Providence von Max Barry

Erschienen als Taschenbuch
im Heyne Verlag
insgesamt 448398 Seiten
Preis: 14,99 €
ISBN: 978-3-453-42470-8
Kategorie: Science Fiction

.

Die Menschheit befindet sich im Krieg gegen eine außerirdische Rasse.
Mit durch Künstliche Intelligenzen angetriebenen und gesteuerten Schiffen ziehen vier Astronauten ins All, um sich den Feinden zu stellen. Doch dann bringt sie die KI an einen Ort, der außerhalb des bekannten Universums liegt und an dem sich die Basis der Außerirdischen befindet. Die Astronauten erhalten eine Erkenntnis, die weit über ihre Vorstellungskraft hinausgeht.

.

Max Barrys Ausflug ins Science-Fiction-Genre wirkt an manchen Stellen wie ein Klassiker aus der goldenen Ära des Zukunftsromans der 1950er- und 1960er-Jahre. Es dauerte zwar eine Weile, bis ich in die Geschichte eintauchen konnte, aber dann … dann ließ mich dieses Abenteuer nicht mehr los. Gerade die absolut faszinierende Auseinandersetzung zwischen der Menschheit und einer außerirdischen Spezies, verbunden mit der Thematik Künstliche Intelligenz konnte mich in jeder Hinsicht überzeugen. Max Barry besitzt zudem einen sehr flüssig zu lesenden Schreibstil, der ein übriges dazu tut, dass man das Buch -einmal angefangen- recht schwer wieder zur Seite legen kann. Die Geschichte, die Protagonisten und auch die Schauplätze sind sehr bildhaft beschrieben, sodass man unmittelbar an der Handlung teilnimmt. Barry hat einen Roman geschrieben, der einem noch lange im Gedächtnis bleibt, auch wenn der ein oder andere vielleicht meint, er wäre zu langweilig und langweilig. Für mich war „Providence“ das genaue Gegenteil, weil eben nicht unentwegt auf Action aus ist, sondern auch einmal etwas mehr auf die Beweggründe und Handlungsweisen der Personen eingeht:

Manch einer wird jetzt behaupten, dass der Roman nur so vor Logiklöchern strotzt, vor allem, was die Außerirdischen angeht, die sich ohne jegliche Hilfsmittel und Schutzmaßnahmen im Weltraum bewegen können. Okay, das mag zwar nicht alles Hand und Fuß haben, aber, hey, wichtig ist doch, ob die Geschichte funktioniert und unterhält. Für mich zumindest stellten diese Dinge absolut kein Manko dar, weil ich mich einfach darauf eingelassen habe, ohne alles zu hinterfragen. Lesen soll ja auch Spaß machen, zumindest in bestimmten Fällen. Dieses Buch ist für mich genau so ein Fall. Barry wollte doch gar keinen Hard-SF-Roman schreiben, in dem man mit wissenschaftlichen Begriffen bombardiert wird, die vielleicht einen logischen Sinn ergeben, die aber die meisten Leser eh nicht verstehen. Da ist es mir dann schon einmal recht, wenn ich nur einfach einmal eine spannende Geschichte mit interessanten Ideen lesen kann. „Providence“ schafft es dann vor allem auch noch ab der Mitte, dass die Handlung so richtig in Fahrt kommt und auch mit ein paar Überraschungen aufwarten kann. Die Sprache der Aliens beispielsweise klang anfangs noch irgendwie witzig und kindisch, dennoch nutzt Barry letztendlich diesen Aspekt für eine gruselige Entwicklung, die mir absolut gefallen hat. Überhaupt hat mir die Auflösung / das Ende sehr gut gefallen und ich fand alles in sich stimmig (bis auf die Logiklöcher natürlich 😉 ).

Insgesamt kann ich „Providence“ von Max Barry uneingeschränkt für Fans guter und klassisch angehauchter Science-Fiction-Abenteuer empfehlen. Man sollte sich lediglich darauf einlassen können, um mit einem spannenden Plot und guter Weltraum-Unterhaltung belohnt zu werden.

.

Fazit: Spannend und flüssiger SF-Roman, der sich wie ein Klassiker liest.

©2021 Wolfgang Brunner für Buchwelten

Der Polizist von John Grisham

Erschienen als gebundene Ausgabe
im Heyne Verlag
insgesamt 672 Seiten
Preis: 24,00 €
ISBN: 978-3-453-27315-3
Kategorie: Thriller, Belletristik

.

Stu Kofer ist tagsüber Polizist und abends meist betrunken. Als er an einem Abend stockbetrunken nach Hause kommt und seine Freundin bewusstlos schlägt, schnappt sich sein Stiefsohn Drew die Dienstwaffe und erschießt den Betrunkenen aus Angst, er könne ihn und seine Schwester, wie schon öfter vorgekommen, verprügeln.
Der Mörder ist sechzehn Jahre alt, soll aber nach Erwachsenenrecht zum Tode verurteilt werden. Jake Brigance übernimmt den Fall und stellt bald fest, dass sich nicht nur das Leben von Drews Familie schlagartig ändert, sondern auch sein eigenes.

.

Seit seinem Debüt „Die Jury“, in Deutschland 1992 erschienen, hat mich John Grisham mit seinen Geschichten in den Bann gezogen. Jedes seiner Bücher hat mich auf seine ganz eigene Weise berührt und angesprochen, sodass ich, entgegen der Meinung vieler anderer Leser, uneingeschränkt sagen kann, dass mich dieser Schriftsteller sowohl mit seinen alten als auch neueren Romanen immer wieder überzeugen konnte. Sicherlich unterschieden sich seine letzten Werke wie „Die Wächter“ oder“ Das Manuskript“, um nur die letzten beiden zu nennen, von seinen ersten Romanen. Aber das heißt noch lange nicht, dass sie sich qualitativ zum Schlechteren gewendet haben. Doch nun, mit seinem neuesten Werk „Der Polizist“ ist Grisham ein absoluter Volltreffer gelungen, der die Fans der alten Werke mit einem gewaltigen Schlag wieder gutmütig stimmen dürfte. Zum einen handelt es sich hier wieder um einen „echten“, atemberaubend inszenierten Kriminal- und Gerichtsfall, und zum anderen kehrt Jake Brigance, der Held aus „Die Jury“ und „Die Erbin“ wieder zurück und kämpft um Gerechtigkeit.

