Sturm von Uwe Laub

Sturm von Uwe Laub

Erschienen als Taschenbuch
im Heyne Verlag
insgesamt  400 Seiten
Preis: 14,99 €
ISBN: 978-3-453-41980-3
Kategorie: Thriller, Science Fiction

.

Überall auf der Erde verändert sich das Wetter auf drastische Weise. Starke Temperaturschwankungen und Tornados verwüsten weltweit Städte und Dörfer. Der Meteorologe Daniel Bender und die Wissenschafts-Assistentin Laura Wagner kommen bei ihren Nachforschungen einer unglaublichen Wahrheit auf die Spur, die beweist, dass das Wetter manipuliert wird …

.

Schon auf den ersten Seiten spürt man, was einen beim neuen (zweiten) Roman von Uwe Laub erwartet: ein Pageturner, der an die Filmblockbuster von Roland Emmerich erinnert. Laub wirft den Leser ohne Umschweife in ein spannendes Szenario hinein, hält sich nicht mit langen Einführungen auf, sondern geht gleich aufs Ganze. Erklärungen folgen später und werden geschickt in den Handlungsablauf eingebaut, so dass man gar nicht richtig bemerkt, dass man beim Lesen auch noch so einiges über das Phänomen Wetter lernt. „Sturm“ ist ein Wissenschaftsthriller, der an manchen Stellen auch an Michael Crichton erinnert, jedoch geht Uwe Laub einen eigenständigen Weg mit seinem kurzweiligen und absolut flüssig zu lesenden Schreibstil. Interessanterweise baut man trotz des unheimlich actionreichen Plots dennoch eine Beziehung zu den beiden Hauptprotagonisten auf, obwohl eigentlich gar keine Zeit für eine tiefgehende Charakterzeichnung bleibt. Diese Tatsache zeigt, dass Laub sich auszudrücken vermag und dem Leser auch zwischen den Zeilen ein „Bild“ fürs Kopfkino liefert.

Ähnlich wie der bereits erwähnte Michael Crichton entwirft Uwe Laub ein erfundenes Szenario um eine längst schon existierende Realität. Wettermanipulationen gibt es schon sehr lange und die technischen Mittel, die Uwe Laub beschreibt, existieren ebenfalls schon oder befinden sich zumindest in der Entwicklung. Alleine vor diesem realen Hintergrund wirkt der Roman noch erschreckender und düsterer, als er es ohnehin schon wäre, wäre wirklich alles nur reine Erfindung. Laub hat hervorragend recherchiert, das merkt man immer wieder an den Stellen, in denen Vorgänge erklärt werden. Doch diese Informationen wirken an keiner Stelle aufdringlich oder gar oberlehrerhaft, sondern sind geschickt in Dialoge verbaut, die oftmals filmreif wirken. Die Dialoge sind es auch, die mich unter anderem in „Sturm“ sehr angesprochen haben. Da wirkte kein Gespräch irgendwie gekünstelt oder zwanghaft konstruiert, sondern extrem natürlich und daher glaubhaft. Die Geschehnisse in „Sturm“ erinnern zwangsläufig so manches Mal an „Twister“ oder den aktuellen „Geostorm“, aber der Plot des Romans geht einen weitaus innovativeren und besseren Weg, in dem er nämlich nicht nur die reinen Naturgewalten ins Spiel bringt, sondern auch den Menschen selbst.

„Sturm“ ist sehr realitätsnah. Das liegt zum einen an der hervorragenden Recherche, die jede der Wetterkatastrophen verständlich erklärt und zum anderen an dem unglaublich fesselnden Schreibstil, der den Leser unweigerlich mitreißt. „Sturm“ ist ein Pageturner, wie er besser nicht sein könnte: Eine spannende Handlung, gepaart mit sympathischen Protagonisten und einem gehörigen Anteil realer Fakten, denen sich die meisten Menschen wohl nicht bewusst sind. Wettermanipulationen gehören zum täglichen „Geschäft“ der Nationen und Uwe Laub spinnt daraus eine extreme Zukunftsentwicklung, die dennoch dermaßen wirklichkeitsnah wirkt, dass es einem Angst macht. Und genau diese Zutaten (Realitätsnähe, spannende Handlung und glaubwürdige Charaktere) machen „Sturm“ zu einem wirklich außerordentlichen Leseerlebnis, das man nicht so schnell vergisst. Laub wird nie zu speziell, wenn es um die technischen und wissenschaftlichen Erklärungen geht, sondern baut sie so in die Handlung ein, dass sie keinesfalls trocken sondern im Gegenteil hochgradig interessant wirken. Durch die kurz gehaltenen Kapitel fliegt man geradezu durch das Buch, denn man möchte nach jedem Kapitel unbedingt wissen, wie es weitergeht. Das verschafft dem Roman eine Rasanz, die an die Werke von James Rollins oder Matthew Reilly erinnern. Für mich stellt „Sturm“ eine großartige Neuentdeckung auf dem Gebiet des deutschen Wissenschaftsthrillers und Spannungsromans dar, so dass ich Uwe Laub definitiv im Auge behalten werde. Und ich werde natürlich zusehen, dass ich so schnell wie möglich seinen Debütroman „Blow Out“ in meinen Besitz bringe.

.

Fazit: Spannender Wissenschaftsthriller mit einem beängstigenden Szenario und sympathischen Protagonisten.

© 2018 Wolfgang Brunner für Buchwelten

Advertisements

Marie von Steven Uhly

Marie von Steven Uhly

Erschienen als Taschenbuch
im btb Verlag
insgesamt 272 Seiten
Preis: 10,00 €
ISBN: 978-3-442-71552-7
Kategorie: Drama, Belletristik, Gegenwartsliteratur

.

Die Familie der kleinen Chiara gerät mitsamt ihrem Bruder und ihrer Schwester immer mehr aus den Fugen. Die Eltern sind getrennt und eine dunkle Geschichte aus der Vergangenheit wird von allen totgeschwiegen. Chiara nimmt in Gedanken einen anderen Namen an und nennt sich Marie, weil sie sich mit dieser Identität einfach besser fühlt. Als ihre Mutter einen Unfall hat, kommt Chiara dem Geheimnis aus der Vergangenheit immer näher …

.

