Die Sphären von Pierre Bordage

Erschienen als Taschenbuch
im Heyne Verlag
443 Seiten
9,99 €
ISBN: 978-3-453-31848-9

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In der Nähe eines kleinen Ortes in Frankreich erscheint eines Tages eine riesige Kugel, die von den Menschen „Sphäre“ oder „Weiße Dame“ genannt wird. Wenig später erscheinen auf der ganzen Welt solche Kugeln, bis die Erde nahezu übersät mit ihnen ist. Und dann beginnen die ersten Kinder zu verschwinden. Auf geheimnisvolle Art und Weise werden Kinder, die maximal 4 Jahre alt sind, von den „Sphären“ verschluckt. Das Militär versucht, die riesigen Kugel  mit Bomben zu zerstören, aber erfolglos. Während immer mehr Kinder verschwinden, rätseln Wissenschaftler und Menschen, ob es sich um eine Invasion von Außerirdischen handelt und suchen nach einer Lösung, um weitere Kinder nicht länger in Gefahr zu bringen.

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Es ist schon eine sehr stimmungsvolle Ausgangssituation, die Pierre Bordage in seinem neuen Roman bereits auf den ersten Seiten schafft. Man erinnert sich unwillkürlich an „Arrival“ oder auch „Unglaubliche Begegnung der dritten Art“, und wenn man zwischen den Zeilen liest, verheimlicht Bordage diese Anleihen auch gar nicht, sondern verneigt sich mit seiner Story eher vor diesen Vorbildern. „Die Sphären“ ist eine Mischung aus Science Fiction und Dystopie, deren Handlung sich über viele Jahre hin erstreckt. Aufgrund der relativ wenigen Seiten erhält der Plot allerdings nicht das epische Ausmaß, das man sich davon erwartet. Bordage überspringt Jahre, geht nicht näher auf die Weiterentwicklung der Bedrohung durch die „Feinde“ oder der Charaktere ein, sondern widmet sich schlicht und ergreifend der konstanten Fortführung der Story.
Bordage widmet sich aber nicht nur einer Person und erzählt deren Geschichte, sondern „kümmert“ sich gleich um mehrere. Das mag den ein oder anderen Leser überfordern, der eine geradlinige Erzählweise erwartet, bildet aber in der Endkonsequenz ein sehr rundes Bild der gesamten Ereignisse.

Schnelleser (und auch unaufmerksame Leser) werden definitiv Schwierigkeiten mit den ganzen Personen, Namen und Zeitsprüngen haben. Aufmerksame Leser hingegen, die sich auch noch auf die Jahre dauernde Handlung einlassen können, werden mit einem wirklich guten Plot belohnt, der auch sehr viele Emotionen enthält. Bordages Szenario regt zum Nachdenken an, gerade was die „Behandlung“ ungeborenen Lebens und das von kleinen Kindern betrifft. Wenn man selbst in so einer Lage ist (oder einmal war) und ein Elternteil ist, kann man die Zwiespältigkeit dieser Überlegungen, wenn es um das Wohl der ganzen Menschheit geht, durchaus nachvollziehen. Der Dystopie-Charakter der Geschichte wird vom SF-Anteil zwar überdeckt, schwelt aber permanent im Hintergrund, so dass sich eine stimmungsvolle, bedrohliche und düstere Stimmung über das gesamte Werk legt. Ich persönlich mochte den Plot und das ganze Drumherum, das an manchen Stellen auch schon einmal philosophisch und esoterisch wurde.

Pierre Bordages Schreibstil ist einfach, aber keineswegs niveaulos. Bis auf wenige Ausnahmen, in denen Bordage seine Protagonisten sehr naiv handeln (und auch reden lässt), werden in einer bildhaften Sprache die beschriebenen Situationen oftmals zu einem hervorragenden Kopfkino für den Leser. „Die Sphären“ ist ein ruhiges Buch, das in erster Linie von seinen vielen magischen Momenten lebt und nicht unbedingt von den Tiefen der Charaktere. Bordage beschreibt ein episches Geschehen, das mich in seiner Gesamtheit oftmals an Stephen Baxters Visionen erinnerte, von Bordage aber in seiner Tiefgründigkeit, bombastischen Wucht und erzählerischen Finesse nicht erreicht wird. Doch es ist schließlich kein Buch von Baxter, also kann man „Die Sphären“ durchaus als gelungene, düstere Zukunftsvision ansehen, die mit einem wunderbaren, für mich zufriedenstellenden Ende aufwartet.
Pierre Bordage widmet sich in „Die Sphären“ eindeutig weniger den technischen und wissenschaftlichen Seiten eines SF-Romans, sondern behandelt in erster Linie menschliche Themen wie Spiritualität oder politische und religiöse Machtspiele, die das „Fußvolk“ unterdrücken und ungerecht behandeln. Ein Buch, das mir mit Sicherheit trotz einiger Schwächen aufgrund seiner spannenden Handlungsstruktur im Gedächtnis bleiben wird.

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Fazit: Spannend und stimmungsvoller Genremix aus Science Fiction, Dystopie und menschlichem Drama.

© 2017 Wolfgang Brunner für Buchwelten

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Gwendys Wunschkasten von Stephen King und Richard Chizmar

Erschienen als gebundene Ausgabe
im Heyne Verlag
insgesamt 125 Seiten
Preis: 10,00 €
ISBN: 978-3-453-43925-2
Kategorie: Drama, Thriller, Horror, Belletristik

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Ein vollkommen in schwarz gekleideter Mann namens Farris schenkt der zwölfjährigen Gwendy einen kleinen Kasten mit lauter Schaltern und Hebeln. Auf die Schnelle bekommt Gwendy gesagt, was der Kasten machen kann und was sie mit ihm nicht machen soll. Dann ist Farris verschwunden und Gwendy versucht natürlich herauszufinden, was die Hebel und Knöpfe an dem geheimnisvollen Kasten alles bewirken. Es passieren schöne Dinge, aber auch unschöne und der Kasten beginnt, Gwendys Leben komplett zu verändern.

