Erntemond von Rudolf Marko

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Erschienen als Taschenbuch
bei S. Fischer Verlag846 Seiten
Preis:  26,99  €
ISBN: 978-3-596-31262-7
Kategorie: Belletristik, Dystopie
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Chas Meary reist nach Megumaage, ein Land am nördlichen Ende der Welt. Dort lebte einst seine früh verstorbene Frau und Chas erhofft sich, ihr noch einmal nahe zu sein, wenn er ihre Vergangenheit kennt. Ein Jahr lang lebt und arbeitet er in der abgeschiedenen Siedlung und lernt die Menschen dort kennen und lieben. Schon nach kurzer Zeit bemerkt er, dass die wichtigen Dinge im Leben nicht in der zivilisierten Welt der Großstädte, sondern in der Natur und im Spirituellen existieren.

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Es beginnt alles wie ein ruhiger Abenteuerroman, der einen sofort in den Bann zieht. Rudolf Markos Sprache und Schreibstil ist unglaublich intensiv, faszinierend und bildhaft. Es dauert nicht lange und man identifiziert sich mit dem Ich-Erzähler, erlebt all die Geschehnisse hautnah mit und lernt die unterschiedlichsten Personen des Ortes kennen. „Erntemond“ liest sich in der ersten Hälfte wie ein nostalgischer Rückblick in eine Vergangenheit, in der alles noch gut und schön war, und in der sich die Menschen aufs Wesentliche in ihrem Leben konzentrierten: Glück, Liebe, Arbeit und Zufriedenheit.
Markos Buch ist, wenn man sich darauf einlassen kann, wie ein Sog, der einen ergreift und nicht mehr loslässt. Man „lebt“ förmlich in jener fast heilen Welt, in der aber schreckliche Dinge geschehen. Der Schreibstil des Autors lässt keine Wünsche offen, erinnerte mich in seinen oftmals sehr detailgetreuen Beschreibungen an Diana Gabaldons Highlandsaga.

In der zweiten Hälfte des Romans wird es dann immer mystischer und auch dystopischer. Es stellt sich heraus, dass Marko seine Leser an der Nase herumgeführt hat.  Schleichend nimmt die Geschichte eine unerwartete Wendung an, die sämtliche vorangegangenen Geschehnisse plötzlich in einem anderen Licht erscheinen lässt. Ich habe noch nie solch einen genialen Genremix gelesen, der eine quasi Science Fiction-Geschichte in Form eines wunderschönen Heimat-, Abenteuer- und Liebesromans erzählt. Hinzu kommt, dass Marko noch einen Schuss Mystery in die Handlung einbaut, der das Gesamtwerk zu einem philosophischen Ausflug in die Menschlichkeit macht.

Man fühlt sich daheim, wenn man dem Protagonisten und seinen neuen Freunden bei seinen alltäglichen Arbeiten und den außergewöhnlichen Gesprächen beiwohnt. Man besinnt sich während des Lesens auf sein eigenes Leben und die Wertigkeit von materiellen Dingen, geht in sich und denkt darüber nach, sein Leben nicht mit Unwichtigem zu verschwenden. Rudolf Marko ist ein unglaublich intensives, hypnotisierendes und nachdenkliches Porträt eines Mannes und unserer Zivilisation gelungen, das nachhaltig im Gedächtnis bleibt und einem erscheint, als hätte man alles am eigenen Leib erfahren. Kaum hat man das Buch wieder aufgeschlagen, verlässt man die Realität und kehrt in eine Welt zurück, von der man sich so manches Mal wünschen würde, sie wäre unsere Wirklichkeit.
Rudolf Marko hat mich mit seinem Debüt-Roman vollkommen überzeugt und dadurch einen neuen Fan gewonnen, der die weiteren Romane des Autors auf jeden Fall lesen wird.

Wie schon erwähnt, handelt es sich bei „Erntemond“ um eines der außergewöhnlichsten Bücher, die ich kenne. Das liegt höchstwahrscheinlich zum einen an dem undurchsichtigen Genre, in dem es angesiedelt ist, und zum anderen an der wunderbaren Sprache, mit der es erzählt wird. Nostalgischer Heimatroman mit Abenteuerflair und einigen Tropfen Mystik á la „Twin Peaks“. „Erntemond“ macht süchtig.

