13 Stufen von Kazuaki Takano

13 Stufen von Kazuaki Takano

Erschienen als Taschenbuch
im Penguin Verlag
insgesamt 392 Seiten
Preis: 10,00 €
ISBN: 978-3-328-10153-6
Kategorie: Thriller, Drama

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Die Hinrichtung des zum Tode verurteilten Mörders Kihara steht kurz bevor. Doch dann erhalten der ehemalige Gefängnisaufseher Nango und der vor kurzem entlassene Häftling Jun’ichi den Auftrag, sämtliche Fakten noch einmal zu untersuchen, denn anscheinend ist Kihara unschuldig. Ein Wettlauf gegen die zeit beginnt, als sich Nago und Jun’ichi auf den Weg machen, die Wahrheit um Kihara herauszufinden. Und auch wenn sie immer mehr Spuren finden, die darauf hinweisen, dass bald ein Unschuldiger den Tod findet, läuft ihnen die Zeit davon.

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Schon mit „Extinction“ hat mich Takano vollends überzeugt, aber mit seinem vorher verfassten Thriller „13 Stufen“ hat er noch eins draufgesetzt. „13 Stufen“ hat mich von der ersten Seite an fasziniert und nicht mehr aus seinem Bann gelassen. Takano hat hier zwei wunderbare Charaktere erschaffen, die mir dermaßen ans Herz gewachsen sind, dass ich fast meinte, sie im realen Leben persönlich zu kennen. Ich habe schon öfter festgestellt, dass mich Protagonisten, deren Gedankengänge und Handlungsweisen in japanischen Romanen oftmals sehr ansprechen. So ist es auch hier. Kazuaki Takano beschreibt die Wesenszüge der beiden Hauptpersonen sehr detailliert, emotional und authentisch. Vor allem der Ex-Sträfling Jun’ichi hat mich mit seinen Überlegungen sehr beeindruckt.

In diesem äußerst spannenden und raffiniert konstruierten Thriller-Drama, das mich oftmals alleine schon wegen der Thematik an die Geschichten von John Grisham erinnert hat, macht sich der Autor sehr kluge Gedanken über die Todesstrafe, das Justiz- und Rechtssystem, Selbstjustiz und das Leben und den Tod an sich. Aber auch Familie, Freunde, Liebe und Einsamkeit spielen eine wichtige Rolle in diesem Pageturner, der mich nachhaltig beeindruckt hat. Der Wettlauf gegen die Zeit ist in jeder Zeile spürbar und die Überlegungen der beiden Protagonisten machen den Roman zusätzlich noch zu einem Krimi, der unheimlich Spaß macht, weil man selbst mitdenkt und -rätselt, wie die Vorgänge zusammenpassen. Obwohl der Plot relativ ruhig und unspektakulär daherkommt, lässt er einen nicht mehr los. Vielleicht ist es gerade auch die sehr stimmungsvolle Atmosphäre, die Takano durchgehend erschafft und damit den Leser in einen fast schon hypnotischen Strudel zieht. Wie man den Zeilen entnehmen kann, bin ich wirklich äußerst begeistert und angetan von „13 Stufen“. Die Problematik der Todesstrafe wird bis ins kleinste Detail ausgeleuchtet und das Für und Wider dargelegt. Fast mutet der Thriller wie ein Sachbuch in Romanform an, denn man erfährt sehr viel über dieses Thema und wird selbst permanent zum Nachdenken angeregt.

Ergänzend zu den oben erwähnten interessanten Ausführungen über Todesstrafe und Rechtssystem wird der Leser noch in die japanische Denkweise und Kultur eingeführt, was dem Roman einen (zumindest für mich) außergewöhnlichen, zusätzlichen Reiz vermittelt, der mich sehr angesprochen hat. Durch das ganze Buch zieht sich eine fast schon melancholische Stimmung, durch die man sich immer wieder gezwungen fühlt, noch ein paar Seiten weiterzulesen. Kazuaki Takano hat mit seinem flüssig zu lesenden Schreibstil einen raffinierten Thriller verfasst, der mit jeder Menge intelligenten Wendungen aufwarten kann. Und trotz aller Spannung bleibt am Ende ein eindringliches Bild im Gedächtnis des Lesers haften, das man so schnell nicht mehr losbekommt. Zu drastisch setzt sich der Autor mit den Vor- und Nachteilen der Todesstrafe auseinander, als dass es den Leser kalt lassen könnte. Gerade die verschiedenen Sichtweisen der Gegner und Befürworter bringen die eigenen Gedanken zum Kreisen, auch wenn man das Buch zur Seite gelegt hat.
Was „Extinction“ an Spannung zu bieten hat, gleicht „13 Stufen“ durch einen enormen Tiefgang aus. Letztendlich zeigen die beiden im Grunde genommen gegensätzlichen und eigentlich nicht vergleichbaren Bücher, welch guter Schriftsteller Kazuaki Takano ist, denn er beherrscht beides hervorragend: Spannungsthriller und Thrillerdrama.
Mir persönlich hat auf jeden Fall der hier vorliegende Debütroman von Kazuaki Takano bedeutend besser gefallen als „Extinction“, weil er unglaublich lange in seiner Wirkung nachhält.

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Fazit: Spannendes, beeindruckendes und nachhaltig wirkendes Thriller-Drama mit Tiefgang.

© 2018 Wolfgang Brunner für Buchwelten

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Ein angesehener Mann von Abir Mukherjee

Ein angesehener Mann von Abir Mukherjee

Erschienen als Taschenbuch
im Heyne Verlag
insgesamt 512 Seiten
Preis: 9,99 €
ISBN: 978-3-453-42173-8
Kategorie: Krimi, historischer Roman

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In Kalkutta wird ein bekannter Politiker, ein „angesehenen Mann“, ermordet. Der englische Ermittler Sam Wyndham, der gerade aus dem ersten Weltkrieg heimgekehrt ist und sich erst einmal an Kalkutta und seine Einwohner gewöhnen muss, soll den Fall übernehmen. Seine Nachforschungen führen ihn durch die geheimnisvolle Welt Kalkuttas, in der Machtkämpfe, Intrigen und Drogen eine große Rolle spielen.

