Blutiger Januar von Alan Parks

Blutiger Januar von Alan Parks

Erschienen als Taschenbuch
im Heyne Verlag
insgesamt 393 Seiten
Preis: 16,00 €
ISBN: 978-3-453-27188-3
Kategorie: Krimi, Thriller

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Es ist Januar 1973, als am helllichten Tag eine junge Frau auf offener Straße erschossen wird. Der Killer, ein junger Mann, jagt sich unmittelbar nach der Tat selbst eine Kugel in den Kopf. Detective Harry McCoy, dem der Mord am Tag zuvor von einem Gefängnisinsassen angekündigt wurde, versucht eine Verbindung zwischen dem Täter, dem Opfer und dem Gefangenen herzustellen. Er stößt dabei auf die Dunlops, bei der es sich um eine der mächtigsten Familie von Glasgow handelt. Und plötzlich werden McCoy Steine von seinem eigenen Vorgesetzten in den Weg gelegt …

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„Blutiger Januar“ ist ein düsterer Thriller, der einen von der ersten Seite an packt. Alan Parker ist mit seinem Debüt ein wahnsinnig rasanter und vor allem stimmungsvoller Krimi gelungen, der einen nicht mehr loslässt. Bei „Blutiger Januar“ handelt es sich um den ersten Teil einer geplanten Reihe um den Ermittler Harry McCoy, der durch seine Charakterzeichnung sehr interessant und authentisch wirkt. McCoy ist nämlich nicht der typische Polizist, der auf legalen Wegen ermittelt, sondern mit ganz anderen Wassern gewaschen. Die „Unperfektheit“ des Protagonisten ist es aber gerade, die seine Figur äußerst sympathisch und lebensecht macht. Die Atmosphäre gestaltet sich während des gesamten Plots als äußerst düster und deprimierend. Die Beschreibungen sind nicht immer zimperlich, wenn McCoy Tatorte oder Bordelle besucht und unterstreichen die trostlose Stimmung nochmals.

Man sieht eigentlich während des kompletten Romans eine Art Film Noir vor seinem inneren Auge und spürt die Missstände jener Zeit, die aber hervorragend in die Handlung mit eingebaut wurden, ohne je belehrend zu wirken. Hinzu kommt noch das geschilderte Privatleben McCoys, das meiner Meinung nach eigentlich noch viel mehr Tiefe hätte bekommen können und die Gesamtstimmung des Buches noch unterstreicht. Alan Parks schreibt sehr bildhaft. Besonders die Dialoge der Protagonisten haben es mir angetan, denn die sind sehr lebensecht und lesen sich so flüssig, dass man teilweise alles um sich herum vergisst und tatsächlich meint, ein Drehbuch für einen Film zu lesen. „Blutiger Januar“ liest sich definitiv nicht wie ein Debütroman, sondern eher wie ein routinierter Thriller von einem, der schon wesentlich mehr Erfahrung in Spannungsaufbau und Charakterzeichnung aufweist. Die Handlung stellt zwar nicht unbedingt eine Innovation um Thrillerbereich dar, aber es ist eindeutig der gelungene Schreibstil und die hervorragend vermittelte Atmosphäre der 70er Jahr, die dieses Buch zu etwas besonderem machen.

Was mir auch sehr gut gefallen  hat, war die Entwicklung des Protagonisten, dass er sich seinem Vorgesetzten widersetzte und auf eigene Verantwortung weitermachte. Sicherlich ist auch diese Idee keine neue, aber Alan Parks hat sie sehr gut und glaubwürdig umgesetzt. Für viele Leser könnte „Blutiger Januar“ aufgrund der Gewaltdarstellungen und sexueller Handlungen ein wenig unbequem sein, doch genau diese Zutaten machen ein „dreckiges Buch“ aus diesem Pageturner. Und diese Szenen passen schlichtweg in den gesamten Plot, so dass sie einen großen Teil der von mir angesprochenen düsteren Stimmung ausmachen. Parks behält dabei auch immer die Oberhand über seine Darstellungen und gleitet nie ins Niveaulose ab, selbst wenn die Beteiligten in Gossensprache reden. Das beherrscht definitiv nicht jeder Autor auf diese Art und Weise. Alan Parks hat mich mit seinem Debüt-Thriller absolut überzeugt und  mich sofort zum Fan gemacht. Ich freue mich schon sehr auf die Weiterführung von McCoys Ermittlungen. Ich kann mich immer nur wiederholen, dass mich die Atmosphäre und die Hauptfigur von „Blutiger Januar“ von Anfang bis Ende in ihren Bann gezogen haben.
Mord, Selbstmord, ausschweifende Sex- und Drogenpartys, Erpressung, Korruption, politische Verstrickungen und Gewalt – all diese Dinge finden sich in „Blutiger Januar“ und erschaffen eine vollkommen neue Welt im Kopf des Lesers.

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Fazit: Beeindruckendes Thrillerdebüt, das mit einer durchgehend düsteren Stimmung punktet.

© 2018 Wolfgang Brunner für Buchwelten

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Midnight, Texas – Nachtschicht von Charlaine Harris

Midnight Texas - Nachtschicht von Charlaine Harris

Erschienen als Taschenbuch
im Heyne Verlag
insgesamt 432 Seiten
Preis: 9,99 €
ISBN: 978-3-453-31916-5
Kategorie: Thriller, Horror

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Auf der Kreuzung in Midnight, Texas, begehen verschiedene Personen plötzlich Selbstmord. Was anfangs wie ein mysteriöses Rätsel aussieht, entwickelt sich bald zu einem ausgeklügelten Plan, der von einer bösen Macht stammt. Die Bewohner von Midnight stellen sich dem Kampf …

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Schade, schade schade …
Was mit dem ersten Band äußerst vielversprechend begann und mit dem zweiten Teil zumindest eine annehmbare Fortführung der Geschichte um das Städtchen Midnight fand, endet (zumindest aus meiner Sicht) mit dem finalen Band in einem unglaublichen Desaster. Es dauerte nicht lange und war mir gar nicht mehr so sicher, ob dieses Buch von der gleichen Autorin wie „True Blood“ verfasst wurde. An vielen Stellen wirkte es vollkommen unausgegoren und uninspiriert auf mich. Es kam mir oftmals vor, als hätte eine Schülerin als Strafarbeit einen Aufsatz schreiben müssen. Charlaine Harris hat wohl eine Storyline verfasst und die dann stur und ohne jedwede Abweichung „abgearbeitet“. Manchmal musste ich sogar lächeln und fragte mich, wie so eine Manuskript an einen Verlag kommen konnte. „Nachtschicht“ wirkt leblos, ideenlos und unbeholfen. Der Plot ist dermaßen konstruiert, dass es fast schon wehtut und hätte ich nicht die ersten beiden Bände gelesen (und das durchaus auch gerne), so hätte ich den finalen Band bereits nach weniger als hundert Seiten abgebrochen.

