Dass man durch Belgien muss auf dem Weg zum Glück von Judith Kuckart

Dass man durch Belgien muss auf dem Weg zum Glueck von Judith Kuckart

Erschienen als Taschenbuch
im btb Verlag
insgesamt 220 Seiten
Preis: 10,00 €
ISBN: 978-3-442-71555-8
Kategorie: Belletristik, Gegenwartsliteratur

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Unterschiedliche Menschen mit unterschiedlichen Geschichten aus ihrem Leben verbinden sich am Ende miteinander und erzählen, was das Leben wirklich bedeutet: Liebe und Tod, Glück und Unglück, Sehnsucht und Hoffnung. Und letztendlich gehört alles Zusammen und bildet eine Einheit, die sich Leben nennt.

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Man muss ich auf den Schreibstil und die Aussagen von Judith Kuckart einlassen, sonst entfaltet die Geschichtensammlung am Ende seine Wirkung nicht. Philosophisch und elegisch, aber auch hart und brutal schildert die Autorin verschiedene Schicksale und Lebensabschnitte von Personen, die auf den ersten Blick scheinbar nichts miteinander zu tun haben. Es verstecken sich unendlich viele wahre Worte und Lebensweisheiten in den Sätzen, die unaufmerksame (und/oder ungeduldige) Leser schon einmal überfordern könnten. Die Geschichten fordern einen geradezu auf, während des Lesens auch einmal inne zu halten und sich Gedanken über das eigene Leben zu machen. Oft bekam ich einen Stich, wenn ich mich in einem der Sätze selbst wiederfand und zugeben musste, dass ich oft selbst so denke. Kuckart erwischt den Leser zum Beispiel eiskalt, wenn sie von wahrer Liebe spricht und einen dann an den Gedankengängen der Figur teilhaben lässt, um zu bemerken, dass die Liebe, die man nach außen hin zeigt, nicht immer die gleiche Liebe ist, die man in sich drin fühlt.

Die Geschichten sind oft traurig und melancholisch, aber genauso oft erotisch oder brutal. Sie zeigen eben da Leben, wie es ist: unberechen- und wunderbar. „Dass man durch Belgien muss auf dem Weg zum Glück“ ist eine Herausforderung an den Leser, denn die Storys sind nicht chronologisch, so dass man immer wieder Menschen begegnet, die man aus einer anderen Geschichte bereits kennt oder eben noch kennenlernen wird. Und obwohl die Autorin ihre Personen nur skizziert und niemals bei der Charakterbeschreibung richtig in die Tiefe geht, fühlt man mit den Protagonisten, sympathisiert mit ihnen und geht eine Beziehung mit ihnen ein. Oft sind es nur flüchtige Gedanken, die Kuckart zu Papier bringt und die einen von einer Sekunde auf die andere ans eigene Leben denken lassen. Man findet sich in vielen Dingen wieder und begreift, dass man,  wie die Protagonisten, in manchen Dingen sein Ziel erreicht hat und in anderen Dingen eben noch nicht. Das Leben ist ein ewiger Weg, der nicht unbedingt über Belgien führen muss, um glücklich zu werden. 😉 Judith Kuckart schreibt gegen den Mainstream, bewegt sich auf anderen Ebenen, die nicht der Unterhaltung sondern der Lebenserfahrung dienen.

Es ist ein sehr guter Text, den Kuckart hier abgeliefert hat. Während man das Buch liest, verbindet man aufgrund diverser Hinweise in Gedanken die einzelnen Geschichten.  Es ist wie ein Puzzle, in dem man immer wieder plötzlich ein fehlendes Teil findet und an die richtige Stelle setzen kann. Und am Ende erscheint ein Gesamtbild im Kopf des Lesers, das für den einen mit Sicherheit ein A-ha-Effekt, für manch anderen eine Enttäuschung sein wird. „Dass man durch Blegien muss auf dem Weg zum Glück“ ist kein Allerweltsbuch für ein Allerweltspublikum. Man muss diesem Buch „gewachsen“ sein, um es verstehen zu können. Man muss sich auf die Wunder und Grausamkeiten des Lebens, die dort beschrieben werden, einlassen. Muss sich dem Sog der ruhigen, schlichten Worten hingeben und seine eigenen Überlegungen und Bilder dabei mitspielen lassen. Wer das kann, darf sich an einem ganz besonderes Buch freuen, das viele Überraschungen bereithält. „Dass man durch Belgien muss auf dem Weg zum Glück“ ist das erste Buch von Judith Kuckart für mich. Und ich muss sagen, die Autorin hat mich mit ihrem Schreibstil und ihrer Gedankenwelt vollkommen überzeugt. Ich bin sicher, dass ich noch weitere Bücher von ihr lesen werde.

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Fazit: Ein wunderbares Kleinod über das Leben, die Liebe, den Tod und alles was dazwischen liegt.

© 2017 Wolfgang Brunner für Buchwelten

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Neanderthal von Jens Lubbadeh

Neanderthal von Jens Lubbadeh

Erschienen als Taschenbuch
im Heyne Verlag
insgesamt 528 Seiten
Preis: 14,99 €
ISBN: 978-3-453-31825-0
Kategorie: Thriller, Science Fiction

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Bei einer Leiche werden enorme Ähnlichkeiten mit einem Neandertaler festgestellt. Kommissar Nix ruft die Wissenschaftler Sarah und Max zu Hilfe, die Koryphäen auf dem Gebiet der Neandertaler-Forschung sind. Durch diverse Untersuchungen deutet alles darauf hin, dass die vor Zehntausenden von Jahren ausgestorbenen Vorfahren des Menschen wieder zum Leben erwacht sind. Wurden sie etwa geklont? Sarah und Max dringen immer tiefer in ein geheimnisvolles Komplott ein, in dem nicht nur die Wissenschaft sondern auch die Politik involviert ist.

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Der Roman beginnt wie ein mysteriöser Kriminalfall und lässt den Leser erst einmal erstaunt innehalten, weil er sich von dem Cover und der Inhaltsbeschreinung eigentlich etwas völlig anderes versprochen hat. 😉
Aber das Ganze dauert nicht lange und wechselt in einen Abenteuer-Wissenschafts-Thriller über, der mich des öfteren an Michael Crichton aber auch an Dan Brown erinnert hat. Jens Lubbadeh nimmt seine Leser mit auf eine atemberaubende Hetzjagd, die sich über mehrere Jahre hinweg erstreckt und dadurch eine unglaubliche Authentizität erreicht. Es sind faszinierende Ideen, die sich durch den gesamten Plot hindurchziehen und mal mehr und mal weniger in den Vordergrund rücken. Ich will damit sagen, dass Jens Lubbadeh auch sozialkritische Botschaften zwischen den Zeilen verstreut, die nur in einem einzigen Satz angedeutet werden. Das macht den Roman zu einem unersättlichen Füllhorn an „Gedankenstupsern“ für den aufmerksamen Leser.

