Ich bekenne von Rob Halford

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Erschienen als gebundene Ausgabe
im Heyne-Verlag
insgesamt 524 Seiten
Preis: 24,00 €
ISBN:  978-3-453-27343-6
Kategorie: Autobiografie

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Rob Halford, der Sänger der britischen Heavy-Metal-Band „Judas Priest“ erzählt von seinem Leben und seinem Coming-Out.

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Wer Musik, und vor allem guten Heavy Metal mag, kommt an Judas Priest nicht vorbei. Und die letzten Jahren wussten einige, dass der Frontmann der Band, Rob Halford, homosexuell ist. Dennoch wird man bei dem Titel der vorliegenden Biografie „Ich bekenne“ neugierig, zumal man über das Privatleben des Sängers ohnehin nicht viel wusste, weil er relativ zurückgezogen lebte. Schon beim Einstieg in die Lebensgeschichte wusste ich, dass mich das Buch packen würde, denn Halford besitzt einen Humor, der mir sofort sympathisch war. Wenn man diese Autobiografie liest, denkt man, der Erzähler sitzt direkt vor einem und berichtet mit einem permanenten Schmunzeln auf den Lippen von seinen Abenteuern, die ihn zu einem der größten Rockstars in der Heavy-Metal-Szene gemacht haben. Halford nimmt kein Blatt vor den Mund und erzählt ungeschönt, aber auch sehr emotional, von seiner Einsamkeit (vor allem, was seine Sexualität betrifft) und seinen Träumen, eines Tages zu den Größen im Musikbusiness zu gehören. Der Leser nimmt hautnah an den Überlegungen und Selbstzweifeln teil, die den jungen Musiker am Anfang seines Lebens und seiner Karriere plagten, so dass man tatsächlich mit ihm fühlen kann. Diese Passagen wirkten sehr glaubhaft und gefühlvoll auf mich.

Halford gibt aber nicht nur einen tiefen Einblick in sein Seelenleben, sondern zeigt auch auf, wie schwer es ist, in der Musikbranche Fuß zu fassen. Selbst wenn man bereits ein Star ist, kann man auch wieder sehr schnell in der Versenkung verschwinden. Man spürt in jedem Satz, dass Halford mittlerweile in einem Alter ist, in dem er mit einem lachenden Auge auf sein Leben zurückblicken kann und es daher auf meist witzige Art und Weise erzählen kann. Gerade dieser besondere Humor macht Rob Halford neben seiner offenen Ehrlichkeit unglaublich sympathisch. Die 500 Seiten rasen nur so an einem vorbei und man hätte gut und gerne noch weitere 500 Seiten der Stimme dieses Mannes lauschen können, so interessant und kurzweilig ist „Ich bekenne“. Wer bis zu diesem Buch noch kein echter Judas-Priest-Fan war, wird es danach sein, denn Halford schafft es auch, dem Leser seine Musik beziehungsweise seine Texte so nahezubringen, dass man sofort aufstehen und sich die entsprechende CD einlegen (oder Vinyl auflegen) möchte, um sich die beschriebenen Passagen genau anzuhören. Diese Autobiografie ist Lebens- und Musikgeschichte in einem und zeigt eindrucksvoll, wie viel Mensch und Normalität sich hinter solchen „Stars“ der Branche verbergen. Mit einer sehr persönlichen Stimme (an manchen Stellen ähnelte diese der, mit der Elton John sein Leben in „Ich, Elton“ erzählte) wendet sich Halford an seine Fans und die Leser und berichtet von schönen, aber auch unschönen Dingen.

Der sexuelle Aspekt steht dazwischen immer wieder im Vordergrund (nicht umsonst trägt das Buch einen entsprechenden Titel) und man wundert sich an einigen Stellen, wie detailliert und offen Rob Halford darüber berichtet. Doch gerade diese Offenheit ist es, die den Mann so sympathisch und menschlich macht. Er hatte Probleme mit seiner Sexualität, seinem Coming Out und allen damit verbundenen Punkten, die „Judas Priest“ betrafen. Halford klingt nie überheblich oder zeigt Starallüren, ganz im Gegenteil, bei einigen Äußerungen würde man ihn am liebsten tröstend in den Arm nehmen und ein paar Stunden mit ihm reden, um seine Bedenken aus dem Weg zu schaffen. „Ich bekenne“ ist in dieser Hinsicht vielleicht tatsächlich eine Art Lebensbeichte, aber auf alle Fälle eine beeindruckende und vor allem menschliche und emotionale Lebensgeschichte, die die Person Rob Halfords als auch die Band Judas Priest in einem vollkommen neuen, sehr sympathischen Licht erscheinen lässt. Eine Autobiografie, wie sie unterhaltsamer und ehrlicher nicht sein könnte … ich bin schwer beeindruckt und begeistert und vor allem sicher, dass ich ab sofort jedes Judas-Priest-Album mit anderen Ohren hören werde.

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Fazit: Sympathisch, ehrlich und beeindruckend. Eine der besten Musiker-Autobiografien.

©2021 Wolfgang Brunner für Buchwelten

Ready Player Two von Ernest Cline

Erschienen als Taschenbuch
im Fischer Tor Verlag
insgesamt 464 Seiten
Preis: 16,99 €
ISBN: 978-3-596-70654-9
Kategorie: Science Fiction

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Es ist noch nicht lange her, dass Wade Watts das Easter Egg von James Halliday in der virtuellen Welt OASIS gefunden und das Imperium geerbt hat, als er eine Technologie entdeckt, die OASIS noch wundervoller macht und die Welt verändern könnte.
Doch erneut wird Watts vor ein Rätsel gestellt und muss ein weiteres Easter Egg finden, das Halliday in der OASIS versteckt hat.
Zusammen mit seinen Freunden begibt sich Watts erneut auf ein Abenteuer. Doch dieses Mal geht es nicht nur um sein Leben und das seiner Mitspieler, sondern auch um das von Millionen Menschen, die in der OASIS eingeloggt sind.