Habe ich schon während der ersten beiden Teile keinen besonderen Bezug zu den Protagonisten bekommen, so verliert Harris im vorliegenden dritten Teil vollends die Kontrolle über ihre Personen. In keinem steckt Leben, es wird alles nur oberflächlich und ohne echte Seele beschrieben, so dass einem die einzelnen Gedankengänge und Schicksale absolut nicht nahe gehen. Ich konnte hier absolut keine Beziehung zu den einzelnen Personen aufbauen. Die Dialoge und die fadenscheinigen, an den Haaren herbeigezogenen Erklärungen für die Selbstmorde empfand ich schon nach kurzer Zeit extremst nervig. Interessant war auch, dass immer irgendetwas zufällig passierte. Fast schien es, als wäre der Zufall der einzige Strohhalm, der der Autorin einfiel, um unlogische Vorgänge zumindest durch einen Zufall erklären zu können. Das Szenario der Stadt Midnight und deren Bewohner hätte durchaus Potential gehabt. Vor allem nach den ersten beiden Bänden, die mir wirklich noch gefallen und ein kurzweiliges Lesevergnüngen bereitet haben, waren meine Erwartungen wohl einfach zu hoch. Allerdings hätte ich nicht gedacht, dass das Niveau dieser Saga mit jedem Band steigen würde und nicht immer tiefer nach unten sinkt.

Selbst wenn ich wollte, ich kann diesem dritten Teil nicht mehr als drei Sterne vergeben, wobei selbst das fast schon geschönt ist. Ich finde es wirklich schade, dass ich Midnight, das ich immer gerne zwischen den Buchdeckeln betreten habe, nun äußerst unzufrieden und auch enttäuscht verlassen muss. Aber die Plattheit der Charaktere hat mich bei „Nachtschicht“ nur noch aufgeregt und ich fand die meisten Entwicklungen der Story schlichtweg nur noch lächerlich. Ich bekomme leider den Eindruck nicht los, dass Charlaine Harris entweder die Ideen ausgegangen sind oder sie selbst auf ein weiteres Abenteuer in Midnight einfach keine Lust mehr hatte. Habe ich mich nach Band 2 der Reihe noch auf die Verfilmung gefreut, so kann ich nach „Genuß“ des dritten Teils nicht einmal mehr eine kleine Vorfreude verzeichnen.
Wie gesagt, Potential auf eine atmosphärische Story wär da gewesen, wurde aber im vorliegenden finalen Teil durch den plumpen, fast schon amateurhaften Schreibstil und die uninspirierte Handlung zunichte gemacht.

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Fazit: Unbefriedigender und sehr simpel verfasster Abschlussband der Midnight-Saga. Das Potential wurde letztendlich allumfassend verschenkt.

© 2018 Wolfgang Brunner für Buchwelten

Ewiges Leben von Andreas Brandhorst

leben

Erschienen als Taschenbuch
im Piper Verlag
700 Seiten
16,99 €
ISBN: 978-3-492-06133-9

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Ein gigantischer Konzern namens „Futuria“ verkündet den Menschen eine sensationelle Entdeckung: ewiges Leben! Die Journalistin Sophie recherchiert für einen großen Bericht über das Unternehmen und entdeckt dabei immer mehr Ungereimtheiten in Bezug auf die Forschungen von „Futuria“. Etwas weitaus Größeres als „nur“ das ewige Leben scheint das Ziel der Firma zu sein.

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Der  neue Wissenschafts-Thriller von Andreas Brandhorst betrachtet den Menschheitstraum vom ewigen Leben aus verschiedenen Blickwinkeln. Unsterblichkeit hat schon viele Autoren beschäftigt und auch Brandhorst hat sich in dem ein oder anderen seiner Science Fiction-Werken schon einmal dieser Thematik zugewandt, wenngleich auch bei weitem nicht so ausführlich wie nun in „Ewiges Leben“. Es ist erstaunlich, mit welcher Weitsicht der Autor das Thema angeht und dabei Dinge und Auswirkungen beachtet, an die man im ersten Moment, wenn man über ein nicht endendes Leben philosophiert, gar nicht denkt. Brandhorst führt seine Überlegungen konsequent und durchdacht aus, so dass die Thematik eine unglaubliche Tiefe während des gesamten Romans entwickelt. In anderen Rezensionen habe ich gelesen, dass sich Andreas Brandhorst auf zu viele „Auswüchse“ innerhalb des Themenbereiches konzentriert und die eigentliche Frage aus den Augen verliert. Das sehe ich allerdings komplett anders, denn gerade die Ausweitungen und Konsequenzen einer solchen Möglichkeit, nicht sterben zu müssen, wird von Andreas Brandhorst sehr detailliert behandelt und verliert sich nicht in „sinnlosen Verstrickungen“, sondern beleuchtet alle Optionen, die eine solche wissenschaftliche Entdeckung für die Menschheit bedeuten würde.

Andreas Brandhorst schildert nämlich nicht nur die Vorteile einer Unsterblichkeit, er differenziert auch die Gedankengänge möglicher Gegner und bringt den Leser dadurch zum Nachdenken. Ist einer der größten Wünsche des Menschen tatsächlich erstrebenswert? Zugegebenermaßen mag ich es nicht, wenn religiöse Aspekte in einem Roman mitspielen, aber bei „Ewiges Leben“ passt es schlichtweg hervorragend, zumal nicht belehrend davon gesprochen wird, sondern menschlich und philosophisch. Passender hätte man es aus meiner Sicht gar nicht schreiben können, denn bei einem solchen Thema kann und darf der religiöse Aspekt definitiv nicht fehlen. Aber auch die Einbindung von Künstlichen Intelligenzen hat bei dieser Thematik absolut ihre Berechtigung und macht diese Zukunftsvision sehr authentisch. Das Szenario in „Ewiges Leben“ hat mir persönlich sogar noch besser als in „Das Erwachen“ gefallen, vor allem auch, weil Brandhorst hier teilweise wieder sehr philosophisch wird und dadurch eine unglaublich intensive Atmosphäre schafft. Mit diesem Wissenschafts-Thriller beweist Andreas Brandhorst nach „Das Erwachen“ erneut, dass er nicht nur hervorragende Science Fiction schreiben kann, sondern auch andere Genre beherrscht.