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Fazit: Unglaublich stimmungsvolles, melancholisches Abenteuer in einer Zukunft, die mehr denn je den Ursprüngen der Menschheit gleicht. Vorsicht: Suchtgefahr!

© 2017 Wolfgang Brunner für Buchwelten

Nacht der Rache von Tim Miller

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Erschienen als Taschenbuch
im Festa-Verlag
160 Seiten
Preis:  12,80  €
ISBN: ohne ISBN (nur über die Verlagsseite zu beziehen)
Kategorie: Horror / Thriller
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Colt Stilman musste zwanzig Jahre ins Gefängnis, um eine Tat abzubüßen, die er nie begangen hatte. Nach seiner Entlassung plant er einen Rachefeldzug gegen die gesamte Stadt, die im zwanzig Jahre seines Lebens genommen hat.

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Tim Millers Rachethriller liest sich wie eine wilde Achterbahnfahrt. Da wird nicht lange mit tiefgehenden Charakteren herumgefackelt, sondern Miller geht gleich aufs Ganze. Einzig die Protagonisten namens Melissa und Andy erfahren eine Entwicklung während der relativ kurz gehaltenen Geschichte. Ansonsten lernt man die Personen zwar kennen, aber das war es auch schon.
Miller hält sich auch nicht lange mit Erklärungen auf, sondern widmet sich sofort seinem Massaker. Wie ein Tornado bricht Mord, Vergewaltigung und Chaos über die Kleinstadt herein.Auf der einen Seite mordet und schändet jeder, was das Zeug hält, auf der anderen Seite kämpft man ums nackte Überleben. 

Ein wenig erinnert die Ausgangssituation an den Film „The Purge“, wobei Miller einen etwas einfallsloseren Weg geht. Aber das macht gar nichts, denn man blättert die Seiten trotzdem in einer Wahnsinnsgeschwindigkeit um, weil man einfach wissen will, was noch alles passiert. Tim Miller schreibt brutal, aber nicht zu brutal, dass es unglaubwürdig wirkt. Sicherlich passieren einige Dinge, die etwas übertrieben sind, aber das erwartet man auch bei solch einem Buch. Millers rasanter Rachefeldzug ist absolut kurzweilig und actionreich. 

Tim Millers Schreibstil ist nicht besonders anspruchsvoll und, wie schon erwähnt, fehlen auch Charakterzeichnungen. Das hätte dem harten Thriller vielleicht sogar noch einen Pluspunkt verschafft, hätte man mehr über die Beweggründe von Colt Stilman erfahren, wieso er eine ganze Stadt massakrieren lässt, obwohl sie doch mit seiner unrechtmäßigen Verurteilung gar nichts zu tun haben. Hätte Miller einen vor Rachegelüsten Wahnsinnigen charakterisiert, wäre der Schockeffekt, mit welcher Härte da vorgegangen wird, wahrscheinlich bedeutend größer gewesen. Aber dennoch macht „Nacht der Rache“ unglaublich Spaß, weil es sich dabei um eine kurzweilige, spannende und sehr flüssig geschriebene Story handelt, die man erst gar nicht aus der Hand legen will.

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Fazit: Mit „Nacht der Rache“ legt Tim Miller ein actionreiches, blutiges Spektakel vor, das sich als minimalistischer Pageturner herausstellt. Das Buch ist nicht tiefgründig, sondern schlichtweg gute Unterhaltung aus dem Hause „Festa Extrem“.

© 2017  Wolfgang Brunner für Buchwelten

Krähenmutter von Catherine Shepherd

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Erschienen als Taschenbuch
bei PIPER
insgesamt 288 Seiten
Preis:  9,99  €
ISBN: 978-3-492-30965-3
Kategorie: Thriller
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Laura Kern bekommt einen seltsamen Fall zugeteilt. Ein Säugling verschwindet am helllichten Tag aus einem Supermarkt. Samt seinem Kinderwagen wurde er entführt, die junge Mutter ist völlig außer sich. Der Vater des Kindes scheint etwas zwielichtig. Er schweigt, ist nicht sonderlich hilfsbereit bei den Ermittlungen und wirkt somit verdächtig. Doch plötzlich verschwindet der Vater des entführten Kindes ebenfalls und Laura und ihr Partner Max müssen sich sputen, die Ermittlungen voranzutreiben. Doch sie stehen vor einem Rätsel ….