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Irgendwie hat man gehofft, dass die Geschichte von „Ready Player One“ weitergeht (zumal es eine furiose Verfilmung von Steven Spielberg gab) und dennoch hat man eigentlich gar nicht damit gerechnet, nachdem Cline nach „Ready Player One“ erst einmal den Roman „Aramada“ veröffentlich hat. Umso überraschter war ich, als plötzlich doch wieder von einer Weiterführung der Story die rede war. Vielleicht hatte diese Entscheidung etwas mit der spektakulären Verfilmung zu tun, wer weiß das schon?
Aber, es sei wie es ist, Ernest Cline hat die Geschichte aus meiner Sicht sehr gut fortgeführt und man fühlte sich bereits nach der ersten Seite schon wieder voll im Thema. Sicherlich ist das Grundgerüst der Handlung ähnlich aufgebaut, aber irgendwie erwartet man das als Fan ja auch. Auch wenn einige Zeit seit dem Erscheinen des ersten Romans vergangen ist, so kann man sich erstaunlicherweise an die Charaktere und die Vorfälle des ersten Bandes sofort wieder erinnern, wenn man in die neue Geschichte eintaucht.

Dieses Mal geht Ernest Cline in seiner Eigenschaft als Nerd sogar noch einen Schritt weiter als in „Ready Player One“. An manchen Stellen (Stichwort John Hughes) übertreibt er fast schon, so dass man während des Lesens in seinen Gedanken des Öfteren eine Stimme vernimmt, die sagt „Ich hab’s jetzt kapiert, um was es geht. Es ist jetzt genug“. Aber dennoch macht es unglaublichen Spaß, wenn der Autor sein Nerdwissen mit dem Leser teilt und ihm Dinge um die Ohren haut, von denen man selbst als eigefleischter Filmfan, wie ich einer bin, noch nichts gewusst hat. Vor allem die Einbindung dieser Details in die Handlung ist Cline wirklich hervorragend gelungen, da ergibt wirklich alles einen Sinn. „Ready Player Two“ erreicht vielleicht nicht ganz die Qualitäten des Originals, aber ich wage dennoch zu behaupten, dass dem Roman nicht viel dazu fehlt, um ein gleichwertiges Niveau zu erreichen. Die Charaktere sind wieder sehr glaubwürdig beschrieben und man begleitet sie gerne auf ihrer Reise durch die virtuelle Welt von OASIS. Neben Anspielungen auf diverse Filme widmet sich Cline dieses Mal auch einem bekannten Sänger der Pop- und Rockwelt, der Fans desselben mit Sicherheit in Verzückung geraten lässt. 😉

Schreibtechnisch bleibt sich Ernest Cline treu, in dem er flüssig eine Geschichte erzählt, deren Rasanz und Sogwirkung man sich nicht entziehen kann. Man kann nicht aufhören zu lesen und möchte einfach nur wissen, wie es weitergeht. In Gedanken sieht man natürlich auch immer wieder eine Art Film vor sich ablaufen, so dass man sich oftmals wünscht, Steven Spielberg würde sich erneut dieses Abenteuers annehmen und es auf die große Leinwand bringen. „Ready Player Two“, wie auch der Vorgänger, erinnert auch manches Mal an Tad Williams Saga „Otherland“, die ebenfalls in einer virtuellen Welt spielt, erreicht jedoch das epische Ausmaß nicht ganz. Während des Lesens dachte ich immer wieder, dass Cline die Abenteuer um Wade Watts und seine Freunde durchaus als Romanserie anlegen und noch viele ähnliche Geschichten schreiben könnte, denn gerade die zahlreich eingeflochtenen Hommagen an Filme und Musik der 1980er- und 1990er-Jahre machen geradezu süchtig. Für mich war die vorliegende Fortsetzung auf jeden Fall eine fulminante Rückkehr in dieses Universum und ich würde mich tatsächlich freuen, Wade Watts noch einmal zu begegnen (sowohl filmisch auch als literarisch).

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Fazit: Würdige Fortsetzung mit noch mehr Hommagen und Nerdwissen.

©2021 Wolfgang Brunner für Buchwelten

Später von Stephen King

Erschienen als gebundene Ausgabe mit Leseband
im Heyne-Verlag
insgesamt 304 Seiten
Preis: 22,00 €
ISBN:  978-3-453-27335-1
Kategorie: Horrorroman

Jamie Conklin ist der Sohn der Literaturagentin/Lektorin Tia Conklin. Gemeinsam mit seiner Mum lebt er in Manhattan in einer sehr guten Wohngegend. Das Geschäft von Jamies Mum läuft sehr gut, auch nachdem sie die Agentur inzwischen lange allein führt. Ihr Bruder, der damalige Geschäftsgründer ist früh an Alzheimer erkrankt.

Jamie und seine Mum kann man wohl als perfektes Zweiergespann bezeichnen. Sie haben eine tolle Mutter-Sohn-Beziehung und sind gern zusammen. Jamies Mum Tia ist auch die einzige Person, die um Jamies Geheimnis weiß: Jamie sieht Tote. Er sieht kürzlich verstorbene Menschen und kann mit ihnen sprechen. Aber nur wenn er sie anspricht bzw. Fragen stellt. Dann antworten sie. Und zwar wahrheitsgemäß. Tote können nicht lügen. Nach einigen Tagen verschwinden sie dann langsam. Ihre Stimme wird leiser, wie durch Watte und dann sind sie weg. Wohin auch immer.

Als plötzlich der beste Autor der Agentur stirbt droht dieser der totale finanzielle Ruin. Der letzte abschließende Band sollte die Kasse auffüllen, doch mehr als die ersten 30 Seiten hat er nicht geschafft. Doch da ist ja bekanntlich Jamies Gabe. Tia fährt gemeinsam mit Jamie zum Wohnsitz des Autors, in der Hoffnung, dass Jamie seinen Geist dort trifft (man weiß nie so genau, wo sie sich aufhalten, bis sie entschwinden). Und ja, er ist tatsächlich an seinem Arbeitsplatz und Jamie fragt ihn nach der Handlung des Romans. Doch natürlich hat die Sache mit den Toten auch einen Haken. Sonst wäre es ja kein Horrorroman … 😉

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Als ich den Klappentext las, dachte ich zuerst, dass Stephen King auf seine alten Tage noch seinen Kollegen Dean Koontz kopiert und einen Charakter wie Odd Thomas aufs Papier bringt. Der sympathische Grillkoch hat es schließlich über viele Jahre mit Toten zu tun gehabt. Doch nein, Jamies Gabe ist dann doch etwas anders als die von Odd.