Neben der rasanten Hautphandlung, die aus meiner Sicht in der Tat aus der Feder des leider viel zu früh verstorbenen Michael Crichton stammen könnte, baut Lubbadeh aber auch ein sehr interessantes Zukunftsszenario auf, das oftmals schon sehr nah an der Realität dran ist und an anderen Stellen absolut glaubwürdig und nachvollziehbar erscheint. In „Neanderthal“ wird dem Leser eine Zukunft Deutschlands gezeigt, die erschreckend realistisch erscheint und in fast allen Belangen Hand und Fuß hat. Wer genau aufpasst, wird sehr viele Anspielungen auf aktuelle Ereignisse finden, die geschickt in diese Zukunftsvision eingebaut wurden. Dieser Wissenschafts-Thriller ist nicht nur reine Unterhaltungsliteratur, sondern zwingt den Leser förmlich zum Nachdenken mit all seinen verschiedenartigen Facetten, die das Leben, den Tod, die Schönheitsideale und den Machthunger vieler Menschen behandeln. Es wird zum Beispiel in einem Kapitel eine Fernseh-Talkshow wiedergegeben, die inhaltlich und von den Dialogen her dermaßen echt wirkt, dass es eine wahre Freude ist, sie zu lesen. Ich persönlich empfand diese Zukunftswelt als ungemein realistisch. Auch wenn an manchen Stellen die wissenschaftlichen Ausdrücke und Erklärungen zu sehr ins Detail gingen, versteht man auch als Laie wirklich alles, was vor sich geht. Es ist eine sehr vielschichtige Handlung, die Jens Lubbadeh hier präsentiert. Und auch wenn sich das Buch sehr flüssig lesen lässt, sollte man sorgfältig lesen, um auch wirklich alles (auch die oben erwähnten, zahlreichen Anspielungen zwischen den Zeilen) zu verstehen.

„Neanderthal“ wirkt aufgrund seiner teilweise sehr düsteren Stimmung an einigen Stellen fast schon wie eine Dystopie. Gerade die fiktive, politische Entwicklung Deutschlands, die sehr gut vom Autor ausgearbeitet wurde, und die Politiker stellten für mich den größten Schrecken des Buches dar. Denn die Neandertaler sind sehr menschlich und sympathisch und geben dem Roman eine außergewöhnliche emotionale Note, die mich manchmal sehr berührt hat.
Einziger Wermutstropfen von „Neanderthal“, sofern man das so bezeichnen darf, ist der oftmalige Wechsel des Hauptprotagonisten. Kaum hat man nämlich zu dem Ermittler Kommissar Nix eine Beziehung aufgebaut (bei mir durch eine wirklich fantastisch geschriebene Szene in einem Bordell geschehen), fällt dieser quasi sang- und klanglos aus der Handlung und wird  von den Wissenschaftlern Sarah und Max abgelöst (wenig später passiert dies dann sogar noch einmal, dass der Protagonist wechselt). Da habe ich mir während des Lesens schon ein paar Mal gewünscht, dass Kommissar Nix noch einmal mitgespielt hätte, denn ich mochte ihn.
Aber wenn man sich wiederum die epische Bandbreite ansieht, auf der die Geschichte angelegt ist, dann hat das alles durchaus Sinn. Man muss ich eben nur darauf einlassen (können) und ein wenig abseits von Schema F denken. Mir hat das Gesamtwerk außerordentlich gut gefallen, was nicht nur an der spannenden Abenteuerstimmung, sondern auch an der perfekt ausgearbeiteten Zukunftswelt lag.
Schade finde ich, dass es die Vorgeschichte „Das Neanderthal-Projekt“ lediglich als ebook gibt. Für mich als Papierbuchliebhaber, der nicht einmal einen ebook-Reader besitzt, ist das natürlich sehr schade, auch wenn das ebook kostenlos angeboten wird. Ich freu mich jedenfalls schon auf das neue Buch von Jens Lubbadeh.

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Fazit: Spannend und gut recherchiert vermittelt das Buch nicht nur Abenteuer, sondern auch eine erschreckende Zukunftsvision Deutschlands.

© 2017 Wolfgang Brunner für Buchwelten

Everland von Rebecca Hunt

Everland von Rebecca Hunt

Erschienen als gebundene Ausgabe
im Luchterhand Verlag
insgesamt 410 Seiten
Preis: 22,00 €
ISBN: 978-3-630-87463-0
Kategorie: Drama, Abenteuer, Belletristik

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Im Jahr 1913 unternimmt das unter britischer Flagge stehende Schiff „Kismet“ eine Antarktisexpedition. Die Mannschaft unter Kapitän Lawrence entdeckt eine bis dahin unbekannte Insel, die „Everland“ getauft wird, uns schickt drei Männer aus, um sie zu erforschen.  Doch ein Sturm verhindert die Rückkehr der drei Männer, die daraufhin auf der kleinen Insel um ihr Überleben kämpfen müssen.
Hundert Jahre später wird eine ähnliche Expedition nach „Everland“ geschickt, um die dortige Tierwelt zu erforschen. Dieses Mal handelt es sich um einen Mann und zwei Frauen, die in etwa gegen dieselben Gefahren kämpfen müssen, wie die Mannschaftsmitglieder der „Kismet“.

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Nachdem ich ein riesengroßer Fan des Romans „Terror“ aus der Feder von Dan Simmons bin, hat mich der Klappentext von „Everland“ natürlich total neugierig gemacht. Gerade der einsame Handlungsort im Eis, fernab jeglicher Zivilisation, hat es mir angetan und so ging ich natürlich auch mit einer gewissen Erwartungshaltung an dieses Werk heran. Um es gleich vorweg zu sagen: Rebecca Hunt hat mich absolut nicht enttäuscht, wenngleich sie an die Sache bei Weitem nicht so episch und detailliert herangeht. Aber das macht gar nichts.
Von den ersten Seiten an baut sie eine unglaublich intensive Atmosphäre auf, die einen mitreißt. Man denkt wirklich, man wäre bei der Expedition hautnah mit dabei und müsse selbst um sein Überleben kämpfen.