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Diesen Thriller habe ich überraschend vom Verlag bekommen, darum kam ich auch erst recht spät dazu, ihn zu lesen. Die Inhaltsangabe klang nicht schlecht. Das Cover ist hingegen derzeitiger Standard. Schwar-weiß-rot sind sie seit einigen Jahren ja fast alle. Das diese Präsentation nicht für einen spektakulären Inhalt garantiert, wusste ich schon länger.

Fange ich mal damit an, dass ich von Catherine Shepherd bis dato weder was gelesen noch gehört hatte. Eine kleine Anfrage in einer Suchmaschine ergab, dass die Autorin eigentlich Katrin Schäfer heißt und normalerweise Zons-Krimis schreibt, die wohl recht erfolgreich sind. Ich finde es schon komisch, dass eine deutsche Autorin sich ein englisches Pseudonym zulegt, um interessanter zu wirken. So empfinde ich das zumindest.

Die Grundidee dieses Thrillers finde ich wirklich gut, auch die Haupthandlung, den Grund der Entführung, die abschließende Aufklärung. All dies ist eigentlich eine tolle Idee. Ich finde nur die Umsetzung ein wenig zu fad, zu absehbar und mit Protagonisten, mit denen ich die gesamte Handlung über nicht warm wurde. Ich muss gestehen, dass ich die Person des Max (Partner der Ermittlerin) schon irgendwie vergessen habe. Laura Kern selbst wirkte irgendwie gestelzt und unnahbar. Ihr fehlte für mich die Seele, die Tiefe.

Flott lesen lies sich der Thriller allemal. Ich war in zwei Tagen durch und das soll bei meiner Lesegeschwindigkeit mittlerweile (leider extrem runtergeschraubt) doch was heißen.

Mein Fazit: Ein Thriller der von mir, um es mit Sternen auszudrücken, leider nicht mehr als 3 von 5 erhält. Er liefert eine gute Grundidee, die mir jedoch irgendwie zu lieblos oder auch dröge niedergeschrieben wurde. Ist aber alles Geschmackssache. Also, wen die Inhaltsangabe neugierig macht, sollte selbst lesen und sich sein eigenes Bild machen.

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© Buchwelten 2017

Stirb, Du B a s t a r d! Stirb! von Jan Kozlowski

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Erschienen als Taschenbuch
im Festa-Verlag
insgesamt 187 Seiten
Preis: 12,80 €
ISBN: ohne ISBN
Kategorie: Horror, Thriller

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Claire  wurde jahrelang von ihrem Vater missbraucht. Irgendwann schafft sie den Absprung und zieht in eine andere Stadt, um sich dort als Krankenschwester um hilfsbedürftige Menschen zu kümmern. Sie kann dadurch die schrecklichen Erlebnisse ihrer Kindheit verdrängen, allerdings nur so lange, bis sie von einer damaligen Freundin angerufen wird und erfährt, dass ihr Vater einen schweren Unfall hatte. Sie springt über ihren eigenen Schatten und besucht den Mann, der ihr als Kind grausame Dinge angetan hat, um mit ihm Frieden zu schließen. Doch als sie ankommt, muss sie feststellen, das sie von ihrer Freundin belogen wurde.

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Wer die Festa Extrem-Reihe kennt, wird von diesem Roman wahrscheinlich mehr, und vor allem Heftigeres, erwarten. Kozlowski geht aber einen anderen, für mich durchaus angenehmen Weg. Sie setzt nicht auf eklige Sexszenen und Splattereinlagen, sondern widmet sich in erster Linie der Geschichte und den Personen. Gerade in der ersten Hälfte des Buches erzeugt sie dadurch eine tolle Atmosphäre, die mich sofort in den Bann gezogen hat.

Kozlowskis Schreibstil ist knapp und präzise, aber bewegt sich meist auf einem höheren Niveau, als man es bei dieser Art von Roman gewöhnt ist. Das ist auch der Grund, warum sich dieser Roman aus meiner Sicht so wohltuend aus den Extrem-Horror-Romanen abhebt. Da werden keine übertriebenen Gewalt- und Sexszenen beschrieben, sondern immer ein gewisses Maß an Niveau eingehalten. So soll es sein, und so schockiert eine solche Story oft mehr als mit expliziten Beschreibungen. Kozlowski tritt eigentlich nie über die Grenze des guten (oder schlechten) Geschmacks, sondern lässt den Leser größtenteils selbst entscheiden, was er in seinem Kopfkino sehen will und was nicht.
Außerdem lesen sich die Dialoge so flüssig, dass es unglaublichen Spaß macht.