Jamie erzählt die Geschichte selbst und ist noch ein Grundschuljunge, als er damit beginnt. Dementsprechend „einfach“ ist der Schreibstil. Allerdings nicht einfach einfach, sondern absolut liebenswert und kindgerecht. Einfach wie durch die Augen eines Kindes gesehen. In der Zeit stirbt die Ehefrau des Nachbarn Prof. Burkett. Jamie spricht mit ihr, weil Mr. Burkett nach dem Tod völlig verzweifelt die Ringe seiner Frau sucht. Die verstorbene Mrs. Burkett sagt es Jamie schließlich. Sie liegen an einem total verrückten Ort und die Begründung, die die tote Mrs. Burkett darin findet, geht dem Leser nicht mehr so schnell aus dem Kopf (Mrs. Burkett erlitt einen Schlaganfall). Sie sagt: Wahrscheinlich sind meine Gedanken da schon in meinem Blut ertrunken.

Die Beziehung, die sich zwischen Jamie und dem Professor entwickelt, erinnert mich ein wenig an die Kurzgeschichte aus „Blutige Nachrichten“ mit dem Titel Mr. Harrigans Telefon. Mr. Burkett in diesem Buch hier ist allerdings charakterlich ganz anders, viel liebenswürdiger und nicht so schroff, doch meine ich einfach das Miteinander zwischen Jung und Alt. Der Respekt von beiden Seiten zueinander und die Freude am Zusammensein. Wahrscheinlich ein Thema, das Stephen King nun im Alter auch beschäftigt. Ich finde diese Freundschaft sehr schön.

Es geht noch um soviel mehr in diesem doch relativ dünnen Roman: Homosexualität, Drogen, Sucht, Liebe, Neid, Bombenanschläge, einige wirklich ekelige Leichen und ebenso um das absolute, richtige Böse. Viel mehr mag ich eigentlich nicht verraten, denn das würde natürlich die Spannung stehlen.

Fakt ist, dass mir der Roman sehr gut gefallen hat und ich mir gewünscht hätte, Jamie und Tia noch ein wenig länger zu begleiten. Es ist eine sehr gute, abwechslungsreiche Geschichte mit ganz viel drin. Beginnend vorher und endend … Später ☺.

© Marion Brunner_Buchwelten

Der gefrorene Himmel von Richard Wagamese

Erschienen als gebundene Ausgabe
im Blessing Verlag
insgesamt 254 Seiten
Preis: 22,00 €
ISBN: 978-3-89667-667-2
Kategorie: Drama, Abenteuer, Belletristik

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Saul ist Indianer. Er wird von seiner Familie getrennt und wächst in einem Heim auf. Dort erlernt er das Eishockeyspielen und erkennt schon bald darin seinen Lebenssinn. Er arbeitet sich zu einem großartigen Spieler empor und wächst bei einer Pflegefamilie auf. Doch in all den Jahren, in denen er sich diesem Sport widmet und dabei immer besser wird, muss er täglich gegen die Schwierigkeiten ankämpfen, die ihm seine indigene Abstammung in der Welt der Weißen bereitet. Saul ist ständig auf der Suche nach Geborgenheit und Liebe und findet meist nur verbale, aber auch gewalttätige Ablehnung.

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Richard Wagamese hat mich schon mit seinem flüssigen Schreibstil und seiner melancholischen Art, Geschichten zu erzählen, bei „Das weite Herz des Landes“ beeindruckt. Mit dem vorliegenden „Der gefrorene Himmel“ hat er mich aber vollkommen umgehauen. Dieser Roman ist so eindringlich, authentisch und wunderschön geschrieben, dass ich mir gewünscht hätte, Sauls Geschichte würde doppelt so lange dauern. Ich habe mich in dieser Welt so wohlgefühlt, wenngleich nicht immer alles, was geschah, schön und erstrebenswert war. Wagamese hat seiner Figur immer wieder autobiografische Züge verliehen, so dass mir mit diesem Wissen die Geschichte noch mehr ans Herz ging. Ähnlich wie bei „Das weite Herz des Landes“ nimmt der Autor den Leser auf eine Reise mit, die man nicht mehr so schnell vergisst. Das liegt zum einen an dem sehr flüssigen Schreibstil und zum anderen an den glaubwürdigen Charakteren und Geschehnissen, die absolut realistisch wirken. An manchen Stellen erinnerte mich die Erzählung ein wenig an die Nicht-Thriller von John Grisham, der dabei einen ähnlichen Schreibstil aufweist. Richard Wagemese ist ei Roman gelungen, der mich tief im Herzen angesprochen und mir wieder einmal vermittelt hat, dass wir Menschen alle gleich sind in unseren Gedanken, Ängsten und Hoffnungen. Der Autor widmet sich in seinen Geschichten immer wieder den Schwierigkeiten, die eine indigene Herkunft mit sich bringt.

Wagamese schreibt die (Lebens)Geschichte von Saul in einer wunderbaren Sprache, in denen man zwischen den Zeilen sehr viele Emotionen liest. Auch wenn das Buch in erster Linie den Lebensweg beschreibt, den der Protagonist als Eishockeyspieler geht, so erfährt man auch immer wieder von der großen Liebe, die innerhalb der Familie geherrscht hat. Saul denkt oft an die Zuneigung seiner Großmutter zurück, und auch wenn das nicht explizit auf den Seiten steht, so spürt man (wie bereits erwähnt) zwischen den Zeilen, dass dieses Familienband in ziemlich jeder Situation vorhanden ist. Der Roman liest sich sehr schnell, da die Kapitel angenehm kurz gehalten sind und an immer wieder wissen will, wie es weitergeht. Wagamese behandelt sehr bildhaft, wie sich ein junger Mann aus einem Indianerstamm der sogenannten Zivilisation stellen und sich gegen andersartige religiöse Lehren behaupten muss. Man merkt in jeder Zeile, dass dem Autor (und daher dem Protagonisten) die Lebenslehren eines Indianerstammes sehr wichtig sind und selbst als Leser spürt man, dass diese naturverbundene Lebensweise nicht mit unserer „ziviliserten“ Art konkurrieren kann. Und genau diese Diskrepanzen zwischen zwei verschiedenen Kulturen kommt in „Der gefrorene Himmel“ hervorragend zur Geltung, widmet sich doch Saul schließlich dem zivilisierten Spiel des Eishockey.

