Das Leben und die Musik von Peter Gabriel von Daryl Easlea

Erschienen als gebundene Ausgabe
im Hannibal Verlag
insgesamt 496 Seiten
Preis: 9,99 €
ISBN: 9783854454595
Kategorie: Biografie

Peter Gabriel, wurde ursprünglich bekannt durch Genesis und ist mittlerweile einer der größten und bedeutendsten Solokünstler überhaupt. Bekannt dafür, dass er sich immer wieder neu erfindet, nie im gleichen Fahrwasser bleibt.

Dafür, dass er sich für Menschenrechte einsetzt, dass er Musik aus fremden Kulturen in seine Musik einfließen lässt und Musikern aus aller Welt mit seinem Label Real World und auf seinen WOMAD Festivals eine Plattform gibt.

Peter Gabriel ist nicht einfach nur ein Musiker, er ist etwas Besonderes …

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Ich bin wahrscheinlich eine der eher seltenen Fans, die keinen Schimmer hatten, dass Peter Gabriel Gründungsmitglied und Sänger von Genesis war. Ich lernte Peter Gabriel, ich glaube, 1986 (16 Jahre alt) kennen, denn rückblickend war die SO wohl schon erschienen. Für mich war das erste Album, das ich kennenlernte, die Plays Live und dann rückwärts Cars, Scratch, Melt, Security und die deutschen Alben. Erst dann kam für mich die SO, die so völlig neu und anders als die ersten Solo-Alben war. Ich liebte Songs wie „Here comes the Flood“, „Games without Frontiers“ (wie oft haben wir die deutsche Version gehört und rauszubekommen, ob er wirklich „Ihr seid auch gefi$$t“ singt?☺).

Die Biografie erzählt sehr ausführlich die Anfänge von Genesis, das Kennenlernen der Jungs auf dem Internat, die ersten Jahre als Band, die Wechsel der Musiker, die Versuche einen Plattenvertrag zu erhalten, die ersten Konzerte. Inzwischen kenne ich durch meinen Mann auch die alten Genesis-Alben, aber erfahren habe ich durch dieses Buch unheimlich viel und es war absolut spannend und interessant. Irgendwie hängen sie doch alle zusammen und jeder kennt jeden und produziert oder spielt als Musiker mit. Ich habe mir im Anschluss an den ersten Teil erst einmal alte Genesis Videos angesehen, denn Stücke wie Musical-Box (Fuchsköpfe oder Blumen) waren mir neu. Ich fand es toll und damals war Peter Gabriel schon sehr vielseitig und ideenreich.

Für mich ging es dann mit Teil 2 so richtig los. Die ersten Alben, Hintergrundinfos zur Entstehung der Songs, der Musik, der Musiker, die in den Anfängen dabei waren. Auch für mich gab es noch so viele tolle und interessante Dinge zu erfahren. Die Biografie springt von Album zu Album, erklärt die Entstehung, die Bedeutung der Texte. Aber auch die Gründung des WOMAD-Festivals, sein Einsatz für Menschenrechte, Peters Liebe zur afrikanischen Musik und deren Einsatz in seinen Songs, der Bau der Real World Studios, all das wird ausführlich erzählt und beschrieben. Auch privat lernen wir Peter Gabriel ein wenig kennen, den scheuen, freundlichen und doch oft rastlosen Menschen. Der in jungen Jahren Vater von 2 Töchtern wurde und im reifen Alter Vater von 2 Jungs.

Wie man sieht, es kommt nichts zu kurz: die Biografie ist interessant, fesselnd und ein Muss für alle Fans von Peter Gabriel. Und nein, mir ist der Genesis-Teil nicht zu lang. Im Gegenteil, ich fand ihn sehr spannend und informativ.
Zwischendurch gibt es viele tolle Fotos zu sehen, die Peter Gabriel durch die Jahre begleiten. Von Genesis-Zeiten (rasierter Scheitel) bin hin zu 2014, wo er aussieht, wie man ihn heute kennt. Ich hätte es schöner gefunden, wären die Fotos in Farbe. In schwarz-weiß auf dem cremefarbenen Papier wirken sie leider wie Zeitungsfotos.

Danke Hannibal-Verlag. Ich habe viele schöne Stunden mit meinem Lieblingssänger verbracht und noch unheimlich vieles erfahren, das ich noch nicht wusste.

Links:

https://petergabriel.com/

https://www.witness.org/

http://realworldstudios.com/

© Buchwelten 2021

Mercury in München von Nicola Bardola

Erschienen als gebundene Ausgabe
im Heyne-Verlag
insgesamt 432 Seiten
Preis: 24,00 €
ISBN: 978-3-453-27352-8
Kategorie: Biografie

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Schon wieder ein Buch über Freddie Mercury, werden wohl viele sagen. Ja, stimmt, aber dieses Mal ist es ein anderes, ein weitaus persönlicheres und intensiveres Werk, das dem Sänger von Queen in eine Welt jenseits des Starrummels folgt. Nicola Bardola beschreibt die Jahre, in denen Mercury der Promiwelt den Rücken kehrt und sich seinem eigenen Leben, seinen Vorlieben, seiner Menschlichkeit widmet. Denn in München kann er einfach nur Mensch sein, und dieses Gefühl wird in dieser Biografie sehr toll vermittelt. Ich selbst bin in München aufgewachsen und habe in den 1980er- und 1990er-Jahren viele der Kneipen und Diskos besucht, die in diesem Buch erwähnt werden. Auch kenne oder kannte ich viele der Menschen, mit denen Freddie in Berührung kam, persönlich, sodass dieses Buch für mich eine ganz besondere Reise in die Vergangenheit bedeutet, die ich sehr genossen habe. Ich hörte sogar die Stimmen mancher Personen (Wirte) in meinen Gedanken wieder. 😉