Es gibt einige unerwartete Wendungen, die dem Plot äußerst gut tun. An manchen Stellen kann man die Handlungsweise der Protagonistin nicht hundertprozentig nachvollziehen, aber das nimmt dem Rache-Thriller auf keinen Fall den Charme. Leider ist das Buch relativ kurz geraten, denn ich hätte gut und gerne den doppelten Umfang lesen können. Ich bin sicher, dass bei einer intensiveren Ausarbeitung der Charaktere ein noch ansprechenderes Buch herausgekommen wäre. Aber nichtsdestotrotz hat mich Jan Kozlowskis „Stirb, du B a s t a r d ! Stirb!“ hervorragend und vor allem äußerst kurzweilig unterhalten. Ich bin schon sehr gespannt, ob und wenn ja, was sich die Autorin für ihr nächstes Werk ausdenkt. Einen Fan mehr hat sie mit mir auf jeden Fall.

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Fazit: Kurzweiliger Rache-Thriller, der nicht auf reine Gewalt setzt, sondern sich in erster Linie auf die Geschichte und die Charaktere konzentriert. Für Extrem-Leser wahrscheinlich eher enttäuschend, ich hingegen war angenehm überrascht und begeistert.

© 2017 Wolfgang Brunner für Buchwelten

Candygirl von Michael Merhi

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Erschienen als Taschenbuch
bei Redrum Books
430 Seiten
Preis:  16,54  €
ISBN: 978-3-95957010-7
Kategorie: Thriller / Horror
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Bobby hatte eine schlechte Kindheit, genauso wie Candis. Zwei Menschen, die schon als Kind von schlechten Lebenserfahrungen durch ihre Eltern und Mitmenschen negativ geprägt werden, treffen aufeinander: Bobby, auch Schweineschwarte Bob genannt, ist mittlerweile erwachsen und Zuhälter. Candis hingegen, auch Candygirl genannt, ist noch ein Mädchen im Alter von 12 Jahren und gerät in seine Fänge.
Für Candygirl beginnt ein Leidensweg, der sie durch sämtliche sadistischen Arten von Gewalt und Sex führt …

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Michael Merhi hätte sich für seinen Debütroman kein krasseres Thema aussuchen können: Kinderprostitution und Kindesmisshandlung – eine Kombination, die unweigerlich nur hart, brutal und schockierend sein kann. Wer zartbesaitet ist (und das meine ich im wahrsten Sinne des Wortes), der sollte die Finger von diesem Roman lassen, der an einigen Stellen tatsächlich Grenzen überschreitet. Aber eines nach dem anderen …

Merhis Schocker ist ein Hardcore-Buch, das ich eher im Thriller-, als im Horrorgenre ansiedeln würde. Schon schnell kristallisiert sich heraus, was Merhis Markenzeichen ist: schonungslose, explizite Gewalt- und Sexdarstellungen, die dem Leser einen gewissen Ekelfaktor zu ertragen abfordern. Da muss man schon einiges über sich ergehen lassen. Wo andere aufhören, macht Merhi (erst recht) weiter.
Aber in „Candygirl“ werden nicht nur brutale Gewalt- und pervers-masochistische Sexszenen aneinandergereiht, sondern der Autor geht auch auf die Vergangenheit seiner Protagonisten ein. Und das ist einer der großen Pluspunkte an Merhis Debüt, denn er legt, außer den bereits erwähnten, detailliert beschriebenen und teilweise abstoßenden Szenen, Wert auf eine Handlung. Das ist an sich nichts Neues, wenn ein Leser Einblick in die Psyche und die Vergangenheit der Protagonisten erhält, die zu menschlichem Abschaum werden. Aber in diesem Genre (Hardcore, Rape & Revenge, Splatter) möchte ich behaupten, dass es doch irgendwie „fast“ ein Novum ist, was Merhi da gemacht hat. Auch wenn die Charaktere nicht hundertprozentig in die Tiefe gehen und manche Handlungsweise nicht ganz nachvollziehbar sind, so wachsen einem die beiden Hautpersonen (sowohl das Opfer wie auch der Täter) auf gewisse Art und Weise ans Herz, denn man weiß, wieso sie so geworden sind.