Nachdem der Blessing Verlag nunmehr bereits das zweite Buch dieses Autors herausgebracht hat, habe ich natürlich große Hoffnung, auch die weiteren Werke dieses großartigen, leider bereits verstorbenen Schriftstellers in deutscher Sprache lesen zu können. „Der gefrorene Himmel“ schafft es zumindest für ein paar Stunden, die Leserin/den Leser aus der harten Realität herauszureißen und in eine, wenngleich ebenfalls problembehafteten, fiktiven Welt mitzunehmen, in der man sich einfach nur wohlfühlt und in der man gerne noch länger verweilen möchte. „Der gefrorene Himmel“ ist ganz großes (Kopf)Kino, daher war es auch nicht verwunderlich, dass der Stoff verfilmt wurde. Ich bin schon sehr gespannt auf diese Adaption und erwarte sehnsüchtig ein weiteres Werk von Richard Wagamese in Buchform.

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Fazit: Wunderschön geschriebene Lebensgeschichte eines jungen Indianers in der „zivilisierten“ Welt.

©2021 Wolfgang Brunner für Buchwelten

Der letzte Mensch von Mary Shelley

Erschienen als Taschenbuch
im Reclam
insgesamt  585 Seiten
Preis: 26,00 €
ISBN: 978-3-15-011328-8
Kategorie: Dystopie, Science Fiction

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Dies ist die Geschichte von Lionel Verney. Im Jahre 2094, gerade als der junge Verney die schönen Seiten des Lebens kennenlernt, bricht die Pest aus. Verney flüchtet im Laufe der Pandemie aus seiner Heimat und muss der schrecklichen Seite dieser Seuche gegenübertreten, in dem er zusammen mit Freunden und Familienmitgliedern ums Überleben kämpft. Politische und wirtschaftliche Auswirkungen bleiben nicht aus und die Zustände auf der Welt werden immer apokalyptischer …

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Schon nach den ersten Sätzen und Seiten konnte mich Mary Shelley mit ihrer wunderbar poetischen Sprache verzaubern und in ihren Bann ziehen. Alleine den Epilog könnte ich immer und immer wieder lesen, so sprachlich perfekt, bildhaft und einfach nur wunderschön sind diese Worte. Bei solcherart Bücher denke ich dann, wie verkommen unsere heutige Sprache leider ist, wie teilweise emotionslos und kalt. Sicherlich wird der Leser hier mit einer „alten“ Sprache konfrontiert, die er nicht mehr gewohnt ist und die sich auch schwer liest, wenn man nicht bei der Sache bleibt und die Geschichte nur nebenbei konsumiert. Man muss sich darauf einlassen und förmlich in den alten Beschreibungen und Formulierungen schwelgen, um diese sprachliche Wucht begreifen zu können. Ich stellte oftmals während des Lesens Vergleiche mit Shakespeare, aber auch Bram Stoker oder klassischen Autoren wie H.G. Wells, Alexandre Dumas und Jules Verne an. Sie ähneln sich in ihrer Ausdruckskraft und Bildhaftigkeit sehr dem Schreibstil von Mary Shelley. Und auch wenn es an manchen Stellen für den ein oder anderen bestimmt langatmig wirkt, so kann man sich sehr schlecht von dem Roman lösen und versinkt förmlich in der geschilderten Welt. Die ausufernden Beschreibungen und philosophischen Ansätze mag nicht jeder, dessen bin ich mir bewusst, aber man sollte dennoch einen Blick riskieren und dieses literarische Abenteuer wagen, denn man wird mit ganz wunderbaren Gedankengängen und Wortspielereien belohnt.

Der vorliegende Roman erschien bereits in einer gekürzten Version in Deutschland, der Reclam Verlag hat es nun aber möglich gemacht, dass der interessierte Leser die ungekürzte Fassung zu lesen bekommt. Und die hat es wirklich in sich, wenn man genauer darüber nachdenkt. Denn „Der letzte Mensch“ ist nicht nur eine simple Dystopie, wie man sie zuhauf kennt, nein, es ist vielmehr die Lebensgeschichte eines Mannes, den man bis zum bitteren Ende begleitet.
Und gerade die Prämisse, dass sich Shelley unglaublich viel Zeit bei ihrer Geschichte lässt, hat zur Folge, dass das Gesamtwerk am Ende nahezu episch wirkt. Es ist eine unglaublich intensive Reise, auf die uns die Autorin mitnimmt, und die man sich richtig gut als Film vorstellen kann. Ich weiß gar nicht, wie oft ich mir während des Lesens die Frage gestellt habe, warum mir die ausgedehnten Schilderungen nicht zu viel und zu langatmig wurden und ich dennoch auf keiner einzigen Seite das Gefühl hatte, etwas Uninteressantes zu lesen. „Der letzte Mensch“ ist ein Phänomen für mich, das mich noch immer beeindruckt und mich anzieht wie Metall von einem Magneten. Immer wieder möchte ich in dem Buch blättern und mir die wunderschönen Formulierungen ein zweites Mal durchlesen.