„Mercury in München“ geht einem in vielen Momenten nahe, weil man spürt, dass Freddie unentwegt auf der Suche nach Glück, Zufriedenheit und vor allem Liebe war. Seine Beziehung zu Barbara Valentin wird toll beschrieben und man denkt oft, man sei direkt dabei. Nicola Bardolas Schreibstil ist sehr angenehm und flüssig zu lesen. Auch der Aufbau des Buches hat mich überzeugt. Wenngleich in den Zeiten manchmal etwas herumgesprungen wird, so ergibt am Ende alles einen Sinn, der beeindruckt. Die Atmosphäre des damaligen (Szene)Lebens in München wird sehr eindrucksvoll widergegeben und man spürt förmlich die Unbeschwertheit und manchmal auch Dekadenz jener Zeit. Für mich las sich das Buch wie eine Art Abenteuer in eine andere Zeit, bei dem ich Freddie und die anderen Bandmitglieder auf ihren Erlebnissen in der Weltstadt mit Herz begleiten durfte. Wie oben schon erwähnt, ist „Mercury in München“ für mich ein sehr persönliches Buch, das eine andere Seite von Freddie zeigt.

Neben den mir bekannten Örtlichkeiten erfuhr ich in dieser Biografie allerdings einige Dinge, die ich nicht wusste und die äußerst interessant für mich waren: Ich hielt mich beispielsweise des Öfteren auf dem Dach des Arabella-Hochhauses im Schwimmbad auf, ohne zu wissen, dass sich im gleichen Gebäude das Tonstudio befand, in dem neben Queen und Giorgio Moroder viele andere bekannte Künstler die Türklinke in die Hand gaben. Als junger Mann hat mich damals alles, was hinter den Kulissen der Musikszene geschah, nicht wirklich interessiert. Nicola Bardola hat hervorragend recherchiert und mich für ein paar Stunden in ein altes München entführt, wie ich es selbst noch erleben durfte. Dieses nostalgische (und teilweise melancholische) Gefühl mit dem Lebensabschnitt eines der größten Sänger aller Zeiten zu teilen, war magisch. Ich bin sicher, dass ich dieses Buch eines Tages noch einmal lesen werde, um erneut für eine kurze Zeit in einer anderen Welt versinken zu dürfen.

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Fazit: Hochinteressante (Teil-)Biografie über einen wichtigen Lebensabschnitt Mercurys.

©2021 Wolfgang Brunner für Buchwelten

Yusuf – Der Schamane von Fitnat Ahrens

Erschienen als Taschenbuch
im Kelebek Verlag
insgesamt 174 Seiten
Preis: 9,90 €
ISBN: 9783947083497
Kategorie: Urban Fantasy

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Der Schamane Yusuf, der einen Pakt mit dem bösen Erlik Khan geschlossen hat, trifft auf den querschnittsgelähmten Bestatter Josef aus Bayern. Schon bald verbindet die beiden eine innige Freundschaft, zumal Yusuf seinem neuen Freund seine Gehfähigkeit, wenn auch nur für kurze Zeit, zurückbringen kann. Doch dies hat seinen Preis und stellt die Freundschaft der beiden Männer auf eine harte Probe …

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Ich wusste nicht, was mich bei diesem Buch erwartet, was zur Folge hatte, dass mich die Geschichte um Yusuf und Josef förmlich umgehauen hat. Mit so einer philosophischen, esoterischen und atmosphärischen Story hatte ich nun gar nicht gerechnet, zumal der Roman als Urban Fantasy betitelt wird. Klar, im Nachhinein gesehen passt diese Genre-Einordnung sicherlich, aber letztendlich bekommt man eine tiefgehende Geschichte über eine verhängnisvolle, tragische Männerfreundschaft geboten, die sehr zum Nachdenken anregt. Es ist vor allem die durchgehend ruhige und fast hypnotische Erzählweise, die mich bei „Yusuf – Der Schamane“ begeistert und vor allem überzeugt hat. Fitnat Ahrens präsentiert einen sehr stimmungsvollen Roman, den man sich sehr gut als Film vorstellen kann, was nicht nur an der Geschichte selbst, sondern auch an der sehr bildhaften und niveauvollen Schreibweise der Autorin liegt.

Ahrens behandelt mitunter auch religiöse Themen, die aber niemals störend oder aufdringlich wirken. Sie fügen sich in das Gesamtbild ein und zeigen auf, dass sich auch Menschen unterschiedlicher Religionen und Kulturen hervorragend ergänzen können. „Yusuf – Der Schamane“ ist kein Buch für zwischendurch, dafür geschieht viel zu viel zwischen den Zeilen und lässt neben den geschriebenen Worten ein fantastisches Kopfkino bei den Lesern entstehen, dass eine zweite, tiefergehende Geschichte erzählt, die sich lediglich in den Gedanken abspielt. Fitnat Ahrens Roman ist eine mystische Reise in die Gedankenwelt zweier unterschiedlicher Männer, die sich dennoch auf geistiger Ebene treffen. Ich hätte gut und gerne nochmal so viele Seiten lesen können, nur um bei Yusuf und Josef bleiben zu können.