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„Gwendys Wunschkasten“ ist nichts Ganzes und nichts Halbes. Was zwar keineswegs heißen soll, dass die kurze Geschichte nicht gut ist, aber es wäre durchaus mehr drin gewesen als die knapp hundertdreißig Seiten. Der Plot liest sich wie eine Kurzgeschichte, die eigentlich ein Roman hätte werden sollen. Zu viel Potential liegt in der Geschichte, so dass sie jetzt nur grob gesponnen als kleines Kind das Licht der Literaturwelt erblickt, obwohl sie eigentlich das Leben als erwachsener Roman verdient hätte. Stephen King kehrt mit seinem Co-Autor Richard Chizmar, der eigentlich Verleger und Herausgeber von Anthologien ist und nur selten Kurzgeschichten selbst schreibt, in das Universum von Castle Rock zurück. Sieben Romane und  acht Kurzgeschichten sind es, die den sogenannten Castle Rock-Zyklus umfassen. (Romane: The Dead Zone, Cujo, Stark, Needful Things, Das Spiel, Sara und Love. Kurzgeschichten: Die Leiche (Stand By Me), Zeitraffer, Nona, Onkel Ottos Lastwagen, Mrs. Todds Abkürzung, Es wächst einem über den Kopf, Sunset, Premium Harmony (nur im Internet bisher veröffentlicht)). Sämtliche dieser Romane und Kurzgeschichten sind allerdings in sich abgeschlossen, so wie nun auch „Gwendys Wunschkasten.“

Keine Frage: Die Atmosphäre, die in dieser Geschichte herrscht, ist sehr schön und stimmig. Allerdings könnte dieser Plot auch in jeder anderen Stadt spielen, denn Castle Rock wird nicht wirklich oft erwähnt oder spielt eine nennenswert große Rolle. Dennoch kann der eingeschworene King-Fan einige Anspielungen, wie zum Beispiel auch an „Es“ entdecken, wenn er nur aufmerksam genug liest. Es ist eine liebevoll konstruierte Geschichte, die, wie gesagt, bedeutend mehr hätte hergeben können und man fragt sich unweigerlich, warum das nicht geschehen ist. So ein klein wenig denkt man auch an „Needful Things“, wenn man zusammen mit dem Mädchen an dem geheimnisvollen Wunschkasten herumdrückt. Es macht Spaß, den Weg von Gwendy mitzuverfolgen und einige Querverweise auf andere Werke Kings zu entdecken, doch das Vergnügen ist nicht von langer Dauer. Man fliegt, wie man es von King gewohnt ist, durch das Buch und findet sich nach weniger als zwei Stunden mit dem Ende konfrontiert, obwohl man schlichtweg mehr erwartet hätte. Vielleicht war es nur eine Idee von Stephen King, die er zwar nicht weiter ausbauen, aber auch nicht komplett verwerfen wollte. Zumindest macht es den Anschein, wenn man das verschenkte Potential näher betrachtet.

Aber genug auf hohem Niveau gejammert. „Gwendys Wunschkasten“ ist ein Büchlein, das in keiner King-Sammlung fehlen darf, weil es eben ein King ist (auch wenn er sich einen Co-Autor mit an Bord geholt hat). Man mag den Preis für so ein dünnes Buch überteuert finden, aber eines muss man dem Heyne-Verlag lassen. Man hat sich nämlich wirklich sehr viel Mühe mit dem gebundenen (!) kleinen Büchlein gegeben, das optisch wirklich was hermacht und aus meiner Sicht den Preis absolut gerechtfertigt. Der Einband wirkt leicht gummiert und verschafft dem Ganzen einen leicht edlen Eindruck. Ich persönlich finde den Preis durchaus angebracht.
Wie gesagt, ein wenig mehr Seiten hätten dem Werk gut getan und ich bin sicher, dass sich daraus sogar ein wirklich epischer Plot hätte entwickeln können. So aber wird die Geschichte von Gwendy eher oberflächlich erzählt und der Leser muss sich in Gedanken praktisch selbst „weiterhelfen“.
Insgesamt regt der kurze Ausflug nach Castle Rock aber definitiv zum Nachdenken an und bekommt wohl im Kopf des Leser bedeutend mehr Gewicht, als im ersten Moment auf den wenigen Seiten.

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Fazit: Lesenswerte Kurzgeschichte mit interessantem Plot, die leider durch ihre Kürze leidet und großes Potential verschenkt.

© 2017 Wolfgang Brunner für Buchwelten

Gefrorener Schrei von Tana French

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Erschienen als Taschenbuch
bei S. Fischer Verlage
656 Seiten
16,99 €
ISBN: 978-3-651-02447-2
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Eine junge Frau wird tot in ihrem Cottage aufgefunden. Es sieht alles nach einer eindeutigen Beziehungstat aus. Das Opfer wurde geschlagen, schlug unglücklich mit dem Hinterkopf auf und starb.

Der Fall kommt gegen Ende der Nachtschicht rein und so erhalten die Detectives Antoinette Conway und Stephen Moran den Einsatz, persönlich übergeben vom Chef. Der erfahrene Kollege Breslin soll ihnen jedoch an die Seite gestellt werden, da er „gut mit Zeugen kann“.


Conway und Moran fahren zum Tatort und beginnen ihre Ermittlungen. Durch ein paar kleine Tricks können sie sich den Kollegen noch ein bisschen vom Hals schaffen und alleine arbeiten. Es stimmt, alles sieht nach einer klaren Beziehungstat aus, doch warum scheint dann jemand aus dem eigenen Dezernat Interesse daran zu haben, die Ermittlungen zu behindern oder gar in eine gewisse Richtung lenken zu wollen.

Da Conway sowieso überall nur noch Feinde sieht und einen Komplott gegen ihre – zugegeben nicht einfache – Person sieht, setzt sie alles daran, ihre eigenen Ermittlungen durchzuziehen. Und Moran ist der einzige, der noch zu ihr steht ….

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Ich war immer großer Fan der Romane von Tana French, da ich ihren besonderen Schreibstil sehr gerne mag. Sie hatte immer eine besondere Gabe, Szenen, Momente und Situationen so bildhaft und poetisch greifbar zu beschreiben, dass es mich umgehauen hat. Irgendwie wollte sich dieses Gefühl bei diesem Roman aber nicht (mehr) einstellen. Einmal, zu Beginn von Kapitel 6 war es glaube ich, hat French einen Moment im Soko-Raum beschrieben, der ein bisschen das alte Gefühl der glitzernden Poesie heraufbeschworen hat.

Aber die Geschichte zieht sich gerade anfangs unheimlich in die Länge und ihre Protagonistin Antoinette Conway ist so verstockt und sieht überall Feinde, dass sie mir – gerade zu Beginn – nur noch auf die Nerven ging. Der Charakter ihres Partners, Stephen Moran hat hier so einiges wieder ausgeglichen, und auch die Nebenfiguren hat Tana French auch wieder sehr gut beschrieben und charakterisiert.