Es dauerte eine einzige Seite und ich war vollkommen von „Der Polizist“ begeistert. Grishams flüssiger Schreibstil macht das Szenario im Kopf des Lesers sofort filmreif, was dazu führt, dass man sich bereits nach wenigen Minuten bewusst wird, einen Pageturner in der Hand zu halten. Dieser Begriff trifft auf so ziemlich alle Bücher des Schriftstellers zu, aber mit dem vorliegenden Fall hat er sich teilweise selbst übertrumpft und lässt genau die Atmosphäre, die wahrscheinlich viele Anhänger der „alten“ Bücher vermissen, triumphal wieder auferstehen. Die Charakterzeichnungen, die Entwicklung der Handlung, die Wendungen … alles ist perfekt und so grandios geschrieben, dass man nach knapp 700 Seiten gerne noch einmal genau so viel lesen möchte. „Der Polizist“ wird in keinem einzigen Moment langatmig oder gar langweilig. Die verschiedenen Handlungsstränge greifen mühelos ineinander über und machen den Roman zu einem perfekten Werk, das mich noch Tage lang, nachdem ich es gelesen habe, in meinen Gedanken verfolgt hat. Wie man aus den Zeilen unschwer herausliest, bin ich absolut begeistert und würde mir in diesem Fall nichts sehnlicher wünschen als eine Verfilmung.

Wie gewohnt greift Grisham Themen auf, die einen selbst bewegen, die zum Nachdenken anregen, die wütend machen. Immer wieder stellt man fest, wie man – ähnlich wie die Protagonisten – ins Zweifeln kommt und sich nicht sicher, welche der Entscheidungen denn die richtige ist. „Der Polizist“ ist in seiner Thematik unglaublich intensiv und nervenaufreibend. Die privaten Belange von Jake Brigance, die für viele langatmig erscheinen mag, macht den Roman sehr authentisch und menschlich. Insgesamt stellt „Der Polizist“ neben „Das Testament“, „Die Kammer“, „Das Urteil“ (und irgendwie eigentlich doch noch so vielen mehr 😉 ) einen absoluten Höhepunkt in Grishams Schriftstellerkarriere dar. Wie man solch ein faszinierendes Buch auch nur ansatzweise schlecht finden kann, kann ich gar nicht verstehen.

.

Fazit: Ein Höhepunkt in John Grishams Schriftstellerkarriere. Ein Pageturner sondergleichen.

©2021 Wolfgang Brunner für Buchwelten

Behemoth von T.S. Orgel

Behemoth von T S Orgel

Erschienen als Taschenbuch
im Heyne-Verlag
insgesamt 574 Seiten
Preis: 14,99 €
ISBN: 978-3-453-32113-7
Kategorie: Science Fiction

.

Nachdem die Erde unbewohnbar geworden ist, entsenden die Menschen drei gigantische Raumschiffe, die sich auf den Weg zum nächsten bewohnbaren Planeten machen. Jahrzehnte sind die drei Schiffe unterwegs und entwickeln im Laufe dieser langen Reise eigene Kulturen. Sie treffen auf ein Raumschiffwrack, das im All treibt und plötzlich entbrennt ein Konflikt zwischen den drei Schiffen, denn wer die Ressourcen dieses Wracks unter Kontrolle bekommt, kann dieses zur weiteren Reise zu einer neuen Existenz gewinnen. Doch schon bald stellt sich heraus, dass das verlassene Schiff ein Geheimnis birgt …

.

Für mich steht nach diesem Roman eines fest: Mit Science Fiction packen mich die beiden um einiges mehr als mit ihren Fantasyromanen. Ich kann nicht einmalgenau erklären, warum das so ist, aber sowohl mit „Terra“ als auch dem vorliegenden „Behemoth“ haben sie eine Atmosphäre erschaffen, der ich mich nicht mehr entziehen konnte. Interessant war für mich, dass ich „Behemoth“ eigentlich nach dem ersten Kapitel abbrechen wollte, weil ich überhaupt nicht in die Handlung reinkam und alles wirr und unlogisch klang. Glücklicherweise habe ich dann dennoch weitergelesen und wurde mit einem epischen Abenteuer belohnt, dass mir bis zum Finale gefallen und mich überzeugt hat. Die Orgel-Brüder haben eine Stimmung geschaffen, die mich immer wieder an alte und auch neue Science-Fiction-Filme erinnert haben. Ein wenig „Lautlos im Weltraum“, „2001“ und auch „Alien – Das unheimliche Wesen aus einer fremden Welt“ vermischen sich zu einem absolut eigenständigen Abenteuer, das ich mir übrigens sehr gut als Film vorstellen könnte.