Um noch einmal auf das Genre zurückzukommen, in das der Roman eingestuft wurde: „Yusuf – Der Schamane“ ist Urban Fantasy, keine Frage, aber die Handlung bewegt sich auf einen vollkommen anderen Niveau als gängige Genrebeiträge. Weitab von Vampiren, Hexen oder gar Drachen, behandelt der Roman zwar ein gewisses Fantasy-Element, ähnelt aber mehr einem mystischen Märchen in der heutigen Realität, der die europäische Kultur und die des Orient geschickt miteinander verknüpft und eine Welt daraus kreiert, wie man sie sich wünscht. Von mir gibt es eine ganz klare, unbedingte Leseempfehlung. Und wer sich auf diese Geschichte einlasen kann, wird mit einem Mysterium belohnt, an das man noch lange und gerne zurückdenkt.

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Fazit: Unbedingt lesen! Ein fantastisches, philosophisches und mystisches Abenteuer.

© 2021 Wolfgang Brunner für Buchwelten

Eigenbedarf von Michael Opoczynski

Erschienen als gebundene Ausgabe
im Benevento Verlag
insgesamt 240 Seiten
Preis: 20,00 €
ISBN: 9783710900662
Kategorie: Kriminalroman

In Berlin herrscht der Miet(er)terror. Ein älteres Ehepaar sucht die Gesellschaft für unkonventionelle Maßnahmen auf, da der gesamte Block, in dem sich ihre Mietwohnung befindet, an einen mysteriösen neuen Eigentümer verkauft wurde.

Nun sollen alle Wohnungen saniert werden und das zwar auf so extreme Art und Weise, dass man sich erhofft, die Mieter so zu vertreiben, um anschließend die Luxuswohnungen teuerst zu verkaufen. Arbeiten werden angefangen und nicht weitergeführt, alte Fenster werden herausgerissen und keine neuen verbaut, sondern nur Folien zum „Schutz“ verklebt. Und das im Oktober, und das waren nur zwei Beispiele.

Die Gesellschaft nimmt sich dem Fall der Szymanskis an, damit sie in ihrer Wohnung verbleiben können, der Terror am Berliner Immobilienmarkt zumindest einen Dämpfer erhält und die Gerechtigkeit wieder hergestellt wird…

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Dies ist der dritte Fall für die Gesellschaft für unkonventionelle Maßnahmen und der Autor greift wieder ein hochbrisantes, aktuelles und auch politisches Thema auf, dass er mit viel Biss und auch schwarzem Humor zu einer wunderbaren Handlung verbaut hat.

In seiner Gesellschaft treffen die unterschiedlichsten Charaktere aufeinander, doch jeder für sich ist mit seinen besonderen Kenntnissen und Fähigkeiten wichtig für die Gesellschaft. Das Zusammenspiel derer liest sich immer wieder sehr fesselnd und kurzweilig.

Ich mag Autoren, die es schaffen, politische und teils trockene Themen zu einem Roman zu verarbeiten, sodass ich als Leser trotzdem richtig Spaß habe und auch oft schmunzeln kann.

Michael Opoczynsky hat nunmehr zum dritten Mal bewiesen, dass er genau dies kann. Ich freue mich jedes Mal aufs Neue auf einen weiteren Fall der bunt zusammengewürfelten Gesellschaft mit ihrem Ehrenkodex: Gerechtigkeit schaffen, wo der Staat es nicht tut oder schafft.

Die Charaktere sind mir inzwischen alle gut bekannt und auch ans Herz gewachsen. Man trifft auf alte Bekannte, die perfekt miteinander zusammenarbeiten und auch Grenzen überschreiten, wenn es nötig ist. Schadenfreude spielt auch eine große Rolle, die der Leser wahrlich auskosten kann.

Neben der Haupthandlung gibt es auch hier wieder einen Nebenstrang, der meist die privaten Belange eines der Mitglieder betrifft und die Handlung sehr gut ergänzt und auffrischt. Denn so lernt man Nebencharaktere auch immer ein wenig intensiver kennen.

Fazit: Bitte mehr davon. Es mögen hoffentlich noch einige verrückte Anfragen an diese außergewöhnliche Gesellschaft für unkonventionelle Maßnahmen gerichtet werden.

© Marion Brunner_Buchwelten 2021

Dürre von Uwe Laub

Erschienen als Taschenbuch
im Heyne Verlag
insgesamt 464 Seiten
Preis: 15,00 €
ISBN: 978-3-453-44118-7
Kategorie: Thriller

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Der Klimawandel beschleunigt sich unaufhaltsam und Dürren, verbunden mit Ernteausfällen, nehmen nicht nur in Deutschland, sondern weltweit zu. In ganz Europa herrscht mittlerweile Hungersnot. Um dieser wachsenden Klimakatastrophe entgegenzusteuern, beschließen die Länder drastische Maßnahmen, in dem sie mit Hilfe einer App den CO2-Verbrauch eines jeden Bürgers zu kontrollieren.
Die Geschwister Julian und Leni werden des CO2-Betrugs angeklagt und werden von der Regierung erbarmungslos gejagt. Dabei decken sie einen Skandal auf, der erschreckende Konsequenzen nach sich zieht …