Erst ab dem zweiten Drittel nimmt die Erzählung dann so richtig Fahrt auf und die Pest erscheint zum ersten Mal. Trotzdem ist Verneys Geschichte alles andere als langweilig. Auch die Pandemie wird nicht auf spektakuläre Weise geschildert, sondern eher ruhig und auch philosophisch mit ihren ganzen Auswirkungen auf die Menschheit. Parallelen zur aktuellen COVID-19-Pandemie sind natürlich ersichtlich, das liegt alleine schon an der Thematik, und treffen in bestimmten Aspekten sogar auf das heutige Verhalten der Menschen zu. Es ist an manchen Stellen tatsächlich erschreckend, wie sich der Ablauf einer weltweiten, tödlichen Krankheit gleicht.
Und in den letzten beiden Kapiteln trumpft Shelley dann noch einmal grandios auf, in dem sie eine Welt schildert, die der Apokalypse gleicht, wie wir sie teilweise in modernen Filmen wie „I am Legend“ kennen. Verneys Leben als einziger Mensch wird so detailliert und bildhaft beschrieben, dass man meint, hautnah mit dabei zu sein. Gerade diese Passagen würden das Science-Fiction-Publikum ansprechen, sofern dieses bis zum Schluss überhaupt durchhält. Für mich war Mary Shelleys „Der letzte Mensch“ eine grandiose faszinierende Reise durch eine apokalyptische Welt und ein Blick in die Seele eines Menschen. Dazu kommt eine wunderschöne, niveauvolle und bildhafte Sprache, wie man sie heute leider nur noch selten findet. Aus meiner Sicht ein ganz großer und wichtiger Roman innerhalb der Weltliteratur, der große Aufmerksamkeit verdient.

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Fazit: Mit bildhafter, wunderschön formulierter Sprache geschrieben. Sollte man gelesen haben.

©2021 Wolfgang Brunner für Buchwelten

Die Insel der Wahrheit von Alfons Winkelmann

winkelmann

Erschienen als Taschenbuch
im Verlag Der Romankiosk
insgesamt  324 Seiten
Preis: 10,99 €
ISBN: 978-3-453-32074-1
Kategorie: Science Fiction, Thriller

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In der Nähe des Polarkreises hat sich ein Multimillionär ein eigenes Reich erschaffen und nach französischen Vorbildern  ein Schloss errichtet.
Die Komponistin Bettina Bernau erzählt von ihrem Aufenthalt auf dieser Insel, denn sie ist eingeladen worden, um einem Mythos auf den Grund zu kommen. Denn der Millionär und seine Helfer sind fest davon überzeugt, dass Jesus Christus nicht der Messias war, sondern der »wahre Erlöser« erst noch kommen würde. Auf der Insel soll alles für seine Ankunft vorbereitet werden und Bettina soll eine entsprechende Musik komponieren. Dabei gerät Bettina sie jedoch in ein Netz aus Intrigen und Machtkämpfen …

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Ich wusste absolut gar nicht, was mich bei diesem Roman erwarten würde. Ich hatte natürlich aufgrund des Klappentextes eine Handlung mit religiösem Hintergrund erwartet (was ich nicht gemocht hätte) und wurde aufs Positivste überrascht. Alfons Winkelmann hat einen Roman geschrieben, der ganz nach meinem Geschmack ist und sich vom üblichen Einheitsbrei wohltuend abhebt. Auf sehr ruhige und einfühlsame Art und Weise erzählt der Autor eine Geschichte, die sich vielmehr philosophischen Gedanken als Spannungsmomenten bedient, was aber nicht bedeutet, dass „Die Insel der Wahrheit“ nicht spannend wäre. Denn die Erlebnisse und Gedankengänge der Protagonistin sind geradezu spektakulär, wenn man sich auf das Ganze einlassen kann. Denn eine gewisse Offenheit muss der Leser schon aufbringen, um den Beschreibungen des Autors folgen zu können.

Winkelmann beschreibt Dinge, von denen man denkt, dass sie eigentlich gar nicht beschrieben werden können. Es fühlt sich manchmal an, als lese man eine faszinierende Reise in sein eigenes Ich, wenn man den Beschreibungen folgt, in denen der Autor beispielsweise die Beschaffenheiten der Musik ergründet. Sehr philosophisch und mit wunderschönen Worten macht Winkelmann auf äußert beeindruckende Weise Musik sichtbar. Es ist schon sehr speziell und intellektuell, was Alfons Winkelmann da verfasst hat, weshalb wahrscheinlich die meisten „einfach gestrickten“ Leser mit dieser Geschichte nichts anfangen können und nicht genügend Eigeninterpretationen in den Stoff zulassen. Für mich war „Die Insel der Wahrheit“ eine echte Überraschung, die meinen Nerv vollkommen getroffen hat.

Was dem ungeduldigen Leser mit Sicherheit aufstößt, ist die „dahinplätschernde“ Handlung, die – vom Finale abgesehen – augenscheinlich nicht vorwärts kommt. Fast kommt es einem vor, als lese man das literarische Pendant zu einem Terrence-Mallick-Film: Entweder man liebt das Ergebnis oder man hasst es beziehungsweise kann nichts damit anfangen. Alfons Winkelmanns Roman ist nichts für ein Massenpublikum, weil er von den meisten schlichtweg nicht verstanden wird. In mir hat der Autor hingegen einen neuen Anhänger gefunden, der mich mit seiner Poesie und Philosophie überzeugen und vor allem packen konnte. „Die Insel der Wahrheit“ war für mich ein beeindruckender, atmosphärischer Ausflug in eine literarische Welt, wie man sie nur selten zu Gesicht bekommt.

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Fazit: Beeindruckend, poetisch, philosophisch. Ein hypnotisierendes Werk.