Der Schreibstil ist sehr flüssig, was dazu führt, dass man das Buch schwer aus der Hand legen kann.
Eines muss ich allerdings noch loswerden: Nach dem ersten Kapitel war ich kurzzeitig versucht, das Buch gar nicht weiterzulesen, denn der Einstieg fühlte sich für mich sehr chaotisch an, sodass ich eigentlich nach den ersten Seiten bereits die Lust verlor. Glücklicherweise habe ich mich dazu durchgerungen, weiterzulesen, denn dann hätte ich ein sehr stimmungsvolles SF-Abenteuer versäumt. Vor allem die Stelle, als die Behemoth betreten wurde, empfand ich als extrem gelungen und spannend. Wie in einem Film begleitet der Leser die Protagonisten und kann kaum abwarten, was geschieht. Diese Szenen waren sehr bildhaft dargestellt, sodass man hautnah mit dabei ist. Was mir auch gefallen hat, waren die unterschiedlichen Charaktere, die sehr gewissenhaft ausgearbeitet sind. Die beiden Autoren schaffen es auf jeden Fall, den Leser mit auf eine unvergessliche Reise mitzunehmen. Die Handlung ist in seiner Ausgangssituation episch, kümmert sich aber während der Geschichte auch immer wieder einmal um kleinere Begebenheiten, sodass ein in sich schlüssiges Gesamtbild herauskommt, dass in der Tat eine Space Opera ist.

Oftmals erkennt man Anspielungen auf SF-Fernsehserien und Kinofilme, an die man sich während des Lesens dann selbst gerne erinnert. Man bekommt den Eindruck nicht los, dass die Gebrüder Orgel auch sehr gerne Filme dieses Genres ansehen und diese Verbeugungen sehr liebevoll in ihre Geschichten einbinden. Wer also nicht nur gerne Science-Fiction-Bücher liest, sondern auch an derartigen Filmen Gefallen findet, wird die ein oder andere Hommage entdecken. Insgesamt bleibt mir auch am Ende noch einmal zu sagen, dass mir die SF-Romane von T.S. Orgel besser gefallen als ihre Fantasywerke. Ich bin schon gespannt, in welchem Genre ihr neuer Roman spielen wird.

.

Fazit: Spannende und atmosphärische Space Opera, die sehr gut unterhält.

©2021 Wolfgang Brunner für Buchwelten

Miss Hollywood von Emily Walton

Erschienen als Taschenbuch
im Heyne-Verlag
insgesamt 540 Seiten
Preis: 12,99 €
ISBN: 978-3-453-42385-5
Kategorie: Liebe, Historie

.

Die verbotene Liebe zwischen den Hollywoodstars Mary Pickford und Douglas Fairbanks. Zwischen dem Glamour der Filmwelt und den konservativen Ansichten der damaligen Gesellschaft setzen sich die beiden Liebenden über sämtliche Konventionen hinweg …

.

Sehr souverän entführt Emily Walton ihre Leser in die Welt der Stummfilme. Mit ihrem flüssigen und bildhaften Schreibstil lässt sie eine längst vergangene Ära vor dem inneren Auge aufleben und lässt uns hautnah mit dabei sein, wie die damaligen Größen der Filmbranche um ihre berufliche Existenz bangen und sich Gedanken um ihre Privatsphäre machen müssen, um nicht erstere durch gesellschaftliche Zwänge aufs Spiel zu setzen oder gar zu verlieren. Waltons Erzählweise ist so detailreich und fesselnd, dass man es nur schwer schafft, das Buch aus der Hand zu legen. Eingebettet in historische Begebenheiten lässt uns die Autorin am Leben der Schauspielerin und ihres Geliebten teilnehmen, als wäre man tatsächlich dabei. Es macht so unglaublich Spaß, die beiden Protagonisten auf ihrem schweren Weg zur erfüllten Liebe zu begleiten. Die damalige Struktur der Gesellschaft wird sehr genau dargestellt, so dass man mit den beiden mitfühlt und ihnen helfen möchte. Pickford und Fairbanks werden sehr lebendig beschrieben und wachsen einem im Verlauf des Romans sehr ans Herz.

Was mir besonders gefallen hat, war die absolut stimmige Symbiose zwischen erfundenen Szenen und historisch belegten Ereignissen. Das machte „Miss Hollywood“ für mich zu einer filmreifen Reise in die Vergangenheit, in der die Charaktere so lebhaft und glaubwürdig agierten, dass man selbst die fiktiven Begebenheiten fast schon als wahr ansehen konnte. Waltons Buch schafft es, dass man die Realität um sich herum vergisst und sich während des Lesens in einer vollkommen anderen Welt aufhält. Man möchte in Wirklichkeit dabei sein, wenn sich die beiden damals bekanntesten Schauspieler heimlich treffen, um sich ihre Liebe zu gestehen. Diese Liebesgeschichte ist äußerst authentisch, da sie sowohl Höhen als auch Tiefen in einer Art behandelt, die wahrscheinlich jeder von uns am eigenen Leibe erfahren musste. Letztendlich bleibt aber der Eindruck eines unvergesslichen Liebespaares zurück, an das man sich immer wieder gerne erinnert. Pickford und Fairbanks setzten sich über die Konventionen der damaligen Zeit hinweg, um ein gemeinsames Leben führen zu können. Dies wurde so eindringlich beschrieben, dass man manchmal sogar selbst als Leser nach einer Lösung suchte.

Emily Walton schildert die starke Persönlichkeit einer nach außen hin zierlich wirkenden Frau, die zielstrebig (zumindest in der Konsequenz) ihren Weg geht und sich nichts um die Meinungen anderer schert. Auch dieser Aspekt ist Walton ausnehmend gut gelungen und man fühlte sich dieser Frau sehr nahe in ihren Gedanken, Überlegungen, Hoffnungen und Ängsten. Ein weiterer Höhepunkt waren die Auftritte Charlie Chaplins, der in erster Linie mit Douglas Fairbanks befreundet war. Die Szenen, in denen dieses Trio in Erscheinung trat, waren für mich als Filmfan ein großer Genuss. Es war einfach wunderschön, diesen drei Legenden zu begegnen, wenngleich auch nur in fiktiver Form. Aber das machte gar nichts, denn diese Passagen sprühten nur so voller Leben und spiegelten in grandioser Weise die damalige Ära wieder. Und als am Ende dann durch diese drei „United Artists“ gegründet wurde, erhielt der Roman sogar noch einen leichten epischen Touch, der mich nachhaltig beeindruckt hat. „Miss Hollywood“ ist, wie manch einer meinen möchte, keinesfalls nur ein Buch für Frauen, weil es in erster Linie um Liebe geht, nein, es ist ein Buch für Filmfanatiker und all jene, die eine solche, glanzvolle Ära noch einmal literarisch miterleben möchten. Emily Walton hat mich von der ersten bis zur letzten Seite absolut in ihren Bann gezogen, sodass ich mir ihren Debütroman definitiv auch noch zulegen werde. Ich spreche hier eine ganz klare Leseempfehlung aus.