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Abir Mukherjees Debütroman ist ein süchtig machender, sehr atmosphärischer Krimi, der im Kalkutta des Jahres 1919 spielt. Es ist der Beginn einer Krimireihe um den äußerst sympathischen Ermittler Sam Wyndham. Es dauerte keine zehn Seiten und ich war von der Beschreibung des alten Kalkutta dermaßen fasziniert, dass ich das Buch gar nicht mehr aus der Hand legen wollte. Unglaublich dicht und bildhaft beschreibt Mukherjee die fremde Umgebung und lässt den Leser die drückende Hitze und die Fremdartigkeit der Kultur hautnah miterleben. Oftmals erinnerte mich der sehr angenehme und flüssige Schreibstil des Autors an die Bücher von J.K. Rowling, die sie unter dem Pseudonym Robert Galbraith verfasst hat. Die Seiten fliegen nur so dahin und erstaunlicherweise wird es niemals langweilig, obwohl wirklich relativ wenig passiert. „Ein angesehener Mann“ ist beileibe kein actionreicher Roman, sondern ein sehr ruhiger Kriminalfall, der mehr auf den Handlungsort und seine Protagonisten, als auf den Fall selbst eingeht. Dennoch verbirgt sich dahinter ein wahrer Pageturner, der süchtig macht.

Mukherjee hat einen genialen Einstieg in seine Krimiserie abgeliefert, die mich nachhaltig beeindruckt. Unglaublich greifbar hat er eine vergangene Zeit aufleben lassen und den Mordfall sehr glaubwürdig in die historischen Begebenheiten eingebaut. Die Auflösung des Falls hat mich an einige Werke von Agatha Christie erinnert und ich denke, dass Fans dieser Autorin auch bei „Ein angesehener Mann“ ihre helle Freude haben. Eingebettet in einen Rahmen aus fremder Kultur und schonungsloser Politik lässt Mukherjee den Leser an einer anstrengenden Ermittlung teilhaben, die oftmals auf der Stelle zu stehen bleiben scheint. Aber genau diese (für manch einen wohl langweilige) Tatsache verleiht dem Plot eine unglaubliche Authentizität, die (mich zumindest) vollkommen begeistert. Allzu gerne hätte ich Sam Wyndham und seinen treuen Begleiter Surrender-not Banerjee noch ein paar Seiten länger begleitet, so wohl fühlte ich mich in der Umgebung. Sehr gut werden außerdem die politischen Verhältnisse der damaligen Zeit geschildert, so dass vieles absolut nachvollziehbar erscheint, selbst wenn man sich mit solcherart politischer Verstrickungen und Machtverhältnisse nicht auskennt. Interessanterweise sind diese Begebenheiten auch für Menschen wie mich, die sich für Politik überhaupt nicht interessieren, spannend und unterhaltsam, denn man bekommt einen sehr schönen (und eben informativen) Einblick in die damaligen Verhältnisse, der an keiner Stelle langatmig wirkt.

Der Protagonist Sam Wyndham wirkt von Anfang an sehr sympathisch, was vor allem daran liegt, dass er ganz „normal“ ist. Ein Mensch mit Stärken und Schwächen, kein Superermittler, sondern ein Mann, der oft ratlos ist und nicht mehr weiter weiß, aber nicht aufgibt. Der Mann an seiner Seite, Surrender-not Banerjee, kann genau so viele Sympathiepunkte vorweisen und stellt eine perfekte Ergänzung dar. Es macht großen Spaß, die beiden bei ihren Ermittlungen und Überlegungen zu begleiten. Erstaunlicherweise schafft es Munkherjee bis zum Ende, die Spannung aufrechtzuerhalten und mit seiner Auflösung am Ende zu überraschen. Gerade auf den letzten Seiten fügt der Autor sämtliche Fäden zu einem logischen Gerüst zusammen, das den Mordfall nachvollziehbar macht und auch noch ein paar Überraschungen bereit hält.
Für mich war „Ein angesehener Mann“ die Krimi-Überraschung des Jahres, die mit einem atmosphärisch dichten Schauplatz und einem sehr sympathischen Ermittler-Duo aufwartet. Ganz klare Leseempfehlung für Freunde von historischen Kriminalromanen und Fans von Agatha Christie und/oder Robert Galbraith. Ich freue mich schon sehr auf das zweite Abenteuer von Sam Wyndham, das voraussichtlich im Juli 2018 erscheinen wird und den Titel „Ein notwendiges Übel“ trägt.

Zu erwähnen ist vielleicht noch, dass das Cover ein echter Eyecatcher ist. Ich habe das sehr ansprechende Titeklbild während des Lesens desöfteren betrachtet und mich in dieser Welt noch mehr verlieren können. Erfreulicherweise wird das Design beim zweiten Band beibehalten, so dass man als Büchersammler Hoffnung hat, eines Tages eine schön gleich aussehende Sammlung von Sam Wyndham-Büchern im Regal stehen zu haben. 😉

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Fazit: Atmosphärisch dichter, historischer Krimi-Pageturner mit einem überaus sympathischen Ermittler-Duo. Macht süchtig!

© 2017 Wolfgang Brunner für Buchwelten

Breakthrough von Michael Grumley

Erschienen als Taschenbuch
im Heyne Verlag
381 Seiten
12,99 €
ISBN: 978-3-453-31875-5

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Kurz nachdem ein U-Boot der US-Marine spurlos in der Karibik verschwindet, wird die Meeresbiologin Alison Shaw um Hilfe gebeten. Sie kann nämlich mit Delfinen kommunizieren und die Regierung verspricht sich mit dem Einsazu dieser Tiere einen Erfolg, um das Verschwinden aufzuklären. Doch die beiden Delfine finden in den Tiefen des Meeres nicht das verschollene U-Boot, sondern etwas ganz anderes, das zur Gefahr für die gesamte Menschheit werden könnte.

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Schon der Einstieg vermittelt ein unglaublich intensives Abenteuergefühl, dem man sich nicht entziehen kann. Unzählige Filme kommen mir in den Sinn, die ähnlich wirken: „Indiana Jones“, „Deep Blue Sea“, „Der weiße Hai“, „Arachnophobia“ und und und …
Michael Grumley vermischt geschickt wissenschaftliche Details mit einer spannenden Handlung und schildert die Geschehnisse in einer solch bildhaften Sprache, dass man ein perfektes Kopfkino während des Lesens geliefert bekommt. „Breakthrough“ wirkt, als hätten Michael Crichton, Dan Brown, Lincoln Child und Douglas Preston gemeinsam ein Buch verfasst, das Matthew Reilly und James Rollins redigiert hätten. Es ist die grandiose Mischung aus Wissenschaft, Abenteuer und Science Fiction, die den ersten Teil einer Serie zu einem wahren Pageturner machen. Gerade die ersten beiden Drittel ziehen am Leser in einer wahnsinnigen Geschwindigkeit vorbei, die einem kaum Atem holen lässt. Erst im letzten Drittel wirken einige Vorfälle ein wenig übertrieben, was aber dem Spaß an der Story dennoch keinen Abbruch tut.