©2020 Wolfgang Brunner für Buchwelten

Der vierte Mond von Kathleen Weise

Erschienen als Taschenbuch
im Heyne Verlag
insgesamt 448 Seiten
Preis: 14,99 €
ISBN: 978-3-453-32082-6
Kategorie: Science Fiction

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Nachdem ein Expeditionsschiff der Forschungsstation Chione auf dem Jupitermond Europa unter ungeklärten Umständen abstürzt, wird eine Rettungs- und Aufklärungsmission auf der Erde zusammengestellt, um herauszufinden, was geschehen ist und den einzigen Überlebenden des Teams zu retten. Denn zwei der Teammitglieder sind auf eigene Faust aufgebrochen, um die Absturzstelle zu untersuchen, und nie wieder aufgetaucht. Als das Rettungsteam der Erde die Station erreicht, ahnt keiner von ihnen, dass sich im ewigen Eis des Jupitermondes etwas befindet, auf das die Menschheit nicht einmal ansatzweise vorbereitet ist …

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Ich bin immer wieder überrascht, wie gut Science Fiction (nun gut, so richtig Science Fiction ist der Roman jetzt gar nicht) aus Deutschland sein kann. Neben Andreas Brandhorst und Brandon Q. Morris beweist dies dieses Mal eine Frau. „Der vierte Mond“ erzählt eine Geschichte, die ich mir vor allem als Film sehr gut vorstellen könnte. Auch wenn das Ganze in den ersten beiden Dritteln teilweise etwas langatmig wirkt, so entwickelt sich die Story dann im letzten Drittel zu einem grandiosen Szenario, das für die vorangegangenen Seiten entschädigt. Das heißt aber nicht, dass der Anfang dieses Romans langweilig ist. ganz im Gegenteil. Die Autorin versteht es, die Fäden geschickt miteinander zu verbinden und dem Werk im Gesamten ein schlüssiges Gesamtbild zu verleihen. Manchmal hatte ich Schwierigkeiten, die Personen so richtig auseinanderzuhalten, da die Handlung an verschiedenen Orten auf der Erde spielte. Am besten hat es mir definitiv immer dann gefallen, wenn die Story sich auf den einzigen Überlebenden des Jupitermondes konzentriert hat. Denn da herrschte eine unglaublich dichte Atmosphäre, die mich gerade im letzten Drittel angesprochen und vollkommen überzeugt hat.

Kathleen Weises Roman hat mich vom Aufbau her ein wenig an die früheren Werke des englischen SF-Autors Stephen Baxter erinnert, bei denen man ebenfalls in erster Linie erst einmal am Leben der verschiedenen Protagonisten teilgenommen hat, bevor auf ein beeindruckendes Finale hingearbeitet wurde. Das hat mir auch bei „Der vierte Mond“ sehr gefallen.
Die Charaktere haben sich gut entwickelt und man konnte oftmals ihre Sehnsüchte, Ängste und Hoffnungen absolut nachvollziehen. Wenn es ins Weltall ging, konnte Weise bei mir mit den toll beschriebenen Schauplätzen auf dem Jupitermond Punkte sammeln, weil ich mir alles sehr bildhaft vorstellen konnte. Die Szenen, in denen der letzte Überlebende sein Leben alleine in der Jupiterstation verbrachte, erinnerte mich so manches Mal an den grandiosen Science-Fiction-Klassiker „Lautlos im Weltraum“. Es fühlte sich alles so echt an und man hat sich zusammen mit dem Protagonisten heimisch gefühlt. Diese Passagen fand ich wirklich klasse.

Der Schreibstil ist sehr flüssig zu lesen und schwankt zwischen einfach und sehr gut ausformuliert. Insgesamt ist es ein sehr unterhaltsamer Roman, der definitiv ein gewisses Niveau beibehält, obwohl sich an manchen Stellen leichte stilistische Unfeinheiten einschleichen, die aber wahrscheinlich von den wenigsten Leser:innen bemerkt werden. Von daher befindet sich alles im grünen Rahmen. Was mich jedoch weitaus mehr beschäftigt, ist, dass der Verlag den Roman als echte Science Fiction bewirbt, was im Grunde genommen gar nicht der Fall ist. Nur das bereits oben erwähnte letzte Drittel kann sich mit solchen Federn schmücken, während der Rest des Romans eigentlich „nur“ eine Mischung aus Thriller und politischem Krimi ist. Hätte Weise sich während der ganzen Romans mehr auf die Geschehnisse auf dem Jupitermond konzentriert, wäre ein wirklich guter SF-Roman dabei herausgekommen. So hingegen wirkt das Ganze irgendwie unfertig, was aber wiederum nicht heißt, dass es mir nicht gefallen hätte. Ein größeres Augenmerkt auf die SF-Geschichte hätte mich dazu veranlasst, dem Roman volle Punktzahl zu geben. Dennoch ist „Der vierte Mond“ großartige Unterhaltung mit tollen Charakteren und einem stimmungsvollen Schauplatz, wenn es auf den Jupitermond geht. Das Finale beziehungsweise die Auflösung der Geschichte hat mir dann wiederum sehr gut gefallen. Ob so etwas möglich ist, sei dahingestellt, die Entwicklung fand ich jedenfalls super.

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Fazit: Unterhaltsam und vor allem in den Szenen auf dem Jupitermond äußerst stimmungsvoll.

©2021 Wolfgang Brunner für Buchwelten

Monster, Monster überall von Jürgen Höreth

Erschienen als gebundene Ausgabe
im KOVD Verlag
insgesamt 228 Seiten
Preis: 14,99 €
ISBN: Privatdruck – ohne ISBN
Kategorie: Horror, Science Fiction

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Kurzgeschichten, die Horror und Science Fiction abdecken und manchmal sogar mit lovecraftschen Elementen aufwarten.
Folgende Geschichten sind im Buch vertreten:
Mr. Painless – Kalle, Emrah und drei Russen (Schmerzlos)
Fernab in den Höhlen der schmelzenden Augen
Der Vier-Tages-Held
Brak Ul Gorr
Dread 4
Aus altem Schrot und Korn
Wer ist das Monster im Keller
Das Arschloch-Journal
Vom Leid durch das Zwielicht sehen zu können
Wölfe

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Diese Kurzgeschichtensammlung war das erste Buch, das ich von Jürgen Höreth gelesen habe. Ich wusste also nicht, was mich erwartete und wurde angenehm überrascht, obwohl ich anfangs mit einer Schreibweise (und einem Sprachstil) konfrontiert wurde, mit dem ich eigentlich gar nichts anfangen kann: Salopp, direkt, teilweise umgangssprachlich mit einem besonderen Humor. Doch Höreth konnte mich sehr schnell überzeugen, dass er zum einen sehr gut schreiben kann und zum anderen außergewöhnliche und verrückte Ideen hat, die den Leser sofort für sich gewinnen. Ich ertappte mich tatsächlich ein paar Mal dabei, wie sich ein Schmunzeln auf meine Lippen zauberte, während ich die Storys las. Höreth schreibt vor allem auch sehr bildhaft, was zum Großteil auch an den sehr natürlich verfassten Dialogen mit dem trockenen Humor liegt, so dass man die Protagonisten und Antagonisten irgendwie stets vor seinem inneren Auge als Film sieht.

