen überzogen und, von militärischer Seite aus, extrem pathetisch geschildert. Da hat man bei manchen Entscheidungen, die von Politikern und Militaristen gefällt werden, ein wenig Probleme. Aber so ist das nun mal mit amerikanischen Thrillern dieser Art, das kennt man auch aus anderen Beispielen. Sicherlich setzt Grumley auch typisch klischeehafte Zutaten in sein Werk ein, die mir persönlich dann eher nicht so gefallen haben, aber den Gesamteindruck dennoch nicht zerstören.

Michael Grumleys Schreibstil ist sehr flüssig zu lesen, was zur Folge hat, dass man durch die Geschichte fliegt, als seien es nur halb so viele Seiten. Man fiebert unweigerlich mit, wenn die Delfine ins Spiel kommen und hält den Atem an, wenn plötzlich gigantische Flutwellen ins Spiel kommen, die man in dieser Form nicht erwartet hat. Grumley lässt seine Story an verschiedenen Schauplätzen spielen und erzeugt auch hiermit ein filmreifes Ergebnis. Man darf gespannt sein, wie sich die Geschichte um die Meeresbiologin Alison Shaw und ihre „sprechenden“ Delfine weiterentwickelt. Einen mehr als soliden, ausbaufähigen  Grundstein hat Michael Grumley auf jeden Fall gelegt. Und die im ersten Teil noch immer nicht durchschaubare Handlung lässt einen mit hoher Erwartung an den zweiten Teil mit dem Titel „In der Tiefe“ zurück, der übrigens im Februar im Heyne Verlag erscheinen soll. Grumley baut auch eine Botschaft in seinen Roman ein, die der Menschheit wieder einmal vor Augen hält, besser auf ihren Planeten aufzupassen. Dieser Aspekt ist sehr gut und nachvollziehbar in die Science Fiction-Handlung eingebaut und macht auf seine Weiterführung in den Folgebänden (derzeit gibt es wohl vier Teile) neugierig. Insgesamt ist Michael Grumley ein echter Pageturner gelungen, der an die obengenannten Autoren erinnert und diese in manchen Passagen sogar übertrifft. Grumley sollte man sich als Liebhaber von Wissenschafts-Thrillern und Science Fiction-Abenteuern merken.

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Fazit: Rasanter und hochspannender Wissenschafts-Thriller mit einem filmreifen Plot. Absolut empfehlenswert.

© 2017 Wolfgang Brunner für Buchwelten

Zeitmaschinen gehen anders von David Gerrold

Erschienen als Taschenbuch
im Heyne Verlag
insgesamt 174 Seiten
Preis: 9,99 €
ISBN: 978-3-453-31866-3
Kategorie: Science Fiction

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Daniel Eakins erbt von seinem Onkel lediglich ein seltsames Paket. Als er es öffnet, findet er einen Gürtel darin, der mit mysteriösen Zeichen versehen ist, die darauf hindeuten, dass es sich um eine Art Zeitmaschine handelt. Daniel probiert den Gürtel neugierig aus und landet tatsächlich in einer anderen Zeit. Schon bald stellt er fest, dass er Geschehnisse in der Vergangenheit zu seinem Vorteil manipulieren kann. Es dauert aber nicht lange, bis er sich selbst begegnet. Und das nicht nur einmal …

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„Zeitmaschinen gehen anders“ beginnt relativ unspektakulär, was aber nicht heißt, dass das Buch keinen guten Einstieg hat. Mit einer unglaublichen Leichtigkeit nähert sich David Gerrold dem Thema Zeitreisen und vor allem den damit zusammenhängenden Paradoxa. Was anfangs sogar noch teilweise witzig erscheint, entwickelt sich im Verlauf der Handlung zu einem wahrlich erschreckenden Szenario und einer spannenden und philosophischen Reise in unser Ich. Es ist schon erstaunlich, wie wenig Seiten Gerrold benötigt, um ein derart komplexes Zeitreise-Abenteuer zu beschreiben. Aber er meistert diese Aufgabe mit Bravour und erschafft durch seine präzisen und emotionalen Schilderungen aus dem Stand einen Kultroman für mich. Die Seiten fliegen nur so dahin, wenn man sich auf die paradoxe Geschichte des Protagonisten einlassen kann. Man wird süchtig nach den Entscheidungen, die der anfangs noch unbedarfte Zeitreisende treffen muss, und seinen dazugehörigen Überlegungen.