Dieser Roman ist ein einfühlsames Familiendrama, das sämtliche Probleme aus verschiedenen Sichtweisen beleuchtet. Unter anderem geht es auch um häusliche Gewalt und Kindesmisshandlung, die aber nie explizit geschildert wird. Uhly meistert die Gratwanderung zwischen schockierenden Ereignissen und liebevollen Begebenheiten grandios. In einem sehr flüssigen, unkonventionellen Schreibstil nimmt der Autor seine Leser mit auf eine außergewöhnliche Reise, in der Hass, Misstrauen, Gewalt, Angst, aber auch Hoffnung und Liebe eine große Rolle spielen. Steven Uhly packt den Leser von der ersten Seite an, nimmt ihn gefangen und lässt ihn schlichtweg nicht mehr los. Man spürt die Emotionen der Kinder, nimmt aber auch an der Unsicherheit der Mutter großen Anteil und beginnt schon bald, die Zusammenhänge zu verstehen, die zu der misslichen Lage, in der sich alle befinden, geführt haben. „Marie“ berührt tief, zeigt aber auch ganz deutlich, dass es immer wieder einen Hoffnungsschimmer geben kann. Faszinierend empfand ich persönlich, dass man sowohl die Kinder (verständlich, denn sie sind schließlich „hilflose“ Kinder) verstehen konnte, aber auch die Eltern, vorzugsweise die Mutter. Der Leser begleitet das Schicksal der getrennt lebenden Elternparteien genauso intensiv wie das Leid und die Gedankengänge der Kinder. Steven Uhly ist ein bewegendes Porträt einer Familie gelungen, das unzählige Male in der Wirklichkeit um uns herum geschieht. Durch sein Einfühlungsvermögen in die Gedankenwelt beider Parteien (Kinder und Erwachsene) liefert der Autor einen umfassenden, schockierenden Einblick in das Schicksal von Scheidungskindern, die im Umfeld teilweise unfähiger Erwachsener aufwachsen (müssen).

Die Unfähigkeit der Mutter, ihre Selbstsucht und die immer wieder auftretende Hilflosigkeit gegenüber alltäglichen Dingen, wird so gekonnt beschrieb, dass sie absolut nachvollziehbar (aber keineswegs verständlich) sind. Das Buch erscheint einem in Nachhinein wie ein Traum des Mädchens Chiara, das sich hinter einer anderen Identität versteckt, um ihre Vergangenheit damit zu bewältigen und/oder auch zu verdrängen. Virtuos wirft Uhly den Leser in die Verhältnisse der kaputten Familie hinein und zwingt ihn, bei den inneren und äußeren Kämpfen seiner Protagonisten zuzusehen, zuzuhören und mitzufühlen. Und dennoch schwebt das zarte Band der Liebe fortwährend durch die grauenvollen Schilderungen, als könne nichts und niemand diese Himmelsgewalt aufhalten, am allerwenigsten in den Gedanken von Kindern. „Marie“ trifft mitten ins Herz.

Steven Uhlys neuer Roman ist die Fortsetzung seines Erfolges „Glückskind“, den man aber nicht zu kennen braucht, um der „neuen“ Handlung, der Fortführung der Geschichte, folgen zu können. „Marie“ kann ohne weiteres als eigenständiges Werk behandelt werden und besitzt auch ohne irgendwelche Vorkenntnisse einen gewaltigen Tiefgang. Es ist eine große Tragödie, der man beiwohnt, und die man schmerzlich mitverfolgt, ohne davon lassen zu können. „Marie“ ist ein Pageturner, den man nicht aus der Hand legen kann, weil man schlichtweg mitfiebert, wie es den Kindern ergeht. Und, wie oben schon erwähnt, versteckt sich aber zwischen den Zeilen so viel Hoffnung und Liebe, dass die Geschichte letztendlich doch wieder irgendwie gut tut. „Marie“ ist grausam und poetisch, deprimierend und zuversichtlich zu gleichen Teilen. Der Roman ist eine Geschichte aus dem wirklichen Leben, die zum Nachdenken anregt. Vor allem, wenn man selbst Kinder hat, bekommt der Roman eine noch intensivere Wirkung als er ohnehin schon hat. Uhly ist ein bewegendes Meisterwerk gelungen, das noch lange nachwirkt und durch seinen eigenwilligen, präzisen und emotionalen Schreibstil beeindruckt.

.

Fazit: Einfühlsam, traurig, bewegend, emotional, deprimierend und dennoch hoffnungsvoll. Eine beeindruckende Familientragödie.

© 2018 Wolfgang Brunner für Buchwelten

Ein wilder Schwan von Michael Cunningham

Ein wilder Schwan von Michael Cunningham

Erschienen als gebundene Ausgabe
im Luchterhand Verlag
insgesamt 156 Seiten
Preis: 19,00 €
ISBN: 978-3-630-87491-3
Kategorie: Märchen, Belletristik, zeitgenössische Literatur

.

Rumpelstilzchen, Hänsel und Gretel, Schneewittchen und Rapunzel – wer kennt diese Märchen nicht? Aber Michael Cunningham erzählt sie nun vollkommen anders, berichtet über die Hintergründe jener Geschichten und schreibt Prequels und Sequels. Und nicht immer ganz jugendfrei …

.

Bei diesen Märchen-Neuinterpretationen scheiden sich wohl die Geister, wenn man sich verschiedene Rezensionen durchliest. Die einen sind hellauf begeistert, wozu ich mich zähle, und die anderen finden Cunninghams Geschichten langweilig und uninspiriert. Cunninghams Schreibstil ist gewohnt hoch und er kann mit seinen Gedanken, die oftmals zum Nachdenken anregen, schlichtweg verzaubern. Doch der Autor, dessen Meisterwerke wie „The Hours – Die Stunden“ oder „Ein Zuhause am Ende der Welt“ noch nach Jahren im Gedächtnis des Lesers haften bleiben, nimmt den Märchen an manchen Stellen die Mystik, in dem er etwas derb den Plot in unsere Wirklichkeit verlegt. Das funktioniert aus meiner Sicht unglaublich gut, kommt aber anscheinend bei anderen Lesern nicht so gut an. Michael Cunningham „spielt“ mit den bekannten Märchen, erzählt eine Vor- und/oder Nachgeschichte und passt die Charaktere der Realität an, verbannt sie sozusagen aus der Märchenwelt, wie wir sie kennen. Das ist zum einen erfrischend, zum anderen aber auch sehr geschickt verändert, so dass man in manchen Geschichten unsere Wirklichkeit wiedererkennt.