Dennoch, alles war unheimlich lang und ausufernd und beinahe künstlich in die Länge gezogen. Jede Unterhaltung, jedes Verhör, sie nahmen kein Ende. Dieses mal empfand ich die Lektüre als zäh und teilweise wirklich anstrengend.

Das bezieht sich allerdings nicht auf die Handlung, die Geschichte selbst. Denn den Plot hat Tana French wieder sehr gut ausgeklügelt und wunderbar verzwickt gestaltet. Lediglich die Umsetzung war anders, als ich es bisher kannte. Wieder schreibt die Autorin aus der Ich-Perspektive, was hier bedeutet, dass eine ständig genervte, gefrustete und alle gegen sich sehende Ermittlerin erzählt und agiert.

Dies ist auch das erste Mal, dass ein Ermittler-Duo ihre Tätigkeit im Nachfolgeband wiederholt. Bisher hatte Tana French es immer so gehandhabt, dass eine Nebenfigur aus ihrem aktuellen Roman im Nachfolger die Hauptrolle erhielt.

Mein Fazit: Eine Handlung mit einer tollen Idee und auch guten Figuren. Lediglich die Hauptprotagonistin ging mir teilweise richtig auf die Nerven. Ein spannender Plot, der aber leider teilweise sehr langatmig und zäh war. Für mich bislang ihr schlechtester Roman.

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© Marion Brunner für Buchwelten 2017

Die Stadt des Affengottes von Douglas Preston

Erschienen als gebundene Ausgabe
bei DVA
368 Seiten
20,00 €
ISBN: 978-3-421-04757-1

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Bereits im 16. Jahrhundert tauchten Gerüchte über eine Provinz im Regenwald von Honduras auf, deren Städte angeblich reich und prachtvoll gewesen seien. Im besonderen wird immer wieder die sogenannte Weiße Stadt, auch Stadt des Affengottes genannt, erwähnt. Viele Abenteurer und Archäologen versuchten Beweise für diese Zivilisation zu entdecken. Doch eine Forschungsreise war in dem von tödlich giftigen Schlangen und ebensolchen Krankheitserregern schier unmöglich. Durch modernste Lasertechnik konnte Anfang der 2000er Jahre das Gelände aus der Luft gescannt werden. Und tatsächlich entdeckte man Anlagen unter dem dichten Blätterwald in einer Region, die seit Jahrhunderten kein Mensch mehr betreten hat. Schriftsteller und Journalist Douglas Preston schließt sich einer archäologischen Expedition an, die tatsächlich eindrucksvolle Ruinen einer untergegangenen Zivilisation findet.

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Als langjähriger Fan von Douglas Preston und auch seiner Zusammenarbeit mit Lincoln Child, war ich sehr gespannt, was mich bei diesem Buch nun erwartete. Preston hat ja schon mehrere Sachbücher geschrieben, aber ich habe noch nie eines von ihm über eine Expedition gelesen, an der er selbst teilgenommen hat. Der Einstieg von „Die Stadt des Affengottes“ mutet tatsächlich wie ein Sachbuch an, da Preston zuerst einmal über die Geschichte und die Legende jener sagenumwobenen Stadt berichtet und dem Leser erklärt, wie es zu den Expeditionen in der Vergangenheit und dem aktuellen Projekt kam.  Douglas Preston erklärt die wissenschaftlichen Abläufe sehr präzise und detailliert, schafft es aber, trotz mancher Kompliziertheit, den Leser nicht zu verwirren und gut ins Bild zu setzen. Der erste Teil des Buches mag für den ein oder anderen unnötig in die Länge gezogen sein, weil man vielleicht ein echtes Expeditions- und Abenteuerbuch erwartet hat, aber die Erklärungen haben für den weiteren Verlauf der Geschehnisse durchaus Sinn.

Im zweiten Drittel kommt dann das, was ich von dem Buch erwartet hatte: Eine abenteuerliche Schilderung einer Expedition in ein von Menschen vollkommen verlassenes Dschungelgebiet, das unweigerlich an Indiana Jones denken lässt. Ganz genau beschreibt Preston die Handlungen und Vorgehensweisen einer solchen Unternehmung und schmückt sie mit derart hypnotischen Landschaftsbeschreibungen aus, dass man tatsächlich meint, man wäre mittendrin und hautnah dabei. Wenngleich einige Dinge wiederholt werden, so konnte ich davon nie genug bekommen und spürte förmlich die Schönheit, aber auch die Gefahren jener Region, in der die Tiere und die Natur die Herrschaft übernommen und die Menschen nichts zu melden haben. Ich hörte beim Lesen die Geräusche des Dschungels, spürte die feuchte Hitze und die Strapazen eines Tages und fühlte die Angst, die die Teilnehmer in manchen Situationen ergriffen hat. Preston hat hier ein unglaublich stimmungsvolles Bild der Expedition niedergeschrieben, das wirklich (zumindest mich) süchtig macht.

Immer wieder versorgt uns der Schriftsteller mit Hintergrundinformationen, versucht auch die politischen Seiten des Landes und der Expedition zu durchleuchten und gibt damit eine für mich äußerst stimmige Situationsbeschreibung ab, die wie eine Mischung aus fachwissenschaftlicher, archäologischer Berichterstattung und dem Schildern eines einzigartigen Abenteuers daherkommt. Preston geht einen ziemlich guten Mittelweg, wenn er einerseits die archäologisch interessierten und andererseits die abenteuerlustigen Leser bedient.
Gegen Ende hin schlägt Douglas Preston einen großen Bogen und verbindet die uralte Kultur, deren Entdeckung und Entschlüsselung ihres Schicksals Grund der Expedition ist, mit der Gegenwart, schlägt eine Brücke mit Hilfe einer Krankheit, die Jahrhunderte überlebt und den Menschen in der Vergangenheit wie auch in unserer Gegenwart beziehungsweise Zukunft gefährlich wird. Preston und einige der anderen Teilnehmer haben sich eine tückische Krankheit während ihres Aufenthalts im Dschungel zugezogen. Genau dieser Krankheit widmet sich der Autor explizit im letzten Teil des Buches. Und auch wenn dieser Teil ein wenig vom ursprünglichen Thema, nämlich der Entdeckung der Stadt des Affengottes, abweicht, so rundet er das Gesamtbild definitiv ab und hinterlässt einen mit der letzten Seite sehr nachdenklich. Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft verbinden sich: zu einem Abenteuer, aber auch zu einer lebensgefährlichen Bedrohung für die Menschheit. Douglas Preston hat einen informativen, absolut spannenden und zeitgemäßen Reisebericht abgeliefert, den man nicht so schnell vergisst.