David Gerrolds Roman ist im Heyne Verlag im Rahmen der Reihe „Meisterwerke der Science Fiction“ erschienen und man kann getrost behaupten, dass es sich bei dieser Perle von Buch auch um genau ein solches handelt. Der gehobene, aber dennoch oft auch sehr einfache Schreibstil lässt den in die Jahre gekommenen Leser unweigerlich in die Stimmung „älterer“ SF-Romane versinken, die in dieser Art (leider) heutzutage nicht mehr oft geschrieben werden. Es liegt tatsächlich ein wenig Nostalgie zwischen den Zeilen. Dennoch steckt Gerrold, der diesen Roman Anfang der 70er Jahre verfasst hat, eine beachtliche Recherche in sein Projekt, wenn er von Zeitsträngen und Paralleluniversen spricht. Die oftmals wirren Schilderungen können bei genauerer Betrachtung durchaus eine gewisse Logik vorweisen, die den Leser auch an der ein oder anderen Stelle zum Nachdenken bringt. „Zeitmaschinen gehen anders“ nimmt die Ausgangssituation von H.G. Wells‘ Klassiker zum Anlass und spinnt die Idee in eine vollkommen andere Richtung weiter. Auch wenn der Protagonist ein paar Dinge ändert, wie in Wells‘ Roman, so wendet sich Gerrold schon bald anderen, menschlicheren Dingen zu, die dieses Buch zu einem sehr interessanten und bedeutenden Werk machen. Es geht in erster Linie um den Menschen und  wie sich sein Wesen durch Zeitsprünge verändern könnte.

Und so komme ich auch zum für mich wichtigsten und beeindruckendsten Aspekt des Romans. David Gerrold lässt seinen Protagonisten während seiner Zeitreisen „auf sich selbst los“. Daniel trifft sich nämlich selbst in verschiedenen Altersstufen und Geschlechtern. Ab einem gewissen Punkt entwickelt sich „Zeitmaschinen gehen anders“ zu einem philosophischen Feuerwerk über die Frage, ob man sich selbst lieben kann (sowohl im Geiste wie auch körperlich). Alleine letzteres schildert Gerrold auf so eindrucksvolle Art und Weise, dass es mir noch jetzt, während ich diese Zeilen schreibe, eine Gänsehaut verschafft. Selbstliebe, Homosexualität, körperliche und geistige Liebe zu und mit sich selbst … Fragen, die sich jeder schon einmal gestellt hat und die vielleicht unbewusst in allen von uns schlummern, werden hier auf eine derart grandiose Weise behandelt, dass ich bewegt und überwältigt meinen imaginären Hut vor David Gerrold ziehe. Auf fast schon revolutionäre und progressive Weise wird hier einem Menschen (und somit auch dem Leser) ein Spiegel vorgehalten, in dem man sich selbst betrachtet und in sein Inneres sieht. Selbst Leben und Tod werden auf eine atemberaubende Art und Weise reflektiert, so dass man sich der Faszination dieser Gedanken schlichtweg nicht entziehen kann. „Zeitmaschinen gehen anders“ ist im wahrsten Sinne des Wortes ein Meisterwerk der Science Fiction und aufgrund seines geringen Umfangs ein grandioses Beispiel, dass nicht nur dicke Bücher eine enorme Tiefgründigkeit vorweisen können. David Gerrold hat einen philosophischen Zeitreisetrip geschrieben, den man so schnell nicht mehr vergisst.

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Fazit: Beeindruckende und extrem philosophische Zeitreise, die im Gedächtnis haften bleibt.

© 2017 Wolfgang Brunner für Buchwelten

Zeitkurier von Wesley Chu

Erschienen als Taschenbuch
im Heyne Verlag
insgesamt 490 Seiten
Preis: 14,99 €
ISBN: 978-3-453-31733-8
Kategorie: Science Fiction

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Zeitkurier James Griffin-Mars hat die Aufgabe, Ressourcen und Antworten auf die Frage zu finden, warum die Welt sich in eine verseuchte Wildnis verwandelt hat. Höchste Priorität bei diesen Einsätzen ist die Einhaltung bestimmter Zeitgesetze, damit keine Zerwürfnisse im Zeitstrang entstehen. James ist einer der besten, bis er eines Tages einen fatalen Fehler begeht und eine Frau aus der Vergangenheit in die Gegenwart mitnimmt. Doch schon bald beginnt James zu zweifeln, ob es denn tatsächlich ein so großer Fehler war, obwohl er vom Staat gejagt wird.