Michael Cunningham kann Geschichten erzählen, das hat er mit vielen Romanen mehrfach bewiesen. In „Ein wilder Schwan“ traut er sich einfach mal etwas anderes, geht über seine Grenzen hinaus und wird hin und wieder sogar lynchesk „abgedreht“. Das ist mit Sicherheit nicht jedermanns Sache, aber wenn man sich auf die Ideen einlassen kann, wird man mit einem ironischen, augenzwinkernden Blick in unsere echte Welt belohnt, der zeigt, wie aktuell „alte“, klassische Märchen sein können. Cunningham geht oft auf die menschliche, emotionale Seite der Protagonisten ein, die in den Originalen oftmals fehlen. Er zeigt, dass sich hinter den Märchenwesen echte Menschen und Charaktere verstecken könnten, so dass man den verklärten Blick auf eine Märchenwelt manchmal vergisst und darüber nachdenkt, ob die Inspirationen, aus denen diese Geschichten einst wurden, vielleicht sogar ihren Anfang in einer wahren Begebenheit fanden. Cunningham nimmt den Märchen ihren Zauber, das ist keine Frage, aber er verleiht ihnen eine neue Art von Zauber, der so manches Mal sogar beeindruckender ist als der der Originale. Aber man muss sich, wie gesagt, darauf einlassen können und die Sprache des Autors verstehen.

Abgesehen von der wirklich tollen Aufmachung des kleinen Bandes werden die sprachlich raffinierten Geschichten von wunderbaren Illustrationen der japanischen Künstlerin Yuko Shimizu unterstrichen, die sich perfekt an die Erzählungen anpassen. Ein wenig erinnern ihre schwarzweißen Zeichnungen an den hierzulande relativ unbekannten Künstler Aubrey Beardsley. Ich habe diese Illustrationen jedes Mal ein paar Minuten auf mich einwirken lassen, weil sie mich zum einen stark beeindruckt und zum anderen den „Geist“ von Cunninghams Märcheninterpretation hervorragend ergänzt haben. Diese Symbiose aus Text und (Bilder)Kunst gibt dem Buch eine ganz besondere Note, die man nicht so schnell vergisst.
Die aus einer anderen Sichtweise erzählten Märchen haben mich mal mehr und mal weniger begeistert, im Gesamten aber vollkommen in den Bann gezogen. Und wer behauptet, dass sich zwischen den Zeilen keine Gefühle und Sehnsüchte verbergen, der hat Cunninghams Arbeit (und Anliegen) wohl nicht verstanden. „Ein wilder Schwan“ ist nämlich keine leichte Kost zum Zwischendurchlesen (oder gar oberflächlichem „Konsumieren“), sondern fordert ein wenig Feingefühl (trotz der manchmal derben Ausdrücke) und literarische Empathie. Für mich zeigt dieser Band erneut das Können dieses Schriftstellers, wenngleich auf eine völlig andere Art als seine bisherigen Bücher.

.

Fazit: Abgedrehte, aber auch voller Gefühle und Innovationen steckende Märchen-Neuinterpretation mit wunderschönen Illustrationen.

© 2018 Wolfgang Brunner für Buchwelten

Carl Tohrberg von Ferdinand von Schirach

Carl Tohrberg von Ferdinand Schirach

Erschienen als Taschenbuch
im btb Verlag 
insgesamt 64 Seiten
Preis: 8,00 €
ISBN: 978-3-442-71574-9
Kategorie: Belletristik, Gegenwartsliteratur

.

Drei Geschichten, die es in sich haben: Da gibt es den Bäcker, der eine ganz besondere Torte backt. Es geht um das Leben des Amtsrichters Seybold und den Versicherungsangestellten Carl Tohrberg. Geschichten, die alles beinhalten, was das Leben zu bieten hat: Liebe, Eifersucht, Einsamkeit, Glück und noch vieles mehr …

.

Es ist der absolute Wahnsinn, was Ferdinand von Schirach in sechzig Seiten verpackt. Es sind drei Schicksale, die einen richtig packen und fesseln. Und das, obwohl teilweise ganze Leben in nur wenigen Sätzen beschrieben werden. Schirach schreibt minimalistisch und beschreibt dennoch Dinge, mit denen andere Autoren ganze Romane füllen. „Carl Tohrberg“ ist beeindruckend in seiner fast schon epischen Bandbreite, obwohl Schlichtheit an erster Stelle in dieser Storysammlung steht. Schirach hat einen präzisen Schreibstil, mit dem er in nur wenigen Worten lange Zeitspannen auszudrücken vermag. Man fühlt sich in vielen Dingen direkt angesprochen und vermeint, den Protagonisten persönlich zu kennen, so ehrlich und authentisch ist deren Charakterzeichnung und die Gedankengänge. Es macht unglaublich Spaß, diese kurzen Geschichten zu lesen und die Perfektion der Sprache und Ausdrucksweise Ferdinand von Schirachs zu genießen.

Obwohl Schirach eine auf den ersten Blick äußerst nüchtern wirkende Sprache anwendet, zeichnet sich (zumindest war das bei mir so) zwischen den Zeilen eine enorme Emotionalität ab, die einen packt und nicht mehr loslässt. Trotz der Kürze ist man mittendrin in der Geschichte und fühlt sich danach, als hätte man ein mindestens hundert Seiten dickes Buch gelesen. Es sind menschliche Schicksale, die der Autor beeindruckend beschreibt und die einen betroffen machen und zum Nachdenken anregen. Ich fühlte ich berührt und konnte von den Protagonisten nach der Lektüre nicht mehr loslassen, dachte über ihr Handeln nach und fühlte mich ihnen nahe und verbunden. Im Gegensatz zu seinen anderen, etwas „reißerischen“ Werken beschreibt Schirach hier melancholische und traurige Schicksale, die trotz der einfachen Sprache mitten ins Herz treffen, wenn man es denn zulässt. Man liest die drei Geschichten sehr schnell, denkt aber weitaus länger darüber nach, um sie zu verarbeiten.