Andreas Brandhorst hat in seinem neuen Roman auch noch eine virtuelle Welt als Handlungsort eingebaut, die mich des Öfteren an Tad Williams Kulttrilogie „Otherland“ erinnerte. Brandhorst geht aber einen komplett anderen Weg, der die Thematik der Unsterblichkeit nochmals aus einer komplett anderen Sichtweise beleuchtet. Ich muss ehrlich sagen, dass mich diese Idee außerordentlich fasziniert hat und bis heute nicht mehr loslässt. Es ist typisch für Andreas Brandhorst, genau solche existenziellen Fragen aus philosophischer Sicht zu betrachten. Auch in „Ewiges Leben“ gibt er unzählige Gedankenanstöße an seine Leser weiter, allerdings immer vorausgesetzt, dass diese sich auf den Plot und die Überlegungen des Autors einlassen. Mit dem vorliegenden Wissenschaftsthriller ist Andreas Brandhorst auf jeden Fall wieder ein absolut lesenswertes, tiefgründiges Werk gelungen, das für mich gerne noch weitere achthundert Seiten hätte andauern dürfen. Das Ende hat viele Leser wohl überrascht, ich hatte die ganze Zeit schon damit gerechnet, was aber keineswegs heißt, dass mich das Finale enttäuscht hat. Es schließt den Kreis, den Andreas Brandhorst während des ganzen Romans geschickt aufgebaut hat, auf sehr konsequente und schlüssige Weise, was mich wiederum zum  Nachdenken gebracht hat. „Ewiges Leben“ muss man einfach lesen, um zu verstehen, was ich meine. Für mich (wieder einmal) ein perfektes Buch, das grandios unterhält und hervorragend recherchiert beziehungsweise aufgearbeitet wurde.

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Fazit: Unsterblichkeit – Der Traum der Menschheit aus sämtlichen Blickwinkeln betrachtet. Unbedingt lesen.

© 2018 Wolfgang Brunner für Buchwelten

Tschüsschen, Tschüsschen von diversen Autoren

Erschienen als Kindle
bei Paperwork
insgesamt  78 Seiten
Preis:  €
ISBN: 978-
Kategorie: Kurzgeschichten, Horror, Thriller

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Skurrile Kurzgeschichten von verschiedenen Autoren, die sich aber allesamt auf gleichwertig hohem Niveau befinden.
Die Autoren sind: Mara Winter, Carola Leipert, Herbert Arp, Alexander Kühl, Alexandra Mazar, Julia Dest, Georg Adamah

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Es ist ja immer so eine Sache mit Anthologien, an der verschiedenen Autorinnen und Autoren mitgemacht haben Respekt demjenigen, der das Niveau der Geschichten koordiniert und auf einem gleichmäßigen Level halten kann. So geschehen bei der vorliegenden Sammlung skurriler Geschichten von sieben unterschiedlichen Verfassern, die mühelos ein gleichbleibendes Niveau halten kann, ohne dabei Verschiedenartigkeiten der teilnehmenden Autorinnen und Autoren in irgendeiner Weise zu unterdrücken. „Tschüsschen, tschüsschen“ macht unheimlich Spaß und ist extrem kurzweilig. Aber der Reihe nach …

Den Einstieg macht Mara Winter mit der titelgebenden Kurzgeschichte „Tschüsschen, Tschüsschen!“. Auch wenn der Titel stark an Roald Dahl erinnnert („Küsschen, Küsschen“), der übrigens gewissermaßen ein klitzeklein wenig auch mit der Storysammlung zu tun hat, so geht die Autorin definitiv einen eigenen Weg und serviert eine zwar letzten Endes fast schon ereignislose Geschichte, die sich aber aufgrund des hervorragenden Schreibstils und der dahintersteckenden Idee mit unzähligen Interpretationsmöglichkeiten für den Leser ins Gehirn einnistet. Ein absolut gelungener Opener der Anthologie.

Weiter geht es mit Carola Leipert, die sich in erster Linie in ihren Romanen mit den Themen Romantik, Freundschaft, Spannung und Abenteuer befasst. Ihre Geschichte „Alte Gewohnheiten“ befasst sich im Grunde genommen auch mit eben diesen Themen, nimmt aber gegen Ende hin eine Wendung, die zum Nachdenken anregt. Die Erzählung spiegelt das (Zusammen-)Leben von wahrscheinlich sehr vielen Paaren wieder und kann mit einem Ende aufwarten, das mich an die Auflösungen einiger „Geschichten aus der Gruft“ erinnert hat.

Herbert Arps „Stummes Vermächtnis“ geht in eine völlig andere Richtung als die Vorgängergeschichten, regt aber genauso zum Nachdenken an. Man muss sich erst an den Schreibstil etwas gewöhnen, um die Tiefe hinter dieser Geschichte voll erfassen zu können. Kann man sich darauf einlassen, erwartet den Leser eine ganz besondere Geschichte, die einen noch im Nachhinein beschäftigt und eine Weile nicht mehr loslässt. Herbert Arp ist Journalist, der sich auf berichte über Computerspiele spezialisiert hat. Sein „Stummes Vermächtnis“ zeigt, dass er auch das Schreiben von intelligenten Kurzgeschichten beherrscht.

Kommen wir zu Alexander Kühl, den einige vielleicht durch seinen bei Redrum Books erschienen Hardboiled Thriller „Runaways“ kennen. Kühl legt mit „Lisa“ einen erschreckenden und zugleich tief traurigen Beitrag vor, bei dem man ebenfalls bereits während des Lesens ins Grübeln kommt. „Lisa“ ist eine Liebesgeschichte, die letztendlich auf zwei Ebenen abläuft und von Verlustängsten, aber auch Liebe und Hoffnung erzählt. Ich habe diese Geschichte sehr genossen, zumal sie uns ins Innere von Menschen sehen lässt, die sich Problemen nicht stellen mögen (oder können) und sogar die Liebe dafür aufgeben.

Alexandra Mazar ist Verfasserin des Dramas „Die Farben des Verzeihens“ und schreibt unter einem Pseudonym ebenfalls für den Redrum Verlag. Ihre Geschichte „Nachtkrabb“ behandelt einen Mythos aus dem süddeutschen und österreichischen Raum, der einem Märchen gleicht. Mazar beschreibt den Plot aus Sicht eines Kindes und vermittelt dadurch ein sehr stimmungsvolles Bild. Mazar erzählt fast schon eine klassische Gruselgeschichte, die sich von den vorherigen Storys zwar thematisch unterscheidet, sich aber durch den schönen, bildhaften Schreibstil dennoch in das Gesamtbild der Anthologie einpasst.

Julia Dests „Kreislaufprobleme“ ist erneut eine Geschichte, die mich zum einen tief berührt und zum anderen extremst zum Nachdenken gebracht hat. Die von ihr beschriebene Gedankenwelt der „kindlichen Protagonisten“ ist ihr sehr glaubhaft und emotional gelungen, so dass ich die Geschichte tatsächlich ein zweites Mal lesen musste, um sie in all seinen Konsequenzen zu „begreifen“. „Kreislaufprobleme“ ist der Autorin nachhaltig beeindruckend gelungen und stellt für mich einen der Höhepunkte dieser Sammlung dar.