Michael Merhi ist Filmfan und Büchernarr. Das liest man anhand vieler, versteckter Anspielungen in seiner Geschichte heraus. Sein Schreibstil ist flüssig und wahnsinnig schnell zu lesen, wobei ich an dieser Stelle meinen einzigen Kritikpunkt an „Candygirl“ anbringen muss: Merhi benutzt aus meiner Sicht zu oft umgangssprachliche Ausdrücke und Phrasen, die an einigen Stellen den schockierenden Aspekt schlichtweg kaputt machen. Da wäre eine ausdrucksstärkere Wortwahl (und eben nicht eine saloppe) die klügere Wahl gewesen. Andererseits entstand durch Merhis Schreibstil ein kleines Wunder in meinem Kopf. Was mich während des Lesens störte, verwandelte sich nach dem Lesen in einen filmreifen Plot. Ich will damit sagen, dass „Candygirl“ eigentlich erst zu wirken beginnt, wenn man das Buch geschlossen hat. Denn erst dann zeigt sich wohl Merhis Talent, seine Geschichte dermaßen bildlich verfasst zu haben, dass man am Ende meint, nicht ein Buch gelesen, sondern einen Film gesehen zu haben.

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Fazit: Michael Merhi zeigt Talent und sogar Potential nach oben und mit „Candygirl“ hat er eindeutig bewiesen, dass auch harter, ultrabrutaler und abgedrehter Hardcore-Horror (oder eben Thriller) definitiv aus Deutschland kommen kann. Freunde des Festa Extrem-Programms (oder auch Heyne Hardcore) kommen hier voll auf ihre Kosten. Ich hätte mir so manches Mal eine etwas „literarischere“ Ausdrucksform gewünscht, aber das ist immer Geschmackssache. Und dreckig ist nun mal dreckig, oder? 😉

© 2017 Wolfgang Brunner für Buchwelten

Die Sippe von Marc-Oliver Bischoff

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Erschienen als Taschenbuch
im Grafit Verlag
317 Seiten

Preis:  12,00  €
ISBN: 978-3-89425-478-0
Kategorie: Krimi / Thriller
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Katharina Hoffmann, Krankenschwester, in länger andauernder Affäre mit einem Arzt, bekommt an einem Abend nach Jahren einen Anruf ihrer Schwester Sara, den sie jedoch nicht annimmt. Seit einigen Jahren ist die Beziehung der beiden untereinander ein wenig unterkühlt und zum Zeitpunkt des Anrufs ist Katharina gerade mit „ihrem Arzt“ anderweitig beschäftigt.

Kurze Zeit später wird Katharina beinahe Opfer eines Überfalls, kommt aber glücklicherweise noch heile davon. Als sie die Nachricht ihrer Schwester abhört, bekommt sie eine Gänsehaut. Als sie Sara zurückrufen will, kann sie sie nicht erreichen. Nicht mobil, nicht auf dem Festnetz, die Mutter hat auch nichts von ihrer zweiten Tochter gehört.

Katharina fährt nach Rostock, wo ihre Schwester lebt und als Gerichtsvollzieherin arbeitet. Ihre Wohnung ist verlassen, es sieht aber nicht aus, als wäre Sara verreist. Katharina sucht und fragt und dann führt ein Hinweis auf ihren letzten beruflichen Einsatz nach Grantzow. Ein kleiner Ort unweit von Rostock. Katharina fährt los und macht sich auf die Suche …..

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Dies ist der vierte Roman von Marc-Oliver Bischoff. Mir gefiel sein Debüt „Tödliche Fortsetzung“ gut. Der zweite Roman „Die Voliére“ gefiel mir besser, der dritte Roman „Golanhöhen“ stand dem in nichts nach. Sein Debüt war recht krass und blutig, dies wurde in den weiteren Roman bereits etwas entschärft. Hier in diesem vorliegenden Roman geht es in dieser Hinsicht sanft zu. Marc-Oliver Bischoff schrieb selbst in einem Facebook-Kommentar, dass er findet, er sei hier wirklich unblutig gewesen. Stimmt völlig, nimmt der Spannung und Dramatik allerdings überhaupt nichts.