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Nach den drei Vorgänger-Romanen „Blow Out“, „Sturm“ und „Leben“ war die Erwartungshaltung gegenüber einem neuen Werk von Uwe Laub beträchtlich, hatte der Autor doch die eigene Messlatte ziemlich hoch gesetzt. Doch schon der Einstieg gelang Laub, wie gewohnt, sehr stimmungsvoll und man stellte sich bereits nach den ersten Seiten wieder auf ein spektakuläres, gut durchdachtes Abenteuer ein. Der Hintergrund der Welt, in der „Dürre“ spielt, ist in sich logisch und in der Tat eine konsequente Fortführung der Situation, in der sich die Menschheit derzeit (leider) befindet. Klimawandel ist das große Thema, dem sich Laub dieses Mal widmet. Und damit komme ich auch schon zum einzigen Kritikpunkt, wenn man diesen überhaupt so nennen kann: Laub entwirft zwar ein Szenario, in dem die Klimastörungen massive Auswirkungen auf das Leben der Menschen haben, nutzt aber irgendwie die Chance nicht, ein richtig düsteres, atmosphärisches Zukunftsbild zu erschaffen. Das ist an sich aber wiederum gar nicht schlimm, denn „Dürre“ ist trotzdem ein durch und durch spannender Thriller und Pageturner geworden, wie man es von Uwe Laub gewohnt ist. Aber ich habe mir durch den Titel eigentlich ein bisschen was anderes vorgestellt.

Das ganze Drumherum um die Klimakatastrophe wurde perfekt geschildert und erklärt. Das hat mir richtig gut gefallen, auch die daraus resultierende App, die den CO2-Verbrauch der Menschen und Firmen kontrolliert, war perfekt. Und das „Manko“, das ich oben erwähnte, ist im Grunde genommen ja auch wirklich keines, denn man wird erneut auf ein spannendes Abenteuer mitgenommen, das auf keiner Seite langweilig wird. Wer jedoch Laubs „Sturm“ und „Leben“ gelesen hat, weiß, was ich meine, wenn ich sage, dass die Bedrohlichkeit der Natur in „Dürre“ irgendwie zu kurz kommt. Vielleicht lässt es sich am einfachsten so umschreiben: Während „Sturm“ und „Leben“ die Naturgewalten in den Vordergrund stellen und das Ganze dann im Kleid eines Thrillers darstellen, verhält es sich bei „Dürre“ irgendwie umgekehrt. Dieses Mal ist es vordergründig erst einmal ein Thriller, der die Entwicklung(en) des Klimawandels mit zum Thema hat. Konnte ich mich einigermaßen verständlich ausdrücken? 🙂
Dennoch, ich wiederhole mich ausdrücklich, ist „Dürre“ kein schlechteres Buch wie seine Vorgänger, sondern schlichtweg ein anderes.

Uwe Laubs flüssiger Schreibstil trägt, neben den zahlreichen wissenschaftlichen Einschüben und innovativen Ideen diesbezüglich, dazu bei, dass man das Buch, wie eben auch seine Vorgänger, schlecht aus der Hand legen kann. Zu sehr will man wissen, wie es weitergeht und fiebert mit den Protagonisten mit. Was mir wirklich gut gefallen hat, war der Ursprung der App mit dem klangvollen Namen Aequitas. Es hat richtig Spaß gemacht, zu verfolgen, wie der Entwickler die Idee hatte und sie im Laufe der Jahre perfektionierte. Auch wenn Uwe Laub mit „Dürre“ dieses Mal weniger Wert auf ein wissenschaftliches Abenteuer a la Michael Crichton erschaffen hatte, sondern eher einen Thriller, so liest man das Buch in Rekordzeit. Und auch „Dürre“ bleibt aufgrund seiner intensiven Handlung bleibend im Gedächtnis haften. Nun, was bleibt mir noch übrig, zu sagen? Unbedingt lesen und, sofern noch nicht geschehen, auch alle anderen Werke des Autors. Und dann muss man sich nur noch gedulden, bis endlich wieder ein neuer Roman von Uwe Laub erscheint.

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Fazit: Rasanter Thriller, der in einem vom Klimawandel betroffenen Szenario spielt.

©2021 Wolfgang Brunner für Buchwelten

The long hard road out of hell von Marilyn Manson und Neil Strauss

Erschienen als gebundene Ausgabe
im Hannibal-Verlag
insgesamt 352 Seiten
Preis: 19,99 €
ISBN: 978-3854451822
Kategorie: Biografie, Musik

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Schonungslos, ohne ein Blatt vor den Mund zu nehmen, schildert der Musiker Marilyn Manson seine Kindheit und Jugend, seinen Weg zum Erwachsenen bis hin zu den ausschweifenden Orgien seiner Musikerkarriere.

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Wer sich ein wenig mit Marilyn Manson aka Brian Hugh Warner beschäftigt, weiß, dass er keine besonders schöne Kindheit und Jugend verlebt hat. Es liest sich dreckig und teilweise abstoßend, was dem jungen Mann passierte, gleichzeitig aber auch voller Liebe, Hoffnung und poetischen Gedanken. Und genau diese Mischung ist es auch, die dieses Buch, diese Lebensbeichte, zu etwas Besonderem macht. Es verhält sich ähnlich wie bei der Musik des Ausnahmetalents: Einerseits ist man schockiert über die Offenheit, mit der Manson bestimmte Themen behandelt, andererseits liest man zwischen den Zeilen jede Menge Lebensweisheit und Sozialkritik heraus. Marilyn Manson eben.
Man fühlt Mitleid während des Lesens, spürt Empathie und kann so manche provokativen Verhaltensweisen des Künstlers nachvollziehen, oftmals ekelt man sich aber auch vor den beschriebenen Szenarien. Manson schreibt unverblümt von seiner Kindheit und seinem harten Weg zu einem weltweit erfolgreichen (dennoch immer auch suspekt erscheinenden) Star.