Dann kommen wir zu Georg Adamah, jenem Herrn, der mich schon mit seinem Roman „Lillits Töchter, Adams Söhne“ begeistert (und beeindruckt) hat. Auch dieser Roman ist im Redrum Verlag erschienen. Er widmet sich in seiner Geschichte „Female (Night)Shift“ natürlich dem Thema „Frauen“. 😉
Und er macht das wieder so herzerfrischend gut und humorvoll, dass ich auch nach dieser Geschichte förmlich süchtig wurde. Adamahs Humor ist, in gleicher Weise wie übrigens auch seine Ideen, unglaublich ehrlich und authentisch. Auch hier kann ich nur wiederholen, dass sich die Story hervorragend in das Gesamtbild der Anthologie einbindet.

Zum Abschluss liefert Carola Leipert noch eine kurze Bonusgeschichte, die ebenfalls philosophisch und melancholisch auf den Leser einwirkt. „Das Kleid“ erzählt in wenigen Sätzen im Grunde genommen ein ganzes Leben (oder was davon übrig bleibt). Mit nur wenigen Worten konnte mich die Autorin erneut begeistern.

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Fazit: Wunderbare Anthologie mit hervorragend aufeinander abgestimmten Storys, die eine Bandbreite von philosophisch, melancholisch über humorvoll bis hin zu gruseliger Spannung abdecken. Absolut zu empfehlen!

© 2018 Wolfgang Brunner für Buchwelten

Am Abgrund von Michael Grumley

Am Abgrund von Michael Grumley

Erschienen als Taschenbuch
im Heyne Verlag
insgesamt  524 Seiten
Preis: 12,99 €
ISBN: 978-3-453-31889-2
Kategorie: Thriller, Science Fiction

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Mitten im Arktischen Ozean wird auf einer einsamen Insel eine geheimnisvolle Kammer entdeckt, in der sich mysteriöse Samenkapseln befinden. Genauere Untersuchungen ergeben, dass es sich dabei um etwas Außerirdisches handeln muss. Ermittler John Clay und die Meeresbiologin Alison Shaw wollen zusammen mit Freunden, Helfern und natürlich den Delphinen Sally und Dirk das Geheimnis enträtseln. Und sie stoßen dabei auf unglaubliche Erkenntnisse, die sie an der gängigen Theorie der Evolution zweifeln lassen …

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Es geht also weiter mit Alison Shaw und den sprechenden Delphinen Sally und Dirk. Nach „Breakthrough“ und „In der Tiefe“ liegt nun der dritte Teil der Serie vor, der wissenschaftliche Aspekte und spannende Abenteuer geschickt vermischt. Die Handlung schließt nahtlos an das Ende des zweiten Teils an, so dass man nicht lange braucht, um wieder mitten im Geschehen zu sein. Michael Grumley widmet sich in diesem Band leider wieder mehr politischen Geschehnissen und richtet sein Augenmerk auf Spionage und dergleichen. Mir fehlten da schlichtweg die weitaus besseren Szenen, in denen es um die „sprechenden“ Tiere und die wissenschaftlichen Belange ging. Denn dann las sich das Buch wieder, wie schon bei den vorherigen Teilen, wie ein Abenteuer aus der Feder eines Michael Crichton. Die Agentenstory hingegen zog sich, zumindest aus meiner Sicht, immer etwas in die Länge, so dass ich es kaum erwarten konnte, wieder zurück zu Alison Shaw und ihren Delphinen zurückkehren zu können.

„Am Abgrund“ kann, wie bereits Band 2, das Niveau und den Spannungsbogen des ersten Teils nicht halten, was aber nicht bedeutet, dass das Buch schlecht ist. Grumley musste die Handlung mehr ausdehnen, um auch noch Folgebücher füllen zu können, denn er hat bereits die Teile 4 und 5 veröffentlicht. Insgesamt ergibt sich dennoch nach Abschluss des dritten Bandes ein rundes Gesamtbild, das den Leser zufriedenstellt. Ich war allerdings etwas irritiert, als am Ende des vorliegenden Bandes plötzlich von einer Person namens Palin die Rede, die die ganze Zeit nie erwähnt wurde. Ganz schwach klingelte es bei mir, als ich den Namen las und ich konnte mich dann auch glücklicherweise wieder erinnern, um wen es sich dabei handelte. Da hätte Grumley bereits auf den ersten Seiten des dritten Bandes den Faden bezüglich dieser Person wieder aufnehmen sollen, um den Handlungsstrang verständlicher zu machen. Denn man hatte tatsächlich vergessen, dass es Palin gab. 😉

Wie schon in den ersten beiden Bänden konnten die Beschreibungen und Szenen bei mir absolut punkten, in denen es um die Kommunikation mit Tieren ging. Diese Stellen waren sehr stimmungsvoll und verschafften mir immer wieder aufs Neue eine heimelige Atmosphäre, in der ich mich sehr wohl fühlte. Da hätte ich mir einfach mehr davon gewünscht, um den wissenschaftlichen Abenteuercharakter des Plots mehr herauszuheben. Aber Grumley hat sich wohl für den actionreicheren Weg entschieden, der zwar auch nicht schlecht ist, aber auf mich nicht innovativ genug wirkte. Da hätte der Gesamthandlung  und  -stimmung mit Sicherheit eine etwas ruhigere Gangart gut getan. Aber da sind die Geschmäcker wohl einfach zu verschieden und Grumley wollte sich wahrscheinlich auf die sichere Seite begeben und dem Publikum auch Action bieten. „Am Abgrund“ bietet auf jeden Fall solide und spannende Unterhaltung in bester Pageturner-Manier, denn man kann das Buch einfach schlecht aus der Hand legen. Das liegt zum einen am wirklich sehr flüssigen Schreibstil und zum anderen an den relativ kurz gehaltenen Kapiteln, so dass man sich immer wieder dabei erwischt, „nur noch ein weiteres Kapitel“ zu lesen. 🙂
Ich hoffe wirklich sehr, dass Heyne die Breakthrough – Reihe weiter fortsetzt, denn die Protagonisten, die Delphine und die Gorilla-Dame Dulce sind mir im Laufe der drei Bücher sehr ans Herz gewachsen.

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Fazit: Spannender dritter Teil der Breakthrough-Reihe, der eindeutig mehr auf Action setzt als die Vorgänger-Bände.

© 2018 Wolfgang Brunner für Buchwelten

Judas Goat / Midnight Solitaire von Greg F. Gifune

 

 

Erschienen als Taschenbuch
im Luzifer Verlag
insgesamt 420 Seiten
Preis:  13,95  €
ISBN: 978-3-95835-332-9
Kategorie: Mystery, Thriller, Horror

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Zwei Kurzromane / Novellen in einem Band.

