„Smith -Mein Leben bis zur Tragödie der Titanic“

Mein Ehemann Wolfgang Brunner ist euch allen als Mitautor vieler Rezensionen hier auf Buchwelten bekannt. Aber wie viele von euch (hoffentlich) wissen, ist er Romanautor und hat bereits eine Reihe Romane veröffentlicht.

Das neueste Werk meines Mannes erzählt eine besondere Geschichte. Romane über die TITANIC gibt es viele. Über den Kapitän dieses Dampfers, Edward John Smith, gibt es im deutschsprachigen Raum bislang überhaupt keinen Roman.

Mein Mann hat ihn geschrieben: einen biografischen Roman, der sich mit dem gesamten Leben dieses Mannes befasst.

Heute möchte ich meinen Lesern den neuen Buchtrailer zum Roman vorstellen:

 

Bluescreen von Dan Wells

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Erschienen als Taschenbuch
bei Piper
insgesamt 368 Seiten
Preis:  12,99  €
ISBN: 978-3-492-28021-1
Kategorie: Science Fiction

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Los Angeles 2050. Fast alle Menschen sind durch ein Implantat im Kopf, einem sogenannten Djinni, 24 Stunden am Tag online. So auch die junge Marisa, die im Stadtteil Mirador wohnt und mit ihren Freunden mehr Zeit in virtuellen Welten verbringt als in der Realität.  Als die Jugendlichen auf eine virtuelle Droge namens Bluescreen stoßen, decken sie eine unglaubliche Verschwörung auf …

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In Dan Wells neuem Roman wird eine Zukunft aufgezeigt, die höchstwahrscheinlich gar nicht mehr so weit entfernt ist. Ich wage zu behaupten, dass wir nicht, wie im Roman angegeben, bis zum Jahr 2050 warten müssen, um eine Menschheit anzutreffen, die größtenteils durch Implantate 24 Stunden online ist.
Wells entwirft ein sehr glaubwürdiges Szenario, das mich anfangs sehr stark an Tad Williams‘ grandioses „Otherland“-Epos erinnert hat. „Bluescreen“ erreicht allerdings die Komplexität und den Ideenreichtum der „Otherland“-Reihe nicht, begibt sich aber im Verlaufe der Handlung sowieso auf ein völlig anderes, eigenständiges Terrain.  Wells schafft es durch seinen überaus gut lesbaren Schreibstil, den Leser von Anfang an gefangen zu nehmen und für die Geschichte zu interessieren.
Die technischen Errungenschaften, die sich Dan Wells ausgedacht hat, können allesamt überzeugen, weil sie sehr realitätsnah beschrieben werden und ich keine Logikfehler entdecken konnte.

Die Charakterisierung der Hauptpersonen ist Wells nur teilweise gelungen. Von der Hauptprotagonistin Marisa einmal abgesehen, erhalten die restlichen Figuren nicht wirklich Tiefe, was aber daran liegen kann, dass es sich bei „Bluescreen“ um den Auftakt einer neuen Reihe handelt und der Autor eine nähere Charakterzeichnung in den Folgebänden durchaus noch nachholen könnte. Nichtsdestotrotz sind „Guten“ sehr sympathisch dargestellt und wachsen einem trotz der genannten „Gesichtslosigkeit“ irgendwie ans Herz. Dennoch reißt der Plot mit und lässt durch die oftmals ausdrucksstarke Beschreibung im Kopf des Lesers Bilder wie in einem Science Fiction-Film erscheinen. „Bluescreen“ ist ein dystopisches Science Fiction-Abenteuer, das jugendliche und erwachsene Leser gleichermaßen begeistern wird. Gekonnt meistert Wells die Grenze zwischen einem Jugendbuch und einem ernstzunehmenden Science Fiction-Szenario, so dass man sein neues Werk auf jeden Fall als typischen All Age-Roman bezeichnen kann.

So drastisch und gefährlich Wells die Gefahren einer steten Online-Präsenz auch darstellt, so möglich erscheinen sie einem dennoch, wenn man den technischen Fortschritt der letzten Jahre beobachtet. All die Gefahren, die auf die Protagonisten in „Bluescreen“ einprasseln, könnten bald schon in genau dieser Art und Weise geschehen. Dan Wells schlägt mit seiner neuen Reihe einen komplett anderen Weg als in seinen John Cleaver-, aber einen ähnlichen wie in seinen Partials-Romanen, ein. Das leicht dystopisch angehauchte Abenteuer wirkt erfrischend und unverbraucht, obwohl es irgendwie gar nicht so sehr vor innovativen Ideen sprüht.  Aber das macht gar nichts, denn man kann das Buch trotzdem schwer aus der Hand legen. Der Endkampf dauert mir, ehrlich gesagt, ein wenig zu lange. Aber das ist wohl Geschmackssache. Ich bin wirklich sehr gespannt, wie es weitergeht.

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Fazit: Dan Wells Auftakt zur neuen „Mirador“-Reihe kann ein sehr realistisches und überzeugendes Zukunftsbild vorweisen und unterhält grandios und vor allem spannend.