Ein geschickter Schachzug ist außerdem, dass Hunt Vergangenheit und Gegenwart gegenüberstellt und dabei Parallelen schafft. Und obwohl die Voraussetzungen beider Unternehmungen im Grunde genommen vollkommen anders sind, was zum Beispiel auch die Ausrüstungsgegenstände und die Verpflegung betrifft, haben die Menschen dennoch gegen die gleichen Gefahren anzukämpfen. Es ist außerdem sehr interessant, wie sich Hunt der Entwicklung der Charaktere annimmt und beschreibt, wie sie sich in Extremsituationen verändern (sowohl in der Vergangenheit wie auch in der Gegenwart). Dieses („Psycho“-)Spiel macht wirklich Spaß und verleiht den Protagonisten eine Authentizität. Erstaunlicherweise wachsen einem die Protagonisten durchwegs ans Herz, obwohl die Ausarbeitung ihrer Charakterzüge gar nicht einmal so tiefgehend ist. Wahrscheinlich sind es die knappen und präzisen Beschreibungen, die Rebecca Hunt einsetzt, die die Personen einfach „greifbar“ machen, zumindest erging es mir so während des gesamten Romans. „Everland“ ist ein Abenteuerroman, der dem Leser wie ein Bericht nach Tatsachen erscheint. Hunt schafft es hervorragend, ihrer Geschichte eine hohe Glaubwürdigkeit zu verleihen, als erzähle sie in Romanform ein Ereignis nach, das wirklich stattgefunden hat. ich muss zugeben, dass ich sogar nach der fraglichen Expedition im Internet gesucht habe, weil ich neugierig war, wie es sich tatsächlich zugetragen hatte.

„Everland“ ist ein Drama. Ein Drama ums Menschsein, ums Überleben und um den Kampf des Menschen gegen die Naturgewalten. Rebecca Hunt schafft es in vielen Szenen sehr gut zu beschreiben, wie klein der Mensch und seine Existenz eigentlich im Gegensatz zur Natur ist. Da kommt man zwischendurch auch schon mal ins Nachdenken. Vor allem in den ruhigeren Szenen in den ersten beiden Dritteln des Buches widmet sich die Autorin eher dem Menschen und der Natur, als einem spannenden Plot. Erst gegen Ende hin baut sie dann einen wirklich gelungenen Spannungsbogen auf, der stakkatoartig zum Finale führt und den Leser aufgrund der sehr kurz gehaltenen Kapitel förmlich zum Durchlesen zwingt. Das hat schon etwas Pageturner-haftes an sich. Was mit wirklich sehr gut gefallen hat, war die durchgehende, düstere Stimmung, die Rebecca Hunt mir ihrem Roman eingefangen hat. Man kehrt gerne in die kalte und trostlose Kulisse der Antarktis zurück und begleitet die Expeditionsteilnehmer (egal ob die aus der Vergangenheit oder die aus der Gegenwart) gerne. Der flüssige, leicht zu lesende, aber auch an manchen Stellen sehr hochwertige Schreibstil tut das seinige dazu, um „Everland“ zu einem wirklichen Genuss für Freunde von Antarktis-Abenteuer-Romanen zu machen. Mir persönlich hat das Buch auf jeden Fall so gut gefallen, dass ich die Autorin weiterhin im Auge behalten werde und mir auch ihren Debütroman „Mr. Chartwell“ bei Gelegenheit besorgen werde. Und das sagt doch schon genügend über die Qualität und den Unterhaltungswert eines Werkes aus, oder? 😉

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Fazit: Ruhiges und atmosphärisch dichtes, gegen Ende hin spannendes, Abenteuer in eisiger Umgebung. Sehr zu empfehlen.

© 2017 Wolfgang Brunner für Buchwelten

Das Dunkel der Sterne von Peter F. Hamilton

haMILTON

Erschienen als Taschenbuch
bei Piper
insgesamt 928 Seiten
Preis:  20,00  €
ISBN: 978-3-492-70392-5
Kategorie: Science Fiction

Der Planet Bienvenido konnte zwar endlich aus der Leere ins Universum zurückkehren; doch er ist Millionen Lichtjahre vom Commenwealth entfernt. Die Bewohner kämpfen immer noch gegen die Faller.  Doch plötzlich erscheint eine mysteriöse Gestalt auf, die sich „Kriegerengel“ nennt und den Menschen Hilfe anbietet.

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Der zweite Roman aus der „Chronik der Faller“ setzt unbedingt voraus, dass man den ersten Teil kennt, denn die komplexe Handlung wird fortgeführt. Ohne Vorwissen gerät der dicke Schmöker schnell zu einem äußerst unübersichtlichen Plot, dem man schon bald nicht mehr folgen kann. Wer aber noch ungefähr weiß, was sich im ersten Teil abgespielt hat, darf erfreut in das „neue“ Universum von Peter F. Hamilton zurückkehren.  Man muss allerdings diese Art von (Science Fiction-) Bücher mögen, denn es verlangt auch einem eingeschworenen Fan an gewissen Stellen Durchhaltevermögen ab. Hamilton geht in die Länge, wo er nur kann (außer hier am Ende) und fordert vom Leser Aufmerksamkeit und Konzentration, denn nur zu schnell kann man nämlich die Übersicht bei der Komplexität der Handlung verlieren. „Das Dunkel der Sterne“ wirkt durch die Antagonisten, die „Faller“, herrlich unverbraucht und erfrischend, die mir in dem vorliegenden zweiten Teil sogar noch besser als im ersten gefallen haben.

Peter F. Hamilton schreibt Space Operas, wie sie sich der eingefleischte Science Fiction-Fan wünscht. Da ist wirklich alles dabei, von politischen Intrigen über Weltraumschlachten und Aliens bis hin zu polizeilichen Ermittlungen und Verschwörungen. Hamilton erschafft eine bis ins letzte Detail glaubwürdige Zukunftswelt. Das mittlere Drittel dieses zweiten Teils hat mir besonders gut gefallen. Hier treffen die verschiedenen Handlungsstränge aufeinander, vermischen sich und ergeben plötzlich einen Sinn. Das war hervorragend gemacht und hat mich eher an einen „alten“ Abenteuerroman als an eine moderne Science Fiction-Geschichte erinnert. In diesem Abschnitt des sehr umfangreichen Romans kam eine sehr angenehme Atmosphäre auf,  wegen der ich unentwegt weiterlesen wollte. Gegen Ende hin wird Hamilton dann wieder etwas langatmiger und widmet sich ausgiebigen Beschreibungen von zum Beispiel technischen Details, die für den ein oder anderen (ungeduldigen) Leser etwas ermüdende Auswirkungen haben könnten. Da ich die anderen Commonwealth-Romane (noch nicht) kenne, könnte ich mir durchaus vorstellen, dass sich mit diesem Wissen hier auch noch ein komplett anderes Gesamtbild ergeben könnte. Aber der Lesegenuss funktioniert auch ohne die vorhergehenden Romane aus dem Commonwealth-Zyklus, „Der Abgrund jenseits der Träume“ einmal ausgenommen.