JUDAS GOAT: Lenny Cates hat seine Jugendfreundin Sheena seit über zwanzig Jahren nicht mehr gesehen. Umso überraschender ist es für ihn, als sie ihm nach ihrem Tod ein Anwesen vererbt. Als Lenny das Haus aufsucht, wird er mit seiner Vergangenheit konfrontiert, in der auch Sheena eine wichtige Rolle spielt.

MIDNIGHT SOLITAIRE: Vier Fremde suchen während eines heftigen Schneesturms Unterschlupf in einem Motel. Schon bald müssen sie feststellen, dass ein verrückter Killer ihnen nach dem Leben trachtet. Und einer der Gruppe kennt den Mörder, denn er ist schon seit Jahren hinter ihm her …

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Zwei Kurzromane in einem Band von einem meiner Lieblingsschriftsteller Greg F. Gifune. Das ist ja fast wie Weihnachten. 😉
Ich habe mit „Judas Goat“ begonnen, weil mich da schlichtweg die Inhaltsangabe mehr angesprochen hat. Und ich lag richtig: „Judas Goat“ ist, zumindest für mich, die bessere Geschichte. Aber der Reihe nach:
Gifunes Schreibstil ist wie gewohnt, sehr hochwertig. Und auch in diesem etwas kürzeren Roman versprüht der Autor zwischen all seinen mystischen und gruseligen Momenten jede Menge Melancholie, wie man es von ihm kennt. Es ist immer wieder ein Genuss, Gifunes Protagonisten dabei zu begleiten, wenn sie in ihre Vergangenheit zurückkehren und diese bewältigen (wollen). Gifune hat in „Judas Goat“ sein altbewährtes Konzept angewandt, das zwar an manch anderen seiner Romane erinnert, aber keineswegs langweilig wirkt und einen „Schon mal gewesen“-Effekt erzielt. Die Story ist sehr atmosphärisch aufgebaut und zieht den Leser sofort in ihren Bann. Ich habe das einsame und abgelegene Anwesen deutlich vor meinem inneren Auge gesehen und war dadurch hautnah in der Geschichte mit dabei. Genau solche Storys wie „Judas Goat“ sind es, die mich zu einem absoluten Fan von Greg F. Gifune machten. Er hat mich wieder einmal alles andere als enttäuscht.

Kommen wir nun zur zweiten Geschichte mit dem Titel „Midnight Solitaire“, die natürlich wieder für Gifune typische Elemente enthält, aber sich von „Judas Goat“ dennoch ein wenig unterscheidet. Während in der zuerst von mir besprochenen Story eher wenig Action passiert, verhält es sich bei „Midnight Solitaire“ schon ein wenig anders. Der Plot hat mich desöfteren an einen typischen Slasherfilm der 80er Jahre erinnert, in dem sich ein paar Protagonisten einem gefährlichen Killer gegenüberstehen und um ihr Überleben kämpfen müssen. Hier wendet Gifune eindeutig mehr Action an und erzählt sehr rasant ein Belagerungsszenario in einem einsamen Motel. Doch auch hier kommen Elemente vor, die mir an Gifune so sehr gefallen und in denen er Lebensweisheiten beschreibt, die man entweder selbst bereits kennt oder über die man sich dann zumindest Gedanken macht. Die Geschichte ist allerdings ein wenig vorhersehbar, zumindest was die Handlungsweise der Protagonisten betrifft. Hier könnte man durchaus sagen, dass man das alles entweder schon mal gelesen oder in einem Film gesehen hat. Aber Gifune verleiht der Geschichte dennoch einen ganz eigenen Touch, der im Gedächtnis des Lesers haften bleibt und ihn nicht unbefriedigt zurücklässt. Gifunes ruhigere Geschichten sprechen mich persönlich aber eindeutig mehr an, nur mal so nebenbei. 😉

Beide Novellen unterstreichen wieder einmal das Können von Greg F. Gifune und fügen sich in das Schaffenswerk des Autors nahtlos ein. Atmosphärischer und melancholischer kann man Mystery-Horror-Thriller nicht schreiben. Greg F. Gifune muss man einfach lesen. Es „menschelt“ in seinen Geschichten so sehr, dass man süchtig danach wird.

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Fazit: Zwei atmosphärische und melancholische Novellen von einem Meister seines Fachs.

© 2018 Wolfgang Brunner für Buchwelten

Ein notwendiges Übel von Abir Mukherjee

Ein notwendiges Uebel von Abir Mukherjee

Erschienen als Taschenbuch
im Heyne Verlag
insgesamt 494 Seiten
Preis: 9,99 €
ISBN: 978-3-453-43920-7
Kategorie: Krimi, historischer Roman

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Ein Jahr nach seiner Ankunft in Britisch-Indien und seinem ersten Fall wird der Sam Wyndham erneut mit einer Mission betraut: Der Thronfolger von Sambalpur ist ermordet worden und die Regierung hat großes Interesse an der Ergreifung des Täters. Sam und sein indischer Freund und Sergeant Surrender-not reisen ins Reich des ermordeten Maharadschas und decken mühsam die Hintergründe des Mordes im undurchschaubaren Machtgefüge von Sambalpur auf …

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Sam Wyndham kehrt zurück. Und, man möchte es kaum glauben, sogar noch besser als im ersten Teil „Ein angesehener Mann“ der Reihe.  Erneut entführt Mukherjee seine Leser in ein fremdes Land und beeindruckt durch seine hervorragenden Kenntnisse, was die Eigenheiten dieses Landes und jener Zeit betrifft. Der zweite Teil der Sam Wyndham-Reihe macht, genauso wie der erste, schlichtweg süchtig und man muss sich zwingen, das Buch aus der Hand zu legen. Zu den wirklich beindruckenden Hintergrundinformationen gesellt sich ein flüssiger, hochwertiger und äußerst angenehmer Schreibstil, der sein übriges dazu tut, dass an immer weiterlesen möchte Mukherjee besitzt außerdem einen ungewöhnlichen Humor, der einem immer wieder zum Schmunzeln bringt. „Ein notwendiges Übel“ ist Historienroman, Krimi und Thriller in einem. An manchen Stellen schimmert sogar ein ganz klein wenig eine zarte Liebesgeschichte hervor.