© 2016 Wolfgang Brunner für Buchwelten

Die Maschine von Andrew Bannister

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Erschienen als Taschenbuch
bei Piper
insgesamt 414 Seiten
Preis:  16,99  €
ISBN: 978-3-492-70409-0
Kategorie: Science Fiction

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Vor Millionen von Jahren wurde die Spin-Galaxie von gottgleichen Erbauern erschaffen, eine gigantische Ansammlung aus Planeten und Sternen. Ein Krieg hat fast alle Welten des Spin zerstört.
Viklun Haas, Oberbefehlshaber der Hegemonie, will seine Herrschaft ausbauen und sämtliche Rebellen vernichten. Unter ihnen befindet sich auch seine Tochter Fleare, die auf einem Planeten ein uraltes Artefakt entdeckt, das eine Maschine der Schöpfer des Universums ist. Ein Kampf um dieses Artefakt entbrennt …

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Es dauerte, ehrlich gesagt, eine Weile, bis ich mich in Bannisters Debütroman eingefunden hatte. In erster Linie lag das wohl am gewöhnungsbedürftigen Schreibstil, der ein episches Science Fiction-Abenteuer in eher flapsiger Tonart erzählt. Ich bin zugegebenermaßen kein großer Freund von solch humoristisch angehauchten Geschichten, die eigentlich ernst und bombastisch sein sollten. Aber Bannister hat es zumindest in der ersten Hälfte seines Romans geschafft, mich durch innovative und gut durchdachte Ideen zu überzeugen.
Leider habe ich in den ersten beiden Dritteln keine wirkliche Beziehung zur Hauptprotagonistin und den Nebendarstellern aufbauen können. Die Charaktere wurden irgendwie zu wenig beschrieben und konnten dadurch an Liebenswertigkeit nicht punkten. Dennoch ließ sich das Buch irgendwie schwer aus der Hand legen, weil man doch immer wissen wollte, wie es weitergeht.

Bannisters Weltentwurf stellt nichts Neues dar, macht aber durch teils eigenwillige Beschreibungen neugierig und kann durchaus überzeugen, im Gegensatz zur bereits erwähnten Ausarbeitung der Charaktere. In seinen besten Momenten, vor allem im letzten Drittel, nähert sich „Die Maschine“ ein wenig den Aussagen, die auf dem Buchrücken zu lesen ist: „“Eines der zehn wichtigsten Bücher des Jahres 2016!“, geschrieben von SFX oder „Eine Space Opera mit einem finsteren Gegner, der Darth Vader wie ein Anfänger aussehen lässt!“, geschrieben von SFFWorld.
Den Feind in Bannisters Buch mit Darth Vader zu vergleichen ist allerdings mehr als weit hergeholt, dazu reichen die epischen Ausmaße im ersten Teil der geplanten Trilogie bei weitem nicht. Allerdings hat Bannister eine sehr liebenswürdige „Kreatur“, sozusagen einen Geist, namens Muz erschaffen, der mich von allen Beteiligten am meisten überzeugt hat und den ich bereits nach wenigen Seiten ins Herz geschlossen hatte.

Andrew Bannister wollte mit „Die Maschine“ etwas großes erschaffen, kann aber die Spitzenautoren der Science Fiction nicht erreichen, was aber keinesfalls heißen soll, dass sein Debütroman schlecht ist. Ganz im Gegenteil: „Die Maschine“ geht auf gewisse Art und Weise sogar neue Wege und kann, sofern man sich auf den Stil des Autors einlassen kann, durchaus unterhalten.
Gerade im letzten Drittel läuft Bannister zu einer Hochform auf, die man aufgrund der ersten beiden Drittel gar nicht mehr erwartet hätte. Wären die ersten beiden Drittel in genau jenem Stil und Tempo verfasst, hätte Andrew Bannister mich begeistern können. So aber teilt sich der Roman in mittelmäßige und über dem Durchschnitt liegende Teile auf.  Eines steht auf jeden Fall fest: Sowohl die Story als auch die entworfene Galaxie lassen den Leser nicht los und bleiben im Gedächtnis haften.
Größter Kritikpunkt ist für mich auf jeden Fall die oft benutzte flapsige und manchmal auch vulgäre Sprache, die für eine Space Opera diesen Ausmaßes schlichtweg unpassend und störend ist. Da wäre weniger auf alle Fälle mehr gewesen und hätte dem Roman einen höheren Platz in meiner Science Fiction-Rangliste verschafft. Gespannt bin ich trotzdem, wie es weitergeht und ich bin vor allem sicher, dass sich das Handwerk des Autors in der Fortsetzung verbessern wird. Denn bereits im letzten Drittel seines Debüts hat er bewiesen, dass er durchaus das Potential dazu hat, handfeste, gute Science Fiction zu schreiben.

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Fazit: Interessanter Debütroman mit einem gut durchdachten Weltentwurf, der allerdings von der Presse mehr Lob erhalten hat, als er eigentlich verdient hätte.

© 2016 Wolfgang Brunner für Buchwelten

Wolfgang Brunner im Gespräch mit Andreas Brandhorst

Wolfgang Brunner im Gespräch mit Andreas Brandhorst

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Andreas Brandhorst wurde im Mai 1956 im norddeutschen Sielhorst geboren und begann bereits im Jahr 1975, Heftromane im Bereich Fantasy- und Science-Fiction zu schreiben. Nachdem er sich 1984 mit seiner Familie in Italien niederließ, übersetzte er hauptsächlich, u.a. Terry Pratchetts Scheibenweltromane. Anfang der 2000er-Jahre verlagerte Brandhorst den Schwerpunkt seiner Tätigkeit wieder auf das eigene Schreiben und erzielte mit seiner aus »Diamant«, »Der Metamorph« und »Der Zeitkrieg« bestehenden Kantaki-Trilogie einen großen Erfolg. Mit den visionären Zukunftsvisionen der nachfolgenden Romane verschaffte sich Andreas Brandhorst eine stets anwachsende Fangemeinde und zählt heute zu den erfolgreichsten Science Fiction-Schriftstellern Deutschlands. 2016 wurde sein Roman „Das Schiff“ mit dem Deutschen Science Fiction Preis (DSFP) und dem Kurd-Laßwitz-Preis ausgezeichnet. Buchwelten freut sich sehr, dass der Preisträger ein paar Fragen über seine Arbeit und seine Person beantwortet hat.

1. In Deinen Romanen entwickelst Du unglaublich visionäre Zukunftsbilder. Alles wirkt stimmig, so dass bei mir der Eindruck entsteht, dass die Vorbereitungen solcher Welten vielleicht sogar länger dauern als das Schreiben der eigentlichen Geschichte. Wie darf man sich Deine Vor- und Hauptarbeiten vorstellen?