.

Fazit: Eine unkonventionelle Liebe in Stummfilmzeiten. „Miss Hollywood“ muss man gelesen haben.

©2021 Wolfgang Brunner für Buchwelten

Von Frauen, Fremden und Phantomen von Georg Adamah

Erschienen als Taschenbuch
Independently published
insgesamt 238 Seiten
Preis: 11,99 €
ISBN: 978-1700693594
Kategorie: Drama, Liebe, zeitgenössische Belletristik

.

Kurzgeschichten, die lose miteinander verbunden sind und zeigen, wie Liebe, Sehnsucht, Rache, Begierde, Freundschaft und Verrat im Leben „funktionieren“.

.

Ein neues Buch von Georg Adamah? Klar war ich neugierig, was sich der Autor von „Die Sonne über dem südlichen Wendekreis“ (in einer früheren Version auch unter dem Titel „Liliths Töchter, Adams Söhne“ erschienen) ausgedacht hat. „Von Frauen, Fremden und Phantomen“ wird als Fragment eines Romans bezeichnet. Besser könnte man die Geschichte(n) gar nicht bezeichnen, denn man bekommt durchaus einen Roman geboten, der sich allerdings erst durch verschiedene Kurzgeschichten zu einem Ganzen verwandelt. Wie schon beim obengenannten „Die Sonne über dem südlichen Wendekreis“ macht das vorliegenden Buch ungemein Spaß, zumal es auch noch jede Menge (Lebens-)Wahrheiten verbirgt, die einen daran erinnern, wie man sich selbst oft verhält. Man erkennt sich also immer wieder.
Adamah hält sich, wie bereits in seinem ersten Roman, nicht wirklich an die gängigen Konventionen in der Literaturwelt. Und das ist auch gut so, denn sowohl vom Aufbau als auch von der sprachlichen Innovation kenne ich wenige Romane, die derartig verfasst sind. Die wörtliche Rede ist nicht entsprechend gekennzeichnet, so dass man schon aufmerksam lesen muss, um das Geschriebene in all seinen Facetten zu verstehen. Hat man sich erst einmal daran gewöhnt, fällt es natürlich leichter.

Der Aufbau der Geschichte(n) hat mich erneut fasziniert. Es liest sich kompliziert und dennoch so unglaublich flüssig. Es ist eine Kunst, so zu schreiben, ohne dass der Leser den Faden verliert und alles in jedem Detail versteht. Georg Adamah kann sehr gut schreiben und man vergisst seinen ganz besonderen, eigenen Stil nie wieder. Ich habe mich in den Storys teilweise richtiggehend verloren, weil sie von Melancholie bis über Hass und Verrat alles beinhalten und in einem das Gefühl wecken, man liest eine emotionale Biografie. Vor allem die Gefühle sind bei Adamah groß geschrieben und werden sehr authentisch und nachvollziehbar beschrieben. Dass sich der Autor sozusagen als Hauptperson einbringt, mag für den ein oder anderen etwas seltsam wirken, wenn man aber den Sarkasmus darin erkennt, macht es zum einen Sinn und zum anderen eben enormen Spaß. Oft habe ich mich dabei ertappt, dass ich während des Lesens schmunzeln musste. Auch dieses Herangehensweise vermittelt den Eindruck, man hätte es mit einer Art Lebensgeschichte des Autors zu tun. „Von Frauen, Fremden und Phantomen“ ist für mich ein ganz besonderes Buch, weil es mich auf eine sehr eindrucksvolle Reise mitnimmt, die direkt aus dem Leben gegriffen scheint. Niemals langweilig, immer intensiv und ehrlich. Ein Buch, das man bestimmt immer wieder gerne in die Hand nimmt und darin schmökert.

.

Fazit: Unterhaltung auf hohem Niveau. Witzig, melancholisch, ehrlich. So muss ein Buch sein.

©2021 Wolfgang Brunner für Buchwelten

Andromeda – Die Evolution von Michael Crichton / Daniel H. Wilson

Erschienen als Taschenbuch
im Heyne-Verlag
insgesamt 380 Seiten
Preis: 14,99 €
ISBN: 978-3-453-42477-7
Kategorie: Science Fiction

.

50 Jahre ist es her, dass das Andromeda-Virus aus dem All ein ganzes Dorf vernichtet hat. Die Menschheit traute dem Frieden allerdings nicht und stellte ein Team auf, dass das Virus im Auge behielt. Im Amazonasgebiet wird schließlich eine Mutation von Andromeda entdeckt. Als ein Forschungsteam dorthin aufbricht, müssen sie feststellen, dass die Seuche weitaus tödlicher und verheerender ist als zuvor. Das mutierte Virus könnte die ganze Menschheit ausrotten. Ein Wettlauf gegen die Zeit beginnt.

.