Und auch hier zeigt sich der Ermittler Sam Wyndham von seiner herrlich erfrischenden Seite, in dem er nämlich absolut nicht dem gängigen Klischee eines Ermittlers entspricht, sondern Schwächen zeigt. Auch die Ausflüge in „seine“ Opiumwelt finden hier im zweiten Teil genauso Beachtung wie schon im ersten. Doch trotz der unkonventionellen Beschreibung der beiden Ermittler liest sich Abir Mukherjees zweites Buch an vielen Stellen wie ein klassischer Krimi im Stil von Agatha Christie. Der verzwickte Plot lässt einen miträtseln und selbst Überlegungen anstellen. Mukherjee hat die Handlung sehr geschickt aufgebaut und lenkt den Leser immer wieder in eine andere Richtung, so dass in keiner (Lese-) Minute Langeweile aufkommt. Man wird von der Handlung wirklich mitgerissen, so rasant geht sie voran.
Vor allem auch aus handwerklicher Sicht lässt Abir Mukherjee keine Wünsche offen. Er beschreibt souverän die Geschehnisse und macht dies auch so bildhaft, dass man meint, unmittelbar dabei zu sein.

Auch als Laie sind die politischen Rangeleien und Verstrickungen einigermaßen gut erklärt, dass man ihnen zumindest folgen kann. Und selbst wenn man als Leser an solchen Intrigen nicht interessiert ist, richtet Mukherjee sein Augenmerk dazwischen immer wieder auf andere Dinge, so dass man niemals genervt das Buch zur Seite legt. Das liegt aber auch an der nahezu perfekten Ausdrucksweise des Autors, der einen sämtliche Dinge, die langatmig sein könnten, vergessen lässt. Die historischen und/oder politischen Aspekte sind jedoch gegenüber der Krimihandlung sehr ausgewogen gehalten und wirken dadurch weder konstruiert noch explizit ausufernd. Genau genommen ist es genau die richtige Mischung, die Mukherjee hier anwendet: Auf der einen Seite unterhält er den Leser, der „nur“ unterhalten werden will, auf der anderen Seite informiert auch diejenigen Leser, die neben der Unterhaltung auch ein Stück Geschichte miterleben wollen. Auch hier möchte ich gern das Wort „perfekt“ verwenden.
Als Fan bleibt mir nur zu hoffen, dass Abir Mukherjee mit seiner Sam Wyndham-Reihe weitermacht – oder zumindest seine schriftstellerische Tätigkeit nicht einstellt. 😉

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Fazit: Fast besser als der Vorgänger. Witzig, spannend, informativ und äußerst stimmungsvoll.

© 2018 Wolfgang Brunner für Buchwelten

Die sieben Kreise der Hölle von Uwe Wilhelm

Die sieben Kreise der Hoelle von Uwe Wilhelm

Erschienen als Taschenbuch
bei Blanvalet
insgesamt 4746Seiten
Preis: 9,99 €
ISBN: 978-3-7341-0345-2
Kategorie: Krimi, Thriller

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Die Staatsanwältin Helena Faber hat ihren letzten Fall noch nicht wirtklich abgeschlossen, als sie ein neuer Albtraum erwartet: Ihre beiden Töchter wurden entführt. Es scheint, als bestehe eine Verbindung zum Dionysos-Fall, in dem Faber ermittelte. Eine Jagd beginnt, die Helena in eine schreckliche Welt führt, in der Menschenhandel und Kindesmissbrauch an der Tagesordnung ist. Und der Gedanke, dass sich Helenas Kinder in der Gewalt genau dieser Menschen befindet, treibt sie zum Wahnsinn …

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Was für ein Buch! Ähnlich wie im ersten Teil „Die sieben Farben des Blutes“ geht Uwe Wilhelm auch bei der Fortsetzung  seiner Trilogie um die Staatsanwältin Helena Faber von Anfang an in die vollen. Teil 2 beginnt, wo Teil 1 endet und man erliegt dem unglaublichen Sog von Wilhelms spannendem Schreibstil erneut nach nur wenigen Sätzen. Da wird keine Zeit mit Erklärungen und Rückblenden verschwendet – der Leser wird sofort ins kalte Wasser geworfen. Ähnlich wie die Protagonisten, die nämlich selbst nicht weiß, wo ihr der Kopf steht bei all den Geschehnissen, die um sie herum passieren. „Die sieben Kreise der Hölle“ übertrifft selbst den ersten Teil der Reihe, und der hat mich schon mehr als fasziniert und begeistert. Uwe Wilhelm schreibt seinen Plot konsequent fort, verwandelt die taffe Helena Faber in eine hilflose und verzweifelte Mutter, die aber dennoch mit aller Macht versucht, alles in den Griff zu bekommen. Rasant und atemberaubend zieht die Handlung an einem vorüber und man vergisst teilweise, dass man ein Buch in der Hand hält, denn Wilhelms Schilderungen sind dermaßen filmreif, dass sich die Buchstaben in bewegte Bilder verwandeln.

Thematisch begibt sich Uwe Wilhelm dieses Mal wortwörtlich in eine Hölle, die den Leser umso mehr erschreckt, weil sie mit viel Hintergrundwissen sehr detailliert und nachvollziehbar geschildert wird. Kindesentführung, -misshandlung und Menschenhandel werden hier behandelt, dass es einem eine Gänsehaut nach der anderen über den Rücken jagt. Verbunden mit dem unglaublich schnellen Erzählstil kommt man kaum zum Atemholen, so spannend wird der Plot serviert. Uwe Wilhelm hat einen Thriller geschaffen, der nachwirkt und den Leser beschäftigt. Wilhelm bedient mit seiner Thriller-Reihe zwar das Mainstream-Publikum, bewegt sich aber mit seinen Werken definitiv außerhalb der gängigen Klischees im Thriller-Genre. Er packt Tabuthemen an. Aber nicht nur das, er schildert sie auch wirklich schonungslos und brutal, überschreitet manchmal sogar Grenzen und kann dadurch absolut überzeugen. Ich kann gar nicht mehr aufzählen, wie oft ich mir während des Lesens gedacht habe: „Wow, was für ein Hammerbuch!“
Wer Berlin kennt, wird zusätzlich noch seine wahre Freude haben, wenn die Protagonisten durch Stadtteile hetzen, die man durch die detaillierten Beschreibungen (Straßennamen) ganz klar vor Augen hat. „Die sieben Kreise der Hölle“ macht unglaublich Spaß, was, wie schon beim ersten Teil, auch an den wunderbaren und authentischen Dialogen liegt. Wilhelm legt seinen Protagonisten nämlich Worte in den Mund, die die meisten von uns ebenfalls genau so sagen würden.