Antwort: Ich plane die Welten, die Universen, natürlich sehr genau, bevor ich mit dem Schreiben beginne, und anschließend ist es oft so wie mit einem Eisberg: Was im Roman von dem Weltenentwurf erscheint, ist nur die Spitze; ein großer Teil bleibt unter der Wasseroberfläche verborgen. Das verleiht der Bühne, auf der die Ereignisse stattfinden, und ihren Kulissen zusätzliche Authentizität, denn der Autor weiß mehr über seine Welt, als er preisgibt, und das merkt der Leser. Derartige Vorbereitungen können tatsächlich sehr viel Zeit in Anspruch nehmen, aber die Hauptarbeit ist und bleibt das Schreiben des Romans. Vielleicht sollte ich noch hinzufügen: Je gründlicher man bei den Vorbereitungen ist, je genauer man sich dabei alles überlegt, desto leichter ist nachher das Schreiben der Geschichte.


2. Ich komme um meine Lieblingsfrage einfach nicht herum: Wer sind Deine literarischen oder auch nicht literarischen Vorbilder?

Antwort: Ich habe keine Vorbilder. Ich schreibe die Geschichten, die mir selbst als Leser gefallen würden, ohne mich dabei an irgendwelchen Vorbildern zu orientieren. Andererseits gibt es natürlich Autoren, denen ich großen Respekt zolle, deren Romane mich bewegen und berühren, mich vielleicht auch inspirieren. Im Bereich der Science Fiction wären das zum Beispiel Dan Simmons, dessen »Hyperion« ich für genial halte, oder auch Robert Charles Wilson, der mit »Spin« Großartiges geleistet hat.

3. Könntest Du Dir vorstellen, auch einmal einen Roman außerhalb des Sciene Fiction-Genre zu schreiben? Wenn nein, warum nicht? Wenn ja, was würde uns erwarten?

Antwort: Ich habe bereits drei Romane geschrieben, die nicht der Science Fiction zuzuordnen sind: »Äon«, »Die Stadt« und »Seelenfänger«. Derzeit arbeite ich an einem weiteren Non-SF-Roman, der im Herbst 2017 in der Belletristik-Reihe bei Piper erscheinen wird und in dem es um künstliche Intelligenz geht. Ein weiterer Non-SF-Roman wird voraussichtlich 2018 erscheinen. Die Science Fiction fasziniert und begeistert mich. Aber ich finde es auch sehr interessant, außerhalb von ihr zu schreiben und Geschichten zu erzählen, die viel näher bei unserer Gegenwart sind.

4. Was liest Andreas Brandhorst privat? Welche Musik hörst Du und welche Filme (oder auch Serien) siehst Du?

Antwort: Seit einigen Jahren lese ich weniger Science Fiction und dafür mehr allgemeine Literatur, Romane »über das Leben«, könnte man sagen.🙂 Ein Roman, der mich sehr beeindruckt hat, war »Stoner« von John Williams. Sehr gern lese ich die Werke der italienischen Schriftstellerin Margaret Mazzantini (in der ausgezeichneten deutschen Übersetzung von Karin Krieger; ich lese immer nur auf Deutsch, obwohl ich nach 30 Jahren in Italien mit dem Italienischen vertraut bin): »Das schönste Wort der Welt« (im Original »Venuto al mondo«, »Zur Welt gekommen«; dieser Titel trifft den Inhalt weitaus besser) ist ein wahres Meisterwerk, ebenso wie »Geh nicht fort« oder »Herrlichkeit«. Angetan haben mir es auch die Romane von Nina George (»Das Lavendelzimmer«, »Das Traumbuch«), Joe R. Lansdales »Ein feiner dunkler Riss« und alle auf Deutsch erschienenen Romane von Marie-Sabine Roger. Was Musik betrifft: Ich höre beim Schreiben oft laut Heavy Metal, zum Beispiel Metallica oder Korn. Und Filme: Schwer beeindruckt und im Herzen berührt war ich von »Interstellar«. Ich mag das italienische Autorenkino (zum Beispiel von Ferzan Özpetek, tolle Filme, die tiefen Einblick in das italienische Leben geben), aber auch Filme wie »Einer nach dem anderen« aus Norwegen; mein Geschmack ist da ziemlich breit gestreut.

5. Wenn bemannte Raumfahrt in andere Galaxien möglich wäre, was würdest Du tun? Der Erde verbunden bleiben oder Dich auf ein ungewisses Abenteuer einlassen?

Antwort: Keine Frage: Ich würde sofort aufbrechen, in der Hoffnung, die vielen Wunder des Universums zu sehen, mit eigenen Augen. Ich würde auch losfliegen, wenn ich wüsste, dass es keine Rückkehr gäbe.

6. In Deinen Geschichten steckt oft sehr viel Philosophie. Bei Deinen letzten Romanen kam mir immer wieder der Gedanke, Dich als „Michael Ende der Science Fiction“ zu bezeichnen. Hast Du Dich denn mit Philosophen, wie z.B. Rudolf Steiner, beschäftigt oder woher kommt diese philosophische Ader?

Antwort: Ich bin in den letzten Jahren sehr, sehr nachdenklich geworden. Das hängt mit dem Verlauf meines Lebens zusammen, mit den Sackgassen, in die ich manchmal geraten bin, aber auch mit dem Alter. Wenn man ein bestimmtes Alter erreicht, wird einem klar, dass der Weg vor einem kürzer ist (und immer kürzer wird) als der hinter einem. Dann stellt man sich Fragen wie: Habe ich richtig gelebt? Habe ich die richtigen Entscheidungen getroffen? Und was soll ich mit den Jahren anfangen, die mir noch bleiben? Es vergeht kein Tag, an dem ich nicht über solche und andere Fragen nachdenke, und das schlägt sich natürlich auch in der Art meines Schreibens nieder. So gibt es in meinen Romanen selten Personen, die einfach nur schlecht und gut sind. Wie im wirklichen Leben tragen sie Eigenschaften von beiden Seiten in sich. Und natürlich agieren sie nicht einfach nur, sondern machen sich auch Gedanken …