Ferdinand von Schirach macht mit seinem Schreibstil und seinen Ideen süchtig. Er legt eine Beobachtungsgabe von alltäglichen Dingen an den Tag, die manchmal fast schon unheimlich wirken. Nicht jeder Autor beherrscht es so perfekt, Geschichten mit wenigen Worten zu erzählen, die dann letztendlich auch noch (nach)wirken wie ein langer Roman. Das Buch beziehungsweise Büchlein umfasst lediglich 60 Seiten und ist sehr schnell durchgelesen. Da stellt sich unweigerlich die Frage nach dem Preis-/Leistungsverhältnis. Aber wer geniale Literatur in Hochkultur erleben möchte, sollte sich „Carl Tohrberg“ nicht entgehen lassen, denn es handelt sich dabei zwar um ein dünnes Buch, dessen Inhalt aber dem eines 300-Seiten-Werkes gleicht. Schnelle (Lese)Kost, die man sich immer wieder mal zwischendurch gönnen sollte, denn hier steckt Leben pur drin. Schirach schafft es auch mit Kurzgeschichten, seine Leser zu fesseln, zu begeistern und zu faszinieren. Man wünscht sich zwar, diese Art von Stories mögen niemals aufhören, ist aber andererseits mit der Tiefe, die in den Geschichten steckt, fast schon überfordert, wenn man sie auch in ihrer kompletten Genialität verstehen will. Ich bin schlichtweg erneut, wie von allen Werken Schirachs, begeistert und schwer beeindruckt.

.

Fazit: Geniale Kurzgeschichten, die trotz ihres Minimalismus dennoch die Ausdrucksstärke eines ganzen Romans besitzen.

© 2018 Wolfgang Brunner für Buchwelten

Rache von Alastair Reynolds

Rache von Alastair Reynolds

Erschienen als Taschenbuch
im Heyne Verlag
insgesamt  558 Seiten
Preis: 10,99 €
ISBN: 978-3-453-453-31895-3
Kategorie: Science Fiction

.

Als sich ihr Vater dermaßen hoch verschuldet, sehen die beiden Zwillinge Adrana und Arafura keine andere Möglichkeit, ihm zu helfen, und heuern ohne seine Erlaubnis auf einem Raumfrachter an, um zu Geld zu kommen. Der Kapitän des Raumschiffes ist ein Pirat, der verborgene Schätze und wertvolle Artefakte auf fernab gelegenen Planeten birgt und sie verkauft. Die Schatzjagden verlaufen so lange gut, bis Bosa Sennen, eine erbarmungslose Piratin, auftaucht und ihnen die geborgenen Schätze stehlen will. Doch es steckt viel mehr hinter Sennen als nur eine brutale Tyrannin. Als sie Arafuras Schwester Adrana entführt, hat Arafura nur noch eines im Sinn: Rache.

.

Mit „Rache“ beweist Alastair Reynolds erneut, dass er einer der besten Autoren im Science Fiction-Bereich gehört. Reynolds bedient sich anfangs mit Stilmitteln des klassischen Abenteuerromans. Und in diesem Falle auch des Piratenromans. Die Protagonistin, die übrigens unverständlicherweise im Klappentext mit keinem Wort erwähnt wird, entwickelt sich vom scheuen, unbedarften Mädchen zur toughen und skrupellosen Frau. Auch hier geht Reynolds den klassischen Weg eines Entwicklungsromans. Doch dies ist keineswegs langweilig oder wirkt nach Schema F geschrieben, sondern macht unheimlich Spaß. Alastair Reynolds hat mit „Rache“ nicht unbedingt ein bombastisches Space-Epos abgeliefert, sondern einen geradlinig erzählten Abenteuerroman, der in der Zukunft und zum größten Teil im Weltraum handelt. Sicherlich wird der Leser mit der ein oder anderen innovativen Idee beglückt, aber im Grunde genommen wird hier eine moderne Piratengeschichte erzählt, die in der Zukunft spielt. Reynolds entwirft in diesem Roman ein atemberaubendes Szenario, das aber niemals in den Vordergrund tritt, sondern als selbstverständlich behandelt wird. Das Hauptaugenmerk liegt auf der Protagonistin und ihren (Rache)motiven.

Bei vielen SF-Romanen dieser Art, in der neue, erfundene Welten beschrieben werden, dauert es immer eine Weile, bis man sich im Plot zurecht gefunden hat. Nicht so bei „Rache“. Hier funktioniert die ganze „Umgebung“ sofort und man fühlt sich in diesem Universum sofort zu Hause und heimelig. Ich konnte das Buch wirklich sehr schlecht zur Seite legen, weil mich die Handlung von der ersten Seite an gefangen nahm und nicht mehr losließ. Genau so wünsche ich mir einen guten Science Fiction-Roman. Reynolds hält sich in diesem Werk mit technischen Details weitgehend zurück und konzentriert sich in erster Linie auf die Hauptgeschichte. Die Charaktere sind, zumindest aus meiner Sicht, gut ausgearbeitet und lassen immer noch genügend Spielraum für eigene Interpretationen. An manchen Stellen mutet der Roman wie ein klassischer SF-Abenteuerroman aus der Vergangenheit an, der nicht nur für Erwachsene, sondern auch für ein jüngeres Publikum geschrieben wurde, sieht man von den vereinzelt brutalen Szenen einmal ab. Aber das schadet dem Werk keinesfalls, denn es liest sich dadurch sehr flüssig und angenehm.

Interessant fand ich das Gefühl, das mich oftmals überkam und an Romane von Jules Verne denken ließ. Reynolds hat es tatsächlich geschafft und in seinen modernen Roman einen „alten“ Flair mit einfließen zu lassen, der fast schon ein wenig nostalgisch wirkte, was ich außerordentlich angenehm empfand. Fast fühlt man sich als kleiner Junge (oder als kleines Mädchen), wenn man diese Art von Roman bereits in seiner Kindheit gelesen hat. „Rache“ ist kurzweilig und lässt, wie man es von Alastair Reynolds gewohnt ist, einen perfekten Film in Gedanken ablaufen. Ohne unnötige Schnörkel begleiten wir die sympathische Protagonistin auf ihrem konsequenten Weg und wohnen einem fesselnden Finale bei. „Rache“ hat mich begeistert und auch ohne Weltraumschlachten absolut in seinen Bann gezogen.

.

Fazit: Spannend und schnörkellos geschriebener Abenteuerroman in einem beeindruckenden Universum.