Die Charakterzeichnungen fand ich ebenfalls sehr gelungen, allen voran der „normale“ Florian. Die Szenen, in denen er sich um ein schnell heranwachsendes Baby kümmert, sind einfach nur göttlich und machen dermaßen viel Spaß, dass man sich am Ende wünscht, es hätte noch länger gedauert. Aber auch die anderen Personen agieren glaubwürdig und wachsen einem ans Herz, oder auch nicht. „Die Chronik der Faller“ ist episch angelegt und umfasst einen riesigen Zeitraum, der unendlich viele Möglichkeiten und eigene Gedankengänge zulässt. Denn obwohl Hamilton sehr vieles genau erklärt, rotieren die Gedanken des Lesers (zumindest ging es mir so) permanent und bilden erstaunlicherweise irgendwie zusätzliche Details in dem ganzen Universum. Was ich damit sagen will, ist, dass Hamilton es bei mir geschafft hat, dass ich seine erschaffene Welt über seine Erklärungen hinaus in meiner Vorstellung weiter ausgebaut habe. Erwähnen möchte ich noch unbedingt die Verfolgungsszene mit den Polarbären, die so bildhaft beschrieben wurde, dass ich förmlich einen Film vor meinem inneren Auge sah. Dieses Geschehen wirkte sehr beeindruckend auf mich und ich denke, dass ich es nicht so schnell vergessen werdew. Peter F. Hamiltons Abschlussband der „Faller-Chronik“ schließt nahtlos an den ersten Band an. Beide Bücher ergeben ein Science Fiction-Abenteuer der Extraklasse, dessen Gesamteindruck im Nachhinein noch mehr nachwirkt als während des Lesens. So muss gute Science Fiction sein.

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Fazit: Würdige Fortsetzung von „Die Träume jenseits des Abgrunds“. Genialer Science Fiction-Pageturner.

© 2017 Wolfgang Brunner für Buchwelten

Die italienischen Schuhe von Henning Mankell

Die italienischen SchuheErschienen als gebundene Ausgabe
im Zsolnay Verlag
insgesamt 368 Seiten
Preis: 24,00 €
ISBN: 978-3-552-05794-4
Kategorie: Drama, Liebe, Belletristik

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Der ehemalige Chirurg Fredrik Welin lebt einsam und fast allein auf einer kleinen Insel in den Schären. Die Insel gehörte einst seinen Großeltern und dort fristet er genügsam und eigenbrötlerisch seinem Dasein. Er bewohnt ein gemütliches, geräumiges aber einfaches Haus, er besitzt ein Boot, das er eigentlich seit Jahren in Schuss bringen möchte, wozu er sich aber nie aufraffen kann.

Einzig ein alter Hund, eine ebenso alte Katze und ein Ameisenhaufen im Wohnzimmer sind seine Mitbewohner, wobei er die Ameisen eigentlich eher sich selbst überlässt, da er den Raum sowieso nicht nutzt.

66 Jahre ist Welin alt und vor vielen Jahren ist ihm „die große Katastrophe“ passiert und seitdem lebt er so zurückgezogen. Einer der wenigen menschlichen Kontakte, die er hat, sind die Besuche des Postboten Jansson. Der kommt ab und an vorbei, teilt ihm mit, dass er keine Post hat und schildert Welin regelmäßig ein anderes Wehwehchen, dass er dann untersuchen soll.

So gehen die Tage dahin und Welin ist weder glücklich oder unzufrieden. Es ist wie es ist. Doch eines Tages im Winter, da ändert sich alles. Denn da schaut Welin raus aufs Eis und sieht dort jemanden stehen. Mit einem Rollator. Die alte Dame ist Harriet, die Frau, die er vor langer Zeit einmal sehr liebte und die er verließ.

Nun steht sie nach 40 Jahren da und will von Fredrik, dass er ein altes Versprechen einlöst, da sie sterbenskrank ist. Natürlich erinnert er sich an dieses Versprechen und selbstverständlich hält er sich daran.

Also machen die beiden sich auf den Weg, auf eine winterliche Reise, sein Wort einzulösen und auf einen Streifzug in die Vergangenheit …

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Henning Mankell hat hier einen sehr ruhigen, stimmungsvollen und gefühlvollen Roman geschrieben. Er erzählt von den Fehlern und Macken der Menschen, vom Älterwerden und Einsam sein, vom wieder zum Leben erwachen und vom Sterben.

Auf dieser Reise erfährt der Leser natürlich, was die „große Katastrophe“ im Leben des Chirurgen war, wir treffen aber auch auf die unterschiedlichsten Menschen, die irgendwie mit dem Leben des Protagonisten verbunden sind. Und diese Reise hat mir ein absolutes Lesevergnügen bereitet. Nicht nur, weil ich durch das verschneite Schweden gereist bin und auch laue Sommerabende erlebt habe, nein, Fredrik Welin ist in seiner rauen, einfachen und immer kurz angebunden Weise ein herzensguter und liebevoller Mensch. Wenn man ihn gemeinsam mit Harriet erlebt, dann ist es, als begleite man ein altes Ehepaar und das Miteinander der beiden ist einfach herrlich.

Interessant war es für mich auch deshalb, da ich erst vor kurzem den biografischen Roman „Treibsand“ von Henning Mankell gelesen habe und nun bemerkte, dass er doch einiges von sich selbst hat einfließen lassen in seine Handlung. Ja, er hat sogar eine eigene Aussage wörtlich einer Figur in den Mund gelegt.

Und auch wenn der Roman sehr ruhig erzählt ist, so vergeht er doch wie im Fluge, denn es gibt eine Menge Ereignisse, die alles andere als langweilig sind.

Ich war traurig, als die Geschichte zu Ende war und ich die Schären verlassen musste, habe ich die Menschen doch alle sehr ins Herz geschlossen. Nun, ich habe Glück. Denn posthum ist nun eine Fortsetzung erschienen: „Die schwedischen Gummistiefel“. Die Geschichte wird weitererzählt. Das freut mich sehr und ich bin sehr gespannt wie es weitergeht. Denn geendet hat der Roman mit einem sehr offenen Ende ….