Zeitweise vergisst man, dass man eine Biografie liest und kommt sich vor wie einem Roman von Cormac McCarthy oder Larry Brown. Man verfolgt ein interessantes Leben, das man aber selbst auf keinen Fall führen oder erlebt haben möchte. Man erfährt viel über die Dinge, die Marilyn Manson zu dem gemacht haben, was er ist. Es liest sich wie eine Beichte, wie ein Sich-alles-von-der-Seele-Reden, um Absolution zu erhalten, um zu erklären, warum man sich so verhält, wie man es tut. Diese Prägungen sind es, die diesen Mann ausmachen und ihn verletzlich erscheinen lassen, dennoch aber voller philosophischen Gedanken über das Menschsein und Kritik an den sozialen Entwicklungen in der Welt. Wer dieses Buch gelesen hat, wird Mansons Musik besser verstehen und fühlen. Denn in seiner Musik steckt der Großteil seines Lebens.

Zu der wirklich faszinierenden Lebensgeschichte kommt dann noch ein optisches Schmankerl hinzu, denn das im Hannibal Verlag erschienene Buch weiß mit wunderschönen Verzierungen und Bildkollagen zu faszinieren. Dieser Aspekt vertieft die Geschichte, die man zu lesen bekommt, noch um einiges und man fühlt sich manches Mal, als sähe man einen Dokumentationsfilm.
Ich habe tiefsten Respekt vor der Ehrlichkeit dieses Künstlers, die er in seiner Autobiografie praktiziert. „The long hard road out of hell“ werde ich nicht mehr so schnell vergessen. Und, wie bereits erwähnt, höre und empfinde ich seine Songs seitdem aus einer vollkommen anderen Sichtweise. Für Fans ist dieses Buch ein Muß, für alle, die bislang ein bestimmtes Bild von Marilyn Manson in ihrem Kopf verankert haben, sei es eine dringende Empfehlung, um die wahre Persönlichkeit dieses Künstlers zu entdecken.

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Fazit: Muss man gelesen haben: Ehrlich, schockierend und emotional.

©2021 Wolfgang Brunner für Buchwelten

Gwendys Zauberfeder von Richard Chizmar

Erschienen als gebundene Ausgabe
im Heyne Verlag
insgesamt 272 Seiten
Preis: 12,00 €
ISBN: 978-3-453-27295-8
Kategorie: Drama, Thriller, Horror, Belletristik

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Es ist schon eine Zeit lang her, dass Gwendy von einem mysteriösen Mann einen Wunschkasten geschenkt bekam, der auf unheimliche Weise Wünsche erfüllen konnte.
Mittlerweile ist Gwendy eine erfolgreiche Kongressabgeordnete und der Meinung, ihr Leben im Griff zu haben. Doch dann taucht der Wunschkasten plötzlich wieder auf und bringt Gwendy in Versuchung, bestimmte Dinge mit seiner Hilfe in Ordnung zu bringen. Als dann die „Zauberfeder“ aus ihrer Kindheit wieder in ihre Hände kommt, gerät Gwendys Leben vollends aus den Fugen.

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Und da ist sie nun: Die Fortsetzung von „Gwendys Wunschkasten„, die aus meiner Sicht seinerzeit einiges an Potential ungenutzt gelassen hat. Ich wusste nicht, was mich mit der von Richard Chizmar verfassten Fortführung der Story erwarten würde, muss aber zugeben, dass mich der Autor mit seiner Idee schon einmal äußerst angenehm überrascht hat. „Wendys Zauberfeder“ setzt nämlich nicht direkt an seiner Vorgängergeschichte an, sondern lässt einige Jahre verstreichen, sodass der Leser nun der erwachsenen Gwendy begegnet. ich war sofort in der Geschichte gefangen und habe mir oftmals gedacht, dass Chizmar durchaus das literarische Erbe von Stephen King antreten könnte, denn die beiden Schreibstile gleichen sich verblüffend. Die Story ließ sich dadurch angenehm flüssig lesen und entwickelte sich, trotz eigentlicher fehlender Action, zu einem regelrechten Pageturner, der mich nicht mehr losließ.

Der Grundgedanke von „Gwendys Wunschkasten“ wird natürlich fortgeführt, allerdings kommt dann mit der titelgebenden Zauberfeder ein Aspekt in die Geschichte, der mich in seiner Konsequenz an Stephen Kings „The Green Mile“ erinnerte. Chizmar ist eine wunderschöne, emotionale Geschichte gelungen, die zwar unspektakulär, nichtsdestotrotz aber mit einer gewissen Wucht daherkommt und einen mit einem tollen Gefühl zurücklässt. Ehrlich gesagt, gefällt mir diese Fortsetzung besser als das Original, das Chizmar mit King zusammen verfasst hatte. Vor allem das Persönliche der Protagonistin, das Chizmar in seine Geschichte eingebaut hat, faszinierte mich und ließ mich auch emotional an der Story teilhaben. Und durch den sehr schönen Schreibstil flog ich nur so durch das Buch, das ich mir übrigens auch sehr gut als Film vorstellen könnte. Um es kurz zu machen: Richard Chizmar hat mit seinem Kurzroman eine bessere Fortführung erschaffen, als ich mir vorgestellt hatte. Und er hat das Potential zumindest weitaus mehr als im Original ausgenutzt. Mittlerweile ist mir auch vollkommen bewusst, dass die beiden Autoren alles andere als ein bombastisches, spektakuläres Werk im Sinn hatte, sondern eher eine ruhige, besonnenen Geschichte, die zum Nachdenken anregt.