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Fazit: Äußerst spannender und informativer Reisebericht über eine Expedition zu einer der verlassensten Gegenden auf der Welt.

© 2017 Wolfgang Brunner für Buchwelten

Harry Potter und das verwunschene Kind von J.K. Rowling u.a.

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Erschienen als gebundene Ausgabe
bei Carlsen
insgesamt 336 Seiten
Preis: 19,90 €
ISBN: 978-3-551-55900-5
Kategorie: Jugendbuch, Abenteuer, Fantasy

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19 Jahre sind nach dem finalen Kampf in Hogwarts vergangen und Harry Potter und seine Gefährten sind erwachsen und haben längst eigene Kinder.

Natürlich besuchen auch die Kinder Hogwarts, die Schule für Hexerei und Zauberei. Aber logischerweise haben die Kinder ihre eigenen Charakter und kommen nicht unbedingt so nach ihren Eltern wie die es sich wünschen ….

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Ich denke, dass sich so ziemlich jeder Potter-Fan gewünscht hat, dass J.K. Rowling doch noch einen 8. Teil der Reihe schreibt, eben irgendeine Fortsetzung liefert. Nun, irgendwie hat sie das getan, jedoch so ganz anders, als die Fans das erwartet hatten.

Sie hat keinen weiteren Roman, sondern ein Theaterstück geschrieben, und wir als Leser bekommen hier das Drehbuch dazu als „Fortsetzung“ geliefert.

Ich für mich finde das eine großartige Idee und ich hatte großen Spaß an der Lektüre. Direkt nach den ersten Sätzen der 1. Szene im 1. Akt war alles wieder da: die besondere Stimmung, die Zaubersprüche, die Zauberer, Hexen, Lehrer und Wesen, die man über so viele Jahre liebgewonnen hatte.

Durch die besondere Art des Textes fliegt man nur so durch das Buch und man vergisst sehr schnell, dass man eigentlich ein Drehbuch liest. Denn die Namen, wer gerade was sagt, das überliest man sehr schnell. Man kann den Gesprächen nämlich ohne weiteres folgen und verliert nie den Überblick. Ganz geschickt werden Rückblenden verbaut, die die Erinnerung wieder ein wenig auffrischen, sollte doch etwas in Vergessenheit geraten sein.

Ich fand es großartig, u.a. Scorpius Malfoy und Albus Severus Potter kennenzulernen, sie zu begleiten und mit Ihnen Abenteuer zu erleben. Aber auch die „alten“ kommen in keinster Weise zu kurz. Rowling und ihre Mitschreiber (John Tiffany und Jack Thorne) haben hier eine richtig tolle Story geliefert.

Ich würde das Theaterstück sehr gerne sehen und finde es schade, dass es nicht in Deutschland aufgeführt wird. Aber vielleicht ändert sich das ja noch oder es gibt sogar irgendwann eine Verfilmung?
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Das ist hier übrigens die 2. Rezension auf Buchwelten zu diesem Buch. Mein Mann, Wolfgang Brunner, hat hier bereits seine Meinung niedergeschrieben:

Rezension zu „Harry Potter und das verwunschene Kind“ von Wolfgang Brunner.

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© Marion Brunner für Buchwelten

Die Verlorenen von Andrew Bannister

Erschienen als Taschenbuch
im Piper Verlag
400 Seiten
17,00 €
ISBN: 978-3-492-70411-3

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Seldyan, einer Sklavin, gelingt die Flucht aus ihrem Gefängnis. Sie stiehlt das letzte existierende Kriegsschiff, um auf einem fernen Planeten ihre Freiheit zu genießen. Dort entdeckt sie einen neuen grünen Stern, der bis vor kurzem noch gar nicht existierte und um den sich ein Kult gebildet hat, der die Menschen zu unterdrücken versucht. Während der Hafenmeister Vess damit beauftragt wird, herauszufinden, wie Seldyan die Flucht gelingen konnte, bemerkt Seldyan, dass das von ihr gestohlene Schiff das Geheimnis um den grünen Stern und den daraus entstehenden Kult  bereits gelöst hat. Die Existenz der gesamten Spin-Galaxie steht auf dem Spiel …

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Die Saga um die Spin-Galaxie geht weiter. Ähnlich wie im ersten Teil „Die Maschine“ erfordert auch der zweite Teil ein gewisses Maß an Aufmerksamkeit des Lesers, denn sehr schnell könnte man die Übersicht über die teil verwirrend erscheinende Handlung verlieren. Bannister bleibt seinen Stil treu und entführt den Leser in eine Welt jenseits unserer Vorstellungskraft. Man muss sich schon auf seine außergewöhnlichen Ideen einlassen können, um die ganze Tragweite des Plots zu verstehen. Dieses Mal wirkt die Geschichte auf mich allerdings sogar ein wenig runder als die des ersten Teils. Bannisters Schreibstil ist auch ein wenig anspruchsvoller geworden, möchte ich behaupten, und die Geschichte erschien ausgeklügelter. „Die Verlorenen“ setzt nicht unmittelbar an die Ereignise aus dem ersten Teil an, sondern erzählt erst einmal eine eigene Geschichte. Erst zum Ende hin erkennt man die Zusammenhänge zwischen „Die Maschine“ und „Die Verlorenen“. Ich persönlich hatte auf jeden Fall mehr Spaß als beim ersten Teil, und der hat mir schon gefallen. 😉

Andrew Bannisters Science Fiction-Epos trifft mit Sicherheit nicht jeden Geschmack. Die einen werden die Geschichte entweder überhaupt nicht verstehen oder als extrem langweilig und langatmig empfinden, die anderen  lassen sich auf Schreibstil und Ideen ein und werden mit einer gut durchdachten Welt belohnt, die sehr bildlich beschrieben wird. „Die Verlorenen“ spielt viele tausend Jahre nach den Ereignissen von „Die Maschine“ und zeigt, wie komplex und „episch“ letztendlich das von Bannister erschaffene Universum ist. Im zweiten Teil seiner geplanten Trilogie befasst sich der Autor mit Themen, die sich auch in unserer Welt finden: Sklaverei, politische Unruhen und Meinungsverschiedenheiten. Mit seinem zweiten Roman ist Andrew Bannister auf meiner geistigen Treppe eine Stufe höher gestiegen, denn er beweist auf alle Fälle, dass er innovative Ideen hat und diese auch in einer zuerst kompliziert wirkenden Handlung letztendlich logisch erzählen kann. Das Konstrukt seiner Spin-Galaxie wird durch „Die Verlorenen“ wieder etwas mehr verständlich und lässt unweigerlich auf einen Höhepunkt im letzten Teil hoffen. Bannister denkt, ähnlich wie manchmal Stephen Baxter, nicht in Jahren, sondern in weitaus größeren Zeitspannen, um seine Geschichte zu erzählen. Genau das ist es auch, was den Reiz der Spin-Trilogie für mich ausmacht.