Fazit: Es lohnt sich immer wieder, Bücher aus dem Regal zu nehmen, die nicht auf der (aktuellen) Bestsellerliste stehen oder einen „Spiegel“ Aufkleber haben. Der oben beschriebene Roman ist schon älter, der Autor inzwischen verstorben und eigentlich eher durch seine Wallander-Reihe bekannt geworden. Aber diesen stillen und stimmungsvollen und keinesfalls langweiligen Roman empfehle ich nur gerne.

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© Buchwelten 2017

Mein dunkles Herz von Jorge Galán

Mein dunkles Herz von Jorge Galan

Erschienen als Taschenbuch
im Penguin Verlag
insgesamt 222 Seiten
Preis: 10,00 €
ISBN: 978-3-328-10100-0
Kategorie: Drama, Liebe, Belletristik

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Magdalena erzählt ihrem Enkel ihre Lebensgeschichte. Die ihrer Familie, die ihrer großen Liebe und die eines ganzen Jahrhunderts. Es sind Geschichten, die verzaubern und begreifen lassen, was Liebe, Leben und Tod wirklich bedeuten.

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Die Geschichte eines Lebens, verpackt in wunderschöne Sätze und mit einem durchgehenden Hauch von Melancholie. „Mein dunkles Herz“ ist ein Märchen voller Wunder und Mythen, Liebe und Leben und erinnert tatsächlich ein wenig an die Meisterwerke des grandiosen Gabriel Garcia Marquez. Es sind die kleinen Dinge des Lebens, die Jorge Galán hervorhebt und uns, die Leser, zum Nachdenken bringt. Kurzweilig, und exakt auf den Punkt gebracht, schildert er die Geschichten verschiedener Menschen, die teilweise einem Märchen gleichen. Und wenn man dann dabei über sein eigenes Leben nachdenkt, entdeckt man bisweilen bei seinem eigenen Lebenslauf Anzeichen von Märchen. Galán hat unendlich viele Lebensweisheiten in seinem Roman versteckt, die einen mitreißen und bewegen. Erstaunlich dabei ist, dass der Plot sich auf lediglich etwas mehr als zweihundert Seiten erstreckt, aber letztendlich bedeutend mehr Inhalt vorweisen kann, als so mancher 1000-Seiten-Schmöker. „Mein dunkles Herz“ ist ein Kleinod, das sich lohnt, mehrmals gelesen zu werden. Hilfreich ist, wenn man gewissen mythischen (und esoterischen) Anklängen nicht abgeneigt ist, denn dadurch intensiviert sich das Leseerlebnis ungemein.

„Mein dunkles Herz“ wirkte auf mich wie eine Mischung aus dem bereits erwähnten Gabriel Garcia Marquez und einem John Iriving-Roman. Der Autor beherrscht eine präzise Sprache, mit der er innerhalb eines einzigen Satzes sehr viel auszudrücken vermag. Auf den ersten Blick wirkt die Geschichte vielleicht ein wenig wirr durch die verschiedenen Personen, aber verläuft das Leben nicht genau so? Lässt man dieses „Durcheinander“ auf sich wirken, bekommt man ein stimmiges Bild eines Lebens geliefert, das, obgleich fiktiv und erfunden ist, in vielen Aspekten einem realen Leben gleicht. „Mein dunkles Herz“ ist nicht „nur“ eine Liebesgeschichte, sondern auch eine Wundertüte voller mystischer Rätsel und melancholischer Aphorismen. Es ist nicht leicht, das dünne Büchlein zu lesen, denn zu viel ist in wenigen Worten darin verpackt, als dass man es in einem Rutsch durchlesen sollte. Man sollte sich auf jeden Fall Zeit dafür lassen und sich auf teils schwermütige Beschreibungen einstellen. Dennoch vermittelt Jorge Galáns Familiendrama nicht nur triste Melancholie, sondern auch Hoffnung auf ein glückliches Leben, das man führen sollte. Der Roman regt eben einfach zum Nachdenken an.

Jorge Galáns Schreibstil ist sehr gehoben und macht den Roman zu einem literarischen Kleinod, das ich mit Sicherheit noch öfters in die Hand nehmen werde, um darin zu blättern. Ich bin nämlich vollkommen davon überzeugt, dass sich bei einem erneuten Lesen noch andere Perspektiven in der Handlung und auch den Aussagen öffnen werden. „Mein dunkles Herz“ wirkt trotz seiner Kürze nach und lässt einen einfach nicht mehr los. Durch die bildhaften Beschreibungen hat man die Erzählerin vor Augen, als sähe man einen Film, und folgt der Familie durch das Jahrhundert, als wäre man direkt dabei. Durch den Einsatz der „mystischen Gabe“ der Protagonistin wirkt der Plot niemals langweilig, sondern verleiht ihm sogar einen außergewöhnlichen Reiz, der, zumindest für mich, die wunderschöne, geheimnisvolle Geschichte abrundete.  „Mein dunkles Herz“ wird den ein oder anderen Leser eventuell etwas ratlos zurücklassen, weil die Handlung nicht ganz rund wirken könnte. Man muss sich darauf einlassen können und vieles selbst in die Geschichte hineininterpretieren, damit das Ganze funktioniert. Galán fordert, ob beabsichtigt oder nicht, den Leser auf, mitzumachen und sein eigenes Leben in den geschriebenen Worten zu finden. Wer das kann, wird mit einem magischen Buch belohnt, dass eine Hommage an das Leben und die Liebe darstellt und dennoch die Unausweichlichkeit des Todes nicht auslässt.

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Fazit: Mystisch und voller Lebensweisheiten. Ein literarisches Kleinod.

 

© 2017 Wolfgang Brunner für Buchwelten

München von Robert Harris

Erschienen als gebundene Ausgabe
im Heyne Verlag
insgesamt 432 Seiten
Preis: 22,00 €
ISBN: 978-3-453-27143-2
Kategorie: Thriller, Historischer Roman, Drama

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Im September 1938 treffen sich Hitler, Chamberlain, Mussolini und Daladier zu einer kurzfristig einberufenen Konferenz in München. Es geht um die Einnahme von Teilen der Tschechoslowakei durch die Deutschen, aber auch um den Weltfrieden. An der Seite des britischen Premierministers Chamberlain nimmt Hugh Legat aus dem Außenministerium an der Reise nach München teil. In München trifft Legat auf Paul von Hartmann aus dem Auswärtigen Amt in Berlin, mit dem ihn eine Freundschaft aus alten Zeiten verbindet. Legat erfährt, dass von Hartmann einer geheimen Widerstandsgruppe gegen Hitler angehört und sieht sich schon bald in einer Zwickmühle, als ihm Papiere ausgehändigt werden, die einen drohenden Weltkrieg prophezeien.