7. Gibt es ein Buch oder eine bestimmte Stelle aus einem Buch, wodurch Dein Leben beeinflusst wurde?

Antwort: Es ist erstaunlich, aber ich habe einige E-Mails von Lesern bekommen, in denen sie mir schrieben, dass ein bestimmter Roman von mir ihre Denkweise verändert hätte. Ich glaube, das ist eins der größten Komplimente, die man einem Autor machen kann. Was mich betrifft: Ich habe als Kind, Anfang der 60er-Jahre des vorigen Jahrhunderts, ein Buch gelesen, das mich nachhaltig beeinflusst und Bücher in den Mittelpunkt meines Lebens gerückt hat: »Was die Schildkröte erzählte« von Maria Kahle. Ich habe es erst vor kurzer Zeit mithilfe einer Facebook-Freundin wiedergefunden und bei Recherchen erfahren, dass die Autorin leider der NS-Ideologie recht nahe stand, was der Knabe Andreas damals natürlich nicht wusste. Er war nur sehr angetan von der Schildkröte, die unter dem Bett eines schlafenden Jungen lag und ihm im Traum ihre Geschichten erzählte. Dieses Buch war es, das mich damals lehrte, was Lesen bedeutet: die Erkundung neuer Welten.

8. Kannst/magst/darfst Du verraten, wie Deine Pläne für das „Omniversum“ aussehen?

Antwort: Nach »Omni« wird es weitere Romane geben, die im Omniversum angesiedelt sind. Der erste von ihnen mit dem Titel »Das Arkonadia-Rätsel« erscheint am 2. Mai 2017 bei Piper. Wichtig ist: Alle diese Romane sind in sich abgeschlossen, vergleichbar vielleicht mit den Kultur-Romanen von Banks. Das heißt, es sind keine Fortsetzungsgeschichten mit einem gemeinen Cliffhanger am Ende.🙂 Man kann sie jeden für sich allein genommen lesen.

9. 5 Namen, 5 spontane Antworten. Was fällt Dir ein bei:

– Stephen Baxter

– Philip K. Dick

– Larry Niven

– J.R.R. Tolkien

– Harry Potter?

Antwort: Dazu sage ich: Vier Autoren und eine Romanfigur, wie sie unterschiedlicher kaum sein könnten. Zwei Namen ragen für mich heraus, was die anderen aber nicht schmälern soll: Tolkien als Übervater der Fantasy und Philip K. Dick als jemand, der nicht nur die Science Fiction insbesondere in den 60er- und 70er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts nachhaltig geprägt hat – viele seiner Bücher gelten heute auch als Klassiker der amerikanischen Literatur.

10. Zuletzt würde mich interessieren, ob es bei Deiner Arbeit besondere Rituale und/oder ein Maskottchen gibt, das Du während des Schreibens in Deiner Nähe brauchst?

Antwort: Nein, besondere Rituale, die ich unbedingt für das Schreiben brauche, gibt es nicht, sieht man einmal davon ab, dass ich jeden Tag sehr früh aufstehe, um circa 6:30 Uhr, und die erste Stunde meines Arbeitstages, von sieben bis ungefähr acht, oft damit verbringe, Anfragen von Lesern per E-Mail oder Facebook-Messenger zu beantworen. Das ist in letzter Zeit immer mehr geworden, worüber ich mich freue. Wichtig ist mir auch das Laufen. Ich laufe jeden Tag und bei jedem Wetter mindestens eine Stunde: Der Geist entspannt sich, während der Körper arbeitet, und dabei kommen mir oft die besten Ideen.

Ich danke Dir sehr für die Beantwortung meiner Fragen, gratuliere Dir noch nachträglich zum Gewinn des Deutschen Science Fiction Preises und des Kurd-Laßwitz-Preises für »Das Schiff« und wünsche Dir alles Gute für die Zukunft.

Ach ja, und ich freue mich schon jetzt auf Deinen neuen Roman.

© 2016 Wolfgang Brunner / Andreas Brandhorst

Omni von Andreas Brandhorst

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Erschienen als Taschenbuch
bei Piper
insgesamt 560 Seiten
Preis:  15,00  €
ISBN: 978-3-492-70359-8
Kategorie: Science Fiction

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Omni ist ein Zusammenschluss von Superzivilisationen, der Macht über die Milchstraße besitzt. Der Zehntausendjährige Aurelius, geboren auf der mittlerweile legendären Erde, arbeitet für Omni und erhält einen Auftrag, bei dem er verhindern soll, dass ein geheimnisvolles Artefakt, das an Bord eines im Hyperraum gestrandeten Raumschiffs gefunden wurde, in falsche Hände gerät. Doch es sind bereits weitere Interessierte dem Wrack auf der Spur. Der Agent Forrester und seine Tochter Zinnober zum Beispiel sollen den Fund bergen und dazu auch noch Aurelius entführen. Denn wie es scheint könnte mit seiner Hilfe das Artefakt aktiviert und zu einer mächtigen Waffe umfunktioniert werden. Schon bald sehen sich Aurelius, Forrester und Zinnober einem Komplott gegenüber, das die Zukunft der ganzen Menschheit bedrohen könnte …

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„Are you sitting comfortably?“ fällt mir bei dem neuen Roman von Andreas Brandhorst nur ein. Denn wenn man sich sein neues Werk zu Gemüte führen will, sollte man es sich tatsächlich bequem machen, weil … nun ja, die Geschichte lässt einen einfach nicht mehr los.
„Omni“ ist eine Science Fiction-Achterbahnfahrt und ein Pageturner, wie er besser nicht sein könnte. In gewohnt gehobenem und äußerst edlem Schreibstil entführt Brandhorst den Leser erneut in ein Universum voller Wunder, Gefahren und auch Emotionen. Mit einer unglaublichen Akribie entwirft der Autor Welten, die durch detaillierte Erklärungen absolut glaubwürdig wirken und den Leser genauso wie die Protagonisten faszinieren. „Omni“ ist laut Brandhorst auch eine Hommage an die wunderbare Schriftstellerin Ursula K. LeGuin und den Filmemacher George Lucas. Und in der Tat, wer sich mit dem Gesamtwerk dieser beiden Künstler beschäftigt hat, wird die diversen Anspielungen entdecken und eine wahre Freude daran haben.