Bei einem „neuen“ Roman von Michael Crichton wird der Fan sofort hellhörig, bekamen diese bereits mit der durch Richard Preston fertiggestellten Abenteuergeschichte „Mikro“ und die posthum veröffentlichten Werke „Dragon Teeth“ und „Gold“ neues Lesefutter. Die vorliegende Fortführung des in den 1970er-Jahren erschienenen SF-Romans „Andromeda“ wurde von Daniel H. Wilson verfasst. Wer dessen „Robocalypse“ kennt, weiß, dass Wilson einen ähnlichen Schreib- und Erzählstil wie Crichton hat, so ist es dann auch nicht verwunderlich, dass „Andromeda – Die Evolution“ auf ganzer Ebene funktioniert. An manchen Stellen spürt man sicherlich, dass ein anderer Autor dahintersteckt, an anderen wiederum wird die Atmosphäre eines Michael Crichton hervorragend vermittelt. Es fühlt sich ein wenig an wie bei Stieg Larssons Millennium-Trilogie, die auf ähnliche Weise kongenial von David Lagercrantz fortgesetzt wurde. Wilson schafft es auf alle Fälle, den Stil und den Ideenreichtum nebst Abenteuerstimmung eines Michael Crichton gerecht zu werden. Der Einstieg in die Geschichte, der im tiefen Dschungel spielt, wirkt ähnlich wie Crichtons „Congo“ und das Finale breitet sich vor den Augen des Lesers in einem epischen Ausmaß aus, das von Larry Niven stammen könnte.

Man stellt sich die Handlung durchwegs wie einen Film vor, so detailliert und spannend wird die Geschichte erzählt. Was mir besonders gefallen hat, abgesehen von der bombastischen Entwicklung der Story, ist die passende und glaubwürdige Einbeziehung des Originalromans. Der Plot ergibt Sinn und führt die Erzählung in einer Weise fort, die selbst die 50 Jahre, die zwischen den beiden Handlungen vergangen sind, glaubhaft macht. „Andromeda – Die Evolution“ ist ein Science-Fiction-Abenteuer, das oftmals auch an klassische Genrebeiträge erinnert, und genau das ist es für mich auch, was diesen Roman ausmacht. Wilsons Schreibstil ist flüssig und erinnert, wie bereits erwähnt, tatsächlich an die Wissenschaftsthriller aus der Feder von Michael Crichton.

Die Charaktere wirken vielleicht anfangs ein wenig stereotyp und gehen anfangs in den für den ein oder anderen wahrscheinlich zu viel technischen Beschreibungen unter. Aber das Team wird durch Unfälle und verschiedene Katastrophen reduziert, so dass man die Charakterzüge der Überlebenden im Verlaufe des Buches dann doch überzeugen können. Wer zwischen den Zeilen liest, wird auch die liebevollen Anspielungen auf andere Werke von Michael Crichton erkennen, so dass man letztendlich durchaus sagen kann, dass Wilson eine würdige Fortsetzung erschaffen hat, die dem Geist des ursprünglichen Autors gerecht wird. Wer dem Roman Geldmacherei vorwirft, gehört wieder einmal zu den ewigen Meckerern, denen man es sowieso nicht recht machen kann. Ich als großer Fan von Michael Crichton habe mich auf jeden fall gefreut, eine Geschichte zu lesen, die von ihm stammen „könnte“ und hoffe tatsächlich, wie im Nachwort angekündigt, dass die Erben Crichtons seine Geschichten und Ideen auf welche Weise und durch welche Autoren auch immer weiterleben lassen. Für mich war und ist „Andromeda – Die Evolution“ eine würdige Fortsetzung der Originalgeschichte, die ich mir auch als Film wünschen würde.

.

Fazit: Würdiger Nachfolger aus der Feder von Daniel H. Wilson, der damit den Geist Crichtons fortführt.

©2021 Wolfgang Brunner für Buchwelten

Der Fluch der vergessenen Stadt von Jethro Wegener

Erschienen als Taschenbuch
im Luzifer Verlag
insgesamt 260 Seiten
Preis:  13,95  €
ISBN: 978-3-95835-551-4
Kategorie: Abenteuer, Fantasy

.

Lady Amelia Swift glaubt fest daran, dass sich im brasilianischen Dschungel die geheimnisvolle Stadt Z befindet, die bereits seit Jahrzehnten von Wissenschaftler gesucht wird. Zusammen mit einer Gruppe aus Abenteurern unternimmt sie eine Expedition in die unwirtliche Gegend, ohne zu wissen, dass nicht nur Gauner ihren Weg kreuzen werden, sondern auch gefährliche Kreaturen, die aus einer anderen Zeit zu stammen scheinen …

.

Schon allein das Titelbild suggeriert Abenteuer-Trash in Hochkultur, und genau das bekommt man hier auch geboten. „Der Fluch der vergessenen Stadt“ von Jethro Wegener ist eine literarische Rückkehr in die eigene Kindheit und Jugend, wo man sich noch auf solcherart Geschichten bedingungslos einlassen konnte und mit den Helden mitfieberte und die Abenteuer mittels seiner Vorstellungskraft hautnah miterlebte. Genau auf diese Art und Weise nimmt uns der Autor mit auf eine Reise, die wie eine Geschichte aus der Feder von Jules Verne wirkt und die Abenteuerlust in einem weckt. Sicherleich erfindet Wegener das Rad des klassischen Abenteuerromans nicht neu, aber das macht nichts, denn die Unterhaltung ist definitiv garantiert, auch wenn man das ein oder andere bereits aus Büchern oder Filmen kennt. Aber genau das ist es auch, was man erwartet, wenn man Titel und Cover sieht. Jethro Wegeners Schreibstil ist einfach und schnörkellos, was dazu führt, das man das Buch sozusagen in einem einzigen Rutsch durchlesen kann, was dem Roman sozusagen das Prädikat eines Pageturners verleiht.