Bischoff führt uns Leser in ein kleines, beschauliches Dorf. Die Idylle ist zu perfekt. Nett hergerichtete alte Häuser und Höfe, Bewohner die untereinander sehr hilfsbereit sind und überhaupt nichts mit der Moderne am Hut haben. Die Höfe produzieren ihre Nahrung selbst, es gibt eine Papiermanufaktur und eine Dorfschmiede. Katharina stutzt jedoch ein wenig, als sie die Schulkinder sieht, die aus der Dorfschule treten. Die Jungs in Hemd und Kniebundhosen, die Mädchen im Kleid und mit geflochtenen Zöpfen.

Katharina versucht dort etwas über ihre Schwester zu erfahren, doch immer wenn sie darauf zu sprechen kommt, machen die Bewohner dicht. Durch einen Vorfall scheint sie jedoch dort festgehalten zu werden und sie kommt nicht weg. Unwohl fühlt sie sich aber auch nicht, was ich als Leser sogar irgendwie total nachvollziehen konnte. Diese Reise in die alte Zeit hatte schon was und ich glaube, dass hier in der Realität die Gefahr liegt.

Der Verlag sagt, dies sei der politischste Roman des Autors, was zutrifft, auch wenn die Idylle der Handlung dies zunächst überhaupt nicht spüren lässt. Die Handlung ist spannend, teilweise sehr schön und angenehm, stellenweise dann doch wieder erschreckend und dramatisch. Ein kleiner Teil der Handlung hat mich immer etwas genervt, eine Figur, die aber dennoch wichtig war und reingeschrieben werden musste, trotzdem. Das hat dem Gesamtbild des Krimis aber keinen Abbruch getan.

In diesem Roman sind die bisherigen Protagonisten des Autors nicht mit dabei, sein Ermittlerteam Gideon Richter und Nora Winter haben hier Pause, dies noch als Hinweis für Fans dieses Duos.

Ich fand es wirklich interessant und auch erschreckend, was sich in den kleinen Dörfern der ehemaligen DDR so abspielt. Auch wenn ich kein fernsehe, so bekomme ich natürlich mit, was in der Welt geschieht. Ich lese über die AFD und auch von sogenannten Reichsbürgern, die Regeln und Gesetze unserer Republik nicht akzeptieren. Das sich jedoch nach und nach immer mehr solcher Gemeinschaften (Sippen) bilden und ansiedeln und klammheimlich die aussterbenden kleinen Orte besiedeln, das habe ich so nicht mitbekommen und das löst doch leichte Beklemmungen aus.

Mein Fazit: Ein ruhiger Krimi, der idyllisch, malerisch und hübsch auf der einen Seite und gefährlich, brutal und erschreckend auf der anderen ist. Der hübsche Schein kann mehr als trügen und politische Hintergründe finden sich offensichtlich vermehrt und extrem in schönen Dörfern, die Heimatfilmgefühle auslösen. Meine klare Leseempfehlung.

P.S.
Marc-Oliver Bischoff hat nicht in der Anthologie „Glaube.Liebe.Leichenschau – Mord am Hellweg VIII mitgewirkt 🙂 *räusper*

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 © Buchwelten 2017

Mind Control von Stephen King (Bill Hodges Serie III)

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Mind Control von Stephen King

Erschienen als gebundene Ausgabe
bei HEYNE
Originaltitel: End of Watch
insgesamt 528 Seiten
Preis:  22,99  €
ISBN: 978-3-453-27086-2
Kategorie: Krimi / Thriller
Übersetzer: Bernhard Kleinschmidt
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Brady Hartsfield, bekannt als der Mercedes Killer sitzt/liegt als „Matschbirne“ in einer Klinik für Neurotraumalogie, auch genannt „die Schüssel“, und fristet ein elendes Dasein. Denken zumindest alle, ist aber nicht so, denn Brady ist abgrundtief böse und das Böse in ihm gibt nicht auf. Sein Körper ist ein Wrack, doch Brady findet andere Mittel und Wege seine Macht- und Rachegelüste zu nutzen und umzusetzen.