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Wow, was für ein Buch! Schon nach den ersten Seiten konnte ich mich nicht mehr von der Geschichte losreißen. Und das, obwohl ich ein an Politik völlig uninteressierter Mensch bin, der logischerweise auch solcherart Bücher eigentlich gar nicht gerne liest. Aber Robert Harris hat mich schon mit vielen seiner anderen Bücher überzeugen können, und so war ich natürlich gespannt, wie er diese geschichtliche Episode, die noch dazu in meiner Heimatstadt München spielt, zu Papier gebracht hat. „München“ ist schlichtweg atemberaubend grandios geworden und vermittelt die damalige Stimmung aus meiner Sicht (ich war ja glücklicherweise nicht dabei 😉 ) sehr gut und stimmig. Harris schreibt sehr einfach, aber auch niveauvoll, so dass man von der Story vollkommen gefangen genommen wird.

Robert Harris schildert die historischen Ereignisse dermaßen kurzweilig, dass man locker doppelt so viele Seiten hätte lesen können. Die Vermischung aus historisch belegten Geschehnissen und erfundenen, fiktiven Begebenheiten ist dem Autor absolut gut und vor allem glaubwürdig gelungen. Die Hintergründe sind aufs sorgfältigste recherchiert und Harris versteht es meisterhaft, die teils trockenen, geschichtlichen Zusammenhänge, die zu dieser Konferenz geführt haben, zu einem enorm spannenden Erlebnis zu verarbeiten, dass noch lange im Gedächtnis haften bleibt. Man bekommt während des Lesens wirklich den Eindruck, die Protagonisten (ob fiktiv oder real) persönlich zu kennen, so geschickt schildert Harris diese Persönlichkeiten. Und beim ersten Erscheinen Adolf Hitlers hält man unweigerlich die Luft an, so eindringlich (und irgendwie auch bedrohlich) wurde sein Auftreten beschrieben. „München“ wirkte auf mich unglaublich intensiv und bedrohlich in seiner teils aussichtslosen Atmosphäre. Die Verhandlungen und Überlegungen der Politiker sind durchweg verständlich erklärt und machen dieses Buch auch für einen Menschen wie mich, der sich absolut nicht für Politik interessiert, zu einem wirklich atemberaubenden Abenteuer.

Bedrückender Nebeneffekt dieses historischen Romans ist die Reflektierung der aktuellen politischen Situation, die sich wohl heutzutage genauso schleichend wie in der Vergangenheit in die Köpfe einiger Menschen festsetzt. „München“ besitzt einen unglaublichen Sog, der zum einen am wunderbar flüssigen und angenehmen Schreibstil Robert Harris‘ liegt und zum anderen am für mich äußerst kurzweiligen Plot, den manch anderer aber bestimmt langatmig empfinden wird. Aus meiner Sicht war kein Satz zu viel. Im Gegenteil, wie oben schon erwähnt, hätte ich die Protagonisten und die politischen Überlegungen noch gerne ein paar hundert Seiten mehr genossen. Robert Harris lässt seine Geschichte auf knapp vierhundert Seiten an lediglich vier Tagen spielen. Gerade diese knappe Zeitspanne stellt einen enorm intensiven Handlungsstrang zu, der wie ein Film wirkt. Durch die präzisen Beschreibungen der Örtlichkeiten fällt es nicht schwer, sich in dem Roman zu verlieren und einfach mittendrin zu sein. Robert Harris hat es also tatsächlich mit diesem Roman erneut geschafft, mich für ein politisches Thema zu interessieren und sogar zu begeistern. „München“ hat mich schlichtweg süchtig gemacht.

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Fazit: Spannend, realistisch und unglaublich unterhaltsam. Höchster Suchtfaktor!

© 2017 Wolfgang Brunner für Buchwelten

Die Ernte des Bösen von Robert Galbraith

Die Ernte des Boesen von Robert Galbraith
Erschienen als gebundene Ausgabe (mit Leseband)
bei blanvalet
insgesamt 672 Seiten
Preis: 22,99 €
ISBN: 978-3-7645-0574-5
Kategorie: Kriminalroman

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Robin Ellacot bekommt auf ihrer Arbeitsstelle, der Detektei von Cormoran Strike, ein Paket zustellt, das schockierend und brutal ist. Es ist ein abgetrenntes Frauenbein. Natürlich ist auch Ihr Chef, Cormoran Strike, nicht begeistert. Ihm fallen jedoch auf Anhieb gleich drei Personen ein, denen er diese Art der Zustellung zutraut. Und alle drei sind sie gefährlich und zu derartigen Grausamkeiten fähig.

Die Polizei, mit der Strike in Kontakt steht, fixiert ihre Ermittlungen stur in eine Richtung. Cormoran ist aber der Meinung, dass man alle von ihm benannten Verdächtigen überprüfen sollte.


Darum geht Strike und Robin Ellacot, die ja seit langem mehr als seine einfache Sekretärin ist, neben ihren eigentlich Aufträgen selbständig ihren Ermittlungen nach. Immer tiefer dringen sie ein in die dunklen und gefährlichen Umfelder der drei Männer und dabei ziehen die zwei nicht nur den Unmut der Polizei auf sich, sondern bringen sich selbst auch mehr und mehr in missliche Umstände …

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Das ist der dritte Teil der Cormoran Strike-Reihe, den die Autorin J.K. Rowling unter dem Pseudonym Robert Galbraith veröffentlicht. Auch wenn ihre Tarnung ja relativ schnell aufgeflogen ist, schreibt sie nach wie vor unter dem männlichen Deckmantel weiter, den sie, wie sie selbst sagt, als „ihre persönliche Spielwiese“ bezeichnet.