Die erste Geschichte mit dem Titel „Mr. Painless – Kalle, Emrah und drei Russen (Schmerzlos)“ zeigt eine witzig inszenierte Folterung, in der zwei Helden, nämlich Kalle und Emrah, vorkommen, die noch eine wichtige Rolle in Jürgen Höreths Schriftstellerkarriere spielen.
„Fernab in den Höhlen der schmelzenden Augen“ spielt gekonnt mit Motiven aus dem Lovecraft-Universum, geht aber definitiv einen eigenen (Höreth-)Weg.
„Der Vier-Tages-Held“ wendet sich einer anderen Liebe des Autors zu, nämlich dem Superhelden-Comic, zu und vermittelt eine ganz besondere Atmosphäre.
„Brak Ul Gorr“ wirkt wie ein Science-Fiction-Kurzfilm und zeigt, dass der Autor auch dieses Genre beherrscht. Fans dieses Genres finden ein paar Anleihen aus Literatur und Film in dieser Kurzgeschichte, die ebenfalls großen Spaß macht.
„Dread 4“ ist ein Genremix, der sich aber hauptsächlich im Bereich des Westerns aufhält. Diese Geschichte zählt eindeutig zu meinen Lieblingen aus dieser Sammlung, weil sie eine ganz hervorragende Atmosphäre aufbaut, in der ich mich während des Lesens vollkommen verlieren konnte.
„Aus altem Schrot und Korn“ gefällt mir am besten, was wahrscheinlich an dem wirklich grandiosen Humor liegt, der sich durch die ganze Story zieht.
„Wer ist das Monster im Keller“ behandelt ein ernstes Thema, bei dem mir dann die Wendung am Ende der Geschichte außerordentlich gut gefallen und mich zum Nachdenken gebracht hat.
„Das Arschloch-Journal“ ist sehr kurzweilig geschrieben und konnte mich gerade aufgrund des nicht unbedingt konventionellen Erzählstils absolut überzeugen.
„Vom Leid durch das Zwielicht sehen zu können“ war für mich eine eher durchschnittliche Geschichte, die am wenigsten den oben erwähnten Touch von Jürgen Höreth besitzt. Dennoch natürlich lesenswert.
Und auch „Wölfe“ behandelt ein besonderes Thema, das der Autor sehr gut in Szene gesetzt hat und in aller Härte und Deutlichkeit ausformuliert hat. „Wölfe“ wurde eigens für diese Sammlung verfasst.

Bleibt am Ende noch zu sagen, dass der KOVD Verlag auch mit diesem Buch wieder seiner Linie treu geblieben ist und, neben dem interessanten Inhalt, auch ein optisch äußerst reizvolles Exemplar auf den Markt gebracht hat. Der Seitenschmuck und die hervorragenden Illustrationen von Jürgen Höreth machen dieses Buch zu einem außergewöhnlichen Lesegenuss. Mehr davon …

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Fazit: Interessante Kurzgeschichten in einer tollen Ausgabe. Diverse Genre werden abgedeckt und versprechen kurzweiligen Lesegenuss.

©2021 Wolfgang Brunner für Buchwelten

Murgunstrumm von Hugh B. Cave

Erschienen als gebundene Ausgabe
im FESTA Verlag
208 Seiten
18,99 €
ISBN: Privatdruck, ohne ISBN
Kategorie: Horror

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Um zu beweisen, dass er und seine Verlobte nicht verrückt sind, flieht ein Mann aus einer Irrenanstalt und führt einen Freund und einen Arzt zu einem abgelegenen Gasthaus, in dem, wie er behauptet, Vampire hausen und sich von ahnungslosen Übernachtungsgästen ernähren. Der Wirt namens Murgunstrumm dient seiner Meinung nach den Blutsaugern. Als die Gruppe das Gasthaus betritt, erwartet sie ein unfassbares Grauen …

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Ich war sehr gespannt auf diese Novelle, weil ich wusste, dass diese erstmals im Jahr 1932 erschien. Gerade solche „alten“ Geschichten haben für mich immer einen besonderen Reiz, weil damals oft perfekt eine unheimliche Atmosphäre erschaffen wurde, wie beispielsweise Romane wie „Dracula“ oder „Frankenstein“ (um hier jetzt nur die beiden berühmtesten Vertreter zu nennen) beweisen. „Murgunstrumm“ hat meine Erwartungen voll erfüllt und mich so manches Mal an alte Gruselhefte (sogenannte Schundhefte 😉 ) erinnert. Die Geschichte ist trotz ihrer Kürze sehr detailliert und liebevoll beschrieben, so dass bereits nach den ersten Seiten die von mir oben angesprochene Stimmung aufkam. „Murgunstrumm“ ist wie ein alter Schwarz-Weiß-Horrorfilm aus den Hammer Studios, der zwischen zwei Buchdeckeln festgehalten wurde. Ich könnte mir daher eine Verfilmung äußerst gut vorstellen, zumal die Story manchmal an den Kulfilm „From Dusk Till Dawn“ erinnert. Wer weiß, ob sich da vielleicht jemand von dieser Novelle hat inspirieren lassen? 🙂

Caves Schreibstil ist flüssig zu lesen und man entdeckt immer wieder einmal dazwischen schöne, alte Formulierungen, wie man sie leider heutzutage nicht mehr oft zu lesen bekommt. Das Buch ist einfach schön und angenehm zu lesen und man „inhaliert“ es dadurch förmlich. Die Geschichte und die damit verbundene Atmosphäre, die sie verströmt, ist wirklich faszinierend. Hinzu kommen noch die wenigen Illustrationen des Lee Brown Coye, die diese Novelle auch optisch noch hervorragend unterstützen und der Geschichte, respektive Murgunstrumm, ein Gesicht geben. Es ist ein kleines literarisches Abenteuer, auf das man sich hier einlässt und das einen Hauch Nostalgie von Gruselgeschichten aus der Vergangenheit einfängt, dem man sich schwer entziehen kann. „Murgunstrumm“ sollte man gelesen haben.