Bannisters Buch, oder besser gesagt: Bücher, machen es dem Leser nicht leicht, das wahre Potential, das hinter dem Plot steckt, zu ergründen. Zu verwirrend ist es manchmal, wenn der Autor seine Sätze mit Wörtern schmückt, die man nicht versteht. Es lohnt sich aber, über solcherart Sätze hinwegzulesen und das Gesamtwerk am Ende auf sich wirken zu lassen. Denn so erschließt sich, wie schon beim ersten Teil, ein ganz besonderes Universum – und im Falle von „Die Verlorenen“ sogar an manchen Stellen einen unbedingt filmreifes Bild im Kopf des Lesers. „Die Verlorenen“ ist auf jeden Fall ein würdiger Nachfolger von „Die Maschine“ und legt sogar, wie oben schon erwähnt, aus meiner Sicht dramaturgisch und auch erzählerisch noch zu. Es werden mehrere Handlungsstränge abwechselnd erzählt, von denen ich nicht genau sagen kann, welcher mir mehr zugesagt hat. Ich habe mich jedenfalls immer wieder gefreut, in einen davon zurückzukehren, nachdem ich die Ereignisse des anderen verfolgt habe.

Andrew Bannister wird immer wieder vorgeworfen, er hätte Potential in seinen Büchern verschenkt. Ich bin da ganz anderer Meinung, denn sieht man zum Beispiel die ersten beiden Bücher als Gesamtwerk an, so erschließt sich einem doch ganz genau, was Bannister bezweckt. Eine große, Jahrtausende umfassende Geschichte anhand kleiner Begebenheiten zu beschreiben. Die bombastische Tragweite der Ereignisse versteckt sich genau genommen letztendlich zwischen den Zeilen und gerade das stellt für mich einen außergewöhnlichen Reiz dieser Reihe in der Science Fiction-Landschaft dar. Aspekte, die mir bei „Die Verlorenen“ besonders gut gefallen hat, sind die fantastischen Beschreibungen unglaublicher Dinge. Denkende und sprechende Raumschiffe zum Beispiel (Iain Banks „Die Spur der toten Sonne“ lässt grüßen) oder Lebewesen (Rennläufer), denen alle unnötigen Organe entfernt wurden, damit sie schneller laufen können. Ich liebe solcherart Ideen und Andrew Bannister kann das hervorragend beschreiben. Es lohnt sich aus meiner Sicht, sich durch die komplexe Handlung zu kämpfen, denn, wie erwähnt, das Gesamtbild, das im Kopf des Lesers zurückbleibt, ist für mich ausschlaggebend.

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Fazit: Komplexer, ideenreicher und meiner Meinung nach unterschätzter zweiter Roman der Spin-Trilogie.

© 2017 Wolfgang Brunner für Buchwelten

Acht Berge von Paolo Cognetti

Erschienen als gebundene Ausgabe
bei DVA
245 Seiten
20,00 €
ISBN: 978-3-421-04778-6

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Pietro und Bruno kennen sich seit Kindheitstagen und verbringen viel Zeit miteinander in den Bergen. Eines Tages verlässt Pietro die Bergwelt und zieht in eine Großtstadt, während Bruno in den Bergen bleibt. Im Laufe ihres Lebens begegnen sie sich immer wieder und frischen ihre Freundschaft auf. Auch Pietros Vater verbindet die beiden Männer und als dieser stirbt, treffen sie erneut aufeinander.

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Wenn man in Paolo Cognettis Roman zu lesen beginnt, versinkt man schon nach wenigen Minuten in eine wunderbare, andere Zeit, die die wenigsten Menschen der neueren Generation noch kennen. Ich darf mich glücklich schätzen, genau solch eine naturverbundene Kindheit, wie sie in „Acht Berge“ geschildert wird, noch genauso erlebt zu haben. Es ist absolut faszinierend, mit welcher Hingabe und Detailgenauigkeit Cognetti die Bergwelt schildert und sie dem Leser auf eine grandiose Art mitteilen kann, die ihn förmlich dabei sein lässt. Man riecht die Wälder und spürt die kühle Luft, hört das Plätschern des Gebirgsbaches und fühlt tief in sich drin das Gefühl der Freiheit und des Lebendigseins, wenn man sich in den Bergen aufhält. Es ist wirklich unglaublich, wie intensiv diese Empfindungen einen während des Lesens ergreifen. Die wunderschönen Landschaftsbeschreibungen gehen eine melancholische Symbiose mit der Schilderung einer außergewöhnlichen Männerfreundschaft ein, die einen dermaßen in den Bann zieht, so dass man das Buch gar nicht mehr aus der Hand legen mag. Es bleibt dem Leser selbstverständlich selbst überlassen, ob er in der Intensität dieser Freundschaft auch ein klein wenig homoerotische Gefühle hineininterpretieren möchte – ich für meinen Teil habe ein paar Andeutungen in dieser Richtung heraus gelesen.

Zu dieser lebenslangen Freundschaft zweier Männer gesellt sich noch ein sehr eindringliches Vater-Sohn-Verhältnis hinzu, das glaubwürdiger nicht sein könnte. Man spürt die zwei Seiten des Vaters, der, auf der einen Seite als „Stadtmensch“ unzufrieden und gereizt ist, und andererseits als „Bergmensch“ einen völlig neuen Charakter zeigt. Ich konnte mich an diesen Szenen, die sich in den Bergen zwischen Vater und Sohn abgespielt haben, gar nicht mehr satt lesen, zumal sie mich oft an mein eigenes Leben erinnert haben. In einer nostalgischen Art schildert Paolo Cognetti Bergbesteigungen, die sich im Nachhinein anfühlen, als wäre man tatsächlich selbst dabei gewesen. Bewegend und tiefgründig erzählt Cognetti in einer zwar einfachen, aber nichtsdestoweniger sehr stilvollen Art und Weise, um was es im Leben wirklich geht. Ruhig und besonnen kommt die Geschichte daher und wirkt schon während des Lesens sehr melancholisch. Und nach Genuss dieses wunderbaren Kleinods kommt diese ohnehin schon unglaublich intensive Atmosphäre mit einer Wucht in die Gedanken des Lesers zurück, dass man meint, man habe seine eigene Lebensgeschichte gerade gelesen. Man kann schwer beschreiben, was zwischen den Zeilen dieses Werkes steckt, wenn man vieles davon nicht selbst erlebt hat. Der Roman macht einen traurig, melancholisch, nostalgisch aber auch glücklich.