Und wieder einmal kann ich nur sagen: Glückwunsch, sehr gut gemacht. Die beiden Charaktere Cormoran Strike und Robin Ellacot machen so unglaublichen Spaß, dass die knapp 700 Seiten mit einem Fingerschnipser durchgelesen sind. Galbraith hat hier zwei so unterschiedliche, liebenswerte und sich wunderbar ergänzende Figuren geschaffen. In ihrem dritten Teil gehen die beiden natürlich ganz anders miteinander um als im ersten Band. Sie sind sich nähergekommen, so gut das eben bei dem Brummbär Strike so geht und die Stimmung unter diesem Duo der besonderen Art ist einfach toll. Nein, nicht immer friedlich und lieb. Bei weitem nicht. Aber auf das Zwischenmenschliche möchte ich auch nicht näher eingehen, denn dass macht die Romane zum Großteil mit aus, darum einfach selbst lesen ☺. Und es gibt auch immer wieder neue und schräge Vögel als Nebenfiguren, die Galbraith sehr gut darzustellen vermag.

Die Handlung ist wunderbar verzwickt und gut erdacht und der Leser grübelt fleißig mit, kommt aber doch nicht drauf. Zu geschickt legt die Autorin hier ihre Spuren und Fäden aus. Und es ist wieder stellenweise heftig und unschön, also nicht immer was für zarte Nerven. Wobei die letzten Potters ja auch recht heftige Szenen zu bieten hatten. Dennoch, Leser, die es nicht gerne blutig und etwas heftiger mögen, sollen gewarnt sein.

Die Ermittlung des Mordes ist der eine Strang, der zweite sind natürlich die private Seiten der beiden Protagonisten, die außerhalb der Ermittlungsarbeit ihre eigenen Leben mit sämtlichen Problemen und Glücksmomenten zu bieten haben. Auch diese Teile der Geschichte machen Freude und sind sehr gut und auch emotional geschrieben.

Austoben konnte sich Robert Galbraith wieder im Hinblick auf „sein London“. Da kennt er sich aus und das merkt man an den deutlichen liebevollen und detaillierten Beschreibungen auch hier wieder.

Auch wenn die Romane hier in London spielen, habe ich immer irgendwie ein Stimmungsgefühl wie in den Mr. Mercedes Romanen von Stephen King. Ich kann nicht einmal genau erklären warum, doch es ist so. Leser die beides kennen, können mir ja mal sagen, ob es ihnen auch so ergeht.

Mein Fazit: Ein großartiger dritter Teil der Reihe um den Detektiv mit der Beinprothese und seiner rotblonden, schlagfertigen und liebenswerten Assistentin Robin Ellacot. Spannend, mitreißend und in einem tollen Stil wird der Leser auf knappen 700 Seiten in einem stimmungsvollen Krimi gefangen und erfährt zudem noch vieles über die Vergangenheiten der beiden Hauptpersonen. Daumen hoch!

© Marion Brunner_Buchwelten 2017

Rezension zu  Teil 1 – „Der Ruf des Kuckucks“

Rezension zu Teil 2 – „Der Seidenspinner“ 

Die Rose von Tibet von Lionel Davidson

Erschienen als Taschenbuch
im Penguin Verlag
insgesamt 444 Seiten
Preis: 10,00 €
ISBN: 978-3-328-10003-4
Kategorie: Abenteuer, Literatur, Mystery

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Als der Filmemacher Hugh Wittington bei einer Expedition in Tibet angeblich ums Leben kommt, macht sich sein Stiefbruder Charles, der nicht an Hughs Ableben  glaubt, auf die Reise, um ihn zu finden. Er erreicht schließlich das Kloster, in dem sein Halbbruder zum letzten Mal lebend gesehen wurde und trifft anstatt auf den Gesuchten auf eine mysteriöse Frau, die ein unheimliches und tödliches Geheimnis umgibt.

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Der bereits im Jahr 1962 erschienene Abenteuerroman „Die Rose von Tibet“ ist ein fantastischer Genremix aus mitreissendem Abenteuerroman in Reiseberichtform und esoterischem Mysterythriller. Während sich der erste Teil wie eine Symbiose aus Bram Stoker und Dan Simmons liest, entwickelt sich die zweite Hälfte zu einem Esoteriktrip, der aber weiterhin in der abenteuerlichen Kulisse eines verschneiten, einsamen Tibetklosters spielt. Ich persönlich konnte mich an der ersten Hälfte gar nicht sattlesen, so hypnotisch war der Spannungsaufbau und die Schilderung der Reisevorbereitungen. Ich ging den beschwerlichen Weg zusammen mit dem Protagonisten, spürte die Kälte und die Gefahren der Reise und fühlte mich in einer fremden (tibetischen) Welt unglaublich wohl. Davidson verfasste seinen Roman so geschickt, dass man (ähnlich wie bei besagtem Dan Simmons) manchmal zweifelt, ob es sich nicht doch um einen Roman nach tatsächlichen Ereignissen handelt.

Davidson kann einen sehr schönen, niveauvollen Schreibstil sein eigen nennen, durch den man bei den Geschehnissen wirklich unmittelbar dabei ist. Doch wer einen historisch fundierten Roman erwartet, könnte unter Umständen ein wenig enttäuscht sein, denn das Hauptaugenmerk liegt auf einer mystischen, esoterisch angehauchten Geschichte und nicht auf der realen Kultur Tibets. Sicherlich werden auch historische Ereignisse behandelt, die aber teilweise etwas wirr wirken, wenn man sich damit noch nie befasst hat. Doch die tatsächlich stattgefundenen, politischen Wirrungen dieser Zeit tun der Hauptgeschichte an sich keinen Abbruch, wenn man sich nicht dafür interessiert oder die Zusammenhänge teilweise nicht versteht. Es ist die Atmosphäre und die „geistige“ Aussage, die den Reiz dieses Romans ausmacht, die stimmungsvollen Bilder, die Davidson im Kopf des Lesers entstehen lässt, und die mystische Anziehungskraft der fremden, tibetischen Welt, die sehr gut beschrieben wird.
Und gerade die Tatsache, dass die Geschichte als „wahr“ erzählt wird, gibt dem Buch noch einen zusätzlichen Pluspunkt, der die Seiten (zumindest in den ersten beiden Dritteln) nur so dahinfliegen lässt. Erst im letzten Drittel erscheinen manche Szenen etwas langatmig und, wenn man mit leicht „abgedrehten“ esoterischen Aspekten Probleme hat, etwas unglaubwürdig.