Grumleys Protagonisten sind sehr glaubwürdig konstruiert und, wenngleich sie nicht immer eine durchgehende Tiefe besitzen, wachsen sie einem doch ans Herz. Vor allem die Meeresbiologin hat es mir persönlich angetan mit ihrer ehrlichen und authentischen Art. „Breakthrough“ widmet sich anfangs der Kommunikation mit Delfinen, was sehr interessant und spannend geschrieben ist, bevor es sich in eine völlig andere Richtung bewegt, als man zu Anfang angenommen hat. Auch diese Entwicklung, bei der auf dem Meeresgrund etwas Fantastisches entdeckt wird, hat mich vollkommen gefangen genommen. Der Plot bietet sich absolut für eine Verfilmung an, bei der ich in erster Linie tatsächlich an Roland Emmerich als Regisseur denke, denn, wie in seinen Filmen, werden in diesem Buch Naturkatastrophen überzogen und, von militärischer Seite aus, extrem pathetisch geschildert. Da hat man bei manchen Entscheidungen, die von Politikern und Militaristen gefällt werden, ein wenig Probleme. Aber so ist das nun mal mit amerikanischen Thrillern dieser Art, das kennt man auch aus anderen Beispielen. Sicherlich setzt Grumley auch typisch klischeehafte Zutaten in sein Werk ein, die mir persönlich dann eher nicht so gefallen haben, aber den Gesamteindruck dennoch nicht zerstören.

Michael Grumleys Schreibstil ist sehr flüssig zu lesen, was zur Folge hat, dass man durch die Geschichte fliegt, als seien es nur halb so viele Seiten. Man fiebert unweigerlich mit, wenn die Delfine ins Spiel kommen und hält den Atem an, wenn plötzlich gigantische Flutwellen ins Spiel kommen, die man in dieser Form nicht erwartet hat. Grumley lässt seine Story an verschiedenen Schauplätzen spielen und erzeugt auch hiermit ein filmreifes Ergebnis. Man darf gespannt sein, wie sich die Geschichte um die Meeresbiologin Alison Shaw und ihre „sprechenden“ Delfine weiterentwickelt. Einen mehr als soliden, ausbaufähigen  Grundstein hat Michael Grumley auf jeden Fall gelegt. Und die im ersten Teil noch immer nicht durchschaubare Handlung lässt einen mit hoher Erwartung an den zweiten Teil mit dem Titel „In der Tiefe“ zurück, der übrigens im Februar im Heyne Verlag erscheinen soll. Grumley baut auch eine Botschaft in seinen Roman ein, die der Menschheit wieder einmal vor Augen hält, besser auf ihren Planeten aufzupassen. Dieser Aspekt ist sehr gut und nachvollziehbar in die Science Fiction-Handlung eingebaut und macht auf seine Weiterführung in den Folgebänden (derzeit gibt es wohl vier Teile) neugierig. Insgesamt ist Michael Grumley ein echter Pageturner gelungen, der an die obengenannten Autoren erinnert und diese in manchen Passagen sogar übertrifft. Grumley sollte man sich als Liebhaber von Wissenschafts-Thrillern und Science Fiction-Abenteuern merken.

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Fazit: Rasanter und hochspannender Wissenschafts-Thriller mit einem filmreifen Plot. Absolut empfehlenswert.

© 2017 Wolfgang Brunner für Buchwelten

Zeitmaschinen gehen anders von David Gerrold

Erschienen als Taschenbuch
im Heyne Verlag
insgesamt 174 Seiten
Preis: 9,99 €
ISBN: 978-3-453-31866-3
Kategorie: Science Fiction

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Daniel Eakins erbt von seinem Onkel lediglich ein seltsames Paket. Als er es öffnet, findet er einen Gürtel darin, der mit mysteriösen Zeichen versehen ist, die darauf hindeuten, dass es sich um eine Art Zeitmaschine handelt. Daniel probiert den Gürtel neugierig aus und landet tatsächlich in einer anderen Zeit. Schon bald stellt er fest, dass er Geschehnisse in der Vergangenheit zu seinem Vorteil manipulieren kann. Es dauert aber nicht lange, bis er sich selbst begegnet. Und das nicht nur einmal …

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„Zeitmaschinen gehen anders“ beginnt relativ unspektakulär, was aber nicht heißt, dass das Buch keinen guten Einstieg hat. Mit einer unglaublichen Leichtigkeit nähert sich David Gerrold dem Thema Zeitreisen und vor allem den damit zusammenhängenden Paradoxa. Was anfangs sogar noch teilweise witzig erscheint, entwickelt sich im Verlauf der Handlung zu einem wahrlich erschreckenden Szenario und einer spannenden und philosophischen Reise in unser Ich. Es ist schon erstaunlich, wie wenig Seiten Gerrold benötigt, um ein derart komplexes Zeitreise-Abenteuer zu beschreiben. Aber er meistert diese Aufgabe mit Bravour und erschafft durch seine präzisen und emotionalen Schilderungen aus dem Stand einen Kultroman für mich. Die Seiten fliegen nur so dahin, wenn man sich auf die paradoxe Geschichte des Protagonisten einlassen kann. Man wird süchtig nach den Entscheidungen, die der anfangs noch unbedarfte Zeitreisende treffen muss, und seinen dazugehörigen Überlegungen.

David Gerrolds Roman ist im Heyne Verlag im Rahmen der Reihe „Meisterwerke der Science Fiction“ erschienen und man kann getrost behaupten, dass es sich bei dieser Perle von Buch auch um genau ein solches handelt. Der gehobene, aber dennoch oft auch sehr einfache Schreibstil lässt den in die Jahre gekommenen Leser unweigerlich in die Stimmung „älterer“ SF-Romane versinken, die in dieser Art (leider) heutzutage nicht mehr oft geschrieben werden. Es liegt tatsächlich ein wenig Nostalgie zwischen den Zeilen. Dennoch steckt Gerrold, der diesen Roman Anfang der 70er Jahre verfasst hat, eine beachtliche Recherche in sein Projekt, wenn er von Zeitsträngen und Paralleluniversen spricht. Die oftmals wirren Schilderungen können bei genauerer Betrachtung durchaus eine gewisse Logik vorweisen, die den Leser auch an der ein oder anderen Stelle zum Nachdenken bringt. „Zeitmaschinen gehen anders“ nimmt die Ausgangssituation von H.G. Wells‘ Klassiker zum Anlass und spinnt die Idee in eine vollkommen andere Richtung weiter. Auch wenn der Protagonist ein paar Dinge ändert, wie in Wells‘ Roman, so wendet sich Gerrold schon bald anderen, menschlicheren Dingen zu, die dieses Buch zu einem sehr interessanten und bedeutenden Werk machen. Es geht in erster Linie um den Menschen und  wie sich sein Wesen durch Zeitsprünge verändern könnte.