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Der Einstieg in seine Zeitreise-Geschichte ist Wesley Chu außerordentlich gut gelungen. Vor allem merkt man sofort, dass sich hier jemand dieser Thematik auf eine andere Weise als bisher annähert. Sicherlich definiert Wu die Zeitreisen, und alles, was damit zusammenhängt, nicht neu. Aber es sind Ansätze vorhanden, die mittelschwere Begeisterung bei mir ausgelöst hat. In erster Linie haben mich die Erklärungen, was die Logik solcher Zeitreisen mit sich bringt, angenehm überrascht. Vieles wirkt in diesem Roman nicht ganz so verwirrend und unlogisch wie es oft bei Zeitreise-Romanen der Fall ist. Welsey Chu hat hier ein ganz eigenes Universum entworfen, das mir außerordentlich gut gefallen hat. Die stimmungsvollen Bilder, die uns der aus Taiwan stammende Autor sehr detailliert schenkt, bleiben im Gedächtnis haften und sind an einigen Stellen filmreif ausgearbeitet.

Wesley Chu hat seinen Protagonisten allesamt glaubwürdige Charaktere verschafft, denen man gerne in ihren Handlungen folgt. Leider schafft es Chu aber nicht, den spektakulären Einstieg in seine Story bis zum Schluss aufrecht zu erhalten. Der Plot driftet in eine Weltrettungsmission ab, was zwar nicht unbedingt schlecht ist, aber die anfangs herrschende, tolle und dystopische Stimmung irgendwie zunichte macht. Die Zeitreisen sind zwar immer präsent, geraten aber handlungstechnisch irgendwie immer mehr in den Hintergrund. Da hätte ich mir durchaus mehr detaillierte Schilderungen gewünscht, die in der Vergangenheit spielen. Dennoch ist Wesley Chu ein wirklich außergewöhnlicher Zeitreise-Roman gelungen, der sehr viele schöne und stimmungsvolle Momente hat. Bis zu einem gewissen Punkt konnte ich das Buch schwer aus der Hand legen, weil es in bester Pageturner-Manier geschrieben war und man wirklich unbedingt wissen wollte, wie es weitergeht. Dann kam aber ein Punkt, an dem die Handlung eine Wendung nahm, die mir zwar gefallen hat, die aber die Erwartungen an den Roman, die durch die ersten zweihundert Seiten entstanden waren, nicht erfüllen konnte. Wie gesagt, das heißt nicht, dass das Buch plötzlich schlecht wurde, aber der Plot entwickelte sich anders, als ich es erwartet hätte.

Durch den offenen Schluss leicht verwirrt, entdeckte ich dann bei Recherchen im Internet, dass es sich bei „Zeitkurier“ um den ersten Band einer geplanten Trilogie handelt. Band 2 ist bereits fertiggestellt und der abschließende dritte Band muss wohl erst noch geschrieben werden. Wenn man „Zeitkurier“ nun unter dem Aspekt sieht, dass sich damit eine eventuell epischere Geschichte erst einmal aufgebaut hat, gewinnt besagte Entwicklung, die mich wie oben erwähnt, ein wenig gestört hat, eine ganz neue Bedeutung und lässt auf eine große Geschichte im Gesamten hoffen.
Wesley Chu hat auf jeden Fall einen sehr schönen und flüssigen Schreibstil, der angenehm und schnell zu lesen ist. Leicht komplizierte Vorgänge werden von ihm problemlos so beschrieben, dass man sie versteht. „Zeitkurier“ ist eine Mischung aus Dystopie, Science Fiction und sozialkritischer Menschheitsgeschichte, die absolut zu begeistern vermag. Vor allem der Hauptcharakter James Griffin-Mars wird sehr interessant dargestellt. Faszinierend war für mich die Schilderungen, wenn sich bei ihm Vergangenheit und Gegenwart einer Halluzination gleich vermischten. Das ergab ein sehr stimmiges und stimmungsvolles Bild in meinem Kopfkino.
Die Liebesgeschichte, die letztendlich eigentlich gar keine ist, wirkt sehr hölzern und zwanghaft konzipiert, um den Vorgaben eines erfolgreichen Plots zu entsprechen. Ich persönlich hätte es besser gefunden, wenn sich der Autor nicht für einen Mittelweg, sondern für eine geradlinige Richtung entschieden hätte: entweder eine richtige Liebesgeschichte oder komplett darauf verzichten. Momentan ist es weder das eine noch das andere. Aber das kann sich ja noch im Verlaufe der beiden  Folgebände ändern. Bleibt nur zu hoffen, dass die Trilogie komplett im Heyne Verlag erscheint und nicht, wie leider bei vielen anderen Serien, aufgrund ausbleibenden Erfolgs einfach eingestellt wird und zahllose, neugierige Fans enttäuscht zurücklässt.

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Fazit: Gelungener, ideenreicher Auftakt einer Zeitreise-Trilogie, die logisch gut durchkonzipiert wirkt.

© 2017 Wolfgang Brunner für Buchwelten