Zur tollen Story kommt dann noch eine wunderbare „Verpackung“ hinzu. Während das weitaus dünnere Original mit 10,- Euro dem ein oder anderen etwas teuer erschien, kann die vorliegende Ausgabe mit einer Dicke von 270 Seiten und einem Preis von 12,- Euro geradezu auftrumpfen. Das Hardcover ist wunderschön gestaltet und fühlt sich mit seinen Hervorhebungen innerhalb des Titels und Covers genial in der Hand an. Ich bin schon sehr gespannt auf den abschließenden Teil der Trilogie mit dem voraussichtlichen Titel „Gwendys letzte Aufgabe“, der im Jahr 2022 erscheinen soll und wohl wieder von beiden Autoren verfasst wird. Insgesamt heben sich die beiden bislang erschienenen Romane von den anderen Werken der beiden Autoren in ihrer ruhigen Erzählweise ein wenig ab, was ich wiederum als sehr angenehm empfinde.

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Fazit: Wunderbare, ruhig erzählte Fortführung um Gwendys Wunschkasten.

© 2021 Wolfgang Brunner für Buchwelten

Billy Summers von Stephen King

Billy Summers von Stephen King
Erschienen gebundene Ausgabe mit Leseband
im HEYNE Verlag
Preis: 26,00 €
720 Seiten
ISBN: 9978-3-453-27359-7
Kategorie: Roman

Achtung – ggf. spoilere ich doch ein wenig …

Billy Summers, ehemaliger Scharfschütze der US-Marines, nimmt einen letzten Auftrag an, bevor er sich zur Ruhe setzen will. Sein „Boss“ Nick vermittelt ihm den Auftrag, der einige Vorbereitungszeit benötigt, da das Zielobjekt erst in noch nicht absehbarer Zeit aus dem Gefängnis überführt wird, und zwar zu dem Gericht, wo auch der Job ausgeführt werden soll.

Was Nick nicht weiß ist, dass Billy Summers den „Einfältigen“ nur mimt. Billy ist viel schlauer als angenommen, absolut gebildet und sehr belesen. Doch da dies gefährlich werden kann, lässt er das nicht durchblicken.

Für diesen letzten Job zieht Billy vorübergehend in ein Haus in einem beschaulichen Vorort ein, er erhält ein Büro, in dem er als angeblicher Schriftsteller David Lockridge an seinem nächsten Roman arbeitet. Worüber er natürlich mit niemandem sprechen darf.

Tatsächlich aber ist das Büro der Platz, von dem aus der Job erledigt wird. Dort wird er sein Gewehr platzieren, wenn die Zielperson vor Gericht vorgeführt wird und den Polizeiwagen verlässt.

Nun, Billy, alias David Lockridge, nutzt die Zeit im Büro und beginnt tatsächlich zu schreiben. Er schreibt sein Leben auf, im Stil des Einfältigen, um die Tarnung aufrechtzuerhalten, denn Nick hat den Laptop garantiert angezapft. Und wie es so oft der Fall ist, verselbstständigen sich die Dinge. Billy, alias David, schließt eine private Freundschaft mit seinen Nachbarn und auch mit den Kollegen im Bürogebäude. Und als der Tag näher rückt, an dem der Job erledigt werden soll, naht der Abschied.

Was Nick nicht weiß ist, dass Billy, der Einfältige, sich eine weitere Existenz, von der niemand weiß, aufgebaut hat. Nämlich die Existenz der Person, die er sein wird, wenn der letzte Auftrag erledigt ist. Denn auch wenn er Nick seit vielen Jahren kennt und für ihn Jobs übernommen hat, so traut er ihm keineswegs.

Nach dem Auftrag taucht Billy unter, da er sich zum eigenen Schutz nicht an den vorgeschrieben Fluchtplan gehalten hat. Er hat unter seinem Decknamen eine Souterrain-Wohnung angemietet, wo er ausharrt. Dort bekommt er eines Abends mit, wie eine Gruppe Männer einen leblosen Frauenkörper am Rinnstein ablegen und davonfahren. Billy kann die Frau nicht dort liegen lassen und holt sie in die Wohnung. Er rettet ihr das Leben und päppelt sie sowohl körperlich, also auch seelisch wieder auf. Hierzu nutzt er kleine, aber überaus hilfreiche Tricks aus seiner Zeit bei der Army, beispielsweise um Panikattacken zu bekämpfen.

Die beiden freunden sich an, Billy Summers, der Sniper in seinen 40ern und die junge Frau Alice, das Vergewaltigungsopfer ….

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Ja, eigentlich habe ich schon viel zu viel von der Handlung verraten, andererseits aber auch nicht, weil die Geschichte so vielseitig und intensiv ist.

Man liest vielleicht heraus, dass ich absolut begeistert bin, von dieser eigentlich doch sehr ruhigen Geschichte. Dennoch hat sie viele Spannungsmomente und sie hat mich absolut in ihren Bann gezogen. Ich hätte gerne noch einige hundert Seiten mehr mit Billy, Alice und Bucky verbracht.