Ich persönlich hätte mir sogar noch mehr Trash respektive Monster gewünscht, was allerdings wiederum nicht heißt, dass mir der relativ ruhige Beginn der Geschichte nicht gefallen hat. Das erste Drittel „dümpelt“ nämlich (und das ist jetzt absolut nicht negativ, sondern eher positiv gemeint) erst einmal so dahin. Man lernt die Charaktere ein wenig kennen und durch einen Rückblick in die Vergangenheit und die Reisevorbereitungen in der Gegenwart kommt ein richtig tolles Abenteuerfeeling auf, das mich neben Jules Verne auch an die Indiana-Jones-Filme oder die Serie „Relic Hunter“ erinnert hat. Man fühlt sich wohl in der Geschichte und möchte natürlich unbedingt wissen, wie es weitergeht. Während der Expedition kommt dann ein gewisser Trashfaktor hinzu, der dem Plot eine angenehme Wendung verleiht und einen immer wieder an die alten Monsterfilme denken lässt, die man in seiner Jugend im Kino gesehen hat. Und genau an diesem Punkt hätte ich mir dann doch sogar, wie oben bereits erwähnt, noch mehr Monster-Action gewünscht. Die auf dem Titelbild abgebildete Spinne beispielsweise (auf die ich ehrlich gesagt die ganze Zeit gewartet habe 😉 ), kommt aus meiner Sicht einfach zu kurz. Da hätte man schon mehr draus machen können.

Dieser Kritikpunkt bedeutet aber nicht, dass ich mich nicht hervorragend unterhalten gefühlt habe. Wegener lässt seine Leser wieder zum Kind werden, das mit vor Staunen geweiteten Augen eine bedrohliche, fremde Welt betrachtet, in der hinter jedem Busch ein Monster lauern könnte. Auch die Beschreibung der vergessenen Stadt liest sich wie ein Film und man sieht die Gebäude in Gedanken vor sich. „Der Fluch der vergessenen Stadt“ ist eine Reise in die Vergangenheit, wo Heftchenromane zum Kult(ur)gut wurden und Trash die Abenteuerlust eines jungen Lesers befriedigte. Jethro Wegeners Roman ist sicherlich leichte Kost, beinhaltet aber durchaus auch gut recherchierte historische Begebenheiten, die der Autor in die Handlung einfließen lässt. Auch die Charaktere wirken nicht flach und oberflächlich, sondern bieten (zumindest in der ersten Hälfte des Buches) genügend Material, um dem Leser ein sehr genaues Bild von ihnen zu verschaffen. „Der Fluch der vergessenen Stadt“ ist ein kurzweiliges, spannendes Abenteuer, das den Geist der klassischen Abenteuerliteratur wenigstens ein Stück weit wieder für ein paar Lesestunden aufleben lässt.

.

Fazit: Kurzweiliger Abenteuertrip, der an Klassiker des Genres erinnert.

©2021 Wolfgang Brunner für Buchwelten

Die leuchtenden Toten von Caitlin Starling

Erschienen als Taschenbuch
im FESTA Verlag
568 Seiten
14,99 €
ISBN: 978-3-86552-904-6
Kategorie: Horror, Science Fiction

.

Gyre Price ist eigentlich gar keine professionelle Höhlenforscherin. Sie gibt sich aber dafür aus, um Geld zu verdienen, damit sie ihre verschollene Mutter suchen kann. Der Auftrag, den sie annimmt, führt sie in ein mysteriöses, verschachteltes Höhlensystem, wo sie schon bald der festen Überzeugung ist, dass jemand oder Etwas sie verfolgt. Em, die Auftraggeberin, hilft ihr so gut sie kann, mit Anweisungen, die sie über Funk gibt. Während Gyre mit Ängsten aus ihrer Vergangenheit konfrontiert wird, entdeckt sie, dass auch Em etwas verschweigt, das mit der Expedition zu tun hat.

.

Schon durch den Klappentext wurde ich neugierig auf Caitlin Starlings Debüt „Die leuchtenden Toten“ neugierig. Meine Erwartungshaltung war dadurch recht hoch, umso überraschter war ich dann auch, dass mich die Geschichte absolut gepackt und mitgerissen hat. Starlings Schreibstil ist flüssig und obwohl letztendlich gar nicht so viel passiert, kann man das Buch kaum aus der Hand legen. „Die leuchtenden Toten“ besitzt eine unglaublich intensive, spürbare Atmosphäre, die den Leser hautnah mit dabei sein lässt. Die auf dem Cover getätigten Vergleiche mit „Gravity“ oder gar „Der Marsianer“ kann ich ehrlich gesagt nicht ganz so nachvollziehen, vor allem der letztere hinkt irgendwie, von der Einsamkeit der Protagonistin einmal abgesehen. Ich habe hingehen vielmehr an die beklemmenden Filme der „Descent“-Reihe gedacht, denn Gyres Weg durch das Höhlensystem ist ähnlich unheimlich und gruselig. Die Dialoge zwischen Gyre und Em sind sehr authentisch und man hört praktisch während des Lesens in Gedanken den Funkverkehr der beiden. Das und die Gedanken der Protagonistin wirken so mitreißend, dass man schon sehr schnell die Welt um sich herum vergisst.