In der Stadt geschehen plötzlich vermehrt ungeklärte Selbstmorde. Besondere Umstände bringen den ermittelnden Polizisten dazu, seinen Ex-Partner William Kermit (auch genannt Bill) Hodges zu kontaktieren. Denn der hat eine Ahnung, und bringt diese Geschehnisse mit niemand anderem als Brady Hartsfield in Verbindung …

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Wer die ersten zwei Bände der Mr. Mercedes Reihe gelesen hat, der kennt Brady Hartsfield und der weiß, dass dieser Typ einfach nur ein mieses, böses Etwas ist. Und Stephen King findet hier einen absolut guten, spannenden und gut ausgeklügelten Abschluss seiner Reihe. Wir treffen auf alte Bekannte wie Jerome und Holly Gibney, mit der Bill nach dem ersten Band das Büro „Finders Keepers“ gegründet hat. Diese Charaktere wiederzutreffen und sie zu begleiten macht großen Spaß. Holly hat sich prächtig entwickelt (zumindest für ihre Verhältnisse) und ich habe mich mit ihnen allen sehr wohl gefühlt.

Stephen King flechtet in seine Handlung sehr gut die neumodischen Phänomene wie den großen Einfluss sozialer Netzwerke (in dem Fall bei Teenagern) und die gefährlich hypnotisierende und abhängig machende Wirkung von Smartphones und Computerspielen ein. Wie oben herauszulesen ist, spielt auch das Thema Suizidgefahr und Gedankenbeeinflussung eine große Rolle. Diese Themen hat Stephen King sehr überzeugend und erschreckend deutlich hervorgebracht. Für mich war dieser abschließende Teil irgendwie eine typische X-Akte :-). Mehr mag ich an dieser Stelle nicht verraten. Aber ich würde jedem Neugierigen empfehlen, alle drei Teil zu lesen, denn die Handlung ist komplex und baut aufeinander auf.

Das Ende des Romans ist gut gelungen und für mich (leider) passend. Nicht enttäuschend und zu schnell herbeigeführt, wie es der Autor in seinen früheren Werken leider oft geliefert hat. Aber dies ist beim „neuen“ King mittlerweile grundsätzlich viel besser geworden.

Das einzige was mich wirklich stört und nervt, ist, warum ein Verlag einen englischen/amerikanischen Originaltitel in einen nicht deutschen Titel übersetzt. Absolut blöd und unsinnig. Ich gebe zu, dass der „deutsche“ Titel „Mind Control“ ziemlich gut zur Handlung passt, wobei er meiner Meinung nach schon zu viel preisgibt. Aber Stephen King, besser gesagt in diesem Fall seine Frau Tabitha, hat im Original den Titel „End of Watch“ gewählt. Und dabei werden sich die beiden garantiert etwas gedacht haben. Mich jedenfalls hat er zum nachdenken angeregt, wie das wohl konkret gemeint ist.

Aber dass Verlage Originaltitel aus dem englischen für unseren Markt in einen englischen Titel „übersetzen“ ist ja leider nichts Neues. Ich kann und muss das nicht verstehen. Dann kann man doch einfach den Originaltitel beibehalten, denn die Leser, die kein Englisch sprechen, müssen sowieso ein Wörterbuch (haha) zu Rate ziehen.

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Fazit: Ein gelungener, würdiger, absolut fesselnder Abschluss der Bill Hodges Reihe, der mit einem Schluss die Reihe beendet, der der gesamten Handlung absolut gerecht wird. Achtet auf die roten, flitzenden Fische … oder nein, lieber nicht ….

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© Buchwelten 2016

„Smith -Mein Leben bis zur Tragödie der Titanic“

Mein Ehemann Wolfgang Brunner ist euch allen als Mitautor vieler Rezensionen hier auf Buchwelten bekannt. Aber wie viele von euch (hoffentlich) wissen, ist er Romanautor und hat bereits eine Reihe Romane veröffentlicht.

Das neueste Werk meines Mannes erzählt eine besondere Geschichte. Romane über die TITANIC gibt es viele. Über den Kapitän dieses Dampfers, Edward John Smith, gibt es im deutschsprachigen Raum bislang überhaupt keinen Roman.

Mein Mann hat ihn geschrieben: einen biografischen Roman, der sich mit dem gesamten Leben dieses Mannes befasst.