© 2018 Wolfgang Brunner für Buchwelten

Armada von Ernest Cline

armada

Erschienen als Taschenbuch
im Fischer Tor Verlag
insgesamt 416 Seiten
Preis: 14,99 €
ISBN: 978-3-596-29660-6
Kategorie: Science Fiction

.

Zack Lightman ist einer der besten Spieler im Computerspiel „Armada“. Dort wird die Erde von einer außerirdischen Spezies angegriffen und Lightmann muss zusammen mit anderen Spielern unsere Welt retten. Doch dann taucht eines Tages plötzlich ein echtes Raumschiff über seiner Heimatstadt auf und aus dem Computerspiel wird Ernst. Denn es stellt sich heraus, dass „Armada“ lediglich als Spiel getarnt ist und die Spieler in Wahrheit eine Armee bilden, die die Hoffnung der gesamten Menschheit darstellen.

.

Ernest Cline geht mit seinem zweiten Roman nach „Ready Player One“ kein Risiko ein und bewegt sich auf den gleichen Pfaden wie bei seinem Debüt. Was sich aber im ersten Moment wie eine uninspirierte und gar kopierte Geschichte nach Schema F des Vorgängers anhört, entpuppt sich dann aber doch sehr schnell zu einem zweiten Volltreffer im Bereich der Science Fiction, der wieder auf unzähligen Anspielungen auf Filme der 80er und 90er Jahre aufbaut. Der Lesegenuss von „Armada“ gestaltet sich ähnlich flott wie der von „Ready Player One“. Man fliegt nur so durch die Seiten, weil man von dem flüssigen, humorvollen Schreibstil schlichtweg mitgerissen wird. Ernest Cline schafft es hervorragend, seine Leser grandios und kurzweilig zu unterhalten. Und wenn man ein „Kind der 80er“ ist und / oder sich für Filme und Musik aus dieser Zeit interessiert, kann man sich dem Sog von Clines‘ Romanen sowieso nicht entziehen.

Ernest Cline zeichnet seine Charaktere ähnlich „menschlich“ und glaubhaft wie in „Ready Player One“, so dass man wirklich sehr nahe  am Protagonisten die Handlung miterlebt. Es sind vor allem die Gedankengänge seiner Hauptperson, die den Leser direkt ansprechen und damit äußerst sympathisch machen. Cline versäumt es auch nicht, in seinem neuen Roman hin und wieder Gesellschaftskritik einzubauen, die durchaus nachvollziehbar ist. „Armada“ ist erneut ein wilder Trip durch die Welt von Computerspiel-, Film- und Musiknerds, der unheimlich Spaß macht. Man sollte „Ready Player One“ aber nie als Vergleich heranziehen und diesen Roman einfach als eigenständiges Werk ansehen, denn zu viele Parallelen im Storyaufbau sind zu verzeichnen, die schnell ein nicht allzu gutes Licht und ein daraus resultierendes Urteil im Kopf des Lesers erscheinen lassen. Viele der unterhaltsamen Anspielungen auf die Welt der 80er Jahre wirken „kopiert“ und lediglich auf eine andere Handlung als „Ready Player One“umgeschrieben, so dass man leicht meinen könnte, „Armada“ wäre als Nachfolgeroman lediglich schnell heruntergeschrieben worden. Ich für meine Person empfinde das überhaupt nicht so, sondern halte „Armada“ für einen völlig legitimen Nachfolger des Erfolges „Ready Player One“, der einfach nur im selben Stil verfasst wurde.

Ähnlich wie beim Vorgängerroman sieht man während des Lesens die Handlung als eine Art Film vor sich. Und es ist in der Tat so, dass sich auch „Armada“ für eine Verfilmung anbieten würde und als Film womöglich sogar besser als die Romanvorlage funktionieren würde. So ähnlich ging es mir übrigens auch bei den Büchern und Filmen von „Maze Runner“, die mir als Buch nur bedingt und als Film sehr gut gefallen haben. Ernest Cline bleibt auf alle Fälle seinem Konzept treu und liefert mit seinem zweiten Buch genau das ab, was seine Fans erwartet haben: kurzweilige Popkorn-Literatur, die schon als Buch einen Kinoblockbuster auf der Gedankenleinwand des Lesers erscheinen lassen. Seine Bücher sind Pageturner erster Klasse, die durch den im Moment auch noch absolut in Mode gekommenen 80er Jahre-Flair einfach nur magisch verzaubern. Clines‘ Bücher könnten es sogar schaffen, nichtlesende Jugendliche endlich wieder zum Lesen zu bringen, denn er behandelt Themen, die diese Zielgruppe begeistern: Videospiele und Filme. Und diese Zutaten, vermischt mit einem lockeren, flüssigen und leicht lesbaren Schreibstil, ergeben fantastische Unterhaltungsliteratur, die nicht nur Jugendliche, sondern auch (junggebliebene) Erwachsene in ihren Bann zu ziehen vermag. Ich freu mich schon auf das dritte Werk des vielversprechenden „Nerds“.

.

Fazit: Kurzweilig und genauso unterhaltsam wie der Vorgänger „Ready Player One“.

© 2018 Wolfgang Brunner für Buchwelten

Der Talisman von Stephen King und Peter Straub

Der Talisman

Erschienen als Taschenbuch
im Heyne Verlag
insgesamt  960 Seiten
Preis: 11,99 €
ISBN: 978-3-453-87760-3
Kategorie: Horror/Fantasy

.

Jack Sawyer ist 12 Jahre alt und lebt allein mit seiner sterbenskranken Mutter Lily mehr oder weniger auf der Flucht. Jacks Vater ist von einigen Jahren verstorben und Jacks Mom, schwer an Krebs erkrankt, reist mit Jack von Ort zu Ort, um „Onkel Morgan“ zu entkommen. Morgen Sloat ist der ehemalige Partner von Jacks Vater und Freund der Familie. Er will Jacks Mom ständig dazu nötigen, irgendwelche Geschäftspapiere zu unterzeichnen, die ihm von Nutzen sind.

Nun sind sie angekommen im fast leeren Hotel Alhambra Inn and Gardens (die Saison ist vorbei, das Hotel gleicht einer Gruft) in New Hampshire. In diesem Hotel hat Lily, einst gefeierter Filmstar der B-Movies, wundervolle Zeiten verbracht. Und offensichtlich möchte sie hier nun sterben.