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Fazit: Eine gruselige und stimmungsvolle Novelle, die man lesen sollte. Das literarische Pendant zu einem Film der legendären Hammer Studios.

©2021 Wolfgang Brunner für Buchwelten

Der Junge, der den Wind einfing von William Kamkwamba & Bryan Mealer

Erschienen als Taschenbuch
im Diederichs Verlag
insgesamt 384 Seiten
Preis: 12,00 €
ISBN: 978-3-424-35111-8
Kategorie: Biografie

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William wächst in einem der ärmsten Länder der Welt auf und verbringt seine Kindheit auf auf einer Farm in Malawi. Hungersnot und Geldprobleme bestimmen sein Leben, doch William gibt nicht auf. Nur kurz kann er immer wieder zur Schule gehen, weil das Schuldgeld nicht bezahlt werden kann. Dennoch eignet er sich durch Bücher, die er sich aus der Bibliothek ausleiht, selbst Wissen an, denn William will Wissenschaftler werden. Mit 14 Jahren baut er ein Windrad, mit dem er Strom für seine Familie erzeugen kann. Und so erfüllt sich der wissensdurstige Junge trotz vieler Hindernisse seinen Traum immer mehr, bis er schließlich das Leben seiner Familie und sein eigenes kolossal verändert.

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Was für eine wunderschöne Geschichte, die hier das Leben geschrieben hat. „Der Junge, der den Wind einfing“ führt einem vor Augen, wie gut man es eigentlich hat. William zeigt dem Leser, was es heißt, ums Überleben zu kämpfen. Aber nicht nur ums Überleben, sondern auch um Bildung. Dies alles ist für uns „zivilisierte“ Menschen nichts Besonderes, obwohl es das sein sollte. Williams Geschichte spielt sich wie ein Film in unseren Gedanken ab und lässt uns an den Ängsten, Hoffnungen und den mutigen Schritten teilhaben, die dieser Junge tapfer und unaufhaltsam geht. Das Leben, das er führt, wird durch die Worte in diesem Buch spürbar, man denkt, man ist unmittelbar mit dabei und kann die Geräusche hören und die Gerüche riechen, die den Protagonisten damals in seiner Welt begleitet haben. Wenn erzählt wird, wie er sich selbst Spielzeuge baut, fühlte ich mich in meine eigene Kindheit zurückgeworfen, wo wir das manchmal auch noch so gehandhabt haben. Dieses Buch ist ein Ausflug in eine zwar schwere, aber dennoch auch unbeschwerte Kindheit, die im Nachhinein wie ein verklärter Traum wirkt, obwohl sie seinerzeit natürlich auch manchmal lebensbedrohlich war.

Es ist manchmal spannender als ein Thriller, wenn William erzählt, wie er sich selbst ein unglaubliches Wissen angeeignet hat, um eigenständig ein Windrad zu bauen, das seiner Familie und ihm Strom liefert. In ihrer sympathischen Schlichtheit, in der sie verfasst ist, wirkt die Geschichte fast schon wieder episch. „Der Junge, der den Wind einfing“ ist ein Zeitdokument, eine Ode an das Leben und den Ehrgeiz, alles zu geben, um ein sich selbst festgesetztes Ziel zu erreichen.
Der Schreibstil von Bryan Mealer ist sehr flüssig zu lesen. Die Zusammenarbeit mit William Kamkwamba muss äußerst intensiv gewesen sein, denn – wie oben bereits erwähnt – man fühlt sich wirklich hautnah an den Geschehnissen mit dabei. In diesen Erinnerungen steckt so viel Leben, dass man sich bei überstandenen Katastrophen und Problemen und auch jedem Erfolg genauso erleichtert und glücklich fühlt wie der Erzähler. Dieses Buch ist eine herzerwärmende, mitreißende Biografie, die man kaum aus den Händen legen kann. So spannend kann das Leben sein. Die meisten von uns merken es gar nicht, während es um uns herum täglich geschieht. William Kamkwamba hat das seine aufgeschrieben und rührt uns an manchen Stellen sogar zu Tränen. Intensiver kann man ein Leben nicht beschreiben.

„Der Junge, der den Wind einfing“ ist ein Plädoyer an die Tatsache, dass jeder von uns etwas in der Welt bewirken kann, wenn er es nur aus tiefstem Herzen auch will. Unsereins könnte nicht einmal ansatzweise solch ein Windrad bauen, umso mehr ist dieser Enthusiasmus eines Jungen zu bewundern, der solch ein Projekt unter weitaus ungünstigeren Voraussetzungen, wie wir sie hätten, zustande gebracht hat. Unter diesem Aspekt ist William Kamkwamba eine Meisterleistung gelungen, die in diesem Buch auch entsprechend gewürdigt wird. Man fühlte sich heimisch in Kamkwambas Dorf, freute und ängstigte sich mit dem Jungen und drückte unweigerlich die Daumen, dass er endlich wieder in die Schule gehen durfte, um seinen Wissensdurst zu stillen. Ich habe jede einzelne Seite dieser Biografie genossen und freue mich schon jetzt darauf, den gleichnamigen Film zu sehen, von dem ich bis zur Neuauflage dieser Geschichte nichts wusste. „Der Junge, der den Wind einfing“ sollte jeder lesen, der mit seinem Leben unzufrieden ist, nach diesem Buch wird er die Welt und sein Leben wieder anders, nämlich positiver, sehen.

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Fazit: Eindrucksvolle Biografie über einen bewundernswerten Jungen, der nie aufgab.

©2021 Wolfgang Brunner für Buchwelten