Besonders beeindruckend empfand ich das Fehlen sämtlicher technischer Errungenschaften der Neuzeit. Der Leser wird mit der Natur und dem Leben konfrontiert und nicht mit Smartphones, Computern und anderen elektronischen (unnützen) Gerätschaften. „Acht Berge“ zeigt das wirkliche Leben, wie es sein sollte und wahrscheinlich niemals wieder sein wird, sofern man sich nicht tatsächlich in eine Berghütte zurückzieht. Cognetti legt sein Augenmerk auf menschliche Emotionen und die Verbundenheit zur Natur, lässt den Leser zumindest für einen kurzen Moment vergessen, in welcher Welt wir wirklich leben. „Acht Berge“ ist ein stiller, ruhiger Ausflug in eine noch heile Welt. Natürlich passieren in dieser „heilen“ Welt auch unangenehme Dinge und die Stille, in der sich die Protagonisten bewegen, ist bestimmt nicht jedermanns Sache. Aber Natur und Freundschaft in solch tiefer Innigkeit zu erleben (oder in diesem Falle zumindest einmal zu lesen) ist Balsam für die Seele. Für mich eines der ganz großen Bücher des Jahres 2017, das, obwohl es verständlich für jeden geschrieben ist, erstaunlicherweise eine philosophische Tiefe in und auch zwischen den Zeilen hervorbringt, die einfach nur beeindruckt und bewegt.
Es fehlen einem manchmal die geeigneten Worte, um dieses kleine, große Werk entsprechend zu beschreiben, so dass es der Geschichte auch gerecht wird. Ich für meinen Teil bin absolut begeistert und bin sicher, dieses Büchlein noch mindestens ein zweites Mal zu lesen.

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Fazit:  Stiller, bewegender, stimmungsvoller und philosophischer Roman über eine innige Männerfreundschaft und ein trauriges Vater-Sohn-Verhältnis.

© 2017 Wolfgang Brunner für Buchwelten

Breakthrough von Michael Grumley

Erschienen als Taschenbuch
im Heyne Verlag
381 Seiten
12,99 €
ISBN: 978-3-453-31875-5

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Kurz nachdem ein U-Boot der US-Marine spurlos in der Karibik verschwindet, wird die Meeresbiologin Alison Shaw um Hilfe gebeten. Sie kann nämlich mit Delfinen kommunizieren und die Regierung verspricht sich mit dem Einsazu dieser Tiere einen Erfolg, um das Verschwinden aufzuklären. Doch die beiden Delfine finden in den Tiefen des Meeres nicht das verschollene U-Boot, sondern etwas ganz anderes, das zur Gefahr für die gesamte Menschheit werden könnte.

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Schon der Einstieg vermittelt ein unglaublich intensives Abenteuergefühl, dem man sich nicht entziehen kann. Unzählige Filme kommen mir in den Sinn, die ähnlich wirken: „Indiana Jones“, „Deep Blue Sea“, „Der weiße Hai“, „Arachnophobia“ und und und …
Michael Grumley vermischt geschickt wissenschaftliche Details mit einer spannenden Handlung und schildert die Geschehnisse in einer solch bildhaften Sprache, dass man ein perfektes Kopfkino während des Lesens geliefert bekommt. „Breakthrough“ wirkt, als hätten Michael Crichton, Dan Brown, Lincoln Child und Douglas Preston gemeinsam ein Buch verfasst, das Matthew Reilly und James Rollins redigiert hätten. Es ist die grandiose Mischung aus Wissenschaft, Abenteuer und Science Fiction, die den ersten Teil einer Serie zu einem wahren Pageturner machen. Gerade die ersten beiden Drittel ziehen am Leser in einer wahnsinnigen Geschwindigkeit vorbei, die einem kaum Atem holen lässt. Erst im letzten Drittel wirken einige Vorfälle ein wenig übertrieben, was aber dem Spaß an der Story dennoch keinen Abbruch tut.

Grumleys Protagonisten sind sehr glaubwürdig konstruiert und, wenngleich sie nicht immer eine durchgehende Tiefe besitzen, wachsen sie einem doch ans Herz. Vor allem die Meeresbiologin hat es mir persönlich angetan mit ihrer ehrlichen und authentischen Art. „Breakthrough“ widmet sich anfangs der Kommunikation mit Delfinen, was sehr interessant und spannend geschrieben ist, bevor es sich in eine völlig andere Richtung bewegt, als man zu Anfang angenommen hat. Auch diese Entwicklung, bei der auf dem Meeresgrund etwas Fantastisches entdeckt wird, hat mich vollkommen gefangen genommen. Der Plot bietet sich absolut für eine Verfilmung an, bei der ich in erster Linie tatsächlich an Roland Emmerich als Regisseur denke, denn, wie in seinen Filmen, werden in diesem Buch Naturkatastrophen überzogen und, von militärischer Seite aus, extrem pathetisch geschildert. Da hat man bei manchen Entscheidungen, die von Politikern und Militaristen gefällt werden, ein wenig Probleme. Aber so ist das nun mal mit amerikanischen Thrillern dieser Art, das kennt man auch aus anderen Beispielen. Sicherlich setzt Grumley auch typisch klischeehafte Zutaten in sein Werk ein, die mir persönlich dann eher nicht so gefallen haben, aber den Gesamteindruck dennoch nicht zerstören.