Und so komme ich auch zum für mich wichtigsten und beeindruckendsten Aspekt des Romans. David Gerrold lässt seinen Protagonisten während seiner Zeitreisen „auf sich selbst los“. Daniel trifft sich nämlich selbst in verschiedenen Altersstufen und Geschlechtern. Ab einem gewissen Punkt entwickelt sich „Zeitmaschinen gehen anders“ zu einem philosophischen Feuerwerk über die Frage, ob man sich selbst lieben kann (sowohl im Geiste wie auch körperlich). Alleine letzteres schildert Gerrold auf so eindrucksvolle Art und Weise, dass es mir noch jetzt, während ich diese Zeilen schreibe, eine Gänsehaut verschafft. Selbstliebe, Homosexualität, körperliche und geistige Liebe zu und mit sich selbst … Fragen, die sich jeder schon einmal gestellt hat und die vielleicht unbewusst in allen von uns schlummern, werden hier auf eine derart grandiose Weise behandelt, dass ich bewegt und überwältigt meinen imaginären Hut vor David Gerrold ziehe. Auf fast schon revolutionäre und progressive Weise wird hier einem Menschen (und somit auch dem Leser) ein Spiegel vorgehalten, in dem man sich selbst betrachtet und in sein Inneres sieht. Selbst Leben und Tod werden auf eine atemberaubende Art und Weise reflektiert, so dass man sich der Faszination dieser Gedanken schlichtweg nicht entziehen kann. „Zeitmaschinen gehen anders“ ist im wahrsten Sinne des Wortes ein Meisterwerk der Science Fiction und aufgrund seines geringen Umfangs ein grandioses Beispiel, dass nicht nur dicke Bücher eine enorme Tiefgründigkeit vorweisen können. David Gerrold hat einen philosophischen Zeitreisetrip geschrieben, den man so schnell nicht mehr vergisst.

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Fazit: Beeindruckende und extrem philosophische Zeitreise, die im Gedächtnis haften bleibt.

© 2017 Wolfgang Brunner für Buchwelten

Zeitkurier von Wesley Chu

Erschienen als Taschenbuch
im Heyne Verlag
insgesamt 490 Seiten
Preis: 14,99 €
ISBN: 978-3-453-31733-8
Kategorie: Science Fiction

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Zeitkurier James Griffin-Mars hat die Aufgabe, Ressourcen und Antworten auf die Frage zu finden, warum die Welt sich in eine verseuchte Wildnis verwandelt hat. Höchste Priorität bei diesen Einsätzen ist die Einhaltung bestimmter Zeitgesetze, damit keine Zerwürfnisse im Zeitstrang entstehen. James ist einer der besten, bis er eines Tages einen fatalen Fehler begeht und eine Frau aus der Vergangenheit in die Gegenwart mitnimmt. Doch schon bald beginnt James zu zweifeln, ob es denn tatsächlich ein so großer Fehler war, obwohl er vom Staat gejagt wird.

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Der Einstieg in seine Zeitreise-Geschichte ist Wesley Chu außerordentlich gut gelungen. Vor allem merkt man sofort, dass sich hier jemand dieser Thematik auf eine andere Weise als bisher annähert. Sicherlich definiert Wu die Zeitreisen, und alles, was damit zusammenhängt, nicht neu. Aber es sind Ansätze vorhanden, die mittelschwere Begeisterung bei mir ausgelöst hat. In erster Linie haben mich die Erklärungen, was die Logik solcher Zeitreisen mit sich bringt, angenehm überrascht. Vieles wirkt in diesem Roman nicht ganz so verwirrend und unlogisch wie es oft bei Zeitreise-Romanen der Fall ist. Welsey Chu hat hier ein ganz eigenes Universum entworfen, das mir außerordentlich gut gefallen hat. Die stimmungsvollen Bilder, die uns der aus Taiwan stammende Autor sehr detailliert schenkt, bleiben im Gedächtnis haften und sind an einigen Stellen filmreif ausgearbeitet.

Wesley Chu hat seinen Protagonisten allesamt glaubwürdige Charaktere verschafft, denen man gerne in ihren Handlungen folgt. Leider schafft es Chu aber nicht, den spektakulären Einstieg in seine Story bis zum Schluss aufrecht zu erhalten. Der Plot driftet in eine Weltrettungsmission ab, was zwar nicht unbedingt schlecht ist, aber die anfangs herrschende, tolle und dystopische Stimmung irgendwie zunichte macht. Die Zeitreisen sind zwar immer präsent, geraten aber handlungstechnisch irgendwie immer mehr in den Hintergrund. Da hätte ich mir durchaus mehr detaillierte Schilderungen gewünscht, die in der Vergangenheit spielen. Dennoch ist Wesley Chu ein wirklich außergewöhnlicher Zeitreise-Roman gelungen, der sehr viele schöne und stimmungsvolle Momente hat. Bis zu einem gewissen Punkt konnte ich das Buch schwer aus der Hand legen, weil es in bester Pageturner-Manier geschrieben war und man wirklich unbedingt wissen wollte, wie es weitergeht. Dann kam aber ein Punkt, an dem die Handlung eine Wendung nahm, die mir zwar gefallen hat, die aber die Erwartungen an den Roman, die durch die ersten zweihundert Seiten entstanden waren, nicht erfüllen konnte. Wie gesagt, das heißt nicht, dass das Buch plötzlich schlecht wurde, aber der Plot entwickelte sich anders, als ich es erwartet hätte.

Durch den offenen Schluss leicht verwirrt, entdeckte ich dann bei Recherchen im Internet, dass es sich bei „Zeitkurier“ um den ersten Band einer geplanten Trilogie handelt. Band 2 ist bereits fertiggestellt und der abschließende dritte Band muss wohl erst noch geschrieben werden. Wenn man „Zeitkurier“ nun unter dem Aspekt sieht, dass sich damit eine eventuell epischere Geschichte erst einmal aufgebaut hat, gewinnt besagte Entwicklung, die mich wie oben erwähnt, ein wenig gestört hat, eine ganz neue Bedeutung und lässt auf eine große Geschichte im Gesamten hoffen.
Wesley Chu hat auf jeden Fall einen sehr schönen und flüssigen Schreibstil, der angenehm und schnell zu lesen ist. Leicht komplizierte Vorgänge werden von ihm problemlos so beschrieben, dass man sie versteht. „Zeitkurier“ ist eine Mischung aus Dystopie, Science Fiction und sozialkritischer Menschheitsgeschichte, die absolut zu begeistern vermag. Vor allem der Hauptcharakter James Griffin-Mars wird sehr interessant dargestellt. Faszinierend war für mich die Schilderungen, wenn sich bei ihm Vergangenheit und Gegenwart einer Halluzination gleich vermischten. Das ergab ein sehr stimmiges und stimmungsvolles Bild in meinem Kopfkino.
Die Liebesgeschichte, die letztendlich eigentlich gar keine ist, wirkt sehr hölzern und zwanghaft konzipiert, um den Vorgaben eines erfolgreichen Plots zu entsprechen. Ich persönlich hätte es besser gefunden, wenn sich der Autor nicht für einen Mittelweg, sondern für eine geradlinige Richtung entschieden hätte: entweder eine richtige Liebesgeschichte oder komplett darauf verzichten. Momentan ist es weder das eine noch das andere. Aber das kann sich ja noch im Verlaufe der beiden  Folgebände ändern. Bleibt nur zu hoffen, dass die Trilogie komplett im Heyne Verlag erscheint und nicht, wie leider bei vielen anderen Serien, aufgrund ausbleibenden Erfolgs einfach eingestellt wird und zahllose, neugierige Fans enttäuscht zurücklässt.