Der zweite Teil der Helena Faber-Trilogie baut auf dem ersten Teil auf, so dass man wirklich mit Teil 1 beginnen sollte. Interessant ist dadurch nämlich auch die Entwicklung der Charaktere. Viele Entwicklungen im Plot sind nicht vorhersehbar und machen das Buch extrem spannend. Beim Ende fühlte ich mich an eine gewisse Filmreihe erinnert, empfand dies aber, sofern ich mit meiner Vermutung richtig liege, eher als eine Verbeugung seitens des Autors. Insgesamt führt „Die sieben Kreise der Hölle“ konsequent den Geist von „Die sieben Farben des Blutes“ weiter, verbindet die beiden (im Grunde genommen eigenständingen) Geschichten zu einem einzigen Plot, der, gesamt gesehen, absolute Logik zeigt. Das Ende ist, wie ich es nicht anders erwartet habe, eine grandioser Cliffhanger, der den Leser wie einen begossenen Pudel zurücklässt. Einerseits hat die Geschichte zwar ein Ende gefunden, andererseits lassen die Entwicklungen der ersten beiden Teile auf ein bombastisches Finale hoffen. Ich bin überzeugt, dass Uwe Wilhelm meine Hoffnungen erfüllen wird, denn schon mit dem vorliegenden zweiten Teil hat er eindeutig bewiesen, dass eine Steigerung gegenüber dem ersten Teil machbar war. Für mich zeigt „Die sieben Kreise der Hölle“, dass Thriller auch mal abseits des Mainstreams möglich sind und sogar bei weitem besser unterhalten als Werke, die nach einem bestimmten Schema verfasst werden. Wilhelm hat eine Protagonistin erschaffen, die manchmal sympathisch und manchmal weniger sympathisch wirkt. Glaubwürdiger kann man eine Heldin nicht machen. Daumen hoch für diesen Wahnsinns-Thriller.

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Fazit: Noch spannender als Teil 1. Temporeicher geht fast nicht.

© 2018 Wolfgang Brunner für Buchwelten

Die Einkreisung von Caleb Carr

Die Einkreisung von Caleb Carr

Erschienen als Taschenbuch
im Heyne Verlag
insgesamt 734 Seiten
Preis: 9,99 €
ISBN: 978-3-453-50398-4
Kategorie: Thriller, Krimi

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Im New York des Jahres 1896 ermitteln Polizeichef Theodore Roosevelt und der Wissenschaftler Dr. Kreisler zusammen mit dem Zeitungsreporter John Moore und der Polizeisekretärin Sara Howard in einem grauenvollen Mordfall. Es handelt sich dabei um eine Mordserie, die die Stadt erschüttert. Mittels eines detaillierten Psychogramms des Mörders gelingt es Dr. Kreisler, den Kreis der Verdächtigen Schritt für Schritt  einzuengen und dem Serienkiller immer näher zu kommen.

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Es dauert nicht lange und man ist mittendrin im Geschehen. Vor allem in der grandios geschilderten, damaligen Zeit, in der dieser extrem spannende Psychothriller spielt. Caleb Carr gelingt es mühelos, die Stimmung des ausgehenden neunzehnten Jahrhunderts einzufangen und man fühlt sich bereits nach wenigen Seiten heimisch im alten New York mit all seinen zwielichtigen Stadtteilen und unheimlichen Gassen. Es ist wirklich atemberaubend detailgetreu geschildert, wie die Ermittlungen vorangehen und mit welcher Hingabe sich die Protagonisten ihrer Aufgabe widmen. An manchen Stellen dachte ich, es handle sich bei „Die Einkreisung“ um einen Roman des hervorragenden Dan Simmons, der bei seinen letzten Büchern in ähnlicher Weise historische Tatsachen mit fiktiven Elementen vermischte („Terror“, „Drood“ oder „Der Berg“). Carr hat einen dermaßen flüssigen Schreibstil, dass man über seine teils langatmig ausufernden Beschreibungen mit einer Leichtigkeit hinweg liest und dabei noch unglaublichen Spaß hat.

Ich sah durchgehend die Ermittlungsarbeiten und die Ereignisse als Film vor meinem inneren Auge, was eindeutig für die bildhafte Schreibweise des Autors spricht. Und nun ist dieser großartige Roman auch als Serie verfilmt worden, da kann man nur gespannt sein, wie die Umsetzung gelang. „Die Einkreisung“, im Original „The Alienist“, ist ein unglaublich stimmungsvoller Roman, der von den Beschreibungen der alten Zeit lebt und den damit verbundenen, erschwerten Ermittlungsarbeiten. Die Vorgehensweise der Detektive und die psychologischen Überlegungen des Wissenschaftlers machen unglaublich Spaß und sind in jedem Satz absolut nachvollziehbar. Es mag sein, dass sich der Plot gegen Ende hin tatsächlich etwas in die Länge zieht, wie von vielen Lesern kritisiert, aber gerade das „Sich Zeit lassen“ im Finale rundet für mich die komplette Geschichte ab und bringt keinen abrupten Cut, wie das leider bei vielen Büchern dieser Art der Fall ist. Caleb Carr beschreibt in seinem Roman die Ursprünge des Profilings, wie wir es heute kennen. Die Sisyphusarbeit, mit der man sich zur damaligen Zeit an die Auflösung eines solch spektakulären Falls machte, ist sehr authentisch beschrieben.

Caleb Carrs Psychogramm eines Mörders und die damit verbundenen Ermittlungsarbeiten ist für mich ein absolutes Genre-Highlight, das ich nicht so schnell vergessen werde. Gerade die ausführlichen Beschreibungen, die vielen als Längen vorkommen, machen die Atmosphäre des Romans aus. Es ist ein Fall zum Mitdenken, der den Leser hier erwartet. Einige Szenen können durchaus als brutal und blutig bezeichnet werden, aber das Hauptaugenmerk richtet Caleb Carr definitiv auf die psychologische Seite eines solchen Täters. Das Buch ist durchgehend enorm stimmungsvoll, was zur Folge hat, dass man sich auf jeder Seite absolut ins Jahr 1896 zurückversetzt fühlt. Die Protagonisten erinnerten mich an manchen Stellen ein wenig an Arthur Conan Doyles Helden Holmes und Watson,  so dass auch hier eine gewisse Nostalgiekomponente erreicht wird, die sich durch den ganzen Roman zieht. Carr erweckt auf hohem literarischen Niveau eine vergangene Epoche wieder zum Leben und lässt den Leser an einem faszinierenden Kriminalfall in atmosphärischer Kulisse teilhaben. „Die Einkreisung“ ist ein ruhiges Buch, das weitestgehend auf temporeiche Action verzichtet und sich mehr auf die Protagonisten und deren Ermittlungsarbeiten konzentriert. Gerade diese Ruhe macht Caleb Carrs Roman für mich zu einem beeindruckenden, bildgewaltigen Ausnahmebuch unter den unzähligen Thriller, die blutrünstige Morde in den Vordergrund stellen. Obwohl „Die Einkreisung“ erst aus dem Jahr 1994 stammt, erscheint das Buch einem wie der Inbegriff des Serienkiller-Romans, was wahrscheinlich an der außergewöhnlich guten Schilderung der alten Zeit liegt, die dem Leser vorspiegelt, es würde sich auch um einen entsprechend „alten“ Roman handeln.
„Die Einkreisung“ sollte man unbedingt gelesen haben. Ich bin schon sehr auf die Serienumsetzung gespannt.