Michael Grumleys Schreibstil ist sehr flüssig zu lesen, was zur Folge hat, dass man durch die Geschichte fliegt, als seien es nur halb so viele Seiten. Man fiebert unweigerlich mit, wenn die Delfine ins Spiel kommen und hält den Atem an, wenn plötzlich gigantische Flutwellen ins Spiel kommen, die man in dieser Form nicht erwartet hat. Grumley lässt seine Story an verschiedenen Schauplätzen spielen und erzeugt auch hiermit ein filmreifes Ergebnis. Man darf gespannt sein, wie sich die Geschichte um die Meeresbiologin Alison Shaw und ihre „sprechenden“ Delfine weiterentwickelt. Einen mehr als soliden, ausbaufähigen  Grundstein hat Michael Grumley auf jeden Fall gelegt. Und die im ersten Teil noch immer nicht durchschaubare Handlung lässt einen mit hoher Erwartung an den zweiten Teil mit dem Titel „In der Tiefe“ zurück, der übrigens im Februar im Heyne Verlag erscheinen soll. Grumley baut auch eine Botschaft in seinen Roman ein, die der Menschheit wieder einmal vor Augen hält, besser auf ihren Planeten aufzupassen. Dieser Aspekt ist sehr gut und nachvollziehbar in die Science Fiction-Handlung eingebaut und macht auf seine Weiterführung in den Folgebänden (derzeit gibt es wohl vier Teile) neugierig. Insgesamt ist Michael Grumley ein echter Pageturner gelungen, der an die obengenannten Autoren erinnert und diese in manchen Passagen sogar übertrifft. Grumley sollte man sich als Liebhaber von Wissenschafts-Thrillern und Science Fiction-Abenteuern merken.

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Fazit: Rasanter und hochspannender Wissenschafts-Thriller mit einem filmreifen Plot. Absolut empfehlenswert.

© 2017 Wolfgang Brunner für Buchwelten

Das Erwachen von Andreas Brandhorst

Erschienen als Taschenbuch
im Piper Verlag
736 Seiten
16,99 €
ISBN: 978-3-492-06080-6

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Versehentlich gerät durch das Mitwirken des Hackers Axel Krohn ein Computervirus in den Hauptrechner einer großen Firma. Von dort aus vernetzt der Rechner sich weltweit mit anderen Rechnern, um die digitale Welt der Menschheit zu kontrollieren. Stromausfälle, Wassernot und das Zusammenbrechen der Internetverbindungen und Handynetze sind die Folgen. Die Geheimdienste aus aller Welt sind plötzlich hinter Axel her, während eine Künstliche Intelligenz in den Computern erwacht und versucht, eine gewisse Macht zu erlangen. Und schon bald wird Alex klar, dass es das Ende der Welt, wie wir sie kennen, bedeuten würde, wenn die Menschen die Kontrolle an die Superintelligenz  verlieren …

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Andreas Brandhorst nimmt sich in seinem neuen Buch einem hochbrisanten und vor allem sehr aktuellen Thema an: Künstliche Intelligenz. Aber er spricht nicht von Maschinen, die Menschen ähnlich sehen, wie zum Beispiel in den Filmen „I, Robot“ oder „Der 200 Jahre Mann“, sondern behandelt die Bedrohung durch Computer und deren Programme. Vorlagen könnten die Robotermaschinen HAL 9000 aus Arthur C. Clarkes „2001“ oder die intelligente Bombe aus John Carpenters 2001-Hommage „Dark Star“ sein. Brandhorst entwirft ein Worst Case Scenario, das einen nachdenklich macht und auch ein wenig Angst einjagt. Denn alles, was Brandhorst beschreibt, ist bereits eingetreten oder könnte zumindest in sehr naher Zukunft zur Realität werden. Mit einer unglaublichen Informationsfülle wirft der Autor den Leser in eine computer- und internetabhängige Welt, wie wir sie im Endeffekt schon seit einiger Zeit haben. Aufgrund der äußerst guten Recherche werden einem während des Lesens aber einige Tatsachen bewusst, die man entweder noch nicht gewusst hat oder sie aber im Zuge des alltäglichen Alltagswahnsinns, den man bereits täglich um sich findet, schlichtweg verdrängt hat. Das Szenario, in das uns Andreas Brandhorst mit seinem erschreckenden Thriller wirft, lässt immer wieder die Frage aufkommen, ob es schon längst nicht mehr nur 5 vor 12 ist, sondern bereits zu spät. Mit akribischer Genauigkeit wird in „Das Erwachen“ eine Abfolge von Ereignissen geschildert, bei denen eins zum anderen führt, bis schließlich die Maschinen beziehungsweise ein intelligentes Programm die Macht übernimmt und die Menschheit alt aussehen lässt.

Andreas Brandhorst muss für diesen Roman eine unglaublich intensive und langwierige Recherchen geführt haben, denn es dreht sich nicht alles nur ums Internet, wie die meisten Menschen bei diesem Thema vermuten würden, sondern es geht auch um das Dark Net und das Deep Web. Unbekannte Welten tun sich auf, wenn man „Das Erwachen“ liest. Der Leser erfährt Hintergrundinformationen über jene Netze oder auch zum Beispiel über Google, Messengerdienste oder soziale Netzwerke. Brandhorst erklärt, strapaziert aber niemals die Geduld des Lesers und verwickelt sich in ausufernde, komplizierte Vorgänge. Alles ist verständlich und nachvollziehbar geschildert. Und da es sich bei diesen Begebenheiten um Realität handelt, schleicht sich beim Leser schnell ein unbehagliches Gefühl in Sachen Internet ein. Neben diesen höchst interessanten Informationen baut Andreas Brandhorst auch innen- und weltpolitische Verstrickungen, Auswirkungen und Gefahren mit ein, die in fast gleicher Weise erschrecken und faszinieren.