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Fazit: Gelungener, ideenreicher Auftakt einer Zeitreise-Trilogie, die logisch gut durchkonzipiert wirkt.

© 2017 Wolfgang Brunner für Buchwelten

Die Überfahrt von Mats Strandberg

Erschienen als Taschenbuch
im Fischer Tor Verlag
insgesamt 505 Seiten
Preis: 14,99 €
ISBN: 978-3-59629599-9
Kategorie: Horror

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Es sollte eine Überfahrt wie jede andere sein. Die Baltic Charisma kreuzt zwischen Stockholm und der finnischen Südküste. Unter den Passagieren befinden sich Singles, die das Abenteuer für eine Nacht suchen, ein homosexuelles Paar, aber auch ein ehemaliger Schlagerstar, der sein Selbstbewusstsein mit Auftritten in der Bar der Fähre aufrechterhalten will oder eine ganz normale Familie. Niemand schenkt der Frau, die zusammen mit ihrem Sohn, die Fähre betritt, Aufmerksamkeit. Doch dann bricht plötzlich ein uraltes Grauen über die Menschen auf der Fähre aus. Schon bald kämpft jeder um sein Überleben, denn grausige Kreaturen nehmen von dem Schiff Besitz …

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Der Verlag wirbt mit einem Zitat der überregional schwedischen Tageszeitung „Dagens Nyheter“, die Mats Strandberg als „schwedischen Stephen King“ bezeichnet. Ein größeres Lob hätte sich der sympathische Schwede nicht wünschen können, der bereits mit seiner „Engelsfors“-Trilogie, die er zusammen mit  Sara B. Elfgren verfasste, einen beachtlichen Erfolg verzeichnen konnte. Mit „Die Überfahrt“ gelang ihm nun allerdings ein echter Pageturner, der es wahrlich in sich hat. Strandberg baut die Spannung langsam auf, was mir außerordentlich gut gefallen hat. Ich gestehe sogar, dass mich gerade die ruhige Einführungsphase, in der alle Protagonisten vorgestellt wurden, richtiggehend begeistert hat. Entgegen vieler Meinungen, die Charaktere wären nicht gut ausgearbeitet, behaupte ich hier schlichtweg das Gegenteil. Zumindest die Hauptprotagonisten sind sehr nachvollziehbar in ihren Beweggründen und Handlungen konzipiert. Ich für meinen Teil konnte mich mit dreien der Hauptfiguren absolut identifizieren und habe auch mit ihnen gelitten und gebangt.

Mats Strandberg schreibt aber aus meiner Sicht nicht wie Stephen King, sondern besitzt einen eigenen Stil, der absolut unterhaltsam und flüssig zu lesen ist. Die Ideen wirken manchmal „geklaut“, was aber überhaupt nichts ausmacht, denn Strandberg verwebt sie geschickt in seine eigene Handlung und vor allem in seine eigene, sehr dichte Atmosphäre. Der klaustrophobische Handlungsort tut das seine dazu, um eine perfekte Mischung aus Abenteuer- und Horrorgeschichte zu zaubern. Letztere ist dann auch noch gehörig mit Splattereinwürfen gespickt, die die bedrohliche Situation noch unterstreichen. Vom Tempo her könnte ich mir Strandbergs Horrorszenario sehr gut in einer Verfilmung von Altmeister John Carpenter vorstellen. Der Plot wirkt ohnehin filmreif auf mich, denn wenn man sich durch die bildhaft beschriebenen, teils ausweglosen Situationen liest, bekommt man ein Kopfkino allererster Klasse geboten. Strandberg beherrscht es neben seiner flüssigen Schreibweise auch hervorragend, Dialoge und Gedankenmonologe zu verfassen.  

Mats Strandberg erschuf eine Geschichte, die von der Stimmung her an Filme wie „Alien“, „Shining“, den ersten „Resident Evil“-Teil oder auch „Rec“ erinnert. Das Grauen kommt an einen Ort, an dem es kein Entkommen gibt. Genau so verhält es sich auch bei „Die Überfahrt“, wo ein bunt zusammengewürfelter Haufen sich gegen eine Invasion von bösen Dämonen verteidigen muss. Aber der Plot wirkt niemals kopiert. Großes Plus sind die aus dem Leben gegriffenen Charaktere, die so authentisch wirken, als gäbe es sie wirklich. Und wenn sich dann ihre Geschichten in der zweiten Hälfte des Romans immer mehr verbinden, möchte man das Buch schlichtweg nicht mehr aus der Hand legen. Strandbergs Geschöpfe sollen eine Art Vampir sein, die noch am ehesten an die Kreaturen aus „30 Days Of Night“ erinnern. Aber irgendwie denkt man im Laufe des Romans auch immer wieder an Zombies. Und so hat der Autor wohl seinen ganz eigenen Vampirmythos „erfunden“, der im Gedächtnis haften bleibt. Vor allem auch die Gedanken, die er seinen „Monstern“ auf den Leib schreibt, sind innovativ.

Manch einer wird die Brutalität in diesem Buch zu heftig finden. Ich persönlich fand genau diese Mischung aus einfühlsamen, ruhigen Passagen und harten Splattereinlagen optimal. „Die Überfahrt“ ist nicht zu brutal, sondern zeigt einfach nur, wie blutig die Kreaturen unter den Passagieren wüten. Hätte Strandberg einen Gang zurückgeschraubt, wäre das Szenario für mich nicht mehr glaubwürdig gewesen. So aber wird man aus den teils melancholischen Gedankengängen der Protagonisten mit einer schockierenden Härte herausgerissen und in einen Alptraum aus Blut und Gedärmen gezerrt. Gerade diese Mischung machte „Die Überfahrt“ für mich zu einem echten Highlight und ich konnte es oftmals gar nicht erwarten, auf die Baltic Charisma zurückzukehren, um zu erfahren, wie es den Passagieren geht. Für mich ist Mats Strandbergs Horrorroman eine erfreuliche Neuentdeckung, die mich auf jeden Fall auf ein weiteres Werk des Autors neugierig macht. Ach ja, und wie gesagt: Ich würde mir eine Verfilmung wünschen. 😉

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Fazit:  Spannender und atmosphärisch dichter Horrorroman mit blutigen Splattereinlagen. Anfangs ruhig baut sich die Spannung konstant bis zum fulminanten Ende auf.