Die Story und das entworfene Universum lässt Spielraum für unzählige Abenteuer, was wohl von Andreas Brandhorst auch so gedacht ist.😉 Ich bin ziemlich sicher, dass uns noch einige Geschichten aus dem „Omni-Versum“ beschert werden. Der Plot rast nur so dahin und erinnert oftmals an Science Fiction-Filme aus den 70er und 80er Jahren. Geschickt vermischt Brandhorst ein spannendes Abenteuer mit hintergründiger Philosophie und einer bis ins Detail ausgearbeiteten Umgebung. Die Bilder, die in der Vorstellung des Lesers dabei entstehen, gleichen einem Kinoblockbuster vom Allerfeinsten und bieten noch den Vorteil, von einer echten Handlung mit Sinn getragen zu werden. Das hat was und man fragt sich unweigerlich, warum noch niemand auf die Idee gekommen ist, einen Roman von Andreas Brandhorst auf die Kinoleinwand zu bringen. „Star Wars“ und „Star Trek“ würden nämlich echte Konkurrenz bekommen.

Andreas Brandhorst hat mit seinem letzten Roman „Das Schiff“ die Meßlatte für Science Fiction Bücher (sowohl anderer Autoren als auch seiner eigenen) unglaublich hoch gesetzt, so dass ich bei „Omni“ höchstens gleichwertiges erwartet hätte. Ich wurde eines besseren belehrt, denn „Omni“ schlägt wieder einmal Brandhorsts vorherige Bücher. Auch wenn die visionäre Sichtweise unserer Zukunft und der außergewöhnlich bildhafte Schreibstil dieselben sind, perfektioniert der Autor seine Arbeit auf fast schon unheimlich Art und Weise. Andreas Brandhorst ist eindeutig der derzeit beste Science Fiction Autor aus Deutschland und könnte sich ohne weiteres einen Thron mit internationalen Größen teilen. Wie in vielen seiner Romane lädt der Schriftsteller seine Leser zum Nachdenken ein, lässt seine Protagonisten über ewiges Leben, das Älterwerden, den Sinn des Lebens und das Sterben philosophieren und den interessierten „Zuschauer“ daran teilnehmen. Bei Brandhorsts Zukunftsepen steht immer der Mensch beziehungsweise die Menschlichkeit im Vordergrund und genau das macht seine Bücher aus und hebt sie von anderen Geschichten ab, in denen Weltraumschlachten und künstliche Intelligenzen die Handlung steuern. In Brandhorsts Universen hingegen „menschelt“ es, und zwar gehörig. Immer wieder wird uns ein melancholischer Spiegel vorgehalten, in dem wir uns selbst in einer weit entfernten Zukunft zu erkennen scheinen. Und zwar mit all unseren Ängsten und Hoffnungen, die Menschen eben ausmachen. Und gleichzeitig siedelt Brandhorst diese menschlichen Sehnsüchte in atemberaubenden Abenteuern an, die gerade deswegen äußerst glaubwürdig wirken.
Ich kann es kaum erwarten, den neuen Roman von Andreas Brandhorst in Händen zu halten.
Besser kann Science Fiction nicht sein …

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Fazit: Science Fiction vom Allerfeinsten. Hochspannende, intelligente und philosophische Space Opera vom derzeit besten deutschen Science Fiction Autor.

© 2016 Wolfgang Brunner für Buchwelten

 

Glaube.Liebe.Leichenschau – Mord am Hellweg VIII

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Erschienen als Taschenbusch
im Grafit Verlag
insgesamt 349  Seiten
Preis: 12,00 €
ISBN: 978-3-89425-474-2
Kategorie: Kriminalanthologie

Der bereits achte Teil der Mord am Hellweg-Reihe lautet Glaube.Liebe.Leichenschau.

Insgesamt 23 Schrifstteller liefern ihre Kurzgeschichte ab, die jeweils in der Region des Hellwegs handeln. Der Verlag verspricht eine abwechslungsreiche Unterhaltung mit Mord und Totschlag, Schuld und Sühne ….

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Als Stammleserin vieler Krimis des Grafit Verlages habe ich diesmal auch die Anthologie Mord am Hellweg VIII ausgesucht. Bekannte, namhafte Autoren wie Horst Eckert, Sebastiak Fitzek, Arno Strobel, Elisabeth Herrmann und Rainer Wittkamp haben hier mitgewirkt. Aber außerdem noch eine ganze Reihe an Schreibern, die mir persönlich noch nichts sagten. Gerade das hat mich neugierig gemacht.

Zwischen 15 und 20 Seiten sind die Geschichten lang und so fliegt man natürlich als Leser relativ flott durch dieses Buch. Der Vorteil einer Anthologie und Kurzgeschichten ist, dass man immer mal wieder eine Geschichte lesen kann, wenn die Lesezeit nicht so ergiebig ausfällt. Der Nachteil ist, dass, wenn man eben doch mehr Zeit hat und einige Geschichten hintereinander wegliest, man schnell wieder die ein oder andere Handlung aus seinem Hirn radiert. So ging es mir ab und an auch. Geschichten, die mir zwar ganz gut gefielen, aber dennoch irgendwie nicht haften geblieben sind.

Andere wiederum schon. Hier einige kleine Beispiele und Stichpunkte:

Rainer Wittkamps „Das Iserlohner Reinheitsgelübde“ nahm eine Wendung, die unvorhersehbar war und gut rüberkam.