Stephen King hat hier wieder einmal so wunderbare und vielschichtige Charaktere geschaffen und ihnen eine Geschichte gegeben, die einfach nur gut ist. Sein Protagonist hat genaugenommen sogar mehrere Charaktere, da er sich ja selbst oft anders gibt, und das sehr überzeugend.

Die Hintergründe der Geschichte sind sehr intensiv und gehen teils wirklich nah. Diese Geschichte ist absolut menschlich, egal ob im negativen oder positiven Sinne. Der Roman liest sich wie ein Film und wenn man nicht ganz gut aufpasst, dann führt der Autor einen auch ganz schnell mal hinters Licht.

Der Roman entstand inmitten der Covid-19-Pandemie und der Zeit der harten Lockdowns, und das hat Stephen King geschickt immer mal wieder in die Handlung einfließen lassen. Warum sollte diese doch krasse Zeit, mit extremen Einschnitten in unsere Leben in Romanen auch nicht existieren?

Ich mag den neuen King sehr gerne und auch hier hat er wieder einmal bewiesen, dass er es einfach kann. Ich hoffe, dass er des Schreibens noch lange nicht müde wird und uns noch viele wunderbare Geschichten erzählt.

Marion Brunner_ Buchwelten 2021

Die Ära der Schatten (Der dunkle Kristall 1) von J.M. Lee

Erschienen als Taschenbuch
im blanvalet Verlag
insgesamt 320 Seiten
Preis: 10,00 €
ISBN: 978-3-7341-6294-7
Kategorie: Fantasy

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Naia, ein Gelfling, macht sich auf den Weg zur Kristallburg im Land der Skekse. Ihr Bruder ist des Hochverrats angeklagt und Naia möchte unter allen Umständen seine Unschuld beweisen, um ihn vor Schrecklichem zu bewahren. Am Ziel angelangt, entdeckt sie, dass ihr Bruder eine bedeutende Entdeckung gemacht hat, die die Skekse verschleiern wollen …

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Und hier ist er dann endlich: der erste Teil der Saga von J,K. Lee, in dem die Vorgeschichte zu Jim Hensons Kultfilm „Der dunkle Kristall“ aus dem Jahr 1982 erzählt wird. Netflix hat Lees vierbändiges Epos als Grundlage für die 10-teilige Serie „Der dunkle Kristall – Ära des Widerstands“ genommen, erzählt aber letztendlich die Geschichte aus einer anderen Perspektive. Im Klartext heißt das, dass man hier nicht nur eine literarische Form der neuen Serie bekommt, sondern ein vollkommen neues Abenteuer. Im Grunde genommen wird, wie bereits erwähnt, zwar die gleiche Geschichte erzählt und man begegnet auch dem ein oder anderen Charakter sowohl im Buch als auch der Serie, aber Lee geht einen eigenen selbstständigen Weg und kann mit seiner perfekt auf die filmische Originalvorlage abgestimmten Welt absolut überzeugen. Auch wenn man anfangs ein wenig Schwierigkeiten mit den ganzen fremden Namen hat, so gewöhnt man sich sehr schnell daran und wird mit auf ein Abenteuer genommen, das äußerst bildhaft und spannend beschrieben wird.

Immer wieder fühlt man sich an den Originalfilm (aber natürlich auch an die Serie) erinnert und kann sich wunderbar in die Welt einfühlen. Lee beschreibt seine Charaktere liebevoll und bildhaft, sodass man an vielen Stellen ein hervorragendes Kopfkino erhält, dass einen immer noch ein weiteres Kapitel lesen lässt. Originalfilm, Serie und der vorliegende erste Teil der vierbändigen Saga ergänzen sich auf ganz wunderbare Weise miteinander und erschaffen eine unglaublich intensive aber auch authentische Welt, in der man sich trotz all der herrschenden Gefahren auf eine gewisse Art und Weise heimelig fühlt. Was mit gefallen hat, ist, dass der Autor es innerhalb 300 Seiten schafft, eine großartige Umgebung mit wunderbaren Charakteren aufzubauen. Das Ende der Geschichte lässt erahnen, dass noch Episches geschehen wird und das lässt den Leser zum einen zufrieden, aber auch erwartungsvoll und neugierig zurück. „Der dunkle Kristall – Ära der Schatten“ war sehr kurzweilig und stimmungsvoll.

Was mir besonders gefallen hat, waren die zwischen den Zeilen mal offensichtlich geäußerten, mal versteckten philosophischen Anklänge, über die man unweigerlich nachdachte. Das gab der Geschichte noch einen zusätzlichen Reiz, der ungemein Spaß machte.J.M. Lee hat einen angenehmen Schreibstil, der im ersten Moment vielleicht ein wenig unterkühlt wirkt, wenn man sich aber daran gewöhnt hat, durchaus flüssig und ansprechend zu lesen ist. Der Aufbau der Geschichte geht geruhsam vonstatten, ohne je langweilig zu wirken. Auch dies empfand ich als äußert angenehm, da man nicht sofort mit Actionszenen am laufenden Band bombardiert wird. Es geht eher ruhig zu, wodurch auch die ganz spezielle Atmosphäre vermittelt wird, die auch Film und Serie ausmacht. Die wenigen, dafür aber umso wunderbareren Illustrationen von Brian Froud und Corey Godbey runden das Leseerlebnis auch optisch ab. Ich bin jedenfalls schon sehr gespannt, wie J.M. Lee diese Vorgeschichte weiterspinnt und freue mich schon auf Band 2 mit dem Titel „Der dunkle Kristall: Zeit der Lieder“, der im Oktober 2021 erscheint.