Jack lernt im nahegelegenen Freizeitpark am Arcadia Beach den alten Mann Speedy Parker kennen. Er ist ein schwarzer, ehemaliger Musiker, der Jack ein wahrer Freund wird. Und Speedy ist es, der Jack auf eine weite, abenteuerliche und gefährliche Reise schickt.

Er schickt ihn nach Westen, um den Talisman zu holen. Denn der würde seine Mom Lily vor dem Tod retten. Doch dazu muss sich Jack auch in die Welt begeben, von der er immer glaubte, es handele sich um Tagträume, die ihn seit seiner frühen Kindheit begleiten. Doch von Speedy erfährt er, dass es sich nicht um Tagträume handelt. Es gibt sie wirklich: die Welt der Territorien …

+++
Spoilergefahr ist eventuell vorhanden!


Stephen King und Peter Straub haben hier gemeinsam ein sehr umfangreiches Fantasy/Horror Abenteuer geliefert, das die Geschichte des Jungen Jack in bunten Farben und sogar Gerüchen schildert. Es ist dramatisch, gefährlich, sehr brutal und grob, teilweise aber auch sehr leise, absolut emotional und mitfühlend. Es werden sehr viele Themen in dieser Geschichte berührt: Liebe, Familie, Mut, Vertrauen, Freundschaft, Machthunger und Neid, Gier und Angst vor dem Versagen, nicht aufgeben und bedingungsloser Zusammenhalt unter Freunden. Ich könnte noch unzählige weitere Worte finden.

Anfangs zog sich alles etwas in die Länge und ich hatte leichte Anlaufschwierigkeiten, auch wenn die Geschichte mich von Anfang an gefesselt hat (das geht mir übrigens bei Teil 2 gerade genau so: die ersten 100 Seiten sind noch anstrengender). Doch ab dem Moment, in dem Wolf in die Handlung tritt, war ich völlig in den Bann gezogen.

Die Welten der Handlung wechseln und die Ideen sind einfach toll. Ich fühlte mich von der Stimmung und Umgebung oft an den Dunklen Turm erinnert, manches verursachte bei mir sogar ein gewisses „Potter-Feeling“.

Unterm Strich ein absolut gelungener Fantasy Roman, der durch seine krassen und teilweise sehr brutalen und heftigen Szenen durchaus Horror-Charakter hat. Teilweise meine ich zu erkennen, welche Passagen von King und welche von Straub geschrieben wurden, jedoch nicht immer.

Mein Fazit: ein ausführliches und umfangreiches Fantasy/Horror-Abenteuer mit Road-Movie-Charakter, das sicher nichts für schwache Nerven ist, aber immer wieder auch mit sehr ruhigen und intensiven Momenten belohnt.

© Buchwelten 2018

 

 

Buchheim von Yves Buchheim (unter Mitwirkung von Franz Kotteder)

Buchheim von Yves Buchheim

Erschienen als gebundene Ausgabe
im Heyne Verlag
insgesamt  368 Seiten
Preis: 24,00 €
ISBN: 978-3-453-453-20197-2
Kategorie: Biografie

.

Yves Buchheim, der einzige Sohn des berühmten Lothar-Günther Buchheim, erzählt die Lebensgeschichte seines Vaters, aber auch seine eigene und die seiner Familie.

.

Yves Buchheim gelang hier in Zusammenarbeit mit Franz Kotteder, einem Reporter und Redakteur der Süddeutschen Zeitung, eine unglaubliche intensive und, zumindest aus meiner Sicht, sehr emotionale Biografie des Schriftstellers, Malers und Kunstsammler Lothar-Günther Buchheim. Wohl jeder kennt seinen Kriegsroman „Das Boot“. Und wenn nicht als Buch, dann zumindest als Film von Wolfgang Petersen. Yves Buchheim schildert eindrucksvoll und enorm kurzweilig nicht nur das Leben seines Vaters, sondern auch das seiner Mutter. Der Leser bekommt Einblick in die Familiengeschichte der Buchheims und begleitet den Sohn (Yves Buchheim) auf (s)einer Reise in die Vergangenheit, die einiges zutage bringt, was man bis dato von Lothar-Günther Buchheim eher nicht wusste. Die Biografie des bekannten, und nach außen hin oft sympathisch wirkenden Buchheim, liest sich spannend und unterhaltend wie ein Roman, von dem man sich (zumindest erging es mir so) nicht mehr losreißen kann. Vor allem die „Vorgeschichte“ der Familie und des Menschen Lothar-Günther Buchheim, bis er mit „Das Boot“ Weltruhm erlangte, ist unglaublich interessant und beeindruckend. Yves rechnet mit dem Vater, der im Grunde genommen niemals richtiger Vater war und wohl auch nicht sein konnte, zwar ab und erschüttert den „Mythos Buchheim“, baut aber im selben Moment irgendwie eine andere Art von Mythos wieder auf, in dem er den Menschen schildert, wie ihn die Öffentlichkeit nur selten erlebte. „Buchheim“ liest sich wie die Aufarbeitung einer „verunglückten“ Vater-Sohn.-Beziehung.

Ich habe sämtliche Romane von L.-G. Buchheim gelesen und war sehr beeindruckt von seiner ruhigen und auch väterlich wirkenden Art, die er zum Beispiel in Interviews zum besten gab. Liest man die Biografie, die sein Sohn verfasst hat, so sieht man einen anderen Menschen hinter der öffentlich zur Schau gestellten Maske, die aber dennoch auch sehr interessante Facetten zeigt. Buchheim wird in diesem Buch als Mensch gezeigt, so wie er war: selbstverliebt, aggressiv und, wenn ich das zwischen den Zeilen richtig gelesen habe, immer auf der Suche nach Liebe, die er selbst nicht imstande war, zu geben. Die tragische Familiengeschichte (und somit auch L.-G. Buchheims eigene Lebensgeschichte) lässt wahrscheinlich nur erahnen, was in diesem Menschen vorging, wenn er seine Wutausbrüche nicht unter Kontrolle bekam. Wenn ich mir die Schilderungen von Yves Buchheim so durch den Kopf gehen lasse, erscheint mir sein Vater wie eine verlorene Seele, die nach Liebe und Anerkennung gestrebt hat und „ausrastete“, wenn diese Unternehmungen nicht von Erfolg gekrönt waren.