© 2017 Wolfgang Brunner für Buchwelten

Die sieben Farben des Blutes von Uwe Wilhelm

Erschienen als Taschenbuch
bei Blanvalet
insgesamt 479 Seiten
Preis: 9,99 €
ISBN: 978-3-7341-0344-5
Kategorie: Krimi, Thriller

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Drei Frauen wurden in Berlin bereits ermordet, als die Staatsanwältin Helena Faber auf den Fall angesetzt wird. Der Täter nennt sich selbst „Dionysos“ und möchte die Frauen, die er umbringt, „heilen“. Als Helena ins Visier des Mörders gerät, spitzt sich die Situation immer mehr zu …

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Es dauert keine fünf Seiten und man ist von Uwe Wilhelms Thriller infiziert. In einem sehr schönen, absolut flüssigen Schreibstil wirft der Autor den Leser mitten ins Geschehen, so dass man sofort die Welt um sich herum vergisst. Wilhelms Beschreibungen sind filmreif (kein Wunder, denn der Mann schreibt Drehbücher und hat auch bereits sehr viele geschrieben) und sehr stimmungsvoll. Die Charakterisierung der Protagonistin ist sehr detailliert, was mich wirklich sehr begeistert hat. Helena Faber wird so erfrischend und echt in Szene gesetzt, dass es eine wahre Freude ist, nicht nur den Kriminalfall, sondern auch ihr Privatleben mit zwei zickenden, pubertierenden Töchtern, zu verfolgen.

Der Plot ist sehr gut und stimmig aufgebaut. Wilhelm scheut sich auch nicht davor, einige Szenen auch einmal etwas brutaler zu gestalten, wobei er meiner Meinung nach nie die Grenze übertritt und in unnötige Trash-Brutalität abdriftet. Während des ganzen Romans wird durchgehend ein hohes Niveau eingehalten. Erstaunlicherweise nimmt auch die vorzeitige Entlarvung des Täters im letzten Drittel dem Werk nichts von seiner Spannung. Einige LeserInnen werden eine bestimmte Entwicklung der Protagonistin mit Sicherheit unglaubwürdig empfinden. Doch selbst wenn es so wäre und die „Erkrankung“ an den Haaren herbeigezogen wirkt, sollte man sich dennoch unbedingt darauf einlassen, denn auch dieser Handlungsstrang ist sehr effektiv und unterhaltsam. Ich fand diesen „Werdegang“ jedenfalls aus emotionaler Sicht oftmals sehr gut gelungen.

Ein großes Plus des Romans sind die wörtlichen Reden. Sie wirken einfach so natürlich und echt, dass es einem, wie oben schon erwähnt, wie ein Film vorkommt. Die Dialoge sind schlichtweg grandios und man kann sich diesem Lesefluss deshalb nur sehr schwer entziehen, weshalb ich „Die sieben Farben des Blutes“ durchaus als echten Pageturner bezeichnen möchte. Selten beginnt man, die Motive des Täters ein wenig zu hinterfragen, weil sie irgendwie dann doch nicht ganz „rund“ wirken, aber das tut der Spannung und dem hohen Unterhaltungswert dieses Thrillers absolut keinen Abbruch.
Viele sind anscheinend vom Ende enttäuscht, ich nicht. Es ist ein erschreckendes Ende, über das man sich Gedanken macht. Was passiert da? Geht die Geschichte tatsächlich weiter? Oder ist dieses Ende unausweichlich grausam? Uwe Wilhelm lässt den Leser einfach hängen und genau das mögen viele nicht. Mir jagten die letzten Sätze, vor allem der letzte, einen Schauer über den Rücken. Ich las den letzten Absatz ein paar Mal, weil ich es nicht glauben konnte und vielleicht auch nicht begreifen wollte, was da angedeutet wird. Wilhelm ist ein packender Thriller mit sehr glaubwürdigen und authentischen Charakteren gelungen, der förmlich nach einer Verfilmung schreit. In diesem Falle sollte der Autor auch das Drehbuch verfassen, um die sehr schöne Atmosphäre der eigenen Vorlage einzufangen. Ich freue mich jedenfalls schon auf den nächsten Roman dieses Schriftstellers. Auf der Homepage von Uwe Wilhelm heißt es auf jeden Fall: „Mit „Die sieben Farben des Blutes“ beginnt meine erste Trilogie um die heldenhafte Helena Faber.“
Wer ebenso begeistert wie ich von „Die sieben Farben des Blutes“ ist, sollte sich auch den Namen Lucas Grimm merken, denn unter diesem Pseudonym schreibt Uwe Wilhelm ebenfalls spannende Thriller.
Infos über den Autor und seine Werke findet man auf seiner Homepage.

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Fazit: Spannend, extrem rasant und mit einer unglaublich authentischen Protagonistin.

© 2017 Wolfgang Brunner für Buchwelten

Planetenjäger von George R.R. Martin & Gardner Dozois & Daniel Abraham

Erschienen als Taschenbuch
im Penhaligon Verlag
insgesamt 350 Seiten
Preis: 14,99 €
ISBN: 978-3-7645-3172-0
Kategorie: Science Fiction

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Nachdem er einen wichtigen Politiker auf dem Kolonieplaneten Sáo Paulo getötet hat, flieht Ramon Espejos mit seinem Transporter in die Wildnis. Er hofft, dass die Polizei nach einer Weile die Suche nach ihm aufgibt. Durch einen Unfall trifft Ramon unglücklicherweise auf eine bisher unbekannte Alienrasse, die im Verborgenen bleiben will. Ramon wird von den Aliens gefangen genommen und gezwungen, einen weiteren entflohenen Gefangenen zu verfolgen, damit dieser nicht von der Existenz des unbekannten Volkes berichten kann. Ramon erklärt sich bereit, denn er verspricht sich, während der Jagd, wieder selbst flüchten zu können.

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Wer nur nach dem, übrigens sehr gelungenen und interessanten, Cover geht, wird vielleicht ein wenig enttäuscht sein, dass nicht das zwischen den Buchdeckeln steckt, was einem das Raumschiff auf dem Titelbild suggeriert. „Planetenjäger“ ist zwar Science Fiction, aber nicht von der Art Weltraumschlachten und schießenden Guten und Bösen. Martin als Hauptautor geht eine vollkommen andere Richtung, die mich anfangs sehr oft an Wolfgang Petersens „Enemy Mine“. Auch hier gehen ein Mensch und ein Außerirdischer eine unfreiwillige „Freundschaft“ ein. So ähnlich beginnt der Plot von „Planetenjäger“, entwickelt sich dann aber im weiteren Verlauf zu einer völlig anderen Geschichte.
Während die erste Hälfte einem Abenteuerroman gleicht, geschieht im zweiten Teil eine wirklich unerwartete Wendung, die dem Roman einen vollkommen anderen Aspekt verleiht. Gerade diese Wendung macht „Planetenjäger“ dann erst so richtig interessant und an manchen Stellen geradezu philosophisch. Eines ist sicher, die Situation, die dadurch entsteht, regt den Leser auch noch nach dem Genuss der Lektüre zum Nachdenken an.