Heute möchte ich meinen Lesern den neuen Buchtrailer zum Roman vorstellen:

 

Bluescreen von Dan Wells

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Erschienen als Taschenbuch
bei Piper
insgesamt 368 Seiten
Preis:  12,99  €
ISBN: 978-3-492-28021-1
Kategorie: Science Fiction

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Los Angeles 2050. Fast alle Menschen sind durch ein Implantat im Kopf, einem sogenannten Djinni, 24 Stunden am Tag online. So auch die junge Marisa, die im Stadtteil Mirador wohnt und mit ihren Freunden mehr Zeit in virtuellen Welten verbringt als in der Realität.  Als die Jugendlichen auf eine virtuelle Droge namens Bluescreen stoßen, decken sie eine unglaubliche Verschwörung auf …

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In Dan Wells neuem Roman wird eine Zukunft aufgezeigt, die höchstwahrscheinlich gar nicht mehr so weit entfernt ist. Ich wage zu behaupten, dass wir nicht, wie im Roman angegeben, bis zum Jahr 2050 warten müssen, um eine Menschheit anzutreffen, die größtenteils durch Implantate 24 Stunden online ist.
Wells entwirft ein sehr glaubwürdiges Szenario, das mich anfangs sehr stark an Tad Williams‘ grandioses „Otherland“-Epos erinnert hat. „Bluescreen“ erreicht allerdings die Komplexität und den Ideenreichtum der „Otherland“-Reihe nicht, begibt sich aber im Verlaufe der Handlung sowieso auf ein völlig anderes, eigenständiges Terrain.  Wells schafft es durch seinen überaus gut lesbaren Schreibstil, den Leser von Anfang an gefangen zu nehmen und für die Geschichte zu interessieren.
Die technischen Errungenschaften, die sich Dan Wells ausgedacht hat, können allesamt überzeugen, weil sie sehr realitätsnah beschrieben werden und ich keine Logikfehler entdecken konnte.

Die Charakterisierung der Hauptpersonen ist Wells nur teilweise gelungen. Von der Hauptprotagonistin Marisa einmal abgesehen, erhalten die restlichen Figuren nicht wirklich Tiefe, was aber daran liegen kann, dass es sich bei „Bluescreen“ um den Auftakt einer neuen Reihe handelt und der Autor eine nähere Charakterzeichnung in den Folgebänden durchaus noch nachholen könnte. Nichtsdestotrotz sind „Guten“ sehr sympathisch dargestellt und wachsen einem trotz der genannten „Gesichtslosigkeit“ irgendwie ans Herz. Dennoch reißt der Plot mit und lässt durch die oftmals ausdrucksstarke Beschreibung im Kopf des Lesers Bilder wie in einem Science Fiction-Film erscheinen. „Bluescreen“ ist ein dystopisches Science Fiction-Abenteuer, das jugendliche und erwachsene Leser gleichermaßen begeistern wird. Gekonnt meistert Wells die Grenze zwischen einem Jugendbuch und einem ernstzunehmenden Science Fiction-Szenario, so dass man sein neues Werk auf jeden Fall als typischen All Age-Roman bezeichnen kann.

So drastisch und gefährlich Wells die Gefahren einer steten Online-Präsenz auch darstellt, so möglich erscheinen sie einem dennoch, wenn man den technischen Fortschritt der letzten Jahre beobachtet. All die Gefahren, die auf die Protagonisten in „Bluescreen“ einprasseln, könnten bald schon in genau dieser Art und Weise geschehen. Dan Wells schlägt mit seiner neuen Reihe einen komplett anderen Weg als in seinen John Cleaver-, aber einen ähnlichen wie in seinen Partials-Romanen, ein. Das leicht dystopisch angehauchte Abenteuer wirkt erfrischend und unverbraucht, obwohl es irgendwie gar nicht so sehr vor innovativen Ideen sprüht.  Aber das macht gar nichts, denn man kann das Buch trotzdem schwer aus der Hand legen. Der Endkampf dauert mir, ehrlich gesagt, ein wenig zu lange. Aber das ist wohl Geschmackssache. Ich bin wirklich sehr gespannt, wie es weitergeht.

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Fazit: Dan Wells Auftakt zur neuen „Mirador“-Reihe kann ein sehr realistisches und überzeugendes Zukunftsbild vorweisen und unterhält grandios und vor allem spannend.

© 2016 Wolfgang Brunner für Buchwelten