„Buchheim“ ist ein ehrliches Buch. Ein schonungsloser Bericht über einen schonungslosen Menschen, der „über Leichen“ ging, um das zu erreichen, was er erreichen wollte. Sicherlich wirft diese Biografie ein völlig anderes Bild auf den „rauen Seebären“, der die Schrecken des Krieges erlebt und in seinen Büchern verarbeitet hat, als man es bis dato hatte. Und Sohn Yves ist in vielerlei Hinsicht wirklich bemitleidenswert, wenn man die Schilderungen seiner Kindheit liest und erfährt, wie sein Vater mit ihm umgegangen (beziehungsweise nicht umgegangen) ist. Aber Yves sucht auch nach guten Eigenschaften seines Erzeugers und vermittelt somit ein Bild von ihm, das L.-G. Buchheim nicht gänzlich unsympathisch macht, sondern eher Mitleid heraufbeschwört. Aufsehenerregend finde ich die auf jeden Fall die Kunstwerke-Beschaffungsmethoden und die Steuerhinterziehungs-Machenschaften, die Buchheim ohne Skrupel durchgeführt hat. Aber so war wahrscheinlich auch die damalige Zeit (Nachkriegszeit) und die „Einstellung“ von Menschen, die den Krieg mit- und überlebt haben. Yves Buchheim hat mein Bild von Lothar-Günther Buchheim leicht, aber nicht vollständig zerstört, sondern mir wertvolle Puzzleteile geliefert, um den Menschen und dessen Handlungen teilweise nachvollziehen zu können. L.-G. Buchheim erscheint mir nach diesem Buch eher wie ein im Grunde genommen sehr einsamer Mann, der auf der verzweifelten Suche nach Emotionen war, derer er selbst nicht fähig war und der seine Kriegserlebnisse nicht verarbeiten und dadurch keine zwischenmenschlichen Beziehungen  führen konnte. Yves Buchheim und Franz Kotteder ist eine sehr informative und eindringliche Biografie gelungen, die aus meiner Sicht gut und gerne die doppelte Seitenanzahl hätte haben können. Ich werde „Buchheim“ definitiv noch ein zweites Mal lesen.

.

Fazit: Informative, aufsehenerregende, intensive und emotionale Biografie von Lothar-Günther Buchheim. Unbedingte Leseempfehlung.

© 2018 Wolfgang Brunner für Buchwelten

Am Fluss der Sterne von Guy Gavriel Kay

Fluss

Erschienen als Taschenbuch
im Fischer Tor Verlag
insgesamt 720 Seiten
Preis: 16,99 €
ISBN: 978-3-596-03572-4
Kategorie: Fantasy

.

In Kitai herrscht Krieg.
Ren Daiyan fühlt seit seiner Geburt, dass er dazu auserkoren ist, Kitai wieder zu neuer Macht zu verhelfen. Er wird zum Geächteten, bis er schließlich zu, Führer einer mächtigen Armee aufsteigt, um dem Land Frieden zu bescheren. Doch nicht alles verläuft nach Plan, wie Daiyan es sich vorgestellt hat.

.

Es fällt beileibe nicht leicht, Zugang zu Kays neuem Roman zu finden. Zu viele gleich klingende Namen erschweren den Einstieg, der noch durch eine Unmenge an Fremdwörtern und Begebenheiten überlastet wirkt und dem ein oder anderen Leser von „Normalkost“ das Weiterlesen verleiden könnte. „Am Fluss der Sterne“ ist definitiv kein Fantasyroman, wie man ihn kennt. Es handelt sich hier vielmehr fast schon um einen historisch angehauchten Roman, der zwar in einer erfundenen Welt spielt, aber ansonsten wie eine Geschichte aus der Vergangenheit Chinas wirkt. Vieles erscheint dem Leser (zumindest verhielt es sich bei mir so) anfangs sehr verwirrend und überfrachtet, so dass man der Handlung sehr schwer folgen kann, zumal man hin und wieder schon ein paar Personen, die sich, wie schon erwähnt, namentlich gleichen, verwechseln kann.  Aber durchhalten lohnt sich, denn Kay entwirft ein sehr glaubwürdiges Weltbild, in dem man sich schließlich irgendwann doch zurecht findet.

Die Charakterzeichnungen in diesem Roman sind sehr gelungen und vermitteln auf jeden Fall gewisse Tiefen, die aber durchaus noch eigenständige Interpretationen des Lesers zulassen. Die Beschreibungen der Welt Kitai ist so detailliert und glaubwürdig beschrieben, dass man des öfteren vergisst, einen Fantasy-Roman zu lesen und meint, es handele sich um einen historischen Roman nach wahren Begebenheiten. Kay entwirft eine authentische Welt, in der man sich heimisch fühlt, wenn man die Anfangsschwierigkeiten überwunden hat. Es zieht sich eine melancholische Grundstimmung durch den gesamten Roman, die süchtig macht und der man sich schlecht entziehen kann. Hinzu kommt der sehr gehobene, niveauvolle Schreibstil des Autors, der dieses Gesamtbild noch unterstreicht. An manchen Stellen setzt der Autor allerdings meiner Empfindung nach voraus, dass man die Gepflogenheiten der chinesischen Kulturen besser kennt, als es tatsächlich ist. Denn einerseits zu detailverliebt, andererseits aber irgendwie zu selbstverständlich geht Kay an gewisse kulturelle Gepflogenheiten heran, als wären sie für uns Europäer so ohne weiteres zu verstehen. Das macht die Protagonisten an manchen Stellen etwas unnahbar (zumindest für uns Europäer) und lässt sie fremd wirken.