Das Autorentrio siedelt sein Actionabenteuer zwar auf einem fremden Planeten an, lässt aber Raumschiffe im Großen und Ganzen außen vor und widmet sich dem Konflikt zwischen Menschen und Alien. Ein bisschen „District 9“ wurde ebenso verbaut wie der bereits oben erwähnte „Enemy Mine“. Aber eben genau diese Kombination, verbunden mit einem relativ sympathischen Helden ergibt ein faszinierendes Bild. Ramon ist zwar irgendwie ein Macho,  besitzt aber dennoch auf gewisse Art und Weise Charisma. Das hat zur Folge, dass der Protagonist auf jeden Fall glaubwürdig rüberkommt.  Für mich war dieser Roman wieder einmal der Beweis, dass Science Fiction eben auch außerhalb epischer Schlachten im Weltraum funktionieren kann. George R.R. Martins Ausflug ins Science Fiction-Genre vermittelt manchmal das Bild alter Abenteuerromane oder SF-Filme wie zum Beispiel „Robinson Crusoe auf dem Mars“. Unspektakulär treiben die Autoren die Geschichte voran und warten mit vielen Wendungen auf, die die Story niemals langweilig werden lassen.

Die Beschreibungen der Alienrassen und auch das Leben auf einem fremden Planeten in einer Kolonie klingen absolut authentisch und werden auch sehr bildhaft dargestellt. Für mich war „Planetenjäger“ ein außergewöhnliches SF-Abenteuer, das mich durchwegs begeistert hat. Sicherlich hätte man einiges noch detaillierter beschreiben können (was mir persönlich gefallen hätte), aber da höre ich auch schon wieder die Gegenstimmen, die jammern, dass alles viel zu langatmig geworden ist. Mir hat die Menschenjagd sehr gut gefallen und Martin hat mich mit diesem Werk vollkommen überzeugt, dass er auch gute und intelligente Science Fiction schreiben kann. Vor allem die Auseinandersetzung des Protagonisten mit dem eigenen Ich hat mir sehr gut gefallen.
Wer einen etwas außergewöhnlichen Science Fiction Roman der ruhigeren Art sucht, ist mit „Planetenjäger“ sicherlich gut bedient. Star Wars und Hard-SF-Fans werden bestimmt gelangweilt sei, obwohl es auch an Actionszenen nicht mangelt. Aber hier spielt einfach nun mal der Mensch (und das Alien) die Hauptrolle. 😉

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Fazit: Keine Weltraumschlachten, sondern eine unspektakuläre Auseinandersetzung mit dem eigenen Ich. Ein etwas „anderer“ SF-Roman.

© 2017 Wolfgang Brunner für Buchwelten

Netzwerk von Robert Charles Wilson

Erschienen als Taschenbuch
bei Heyne
insgesamt 378 Seiten
Preis: 9,99 €
ISBN: 978-3-453-31657-7
Kategorie: Science Fiction

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Durch einen speziellen Test ist es möglich, spezielle Eigenschaften eines Menschen zu ermitteln und dadurch „seelische“ Pendants zu finden. Diese Gruppierungen, es gibt deren zweiundzwanzig, werden Affinitäten genannt. Die Menschen in diesen Affinitäten verstehen sich optimal und auf besondere Weise, „ticken“ sozusagen gleich. Ziel dieser Gruppierungen ist es, eine bessere Welt zu erschaffen. Der Student Adam Fisk wird einer dieser Affinitäten zugesprochen und empfindet das alles wie ein neues Leben. Doch dann beginnen sich die Affinitäten voneinander zu distanzieren und mischen sich in weltpolitische und finanzielle Angelegenheiten ein. Mark gerät zwischen die Fronten. Aber nicht nur bezüglich der Affinitäten sondern auch seiner Familie.

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Robert Charles Wilsons neu im Heyne Verlag erschienene Roman ist die sehr glaubwürdige Darstellung einer Zukunft, die durchaus möglich sein könnte. Die wissenschaftlichen Schilderungen, wie es zu der Entstehung jener Affinitäten kommt und wie sie sich dann in der Zukunft weiterentwickeln ist detailliert und authentisch beschrieben. Wilson verpackt diese Zukunftsvision in die Geschichte des Studenten Mark. Man wird Zeuge seiner familiären Situation und deren Schwierigkeiten, nimmt teil an seiner Zerrissenheit und fiebert mit ihm um seine Zukunft. Die erste Hälfte des Romans erzählt ruhig die Zeit, in der Mark in die Gemeinschaft einer Affinität hinein wächst und genießt. Erst in der zweiten Hälfte entwickelt sich der Plot zu einem weltweiten Drama. Es ist absolut logisch durchdacht, wie diese Gemeinschaften immer mehr wirtschaftliche und politische Einflüsse im Weltgeschehen bekommen und diese auch beeinflussen. Wenn man genauer darüber nachdenkt, ist es erschreckend, was aus solchen Verbindungen werden kann.

In Zeiten von Facebook und Konsorten wirken die Schilderungen solcher empathischen Gruppenzusammenschlüsse durchaus glaubwürdig und nachvollziehbar. Wieso sollte es nicht möglich sein, solch ein virtuelles Sozialgefüge in der Realität stattfinden zu lassen? Wilson ist in dieser Hinsicht ein Visionär, wenn man über seinen Plot genauer nachdenkt. An manchen Stellen vergisst man tatsächlich, dass es sich um einen Roman handelt, so solide werden die Zusammenhänge erklärt. Auch wenn der Roman im Grunde genommen, bis auf die letzten 50 Seiten, sehr ruhig und relativ unspektakulär daherkommt, so entwickelt sich die Story durch Wilsons flüssigen Schreibstil zu einem wahren Pageturner. Man fühlt sich dem Protagonisten sehr nahe und möchte unbedingt wissen, wie sein Leben weiter verläuft. „Netzwerk“ ist auch nur bedingt ein Science Fiction-Roman, sondern eher die dramatische Schilderung einer nicht weit entfernten Zukunft und dem Innenleben eines einsamen Menschen auf der Suche nach Liebe und Geborgenheit. Wer hier einen typischen SF-Roman erwartet, könnte möglicherweise enttäuscht sein, denn Wilsons Geschichte könnte sogar in der Gegenwart spielen.