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Fazit:  Ruhiger, atmosphärisch dichter Thriller um einen Serienkiller, der in einer beeindruckend geschilderten Vergangenheit spielt.

© 2018 Wolfgang Brunner für Buchwelten

Midnight, Texas – Geisterstunde von Charlaine Harris

Midnight Texas – Geisterstunde von Charlaine Harris

Erschienen als Taschenbuch
im Heyne Verlag
insgesamt 432 Seiten
Preis: 9,99 €
ISBN: 978-3-453-31915-8
Kategorie: Thriller, Horror

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Der Hellseher Manfred hat in Dallas einen Auftrag bekommen. Dabei trifft er auf die schöne Olivia, die ebenfalls aus seiner neuen Heimatstadt Midnight stammt. Kurze Zeit später wird ein Ehepaar tot aufgefunden, mit dem sich Olivia noch wenige Augenblick vorher amüsierte. Und dann kommt auch noch Manfreds Kundin zu Tode. Als die Polizei Manfred immer mehr unangenehme Fragen stellt und die Presse ihn in Midnight aufsucht, zweifelt der Hellseher an seiner Entscheidung, nach Midnight gezogen zu sein. Und dann taucht auch noch ein Junge in der Stadt auf, der zehnmal so schnell altert, wie es normale Menschen tun. Manfred ist mehr denn je sicher, dass in Midnight irgendetwas nicht mit rechten Dingen zugeht.

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Der zweite Teil von Charlaine Harris‘ neuer Romanreihe schließt nahtlos an den ersten Teil an. Es dauert nicht lange und man fühlt sich wieder „daheim“ und wohl in der Gesellschaft all jener Menschen und „Gestalten““, die sich in Midnight aufhalten. Harris‘ verlegt den Handlungsstrang erst einmal nach Dallas und verlässt Midnight. Aber der Roman ist dennoch eine Rückkehr in diese geheimnisvolle und verrückte Welt, die immer noch an manchen Stellen ein wenig an die „True Blood“-Reihe erinnert.  Irgendwie kam es mir dieses Mal aber vor, als lege die Autorin mehr Wert auf Thriller- und Krimi-Elemente, was aber nicht weiter stört. Im zweiten Teil erfährt der Leser nun etwas mehr über die geheimnisvolle Olivia, was den Plot an sich erfrischt. Dennoch geraten die anderen Bewohner des mysteriösen Städtchens Midnight nicht in den Hintergrund, sondern sind permanent mit dabei. Harris baut neue Personen mit in die Handlung, nimmt Veränderungen (Neuerungen) am Stadtbild vor und lässt dadurch niemals Langeweile aufkommen. „Midnight, Texas – Geisterstunde“ liest sich ungemein flott und kurzweilig. Das liegt in erster Linie an dem sehr flüssigen Schreibstil, der die Seiten nur so dahinfliegen lässt, zum anderen aber auch an der sympathischen Beschreibung der Protagonisten und deren Handlungen.

Die Fortführung des Plots ist Harris auf jeden Fall gelungen und sie konnte mich mit den Entwicklungen in Midnight überzeugen. Hin und wieder haben sich ein paar Mängel eingeschlichen, was die Konstruktion der Geschichte betrifft, denn manche Dinge wirkten auf mich etwas an den Haaren herbeigezogen und schlichtweg zu einfach gelöst. Aber das mag nur für mich zutreffen und wird den ein oder anderen bestimmt nicht stören (oder gar auffallen 😉 ).
„Midnight, Texas – Geisterstunde“ erscheint mir wie eine wilde Mischung aus Thriller und Krimi mit Mystery- und Horrorelementen. Charlaine Harris bleibt sich somit ihrem Stil treu, in dem sie sämtliche Konventionen einfach über den Haufen wirft und schreibt, was sie sich denkt. Das macht diese Serie genauso erfrischend und abgedreht, wie es bereits „True Blood“ getan hat. Fans werden also wieder Freude an diesem Roman haben. Ich hatte während des Lesens permanent im Hinterkopf, dass die Bücher verfilmt wurden, so dass ich tatsächlich bewegte Bilder vor meinem inneren Auge hatte. Dabei handelte es sich aber nicht um das sogenannte Kopfkino, das ich bei jedem Buch habe, sondern ich sah eine Verfilmung vor mir. Ich denke auch, dass die Filme sogar mehr Wirkung zeigen, als es die Bücher schaffen, denn die Handlung von „Midnight, Texas“ ist optimal für den Bildschirm geeignet.

Aber auch im zweiten Teil der Reihe hatte ich Schwierigkeiten, mir die Protagonisten als junge Leute vorzustellen. Ich sah unentwegt Frauen und Männer in mittlerem Alter vor mir. Das liegt mit Sicherheit daran, dass ihnen bestimmte Verhaltensweisen zugeschrieben werden, die in meinen Augen nicht auf junge Leute zutreffen. Ich kann es nicht näher erklären, aber ich sehe die Protagonisten durch die Bank in einem anderen (höheren) Alter. Gegen Ende hin entwickelt sich der Roman dann wieder in die Richtung, die man erwartet hat: Fremdartige, mystische Wesen, die sich in unseren Alltag einschleichen. Die Entwicklung erinnerte mich dann schon wieder viel mehr an „True Blood“ und hat mir sehr gut gefallen. Auch das kann ich mir als Serie absolut gut vorstellen.
„Midnight, Texas“ ist trotz vieler Parallelen zu „True Blood“ dennoch irgendwie anders. Besonders gefallen hat mir noch, dass Harris Anspielungen auf ihre anderen Buchreihen („True Blood“ wurde schon genannt, aber auch die Buchreihe um Lily Bard) eingebaut hat. Das lässt Erinnerungen wach werden und trägt vielleicht sogar dazu bei, „Midnight, Texas“ besser zu machen, als es eigentlich ist. Denn eines ist für mich (leider) gewiss: „Midnight, Texas“ wirkt an manchen Stellen ein wenig uninspiriert und unausgegoren. Ich will damit nicht sagen, dass mir die neue Serie nicht gefällt, ganz und gar nicht, aber „True Blood“ war definitiv stimmungsvoller und vor allem innovativer, was den abgedrehten Genremix betrifft. Auf alle Fälle schafft es die Autorin, mich auf den dritten Teil mit dem Titel „Nachtschicht“ neugierig zu machen. 🙂
Und auf die Verfilmung bin ich ebenfalls sehr, sehr gespannt.

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Fazit: Gelungener zweiter Teil der Mystery-Horror-Serie, der anfangs eher in Richtung Krimi geht.

© 2018 Wolfgang Brunner für Buchwelten