In „Als Allah nach Herdecke kam“ von Christa von Bernutz kommen sowohl die tragische Aktualität der Handlung sowie ein guter Spritzer herrlicher Humor nicht zu kurz. Diese Geschichte hat mir sehr gut gefallen. Ich musste nicht selten schmunzeln. Eine Autorin, die ich mir merke.

Der österreichische Humor in „Danke Kamen – und sorry für den Toten“ von Georg Haderer hat auch wirklich Spaß gemacht.

Das Mädchen vom Wittener Kreuz“ von Matthias Wittekindt hat mich berührt und betroffen gemacht. Eine Geschichte, die einen schalen Nachgeschmack hinterlassen hat.

In „Kein Fall für Hunter“ hat Judith Merchant den Hauptprotagonisten eines bekannten Autorenkollegen zum Leben erwachen lassen. Da ich diese Reihe nicht kenne, hat es bei mir ein bisschen gebraucht, bis ich es kapiert hatte. Gelungen ist diese Geschichte aber sehr.

Sehr gefühlvoll und sanft, ja, teilweise erotisch liest sich die Geschichte „Atmen in Bad Sassendorf“ von Christian Sebastian Henn. Trotz Krimihandlung bringt der Autor hier eine wundervolle Stimmung in seinen Zeilen unter.

Auch die Geschichten der bekannten Herren wie Horst Eckert und Sebstian Fitzek gefielen mir gut. Bei der Story „UNNAtürlich“ von Sebastian Fitzek liefert der Autor seine altbekannten Wendungen, mit denen ich nie rechne, obwohl es sie doch immer wieder gibt. Diese kleinen Verzwickungen haben aber auch großen Spaß gemacht. WhatsApp hat bekanntlich so seine Tücken ….

Horst Eckert war für mich sehr interessant, weil er hier mit „Der Heiler von Hagen“ eine irgendwie so ganz andere Art von Geschichte liefert, als ich sie sonst von ihm kenne. Hat er gut gemacht. Er kann auch ohne Vincent Veih spannendes erzählen.

Elisabeth Herrmann präsentiert in „Letzer Ausstieg Ahlen“ zwei ganz entzückende, alte Damen, die nicht auf den Mund gefallen sind. Eine spritzige Handlung mit Witz.

Ich könnte noch seitenlang weitermachen, ich denke, dass meine Begeisterung ganz gut herauszulesen ist …

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Mein Fazit: Eine tolle, rasante, böse und humorvolle Anthologie bestückt mit kleinen aber sehr feinen Kriminalgeschichten von bekannten und weniger bekannten Autoren. Hier gebe ich sehr gerne eine klare Leseempfehlung.

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© Buchwelten 2016

Harry Potter und das verwunschene Kind von J.K. Rowling, John Tiffany und Jack Thorne

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Erschienen als gebundene Ausgabe
bei Carlsen
insgesamt 336 Seiten
Preis: 19,90 €
ISBN: 978-3-551-55900-5
Kategorie: Jugendbuch, Abenteuer, Fantasy

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Der berühmte Harry Potter ist mittlerweile Vater zweier Söhne und versucht, seine Vergangenheit zu vergessen. Doch ausgerechnet einer seiner Söhne, Albus, erfährt, dass sich das Böse aus der Vergangenheit wieder versucht zu erheben. Zusammen mit Draco Malfoys Sohn Scorpius versucht Albus das Unheil abzuwenden und gerät dabei in einen gefährlichen Strudel aus Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft.

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Man hat irgendwie darauf gehofft, aber eigentlich nicht wirklich damit gerechnet, dass Harry Potters Abenteuer weitergehen. Und nun ist es tatsächlich soweit.
Rowling geht einen überaus interessanten und aus meiner Sicht ungemein geschickten Weg, die Serie wieder aufleben zu lassen: Sie hat nämlich keinen Roman geschrieben, sondern ein Theaterstück verfasst. Wer jetzt denkt, dass macht die ganze Stimmung und die Reihe kaputt, der hat sich gründlich getäuscht. Denn was die Autorin zusammen mit John Tiffany und Jack Thorne auf die Beine gestellt hat, ist ein unglaublich tolles, spannendes und vor allem ideenreiches Abenteuer geworden, das auf faszinierende Art eine eigene Geschichte erzählt, aber dennoch auch in gewisser Art und Weise Prequel und Sequel der „Ursprungsgeschichte“ in einem ist. Das ist absolut genial überlegt und in Szene gesetzt worden.

Wer sich das erste Mal einer Geschichte in Form eines Theaterstücks widmet, könnte anfangs Schwierigkeiten damit haben. Mir hat es nicht viel ausgemacht, weil ich auch schon mal das ein oder andere Drehbuch oder eben auch Theaterstück lese. Wenn man sich dann aber erst einmal darauf eingelassen hat, wird man mit einem mitreißenden Plot belohnt, der einem durch den knappen Schreibstil  und die vielen Dialoge jede der Szenen bildlich vor Augen entstehen lässt. Ich konnte mich wirklich sehr schwer von der Geschichte losreißen und war immer wieder erstaunt, und das an nicht wenigen Stellen, wie geschickt alte Bekannte in die Story eingebaut wurden, von denen man gar nicht mehr geglaubt hat, sie jemals wieder zu treffen.
Es gibt unglaublich viele Wendungen und Überraschungen, so dass man nur so von Szene zu Szene hüpft, um zu erfahren, wie es weitergeht. Mir persönlich hat diese Art einer „Fortsetzung“ absolut gut gefallen und ich bin schon sehr gespannt, wie das Ganze dann letztendlich auf der Bühne, für die es ja schließlich geschrieben wurde, aussehen wird.