Lionel Davidson reiht sich aus meiner Sicht von seiner Erzählweise in die Riege bekannter Autoren wie Jules Verne oder H.G. Wells ein, um nur zwei zu nennen. Das liegt vor allem an dem „altmodischen“ Schreibstil, was allerdings absolut nicht negativ sondern im Gegenteil äußerst positiv zu bewerten ist. Schon während der ersten Seiten nimmt uns der Autor mit seinem fiktionalen Tatsachenbericht gefangen und lässt uns bis zum Ende nicht mehr los. „Die Rose von Tibet“ ist ein Abenteuerroman im klassischen Sinne, der sich zwar an einigen historischen Ereignissen orientiert, aber einen eigenen „erfundenen“ Weg geht, der einen entweder anspricht und sofort mitreißt oder eher langweilig  und -atmig wirkt. Echte Tibetkenner werden sich die Haare raufen, der „Otto-Normal-Leser“, der sich einfach nur gut unterhalten möchte, wird die tolle Atmosphäre, die fast während des gesamten Buches vorherrscht, genießen und über die unrealistischen erscheinenden Dinge einfach hinwegsehen. Mir persönlich hat die erste Hälfte ausnehmend gut gefallen, wofür ich auch ohne weiteres fünf Sterne vergeben würde, und die zweite Hälfte wirkte auf mich dann an manchen Stellen eher etwas ermüdend, so dass der Story dann hierfür letztendlich nur drei Sterne aus meiner Sicht zustehen würden. Im Gesamtbild ist „Die Rose von Tibet“ für mich aber immer noch ein guter, lesenswerter 3,5 bis 4-Sterne-Titel.

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Fazit: Spannend, atmosphärisch und mystisch. Die erste Hälfte ist pures Abenteuer, die zweite bewegt sich dann eher auf esoterischen Pfaden.

© 2017 Wolfgang Brunner für Buchwelten

Der Todesmeister von Thomas Elbel

Der Todesmeister von Thomas Elbel
Erschienen als Taschenbuch
bei blanvalet
insgesamt 512 Seiten
Preis: 9,99 €
ISBN: 978-3-7341-0414-5
Kategorie: Thriller

Er fängt sie. Er filmt sie. Er foltert sie. Er ist der Meister des Todes.

An der Berliner Oberbaumbrücke wird die grausam zugerichtete Leiche eines jungen Mädchens aus dem Wasser geholt. Lange kann sie nicht im Wasser gewesen sein, dafür ist die Leiche noch zu „frisch“. Und das Mädchen ist nicht irgendein Mädchen. Sie ist die Nichte des Berliner Justizsenators. Die Ermittlungen führen ins Internet, wo grausame Foltervideos auftauchen, die zeigen, dass das Mädchen nicht das einzige Opfer sein kann.

Viktor (von) Puppe, auf eigenen Wunsch frisch versetzt vom LKA ins Kriminalkommissariat, wird sofort in die Ermittlungsarbeit mit einbezogen. Gemeinsam mit seinen Kollegen ermittelt er auf Hochtouren, doch von weiter oben werden die Kommissare ausgebremst. Da soll wohl das ein oder andere gar nicht aufgedeckt werden ….


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Vor ziemlich exakt 6 Jahren habe ich meine erste Rezension zum Debütroman von Thomas Elbel geschrieben. ASYLON war als Erstling in der Science Fiction angesiedelt und bei Piper erschienen. Auch der Nachfolger ELYSION erschien noch dort. Danach wollte man ihn bei Piper wohl nicht mehr. Warum? SciFi verkauft sich nicht? Die Zielgruppe fehlt? Keine Ahnung, ist auch Quatsch aber egal. Denn Thomas Elbel hat deshalb nicht aufgehört zu schreiben. Seinen dritten Roman MEGAPOLIS hat er dann als Selfpublisher auf den Markt gebracht. Ich habe sie alle gelesen und rezensiert und ich mochte Elbels Schreibe immer gern. Auch wenn sie ab und an im Sprachgebrauch nicht so mein Fall war.

Nun hat er hier seinen ersten Thriller, wohl auf dringendes Anraten seines Agenten, geliefert und bei blanvalet ein neues Zuhause gefunden.

Ich habe eine zwar lektorierte, aber unkorrigierte, Fassung als Leseexemplar bekommen und ich hoffe nur, dass die unzähligen, teilweise sehr amüsanten Fehler noch alle vom Korrektorat gefunden und verbessert werden. ☺

Die Handlung ist sehr gut erdacht, der Spannungsfaden gut und straff gespannt und auch wenn es heftig und grausam ist, richtig gut! Leider ist unsere Welt so schrecklich und alles das gibt es im wahren Leben (leider) mittlerweile viel zu oft. Ich kam dem Täter nicht auf die Spur, obwohl ich natürlich kräftig mitgegrübelt und ermittelt habe. Der Schauplatz Berlin ist natürlich toll und die Beschreibungen sehr gut. Man merkt schon auch, dass der Autor dort lebt, und das gern.

Achtung – Eventuelle Spoilergefahr!:

Was mir nicht so gut gefallen hat, ist die teilweise wieder sehr überzogene, flapsige und extrem umgangssprachliche Sprache einiger Figuren. Es soll alles so unbedingt lustig, modern, cool und multikulti sein, dass es mir zuviel ist. (Ich meine nicht die Jugendsprache der entsprechenden Figuren, sondern die Sprache der erwachsenen Protagonisten).

Da ist auf der einen Seiten der gut erzogene Viktor (von) Puppe, der (natürlich) eine düstere Vergangenheit hat. Der trifft bei der Polizei auf zwei Kollegen, die beide unterschiedlicher, ausländischer Herkunft sind. Wenn der männliche Part den Mund aufmacht, kommen nur dumme und saucoole Sprüche heraus. Der weibliche Part ist eine alleinerziehende Türkin, die die Männer „gefressen“ hat und wenn sie dann auch noch deutsch und zu hilfsbereit sind, geht ihr ständig die Hutschnur hoch.

Dann gibt es natürlich noch den bösen Chef, der immer kurz angebunden und streng ist, obwohl er ja angeblich ganz anders ist. Auch die Rolle der schönen Nymphomanin ist vergeben. Hier wurden für meinen Geschmack zu viele Klischees zwingend zwischen zwei Buchdeckel gepackt. Und das schmälert meine Begeisterung unterm Strich dann auch um einen Stern.

Insgesamt aber dennoch ein sehr gelungener Thriller, der spannend und rasant ist. Wie bereits erwähnt, stellenweise grausam und brutal, also nichts für zartbesaitete Leser. Lieber Thomas Elbel, der Genrewechsel ist gelungen ;-). Mehr davon.

© Marion Brunner_Buchwelten 2017

Thomas Elbel bei blanvalet –> KLICK

Mehr auf Buchwelten von Thomas Elbel gibt es — HIER!