Die über 500 Seiten fühlen sich an wie 200, weil man nur so von Kapitel zu Kapitel springt, um zu wissen, wie es weitergeht. Auch wenn die Handlung nicht vollkommen undurchsichtig ist und man immer wieder einmal vermutet, wohin die Reise geht, so lässt einen die Höhlenkletterin nicht mehr in Ruhe. Man versteht ihre Überlegungen, kann sämtliche Ängste und Hoffnungen nachvollziehen und fühlt das mulmige Gefühl im Bauch auf nahezu jeder Seite. Starling ist eine ganz außergewöhnliche Atmosphäre gelungen, die für den ein oder anderen langweilig anmuten könnte, für viele jedoch Spannung pur bedeutet. Gerade die ruhige und unspektakuläre Erzählweise lässt die Leser das Abenteuer wie ein Traum unter Drogeneinwirkung vorkommen, der sich immer mehr zu einem beklemmenden Albtraum entwickelt. Wer Action sucht, wird hier vergeblich suchen, denn „Die leuchtenden Toten“ spielt sich vielmehr in der Gedankenwelt der Protagonistin ab. Es ist, wie bereits erwähnt, ein ruhiger Roman, der von seinen Monologen, Dialogen und der unheimlichen Atmosphäre inmitten der Höhlenwelt lebt. Echter Horror oder gar Splatter spielt absolut keine Rolle bei dieser Geschichte, das Grauen tritt in einer anderen Gestalt auf, nämlich als psychologischer Schrecken in einem selbst, den man folglich auch nur alleine bekämpfen kann. Für mich war „Die leuchtenden Toten“ genau das Richtige und ich könnte mir gut vorstellen, das Buch ein zweites Mal zu lesen, eben weil mich der Schreibstil und die Stimmung gleichermaßen begeistern konnten.

.

Fazit: Beklemmender, ruhig erzählter Psychothriller, der ohne Action unter die Haut geht.

©2021 Wolfgang Brunner für Buchwelten

Der Netzwerk-Effekt von Martha Wells

Erschienen als Taschenbuch
im Heyne-Verlag
insgesamt 478 Seiten
Preis: 14,99 €
ISBN: 978-3-453-32123-6
Kategorie: Science Fiction

.

Der Killerbot ist wieder da und versucht erneut, die Menschheit vor einem Unglück zu bewahren. Dieses Mal ist es eine gefährliche Rettungsmission, bei der ein Forschungs-Raumschiff angegriffen wird und das Team um ihr Leben kämpft. Der Killerbot SecUnit hilft den bedrohten Menschen natürlich, obwohl er eigentlich viel lieber eine neue Folge seiner Lieblingsserie anschauen würde.

.

Nachdem mich schon „Tagebuch eines Killerbots“ von Martha Wells sehr amüsiert und begeistert hat, war ich umso mehr darauf gespannt, wie die Autorin die Geschichte im ihren seriensüchtigen Roboter fortführen würde. Schon nach den ersten Seiten wusste ich bereits, dass sich das Warten gelohnt hat und das erwartete Niveau wie schon beim ersten Band eingehalten wurde. Wells schreibt kurzweilig und die knapp 500 Seiten fliegen nur so dahin, und das sogar, ohne dass etwas Weltbewegendes passiert. Die Handlung ist einfach gehalten, was aber dem Unterhaltungswert absolut keinen Abbruch tut. Es macht enorm Spaß, die SecUnit dabei zu begleiten, wie sie inmitten ihres fast schon menschlichen Alltags verzweifelt versucht, ihren Vorgesetzten (den Menschen) dabei zu helfen, nicht das Zeitliche zu segnen. „Der Netzwerk-Effekt“ ist ein grandioser Science-Fiction-Lesegenuss, bei dem man die Zeit um sich herum vergessen kann. Letztendlich sind es lediglich die Beschreibungen verschiedener Kampfhandlungen, die den Roman ausmachen, bis er dann gegen Ende eine sehr schöne und unerwartete Wendung offenbart. Bis dahin plätschert (und das ist nicht negativ gemeint) die Geschichte einfach so dahin und amüsiert mal mehr und mal weniger durch die Gedankengänge des Roboters.

Wer den ersten Band mochte, wird auch diesen lieben. Martha Wells schreibt sehr flüssig und besitzt einen besonderen Humor, den man versteht oder nicht. Wer ihn versteht, hat über das ganze Werk hinweg immer wieder einen Riesenspaß, wenngleich sich manch einer der Gags leicht wiederholt. Wie schon bei seinem Debüt wirkt der Killerbot in manchen Szenen menschlicher als ein Mensch, was den Roboter dadurch unglaublich sympathisch macht, zudem er sein Nerdsein, was Serien betrifft, nicht abgelegt hat und weiter dieser Sucht frönt. Das lockert die spannende Handlung immer wieder auf und macht Lust, weiterzulesen.
Was mir auch sehr gut gefallen (und was Wells auch schon im ersten Teil hervorragend schaffte) ist die Tatsache, dass die ganze Handlung aus der sehr speziellen Sicht des Roboters erzählt wird. Das mag in den ersten Momenten etwas befremdlich wirken, aber man gewöhnt sich sehr schnell daran und verliebt sich in diese außergewöhnliche Erzählweise, die den Menschen oft als leicht dämlich hinstellt. Aber auch der Killerbot nimmt sich selbst nicht immer allzu ernst.

Auch wenn oftmals Ausdrücke vorkommen, mit denen man sich schwertut, so versteht man die Handlung dennoch. „Der Netzwerk-Effekt“ ist nicht unbedingt einfach zu lesen (gerade wegen der Fremdwörter) und man muss schon bei der Sache bleiben, um der Handlung beziehungsweise den Ereignissen folgen zu können. Der Roman ist also keine leichte Kost für Nebenbei, ist aber wiederum auch kein höchstkompliziertes Werk, bei dem man nach jedem zweiten Satz darüber nachdenken muss, was man gerade gelesen hat. Martha Wells hat auf alle Fälle mit ihrem Killerbot einen sympathischen, nichtmenschlichen Protagonisten erschaffen, den man gerne auf seinen Abenteuern begleitet. Hinzufügen möchte ich noch, dass mir die durchgehend leicht düstere Atmosphäre dieses Science-Fiction-Epos gefallen hat. Ich freue mich jetzt schon auf eine Fortführung der Geschichte.

.

Fazit: Überzeugende Fortsetzung, die ebenso humorvoll wie der erste Teil ist.