Ein klein wenig enttäuschend ist das vorhersehbare Ende, das dem Schema unzähliger anderer Romane folgt, die unbedingt mit einem spektakulären und dramatischen Finale aufwarten wollen.
Was wie eine orwell’sche Zukunftsvision beginnt, wird aber im letzten Drittel zu einem zwar spannenden, aber nicht zum bis dahin erschaffenen Stimmungsbild passenden Thriller. Hätte Wilson seine ruhige und eben unspektakuläre Art beibehalten, wäre aus meiner Sicht ein weitaus bedeutenderes Werk zustanden gekommen, das mit Sicherheit authentischer gewirkt hätte. So aber flacht die Geschichte Mainstream mäßig in einen Showdown ab, den es schlichtweg nicht gebraucht hätte. Doch dies soll keineswegs heißen, dass „Netzwerk“ dadurch „schlecht“ wird, nein, eben einfach nur vorhersehbar und nicht innovativ wie der Einstieg in den Plot.
Robert Charles Wilsons Bücher haben den Charakter von abenteuerlichen Visionen, die man nicht so schnell vergisst. Hier ist es die Ausgangssituation und die daraus resultierenden weltweiten Folgen, die den Leser in Atem halten. Wie der Protagonist wird auch der Leser von jenen Affinitäten „geblendet“ und gibt sich der Illusion hin, dass die Menschheit durch dieses Geschenk der optimalen Zusammengehörigkeit „gut“ werden könnte. Dieser Gedankengang lässt einen einfach  nicht mehr los, zumal er eben, wie oben schon erwähnt, einfach schlüssig klingt.
Für mich, wie viele andere Bücher von Robert Charles Wilson, ein unterhaltsames und beeindruckendes Leseerlebnis.

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Fazit: Anfangs innovative Zukunftsvision, die sich zum Ende hin in einen vorhersehbaren Thriller entwickelt. Dennoch unbedingte Leseempfehlung.

© 2017 Wolfgang Brunner für Buchwelten

Die Könige von Michael Peinkofer

Erschienen als Taschenbuch
im Piper Verlag
510 Seiten
9,99 €
ISBN: 978-3-492-28001-3

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Der Krieg unter den Völkern von Erdwelt ist vorbei. Menschen und Orks sind besiegt und die Zwerge sind an der Macht. Doch es gibt sowohl bei den Zwergen als auch bei den Menschen Rebellen, die sich ihrem Schicksal nicht ergeben wollen. Daghan von Ansun, Sohn des Königs von Ansun, und Aryanwen, seine Geliebte, die gegen ihren Willen mit dem König von Tirgaslan vermählt wurde, sind auf der Seite der Rebellen. Doch es sind nicht nur die Zwerge, die die Völker von Erdwelt tyrannisieren. Eine weitaus bedrohlichere Macht erscheint und will die Herrschaft über Erdwelt an sich reißen …

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Nach dem erfolgreichen „Orks“-Zyklus kehrt Michael Peinkofer nach Erdwelt zurück. Im vorliegenden ersten Band der neuen „Könige“Trilogie wendet er sich allerdings mehr den Menschen und Zwergen, als den Orks zu. Man trifft dennoch auf die beiden trotteligen, aber sympathischen Orks Rammar und Balbock, die zwar nicht die Hauptrolle, aber dennoch eine wichtige Rolle spielen.
Hauptprotagonisten sind das Liebespaar Daghan von Ansun, kurz Dag genannt, und Aryanwen. Es dauert eine Weile, bis sie sich wieder in den Armen liegen, aber bis dahin kommt auf keiner Sekunde Langeweile auf.

Michael Peinkofers Schreibstil ist derart flüssig zu lesen, dass man das Buch kaum aus der Hand legen kann. Es ist ein sehr niveauvoller Schreibstil, in dem die Geschichte erzählt wird, der aber nie kompliziert, sondern eher einfach wirkt. Das hat zur Folge, dass man sich gezwungen fühlt, in einem fort weiterzulesen.
„Die Könige“ ist gegenüber den Ork-Romanen ein wenig düsterer geworden, was mir persönlich aber sehr gut gefallen hat. Peinkofers Trilogie bietet so ziemlich alles, was man von einem guten High Fantasy-Roman erwarten kann: Böse Intrigen, sympathische, tapfere Helden, atemberaubende Landschaften und Orte, Liebe und Emotionen. An manchen Stellen kam für mich ein „Herr der Ringe“-Gefühl auf, ohne dass ich Peinkofer unterstellen muss, er hätte plump kopiert. Peinkofer hat seinen eigenen Stil, der unglaublich bildhaft und unterhaltend wirkt. Oft fühlte ich mich auch an die fantastischen Romane von David Eddings erinnert, aber auch hier hat Michael Peinkofer absolut einen eigenen Weg gefunden.

Unerwartete Wendungen wechseln sich mit emotionalen Szenen ab. Politische Intrigen, die durchaus nachvollziehbar und durchdacht sind, enden in dramatischen Kämpfen, die darauf hindeuten, dass da noch etwas weitaus Größeres und Bombastischeres in den Folgebänden auf die Leser zukommt. Peinkofer baut einen sehr komplexen Plot auf, was mir außerordentlich gut gefallen hat. Auch die immer wiederkehrenden Szenenwechsel, die das Buch zu einem regelrechten Pageturner machen,  fand ich geschickt eingesetzt. Erwähnenswert ist auch die sehr schönen Charakterzeichnungen der Figuren, was zur Folge hat, dass einem die Personen sehr ans Herz wachsen. Oder im Falle der Bösen eben nicht 😉
Wie oben erwähnt, wird die düstere Grundstimmung aber immer wieder durch einen sehr eigenwilligen, aber extrem guten, Humor der Orks durchbrochen. Mann sieht die beiden Ork-Tollpatsche förmlich vor sich und kann sich des öfteren ein Grinsen während des Lesens nicht verkneifen. Das macht das Buch noch sympathischer, als es ohnehin schon ist.
Obwohl „Die Könige“ auf den Zyklus um die Orks aufbaut, kann man sich als „Erdwelt-Neuling“ getrost an das Buch heranwagen, denn alles, was erklärungsbedürftig ist, wird auch erklärt, so dass man wirklich alles versteht. Erdwelt-Fans werden von einem neuen Kapitel entzückt sein, Neulinge werden sich dem Bann dieser Welt nicht entziehen können und gierig auf die noch ungelesenen Werke von Michael Peinkofer sein. Das neue Erdwelt-Abenteuer besitzt großes Suchtpotential und man möchte am Ende des ersten Teils sofort zum zweiten Teil greifen. Und das soll schon was heißen, oder?

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Fazit: Spannendes und komplexes High Fantasy-Abenteuer, das süchtig macht. Die Bücher im Erdwelt-Universum sind jetzt schon Klassiker.

© 2017 Wolfgang Brunner für Buchwelten