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Fazit: Eine wunderbare Fantasygeschichte, die die Atmosphäre von Kinofilm und Serie hervorragend widerspiegelt.

©2021 Wolfgang Brunner für Buchwelten

The Living Dead – Sie kehren zurück von George A. Romero und Daniel Kraus

Erschienen als Taschenbuch
im Heyne Verlag
insgesamt 910 Seiten
Preis: 16,99 €
ISBN: 978-3-453-32066-6
Kategorie: Horror

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Überall auf der Welt erwachen Tote zu neuem Leben. Der Leser begleitet unterschiedliche Menschen bei ihren ersten Begegnungen mit dem Phänomen, bis sich ihre Geschichten zu einer verbinden.

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„The Living Dead“ ist ein außergewöhnlicher Roman und ein ehrgeiziges Projekt. Aus diesem Grund wollte ich die Meinung anderer Leser (und Fans) wissen und war erstaunt, und ehrlich gesagt auch ein wenig geschockt, wie schlecht dieser epische Zombieroman von manchen Lesern bewertet wurde. Vielleicht sollte man bei diesem Buch tatsächlich zuerst das ausführliche Nachwort lesen, um dieses ganze Vorhaben überhaupt zu begreifen, bevor man dem Roman Langatmigkeit und gar Langeweile vorwirft. Denn „The Living Dead“ ist alles andere als langweilig, sondern eine höchst akribische Auseinandersetzung mit dem Zombie-Thema, wie Romero dies gesehen und in seinen Filmen auch dementsprechend verarbeitet hat. Es wäre ein Hohn gewesen, hätte sich Daniel Kraus darauf eingelassen und einen reißerischen Roman verfasst, in dem es vorrangig nur um Blut, Gedärme und literarische Splatterszenen geht (wie wohl viele Leser erwartet haben.) Nein, Krause hat eine Geschichte entworfen, die ganz im Sinne von Romero ist, der viele Seiten und Fragmente vor seinem Tod noch selbst verfasst hat, aber leider keine Zeit mehr dafür fand, sein Zombie-Epos selbst fertigzustellen.

Die Familie Romero hat eine gute Entscheidung getroffen, Daniel Kraus zu engagieren, um das bombastische Projekt zu Ende zu führen. Kraus hat einen gehobenen Schreibstil, der die Zombie-Epidemie im Ganzen und einige Einzelschicksale im Besonderen hervorragend beschreibt und dabei immer die sozialkritischen Aspekte, an denen auch Romero sehr viel lag, betont. Herausgekommen ist weniger ein blutiges Horrorgemetzel als vielmehr ein durchdachtes und niveauvolles Endzeit-Drama, das neben der Action (die gibt es in der Tat, auch wenn manch ein Rezensent anderer Meinung ist) auch zum Nachdenken anregt und viele unschöne soziale Entwicklungen unserer Zeit behandelt. Es gibt immer wieder den ein oder anderen Satz, bei dem zustimmend nickt, während man ihn liest. Durch die beachtliche Länge des Werkes hat Kraus genügend Zeit mit der Charakterentwicklung, sodass man durchaus mit den einzelnen Personen mitfiebert. Was mit besonders gut gefallen hat, ist, dass Kraus sich damit beschäftigt hat, bestimmte Dinge und Empfindungen aus der Sicht der Zombies zu beschreiben. Auch dies macht nachdenklich, zumal sie in einigen Aspekten menschlicher wirken als die Menschen selbst. Dies ist aus meiner Sicht ein ungemein geschickter Schachzug, der die Grenze zwischen Gut (Menschen) und Böse (Zombies) verschwimmen lässt.

Kraus’ (und natürlich Romeros) Auseinandersetzung mit dem Ende der Welt, wie wir sie kennen, wird anscheinend von vielen genauso missverstanden wie die Filme Romeros. Nicht der blutige Horror ist es, der beschrieben werden soll, sondern die Entwicklung der Menschheit an sich. Die Zombies spiegeln eine gesellschaftliche Entwicklung wider, in der wir im Grunde genommen sogar bereits stecken. Und genau unter diesem Aspekt ist „The Living Dead“ ein erschreckendes Epos, das einem bedeutend mehr Angst einjagen müsste als fleischfressende Monster. Für mich ist der vorliegende Roman eine optimale Ergänzung zu Romeros Zombie-Universum und wird bei mir ewig in Verbindung mit den Filmen bleiben. Auch wenn viele anderer Meinung sein werden, für mich stellt „The Living Dead“ eine Zombieversion von Stephen Kings „Das letzte Gefecht“ dar, auch wenn man die beiden Romane eigentlich gar nicht vergleichen kann und sollte. „The Living Dead“ wirkt mit seinen 900 Seiten gewaltig nach, nachdem man es beendet hat. Wie gesagt, um den Ansatz, Aufbau und das Anliegen dieser Geschichte besser zu verstehen, sollte man vielleicht ausnahmsweise das Nachwort zu Beginn lesen, denn dieser Roman verbindet sich auf kongeniale Weise mit Romeros cineastischen Arbeiten. Kraus’ „The Living Dead“ war für mich ein beeindruckendes, gewaltiges Abenteuer, das ich nicht mehr vergessen werde und ein literarisches Erbe von George A. Romero bedeutet.

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Fazit: Beeindruckendes, sozialkritisches und gut konzipiertes Zombie-Endzeit-Drama in Sinne von Romero.

©2021 Wolfgang Brunner für Buchwelten