Mit rasantem Tempo widmet sich Brandhorst dem Überlebenskampf der Menschheit und zeigt mit diesem Thriller, dass er auch anders kann als man von ihm gewohnt ist, nämlich visionäre Science Fiction. Fast meint man an einigen Stellen, man lese den neuen Thriller von Dan Brown. Aber bei „Das Erwachen“ handelt es sich nicht nur um einen „normalen“ Thriller, sondern um einen genial konstruierten Genremix aus Thriller, Science Fiction und Dystopie. Doch wer jetzt meint, der Autor hätte sich nicht entscheiden können, welches Genre er mit seinem neuen Buch bedienen möchte, muss sich definitiv eines besseren belehren lassen. Denn Andreas Brandhorst geht einen konsequenten Weg, der die genannten Genres so gekonnt durcheinander wirbelt, dass man es im Grunde genommen überhaupt nicht bemerkt. Und es wäre kein Brandhorst, wären auch in seinem Thriller nicht philosophische Elemente versteckt, die man aus seinen Weltraum-Abenteuern kennt. Während sich im Mittelteil des Romans die Handlung eher actionlastig entwickelt, gestaltet sich das Ende zu einer für Andreas Brandhorst typischen Anschauungsweise über das Leben, den Tod und die Unsterblichkeit. Gerade dieses Finale ist es auch, dass mich das Gesamtwerk bereits jetzt schon als Klassiker empfinden ließ. Und auch hier, wie bei allen Werken des Autors, drängt sich im Kopf des Lesers eine Verfilmung förmlich auf. Zu detailliert und bildhaft sind die Beschreibungen, die Brandhorst in seinem dystopischen Thriller entwirft.
„Das Erwachen“ ist ein außergewöhnliches Buch von einem außergewöhnlichen Autor, das jeder lesen sollte, der sich vom Internet und seinem Handy abhängig fühlt. Der Physiker Stephen Hawking hat bereits Anfang 2016 davor gewarnt, dass vom Menschen erschaffene Maschinen eines Tages klüger werden könnten als ihre Schöpfer und dass sie unter Umständen dann eine Gefahr für den Fortbestand der Menschheit darstellen würden. Unter diesem Aspekt kann man nur hoffen, dass Andreas Brandhorsts Zukunftsvision niemals Wirklichkeit wird.

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Fazit: Brisanter, hochaktueller und erschreckender Wissenschaftsthriller, den man nicht mehr aus der Hand legen kann.

© 2017 Wolfgang Brunner für Buchwelten

Das Original von John Grisham

Erschienen als gebundene Ausgabe
im Heyne Verlag
insgesamt 367 Seiten
Preis: 19,99 €
ISBN: 978-3-453-27153-1
Kategorie: Thriller, Belletristik

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Aus der Princeton University werden fünf handgeschriebene Originalmanuskripte des Schriftstellers F. Scott Fitzgerald gestohlen, deren Wert in die Millionen geht. Es dauert nicht lange und die ersten Verdächtigen werden gefasst und verhaftet. Doch einer der Täter und mit ihm die Manuskripte bleiben verschwunden. Doch dann findet das FBI eine heiße Spur, die zu dem Buchhändler Bruce Cable führt, der unter anderem auch unbekannte und weniger erfolgreiche Schriftsteller unterstützt. Mercer Mann, eine junge Autorin, die genau in das Beuteschema Cables passt, wird vom FBI angeheuert, um den Mann auszuspionieren und in Erfahrung zu bringen, ob sich die gestohlenen Manuskripte in seinem Besitz finden.

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Grisham ist immer wieder für eine Überraschung gut. Auch wenn er in seinem neuesten Werk eine Hommage an Bücher und deren Autoren in das Gewand eines Justiz-Thrillers verpackt, so lieferte der geborene Geschichtenerzähler dieses Mal ein Buch ab, das sich von seinen meisten Romanen, mit denen er weltweit bekannt geworden ist, abhebt. Grisham erzählt nämlich in einer zwar relativ unbedeutenden Haupthandlung von der Liebe zu Büchern. Er schreibt aber auch über Autoren, die erfolglos versuchen, einen Bestseller zu schreiben, um mit ihrer Kunst endlich Geld zu verdienen. Der Leser bekommt die ernüchternde Welt von Schriftstellern serviert, die es einfach nicht schaffen, an die Spitze der Bestsellerlisten zu kommen, geschweige denn, von ihrer Arbeit zu leben. Es stecken sehr viele Wahrheiten und Erkenntnisse in den Worten, die Grisham seinen Protagonisten in den Mund legt, so dass man fast den Anschein bekommt, er hätte einiges davon am eigenen Leib erlebt. Und „Das Original“ kann sogar mit einer etwas anderen Liebesgeschichte aufwarten, die ansprechend unterhaltsam ist.

Grishams Schreibstil ist wie immer unglaublich flüssig und schnell zu lesen. Aufgrund der kurz gehaltenen Kapitel fliegt man nur so durch die Handlung, die zugegebenermaßen manchmal nicht sonderlich durchdacht wirkt. Das liegt vor allem daran, dass nach dem spektakulären Auftakt des Kunstraubes plötzlich das Augenmerk auf der Gefühlswelt der Protagonisten liegt und die Straftat immer mehr in den Hintergrund gerät. „Das Original“ ist kein typischer Grisham mit spannenden Verfolgungsjagden und unerwarteten Wendungen. Es ist, wie oben bereits erwähnt, eine Liebeserklärung an die Macht der Bücher und wie sie unser Leben, also das der Autoren, der Leser und der bibliophilen Sammler, beeinflussen. In manchmal wunderschönen Worten wird dem Hobby und der Sammelleidenschaft aller Büchernarren gehuldigt, so dass es wirklich enormen Spaß macht, der Handlung zu folgen. Der ein oder andere könnte von dem ruhigen Plot enttäuscht sein, ich fühlte mich gut aufgehoben und an manchen Stellen richtig geborgen in ihm.

Wer sich auf John Grishams Blick in die Welt der Verleger, Verlage, Autoren und Erstausgabensammler einlässt, wird mit einer scharfsichtigen, aber auch ironischen Betrachtung der diesbezüglichen Realität belohnt. Auf amüsante Weise geht Grisham auch auf die zeitgemäße Problematik von „festen“ Büchern und ebooks ein, lässt seine Protagonisten Anspielungen auf das Aussterben von echten Buchläden und die Machtübernahme durch Amazon machen. „Das Original“ ist mit Sicherheit nicht John Grishams bestes Buch, aber es zeigt, dass der Autor durchaus auch anders (was er aber nicht nur mit diesem Buch beweist) und nicht nur immer verzwickte Justizfälle schildern kann. Ich persönlich habe mich von seinen Ausführungen über Autoren und ihre Bücher absolut angesprochen gefühlt. Das liegt vielleicht daran, dass ich selbst Bücher schreibe und viele Dinge absolut bestätigen kann, hat aber bestimmt auch damit zu tun, dass ich Bücher liebe und mich mit ihnen umgebe. Wie schrieb die Süddeutsche Zeitung so schön über „Das Original“? „Eine Liebeserklärung Grishams an die Welt der Bücher und ihre Autoren.“ Diese Aussage kann ich nur bestätigen, denn genau so eine Liebeserklärung ist Grisham tatsächlich gelungen.

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Fazit: Ein Roman über die Welt der Bücher, deren Autoren, Leser und Sammler. John Grisham mal ein wenig anders.

© 2017 Wolfgang Brunner für Buchwelten