©2021 Wolfgang Brunner für Buchwelten

Die Töchter der Grossen Mutter von Alfons Winkelmann

Erschienen als Taschenbuch
im Verlag Der Romankiosk
insgesamt  372 Seiten
Preis: 14,99 €
ISBN: 978-3-7529-5736-5
Kategorie: Drama, Thriller

.

Nicole hat Zuflucht in einer Sekte gesucht. Sie heißt dort »Sor Erdmuthe« und ist vollkommen davon überzeugt, in jeder Hinsicht das Richtige zu tun. Doch ihr Verlobter Jan gibt nicht auf und entführt sie aus den Fängen der Sekte, um sie wieder zur Besinnung zu bringen. Sie glaubt ihm jedoch kein Wort und sieht in den realen Ereignissen um sich herum eine Verschwörung gegen sich und die anderen Töchter der Sekte. Außerdem hört sie immer wieder die Stimme der Großen Mutter, die ihr sagt, was zu tun ist, dass sie nämlich gegen den Teufel kämpfen soll. Und dieser Teufel, den sie vernichten soll, steckt angeblich in Jan.

.

Alfons Winkelmann hat mich bereits mit seinem Roman „Die Insel der Wahrheit“ begeistert, umso mehr war ich jetzt auf „Die Töchter der Großen Mutter“ gespannt. Tja, was soll ich sagen: Winkelmann hat es tatsächlich geschafft und mich mit diesem Drama noch tiefer beeindruckt und vor allem gefesselt. Es liegt zum einen an dem wunderbaren, gehobenen Schreibstil, den der Autor besitzt, zum anderen aber auch in der Detailgenauigkeit der Charakterzeichnungen und Geschehnissen. „Die Töchter der Großen Mutter“ erzählt von einer Frau, die irritiert ist und genau genommen nach dem Sinn ihres Lebens sucht. Winkelmann schafft es hervorragend, diese ganzen Zweifel, Ängste und verwirrten Gedanken für den Leser verständlich zu machen, so dass man viele ihrer Handlungen absolut nachvollziehen kann. Der Roman regt zum Nachdenken an, nicht nur über die krasse Einflussnahme einer Sekte ins eigene Leben, sondern auch über die Art und Weise, wie man sein Leben betrachten und in die richtigen Bahnen lenken sollte. Das Buch zeigt auf, wie man aus Unwahrheiten und falschen Versprechungen schnell eine Wirklichkeit machen kann, die nicht nur das eigene Leben zerstört. Ähnlich wie bei „Die Insel der Wahrheit“ schafft es der Autor, nahezu Unbeschreibliches klar und deutlich zu formulieren und den Lesern transparent zu vermitteln. Das ist eine ganz eigene Kunst des Fabulierens, die ich in dieser Art bislang recht selten erleben durfte.

Alfons Winkelmanns Drama ist nicht reißerisch, aber dennoch so dermaßen faszinierend, dass man diese Welt, in der es spielt, gar nicht mehr verlassen will. Die Worte, mit denen Winkelmann die Geschichte erzählt, sind hypnotisch und lassen einen, selbst wenn gar nicht einmal so viel passiert, gebannt eine Seite nach der anderen lesen. Die Erzählung entwickelt sich wie ein Sog, der einen – sofern man sich darauf einlassen kann – nicht mehr loslässt und bis zum Ende gefangen hält. Solche Bücher sind wirklich selten, weil sie sich enorm intensiv mit den Protagonisten und deren Schicksalen und Beweggründen beschäftigen. Wer einen klar strukturierten Roman erwartet, wird vielleicht enttäuscht sein ob der angeblichen Längen beziehungsweise einer fehlenden Action oder Spannung, die einem in diesem Roman begegnen. Wer sich jedoch für lebendige Figuren interessiert und sie auf ihrem physischen als auch gedanklichen Weg begleiten will, wird, wie ich, hellauf begeistert sein. Alfons Winkelmann hebt sich wohltuend vom Einheitsbrei der Literatur ab und hält an seinem eigenen Weg fest: Geschichten zu erzählen, die auch zwischen den Zeilen und im Kopf des Lesers stattfinden und nicht nur in den geschriebenen Worten. Diese Vorgehensweise begeistert mich immer wieder bei seinen Romanen.

„Die Töchter der Großen Mutter“ gleicht in seiner Sogwirkung fast einem Drogenrausch. Die Geschichte, aus der Sicht der Protagonistin erzählt, fühlt sich verwirrend, gleichzeitig aber auch irgendwie klar und nachvollziehbar. Ich sah viele der Szenen wie einen Film vor meinem inneren Auge, was mich sehr tief in die Handlung eintauchen ließ. Alfons Winkelmann ist ein Autor, den ich immer wieder lesen könnte, weil er mich schlichtweg mit seinem außergewöhnlichen Schreibstil, seiner Detailverliebtheit und seinen Ideen packt. Ich dachte nicht, dass Winkelmann „Die Insel der Wahrheit“ noch toppen könnte, war daher umso überraschter, dass es ihm mit diesem Roman dennoch gelang.
Der Roman ist, wie auch „Die Insel der Wahrheit“, äußerst intellektuell, weshalb wahrscheinlich die meisten „Mainstream-Leser“ mit der Geschichte leider nichts anfangen können, weil sie keine Lust haben, selbst Dinge in die Sätze hineinzuinterpretieren. Alfons Winkelmanns Werke sind Bücher zum „Mitmachen“ und Nachdenken und erinnern mich manchmal an ein literarisches Gegenstück zu Filmen von Regisseuren wie David Lynch oder Terrence Mallick.

.

Fazit: Berührend, einfühlsam, faszinierend und auf ganz eigene Weise ungemein spannend.

©2021 Wolfgang Brunner für Buchwelten