Romanleser werden „Harry Potter und das verwunschene Kind“ nicht mögen, ebenso wie die unflexible Generation an Lesern, die in ihrem Leben nicht viel mehr als die Potter-Reihe gelesen haben. Kulturell aufgeschlossene LeserInnen werden an diesem neuen Stil ihre Freude haben, da bin ich ziemlich sicher. Rowling hat frischen Wind in die Potter-Reihe gebracht, die neugierige Fans auf alle Fälle mit ihrer Geschichte befriedigt, denn wir erfahren tatsächlich, wie es einem erwachsenen Harry Potter ergeht, wenngleich das Hauptaugenmerk eher auf die Nachkommen von Potter und Malfoy gerichtet ist. Was aber auch völlig in Ordnung ist.
Für mich war das achte Abenteuer der Reihe eine außergewöhnliche Reise, die zurück in eine der erfolgreichsten Buchserien aller Zeiten führt. Ich bin begeistert und habe jede Szene absolut genossen.

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Fazit: Für den ein oder anderen mag das fürs Theater verfasste Skript befremdlich erscheinen. Ich mochte diese außergewöhnliche Art und bin absolut begeistert vom Ideenreichtum der achten Geschichte.

© 2016 Wolfgang Brunner für Buchwelten

Wolfsspinne von Horst Eckert

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978-3-8052-5099-3Erschienen als gebundene Ausgabe
im Wunderlich Verlag
insgesamt 496 Seiten
Preis:  19,95  €
ISBN: 978-3805250993
Kategorie: (Polit)Thriller.

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Die bekannte Gastronomiebesitzerin Melli Franck wird in ihrem Restaurant brutal ermordet. Ermittlungsfäden führen ins Drogenmilieu, doch Vincent Veih deckt während seinen Ermittlungen Zusammenhänge auf, die um viele Jahre zurückreichen. Dem Kommissar werden seine Ermittlungen erschwert, man will ihn wegen angeblichem Fehlverhalten während einer Demo aus der Leiterfunktion kicken.


Doch Vincent Veih geht seiner Spurensuche ungeniert weiter und er deckt Verbindungen auf, die zur sogenannten Aktion „Wolfsspinne“ führen, einer verdeckten Aktion die vor langer Zeit direkt zum NSU (Nationalsozialistischen Untergrund) führte ….

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Ich lese die Romane von Horst Eckert „erst“ seit seinem Roman „Sprengkraft“. Und auch wenn ich mich wiederhole: Ich lese die Krimis/Thriller von ihm einfach sehr gerne, weil er die wunderbare Gabe hat, spannende politische Thriller zu schreiben, die mich fesseln, obwohl ich politische Thriller nicht mag.

Dies ist der dritte Roman um seinen Kommissar Vincent Che Veih, dem Ermittler mit einer Mutter, die eine extrem terroristische Vergangenheit hat und einem Großvater, der auch nicht ohne Ruf ist.

Der Roman wird in zwei Handlungssträngen erzählt. Einmal in der Gegenwart und dann immer wieder im Jahre 2011, als die Aktion „Wolfsspinne“ lief. Und diese zwei Plots verbinden sich im Laufe der Story miteinander, fügen sich immer mehr zusammen.

Man merkt zum einen, dass sich dem Autor beim Thema NSU und Rechtsradikalismus mehr als die Nackenhaare sträuben und er zum zweiten sehr intensiv recherchiert hat. Dies zeigt sich nicht nur im Laufe der Handlung, wo er Realität und Fiktion geschickt miteinander verknüpft.
Man merkt es auch am, für mich, extrem beklemmenden Anhang. Hier listet Eckert sämtliche Opfer rechter Gewalt seit dem ersten Tag der Deutschen Einheit im Jahre 1990 auf. Mich hat es betroffen gemacht, die Namen der Opfer von Mölln und Solingen (Familie Gen) wieder vor mir zu sehen. Schreckliche Ereignisse, die als weit entfernte Erinnerungen tief in meinem Hirn schlummerten. Unter all diesen Opfer sind sowohl Deutsche, als auch Ausländer und sie sind in allen Bundesländern zu verzeichnen. Erschreckend und leider immer noch unser täglicher Begleiter.

Die Handlung ist spannend, fesselnd und hat mich absolut in ihren Bann gezogen. Verwicklungen und Verbindungen der irrsinnigsten Art und Weise werden hier aufgezeigt. Der Leser weiß stellenweise nicht mehr, wer nun überhaupt für wen arbeitet und ob diese Person tatsächlich die ist, die sie vorgibt zu sein. All dies ist sehr geschickt ausgearbeitet und man fiebert einfach mit.

Neben Vincent Veih sticht für mich die sehr gute und tiefgründige Zeichnung des Charakters von Ronny Vogt heraus. Diese Figur ist aus sich selbst gewachsen. Mehr verrate ich nicht, lest einfach selbst.
Auch wenn es sich hier um eine Reihe handelt bin ich der Meinung, dass auch jeder Roman für sich selbst steht und es dem Verständnis keinen Abbruch tut, wenn man „quer einsteigt“.

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Mein Fazit: Ein hochbrisanter Politthriller, der geschickt (erschreckend viel) Realität und (weniger) Fiktion vermischt und dadurch eine spannende Lektüre bietet, die viel Stoff zum Nachdenken liefert und einen unangenehmen Nachgeschmack hinterlässt.

© Buchwelten 2016

Flammenbrut von Simon Becket

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Erschienen als Taschenbuch
bei Rowohlt
insgesamt 400 Seiten
Preis: 9,99 €
ISBN: 978-3-499249167
Kategorie: Thriller

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Kate Powell möchte Single bleiben, aber auf die Erfüllung ihres Kinderwunsches nicht verzichten. Zuerst entscheidet sie sich für eine künstliche Befruchtung, ohne den Spender kennenzulernen. Später gibt sie aber eine Anzeige auf, in der sie nach einem Spender sucht, um ihn zumindest einmal kennenzulernen. Alex Turner meldet sich auf die Annonce und obwohl sich Kate lange Zeit dagegen wehrt, verliebt sie sich in den Mann. Als sie dann tatsächlich schwanger wird, stellt sich heraus, dass Alex Turner nicht der ist, für den er sich die ganze Zeit ausgegeben hat …