„Am Fluss der Sterne“ ist dennoch ein episches Werk, das hervorragend zu unterhalten vermag, sich aber eher auf sehr ruhige Weise fortbewegt und entwickelt. Wer klassische Fantasy im Stil von „Der Herr der Ringe“ und Konsorten erwartet, wird hier aufgrund der Parallelen mit unserer realen Welt eher enttäuscht werden, denn Kays Kitai ist definitiv nicht Mittelerde oder ein anderer ähnlicher Kontinent. Wer sich darauf einstellt, dass er eher ein klassischer Abenteuerroman mit historischen Verweisen zur wirklichen Welt geboten bekommt, wird mit einem bombastischen Szenario und authentischen Akteuren belohnt. „Am Fluss der Sterne“ bietet Abenteuer, Kriege (die allerdings nicht ausufernd beschrieben, sondern nur kurz geschildert werden), eine unkitschige Liebesgeschichte, Intrigen und jede Menge Politik und Strategie. Wer knackige, kurzweilige Fantasy mag, wird hier Schwierigkeiten haben und den größten Teil dieses Romans langatmig und auch langweilig finden. Alle anderen, die eine gut recherchierte und hervorragend geschriebene Geschichte mögen, werden sich dem Sog dieses Buches nicht entziehen können. Vor allem China-Begeisterte werden ihr helle Freude  an diesem Roman haben.
Ich persönlich fand mich anfangs, wie schon oben erwähnt, nicht wirklich in dieser Welt und aufgrund der vielen gleich klingenden Personen- und Ortsnamen überhaupt nicht zurecht. Doch das Durchhalten hat sich definitiv gelohnt. Also wenn es jemandem genauso ergehen sollte: Nicht verzagen und weitermachen … der Knoten platzt. 😉

.

Fazit: Nach Anfangsschwierigkeiten wird man mit einem epischen, historischen und äußerst bildhaft verfassten Fantasyroman belohnt.

© 2018 Wolfgang Brunner für Buchwelten

Wenn der Wind singt / Pinball 1973 von Haruki Murakami

Wenn der Wind singt Pinball 1973 von Haruki Murakami

Erschienen als Taschenbuch
im btb Verlag
insgesamt 266 Seiten
Preis: 10,00 €
ISBN: 978-3-442-71593-0
Kategorie: Belletristik, Gegenwartsliteratur

.

Ein einundzwanzigjähriger Student erzählt aus seinem Leben, schildert seine ersten Schreibversuche und sinniert über sein eigenes Leben und das seiner Freunde nach. Zusammen mit seinem Freund namens Ratte erleben die Jungen ihre ersten Freundinnen und begeben sich auf die Suche nach dem Sinn des Lebens.

.

Endlich sind sie nun auch in Deutschland erschienen: Die beiden ersten (Kurz-)Romane von Haruki Murakami. Schon in diesen Geschichten erkennt man, welch Potential in Murakami steckt, wenngleich den Storys irgendwie noch der richtige „Drive“ fehlt. Aber das finde ich gar nicht weiter schlimm, denn man erkennt, wie gesagt, definitiv Murakami in den Sätzen und kann sich schwer von den Erlebnissen des Protagonisten trennen. Beide Kurzromane in diesem Buch erinnern mich von ihrer Aussage und Stimmung her sehr an Werke von Samuel R. Delany, den ich ebenfalls sehr schätze. Murakamis Erstlinge sind melancholisch und teils deprimierend und regen zum Nachdenken an. Die Romane mögen auf den ein oder anderen verwirrend wirken, weil sie keinem konsequenten roten Faden, und somit einer nachvollziehbaren Handlung, folgen, aber genau das macht diese Erzählungen aus. Sie schildern das Leben und oftmals wohl das Leben des Autors zur damaligen Zeit. „Wenn der Wind sing“ und „Pinball 1973“ wirken auf mich wie ein autobiografischer Schreibversuch, der komplett gelungen ist.

Man sollte nicht außer acht lassen, dass es sich bei diesen Romanen um Erstlimgswerke handelt, bei denen der Autor (sogar nach eigener Aussage) gar nicht wirklich gewusst hat, was er eigentlich schreiben wollte. Behält man diese „Aussage“ im Hinterkopf, so wird man mit zwei wunderbaren, ehrlichen Geschichten belohnt, die das Leben geschrieben hat. Da steckt alles drin: Von Freude, Liebe über Ängste, Einsamkeit, Hoffnungen bis hin zum Tod behandelt Murakami die gesamte Palette des Lebens. Der Schreibstil ähnelt schon sehr dem „neuen, professionellen“ Murakami, der bereits hier einen eigenen Stil entwickelt und den Leser in eine faszinierende, verwirrende und verstörende Welt a lá David Lynch entführt. Die beiden hier vorliegenden Romane bilden den Anfang der sogenannten „Trilogie der Ratte“, die in „Wilde Schafsjagd“ ihr Ende findet und noch einmal eine Fortsetzung in „Tanz mit dem Schafsmann“ fand. Sieht man das Gesamtbild aller drei Romane, so eröffnet sich einem ein wunderbares, atmosphärisch dichtes Weltbild eines einsamen Mannes. Gerade die „ausgereifte Unausgereiftheit“ dieser Erstlingswerke macht kleine Kunstwerke aus diesen Romanen. Wenn man sich darauf einlassen kann, so spürt man förmlich die Emotionen des Protagonisten während des Lesens.

Im ausführlichen Vorwort erklärt Haruki Murakami, wie die beiden Werke entstanden sind, und erzählt von seiner Vergangenheit. Alleine durch diese vorangestellten einführenden Worte, erlangen die darauf folgenden Texte eine vollkommen andere Bedeutung und lassen im Kopf des Lesers immer wieder Murakami an die Stelle des Protagonisten treten. Aus dieser Sicht gewinnen „Wenn der Wind singt“ und „Pinball 1973“ für mich eine sehr private und persönliche Bedeutung im Gesamtwerk des zurückgezogen lebenden und publikumsscheuen Ausnahme-Schriftstellers, die mich auf gewisse Art und Weise an seinem (wennauch zurückliegenden) Leben teilnehmen lässt. Ich persönlich fühlte mich durch diese beiden Bücher dem Menschen Murakami (und somit auch seinen reiferen, ausgefeilteren Werken) sehr nahe. Auf jeden Fall muss man diese Art von Schreibstil mögen, um genießen zu können. Das Fehlen jeglicher Action beziehunsgweise eines „Höhepunktes“ wird die Kurzromane vielen Lesern langweilig erscheinen lassen, Murakami-Anhänger müssen dieses Buch einfach lesen, um den Autor und seine anderen Werke besser verstehen zu können.

.

Fazit: Melancholische Kurzromane, die das Gesamtwerk Murakamis in einem anderen Licht erscheinen lassen.

© 2018 Wolfgang Brunner für Buchwelten