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„Flammenbrut“ ist mein erster Roman von Simon Beckett. Und ich muss schon sagen, die Geschichte, die er sich da ausgedacht und niedergeschrieben hat, hat mich schon ziemlich beeindruckt. Vor allem die Gedanken seiner Protagonistin, ihre Unsicherheiten und Wünsche, hat er hervorragend getroffen. Becketts Roman erzählt, bis auf das Ende, eigentlich eher die Lebensgeschichte einer Frau, die sich nichts sehnlicher als ein Kind wünscht, aber kein Vertrauen in einen Partner setzt. Absolut nachvollziehbar werden alle Möglichkeiten und deren Vor- und Nachteile beleuchtet. Sicher ist Becketts Roman kein Thriller im herkömmlichen Sinne, aber seine Schilderungen haben mich zumindest vollkommen in seinen Bann gezogen.
Ich konnte die Hoffnungen, aber auch die Zweifel und Ängste dieser Frau förmlich spüren, so intensiv und authentisch wurden sie beschrieben. Das hat mich ungemein beeindruckt.

Viele werden den Thriller und die Rasanz eines „echten“ Thrillers vermissen. Action und brutale Morde spielen hier keinerlei Rolle, sondern Beckett entwirft zum einen ein Psychogramm einer Frau und zum anderen ein düsteres Verwirrspiel um falsche Identitäten und Stalking. Wer sich auf diese ruhige Art einlassen kann, wird mit einem hypnotischen Drama belohnt, das sich gegen Ende hin in einen spannenden Thriller a la Hitchcock entwickelt und für reichlich Aufregung sorgt, die der ein oder andere Leser bis dahin wohl vermisst.

In anderen Rezensionen wird dieses Buch immer wieder mit Becketts Hunter-reihe verglichen. Wieso? Warum muss ein Autor zwingend immer das gleiche schreiben? Rowlings hat gezeigt, dass man als SchriftstellerIn auch in verschiedenen Genres und auf unterschiedliche Arten Geschichten erzählen kann. Und Beckett tut dies wohl auch. Ich finde „Flammenbrut“ einen  außergewöhnlichen und sehr gut geschriebenen Roman, der mich nachhaltig beschäftigt hat. Und ich schätze, mir werden seine Hunter-Romane trotzdem gefallen, denn ich werde sie nicht mit diesem Buch hier vergleichen.

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Fazit: Gut recherchiert und ruhig erzählt. Ein Drama, das sich erst ganz am Schluss zu einem Thriller a la Hitchcock entwickelt.

© 2016 Wolfgang Brunner für Buchwelten

Das Phantom der Oper von Gaston Leroux

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Mysterienroman / Klassiker
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Im Pariser Opernhaus scheint ein Phantom auf die übelste Art und Weise sein Unwesen zu treiben. Es erpresst die neuen Leiter des Opernhauses auf heimtückische Art und sorgt für großen Aufruhr unter dem kompletten Stamm des Hauses. Auch Tote gibt es.

Die Sängerin Christine Daaé scheint dem Phantom sehr am Herzen zu liegen. Er setzt alles daran, die schöne Sängerin zu umwerben und sie zum großen Star zu machen. Er unterrichtet Daaé in ihrer Garderobe und sie feiert große Erfolge auf der Bühne des Hauses.

Doch dann trifft Christina Daaé den Freund ihrer Kindheit, den Vincomte de Chagny wieder und sie verliebt sich in ihn. Raoul, der Vincomte, ist oft verwirrt über die flatterhafte Art und Weise seiner Jugendfreundin und als sie ihm die Geschichte ihres „Engels der Musik“ (so nennt sie das Phantom) erzählt, versteht er ihr Handeln. Die beiden hecken einen Plan aus und wollen so dem Einfluss des seltsamen Wesens entkommen. Doch das Phantom will sich Christine Daaé nicht nehmen lassen ….

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Als ich in der Musicalaufführung des Phantom der Oper war, war ich total begeistert, kannte aber (logischerweise) die Handlung überhaupt nicht. Sicherlich versteht man eine ganze Menge, wenn man der Aufführung beiwohnt, jedoch wollte ich die gesamte Geschichte kennen. Darum habe ich mir das Buch aus unserer Bibliothek genommen und den Roman gelesen.

Für mich ist diese Art Roman, nämlich ein echter Klassiker, eher eine seltenere Lektüre. Bislang habe ich in dieser Art nur Bram Stokers „Dracula“ gelesen und der Schreibstil ist natürlich ein anderer als heute. Daran musste ich mich zunächst einmal gewöhnen.

Mir hat die Geschichte aber sehr gut gefallen. Der Autor lässt seine Handlung fast komplett unter dem Dach des Pariser Opernhauses spielen. Und zwar ca. 16 Stockwerke in die Höhe und 6 Stockwerke in die Tiefe. In dieser Art und Weise hat auch Victor Hugo seinen Roman in Notre Dame geschrieben. Hier fand auch die gesamte Handlung in der Kirche statt.

Ich habe vieles erfahren, was im Musical nicht vorkam, was mich doch um einiges schlauer gemacht und mir einige Szenen im Nachhinein besser verständlich gemacht hat. Im Deutschen heißt ein Lied „Engel der Muse“, im Original jedoch „Engel der Musik“, was absoluten Sinn ergibt, wenn man den Roman gelesen hat.

Die Figuren waren sehr gut beschrieben und die Charaktere stark ausgearbeitet. Es geht stellenweise sehr mystisch und dramatisch zu, was für die damalige Zeit schon eher selten war.

Mit hat der Roman großen Spaß gemacht und ich werde demnächst bestimmt noch weitere Klassiker lesen (u.a. Frankenstein oder endlich einen Roman von Wilkie Collins).

** Ich habe eine alte gebundene Ausgabe aus dem Jahre 1968, erschienen im Carl Hanser Verlag München, gelesen. 
Autorisierte Übersetzung aus dem Französischen von Johannes Piron.
Die Überschriften sind in schöner altdeutscher Schrift verfasst **